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Rezensionen verfasst von
Jérôme (Berlin / Bad Eilsen)

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Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (Uni-Taschenbücher S)
Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (Uni-Taschenbücher S)
von Max Weber
  Taschenbuch
Preis: EUR 16,90

5.0 von 5 Sternen "Wahrheit gibt es nur für den der Wahrheit will", 7. März 2016
„Der neue Trieb erwacht, ich eile fort, ihr ew’ges Licht zu trinken,
vor mir den Tag und hinter mir die Nacht, den Himmel über mir und unter mir die Wellen“

Die Sozialwissenschaft, die wir betreiben wollen“, heißt es im Objektivitätsaufsatz von Max Weber, „ist eine Wirklichkeitswissenschaft“. Eine Wirklichkeit, die es in ihrer Unendlichkeit zu verstehen, jedoch nicht zu erklären gilt, wenn sie bezüglich gesellschaftlicher und sozialer Prozesse analysiert werden soll.
Mit diesem Zugang bewegt sich Weber, in einer zu den Naturwissenschaften und dessen Streben, Regelmäßigkeiten und Gesetze an der Wirklichkeit abzulesen, gegensätzlichen Position. Diese, so Weber könne nicht nach deduktiver Manier ein System aus Lehrsätzen aufstellen, nach denen sich dann soziale Vorgänge kausal erklären und vorherbestimmen ließen. Die Vorstellung, dass sich die Wirklichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, wie nach astronomischen Maßstäben, durch Gesetzmäßigkeiten definieren ließe, die ersichtlich machen, welches Ergebnis für die jeweilige Wirklichkeitskonstellation zustande kommen würde, betrachtet Weber für die Sozialwissenschaften als unproduktiv.

Jeder Zustand der Wirklichkeit bleibt individuell und der Versuch eine Konstellation als durch eine vorhergehende kausal zu bestimmen, ändere nichts an diesem Faktum. Es lässt sich einfach kein Urzustand annehmen, in dem eine weniger individuelle Wirklichkeit vorliegen würde. Diese Individualität, die auch als unendliche Mannigfaltigkeit der Wirklichkeit beschrieben werden könnte, kann insofern trotzdem von der wissenschaftlichen Analyse durchdrungen werden, wenn jeweils nur ein endlicher Ausschnitt aus ihr extrahiert wird. Im Gegensatz zum Ideal der Gesetzeswissenschaften, die den Fokus hierbei auf das Auffinden der in Gesetzmäßigkeiten steckenden Bedingungen legen, stellt Weber seinen Ansatz einer Wirklichkeitswissenschaft gegenüber, die soziale Vorgänge unter dem Blickpunkt von Sinn und Qualität verstehen möchte.

Menschliches Handeln, so Weber, sei sinnhaft und verstehbar und könne unser Erkenntnisinteresse besser befriedigen, als bloße Erklärungen über Naturvorgänge. Der subjektive Sinn von Handlungen lasse sich nicht durch nach außen hin regelmäßig erscheinende Vorgänge einfach ablesen, da die zugrunde liegenden innerliche Motive äußerst verschieden sein können. Eine Sozialwissenschaft, die sich als Gesetzeswissenschaft verstehen würde, würde den interpretierbaren Handlungsspielraum eingrenzen und ihn seiner Evidenz berauben. Die Konsequenzen einer auf Gesetzmäßigkeiten ausgerichteten Wirklichkeit, hätte eine Verminderung unserer persönlichen Lebensbewertungen zu folge. Unser Verhalten würde seines inneren Wertes beraubt werden und für dessen Ersatz kämen technisch berechnete Eingriffe als normative Verhaltensregeln ins Spiel.

Das Max Weber sich die Wirklichkeit nicht als einen bloßen Bildschirm dachte, von dem die fertigen Erkenntnisse nur abgelesen zu werden brauchten, sondern subjektive, bewusstseinsmäßige Bedingungen beim Ablesen eine wichtige Rolle spielen, lässt seine Beeinflussung von der Neukantianischen Erkenntnistheorie Heinrich Rickerts erkennen. Nach dem Neukantianismus ist es Aufgabe eines bewussten Subjekts, in das mannigfaltige Chaos der uns umgebenden Wirklichkeit Ordnung durch präzise Urteile zu bringen. Jedoch sei es nicht möglich die Wirklichkeit als an sich seiende, Gegenstand von wissenschaftlicher Erkenntnis zu machen, da jegliche ontologische Aussage über sie, vorab an die anschaulichen und begrifflichen Mittel des menschlichen Vermögens gebunden ist. An diesem Punkt lässt sich Weber’s Kritik an einer auf Gesetzen beruhenden Sozialwissenschaft nachvollziehen. Die Wirklichkeit kann nicht ausschließlich das Ziel darstellen, an der sich die wissenschaftliche Arbeit zu orientieren hätte, vielmehr gehöre der eigentliche „Sinn der Erkenntnis“ in den Mittelpunkt gerückt.

Max Weber möchte mit seiner Wissenschaftslehre aufzeigen, dass Wissenschaftler bereits mit Vorannahmen über den Sinn von Erkenntnis ans Werk gehen und sich dieser Annahmen eigens gar nicht bewusst sind. Es geht ihm um die stillen Grundvoraussetzungen, die den Beruf und den Wert der Wissenschaft vor jeder Forschung schon prägen und über die eigens nicht wissenschaftlich entschieden werden kann. Damit rührt er an die schon von Friedrich Nietzsche aufgestellte Behauptung, dass die Voraussetzungen der Wissenschaft sich nicht in eine rational richtige Erkenntnis auflösen lasse. Das dieser psychologische Kriterien, wie dem Willen zur Wahrheit und instinktgeleitetem Verhalten immer zugrunde liegen wird.


Fragmente einer Sprache der Liebe
Fragmente einer Sprache der Liebe
von Roland Barthes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Die Liebe ist eine Illusion, vor der man fortan auf der Hut sein muss", 19. Februar 2016
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Die Liebe vermag die Liebenden bekanntlich sprachlos zu machen, sodass der von Roland Barthes beabsichtigte Versuch, gerade jene Sprache zu entziffern, die von den Liebessubjekten ausgeht, scheinbar paradox daherkommt. Barthes geht es hier weniger um das dialogische Verhältnis zweier Liebende, als vielmehr um den inneren Monolog, welchen Liebende mit sich selber führen. Um jenes imaginäre Meer von Sprachanwandlungen, die den Liebenden regelrecht überschwemmen können und vor welchem zu fliehen, wie aus einem gedanklichen Käfig, fast unmöglich ist. Aufgrund der fehlenden Kohärenz, die diesen Sprachsystemen zugrunde liegt, sei sie eine fragmentarische Ausdrucksform, die aus lauter Satzbruchstücken besteht. Sie kann kein harmonisches Ganzes ausbilden, da der Liebende durch die vielen unterschiedlichen Zustände, in die ihn seine Liebe bringt, auch entsprechend viele Figuren bilde, so Barthes.

So facettenreich das Liebesgefühl sich zu äußern vermag, so unterschiedlich stellt sich auch die jeweilige Sprachfigur dar. Roland Barthes will den Begriff der Figur nicht als etwas statisches, sondern vielmehr als einen dynamischen Prozess, einen Dis-cursus, bei dem sich das Subjekt gedanklich ständig bewege, verstanden wissen. Eine Figur unterscheidet sich von einer anderen durch die jeweils verschiedenen, charakteristischen Zeichensysteme, die sie auszeichnen. Für die Beschreibung bedient sich Barthes verschiedener Wissensbereiche, wie der Literatur, aus der er bevorzugt Goethe herausgreift, der Psychoanalyse mit Freud und Lacan, der Philosophie, aber auch der Mystik, um die verschiedensten Zugänge zu vereinen. Alphabetisch präsentiert uns Barthes nun all die Figuren aus denen sich das liebende Subjekt konstituieren lässt.

In Fragmente einer Sprache der Liebe zeigt uns Barthes jedoch nicht nur jene typischen allbekannten Liebesäüßerungen, sondern entwirft auch eine Art Liebesmetaphysik, die aufzeigt wie Liebende in einer Hülle aus Wahrheit eingeschlossen werden können. So erfahren wir im Abschnitt "Wahrheit", der starke Einflüsse von Jean Paul Sarte erkennen lässt, wie ein gegenseitiges Anerkennen dazu führt, dass einzig das liebende Subjekt dazu fähig ist, den anderen in seiner Wahrheit zu erkennen. Die Legitimation der eigenen Person wirkt dadurch scheinbar entäußert. Das eigene Sein muss der Andere immer wieder erschaffen, um die Wahrheit der Liebe kontinuierlich existieren zu lassen. Auf diese Weise leben die Liebenden in einer eingeschlossenen Blase, die von den Liebenden als objektiv angesehen wird und von der Welt als eine bloße Illusion.
"Nicht die Wahrheit ist wahr", schreibt Barthes, sondern "es ist die Beziehung zur Illusion, die wahr wird". Liebe macht daher eigentlich nicht blind, sondern verleiht eine absolute Weitsichtigkeit.

Ein wunderbares Buch, dass sich nur schwer klassifizieren lässt. Es vereint Poetisches mit Prosaischem, bedient sich semiotischer und sprachphilosophischer Werkzeuge und schweift gerne mal in mythische Theorien ab. Hier liegt ein Liebesdiskurs vor, der sicher nicht zu einer Entzauberung der Liebe beiträgt, sondern sie nur umso bedeutender erscheinen lässt.


Der Existentialismus ist ein Humanismus: Und andere philosophische Essays 1943 - 1948
Der Existentialismus ist ein Humanismus: Und andere philosophische Essays 1943 - 1948
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen "Wenn Gott nicht existiert, ist alles erlaubt", 15. November 2015
Es war der 28. Oktober 1945, als Sartre im Salle des Centraux seinen legendären Vortrag über die Klarstellung des Existentialismus hielt. Eine gewaltige Menschenmenge strömte herbei, in der Erwartung, die herbeigesehnten Erklärungen wie allgemeingültige Gesetze verkündet zu bekommen. Die Kasse wurde überrannt, Stühle brachen und eine unvorstellbare Hitze erfüllte den Saal, als Sartre sich nach 15 Minuten den Weg zum Pult gebahnt hatte und mit den Händen in den Hosentaschen seinen Vortrag begann. Die Intention, die dieser Rede zugrunde lag, war die Frage nach dem Wert des Humanismus zu beantworten, dessen Bestimmung aufgrund der grauenhaften Geschehnisse, wie sie durch den zweiten Weltkrieg verursacht wurden, fraglich geworden war.

Es galt den Humanismus zu rehabilitieren bzw. neu zu definieren. Des Weiteren galt es umfangreiche Fehlinterpretationen, die über den Existentialismus in Umlauf gekommen waren, klarzustellen und seine negative Konnotation, die im Zusammenhang mit den Begriffen Pessimismus, Quietismus und Verzweiflung stand, zu korrigieren. Da sein erstes großes Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“, in dem er auf 1000 Seiten seine Philosophie formulierte, zu terminologisch und abstrakt für die Popularisierung seiner Existenzphilosophie war, schraubte er das Niveau in seinem Vortrag so weit herunter, das er einprägsame Sätze wie „Die Existenz geht der Essenz voraus“ oder „Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht“, salonfähig machen konnte. Später bezeichnete er diese Absicht als Fehler, da viele Aspekte, seiner Ansicht nach als zu vereinfacht dargestellt wurden.

Der geschichtliche Augenblick den Sartre wählte, um den Status humanistischer Werte zu bestimmen, da diese sich als äußerst zerbrechlich herausgestellt hatten, war zwar angebracht, jedoch rehabilitierte er diese nicht neu, sondern beseitigte gleich deren Existenz und verkündete, dass es sie nie gegeben habe. Wertvorstellungen wie Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit, stellen Sartre zufolge keine a priori feststehenden Bedingungen dar, sondern hängen von der subjektiven Realisierung ab, durch die wir sie in jeder Situation von neuem verwirklichen. Da Gott als Werteproduzent gestrichen wurde, liege es am Menschen die Werte neu zu erfinden bzw. auch über deren Gültigkeit zu entscheiden, so Sartre. Moralische Normen bestehen nicht als kollektive Gegebenheiten, sondern obliegen dem einzelnen Menschen, der erst durch seine Handlungen erkennen lässt, welche Werte in der Welt bestehen sollen.

Der Mensch muss jedoch nicht nur die Werte erfinden, sondern auch sich und seinen Lebensentwurf. Als in die Welt geworfenes Lebewesen, muss der Mensch unentwegt darüber entscheiden, wer er sein möchte und sieht sich daher ständig in einer Situation, in der er über sich wählen muss. Der Mensch besitzt die Fähigkeit zur Transzendenz, also die Möglichkeit sich unablässig zu überschreiten und neu zu definieren. Sartre spricht auch von einem Riss im Sein, der es verhindert, dass wir eben nicht wie ein Stein von einer fertigen Wirklichkeit erfüllt werden, sondern immer wieder aus uns herausgetrieben werden, um uns zu bestimmen. Wir leben in einer ständigen Distanz zu uns selber, die es verhindert, unser Selbst gänzlich zu erreichen und stattdessen uns immer wieder von uns losreißt, wie es Sartre in „das Sein und das Nichts“ aufzeigt. Es gibt kein auffindbares „Sich“, das dem Menschen seinen Persönlichkeitskern aufzeigen und ihm ein Kellner-Sein, ein Arzt-Sein oder dergleichen offenbaren könnte. Wir können nur durch unsere Freiheit danach streben uns dieser sich kontinuierlich entfernenden Idealität immer wieder anzugleichen. Eine Übereinstimmung kann uns jedoch nie gelingen. Sartre spricht hierbei von „Unaufrichtigkeit“, um zu verdeutlichen, dass der Mensch ständig in der Verpflichtung ist, sich ein Sein zu verleihen, nur um es im nächsten Augenblick wieder zu verlieren.

Die Existenz geht also der Essenz voraus, eine Klarstellung, die lange Zeit in der Geschichte als unmöglich gehalten wurde. Was einstmals Gott festlegte, liegt nun in den „zur Freiheit verurteilten Menschen“, Doch verträgt der Mensch überhaupt so viel Macht und fühlt er sich nicht vielmehr hoffnungslos überfordert? Bedarf es eine Theorie, die den Menschen als Angst, Verlassenheit und Einsamkeit definiert? Nach Sartre verbleibt dem Menschen keine andere Wahl, da mit dem Ausschalten der Hypothese Gottes auch die hoffnungsverleihende Sinngebung beseitigt wurde. Gabriel Marcel, ein Vertreter des christlichen Existentialismus war diese Ansicht zu radikal und wollte der Autonomie des einzelnen Menschen, durch die Liebe und dem menschlichen Miteinander mehr Hoffnung verleihen.

Doch warum ist der Existentialismus ein Humanismus? Sartre geht es um den Umstand, das das menschliche Sein etwas fortlaufend zu erschaffendes sei. Als alleiniger Gesetzgeber kann der Mensch sich nur dadurch zur Existenz erheben, indem er sich durch die Verwirklichung von Handlungen realisiert. Der Mensch kann demnach nicht als ein Endzweck betrachtet werden, da er sich durch zweckorientiertes Handeln in jeder Situation wieder hervorbringen muss. Weiterhin trägt der Mensch nicht nur für seine Handlungen die Verantwortung, sondern darüberhinaus muss er sich bewusst sein, dass er durch seine getroffene Wahl die Menschheit mitengagiert.

Neu waren Sartres Ansichten nicht. Schon Sören Kierkegaard machte die Angst als eine Grundbefindlichkeit des Menschen aus und auch Martin Heidegger stellte den Menschen als ein kontingentes Lebewesen dar, das sich der Angst geschickt zu verbergen gelernt hat, indem er sich an die Strukturen der Welt verliert. Auch sollte Heidegger mit seinem berühmten „Brief über den Humanismus“ sich indirekt wenige Jahre später auf Sartre und seine Ansichten beziehen. Faszinierend wird Sartres Konzept des Existentialismus auch weiterhin bleiben und auch die vielen Missverständnisse werden wohl weiterhin präsent bleiben, da sich der Universitätsbetrieb mittlerweile von den existentiellen Grundfragen weitestgehend verabschiedet hat.


Universal-Bibliothek Nr. 9307: Kallias oder über die Schönheit / Über Anmut und Würde
Universal-Bibliothek Nr. 9307: Kallias oder über die Schönheit / Über Anmut und Würde
von Klaus L. Berghahn
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,40

5.0 von 5 Sternen Auch das Schöne muss sterben!, 8. Oktober 2015
„Schönheit ist der Sinn der Welt. Schönheit genießen,
heißt die Welt zu verstehen“ (Bierbaum)

Vor den Werken Immanuel Kants lange Zeit eine große Ehrfurcht hegend, begann Schiller 1791 schließlich doch einen Blick in die Kritik der Urteilskraft zu werfen, die den Grundstein für sein philosophisches Erweckungserlebnis legen sollte. Aus einer anfänglichen Neugierde, entstand ein immer intensiveres Studium, das selbst vor der Kritik der reinen Vernunft nicht Halt machte. Schiller, der spürte, dass seine Zeit sich dem Ende näherte, fasste in sich das Vorhaben, seine künftige Zeit dem Ästhetischen zu widmen, da er an diesem Ort glaubte, die Luft der Ewigkeit noch eine Weile atmen zu können. Eineinhalb Jahre sollten noch vergehen, bis er an seinen Freund Körner schreiben sollte: „ Über die Natur des Schönen ist mir viel Licht aufgegangen, so dass ich dich für meine Theorie zu erobern glaube“. So aufschlussreich für ihn die Kantlektüre auch war, so hinterließ sie doch einen faden Beigeschmack bei Schiller. Er wollte nicht, so wie der Königsberger Philosoph sich mit der Tatsache zufrieden geben, dass sich kein objektives Prinzip finden ließe, das als Maßstab für die Frage, was schön sei gelten könnte und entwickelte einen Gegenentwurf, dessen Ausarbeitung uns hier in Form eines Fragment gebliebenen Briefdialoges vorliegt.

Kants Ästhetik befasst sich nicht mit der Analyse schöner Gegenstände, sondern sie verbleibt, wie schon in seinen bisherigen Kritiken im Bereich des Transzendentalen, also lediglich bei den Bedingungen, die das Schöne erkennen lassen. Er fragt nach der Beschaffenheit und dem zugrunde liegenden Erkenntnisprozess eines Geschmacksurteiles. Es stellt sich jedoch dann die Frage, worin sich eigentlich die Ästhetik von der Erkenntnistheorie unterscheidet. Was unterscheidet ein Geschmacksurteil von einem Erkenntnisurteil?
Das Erkenntnisurteil zeichnet sich Kant zufolge dadurch aus, dass ein vorgestellter Gegenstand durch den Verstand klar und begrifflich erfasst wird. Ich sehe einen Baum und subsumiere diesen eben unter einen klaren Begriff. Anders beim Geschmacksurteil, bei dem die Einbildungskraft den Gegenstand nicht klar greifen kann, sondern von diesem in ein Spiel des Abtastens versetzt wird, das den Verstand zwar sehr viel denken lässt, ihn jedoch keinen klaren Begriff zu bilden erlaubt. Dadurch das diese Erkenntnis, als harmonisches Wechselspiel zwischen Verstand und Einbildungskraft auf keine Begriffe gebracht werden muss, sich aber dennoch eine Erkenntnis bildet, nämlich eine Ästhetische, sieht Kant auf diese Weise das menschliche Erkenntnisvermögen erweitert.

In diesen subjektiven Gefilden, wollte sich Schiller jedoch nicht recht wohl fühlen und probierte daher die Perspektive vom wahrnehmenden Subjekt, auf das wahrgenommene Objekt hin zu ändern. Denn um das objektive Prinzip finden zu können, kommt er nicht daran vorbei, die Erfahrung miteinzubeziehen und fragt sich daher, welche Qualitäten einen schönen Gegenstand eigentlich auszeichnen. Schiller stimmt mit Kant dahingehend überein, dass das Erlebnis des Schönen einen subjektiven Vorgang in uns auslöst und Kant hingegen glaubt an die Wirklichkeit schöner Gegenstände, da sie überhaupt erst den Prozess in uns auslösen.
Blicken wir nun gemeinsam mit Schiller in die Welt der Gegenstände. Ich erblicke vor mir eine schöne, rote Rose und sehe mich dazu geneigt, diese als schön zu qualifizieren. Warum? Schillers Schönheitsdefinition zufolge ist Schönheit Freiheit in der Erscheinung. Diese Freiheit liegt dann vor, wenn der entsprechende Gegenstand aus sich heraus frei erscheint und keine Fremdbestimmung aufweist. Der schöne Gegenstand darf den reflektierenden Verstand nicht dazu veranlassen einen Grund oder ein Prinzip ausfindig zu machen, welches diesem zugrunde läge, sondern soll nur auf seine sich selbst erklärende Form aufmerksam machen. Jeder Gegenstand sieht sich von einem bestimmten Stoff/Masseverhältnis geprägt, dessen Beziehung ausschlaggebend für unser Schönheitsempfinden ist. Die richtige Relation für einen schönen Gegenstand liegt dann vor, wenn die Form die Masse beherrscht. Schiller vergleicht hierfür ein Pferd mit einer Ente. So besitze das Pferd zwar eine größere Masse wie eine Ente, dennoch erscheine uns das Pferd leichter: „ weil sich die lebendigen Kräfte zur Masse bei beiden ganz verschieden verhalten“, so Schiller. Bei der Ente beherrscht der Stoff die Form, wodurch sie uns schwerfällig erscheint und beim Pferd ist es die Kraft der Form, die die Masse zu beherrschen vermag, wodurch sie uns anmutig und grazil erscheint.

Die Rose, so könnte man mit Schiller sagen, wäre daher schön, da ihre Masse auf wunderbare Weise sich freiwillig der formgebenden Kraft unterwirft. Alles scheint sich absichtslos hervorzubringen, ohne das ein Teil den anderen in seiner Freiheit beschränken würde. Folgen wir Schiller weiter in seine ästhetische Welt, um ein Weltverhältnis kennenzulernen, dass die Dinge anders zu betrachten versteht. In dieser Welt: „ feiert die Freiheit ihr Fest“, so der Schillerbiograph Rüdiger Safranski. Wir werden in dieser angehalten, die Dinge so zu sehen, wie sie sich selber darstellen und folgen damit einer Devise, die gewisse Ähnlichkeiten zu der 100 Jahre später aufkommenden Maxime der Phänomenologie „ Zurück zu den Sachen selbst“ aufweist.
In der Abhandlung „ Über Anmut und Würde“, die Schiller nur wenige Monate später in der Zeitschrift „Neue Thalia“ veröffentlichte, wird sich Schiller der berühmten Konzeption der schönen Seele widmen und damit die moralischen Konsequenzen aus seiner Ästhetik ziehen. Im Gegensatz zur fixen Schönheit, die bloß naturgegen und unabhängig vom eigenen Willen sei, hänge Anmut von der Person und dessen bewegender Seele ab, so Schiller. So mag die Schönheit, die eine Frau als Talent naturgemäß erhalten habe, Wohlgefallen und Bewunderung erregen, ohne die Zugabe der eigens hervorgebrachten Anmut, jedoch nicht hinreißend wirken können. Das Besondere am Wesen der Anmut, als einer beweglichen Schönheit, ist, dass selbst nicht schöne Gegenstände von ihr berührt und dadurch an Schönheit gewinnen können. Da Anmut nur durch den eigenen Willen erzeugt werden kann und damit einem Akt der Freiheit entspringt, verortet Schiller den Begriff der Schönheit, sowohl in der Natur, als auch im intelligiblen

Während Schiller die Anmut, als einen bewusst hervorgebrachten Akt auffasste, sah Heinrich von Kleist in ihr eher eine natürliche, nicht bewusste Handlung, wenn er in seinem Aufsatz über das Marionettentheater schreibt: „Wir sehen, dass in dem Maße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie, darin immer strahlender und herrschender hervortritt.“ Demnach trübt das Bewusstsein also die Anmut, was sie, wenn sie gezielt erzeugt werden sollte kokett und damit gefallsüchtig erscheinen ließe. Damit wäre sie jedoch nicht mehr schön im schillerschen Sinne, da die eigene Freiheit dann einen unnatürlichen Effekt erzielen würde. Ergänzt wird der Begriff der Anmut im Folgenden durch den Terminus der Würde, der „Ausdruck einer erhabenen Gesinnung“ sei, so Schiller. Beide Komponenten in Einklang zu bringen und damit ein harmonisches Ganzes zu vollbringen, stelle ein erstrebenswertes Ideal dar, von dem Schiller selber jedoch wusste, dass dieses sich in Anbetracht einer den Menschen unentwegt überwältigenden Natur nicht in Gänze erreicht werden könnte.

Schiller, der der Lebensmaxime folgte, nach der sich der Geist den Körper baue, musste sich dann doch seinen Krankheiten beugen. So lässt sich in seinem 1799 entstandenen Gedicht „Nänie“, das mit der Zeile beginnt „Auch das Schöne muss sterben“, dann doch ein melancholischer Unterton in der schillerschen Ästhetik ausmachen. Der große Dichter verstand jedoch die Kunst in Schönheit zu sterben.
Die Frage, ob das Geheimnis der Schönheit nun in der Freiheit liegt, oder wie bei Platon in einer unsterblichen und unvergänglichen Idee, möglicherweise aber auch eine Form der Wahrheit ist, die wie beim späteren Hegel, in der Schönheit sogar sinnlich angeschaut werden kann, oder doch nur ein bestimmter subjektiver Erkenntnisvorgang, wie er bei Kant beschrieben wird. Am Ende bleibt doch jenes Geheimnis, dass wir, zu erfahren uns eigentlich nicht wünschen, denn „Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die unsichtbare“

Jérôme


Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen
Zeit: Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen
von Rüdiger Safranski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

52 von 61 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Für Eile fehlt mir die Zeit, 31. August 2015
"Gebraucht der Zeit, sie geht so schnell von hinnen, doch Ordnung lehrt euch Zeit gewinnen."

Wer sich schon immer einmal mit der Zeit beschäftigen wollte, der wird es auf den ersten Seiten mit der Langeweile zu tun bekommen. Jedoch nicht, weil Rüdiger Safranski uns die Zeit lang werden lässt, sondern weil er sein erstes Kapitel damit beginnt, dass Wesen der Langeweile einmal von verschiedenen Perspektiven so darzustellen, dass dieser uns allen bekannte Zustand, plötzlich ganz ungewohnt erscheint. Rüdiger Safranski, der für seine zahlreichen Biographien bekannt wurde, bietet uns hier wieder seine typische Schreibart an, die es vermag, Wissen, als eine Art Geschichte mit Spannungsbögen so darzustellen, dass uns als Lesende gar nicht schwindlig wird, wenn man uns von Thomas Mann zu Kierkegaard und wieder zurück zu Martin Heidegger schickt.

Speziell anhand des Letztgenannten, zeigt uns Safranski einen Weg auf, der bei einer harmlosen Begriffsbestimmung der Langeweile zu beginnen scheint, uns jedoch nach und nach immer tiefer in die eigene Existenz hineinblicken lässt. Dort angekommen erfahren wir dann, dass es nicht nur die Welt ist, die uns in Momenten der Langeweile nichts mehr zu bieten vermag, sondern auch, dass wir und unser Selbst von der Zeit regelrecht verschluckt werden können. Schließlich sorgen wir für die Zeitigung von Erlebnissen mittels unserer selbst gewählten Entschlüsse. Doch wenn uns zuweilen die Motivation, für deren Umsetzungen fehlen sollte, können wir der nackten Zeit und ihrer dichten, quälenden Essenz urplötzlich gewahr werden. Mit einem lethargischen Erstaunen merken wir dann, dass wir selber alles in Gang setzen müssen, damit das Weltgeschehen weiter schreitet. Diese unbehagliche Situation beherbergt nach Heidegger die Möglichkeit, sich der eigenen Freiheit, als Initiationsereignis bewusst zu werden und sich und sein Selbst aus dem Horror Vacui herauszuziehen.

Die schon angedeutete Manier Safranskis, den Höhepunkt eines Kapitels dafür zu gebrauchen, um auf eine neue Thematik überzuleiten, bewirkt zuweilen, dass seine Werke so wunderbar romanhaft daherkommen und einen trotz der abstrakten Thematiken zu fesseln vermögen.
So katapultiert uns nun Safranski sogleich aus der Langeweile hinein in die Zeit des Anfangens und sensibilisiert uns mit Kant für die Erkenntnis, dass wir nicht nur Lebewesen sind, die angefangen worden sind, sondern auch dafür, dass wir, als selbstbestimmte Menschen, mit dem Erwachen der Vernunft, ebenfalls Anfänge vollziehen können. Etwas anzufangen bedeutet immer auch etwas zu verändern und so kommen wir nicht umhin, jenen Sack, den wir alle hinter uns herziehen, von Zeit zu Zeit abzulegen, um ein neues Kapitel beginnen zu können.

Nach einem Pathos des Anfangens, treffen wir im nächsten Kapitel wieder auf einen sich sorgenden Heidegger, sodas man nicht umhin kommt, die ersten 80 Seiten, als eine Einführung in den Existentialismus anzusehen. Allerdings lässt sich bei einer philosophischen Reise in die Zeit auch nur schwer ein Bogen um eben jenen Heidegger machen, der mit seinem großen Werk "Sein und Zeit", unter Anregungen von Edmund Husserl, die Wechselwirkung zwischen der menschlichen Existenz und der Zeit, als sinngebendem Horizont, so fundamental herausgearbeitet hatte.
Rüdiger Safranski reflektiert jedoch nicht nur den individuellen Bezug zur Zeit, sondern er zeigt auch den Prozess der vergesellschafteten Zeit auf. Wir erfahren von einer Bewirtschaftung der Zeit, die, wie es die Finanzmärkte zeigen, eine ungewisse Zukunft durch die in der Gegenwart getätigten Kredite verbraucht. Die Politik ist der rasanten Beschleunigung in der Wirtschaft nicht mehr gewachsen. Während Transaktionen auf dem Finanzmarkt in Sekundenbruchteilen betätigt werden, benötigen politische Entscheidungen sehr viel mehr Zeit. Auf diese Weise rückt die Zukunft und ihre Risiken bedrohlich nahe in die Gegenwart hinein. Safranski formuliert dies sehr treffend mit den Worten „Die Beschleunigung(...), ist so schnell, dass die Zukunft immer schon begonnen hat."

Unsere Zeit bedarf einer Entschleunigung, um das individuelle Zeitgeschehen mit der öffentlichen Zeit in Einklang zu bringen, so Safranski und sieht in der Bewahrung und Erhaltung der Eigenzeit eine große politische Herausforderung. Doch liegt dem Menschen überhaupt etwas an einem Austreten, aus einer wirtschaftlich-öffentlich getakteten Zeit oder finden wir in diesen periodischen Abläufen, diesen gemeinschaftlich benutzten Vorgängen nicht jenen Halt, der uns alle von dem entschwindenen und vergänglichen Charakter der Zeit ablenkt ? Heidegger spricht von jener Verfallenheit an das "man", um eben auf das Verbergen der eigenen Zeitlichkeit aufmerksam zu machen. „Die Wirklichkeit erscheint haltbarer”, so Safranski, wenn man sich täglich an die festen Strukturen der Öffentlichkeit verliert.

Man muss es Safranski hoch anrechnen, dass er es mit seinen verschiedenen Sachbüchern schafft, Probleme, Philosophien und Thematiken so zu erklären, dass wir uns nicht nur gehoben fühlen, sondern auch in Welten eintauchen können, die wegen ihrer abstrakten Zugänge, uns ein Eintreten manchmal verwehren.


Die Transzendenz des Ego: Philosophische Essays 1931 - 1939
Die Transzendenz des Ego: Philosophische Essays 1931 - 1939
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ich ist ein Anderer, 12. Februar 2015
Das Ego, ein Bewohner des Bewusstseins. Diese von Philosophen und Psychologen vertretene Auffassung möchte Sartre verwerfen und stattdessen eine Theorie entgegenstellen, die das Ego an seinen rechtmäßigen Platz zurückbringt. Es gilt das Bewusstsein von all den obskuren Elementen, die es trüben und undurchlässig machen zu befreien und dessen eigentliches Prinzip, die Intentionalität, herauszustellen. Von Husserls Maxime geprägt, dass sich die Dinge nicht im Bewusstsein auflösen lassen, wendet sich Sartre gegen eine Verdauungsphilosophie und möchte mit „Die Transzendenz des Ego" eine phänomenologische Beschreibung über das Ich skizzieren.

Zunächst beginnt Sartre seine Schrift mit der Vertreibung des formalen Ich aus der Bewusstseinsstruktur, um Auffassungen der Gegenwartsphilosophie, wie sie der Neukantianismus und der Empiriokritizismus mitbringen, zu revidieren. Das „Ich denke“, welches Kant, als die Möglichkeitsbedingung ansah, um Vorstellungen synthetisch miteinander zu vereinigen und in uns das Gefühl von Kontinuität entstehen zu lassen, veranlasste die Überlegung, diesen Bezugspunkt, als etwas real Existierendes zu bestimmen.
Zur Widerlegung dieser These, wendet er sich nun der Phänomenologie Husserls zu, um über diese zu seiner Behauptung zu gelangen, dass es das Bewusstsein ist, welches gänzlich ohne einer vermittelnden Instanz zu bedürfen, wie der eines Ich, sich selbstständig zu vereinigen in der Lage ist. Husserl habe zwar erkannt, dass es ein transzendentales Bewusstsein gibt, dass das Ich, als eine Produktion eben dieses Bewusstseins herstellt, allerdings kritisiert Sartre, dass er dennoch Zuflucht zu einem überflüssigen transzendentalen Ich genommen habe, dass sich uns in jedes Aufmerksamkeitsfeld einschleuse. Denn die Tatsache, dass das Bewusstsein von einem Ich bewohnt wäre, würde den Tod des Bewusstseins bedeuten und „es teilen, in jedes Bewusstsein gleiten wie eine opake Klinge.“
Sartre möchte vielmehr auf das Grundprinzip der Phänomenologie, die Intentionalität, verweisen, um der gewöhnlichen Annahme, nach der das Ich der „permanente Brennpunkt“ sei, dessen Überflüssigkeit aufzuzeigen. Dieser zufolge ist Bewusstsein immer auf ein Objekt gerichtetes Bewusstsein. Wenn ich im Park ein schönes Mädchen sehe, dann hat sich das Bewusstsein auf dieses Objekt hin transzendiert, um es zu erfassen. Allerdings bin ich mir über dieses Bewusstsein selber nicht bewusst, da es ja vollständig von diesem Mädchen erfüllt ist. Erst wenn ich das auf das Mädchen gerichtete Bewusstsein eigenständig als Objekt setzen würde, wäre ich mir der Tatsache bewusst, Bewusstsein von dem Mädchen zu haben und wäre im Reich der Reflexion angekommen.
Doch wo waren wir und unser ich vorher?

Sartre zufolge verfügen wir auf der unreflektierten Ebene über kein Ich. Wenn ich einem Mädchen nachlaufe, wenn ich ein Lied höre, wenn ich in mein Buch vertieft bin, gibt es kein Ich. Es gibt einfach Bewusstsein von-dem-nachzulaufenden-Mädchen, Bewusstsein von der Handlung des Buches usw., aber kein setzendes Bewusstsein von diesen Bewusstseinen. Das von Sartre gewählte Beispiel der Rechenaufgabe verdeutlicht sehr gut, wie sich Bewusstseine in der Zeit vereinen, denn es ließe sich einwenden, dass es eines Vereinigungsprinzips bedarf, dass für die Kontinuität der zu synthetisierenden Bewusstseine sorge.
Um im Rahmen der Aufgabe 2+2, dass Ergebnis 4 zu finden, vereinigen sich diverse Augenblicksbewusstseine, da sie das gleiche Objekt anvisieren, nämlich 2+2=4, in einem einzigen Bewusstsein. Darüber hinaus vereinigt sich das Bewusstsein mit bereits vergangenen Bewusstseinen, indem es auf diese intendiert. Wir haben es hier also laut Sartre, um ein Spiel, von auf sich gegenseitig beziehender Intentionalitäten zu tun. Eine Schlussfolgerung die dem Alltagsverständnis durchaus widerstrebt, da das Ich für gewöhnlich als der alle Bewusstseinsvorgänge begleitende Pol angesehen wird. Eine Begleitung, die jedoch in präreflexiven Zuständen, wie wir sie den Tag über, während unzähliger Situationen wahrnehmen können, nicht existent ist.
Da uns jedoch eine anschließende Rückwendung auf unreflektierte Zustände ein Ich aufzeigt, welches zwar nachträglich hinzu projiziert wurde, lässt sich die These der Ichlosigkeit nicht so einfach beweisen. Es bedarf also eines Zuganges, der am Erfassen eines Ich vorbeikommt und dennoch auf ein unreflektiertes Bewusstsein gerichtet ist. Sartre zufolge, ermöglicht eine nicht setzende Erinnerung diesen Vorgang. Diese gestalte sich so, dass ich mich auf die Objekte vergangener Erinnerungen beziehe, wie dem schönen Mädchen, einem Lied, ohne diese Bewusstseine eigens als Reflexionen zu setzen. Das bedeutet, dass ich mich während dieser Vergegenwärtigungen versuche auszuschalten und mich vollständig auf die Bewusstseinsobjekte richte. Es folgt die erste Schlussfolgerung, der zufolge das Ich im unreflektierten Zustand nicht da war.

Bevor Sartre den Vorgang der eigentlichen Konstitution des Ego aufzeigt, entledigt er sich vorher noch einer Theorie, wie sie von französischen Moralisten aufgestellt wurde, wonach „die Selbstliebe - und folglich das ICH – unter tausend verschiedenen Formen in allen Gefühlen verborgen“ sei. Doch diese Ansicht, die die Präsens eines materialen Ich im Bewusstsein postuliert, kann Sartre durch seine Vorstellung von einem durch Transzluzidität geprägten Bewusstsein nicht akzeptieren. Denn es geht ihm ja um die Vertreibung sämtlicher inhärenter Objekte, wie einem Ich, aber eben auch bestimmter Begierden, um dem Bewusstsein seine Eigenschaft der Transzendenz und Durchsichtigkeit zu erhalten.
Die Feststellung der Moralisten und auch Psychologen sei nun die, dass angenommen werde, dass sich auf der unreflektierten Ebene eine unbewusste Reflexion verberge. Jemandem zu helfen weil er hilfsbedürftig sei, stelle für die Verteidiger der Eigenliebe daher kein „vollständiges und autonomes Moment“ dar, sondern beinhalte eine versteckte reflexive Feststellung, der zufolge wir der Unannehmlichkeit, in die uns die Leiden des Hilfsbedürftigen versetzen, ein Ende bereiten wollen.
Sartre hingegen möchte aufzeigen, dass das unreflektierte Bewusstsein als unabhängig und selbstständig betrachtet werden muss. Auf dieser Stufe kann nur ein-hilfebrauchender-Mensch das Bewusstseinsobjekt darstellen. Erst ein Reflexionsakt könnte über dieses Objekt hinaus, zu der zusätzlichen Qualität gelangen, dass ich meinen Leiden ein Ende bereiten will. Eine weitere Tatsache, die Sartre aufzeigt, stellt die Überlegung dar, dass diese Reflexion die Reinheit unserer Antriebe vergiftet, was Sartre wie folgt ausdrückt:

„Die Reflexion vergiftet die Begierde. Auf der unreflektierten Ebene leiste ich Pierre Hilfe, weil er Hilfe-brauchend ist. Wenn sich mein Zustand transformiert, dann bin ich gerade dabei mich handeln zu sehen(…)Nicht mehr Pierre zieht mich an, es ist mein hilfsbereites Bewusstsein, das mir als etwas erscheint, was fortbestehen muss.“

Dementsprechend, führt die Transformation durch die Reflexion zu einem Verlust an Authentizität, wodurch unsere Handlungen den Charakter der Künstlichkeit und Kalkulation erlangen, auf Kosten der naiven, unbewussten und originalen Einstellung.
Nachdem Sartre das formale und materiale Ich aus dem Bewusstsein entfernt hat, da dieses sich selbst als Einheit in der Zeit konstituieren kann, erörtert er nun den Prozess, wie das Ego auf der reflexiven Ebene, als transzendenter Pol, für Einheit innerhalb von Zuständen, Handlungen und Qualitäten sorgt. Doch befähigt uns die Erfahrung der Reflexion überhaupt zu evidenten und apodiktischen Aussagen über dieses Ich, oder kann die Reflexion uns auch zu Täuschungen verführen?
Die Reflexion hat Geltungsgrenzen, sagt Sartre. Sie kann von einem Bewusstsein, dass sie setzt, zwar evidente und adäquate Behauptungen machen, doch wenn sich das Bewusstsein plötzlich über diese Reflexion erhebt und sich auf ein anderes Objekt richtet, dann behauptet das Bewusstsein mehr als es wissen konnte, da es das gesetzte Bewusstsein „auf ein außerhalb des Bewusstseins situiertes Objekt gerichtet hat“. Wenn ein Mädchen, dem ich mich zugeneigt fühle, in mir ein Anziehungsbewusstsein entstehen lässt, dann kann mir die Reflexion zwar eine evidente Erkenntnis liefern, doch wenn ich dieses Gefühl als Liebe interpretiere, dann verlasse ich den Geltungsbereich der Reflexion und vollziehe „sofort einen Übergang zum Unendlichen“, auf das transzendente Objekt Liebe hin, dessen Status immer zweifelhaft bleiben wird. Zustände von der Art, wie sie die Liebe, der Hass, aber auch das Glück aufzeigen, stellen passive und träge Bewusstseinsstrukturen dar, weil sie von der Ausrichtung eines Bewusstseins auf sie abhängen. Dieser Bezug vom einzelnen Zuneigungserlebnis zur Liebe, stellt für Sartre eine „magische Verbindung“ dar, die die Relation zwischen Bewusstsein und Zustand verdeutlichen soll.

Nachdem Sartre also das Psychische durch die transzendenten Objekte des reflexiven Bewusstseins charakterisiert hat, versucht er nun den Begriff des Ego zu explizieren. Dieses manifestiert sich, Sartre zufolge, nicht „als eine Art X-Pol(…), der der Träger der psychischen Phänomene wäre. Denn dadurch würde es diesen gegenüber gleichgültig und unabhängig sein. Vielmehr partizipiert das Ego gerade an seinen Zuständen und wird durch diese modifiziert. Es stellt sich als eine unauflösliche Komposition dar, die der einer Melodie gleicht und ohne auf einen Träger-Pol zu rekurrieren, in der Lage ist, sich selber zu tragen. Sartre spricht von einer „synthetischen Totalität“, wie sie die Welt für die Dinge ist. Würde man in dieser Totalität einen Aspekt verändern, dann hätte dies Auswirkungen auf die ganze Einheit, ähnlich einem veränderten Ton auf die Melodie.
Das Ego, welches als materiales Ich aufgefasst werden kann, stellt also eine transzendente Einheit dar, auf welches wir uns durch reflexive Intuitionen beziehen können. Die Augenblickszustände, wie sie die Wut oder der Neid darstellen können, beanspruchen jedoch einen zweifelhaften Charakter, da das Ego von späteren Intuitionen anders aufgefasst werden kann. Auch die Erinnerungsstruktur kann zu falsch zusammengesetzten Elementen beitragen, so dass das Ego für Sartre ist ein hypothetisches Objekt darstellt.
Der Vorstellung, nach der das Ego seine Zustände hervorbringt, die nach dem Kreationsmodus einer creatio ex nihilo, an das Ich geheftet werden, möchte Sartre eine entgegengesetzte Auffassung dagegenstellen, nach der es das reflexive Bewusstsein ist, dass das Ich konstituiert. Indem einem reflektierten Bewusstsein im Rahmen einer Interpretation ein Ich hinzugefügt wurde, geht es ja über das hinaus, was das erfasste Bewusstsein als sicher aufzeigt.
Sartre zieht die Schlussfolgerung, dass das Bewusstsein das Ego „als eine falsche Vorstellung von sich selbst konstituierte, als wenn es sich ganz an diesem Ego, das es konstituiert hat, hypnotisierte, darin aufginge, wenn ob es daraus seinen Schutz und sein Gesetz machte“. Das Ego würde also als eine Art Hilfskonstruktion dienen, um dem Bewusstsein dessen unermüdliche schöpferische Produktivität zu verbergen. Es vermag Einheit, Konstanz und Personalität zu begründen, um von der Spontaneität des Bewusstseins abzulenken, welche sich „jeden Augenblick zur Existenz“ bestimmt, ohne dass wir dessen Schöpfer wären. „Auf dieser Ebene hat der Mensch den Eindruck, sich unaufhörlich zu entgehen, sich zu übersteigen, sich durch einen immer unerwarteten Reichtum zu überraschen“, meint Sartre. Der Versuch des Bewusstseins, sich gänzlich in das Ego zu projizieren, um vor sich zu fliehen, gelingt jedoch nie vollständig, da das Bewusstsein mittels der Reflexion sich vom Ich abwenden kann. Hier ließen sich auch verschiedene Krankheitsbilder lokalisieren, die ihren Ursprung eben darin hätten, dass das Bewusstsein bei den betroffenen Menschen, als etwas erschiene, dessen sie nicht sicher sein könnten, da sie jeden Augenblick von diesem und seinen aus dem Nichts erscheinenden Produkten, überrascht werden könnten.

Die Transzendenz des Ego stellt eine Frühschrift Sartres dar und lässt den Weg erahnen, die die noch frischen Erkenntnisse, die sich hier in sehr gedrängter Form darstellen, später nehmen werden. Sein späteres Magnum Opus „Das Sein und das Nichts", wird sich durch die hier entwickelten Ansichten genährt finden. Die Tatsache, dass der Mensch sich ein fundiertes Ego aufbaut, um Halt zu finden, wird Sartre dann in seinen ausführlichen Analysen über die Aufrichtigkeit und den Beziehungen zu anderen noch wesentlich komplexer ausführen.


Träumereien eines einsamen Spaziergängers: Neuübersetzung (Reclams Universal-Bibliothek)
Träumereien eines einsamen Spaziergängers: Neuübersetzung (Reclams Universal-Bibliothek)
von Jean J Rousseau
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Denn nur in mir finde ich Trost ", 8. Juni 2014
Sein Leben rekapitulierend, lesen wir einen demütig gewordenen Rousseau, dessen Geisteskräfte sich noch ein letztes Mal künstlerisch hervorbringen konnten, ehe seine langsam versiegene Phantasie vollständig erlosch. Gänzlich auf sich bezogen, strebt er nun nicht mehr nach neuen Erkenntnissen, sondern beabsichtigt sein Leben ruhig zu beenden. Er schreibt an sein zukünftiges Ich, um sich später noch einmal in jüngere Manifestationen seiner selbst zurückzuversetzen und sich an den Erinnerungen zu erfreuen. " Ich schreibe meine Träumereien nur für mich ", schreibt er zu Anfang.

In Reminiszenzen schwelgend, vergegenwärtigt er sich auf seinen Spaziergängen prägende Erlebnisse aus seiner Vergangenheit und vermittelt uns seine humanistischen Lebenseinstellungen, die ihn von einer äußerst liebenswürdigen Seite erscheinen lassen. So spricht er von seiner Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen, seiner Kinderliebe, seiner Naturverbundenheit und dennoch fühlte er sich zeitlebens unheimisch auf der Erde und sah in sich die einzige Zufluchtsmöglichkeit. " Denn nur in mir finde ich trost ", heißt es im ersten Spaziergang und verdeutlicht, dass er aus seiner eigenen Existenz, als reichste Quelle, zeitlebens sein eigentliches Lebenselixier zu ziehen vermochte.

Den Bezug zur Gesellschaft verloren, schreibt er über die " Vita contemplativa ", als Lebensmaxime, nach der er speziell während seiner idyllischen Erfahrungen, bei einem Aufenthalt am Bieler See, emphatisch zu leben verstand. In dieser kurzen Phase, wechselten sich die erhabensten Exstasen ab, die ihn manchmal auf dem Wasser träumend treiben ließen und ihn dabei von jeglichem Zeitgefühl entbehrten. Es sind nicht die flüchtigen, süßen Momente, der kurz aufkeimenden Leidenschaft, die zuweilen das Leben zu entflammen vermögen, schreibt Rousseau , sondern vielmehr sieht er das höchste Lebensglück während eines anhaltenden Zustandes, der das Jetzt gänzlich auszufüllen und das Gefühl der eigenen Existenz spüren zu lassen vermag. Einzig das eigene Dasein genießend, fand er dann höchste Seligkeit und konnte über seinen begehrenden Willen ein schwärmendes Schauen legen. Genau diese Anwandlungen verzauberten ihn auf jener Insel und ließen ihn sein restliches Leben, melancholisch auf diese Zeit zurückblicken, wie er im fünften Spaziergang schreibt. Sich mit 40 Jahren neu orientierend, wurde aus einem Aufklärer ein Romantiker, der auf sein Herz und nicht mehr auf den Verstand hören wollte. Er unterzog sich einem moralischen Umdenken, kündigte seinen Posten, veränderte sein Äußeres, fand in die Einsamkeit, zum Müßiggang und widmete sich fortan den Idealen der Tugendhaftigkeit, wie er uns rückblickend berichtet. " Zum Leben war ich geboren und ich sterbe ohne gelebt zu haben " waren Worte von Rousseau, obwohl die während der Spaziergänge vermittelten Eindrücke, von einer gewissen Ankunft, einer Genügsamkeit, aber auch von einem wiedergefundenen Frieden, der ihn mit der Welt wieder aussöhnen ließ, handeln. Seine Weltflucht begründet sich nicht auf einer verbitterten Misanthropie, im Gegenteil, er wollte die Menschen immer zufrieden wissen und wünschte sich eine " allgemeine Glückseligkeit ".
Um das Gefühl der Unverstandenheit seiner Person , nicht in Empörung gegen sie zu verwandeln,
versuchte er sie zu vergessen, um keinen Hass zu entwickeln.

All das lässt er während seiner Spaziergänge Revue passieren und es scheint, als würde er seine Rechtfertigungen doch an ein späteres Publikum schreiben, in der Hoffnung posthum einmal verstanden zu werden. Es ist ein großer Genuss, Rousseau bei seinen Spaziergängen zu folgen und sich von seinen wunderschönen Naturerlebnissen und entzückenden Anekdoten verzaubern zu lassen. Auch wenn es um ihn geht, scheint er doch einen allgemeinen Weg für das Leben aller, von gesellschaftlicher Hektik über die Natur, hin zum eigenen Ich beschrieben zu haben. Eine inspirierende Leseerfahrung.


Die Sanfte: Eine fantastische Erzählung (Große Klassiker zum kleinen Preis)
Die Sanfte: Eine fantastische Erzählung (Große Klassiker zum kleinen Preis)
von Fjodor Dostojewski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Liebe ist wie eine Blume, wenn man sich nicht um sie kümmert, dann verwelkt sie !, 3. Juni 2014
Eine Erzählung, der wie so häufig bei Dostojewski, das Gefühl des Ressentiments zu grunde liegt, als Initiationsereignis, dem bekanntlich entweder das Bestreben nach Vergeltung oder die Einkapselung in träumerische Phantasiewelten folgt. Doch in der vorliegenden Erzählung sind es nicht die klassischen Minderwertigkeitsgefühle, wie im Jüngling, die einen Groll gegen die Gesellschaft nach sich ziehen, sondern der hier vorliegende Unmut rührt von einem verletzten Stolz her, den es wieder zu rehabilitieren gilt. Aufgrund eines Missverständnisses nagt der Erzähler, an seiner Vergangenheit. Einer Zeit, die ihn, als Folge eines abgelehnten Zweikampfes in der Armee, mit dem Merkmal eines Feiglinges abstempelte. Unehrenhaft entlassen, sieht er sich gezwungen einen Neuanfang zu beginnen und die ihm zugefügte Schmach zu vergessen. Sich als Pfandleiher eine neue Existenz aufbauend, hat er sich insgeheim einer Idee verschrieben, die ihn wieder mit der Gesellschaft aussöhnen und rehabilitieren sollte.

Als ein junges Mädchen etwas versetzen möchte, scheint sich sein ausgedachtes System, nach mephistophelischer Manier, zu realisieren. Über ihre Lebenskrise informiert, gedenkt er das Mädchen zu heiraten und sich an ihr stellvertretend für die Gesellschaft zu rächen. Anstatt sie fortlaufend mit Liebe zu überhäufen, beginnt er stattdessen einen Erziehungsprozess, der sich durch Zurückhaltung, Distanz und Unnahbarkeit auszeichnet. Sein Verzicht an Liebesbekundungen, gründet sich auf dem Vorhaben eines langanhaltenden Glückes, welches durch die nötige Enthaltsamkeit, an Feuer und Ausdauer gewinnen soll, anstatt sich durch überschwängliche Empfindungen, zu schnell zu verbrauchen. Als kluges, stolzes Mädchen, dass sie in ihrer Jugend schon verkörpert, sehnt sie sich jedoch nach Annerkennung und Liebe, wodurch es zu revoltierenden Verhaltensweisen kommt, die auf die Aufmerksamkeit des Gatten abzielen. Sogar ihre Affäre, als Signal nach Zuwendung, führt nach dessen Bekanntwerden, nur zu einer Periode des Schweigens, wodurch die Distanz der Beiden noch größer wird. Als er merkt, das sein Plan nicht zu der von ihm erhofften Liebe führt, im Gegenteil, den Hass gegen sich nur vermehrt, wird ihm auf einmal bewusst, was er angerichtet hat. Eine Pflanze die man nicht gießt geht ein und so fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, was er mit seiner mangelnden Zuneigung angerichtet hat. Seine Liebe ausgießend, will er seinen Schaden wiedergutmachen und glaubt ihrer Liebe wieder gewiss zu sein, nur um kurze Zeit später konstatiert festzustellen, dass er sie zugrunde gerichtet hat. " Ich habe sie zu Tode gequält, das ist es ! ", muss er rückblickend feststellen.

Er hat erkennen müssen, das seine Absicht, in seiner Frau den Eindruck entstehen zu lassen, ein Edelmann und kein Feigling zu sein, nicht erzwingbar ist und vor lauter Unterdrückung ihre Selbständigkeit missachtet. Dostojewski hat mit der Person des jungen Mädchens, seinen schon bekannten Frauentyp wieder einfließen lassen, der sich durch Klugheit und Hochmut auszeichnet und sich aus einer hoffnungslosen Situation, als zu retten erweiste. Eine schöne Erzählung, die sich durch Dostojewskis klassische Gefühlssezierungen und einem für damalige Verhältnisse untypischen retrospektiven Erzählstil auszeichnet, der teils hektisch, teils geordnet und dann wieder dramatisch daher kommt. Insgesamt eine leicht schwermütige Erzählung mit einem sanften Unterton.


Heinrich von Ofterdingen (Reclams Universal-Bibliothek)
Heinrich von Ofterdingen (Reclams Universal-Bibliothek)
von Wolfgang Frühwald
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Wo gehen wir hin ? ; Immer nach Hause "., 31. Mai 2014
Durch das Zeitalter der Aufklärung sensibilisiert, wollten die Romantiker jenen Zustand wieder revitalisieren, in dem der Mensch und die Natur eine Einheit bildeten. Eine Einheit, die sich einer zunehmenden Entfremdung ausgesetzt sah, da kapitalistische Bewegungen, Erkenntnisse der Naturwissenschaften und eine zunehmende Säkularisierung, den Zeitgeist, immer mehr, anstelle des Geheimnisvollen und Wunderbaren, beeinflussten. Es galt den Menschen über die Poesie zur ersehnten Einheit zurückzubringen und den Weg für das goldene Zeitalter, zu öffnen. Novalis, von der kantischen Transzendentalphilosophie beeinflusst, nahm dessen Weg auf, transformierte aber seinen Ansatz, um den Fokus anstatt auf das Finden allgemeiner Gestzmäßigkeiten, vielmehr auf die Selbstbeobachtung im Einzelnen zu legen. Wenn Kant sich nicht der Besonderheit einer bestimmten Erfahrung widmete, so reichen Novalis gerade bestimmte Einzelzüge, " nur wenige Zeichen im Sand ", um das Ganze abzubilden. Das innere Seelenleben als Quelle der Welterfahrung, wo sich der Sinn des wirren Schauspiels offenbart, oder wie es Goethe formulierte, " ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt "

Genau diese innere Welt heißt es bei Heinrich von Ofterdingen aufzuschließen, um die " verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt " erkennen zu können. Es beginnt mit einem Traum von einer blauen Blume, einem Erweckungserlebnis, welches einen Prozess, als Reise zum schöpferischen Ich auslöste. Es geht um das bekannte Motiv des Hinabsteigens in die eigene Seele, wo der Protagonist seinem eigentlichen Selbst begegnet und dieses auf wunderliche Weise, später in Form eines geschriebenen Buches in einer Höhle vorfindet. Auf seiner Reise nach Augsburg, lernt er das Märchenhafte, Romantische und Poetische kennen und weiß zunehmend sein bisheriges kindliches Gefühl in eine künstlerische, verbale Form zu verpacken. Sein Potential zum Dichter kristallisiert sich zunehmend heraus und auch der Ton des Buches wird zunehmend allegorischer und märchenhafter. Erklärungen über die Kunst des Dichtertums verwandeln sich kontinuierlich in etwas intuitiv zugängliches, wodurch die Metaphorik weniger durch das Verstandesdenken, als vielmehr dem Gefühl erfahrbar wird. Ein wunderschöner, bildgewaltiger, aber auch gefühlvoller und träumerischer Roman von Novalis, der leider kurze Zeit später schon verstarb.


William Lovell (Reclams Universal-Bibliothek)
William Lovell (Reclams Universal-Bibliothek)
von Ludwig Tieck
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Ich-Exesse des William Lovell, 27. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
William Lovell, der Reflexionsvirtuose, der sich und seine Empfindungen ständig analysiert, dessen Ich sich durch seelische Zergliederungen unentwegt zersplittert, um sich in einer neuen Form zu manifestieren, spürt in sich und der Welt, einen unbestimmten Abgrund, ein fehlendes Fundament, wodurch Sinn und Bedeutung, nur als vom Menschen geschaffene Seifenblasen erscheinen, denen ein stabiler Boden jedoch fehlt. Genau diesen fehlenden Boden, wusste er sich während seiner Kindheit mit einem romantischen Blendwerk zu überdecken, um eine schonende Distanz zur Welt aufzubauen und so ihre Rätselhaftigkeit zu wahren. Er zehrte von den Produkten seiner eigenen Einbildungskraft, die seiner verträumten Welt ein ästethisches Gewand anlegte, um sich von ihrer unbegreiflichen Schönheit verzaubern zu lassen. " Bis jetzt ist mein Leben ein ununterbrochener Freudentanz gewesen " heißt es in einem Brief an seinen Freund Eduard, der auf die anstehende Reise durch Europa verweist. Doch dieser blickt er skeptisch entgegen, denn er ahnt, dass sein bis dahin imaginiertes Gemälde einer phantasierten Welt, bröckeln und ein desillusionierender Eindruck zurückbleiben wird, wenn er sagt " ich ahne eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Träume vorschweben werden ".

Seine Vermutungen werden sich bestätigen und zeigen was passiert, wenn ein Romantiker aus seinem langen Traum erwacht. Denn Anstelle seiner nach außen projizierten Phantasie, wird er während seiner Reise seine Einbildungskraft fortwährend nach innen richten und sich in ein Versuchsobjekt umfunktionieren, in dem er, Akteur und Betrachter in einer Person sein wird. Ständig untersucht er dann seine Empfindungen und Erkenntnisse, im Rahmen eines permanenten Selbstbeobachtungsprozesses, um die daraus resultierenden Veränderungen für seinen Charakter zu erkennen, der sich damit fortlaufender Neudefinierungen, aber auch Reduzierungen unterzieht. Sein Wesen stellt ein immerwährendes zu bestimmendes Gefäß dar, dessen Form kontinuierlich Struktur erhält, nur um anschließend wieder zu zerfließen, sodas sein Seelenzustand während der Reise nie zur Ruhe kommt.

Anstatt wie einst, in den Freuden des Lebens aufzugehen, spürt er nun auch in den vollkommensten Momenten, eine wehmütige Sehnsucht, die ihn daran hindert sich von der Welt verzaubern zu lassen. Es ist seine Nüchternheit, die hinter allen Genüssen, wie der Liebe, den Trick, die Mechanik sucht und damit alles ins Nichtige verwandelt. Er, der einst die Menschen verachtete, " die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne, in jede träumliche Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphänomene verjagen ", gehört nun selber zu den hinter den Vorhang blickenden Leute. William, der sich einst eines intuitiven Zuganges zur Welt bediente, hat sich nun in einen Erkenntnistheoretiker verwandelt, der seine Sinneseindrücke analysiert und die Welt systematisch auseinandersetzt. " Wie mit einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen die feindseligen Elemente zusammen " , schreibt er an Rosa und entwickelt damit Theorien, wie sie von Fichte und dem deutschen Idealismus später weiterentwickelt werden.

Die Welt, als Produkt der Einbildungskraft erachtend, hat sich für ihn in ein Possenspiel verwandelt, in dem es keine Werte, kein Gut und Böse gibt, in dem alles Einerlei ist und einem blinden Willen unterliegt. Für ihn sind Meinungen, nur in Worte verpackte Gefühle, die eine vermeintliche Mannigfaltigkeit vortäuschen, doch dem Betrachter im grunde nur eine andere Perspektive auf das selbe Portrait geben. Der Mensch ist für ihn nichts weiter als ein Rollenspieler, der von unsichtbaren Drähten bewegt wird und seinen Leidenschaften bedingungslos ausgeliefert ist. Lovell lebt den romantischen Nihilismus, der ihn zunehmend in eine schwere Melancholie versenkt, wodurch eine zeitweilige Todessehnsucht, als Flucht vor der abgrundartigen Wirklichkeit, entsteht. Selbst die Liebe, erscheint ihm nach und nach als eine Illusion, die für ihn ebenfalls nur einen Teil in einem Räderwerk darstellt und als Motor für die Bewältigung des eigenen Lebens fungiert. Die zunehmende Gefühlszersetzung und Vervielfältigung des Ichs führt ihn immer tiefer in die Verzweifelung, aber auch in eine Geheimgesellschaft, in der er am Ende resignierend erkennen muss, wer die eigentlichen Fädenzieher hinter seinen Gedankensystemen waren und er schmerzlich herausfindet, dass er Teil einer Intrige war.

Ludwig Tieck, der mit vier die Bibel und mit vierzehn die kleine Bibliothek des Vaters ausgelesen hatte, schrieb seinen Lovell während des Studiums, um endlich etwas Eigenes zu erschaffen. Es ist erstaunlich mit welcher Bildgewaltigkeit er die Empfindungen der Seele zu beschreiben vermochte und dabei so viele Motive, späterer Autoren und Philosophen schon beinhaltete. So finden wir große Parallelen zu Dostojewskis Kellermenschen, zu Nietzsches Nihilismus und dessen moralischen Beschreibungen, aber auch zu Sartre und seiner Philosophie, des Rollenspielenden Menschen und seiner Angst vor der Freiheit. Ludwigs William Lovell stellt ein literarisches Meisterwerk dar, welches leider vollkommen unbekannt in der Geschichte zurückgeblieben ist.


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