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Rezensionen verfasst von
Jérôme (Berlin)

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Zur Genealogie der Moral
Zur Genealogie der Moral
von Friedrich Nietzsche
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

5.0 von 5 Sternen " Wir sind uns unbekannt, wir Erkennenden, wir selbst uns selbst ", 19. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Zur Genealogie der Moral (Taschenbuch)
Friedrich Nietzsche ging es in seiner Streitschrift um keine Herleitung einer neuen Moral, sondern er wollte die etymologischen Vorraussetzungen und deren Entwicklungen der heutigen Wertebegriffe nachvollziehen, um die Motive des Menschen für sein heutiges Handeln freizulegen. Was verleiht einem Wert seinen Wert ?, fragt sich Nietztsche.
In der ersten Abhandlung seiner Genealogie, weist er zunächst die utilitaristische Moralkonzeption, die durch Nützlichkeit und Gewohnheit, den Werten ihre Bestimmung gibt zurück. Vielmehr spricht er von einem " Pathos der Distanz ", wonach in der Geschichte die Vornehmen und Mächtigen, sich zu den wertebestimmenden Instanzen erhoben haben und den Dingen ihren Namen aufsetzten. Es ist die Macht der Vergeltung, welche die, die sie auszuführen verstehen, bemächtigt Normen und Werte zu definieren, während die, welche sie nicht auszuführen verstehen und sich stattdessen unterdrücken lassen, als schlecht zu gelten haben. Auf diese Weise zeichnen sich die Guten, aufgrund ihres gemeinsamen Strebens nach Vergeltung, als eine gemeinschaftliche Kaste und die schlechten als eine ohnmächtige unterdrückte Masse aus.

Nietzsche möchte mithilfe eines hermeneutischen Verfahrens aufweisen, dass die Wertebestimmung keinen objektiven Maßstäben entspricht, sondern auf Spannungsverhältnissen in der Sprache zurückzuführen ist. Sein Ziel stellt die Entlarvung moralischer Sinngebungen dar, die durch einen philologischen Rückgang aufgedeckt werden können. Für Nietzsche haben Werte nichts mit richtig oder falsch zu tun, stattdessen stellen sie Interpretationen des Lebens dar, die sich durch unterschiedliche gesellschaftliche Ebenen aufschlüsseln lassen. Gut und schlecht, seien so das Etymologische Produkt, jeweiliger sozialer Gruppen, wie den Vornehmen gegenüber den Gemeinen, aus denen sich dann die verschiedenen moralischen Urteile ableiten lassen. Seine Genealogie stellt daher eine Semiotik der Entschlüsselung, der vorherrschenden Werte dar und zeigt im weiteren Verfahren, die Entstehung einer Sklavenmoral und die damit verbundene Rettung durch asketische Ideale auf.
Das ursprüngliche " Pathos der Distanz ", bei dem der leidende Sklave unter den Moralvorstellungen der Mächtigen zu leiden hatte, bewirkte die Entstehung eines Ressentiments, dass sich gezwungen sah, infolge seiner Sublimierung der Affekte, sich eine imaginäre, intellektuelle Welt zu phantasieren, um die Herrenmoral, inform einer Religion zu transzendieren. Diese Entwertung der Werte und die damit auftauchende nihilistische Grundtendenz, musste durch ein asketisches Ideal kompensiert werden, um der ziellosen Leere, dem " Horror Vacui " zu entkommen. Denn ohne ein Ziel geht der menschliche Wille zugrunde, " und eher will er noch das Nichts wollen, als nicht wollen ", formuliert Nietzsche zu Beginn des dritten Abschnittes. Das asketische Ideal vermag es, dem degenerierenden Leben der heillosen Menschen wieder Hoffnung zu verleihen und der diesseitigen, sinnlichen Welt, eine jenseitige, höhere Welt gegenüberzustellen.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass der nach Sinn und Auslegung bedürftige Mensch, die christlichen moralischen Werte, wie Nächstenliebe, Askese und Mitleid vom priesterlichen Demagogen gerne annahm. Doch Nietzsche sieht hierbei die Gefahr, dass die Höherwertigen, Mächtigen und Erhabenen, durch die Vorherrschaft des Ressentiments, ebenfalls zu einer Art domestizierten Haustieres verkommen, die dann schließlich alle einer wohlgeformten Masse gleichen.
Am Ende möchte ich Nietzsche selber noch einmal zu Wort kommen lassen, um seinen Ausblick auf eine Welt jenseits der Ideale zu zeigen. Einer Welt des zukünftigen Übermenschen, die Heimat seines Zarathustra.

" Dieser Mensch der Zukunft, der uns ebenso vom bisherigen Ideal erlösen wird, als von dem, was aus ihm wachsen musste, vom großen Ekel, vom Willen zum Nichts, vom Nihilismus, dieser Glockenschlag des Mittags und der großen Entscheidung, der den Willen wieder frei macht, der der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückgibt. "


Verbrechen und Strafe: Roman
Verbrechen und Strafe: Roman
von Fjodor M. Dostojewskij
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Gehorche, bebendes Geschöpf, und wünsche nicht; denn das ist nicht deine Sache ", 15. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Verbrechen und Strafe: Roman (Taschenbuch)
Der Protagonist Rodion Raskolnikoff betrachtet sich trotz dürftiger finanzieller, wie materieller Mittel, als ein über der Gesellschaft stehendes Individuum, dem es obliegt, dass normale Volk nach seinen eigenen moralischen Grundprinzipien zu behandeln. Aufgrund seiner intellektuellen Veranlagung, die ihn vollkommener und wichtiger gegenüber der normalen Masse erscheinen lässt, fühlt er sich als eine Art Übermensch, dem es gewährt ist, seinen Überschuss an Lebenskraft und Macht, in die Entstehung neuer Werte einfließen zu lassen.
Anstatt jedoch sein wertvolles Potential, für eine Verbesserung der Bedingungen an der Gesellschaft zu verwenden, nutzt er seine sich selber zugeschriebenen Sonderprivilegien, für den Gedanken an einen Mord. Sein Vorhaben gründet sich auf die These, dass er, der Außergewöhnliche, während der Tat unumschränkter Herr über Verstand und Willen bleiben wird und nicht zu denen gehört, die sich einer Schuld bewusst wären. Sein Mordopfer ist eine geizige, böse und egoistische Pfandleiherin, die für Raskolnikoff den Inbegriff einer " Laus ", einer für ihn wertlos erscheinenden Person darstellt, über deren Leben die außergewöhnlichen Menschen sich einfach hinwegsetzen können.
Während des Tatvorgangs überkommt ihn allerdings doch jener Wahnzustand, den er bei sich ausgeschlossen sah, so befällt ihn ein Taumel, die Arme werden kraftlos, sogar sein Beil kann er kaum noch halten. Mit seinem angestrebten Beweis also, zu zeigen, dass er, einem Napoleon ähnlich, die Kontrolle über sich behält, muss er nun feststellen, dass er im grunde selber zu den gewöhnlichen, lediglich die Gattung erhaltenden Menschen zählt.
Dieses Scheitern, einer sich selber entworfenen Ideologie, finden wir auch in Dostojewskis Roman, der Jüngling wieder. Auch dort wird eine Idee, welche den Anspruch einer Lebensmaxime erwecken sollte, durch Erfahrungen mit der Gesellschaft, transformiert. Für Arkadij Dolgorukij, den Protagonisten, kommt es jedoch zu einer positiven Angleichung, während das Scheitern Raskolnikoffs fatale Folgen bewirkt.
Für den Täter beginnt nun ein Prozess, der einerseits von dem Bemühen geprägt ist, sich selber das Verbrechen zu verheimlichen, aber andererseits, sich auch der unbewussten Strebungen, die zu einem Geständniszwang hinstreben, bewusst zu werden. Genau diesen Konflikt veranschaulicht Dostojewski nun und lässt den Leser diesem traumatischen Leidensweg beiwohnen und schafft es paradoxerweise, sogar gewisse empathische Mitleidsgefühle für den Täter hervorzurufen. Dieser wird nun kurze Zeit später auf das Revier gebeten, allerdings wegen eines anderen, nicht zum Mord in Verbindung stehenden Sachverhaltes. Doch sein paranoider Zustand zeichnet sich bald durch Selbstverrat induzierende Indikatoren aus, so das der ermittlungsführende Staatsanwalt, Porfiriy Petrowitsch, sich nicht nur der Schuld Raskolnikoffs sehr schnell bewusst wird, sondern auch der Faktoren seines psychologischen Geständnisprozesses. In Folge nimmt er die Rolle eines modernen Psychotherapeuten ein, der durch subtile Suggestionen, das Schuldbekenntnis im Täter immer weiter vorantreibt, bis der Täter schließlich selber seine Schuld gesteht. Letztendlich muss Raskolnikoff einsehen, dass sein theoretisches Konstrukt, einer praktischen Überprüfung nicht standhällt. Eine Laus bleibt halt eine Laus.
Insgesamt ein sehr gelungenes Meisterwerk, welches anregt über Moral und Ethik zu philosophieren, aber auch einen tiefen Einblick in das Bewusstsein eines Täters gibt. Diesen Klassiker sollte man auf jeden Fall einmal gelesen haben.


Aufzeichnungen aus einem Totenhause
Aufzeichnungen aus einem Totenhause
von Fjodor M Dostojewskij
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,00

5.0 von 5 Sternen " Überall gibt es schlechte Menschen, und unter den schlechten auch Gute ", 15. März 2014
Was ist Dostojewski in jenen Jahren seiner Gefangenschaft wiederfahren, wodurch seine großen Werke später so grundlegend bestimmt werden sollten. Welchen kostbaren Erfahrungen und Einflüssen, verdanken wir Werke wie " Schuld und Sühne ", " Die Dämonen ", oder " Die Brüder Karamasoff ".
Es sind seine " Aufzeichnungen aus einem Totenhaus ", die einen autobiographischen Aufschluss darüber geben, woher er seinen Ideenreichtum und seine Menschenkenntnis bezog. Speziell die Analysierung des Verbrechens, das Überschreiten jener Grenze, die einen Täter zu jenem plötzlichen Sprung in einen anderen Bereich des menschlichen Lebens verleiten, wie es ein Raskolnikoff beispielsweise tat, finden hier ihre Motive für jenen Absprung. Die Veranlassung für Dostojewskis Deportation ins sibirische Gefängnis, ist auf die revolutionären, frühsozialistischen Aktivitäten bei den Petraschewzen, einem Kreis bei denen sich junge Intellektuelle trafen, zurückzuführen. Nachdem es der Regierung des Zaren Nikolaus gelungen war, einen Spitzel in die Gruppe einzuschleusen, kam es auch schon bald zur Aufdeckung der Verschwörung. 15 von ihnen, darunter Dostojewski, wurden schließlich zum Tode verurteilt. Am Tag der Hinrichtung kam es allerdings lediglich zu einer Inszenierung, bei der die Verurteilten, die sich schon im Jenseits gesehen haben, im letzten Moment begnadigt und ihre Strafen in jahrelange Haft umgewandelt wurden. Seine vierjährige Haftstrafe im sibirischen Omsk, bildet schließlich die Grundlage seiner Aufzeichnungen, die aufgrund der starken Zensur, die Gründe für seine Verhaftung nicht thematisieren. Stattdessen werden die Erlebnisse im sibirischen Ostrogg durch einen unbekannten Ich-Erzähler vorgetragen, der die Aufzeichnungen aus der Perspektive des Protagonisten Alexander Petrowitsch Gorjantschikoff wiedergibt, der wegen eines Mordes zu zehn Jahren Haft verurteilt wurde.
Im Folgenden werden nun Eindrücke, Erlebnisse, Dialoge zwischen den Häftlingen, Charakterisierungen der Täter, die Hierachie der Wachhabenden und auch die Verbrechen selbst thematisiert. Der vorherrschende Konsens, nachdem die schwere Arbeit, das schlechte Essen oder die mangelnde Hygiene die Gefangenschaft so unerträglich machen, ist es vielmehr dem Umstand zuzuschreiben, dass die fehlende Privatsphäre und die damit zusammenhängende Schwierigkeit sich vor der Masse zurückzuziehen , als eigentliches Hauptproblem angesehen werden sollte.
Die von Sartre geprägte Maxime, " Die Hölle, das sind die anderen ", spiegelt hervorragend Dostojewskis Quintessenz, über das Zusammenleben in der Gefangenschaft wieder. Es ist die zermürbende Zwangsgemeinschaft, welche den Häftlingen jegliche Privatsphäre entzieht und sie einer beständigen Interaktion mit den anderen Insassen aussetzt. Eine weitere schmerzliche Erfahrung, die das Einleben für Dostojewski sehr erschwerte, war die soziale Hierachie, die ihm, der aus adligen Verhältnissen stammte, von den anderen Häftlingen Spott und Hass einbrachte.
Doch neben diesen Erfahrungen, scheinen immer wieder auch Momente der Menschlichkeit durch, wie dem Weihnachtsfest, bei dem brüderlich geteilt wurde oder Theateraufführungen, denen die Häftlinge mit kindlichem Staunen und Vergnügen beiwohnten. Selbst unter den gemeinsten Häftlingen, schimmern nicht für möglich gehaltene Züge durch, so das Dostojewski geneigt ist zu sagen, " Überall gibt es schlechte Menschen, und unter den schlechten auch Gute " . Zeit seines Lebens wird er an seinem Ideal der Christlichkeit und an das Leben in einer friedlichen, menschenachtenden Gemeinschaft festhalten.
Insgesamt sehr interessante Aufzeichnungen, die den Leser verstehen lassen, welchen Einfluss die Gefangenschaft, für sein späteres Schaffen hatte, aber auch einen tiefen Einblick in die Psyche eines Verbrechers geben.


Schuld und Sühne (Roman)
Schuld und Sühne (Roman)
von Fjodor Dostojewski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen " Gehorche, bebendes Geschöpf, und wünsche nicht; denn das ist nicht deine Sache ", 12. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Schuld und Sühne (Roman) (Gebundene Ausgabe)
Der Protagonist Rodion Raskolnikoff betrachtet sich trotz dürftiger finanzieller, wie materieller Mittel, als ein über der Gesellschaft stehendes Individuum, dem es obliegt, dass normale Volk nach seinen eigenen moralischen Grundprinzipien zu behandeln. Aufgrund seiner intellektuellen Veranlagung, die ihn vollkommener und wichtiger gegenüber der normalen Masse erscheinen lässt, fühlt er sich als eine Art Übermensch, dem es gewährt ist, seinen Überschuss an Lebenskraft und Macht, in die Entstehung neuer Werte einfließen zu lassen.
Anstatt jedoch sein wertvolles Potential, für eine Verbesserung der Bedingungen an der Gesellschaft zu verwenden, nutzt er seine sich selber zugeschriebenen Sonderprivilegien, für den Gedanken an einen Mord. Sein Vorhaben gründet sich auf die These, dass er, der Außergewöhnliche, während der Tat unumschränkter Herr über Verstand und Willen bleiben wird und nicht zu denen gehört, die sich einer Schuld bewusst wären. Sein Mordopfer ist eine geizige, böse und egoistische Pfandleiherin, die für Raskolnikoff den Inbegriff einer " Laus ", einer für ihn wertlos erscheinenden Person darstellt, über deren Leben die außergewöhnlichen Menschen sich einfach hinwegsetzen können.
Während des Tatvorgangs überkommt ihn allerdings doch jener Wahnzustand, den er bei sich ausgeschlossen sah, so befällt ihn ein Taumel, die Arme werden kraftlos, sogar sein Beil kann er kaum noch halten. Mit seinem angestrebten Beweis also, zu zeigen, dass er, einem Napoleon ähnlich, die Kontrolle über sich behält, muss er nun feststellen, dass er im grunde selber zu den gewöhnlichen, lediglich die Gattung erhaltenden Menschen zählt.
Dieses Scheitern, einer sich selber entworfenen Ideologie, finden wir auch in Dostojewskis Roman, der Jüngling wieder. Auch dort wird eine Idee, welche den Anspruch einer Lebensmaxime erwecken sollte, durch Erfahrungen mit der Gesellschaft, transformiert. Für Arkadij Dolgorukij, den Protagonisten, kommt es jedoch zu einer positiven Angleichung, während das Scheitern Raskolnikoffs fatale Folgen bewirkt.
Für den Täter beginnt nun ein Prozess, der einerseits von dem Bemühen geprägt ist, sich selber das Verbrechen zu verheimlichen, aber andererseits, sich auch der unbewussten Strebungen, die zu einem Geständniszwang hinstreben, bewusst zu werden. Genau diesen Konflikt veranschaulicht Dostojewski nun und lässt den Leser diesem traumatischen Leidensweg beiwohnen und schafft es paradoxerweise, sogar gewisse empathische Mitleidsgefühle für den Täter hervorzurufen. Dieser wird nun kurze Zeit später auf das Revier gebeten, allerdings wegen eines anderen, nicht zum Mord in Verbindung stehenden Sachverhaltes. Doch sein paranoider Zustand zeichnet sich bald durch Selbstverrat induzierende Indikatoren aus, so das der ermittlungsführende Staatsanwalt, Porfiriy Petrowitsch, sich nicht nur der Schuld Raskolnikoffs sehr schnell bewusst wird, sondern auch der Faktoren seines psychologischen Geständnisprozesses. In Folge nimmt er die Rolle eines modernen Psychotherapeuten ein, der durch subtile Suggestionen, das Schuldbekenntnis im Täter immer weiter vorantreibt, bis der Täter schließlich selber seine Schuld gesteht. Letztendlich muss Raskolnikoff einsehen, dass sein theoretisches Konstrukt, einer praktischen Überprüfung nicht standhällt. Eine Laus bleibt halt eine Laus
Insgesamt ein sehr gelungenes Meisterwerk, welches anregt über Moral und Ethik zu philosophieren, aber auch einen tiefen Einblick in das Bewusstsein eines Täters gibt. Diesen Klassiker sollte man auf jeden Fall einmal gelesen haben.


Schuld und Sühne: Roman
Schuld und Sühne: Roman
von Fjodor M. Dostojewskij
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,90

5.0 von 5 Sternen "Gehorche, bebendes Geschöpf, und wünsche nicht; denn das ist nicht deine Sache ", 12. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Schuld und Sühne: Roman (Taschenbuch)
Der Protagonist Rodion Raskolnikoff betrachtet sich trotz dürftiger finanzieller, wie materieller Mittel, als ein über der Gesellschaft stehendes Individuum, dem es obliegt, dass normale Volk nach seinen eigenen moralischen Grundprinzipien zu behandeln. Aufgrund seiner intellektuellen Veranlagung, die ihn vollkommener und wichtiger gegenüber der normalen Masse erscheinen lässt, fühlt er sich als eine Art Übermensch, dem es gewährt ist, seinen Überschuss an Lebenskraft und Macht, in die Entstehung neuer Werte einfließen zu lassen.
Anstatt jedoch sein wertvolles Potential, für eine Verbesserung der Bedingungen an der Gesellschaft zu verwenden, nutzt er seine sich selber zugeschriebenen Sonderprivilegien, für den Gedanken an einen Mord. Sein Vorhaben gründet sich auf die These, dass er, der Außergewöhnliche, während der Tat unumschränkter Herr über Verstand und Willen bleiben wird und nicht zu denen gehört, die sich einer Schuld bewusst wären. Sein Mordopfer ist eine geizige, böse und egoistische Pfandleiherin, die für Raskolnikoff den Inbegriff einer " Laus ", einer für ihn wertlos erscheinenden Person darstellt, über deren Leben die außergewöhnlichen Menschen sich einfach hinwegsetzen können.
Während des Tatvorgangs überkommt ihn allerdings doch jener Wahnzustand, den er bei sich ausgeschlossen sah, so befällt ihn ein Taumel, die Arme werden kraftlos, sogar sein Beil kann er kaum noch halten. Mit seinem angestrebten Beweis also, zu zeigen, dass er, einem Napoleon ähnlich, die Kontrolle über sich behält, muss er nun feststellen, dass er im grunde selber zu den gewöhnlichen, lediglich die Gattung erhaltenden Menschen zählt.
Dieses Scheitern, einer sich selber entworfenen Ideologie, finden wir auch in Dostojewskis Roman, der Jüngling wieder. Auch dort wird eine Idee, welche den Anspruch einer Lebensmaxime erwecken sollte, durch Erfahrungen mit der Gesellschaft, transformiert. Für Arkadij Dolgorukij, den Protagonisten, kommt es jedoch zu einer positiven Angleichung, während das Scheitern Raskolnikoffs fatale Folgen bewirkt.
Für den Täter beginnt nun ein Prozess, der einerseits von dem Bemühen geprägt ist, sich selber das Verbrechen zu verheimlichen, aber andererseits, sich auch der unbewussten Strebungen, die zu einem Geständniszwang hinstreben, bewusst zu werden. Genau diesen Konflikt veranschaulicht Dostojewski nun und lässt den Leser diesem traumatischen Leidensweg beiwohnen und schafft es paradoxerweise, sogar gewisse empathische Mitleidsgefühle für den Täter hervorzurufen. Dieser wird nun kurze Zeit später auf das Revier gebeten, allerdings wegen eines anderen, nicht zum Mord in Verbindung stehenden Sachverhaltes. Doch sein paranoider Zustand zeichnet sich bald durch Selbstverrat induzierende Indikatoren aus, so das der ermittlungsführende Staatsanwalt, Porfiriy Petrowitsch, sich nicht nur der Schuld Raskolnikoffs sehr schnell bewusst wird, sondern auch der Faktoren seines psychologischen Geständnisprozesses. In Folge nimmt er die Rolle eines modernen Psychotherapeuten ein, der durch subtile Suggestionen, das Schuldbekenntnis im Täter immer weiter vorantreibt, bis der Täter schließlich selber seine Schuld gesteht. Letztendlich muss Raskolnikoff einsehen, dass sein theoretisches Konstrukt, einer praktischen Überprüfung nicht standhällt. Eine Laus bleibt halt eine Laus
Insgesamt ein sehr gelungenes Meisterwerk, welches anregt über Moral und Ethik zu philosophieren, aber auch einen tiefen Einblick in das Bewusstsein eines Täters gibt. Diesen Klassiker sollte man auf jeden Fall einmal gelesen haben.


Die Welt als Wille und Vorstellung: Gesamtausgabe
Die Welt als Wille und Vorstellung: Gesamtausgabe
von Ludger Lütkehaus
  Taschenbuch
Preis: EUR 22,90

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Wille zur Kunst !, 8. März 2014
Schopenhauer war auf der Suche nach den Bestandteilen, welche die Welt in ihrem Innersten zusammenhalten. Anders als seine philosophischen Vorgänger, die den Geist für die alles zusammenhaltende kraft definierten, war Schopenhauer auf eine andere Ontologie gestoßen, die bei den Vertretern des damals vorherrschenden deutschen Idealismus für großen Unmut sorgte. Schopenhauer löste eine lange Tradition ab, welche sich durch den fragenden Geist , der Welt zu nähern gedachten. Doch auf diese Weise kratzte man bloß an der Oberfläche der Dinge, so der Philosoph, das Wesen jedoch sei so gänzlich unerkennbar. Sein Hauptwerk, welches den kühnen Titel " Die Welt als Wille und Vorstellung " trägt, brachte eine neue Perspektive auf die Sicht der Dinge.
Es ist in vier Bücher eingeteilt und beginnt bei der Vorstellung. Diese zerspringt nun in ein erkennendes, aber nie erkanntes Subjekt und in ein Objekt, das immer auf ein Subjekt bezogen ist. Beeinflusst durch Kant, sieht auch Schopenhauer die Welt der Objekte durch Raum, Zeit und Kausalität geprägt, welche a priori im Subjekt bereitliegen und die Form der Wirklichkeit konstituieren. Auf diese Weise jedoch, kritisiert Schopenhauer, gleichen wir einem, der von außen dem Wesen der Dinge beizukommen versucht, aber nichts als Bilder und Begriffe gewinnt. Das zweite Buch stellt nun den Versuch dar in das Innere vorzustoßen und die Welt unabhängig der Vorstellungen zu betrachten.
Was ist die Welt und was hat es mit dem Sein auf sich, fragt sich der Autor. Für Kant war es unmöglich das sogenannte Ding an sich zu erkennen, da diesem keine Anschauung in Raum und Zeit zugrunde liegt. Schopenhauer teilt zu einem gewissen Grad diese Ansicht, wendet jedoch ein, dass wir, die Erkennenden von unserem eigenen Wollen Erkenntnis haben.
Diese Anschauung, die weder räumlich noch leer ist, sondern realer als irgend eine andere, stellt eine Möglichkeit dar, äußere Vorgänge aus dem inneren zu verstehen. Mittels dieser Introspektion, meint er, einen Schlüssel gefunden zu haben, um sich dem Ding an sich zu nähern.
Der Wille schafft sich im Intellekt ein Werkzeug, sich selbst und sein Wollen zu erkennen. Er benötigt ihn, um die erscheinende Welt als einen Spiegel seiner Objektivation in ihm aufzufassen. Bei Descartes verbürgt das Denken das Sein, ich denke also bin ich, anders Schopenhauer, bei ihm ist es der allem zugrunde liegende, ziellose Wille, der die Essenz der Welt ausmacht.
Der Ton des Buches wird nun zunehmend pessimistischer. In allen Dingen waltet, so Schopenhauer eine Art Urwille. Ob Pflanzen, Tiere oder Menschen , der Wille verwirklicht sich als waltende Kraft und schafft sich im Menschen ein Selbstbewusstsein, um sich seiner bewusst zu werden. Dieser immer wollende, aber nie zufriedene Wille, der unnachgiebig von neuen quälenden Wünschen getrieben wird, kann einzig in der Überwindung durch Kontemplation verneint werden, wodurch ein innerer Friede erreicht werden kann. Zum schauenden Weltauge sollen wir werden, so Schopenhauer und die reinen aller Wirklichkeit vorangehenden Äüßerungen des Urwillens erkennen. In der Kunst sieht er diesen Blick auf die Ideen realisiert.
Ein philosophischen Meisterwerk, welches sich am besten mit Vorkenntnissen zu Kant und Platon lesen lässt.


Massenpsychologie und Ich-Analyse
Massenpsychologie und Ich-Analyse
von Sigmund Freud
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,95

5.0 von 5 Sternen Und wieder wird der Mensch ein Stück mehr entzaubert., 7. März 2014
Die Aktualität der Massenpsychologie scheint sich im momentanen Zeitalter in ihrer vollkommensten Ausprägung zu befinden. Die Diversität an politischen Parteien, Ideologien und Institutionen bekundet sich in einer so großen Mannigfaltigkeit wie noch nie zuvor. Sigmund Freud analysiert nun in diesem Essay die psychischen Mechanismen, die das Wesen einer Masse bestimmen. Sein Vorhaben stützt sich dabei auf die Vorarbeit von Gustave Le Bon und sein Werk Psychologie der Massen. Le Bon zeigt auf, dass das Individuum mit dem Eintreten in eine Masse, einer grundlegenden Transformation unterzogen wird, die zu einer Regression der Kulturstufe führen kann. Die Rede ist von einem Durchbrechen des Unbewussten, einem Gewissens-und Verantwortungsverlust und hoher Suggestibilität.
Freud verlagert nun die Perspektive auf die Masse insgesamt und räumt ihr eine Macht ein, die sogar den Selbsterhaltungstrieb überwinden kann. Allerdings bemerkt er neben den negativen Eigenschaften, wie der Autoritätsgläubigkeit, dem Allmachtsglauben und einem Verlust von Intelligenz, auch positive Auswirkungen. So sieht in der Masse das Individuum von seinem persönlichem Vorteil ab und zeigt sich uneigennützig. Zwar sei das intellektuelle Niveau tiefer, aber das ethische Verhalten könne ein deutlich höheres Niveau erreichen, muss es aber nicht zwingend. Um eine Masse zu leiten bedarf es eines Anführers, der, wie Le Bon sagt, dass nötige Prestige besitzen muss, um dem Menschen die Fähigkeit zur Kritik zu nehmen und sie stattdessen mittels Wortmagie und Charisma zu faszinieren. Freud gehen diese Betrachtungen noch nicht weit genug, speziell das Einbezogensein in Institutionen sieht er nicht als einen Regress in der Kulturstufe an, sondern hebt diese kulturelle Leistung gerade hervor. Mit der Einführung des Begriffes der Libido, möchte Freud das Wesen der Massenseele genauer erkunden. Er geht davon aus, dass die Liebestriebe der Individuen in der Masse von ihrem Ziel abgelenkt werden und ihre Energie deswegen auf ein Ersatzobjekt konvertieren.
Anhand der Identifizierung und der Verliebtheit demonstriert Freud nun diese Sublimierung. Erstere bewirkt in der Masse eine Gefühlsbildung der einzelnen Menschen zueinander, aufgrund der Gemeinsamkeit an den Führer, der als Identifizierungsobjekt in das Ich introjiziert wird. Bei der Verliebtheit kommt es zur Idealisierung des Objektes, welches schließlich wie das eigene Ich behandelt wird, nur das in diesem Fall ein Teil der narzisstischen Libido auf das Objekt überfließt. Das durch Vollkommenheit geprägte Ich-Ideal des Führers dient der Masse, zur Befridigung seines Narzissmus.
Allerdings kann das Ich-Ideal, durch das Gefühl des immer wertvoller werdenden Objektes, von einem selber derart Besitz ergreifen, dass unser eigenes Ich, auf Kosten des Ich-Ideals immer weiter verkümmert und in Melancholie umschlagen kann. Die Masse vervielfältigt diesen Prozess und so kommt Freud auf seine Formel " Eine primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ich-Ideals gesetzt und sich infolge dessen miteinander identifiziert haben. " Ähnlich einer Zelle, die sich mit anderen Zellen zusammenschließt und einen neuen Organismus bildet, mit neuen Eigenschaften.
Insgesamt ein hochinteressantes Buch welches den Leser zukünftig Menschenansammlungen mit völlig anderen Augen sehen lässt. Schonungslos deckt Freud die Mechanismen auf, die Religionen und Heere funktionieren lassen. Entzauberndes Meisterwerk.


Der Idiot: Roman (insel taschenbuch)
Der Idiot: Roman (insel taschenbuch)
von Fjodor Dostojewski
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,50

5.0 von 5 Sternen Um die Vollkommenheit zu erreichen, muss man zuerst vieles nicht verstehen., 5. März 2014
Wer ist dieser Fürst Myschkin, der einem von Beginn an sympathisch erscheint, dieser Sonderling, welcher eine kindliche Unschuld verkörpert und des Öfteren mit seiner daraus resultierenden Naivität den Leser durchweg entzückt. Dieser ganz besondere Mensch scheint der Inbegriff des schönen und guten Idealmenschen zu sein, so das es nicht so abwegig erscheint eine Parallele zu Jesus zu sehen. Seine Kindheit ist geprägt durch eine Isolation vor der Gesellschaft und ihren Konventionen. Genau diese fehlende Unterweisung in ihre Normen, wird sich in seinen späteren Handlungen hoffnungslos auswirken. Schon zu Beginn seiner Ankunft in Russland wird er Teil eines Prozesses, der durch unerwartete Geschehnisse, einer verborgenen Kausalität zu Folgen scheint, die den Fürsten in eine Welt hineinzieht und ihn nicht mehr loslassen wird. Durch seine unbekümmerte und liebevolle Art wird er schon bald in die soziale Gruppe der Familie Jepantschin involviert.
Es ist seine ungeheure Authentizität, welche der eines Kindes gleicht, die sofort durchblicken lässt, dass er nicht versucht einer entfernten Idealgestalt zu gleichen, sondern vielmehr ohne jeglichen Schein seine Natürlichkeit offenbart. Diese sanftmütige Offenherzigkeit lässt ihn anfällig machen für Intrigen, ganz dem Motto folgend " der Ehrliche ist der Dumme ". Im folgenden Romanverlauf wird er zu einer Art Instanz bei der man sein Leid plagt und sich einen Rat einholt. Er ist niemandem abgeneigt, ob es sein Gegenspieler Rogoshin ist, der ihn sogar umbringen wollte oder eine Gruppe, die sich durch nihilistisches Gedankengut auszeichnet.
Doch Dostojewski zeichnet noch einen anderen Charakter, der zeigt, dass sich das fehlen einer gesellschaftlichen Erziehung auch in einen komplett konträren Phänotypen umschlagen kann. Zu diesen Personen gehört die große Liebe des Fürsten Nastassja Filippowna, die die Regeln der Gesellschaft auf eine andere Art und Weise kompromittiert. Ihre charakterlichen Grundzüge zeichnen sich durch intrigantes, rebellenhaftes, aber auch wahnsinniges Verhalten aus. Fürst Myschkin entdeckt allerdings noch etwas anderes an dieser Frau. Bei der Betrachtung einer Fotografie Nastassjas sprechen ihn grenzenloser Stolz, aber auch etwas erstaunlich Gutherziges an, was in ihm mitleidige Gefühle für sie hervorruft. Nastassja entwickelt ebenfalls eine Liebe zu ihm, befürchtet jedoch seine göttliche Unschuld zu verderben und gibt sich daraufhin dem machtgierigen Rogoshin hin, den sie aber immer wieder versetzt und zwischenzeitlich zum Fürsten zurückkehrt. Es entsteht eine komplizierte Dreiecksbeziehung die sich tragisch entwickeln wird.
Das knapp 1000 Seitige Werk ist durch eine große Vielzahl an Charakteren geprägt, die so unfassbar psychologisch durchleuchtet werden, dass man als Leser einfach nur über die ungeheure Menschenkenntnis Dostojewskis staunen kann. Es scheint als würde der Autor über eine ganz besondere Anlage zur Empathie verfügen, mit der er seine Protagonisten so realistisch darzustellen vermag. Der Roman ist größtenteils durch sehr lange Dialoge geprägt, die gerne mal 150 Seiten lang sein können, dennoch schafft er es aber an manchen Stellen den Leser durch seine Erzählweise so zu fesseln, dass man sich als ein Teil des Dialoges fühlt und sich in das 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Geniales Meisterwerk.


Ein grüner Junge
Ein grüner Junge
von Fjodor M. Dostojewskij
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen " Um so schöner ist es noch, als es ein Geheimnis ist ", 5. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Ein grüner Junge (Taschenbuch)
Der Protagonist Arkadij Dolgorukij ist das Sinnbild des jungen, ausgeschlossenen, von großen Minderwertigkeitskomplexen und Deklassierungen geprägten, leidenden Jünglings. Ins Leben gerufen wurde dieses Persöhnlichkeitsbild, aufgrund von Demütigungen, die auf seine uneheliche Geburt zurückzuführen sind und seinem Lehrer dadurch Anlass für Demütigungen und Beleidigungen gaben. Diese Ereignisse initiierten schließlich das klassische Zurückziehen in die Welt des Imaginären und Phantastischen. Er zieht sich in seine metaphorische Höhle zurück und entwickelt seine sogenannte " Idee ", so reich wie ein Rothschild zu werden. Seine Idee offenbart jedoch schnell den intellektuellen Vorwand, dem dunklen Triebleben zu entsagen und sich an der Gesellschaft zu rächen. Dieses Vergeltungsstreben ruft jedoch die Sehnsucht nach Anerkennung hervor und fördert in dem durchaus intelligenten Arkadij, den Willen zur Macht über andere.
Einer Einladung nach St. Petersburg folgend, entsteht nach und nach eine intensiver werdende Beziehung zu seinem Vater, den er bis dahin kaum kannte und muss sein bis dahin projiziertes und idealisiertes Bild von ihm, schließlich der Realität angleichen, wodurch zwischenzeitlich Komplikationen hervorgerufen werden. Doch Werssiloff ist nicht nur der selbstherrliche, weise Retter, der seinem Sohn aufzeigt, dass das Verfolgen von starken Ideen, nur einer Flucht vor dem praktischen Leben dienen und man sich in seinen Anschauungen auch hoffnungslos verlieren kann. Er erweist sich auch als der Nebenbuhler, um die von beiden begehrte Katharina. Sehr zum Unwillen von Arkadij, der unterschwellig die Absicht einer Familienzusammenführung anstrebt. In St. Petersburg fällt dem jungen, unerfahrenen und weltabweisenden Arkadij unabsichtlich ein wertvolles Dokument in die Hände, das ihn plötzlich zu einem wichtigen und einflussreichen Akteur macht. Mit einem Mal obliegt es seiner Macht, dass Schicksal anderer Menschen zu beeinflussen und genau danach sehnte er sich unbewusst. Doch sein Machtstreben mündet schon bald im Glücksspiel und in der Zusammenkunft mit Gaunern, vor allem sein früherer Schulfreund Lambert kommt zufällig hinter die Wichtigkeit jenes Dokumentes und beginnt einen intriganten Plan zu entwerfen, wodurch er auf hohen Profit spekuliert.
Nachdem sich das Beziehungsgeflecht immer weiter zuspitzt und ständig neue Ansichten und Parameter die Situation unübersichtlich machen, fragt sich Arkadij in einem reflektierten Moment," wie es denn gekommen ist, dass so plötzlich eine ganz neue Welt angefangen hat." In diesem Moment kommt ihm wieder seine Idee zu Bewusstsein, der Gesellschaft zu entsagen und zurück zur Finsternis und Einsamkeit zu gelangen. Es kommen ihm jedoch Zweifel, ob diese Rückkehr noch möglich ist und so lässt er schon bald seinen Idealismus zurück und widmet sich seinem Plan die Familie wieder zusammenzuführen.
Den Romanverlauf bekommt der Leser durch die Perspektive des Ich-Erzählers Arkadij geschildert, der durch ständige Vorgriffe, Rückblicke und Einschübe, dazu vielen Kleinigkeiten, einen flüssigen Ablauf sehr erschwert. Doch Arkadijs Perspektive der Erzählung, zeichnet sich auch durch Unwissenheit und Unreife aus, wodurch er das Verständnis der Personenkonfigurationen zusätzlich erschwert. So gibt es keine klaren Gewissheiten oder ein Vertrauen in die Intentionen und Motivationen der Personen. Meiner Ansicht nach, sollte man Dostojewskis Brillianz in diesem Werk eher in den genialen Dialogen, die sich in engen Dachkammern oder am Spieltisch abspielen, suchen, anstatt sich in der hohen Intertextualität zu verlieren.


Wahrheit und Existenz von Elkaïm-Sartre, Arlette (1998) Taschenbuch
Wahrheit und Existenz von Elkaïm-Sartre, Arlette (1998) Taschenbuch
von Arlette Elkaïm-Sartre
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Eine Wahrheit ist nicht geworden, sie ist werdend. Und am Ende stirbt sie., 28. Februar 2014
Wer sich an dieses Werk heranwagt ohne philosophische Vorkenntnisse zu haben, der wird dieses Buch schon nach dem ersten Satz resignierend wieder weglegen. So verlangt uns Sartre, Hegels Theorien der Phänomenologie des Geistes und seinen Begriffsterminologien des An-Sich und Für-Sich, Heideggers Wahrheitsphilosophie, aber auch Sartres eigenes großes Hauptwerk " Das Sein und das Nichts " ab. Wenn man diese Hürde meint schon genommen zu haben, wird man sich zwar auf Inseln des Verständnisses flüchten können, aber dennoch von dieser Art und Weise des Denkens völlig überwältigt werden, aufgrund der so ungewohnten Trivialität, bei der man dennoch den Eindruck vermittelt bekommt, als würde einem Sartre, über allen Dingen stehend, die Welt aus einem unbeteiligten Standpunkt erklären. Wahrheit und Existenz , welches 1948 geschrieben, aber erst posthum veröffentlicht wurde, stellt Sartres Denken zwischen seinen zwei großen Hauptwerken dar.
Wie soll man zur Wahrheit stehen, wenn sie weder einer göttlichen Offenbarung, noch einem historisches Ziel, entlehnt wurde.
Wie steht der Mensch zu ihr und in welchen Bezügen interagiert er mit ihr. Sartre hat sich viel vorgenommen, aber er beginnt zunächst bei einem Zustand in welchem wir als aktive Bewusstseine uns aus der schon enthüllten Wirklichkeit mittels interindividueller Urteile über die Objekte verständigen. Wahrheit, so sagt Sartre, ist etwas das nicht einfach geworden ist , sondern sie wird im Lebensvollzug als Gefahr, Anstrengung, aber auch als wissenschaftlich erlebt. Der Mensch besitzt die Gabe seine Wahrheiten, als seine Geschichte anderen weiterzugeben. Auf diese Weise lebt sie in anderen Bewusstseinen fort und kann aufgegriffen und verändert werden. Jede Epoche besitzt ihre eigenen Wahrheiten, welche aber erst von der ihr folgenden Epoche als objektiv erklärt werden können. Sartre schreibt " Eine Wahrheit ist nicht geworden, sie ist werdend. Und am Ende stirbt sie ". So stellt die von Archimedes aufgestelle Theorie der Wasserverdrängung zu ihrer Zeit eine Idee dar, welche anfangs in aller Munde und präsent war, für folgende Generationen jedoch als eine anerkannte und nicht mehr zu hinterfragbare Gesetzmäßigkeit an Gültigkeit erlangte und im Schiffsbau beispielsweise ihre Verwirklichung erfuhr. Auf diese Weise verzeitlichen sich der Mensch aber auch die Wahrheit in immer differenziertere Ausprägungen und erschließen dadurch immer aufgegliedertere Bereiche der Welt. Sartre möchte, anders als Heidegger, dem es um eine Wahrheit des Seins ging, den existentiellen Bezug zur Wahrheit untersuchen, er will den Bezug zum Leben aufdecken.
Wahrheit und Existenz stellt ein Buch für Philosophiebegeisterte dar, die die Welt lieber von ihrer tiefgründigen Seite betrachten. Ein Buch für die, die sich noch Gedanken um Begriffe wie Wahrheit oder Existenz machen und sich noch nicht von einer immer oberflächlicher werdenden Welt vereinnahmt fühlen. Ein Buch, das nicht einfach mal eben durchgelesen werden kann, sondern seinen Inhalt nur denen Preis gibt, die sich genügend Wissen angefüttert haben, um in diesem Werk nicht unterzugehen. Existentialismus ausgedrückt auf sehr hohem Niveau .


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