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Rezensionen verfasst von
fvspee

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Die großen Oratorien und Messen (Ltd.Edition) (Eloquence)
Die großen Oratorien und Messen (Ltd.Edition) (Eloquence)
Preis: EUR 21,28

5.0 von 5 Sternen Großartige Werke, gute Zusammenstellung, erstklassige Interpretationen, 28. Februar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Decca hat in dieser Ausgabe die beiden Oratorien Haydns ("Die Schöpfung" und "Die Jahreszeiten") und insgesamt 13 Messen desselben Komponisten versammelt.

Die auf den ersten Blick überraschende Zusammenstellung ("Die Jahreszeiten" sind weltliche Musik, "Die Schöpfung" ist religiös, aber nicht kirchlich-gottesdienstlich, und die Messen sind eben Messen) ergibt Sinn, da es sich gewissermaßen um die großen Vokalwerke des Komponisten handelt. Somit hat, wer diese Sammlung besitzt und dazu entweder eine Sinfonien-Gesamtausgabe, oder einige Einzelausgaben mit herausragenden Sinfonien und Konzerten, bereits einen exzellten Überblick über das Gesamtschaffen Haydns.

Die Musik ist erstklassig: Die beiden Oratorien waren schon zu Lebzeiten des Komponisten sehr erfolgreich und sind es bis heute, und auch die Messen sind zu recht berühmt: Die Sammlung vereinigt so herausragende Werke wie die Cäcilienmesse, die Theresienmesse, die Nelson-Messe und die Paukenmesse.

Was die Interpretationen angeht, hatte ich befürchtet, dass beim Zusammenstellen der Kollektion Kompromisse eingegangen worden sind, dies hat sich indes aus meiner Sicht nicht bewahrheitet. Die beiden Oratorien sind 1980 und 1981 von der Academy of St. Martin in the Fields uner Neville Marriner und dem zugehörigen Chor eingespielt worden, ein gewiss erstklassiges Enseble. Der Bariton wird in beiden Oratorien von Dietrich Fischer-Dieskau gesungen und der Sopran in beiden von Edith Mathis. Die Tenor-Soli übernimmt in den "Jahreszeiten" Siegfried Jerusalem und in der "Schöpfung" Aldo Baldin. Fischer-Dieskau und Jerusalem schätze ich ohnehin außerordentlich und fand sie auch in diesen Aufnahmen großartig. Baldin und Mathis fand ich auch sehr überzeugend. Ich habe die Aufnahme der "Schöpfung" teilweise alternierend gehört mit der bei Amazon top-bewerteten Aufnahme von den Wiener Symphonikern unter Harnoncourt (apex), die ich ebenfalls besitze, und fand die (etwas ältere) Aufnahme aus der hier rezensierten Gesamtausgabe sogar noch besser (wobei beide übrigens sehr ähnlich interpretiert sind).

Die Messen sind zwischen 1962 und 1982 aufgenommen und sind ebenfalls alle von erstklassigen englischen Ensembles eingespielt, teils wieder von der Academy of St. Martn in the Fields, teils von der Academy of Ancient Music. Die Nelson-Messe ist vom London Symphony Orchestra (1962). Es sind unterschiedliche Solisten zu hören, oft dabei sind Helen Watts (Alt) und Judith Nelson (Sopran). Der Orgelpart wird in 5 Messen von Christopher Hogwood übernommen.

Gegen die Aufnahmequalität ist auch bei den älteren Aufnahmen nichts zu erinnern.

Natürlich kann man bei so einer Menge erstklassiger Aufnahmen zu diesem Preis keine Luxusaustattung erwarten. Die optische Ausstattung ist sehr spartanisch (immerhin sind sowohl die Box als auch die einzelnen CD-Hüllen stabil. Das Beiheft ist ordentlich gestaltet, aber sehr minimalistisch. Es enthält zwar die genauen Angaben zu den Künstlern, Aufnahmedaten und die Spielzeiten der einzelnen Abschnitte der Werke, aber weder den Text der Oratorien (die Messen haben ja ohnehin mehr oder weniger immer den gleichen Text), noch Texte zum Autor und zu den Werken. Auch hat man einigermaßen "gestopft" und die Zahl der CDs zu minimieren: So ist die "Schöpfung" nicht wie bei anderen Editionen auf zwei volle CDs verteilt, sondern auf eineinhalb. Auf die zweite Hälfte der zweiten CD ist dann noch eine Messe gequetscht - naja.

Trotzdem insgesamt eine äußerst runde Sache: Klar empfehlenswert!


Kleine Geschichte Berlins
Kleine Geschichte Berlins
von Bernd Stöver
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,95

3.0 von 5 Sternen gut geschrieben, aber etwas unausgewogen, 4. Januar 2014
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Kleine Geschichte Berlins (Gebundene Ausgabe)
Von seinem Umfang her ist das Buch kurz und knackig, angemessen für eine "kurze Geschichte". Es ist mit recht aussagekräftigen Karten und Bildern in adäquater bis großzügig bemessener Anzahl ausgestattet, und es ist flüssig und leicht lesbar geschrieben, wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob es auch für historisch nicht Vorgebildete ebenso leicht lesbar ist.

Besonders positiv sind die Äußerlichkeiten hervorzuheben. Papier und Druckbild sind angenehm, der Einband ist sehr stabil und gut gearbeitet und das Einbandbild ist ausgesprochen schön. Dadurch wird das Buch auch als Geschenk und auch für Ästheten gut geeignet.

Die Anhänge scheinen mir nicht sorgfältig redigiert. In der Zeitliste fehlt eines der allerwichtigsten Daten für die Berliner Geschichte überhaupt, die Bildung von Groß-Berlin im Jahre 1920. Im Text wird dieses Ereignis übrigens angemessen breit behandelt. Die Übersicht über die Bürgermeister von Groß-Berlin beginnt im Jahr 1912, was bei einer Bildung von Groß-Berlin im Jahr 1920 nicht möglich sein kann.

Natürlich sind bei einem so kurzen Buch Schwerpunktsetzungen erforderlich und jeder Leser wird irgendetwas vermissen, das kann man nicht dem Autor vorwerfen. Dennoch will ich erwähnen, dass ich persönlich etwas enttäuscht war, dass sich wenige harte statistische Fakten finden, und überhaupt keine Tabellen oder Schaubilder. So wird z.B. nicht einmal die Bevölkerungsentwicklung oder die Ausdehnung des Stadtgebiets systematisch in der zeitlichen Entwicklung dargestellt (sondern nur "stichprobenartig"), von subtileren sozialen Daten ganz zu schweigen.

"Alltagsgeschichte" fehlt insbesondere für die Zeit von ca. 1200-1800, die überhaupt extrem knapp abgehandelt wird. Wie z.B. im alten Berlin, im Mittelalter oder um 1600, ein normales Wohnhaus (Holz? Stein? einstöckig? mehrstöckig? mit Heizung?), oder ein normales Straßenbild (schlammig/staubig? gepflastert?) aussah, welchen Berufen die meisten Bewohner nachgingen und dergleichen, hätte man durchaus erwähnen dürfen.

Dagegen wird die Zeit ab etwa 1870 dann für meinen Geschmack unverhältnismäßig breit behandelt. Hier - und auch gerade in der allerneusten Geschichte von 1968-2012 - finden sich dann auch anekdotische Einzelheiten, die sehr subjektiv ausgewählt sind und meines Erachtens in einer so kurzen Geschichte eigentlich nichts zu suchen haben. Wahrscheinlich werden einige dieser Details auch schon in 5 oder spätestens in 20 Jahren völlig überholt wirken.

Daher fällt meine Gesamtbilanz betreffend dieses Buch dann doch eher gemischt aus.


Der Consul: Roman
Der Consul: Roman
von Christian v. Ditfurth
  Broschiert
Preis: EUR 15,00

4.0 von 5 Sternen Als Krimi extrem spannend, historisch interessant, aber verschiedene Schwächen, 31. Dezember 2013
Rezension bezieht sich auf: Der Consul: Roman (Broschiert)
1. Kurze Inhaltsangabe (die nicht zu viel verrät)

Im November 1932 wird im Weimarer Hotel "Elephant" Hitler mit zerschmettertem Schädel aufgefunden. Kommissar Soetting von der besonders komptetenten Berliner Mordkommission wird beauftragt, in Amtshilfe für die an sich zuständige Thüringer Polizei, der man anscheinend nicht so recht traut, die Sache aufzuklären, zu ermitteln.

Sehr schnell verkomplizieren sich die Ermittlungen enorm: Erstens ist die Thüringer Polizei und Justiz, die anders als die preußische schon weitestgehend NS-gesteuert ist, nicht an echter Aufklärung interessiert, sondern erklärt vorschnell zwei Hotelangestellte mit KPD-Hintergrund zu Hauptverdächtigen und steuert auf einen "kurzen Prozess" zu, obwohl Soetting zahlreiche Unstimmigkeiten feststellt, die eher auf andere (aber unbekannte) Täter deuten. Zweitens führt die Ermordung Hitlers zu Unruhen im Reich, die innerhalb weniger Tage das Ausmaß eines Bürgerkriegs annehmen, was die Ermittlungen lahm legt. Drittens werden in rascher Folge - nunmehr in Berlin - auch drei weitere NS-Spitzenpolitiker ermordert (allerdings diesmal mit einer anderen "Handschrift" als im Mordfall Hitler). Soetting wird auch hier mit den Ermittlungen beauftragt, ohne allerdings ausreichend personell ausgestattet zu werden. Viertens verliebt der Kommissar sich in die Hotelangestellte aus Weimar, die zwar erkennbar völlig unschuldig an den Mordfällen ist, aber von den NS-nahen Kräften eben doch als Sündenbock herhalten soll.

Im Laufe der Zeit verschlechtern sich die Rahmenbedingungen für Soetting immer mehr. Insbesondere, weil der Bürgerkrieg zwar schnell zu Ende geht, aber in der Weise, dass eine Koalition aus dem Göring-Flügel der NSDAP und verschiedenen monarchistischen und anderen rechten und ultrarechten Kräften die Macht im Reich und in Preußen an sich reißt. Diese ist nicht daran interessiert, dass Soetting den Fall objektiv und korrekt aufklärt. Dennoch gelingt es dem Kommissar, der am Ende vom Dienst suspendiert ist und auf eigene Faust weiter ermittelt, den Fall zu klären, allerdings um einen äußerst hohen Preis.

2. "Der Consul" als Krimi

Das Buch ist zunächst einmal ein Krimi. Und zwar ein extrem spannender (ich habe selten so ein spannendes Buch gelesen) und auch darüber hinaus weitgehend gut bis ausgezeichnet gelungener Krimin mit allem oder fast allem, was dazu gehört. Es ist also nicht so, dass der Autor seinen historischen Vorlieben gefrönt hätte und den Krimi nur irgendwie in die historische Kulisse hineingepresst hat. Vielmehr ist das Buch auch für reine Krimifans, die sich für historische Themen überhaupt nicht interessieren, eine gute Wahl.

Die Frage "wer war's" hält den Leser in Atem und erfährt eine differenzierte, psychologisch und historisch durchaus plausible Lösung. Der Leser - auch der politisch-historisch nicht so bewanderte - hat die Möglichkeit "mitzuraten" und der Sache so gemeinsam mit dem Kommissar näher zu kommen.

Anders als einige Rezensenten halte ich die Figur des Kommissars auch für im Kern (mit Abstrichen) plausibel und glaubhaft, und nicht für bloß schmetisch gezeichnet. Es handelt sich um eine klassische Detektivfigur, mit Schwächen (einige echte und einige eingebildete Krankheiten, Alpträume aus der Zeit des 1. Weltkriegs, Beziehungsprobleme, politish nicht gerade 100% korrekt - es heißt, Soetting habe einmal auch NSDAP gewählt) und Stärken (Wahrheitsliebe, Scharfsinn, Gerechtigkeitsgefühl, Ehrgefühl).

Die Liebesgeschichte finde ich ebenfalls durchaus plausibel und recht schön und rührend erzählt. Das ist nun kein Beziehungsroman mit psychologischem Tiefsinn, aber ich finde das schon in Ordnung.

3. "Der Consul" als alternativ-historisches Werk

Indem ab dem Tag, an dem Hitler ermordet wird, die politische Geschichte anders abläuft als in der Realität, was der Leser auch mitbekommt (obwohl die Krimihandlung m.E. stets im Vordergrund steht), wird eben auch "Alternativweltgeschichte" (kontrafaktische Geschichte) erzählt, also ein "Was-Wäre-Wenn" ausgeponnen. Dies geschieht nach meiner Einschätzung weitestgehend spannend und plausibel. Es wird verdeutlicht, dass einerseits durchaus vieles an Hitler hing, andererseits aber auch dann, wenn man sich Hitler ab kurz vor der "Machtergreifung" wegdenkt, die Geschichte Deutschlands nicht unbedingt harmonisch und demokratisch verlaufen wäre. Selbst die Einrichtung erster KZ's wird (plausibel) erwähnt. Die Erzählung hört im Jahre 1933 auf, gleichwohl kann der Leser, wenn er historisch ein bisschen gebildet ist, seine Gedanken machen: Wäre das "Consul-Szenario" Wirklichkeit geworden, hätte es sicher eine Chance gegeben, die industrielle Judenvernichtung und den 2. Weltkrieg als "totalen Krieg" zu verhindern, zur schweren Verfolgung der Juden und politisch Andersdenkender, der Zerstörung der Weimarer Verfassung und auch zu einem neuen Krieg als "Revanche für Versailles" wäre es aber wohl auch ohne Hitler gekommen.

Das ist sehr interessant, die Handlung ist als Alternativgeschichte weit plausibler als der "21. Juli", der, obwohl ebenfalls sehr spannend, doch an 2-3 entscheidenden historischen Kernpunkten einfach völlig unlogisch ist. Und es regt an, sich mit realen historischen Gestalten wie den Strasser-Brüdern oder eben der hinter dem "Consul" stehenden realen Person noch mal näher zu befassen.

Auch dieser Roman hat im historischen seine Macken (andere Rezensenten haben da auf einiges hingewiesen), aber insgesamt ist sowohl das soziale Ambiente Berlins als auch die große Politik m.E. gut dargestellt.

4. Schwächen (Auswahl)

Die Krimi-Handlung ist, was das polizeiliche und strafprozessuale betrifft, zwar besser als viele andere Krimis, weist aber auch einige unplausible Merkwürdigkeiten auf. Dass Soetting mit 4 großen Mordfällen betraut wird, ihm aber keine Sonderkommission zur Verfügung gestellt wird, ist auch unter Bürgerkriegsbedingungen und auch unter der Prämisse, dass die Führung eigentlich kein großes Aufklärungsinteresse hat, absurd. Ebenso bizarr ist, dass in den ersten Wochen der Ermittlung manchmal mehrtätige totale Ermittlungspausen eintreten, nicht nur wegen des Bürgerkriegs, sondern auch schlicht, weil Wochenende ist. Da geht der Kommissar als Beamter dann nach Hause und denkt mal nach. Abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass 1932 der Samstag arbeitsfrei gewesen ist, würde in so einer Mordsache natürlich auch Sonntags ermittelt werden. Auch in der Schilderung eines für die Handlung wichtigen Strafprozesses gegen Ende des Buches gibt es juristische Fehler.

Sprache und Denkweise des Kommissars und der anderen Figuren sind teilweise nicht zeitgetreu. Die Worte und Gedanken muten asynchron an, es werden Wendungen, Begriffe und Fremdworte verwendet, und zwar auch in wörtlicher Rede, die eindeutig 2.Hälfte des 20. Jahrhunderts oder sogar topaktuell sind. Das stört.

5. Äußerlichkeiten

Das Paperback ist bibliophil gesehen eine Katastrophe. Nicht nur sind Papier und Druck sehr einfach (sieht wie kopiert aus), vor allem die Bindung ist wieder (wie beim 21. Juli) heftig. Man hat nur die Wahl, das Buch beim Lesen so vorsichtig umzublättern, dass man nicht bequem lesen kann, oder man klappt die Seiten beherzt um und verhunzt damit die Bindung so sehr, dass man das Buch nicht mehr ernsthaft ins Regal stellen kann, weil es potthässlich geworden ist. Also eine Art "Einweg-Buch". Von daher sollte man zugreifen, wenn man die gebundene Fassung des Buches bekommt (vielleicht Second-Hand)

6. DIE DAS BUCH NICHT KENNEN, NICHT WEITERLESEN!!! (GEDANKEN ZUR AUFLÖSUNG!!!)

Die Auflösung finde ich, wie gesagt, in der Summe ziemlich plausibel. Insbesondere war ab dem Moment, da Soetting sich aus der bereits erreichten Sicherheit auf "immunem" Gelände wieder durch den Sprung aus dem Fenster befreit, um den Fall trotz der für ihn bestehenden enormen Gefahr noch zu Ende aufzuklären, ein "gutes Ende" nicht mehr realistisch. Das finde ich aber psychologisch problematisch. Auch Soetting wusste, dass er zu wählen hat zwischen Weiterleben mit einer tollen Frau, die ihn liebt und die er liebt, oder den schon weitgehend aufgelösten Fall nun zu 100% auflösen und dafür sterben. Dass Soetting hier das zweite wählt, ist trotz verschiedener Ansätze, die der Autor anbietet, letztlich für mich dann doch nicht mehr nachvollziehbar.

Ein bereits früher ansetzender "Webfehler" der Handlung ist die Gefangenenbefreiung in Leipzig. Mindestens die beiden Reichswehrsoldaten, die Soetting bis ins innere des Reichsgerichts vor die Tür des Oberreichsanwalts begleitet hatten, wussten, dass niemand anderes als Soetting der Verantwortliche für die Gefangenenbefreiung war. Falls ich nicht irgendwo überlesen habe, dass die beiden auf dem Weg zurück zu ihrer Einheit erschossen worden sind, ist es neben der Sache, dass Soetting bis 5 Seiten vor Ende des Buches, also monatelang, mit dieser Sache "durchkommt". Aber auch wenn man sich die beiden Soldaten wegdenkt: Auch Soettings Vorgesetzte wussten, dass er unterwegs nach Leipzig war, dann passiert diese Befreiung, und niemand befragt Dr. Voß, wie der Befreier aussah und kommt dann auf das Naheliegendste??? Das ist ein grober handwerklicher Schnitzer, der dem Autor nicht hätte passieren dürfen.


Offenbach: Hoffmanns Erzählungen
Offenbach: Hoffmanns Erzählungen
Preis: EUR 16,94

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Überzeugende CD, super "Hoffmann", schwaches Beiheft, 28. Juni 2013
Rezension bezieht sich auf: Offenbach: Hoffmanns Erzählungen (Audio CD)
Die CD war für mich ein Spontankauf, ich bin kein wahrlich kein Experte für diese Oper und eigentlich auch kein dezidierter Opernfan überhaupt. Die Aufnahme (es handelt sich offenbar um die modernisierte Neuauflage der CD-Box von 1988, die bei Amazon als gebraucht ebenfalls im Angebot ist und zu der es eine 4-Sterne-Rezension gibt) hat mich voll und ganz überzeugt.

Das Werk (von dem es anscheinend zahllose Fassungen gibt, hier liegt eine der mehr oder weniger "klassischen" Varianten vor ist musikalisch und vom Libretto her sehr eingängig und ansprechend. Die Handlung ist spannend und die Musik hat oft Ohrwurmqualität, ohne flach zu wirken. Dies gilt z.B. für die weltbekannte Barcarole und für das einigermaßen dadaistische Lied von Klein-Zack, das es mir besonders angetan hat.

Dass hier die deutsche Textfassung gesungen wird, finde ich ausgezeichnet. Normalerweise würde ich immer die sprachliche Originalfassung einer Oper (hier: französisch) bevorzugen, aber der deutsche Text ist sehr ordentlich und dadurch, dass hier ja letztlich freie Vertonungen von Werken des deutschen Autors E.T.A. Hoffmann vorliegen und "Hoffmann" auch selbst die Hauptrolle singt, sowie außerdem durch die große Wirkungsgeschichte der Oper in Deutschland wird die Verwendung der deutschen Sprachfassung hier gleichsam legitimiert. Im Übrigen erleichtert dies das Handlungsverständnis, zumal die meisten Passagen ausgesprochen "deutlich" im Sinne von Textverständlichkeit gesungen sind.

Gegen das Klangbild ist absolut nichts zu sagen, ganz besonders hervorzuheben sind aber die fantastischen gesanglichen Leistungen. Als ich gleich zu Beginn der CD - wie gesagt frei von allen Erwartungen und von allen positiven oder negativen Vorurteilen - Siegfried Jerusalem als "Hoffmann" gehört habe, war das für mich sofort einer der seltenen "großen Musikmomente". Aber auch die anderen Sänger (wie Fischer-Dieskau) und Sängerinnen (wie Julia Varady, oder, mir persönlich sehr gut gefallend, Jeanette Scovotti) sind wie ich meine Weltklasse.

Alles in allem eine absolut empfehlenswerte CD!

Leider ist das Beiheft sehr, sehr dünn. Es ist kein vollständiger Text enthalten und der kurze Einführungstext hat zu wenig Gehalt.


Geschichte Russlands: Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution
Geschichte Russlands: Vom Mittelalter bis zur Oktoberrevolution
von Manfred Hildermeier
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,95

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zweifellos ein neues Standardwerk, 28. Juni 2013
Das 1346 Seiten zuzüglich Anhang starke Buch Hildermeiers ist zweifellos ein Standardwerk, das für Jahrzehnte den Maßstab für eine zusammenfassende Darstellung der russischen Geschichte bilden wird.

Die Darstellung ist gegliedert nach großen historischen Perioden, nämlich 1. Kiewer Rus; 2. Mongolenzeit; 3. Moskauer Reich; 4. Epoche Peters d. Gr. und Katharinas d. Gr.; 5. Zeit bis 1855; 6. Zeit von 1855 bis 1917.

Die Binnengliederung dieser Großabschnitte ist nicht genau identisch, folgt aber immer in etwa demselben Grundmuster, nämlich: a) ein oder mehrere Abschnitte zur politischen Geschichte, eventuell noch einmal untergliedert in Innen- und Außenpolitik und/oder in zeitlich untergliederte Unterabschnitte, z.B. die Herrschaftszeiten einzelner Monarchen; b) ein bis zwei Abschnitte zu Wirtschaft und Gesellschaft; c) ein bis zwei Abschnitte zu materieller Kultur (einschließlich Lebensverhältnisse der einfachen Leute) und geistiger Kultur (einschließlich Religion und Künste); d) ein zusammenfassender Schlussabschnitt, in dem der Autor die behandelte Großepoche noch einmal "Revue passieren" lässt.

Ganz am Ende folgt sodann eine Art Resümee und Kurzzusammenfassung des Gesamtwerks.

Diese Gliederungsstruktur finde ich ausgesprochen gelungen. Ihre Klarheit bietet dem Leser jederzeit Halt und Übersicht; auch erlaubt sie (was bei einem so dicken Werk wichtig ist), Lesepausen an der richtigen Stelle zu setzen.

Der Schreibstil des Autors ist sehr angenehm, ganz überwiegend frei von sprachlichen Marotten und einem bei deutschen Wissenschaftsautoren oft anzutreffenden Ton verschwurbelter Gelehrsamkeit, selbstverständlich aber auch frei von Plattitüden. Das Buch ist daher fast ebenso erfreulich und spannend zu lesen wie entsprechende "opera magna" großer Historiker aus dem englischen Sprachraum.

Eine gewisse Grundbildung sowohl an Allgemeinbildung, als auch an historischer Bildung sind für die Lektüre des Buches gewiss hilfreich bis notwendig. Dennoch ist das Buch unbedingt auch für den Nicht-Fachhistoriker zu empfehlen, der sich einmal richtig umfassend über Russland informieren möchte und dabei noch Lesevergnügen zu schätzen weiß.

In der Sachdarstellung ist der Autor ausgesprochen kenntnisreich. Es wird deutlich, dass er zur Vorbereitung dieses Werks umfangreiche eigene Detailstudien bestrieben hat, auf der anderen Seite legt er auch hinreichend offen, dass er für verschiedene Unter-Epochen oder sachliche Unter-Thematiken sich auf die Auswertung der bisher vorliegenden Spezialwerke beschränken musste (was, wie ich finde, bei einem solchen Monumentalwerk nicht anders sein kann). An einer Stelle führt er sogar zu einem Sonderproblem aus, dass einige Autoren zu einem Befund kommen, andere zu einem anderen Befund, und dass er diesen Streit nicht endgültig entscheiden kann, da hierzu tiefgründige eigene Spezialforschungen erforderlich wären, die für die Zwecke dieses Buches zu weit gingen. Das finde ich eine erfreuliche Offenheit.

Die Darstellung konzentriert sich, was der Autor auch methodisch offenlegt und begründet, auf die "Sicht aus dem Zentrum" und auf den europäischen Reichsteil. Regionalgeschichte und die Geschichte der kolonisierten Völkerschaften z.B. im fernen Osten wird bestenfalls angetippt. Das muss man wissen, es ist aber gut begründbar und daher kein Mangel.

In den Wertungen und Interpretationen (einschließlich der politischen und moralischen Bewertungen) ist Hildermeier sehr sachlich, differenziert und insgesamt zurückhaltend. Er ist erkennbar nicht von dem Ehrgeiz getrieben, das bestehende Bild der russischen Geschichte umzustürzen und als jemand in die Wissenschaftsgeschichte einzugehen, der alles ganz neu gesehen hat. Gerade dadurch wirkt der Autor meist sehr überzeugend.

Auch wenn ich dem Buch guten Gewissens 5 Sterne gegeben habe, hätte man manches noch einen Tick besser machen können. Ich will mich nicht bei kleineren und kleinsten Fehlerchen und Unebenheiten im Detail aufhalten, sondern zwei, drei "Großaspekte" benennen:

1. Es überzeugt nicht, die Epoche Peters und Katharinas, die zeitlich sehr lang war und außerdem auch voller "revolutionärer" inhaltlicher Ereignisse, in einem einzigen Großabschnitt zu behandeln und dann (wie oben dargestellt) erst die gesamte politische Geschichte und danach, 200 Seiten später, die Kultur und Religion zu behandeln. So wird schon in den Seiten um 400 die große Kirchenreform Peters (Abschaffung des Patriarchats, Einrichtung des Heiligen Synod) angetippt und ab dann immer vorausgesetzt, dass der Leser weiß, worum es geht, aber dann wird erst ab Seite 673 erklärt, was da wirklich passiert ist (im wie üblich nach hinten gestellten Religion-und-Kultur-Teil).

2. Darüber hinaus bleibt gerade die Darstellung der doch sehr faszinierenden Person Peters des Großen etwas blaß und dünn. Iwan der Schreckliche und Katharina die Große werden umfassender und viel farbiger gezeichnet.

3. Die Darstellung der Künste ist nicht ausgewogen. In manchen Epochen ist sie breit und fast umfassend, in anderen wird sie nur angetippt. Manchmal wird viel zur Architektur geschrieben, manchmal fast gar nichts zur Architektur und dafür mehr zur Dichtung. Absolut unverständlich ist, dass der wohl "größte" russische Dichter Puschkin (dessen Werk ja auch eine politische Dimension hat) praktisch gar nicht behandelt wird.

4. Aus meiner Sicht der schwerste Mangel: Es gibt kein einziges Bild (!). Der Autor schreibt zwar oft sehr eindringlich über optische Eindrücke (z.B. den des Kreml-Gebäudes oder den der typischen russischen Kleidung, oder das Aufkommen erster Ölgemälde, die westliche Einflüsse in Stil und Perspektive erkennen lassen), aber der Leser kann nichts davon nachvollziehen. 20 oder 30 gut ausgewählte Farbbilder von wichtigen Gebäuden, Kunstwerken, Personen, Trachten, Alltagsgegenständen usw. hätten das Buch nochmal um eine Klasse besser gemacht. Auf derselben Linie liegt, dass es zwar (schwarz-weiße) Karten gibt, die auch sorgfältig gearbeitet sind. Aber etwas mehr Karten und etwas mehr Farbe in den Karten hätten sehr gut getan.

5. Der Untertitel behauptet "bis zur Oktoberrevolution". Tatsächlich geht das Buch aber nur bis zur Februarrevolution. Das Jahr 1917 bis zum Oktober wird nur in wenigen Sätzen angetippt. Das ist der Sache nach sicher gut zu begründen, aber der Untertitel führt den Käufer in die Irre.

Das tut dem ausgezeichneten Gesamteindruck aber alles keinen Abbruch.


Juri Schaporin (Shaporin): Dekabristy (Die Dekabristen) (Oper) (Gesamtaufnahme) (2 CD)
Juri Schaporin (Shaporin): Dekabristy (Die Dekabristen) (Oper) (Gesamtaufnahme) (2 CD)
Preis: EUR 7,89

2.0 von 5 Sternen Nicht ganz zu Unrecht unbekannte sowjetische Oper, 12. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Schaporin war ein musikalisch eher konservativer und politisch linientreuer sowjetischer Komponist, der heute nicht mehr sehr bekannt ist.

Die 2 CDs bieten die etwa 2 1/2 stündige in Moskau in den 30-er Jahren erfolgte Gesamtaufnahme der Oper "Die Dekabristen" (eines der Hauptwerke von Schaporin).

Die Qualität der Aufnahme ist natürlich nicht perfekt, aber für eine sowjetische Aufnahme aus den 30-er Jahren sehr ordentlich.

Die Musik ist, wie ich finde, nichts Besonderes. Da wabert ziemlich viel heldenhaftes Pathos herum und eine sehr russisch-volkstümlich klingende Arie nach der anderen wird geschmettert.

Ich habe mir die CD gekauft, da die Oper in einem Klassikführer als eine Art Geheimtipp empfohlen wurde. Naja, wenigstens hat der Autor des Buches hinzugefügt, dass die Musik objektiv betrachtet nicht besonders bedeutend ist und dass er (der Autor) eben eine Schwäche für russische Komponisten aller Art hat.

Die CD hat keinerlei Beiheft, d.h. kein Text, keine inhaltliche Zusammenfassung der Oper, keine Informationen zu Stück und Komponist. Da die Oper naturgemäß auf russische gesungen wird, hat man, wenn man kein russisch kann, demnach nicht mal eine Groborientierung darüber, worum es gerade bei dem Gesungenen geht.

Daher ist die CD außer für interessierte Spezialisten eher nicht zu empfehlen.

Thema der Oper ist der Dekabristenaufstand von 1825. Damals versuchten eine Reihe liberaler Adliger und Offiziere, die Zarenherrschaft zu stürzen und eine konstitutionelle Ordnung nach westuropäischem Muster zu errichten, was dramatisch scheiterte. Einige der Verschwörer wurden hingerichtet, viele nach Sibirien verbannt. Es heißt, dass Sibirien noch heute kulturell davon profitiert, dass damals so viele Intellektuelle dort ihren Wohnsitz nehmen mussten.

Am Rande sei bemerkt, dass es zur Stalinzeit, als die Oper uraufgeführt wurde, ziemlich unfreiwillig komisch gewesen sein muss, dass in der Oper pathetisch die Verbannungen nach Sibirien (als finsteres Werk der bösen, glücklicherweise überwundenen Monarchie) thematisiert werden, wobei diesen Verbannungen immerhin ein realer Umsturzversuch zu Grunde lag und die Verbannten mit Familie und Vermögen nach Sibirien ziehen konnten, während draußen auf den Straßen ständig Leute für erfundene Verbrechen verhaftet und unter weit weniger komfortablen Bedingungen nach Sibirien ins Arbeitslager verschleppt wurden. Vielleicht ist in dieser Themenwahl ja doch eine subtile Widerständigkeit des Komponisten zu sehen.


Marc-Antoine Charpentier: Le Jugement Dernier
Marc-Antoine Charpentier: Le Jugement Dernier
Preis: EUR 18,69

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen sehr schöne, modern anmutende Charpentier-Interpretation, 12. Mai 2013
Marc-Antoine Charpentier ist einer der bedeutendsten Komponisten des (französischen) Barock und einer meiner Lieblingskomponisten überhaupt. Vor allem seine wunderbare geistliche Vokalmusik, die auch den Inhalt der vorliegenden CD bildet, ist zu Recht berühmt.

Entgegen dem Titel der CD enthält diese nicht nur ein oder mehrere Stücke Charpentiers zum Themenkreis "Jüngstes Gericht". Vielmehr handelt es sich um eine Sammlung von insgesamt 6 Werken Charpentiers, die nach dem Inhalt des Beihefts von den Herausgebern bzw. vom Ensemble bewusst als eine Art "Querschnitssauswahl" aus dem Gesamtwerk des Komponisten konzipiert worden sind, was wohl durchaus als gelungen bezeichnet werden kann. Es sind dies die Stücke:

1. Transfige dulcissime Jesu (Durchbohre mich, süßester Jesus) H. 251
2. Extremum Dei judicium (Das jüngste Gericht Gottes) (mit ca. 20 Minuten das längste Stück und das einzige mit Jüngstes-Gericht-Thematik) H. 401
3. Le Reniement de St. Pierre (Die Verleugnung des Petrus) H. 424
4. Salve regina pour trois choeurs H. 24
5. Litanies pour deux dessus et une basse chantante H. 86
6. Motet pour les Trépassés (Motette für die Verstorbenen) H. 311

Die CD ist vom Design und der Hülle sehr edel aufgemacht, daher auch als Geschenk gut geeignet. Ich persönlich bin allerdings kein Freund von Kartonkonstruktionen wie der hier vorliegenden (d.h. es gibt keine äußere, alles umschließende Plastikhülle, sondern eine Plastikschale, in der die CD liegt, die fest verbunden ist mit einer aufklappbaren Außenhülle aus festem Karton, worin auch das Beiheft fest eingeklebt ist).

Das mehrsprachige, auch deutsche, Beiheft bietet den vollständigen Text aller Stücke und sehr ausführliche Informationen zu den Stücken und dem Leiter des Ensembles (etwas weniger zum Komponisten und gar nicht zu den Solisten), wobei diese Informationen streckenweise etwas gelehrsam-theoretisch und über das rein Musikalische ausgreifend geraten sind.

Die Qualität der in der Abteikirche von Fontmorigniy erfolgten Aufnahme ist meiner bescheidenen Meinung nach ausgezeichnet. Der Ton ist sehr, sehr klar, quasi kristallin, was die Solistenstimmen schön hervortreten lässt.

In musikalischer Hinsicht finde ich die Aufnahme sehr überzeugend. Meine persönliche Referenzaufnahme für Charpentier sind die von "Le Concert Spirituel" bei Naxos, die einen recht warmen, runden und sehr gefälligen Klang haben, der, wie mir scheint, der Barockmusik äußerst gemäß ist.

Das "Ensemble européen" unter Byrd, das die hier präsentierte Musik geschaffen hat, tritt im Vergleich dazu mit einem moderner, manchmal kühl, gelegentlich fast etwas experimentell wirkenden, Klangbild in Erscheinung, das auf seine Weise ebenfalls sehr schön, manchmal geradezu über- (oder außer-?) irdisch wirkt.

Der Direktvergleich beider Interpretationen ist möglich beim "Transfige dulcissime Jesu" und beim Salve Regina für 3 Chöre, diese Stücke sind nämlich auch auf der 4 CDs umfassenden Naxos-Serie vorhanden.

Das "Salve Regina" für 3 Chöre, das für Barockmusik bereits ungewöhnlich modern ist, indem bewusst auch stark dissonante Klänge eingesetzt werden, wird vom "Ensemble européen" stark verlangsamt vorgetragen, wodurch z.B. der Vers "gementes et flentes in hac lacrymarum valle" (schluchzend und weinend in diesem Jammertale - womit unsere Welt gemeint ist) fast wie ein künstlich tontechnisch verzerrter "Ruf aus der Hölle" anmutet. Die Zeilen "Salve vita, salve dulcedo, et spes nostra, salve" werden, vor allem von den hohen Stimmen, die hier fast wie Soli klingen, sehr stark akzentuiert und mit kleinen Pausen vorgetragen, was ebenfalls eine Art Verfremdungseffekt ergibt (den ich aber sehr gelungen finde).

Ähnlich bei dem "Transfige dulcissime Jesu", einer Vertonung eines geistlichen Gesangs des Heiligen Bonaventura. Das Stück hat - schon vom Text her, der etwas exaltiert ist: "Durchbohre, süßester Jesus, mein Herz und mein inneres, mit der köstlichen und erlösenden Wunde deiner Liebe... etc etc." - etwas Drängendes, Unruhiges. Dies wird in dieser Interpretation durch eine (im Vergleich zur anderen Aufnahme) deutlich schnelleres Tempo noch akzentuiert. Das ausgedehnte Tutti zu Beginn des Stücks wird hier von einem wunderschönen, reinen und klaren Sopran beherrscht, der jede Silbe wunderbar aus-singt, wohingegen die männlichen Stimmen nur beiläufig, fast mehr gesprochen als gesungen, "mitlaufen".

Die Beispiele machen deutlich, dass das Ensemble hier anscheinend Wert auf eine individuelle, originelle "moderne" Interpretation der Stücke gelegt hat, die aber nach meiner Auffassung sehr, sehr gelungen ist und übrigens durchaus im Rahmen bleibt - der wundervollen Musik wird nirgends Gewalt angetan.

Alles in allem eine tolle CD sowohl für Charpentier-Einsteiger, als auch für Charpentier-Liebhaber, die mal einen "etwas anderen" Charpentier-Sound hören wollen.


Geistliche Werke Vol. 4
Geistliche Werke Vol. 4
Preis: EUR 7,44

5.0 von 5 Sternen Wunderbare Zusammenstellung von Marien-Musik Charpentiers, 8. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Geistliche Werke Vol. 4 (Audio CD)
Bei der CD handelt es sich um den vierten und soweit mir bekannt letzten Teil der Serie mit geistlicher (Vokal-) Musik von Marc Antoine Charpentier bei Naxos, eingespielt von "Le Concert Spirituel" unter Niquet. Die ersten 3 Teile der Serie sind auf dem Cover nicht durchgängig als solche gekennzeichnet, bei Amazon ist die Kennzeichnung allerdings erfolgt.

Die Aufnahme ist von 1998 und in gewohnt ausgezeichneter Qualität. Bereits in anderen Rezensionen habe ich deutlich gemacht, dass das Klangbild dieses Ensembles für Charpentier mein persönlicher "Goldstandard" ist.

Wie komischerweise bei Charpentier-CDs (nicht nur bei diesem Label) ziemlich üblich, ist auch hier der Titel "Motetten - Bittgebet (Litanei) an die Heilige Jungfrau" etwas irreführend. Tatsächlich enthält die CD 10 verschiedene Stücke, von denen die ersten 9 einen eindeutigen Marienbezug haben. Dieser Teil der Serie ist also quasi ganz der "marianischen Musik" Charpentiers gewidmet.

Im Einzelnen:
4 Marien-Antiphone (H 44- H 47)
Gebet von Vater Bernhard zur Heiligen Jungfrau (H 367)
Bittgebet (Litanei) zur Heiligen Jungfrau (H 83)
Magnifikat (H 76)
Pro omnibus festis B.V.M. (zu allen Festen der Seligsten Jungfrau Maria) (H 333)
Kleine Motette für die Heilige Jungfrau (H 30)
Fröhliches Osterlied (H 339).

Die Stücke sind alle wundervoll, mir persönlich gefallen der 2. und der 3. Antiphon (die von den vieren die beiden lieblicheren, innigeren sind) und das sehr ausdrucksstarke und ernste, gar nicht so sehr barocktypisch wirkende Magnifikat am Besten. Musikalisch am beeindruckendsten für tiefgründige Musikkenner sind wohl die beiden längsten Stücke der CD, nämlich die Litanei und das Osterlied, das im Übrigen auch nach meiner subjektiven Meinung aus den ohnehin schon schönen Stücken noch einmal besonders heraussticht.

Das Beiheft enthält die Texte der Stücke auf Latein, Französisch und Englisch und eine nicht allzu ausführliche, aber doch ganz informative Einführung (in denselben Sprachen, mit Deutsch statt Latein).


Violinkonzerte
Violinkonzerte
Preis: EUR 7,44

5.0 von 5 Sternen Zwei wundervolle Violinkonzerte, 1. Mai 2013
Von Amazon bestätigter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Violinkonzerte (Audio CD)
Die CD enthält das Violinkonzert Nr. 1 von Prokofieff in einer Aufnahme von 1935, das Violinkonzert in a-moll von Bloch in einer Aufnahme von 1939 und, auf dem Cover der CD gar nicht genannt, das "Porträt, op. 5" von Bartok, in einer Aufnahme von 1946.

Der Solist ist jeweils Joseph Szigeti, die begleitenden Orchester sind verschiedene, jeweils erstrangige. Das Konzert von Bloch ist speziell für Szigeti geschrieben, Komponist und Solist kannten und schätzten sich.

Die Aufnahmequalität der Stücke ist für ihr Alter sensationell gut. Natürlich hört man bei der ADD-CD, dass es sich um historische Aufnahmen handelt. Aber der Klang ist dennoch ausgezeichnet, man kann die Musik problemlos genießen und vergisst nach kurzer Zeit die leichten Nebengeräusche usw.

Mich haben sowohl die Qualität der Musik, als auch die des Spiels Szigetis, restlos überzeugt. Obwohl ich kein dezidierter Freund von Violinenmusik bin, war ich hier hingerissen davon, was der Künstler mit diesem Instrument macht. Die beiden Konzerte können im weiteren Sinne als eher "moderne" Musik bezeichnet werden. Auch hiervon bin ich nicht unbedingt ein Aficionado, gerade das Stück von Prokoffieff strengt manchmal durchaus die Ohren ganz schön an. Trotzdem war es unterm Strich für mich eine überraschenderweise absolut positive Doppelpremiere, denn ich hatte bis zu dieser CD nicht mal gewusst, dass es den Komponisten Bloch gibt. Prokoffieff kannte ich schon, hatte aber dieses Stück noch nie gehört. Das hat allerdings Geschmack auf mehr gemacht.

Am Rande: Bei einigen Passagen von Prokoffieff musste ich an die Filmmusik von "Ben Hur" denken und bei einer Passage von Bloch an die Erkennungsmelodie von "Star Trek". Vieleicht verrückt, aber vielleicht erkennt ja jemand, der das nach mir hört, auch Ähnlichkeiten...


Geistliche Werke Vol. 2
Geistliche Werke Vol. 2
Preis: EUR 7,44

4.0 von 5 Sternen Wunderbare Musik, zweifelhafte Anordnung, 1. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Geistliche Werke Vol. 2 (Audio CD)
Sowohl vom Komponisten als auch von seiner Darbietung durch "Le Concert Spirituel" unter Niquet bin ich restlos überzeugt, wie ich in anderen Kritiken bereits ausgeführt habe.

Der Titel der CD "Marienvesper" beruht, wenn ich das akzeptable Beiheft recht verstehe, darauf, dass die Herausgeber hier mittels verschiedener Musikstücke von Charpentier, die eigentlich nach Entstehungsdatum usw. recht heterogen sind, eine Vesper (warum es jetzt genau eine Marienvesper ist, erschließt sich mir nicht) gleichsam simuliert haben.

Der in Klöstern zelebrierte Vespergottesdienst hat eine bestimmte Form, bei der, im Kern, Antiphone mit Psalmrezitationen und ähnlichen Gesängen abwechseln. Die Herausgeber haben hier eine "Quasi-Vesper" "nachgebaut", indem sie (nicht von Charpentier stammende) kurze gregorianische Gesänge (Antiphone) aus dem damals zeitgenössischen Mönchs-Gesangbuch abwechselnd mit Psalmvertonungen von Charpentier (die im Gegensatz zu den Antiphonen vielstimmig und mit Instrumenten gesungen werden) bringen.

Obwohl die einzelnen Psalmvertonungen / Motetten von Charpentier hier wiederum ganz großartig sind (besonders begeistert mich das "Nisi Dominus", ein ohnehin wundervoller Psalm, der musikalisch ganz hervorragend und anrührend umgesetzt ist), und die Antiphone wahrscheinlich auch (die sollen hier nicht rezensiert werden), überzeugt mich diese Gesamtanordnung nicht.

Denn hier wird eine Vesper, also eine Art "Zwischen-Gottesdienst" in einem Mönchskloster simuliert, der insgesamt (weil natürlich jede einzelne Psalmvertonung von Charpentier ein Kunstwerk von einer gewissen Länge ist, der Psalm also nicht nur so runtergesungen wird) über 1 Stunde dauert und durch die vielen musikalischen Höhepunkte alles andere als mönchisch daherkommt. Zudem sind die Motetten instrumentiert und weisen auch Frauenstimmen auf; all das kann man sich in einer Kathedrale der damaligen Zeit bei einem prunkvollen Gottesdienst vielleicht vorstellen, aber als Vespergottesdienst in einem Kloster wirkt es wie eine Travestie.

Man hätte hier lieber einfach die schönen Motetten hintereinander setzen sollen.

Dafür gebe ich einen Stern Abzug.

Wen das nicht stört, der kriegt eine uneingeschränkte Kaufempfehlung


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