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Rezensionen verfasst von
tabula_rasa2605 (Rhein-Neckar)

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Der Anschlag: Roman
Der Anschlag: Roman
von Stephen King
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Der Schmetterling breitet die Flügel aus, 27. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Anschlag: Roman (Taschenbuch)
Durch einen gut verborgenen Kaninchenbau, der Zeitreisen ins Jahr 1958 ermöglicht, bekommt das beschauliche Leben eines Lehrers eine unerwartete Wendung. Plötzlich steht dieser vor der Entscheidung, die Weltgeschichte grundlegend verändern zu können, wäre da bloß nicht der vermaledeite Schmetterlingseffekt.

Die Kombination King / Anschlag auf JFK klingt auf den ersten Blick verlockend, jedoch sollte man nicht mit verkehrten Vorstellungen an das Buch herangehen. Da Stephen King in erster Linie Geschichtenerzähler ist und entsprechend enorm viel Zeit für Charaktere und Handlung aufwendet, kommt dem eigentlichen Endziel nur eine eher untergeordnete Rolle zu.
So ist "Der Anschlag" auch weitaus mehr zu einem Sittengemälde der US-Südstaaten der späten 50er/frühen 60er Jahre geworden und bietet herzlich wenig in Sachen Verschwörungstheorien zum 22.11.1963.
In erster Linie handelt es sich um eine Kingsche, weichgespülte Version dieser Epoche mit nur wenigen neuen Zeitreise-Ideen, die Handlung plätschert über hunderte Seiten eher so dahin, beschränkt sich zu großen Teilen auf Banalitäten.
Einen Nicht-Abenteurer frohlockt auf einmal das Abenteuer und gerade das hierfür gelieferte Motiv stellt das größte Manko der Handlung dar: Jahre seines Lebens aufzuopfern, nur um eventuell die Chance zu bekommen, das Leben eines Präsidenten zu retten? Auf diese Idee können wohl nur Amerikaner kommen, deren Trauma sehr tief sitzen muss, zumal solche, die sich offensichtlich so sehr als Kennedy-Romantiker outen wie King. Wer über diese prägnante Ära der US-Geschichte Romane lesen möchte, die mehr als nur Trivialitäten des Alltags zum Thema haben, sollte eher zu James Ellroy greifen.
Wirklich gelungen ist lediglich das "alternative" Ende, das ausreichend Antworten auf die Frage gibt, warum die Vergangenheit sich so sehr gegen Veränderungen sträubt. Ansonsten bietet die Story King-Fans wie gewohnt massig Querverweise auf andere seiner Werke.
Die Frage dürfte sein, mit welchen Erwartungen man an den "Anschlag" herangeht, meine sind jedenfalls nahezu komplett unerfüllt geblieben.


Quo vadis?: Roman
Quo vadis?: Roman
von Henryk Sienkiewicz
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

5.0 von 5 Sternen "Wie die Welt, so der Cäsar", 31. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Quo vadis?: Roman (Taschenbuch)
Nach seiner Rückkehr aus dem armenischen Krieg verliebt sich der Patrizier und Feldherr Marcus Vinicius in die in Rom als Geisel gehaltene Königstochter Lygia. Schon bald stellt sich heraus, dass der harte, selbstsüchtige, unerbittliche Augustianer sein Herz an eine Anhängerin des neuen Glaubens verloren hat, eine Christin.

Die allmächtige, jedoch innerlich morsche, entartete, abgrundtief verdorbene römische Gesellschaft mit ihrem ungeheuren Oberhaupt Nero, Gott und Gottesleugner zugleich, wird von einer Sekte unterwandert, deren Religion die Botschaft der Liebe ist, schlägt zurück mit dem ihr einzig bekannten Mittel der totalen Vernichtung und versetzt sich hierdurch selbst den Todesstoß. Garniert wird dies mit einer herzzerreißenden Liebesgeschichte, die anfangs arg schnulzig wirkt, dafür später den Leser umso stärker emotional fesselt.

"Quo Vadis?" gehört zweifellos zu DEN Klassikern schlechthin. An religiös angehauchten historischen Romanen mangelt es wahrlich nicht, eine derartige Intensität, ein solches Mitfiebern mit den Protagonisten, lösen indes nur die wenigsten aus. Auch wenn potenziell "Gläubige" davon sicherlich leichter angesteckt werden können, dürften auch überzeugte Atheisten kaum gänzlich kaltgelassen werden. Hinzu kommen eine Reihe hochinteressanter Nebenfiguren (unter anderem der Skeptiker und der Verräter), deren charakterliche Wandlung der Leser nachempfinden kann.
Beginnt das Buch noch recht gemächlich, wird spätestens mit dem Brande Roms ein nicht enden wollendes, quälend-tragisches Finale eingestimmt.

Dass dabei so Manches - vorsichtig ausgedrückt - historisch zweifelhaft dargestellt wird, kann wohl vernachlässigt werden. Die Legende vom Monster Nero wird mal wieder eifrig genährt. Politische Korrektheit nach heutigen Maßstäben darf ebenfalls nicht erwartet werden, ganz besonders nicht zum frühen Verhältnis zwischen Christen und Juden.
Henryk Sienkiewicz betreibt beste Werbung fürs Christentum, unterlässt kaum eine Lobpreisung in Sachen Friedfertigkeit, Nächstenliebe, Erbarmen, Ergebenheit und moralischer Überlegenheit.
Wen das nicht stört und wer besonders an den wenigen besinnlichen Tagen des Jahres Zeit findet, zu diesem Buch zu greifen, hat ein einzigartiges, traurig-schönes Leseerlebnis vor sich.


Vergebt mir: Thriller
Vergebt mir: Thriller
von Simon Kernick
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Ich bin kein schlechter Mensch...", 16. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Vergebt mir: Thriller (Taschenbuch)
"Vergebt mir" ist der Auftakt einer Trilogie um den selbsternannten Rächer Dennis Milne, der hier, noch in Diensten der Polizei, bei einem Auftragsmord hinters Licht geführt wird, dessen Tage als Polizeibeamter von da an gezählt sind und der alles daran setzt, die Auftraggeber seines Hinterhaltes zur Rechenschaft zu ziehen.

Wer einfach gestrickte Krimis mag, kann bei Simon Kernick nicht viel verkehrt machen. Zwar stellt sich bald heraus, dass das angepriesene hohe Tempo etwas zu viel versprochen war, jedoch liest sich das Buch zumindest durchgehend flüssig, wenn auch manch ein Handlungsstrang fehl am Platz wirkt und der Glaubwürdigkeit nicht unbedingt zugute kommt. Dennoch wirkt die Handlung nicht ganz so übertrieben wie bei vielen seiner Genre-Kollegen, die Schreibweise ist leicht verständlich. Kernick prahlt nicht mit sinnloser Härte und Blutvergießen.
Was die Trilogie allgemein über den Durchschnitt hebt, ist der zerrissene Charakter des Protagonisten. Sich selbst darüber im Klaren, im Grunde nicht besser zu sein als all seine selbst gerichteten Opfer, schwelt der Gewissenskonflikt pausenlos im Hintergrund, nicht nur bei der Romanfigur, auch beim Leser.
Wie so viele Krimis also das perfekte Buch für eine längere Zugfahrt oder einfach nur zum Abschalten.


Killing Pablo: Die Jagd auf Pablo Escobar, Kolumbiens Drogenbaron
Killing Pablo: Die Jagd auf Pablo Escobar, Kolumbiens Drogenbaron
von Mark Bowden
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

4.0 von 5 Sternen Viva Colombia!, 15. Dezember 2013
Nach einem jahrelangen Katz- und Mausspiel ist es am 02.12.1993 endlich so weit, ein obskurer Zusammenschluss aus Polizei, Paramilitärs und Mitgliedern rivalisierender Kartelle hat nach unzähligen Bomben, Morden und Entführungen beider Seiten den Chef des Medellin-Kartells, einen der reichsten Menschen der Welt, Pablo Escobar beseitigt.

Wer Einblick in ein durch und durch unregierbares System bekommen möchte, einerseits eine der ältesten Demokratien der westlichen Hemisphäre, andererseits das Paradebeispiel der Bananenrepublik, unvorstellbare Gegensätze, jahrzehntelange Bürgerkriege und ein von Korruption zerfressener Staatsapparat, dem kann "Killing Pablo" fast uneingeschränkt empfohlen werden.
Bedenken, Mark Bowden könnte als US-amerikanischer Journalist etwas zu viel Uncle-Sam-Mentalität vermitteln wollen (zumal die Jagd auf Escobar nicht unwesentlich durch US-Einheiten beeinflusst wurde), sind bis auf wenige Ausnahmen unbegründet. Zwar stellt Bowden manchmal zu sehr den technischen Teil der Jagd in den Vordergrund, vergisst aber letztlich nie, dem Leser die wahren Ausmaße des Konflikts aufzuzeigen, der nicht die Tötung einer einzelnen Person zum Ziel hatte, sondern den Kampf um die Seele Kolumbiens.
Der Autor bleibt erstaunlich sachlich, jede unterschwellige Parteinahme wäre ohnehin unangemessen, letztlich stehen sich lediglich Staats- und Privatterrorismus gegenüber. Verdächtige werden massenhaft "bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet" (=hingerichtet) und man erfährt, dass gezielte Tötungen der US-Geheimdienste auch lange vor dem 11.9.2001 keine Seltenheit waren. Die Narcos werden buchstäblich mit ihren eigenen Waffen bekämpft, natürlich gewinnt am Ende der Staat, allerdings nur um den Preis, seine Seele hierfür verkauft zu haben.
Das eigentliche, rein politische Problem des Drogenhandels, der damit verbundene Transfer des Reichtums von Nord- nach Südamerika, wird leider nur am Rande erwähnt.
Bei aller staatlichen Unfähigkeit hätten die Schilderungen leicht zu einem ungewollten Denkmal für Pablo Escobar, der tausende Verfolger monatelang zum Narren gehalten hat, verkommen können. Auch das weiß Bowden durch seine nüchternen und soweit irgend möglich neutralen Darstellungen zu verhindern.


Wer wagt, gewinnt: Die Autobiografie des Mount-Everest-Erstbesteigers
Wer wagt, gewinnt: Die Autobiografie des Mount-Everest-Erstbesteigers
von Edmund Hillary
  Taschenbuch

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Wir sind Neuseeländer, keine Gentlemen..., 28. September 2013
Hart, aber herzlich: so scheint das Selbstbild des Mannes auszusehen, der in erster Linie als Everest-Erstbesteiger in den Geschichtsbüchern verewigt bleiben wird. Einer der letzten aus der Generation der "nicht-technischen" Abenteurer, für den Hilfsmittel relativ unbedeutend, dafür Mut und Wille umso wichtiger waren, erzählt von seinem wahrhaft alles andere als ereignislosen Leben.
Unzählige große und kleine Expeditionen, stets fernab der Normalrouten unterwegs, ein echtes Abenteuerleben, nur mit unverschämt viel Glück schadlos überstanden. Mit anderen Worten: der ideale Stoff für durchgelesene Nächte?
Nicht unbedingt.
Wie so oft bei Autobiographien legt der Schreiber den Fokus hauptsächlich auf das, was in Sachbüchern wesentlich besser aufgehoben wäre: trockene Fakten, nervige Bergsteiger-Insiderbegriffe, endlose, weit ausholende, detaillierte Schilderungen seiner Aktivitäten (Jahrzehnte zurückliegende Ereignisse teilweise mit stundengenauen Zeitangaben). Der Schreibstil wirkt recht sprunghaft und abgehackt, die Berichte hinterlassen einen ziemlich blutleeren Eindruck. Die Frage, ob Hillary doch mit dem Herzen bei der Sache war oder es nur darum ging, einen Rekord nach dem anderen zu brechen, bleibt unbeantwortet. Was auch daran liegt, dass er, wie so viele seiner Bergsteigerkollegen, stets dermaßen verkrampft auf Selbstlosigkeit achtet, dass dies irgendwann nur noch gekünstelt wirkt.
Dass das Schreiben ihm nie leichtgefallen ist, gibt Edmund Hillary selbst zu, ein wenig mehr über den Menschen hinter den Geschehnissen zu erfahren, hätte jedoch kaum wirklich Mühe bereitet. Er gewährt kaum Einblicke in sein Inneres, selbst Frau und Kinder sind nur wenige Sätze wert. Gerade das Leben eines Menschen, der so sehr den schmalen Grat zwischen Leben und Tod entlangschreitet, dürfte im Hinblick auf seine Psyche besonders interessant sein. Hiervon bleibt der Leser jedoch ausgeschlossen.
So bleibt zwangsläufig nur der Eindruck eines mittelmäßig sympathischen Ehrgeizlings hängen, dessen Berichte zwar historische Bedeutung, aber keinerlei menschliche Tiefe haben.


Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Straßen
Homicide: Ein Jahr auf mörderischen Straßen
von David Simon
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

1 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen "Gesegnet seien die wahrhaft Dummen,...", 7. Juli 2013
"...denn sie geben Hoffnung denen, die gegen sie ermitteln".

Baltimore 1988: auf wenig mehr als die Schwachsinnigkeit ihrer Zielpersonen können die Detectives des Morddezernats (Homicide Division) ihre Zuversicht legen, schließlich steckt die DNA-Analyse noch in den Kinderschuhen, während die Mordrate Jahr für Jahr steigt und kein Außenstehender etwas gehört und gesehen haben möchte. Tröstlich erscheint einzig, dass sich in einer der Städte mit dem niedrigsten Bildungsstand der USA die Verdächtigen oft genug selbst ans Messer liefern.
David Simon, bis dato Reporter bei einer örtlichen Tageszeitung, erhält zu seinem eigenen Erstaunen die Erlaubnis, die Ermittler ein Jahr lang bei ihrer stets hoffungslosen, manchmal gar sinnlosen Arbeit zu begleiten.
Herausgekommen ist demnach eine journalistische Arbeit, mehr Dokumentation als Roman, eine Art erzählendes Sachbuch, ein Tagebuch des Verbrechens.
Im Morddezernat darf der Autor Teil einer der letzten Männerbastionen sein, spielt mit in der kriminalen Oberliga einer paramilitärisch organisierten Institution und wird Zeuge beim alltäglichen Leid und Elend auf den heruntergekommenen Straßen der Stadt. Immer wieder aufs Neue wird die endlose Komödie von Verbrechen und Strafe aufgezogen, bei der es wenig schwarz und weiß, umso mehr Grauschattierungen, nur sehr wenige wahre Opfer, dafür unzählige Täter gibt.
Mehrere "Red-Ball-Fälle" ziehen sich hierbei als roter Faden durch die gesamten Erzählungen, allen voran die Vergewaltigung und Ermordung einer Elfjährigen, die dem Leser noch lange als Sinnbild der Bestie Baltimore in Erinnerung bleibt.
Ebenso bleibt allerdings hängen, dass viele Krimiautoren dieser Welt anscheinend doch über keine so überladene Phantasie verfügen wie vermutet. Auch wenn man reichlich Einblick in sonst eher vernachlässigte Bereiche wie Obduktionen, Verhöre und Gerichtsverhandlungen erhält, so hält sich die Überraschung bei den Schilderungen über das durchschnittliche Ermittlerleben sehr in Grenzen. Viele als Klischees abgehakte Tatsachen wie die des dauerübermüdeten, unzählige Überstunden schiebenden, von Bürokratie und politischem Gezerre gefrusteten Ermittlers scheinen doch nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen zu sein. Auch die miesen Zustände der Dienststellen, das laue Privatleben der Beamten, die Mischung aus Kameradschaft und Konkurrenz untereinander kommen einem nicht gänzlich unbekannt vor.
Letztlich bleibt dadurch der Eindruck haften, nur wenig Neues oder gar Überraschendes aufgetischt zu bekommen. Polizisten als gesellschaftliche Märtyrer, die ein ehrbares Leben im Dienst einer verlorenen Sache führen,... um nichts anderes dreht sich seit Jahrzehnten ein Großteil der Romanwelt. Wenn die Bestätigung dieser Botschaft mehr oder weniger die einzige Aussage dieses Buches ist, dann hätte man durchaus ein bisschen mehr erwarten dürfen.
Allein der Doku-Stil sorgt dafür, dass man die Berichte nicht mit einem x-beliebigen Krimi verwechselt.


Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen, BILD Skandal Edition: 37,2° am Morgen
Betty Blue - 37,2 Grad am Morgen, BILD Skandal Edition: 37,2° am Morgen
von Philippe Djian
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Das Auge im Inneren des Auges, 16. Juni 2013
Ein von der Welt gelangweilter Hausmeister einer Bungalowsiedlung in den besten Jahren lernt eine etwas schräge, ausgeflippte, zu unorthodoxem Lebensstil tendierende und äußerst impulsive Frau kennen und vorbei ist es mit seinem bis dato bequem-gemütlichen Dahingleiten. Wenn das Glück auch nicht ungetrübt fortdauert, so zeichnet sich eine Beziehung ab, die im wahrsten Sinne des Wortes durch nichts zu erschüttern ist.

"Betty Blue" gehört nicht zu der Sorte Büchern, die man von der ersten Seite an begeistert verschlingt, die einen von Anfang an in den Bann ziehen. Die auf den ersten Blick belanglosen Alltagsschilderungen erzielen ihre Wirkung erst nach beträchtlicher Dauer, wenn das Ausmaß der gegenseitigen Hörigkeit/Abhängigkeit zwischen den Protagonisten deutlich wird.
Philippe Djian hat wohl eine der unromantischsten Liebesgeschichten der letzten Jahrzehnte verfasst. Taten statt Worte scheint das Motto seiner Akteure zu sein, schwülstige Gefühlsbekundungen braucht hier niemand, umso intensiver sind die unausgesprochenen Emotionen spürbar.
Das gleiche Kunststück gelingt ihm in Bezug auf die Marotten seiner Figuren, die vielen unerklärlichen Absonderheiten des Lebens, kurz: bei seinen Ausflügen in die komisch-traurige Welt der Philosophie. Auch hier kommen nur Andeutungen über die Nichtigkeit des Menschen, die Nichtexistenz des Glücks und andererseits über die unvergleichliche Schönheit des Lebens. Weitere Ausführungen sind auch nicht nötig, das Schicksal lässt nähere Erläuterungen verstummen.
Das Buch trägt offensichtlich autobiographische Züge. Hoffen und Bangen eines kommenden Schriftstellers spielen keine unwesentliche Rolle.
Philippe Djian dürfte allerdings kaum jedermanns Sache sein. "Ich finde Ihre Ideen gut, doch der Stil ist unerträglich" muss sich der Protagonist von einem Verleger anhören, manches Mal möchte man dem als Leser in Bezug auf den Autor zustimmen.
Vielleicht auch deshalb hinterlässt "Betty Blue" einen sehr prägnanten Eindruck von einer Welt, die Verrücktheit zum Allgemeingut deklariert hat.


Wie ein Tier: Der S-Bahn-Mörder Dokumentarischer Roman
Wie ein Tier: Der S-Bahn-Mörder Dokumentarischer Roman
von Horst Bosetzky
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen "Das Böse war nötig,..., 8. Juni 2013
...damit die Erde nicht von Menschen überquoll und unterging."

Berlin 1940: Kurz nach Beginn der britischen Bombardierungen wird eine Taktik erprobt, die dem Feind das Leben schwerer machen soll: die nächtliche Verdunkelung, die Beschränkung aller Lichtquellen auf ein absolutes Minimum.
Nicht allen ist jedoch mit dieser Maßnahme gedient, treibt doch in den Laubenkolonien und auf den S-Bahnstrecken im östlichen Teil der Stadt ein Sittlichkeitsverbrecher sein Unwesen, dem offenbar alle Umstände in die Hände spielen.

Horst Bosetzky scheint sich recht eng an die historischen Fakten zu halten. Viele hinzugedichtete Akteure spielen zwar bei der Aufklärung der Verbrechen keine unerhebliche Rolle, treten aber nie zu sehr in den Vordergrund, so dass der frei erfundene Teil der Romanhandlung nebensächlich bleibt.
Unrealistisch wirkt mal wieder, dass – wie bei so vielen anderen Romanen, deren Handlung während der Naziherrschaft spielt – nahezu alle sympathisch wirkenden Protagonisten als Regimegegner und Gutmenschen dargestellt werden.
Im Fokus stehen natürlich das Leben und die Verbrechen des S-Bahn-Mörders Paul Ogorzow. Warum ein solcher Täter über Jahre hinweg unbehelligt allein 14 Morde bzw. Mordversuche verüben konnte, was ihn dazu trieb, welche Rolle das damalige System, die fanatische Obrigkeitshörigkeit, die uneingeschränkte Macht der Männerbünde spielte, versucht Bosetzky dem Leser nahezubringen. Dies alles auf sachliche Art mit nur wenigen künstlichen Dramatisierungen, auch die lauwarme Liebesgeschichte zwischen einem Ermittlerpaar ist kaum erwähnenswert, während es trotz des in doppelter Hinsicht bedrückenden Hintergrundgeschehens an Berliner Lokalkolorit nicht mangelt und man sich gut in die Stimmungslage jener Tage hineinversetzt fühlt.
Einzig das Nachwort mit der Behauptung, Ogorzow hätte in einer anderen Zeit seine Triebe kontrollieren und ein gewöhnliches Leben führen können, hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Auch wenn die Absurdität des schließlichen Schuldspruchs gegen den Täter offensichtlich ist in einer Epoche, in der der Grundsatz, dass das stärkere Tier das schwächere erledigt, zur Staatsdoktrin geworden ist, so kann man zumindest in dieser Hinsicht eine gewisse Befriedigung an der Beseitigung des "Volksschädlings" nicht verhehlen.


Tod der Geistermädchen: Thriller
Tod der Geistermädchen: Thriller
von Lee Weeks
  Taschenbuch

4.0 von 5 Sternen Die Schattenseiten Hongkongs, 26. Mai 2013
Hongkong, wenige Jahr nach der Übergabe an China: grausame Morde an ausländischen Frauen im Rotlicht-Milieu erschüttern die Stadt, während Triaden und korrupte Politiker eine unheilvolle Allianz eingegangen sind, so dass alle Ermittlungen zum Scheitern verurteilt scheinen.
Einziger Hoffnungsschimmer ist ein eurasischer Detective, der als Ein-Mann-Armee fungiert und das Gesetz in die eigene Hand nimmt.

Auf den ersten Blick bietet Lee Weeks’ Debüt also nicht viel Innovatives. Einer gegen Alle, starke Schwarz-/Weiß-Gegensätze bei den Charakteren, die Autorin vertraut auf eine klassische Gut-gegen-Böse-Handlung. Abschrecken lassen sollte man sich davon allerdings nicht, denn der entscheidende Punkt in diesem Genre, der Spannungsaufbau, ist überzeugend geraten und voll und ganz gelungen. Die Handlung ist schlüssig, das Privatleben der Akteure wird nur insoweit einbezogen, wie es für den weiteren Verlauf der Story tatsächlich von Belang ist, allgemein wird auf erzählerische Abstecher jeglicher Art verzichtet.
Lee Weeks hat anscheinend ein recht ereignisreiches Leben hinter sich und eine Zeitlang selbst in der Hongkonger Nachtclubszene gearbeitet, erzählt also zumindest teilweise aus eigener Erfahrung. Auch wenn sie an manchen Stellen etwas dick aufträgt, so hat man insgesamt nicht den Eindruck, ein absolut unrealistisches Bild der Hongkonger Unterwelt und seiner Opfer präsentiert zu bekommen.
So bekommt man zwar letztlich nichts Außergewöhnliches aufgetischt, für ein paar unterhaltsame Stunden genügt das "Durchschnittliche", in solider und kurzweiliger Form dargeboten, allemal.


Die Memoiren der Fanny Hill. Klassiker der erotischen Weltliteratur
Die Memoiren der Fanny Hill. Klassiker der erotischen Weltliteratur
von John Cleland
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,95

4.0 von 5 Sternen Erotik ohne Schmuddel-Faktor, 25. April 2013
Als eine Art Lebensbeichte sind die Memoiren der Franziska Hill verfasst, adressiert an eine mysteriöse "Madam", niedergeschrieben in Briefform.
Mehr als 260 Jahre alt sind die fiktiven Aufzeichnungen inzwischen, dementsprechend verstaubt wirkt die Sprache größtenteils, was aber gerade den großen Reiz der Erzählungen ausmacht. Die Geschichte des einfältigen, unerfahrenen Landmädchens, das auf dem Weg in die große Stadt den Verlockungen und Gefahren nicht widerstehen kann, hauptsächlich jedoch aus Existenzangst in zwielichtigen Kreisen landet, wirkt zum einen zeitlos und verlangt dem Leser außerdem durch lange, verschachtelte Sätze genau die Konzentration ab, die diesem alles andere als schmuddeligen Werk gebührt. Im Grunde wird die Lebensgeschichte einer unterprivilegierten jungen Durchschnittsfrau (bzw. das eines Mädchens zwischen 14 – 18 Jahren) erzählt, die besonders in der zweiten Hälfte mit zahllosen, mehr oder weniger phantasiereichen Sexszenen, die in einer sehr blumigen, die expliziten Einzelheiten stets umschreibenden Weise geschildert werden, gewürzt sind. Einen altertümlichen Porno sollte also niemand erwarten.
Zu Beginn und zum Ende klingt jeweils an, dass die Erzählerin ihr Leben reflektiert hätte, während sich sonst kaum ein Hauch von Reue oder Bitterkeit erkennen lässt. Letztlich bleibt das Bild einer Frau haften, deren Verhalten durch Oberflächlichkeit, Dummheit und manchmal Grausamkeit geprägt war und die schließlich durch das höchste Gut der Liebe vermeintlich geläutert wurde.
Allgemein wird ein recht harmloses Bild der Prostitution gezeichnet: kaum Gewalt, nur wenig Schrecken und wenn schon Erniedrigung, dann ausschließlich freiwillig. Etwas ulkig wirken auch die ständigen Ohnmachtsanfälle der weiblichen Figuren.
Ansonsten ist das Buch gerade heute noch absolut lesenswürdig, vorausgesetzt, man nimmt sich für die Gewöhnung an den antiquierten Schreibstil ausreichend Zeit.


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