Profil für Jérôme > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Jérôme
Top-Rezensenten Rang: 8.474
Hilfreiche Bewertungen: 32

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Jérôme (Berlin)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6
pixel
Träumereien eines einsamen Spaziergängers: Neuübersetzung
Träumereien eines einsamen Spaziergängers: Neuübersetzung
von Jean J Rousseau
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Denn nur in mir finde ich Trost ", 8. Juni 2014
Sein Leben rekapitulierend, lesen wir einen demütig gewordenen Rousseau, dessen Geisteskräfte sich noch ein letztes Mal künstlerisch hervorbringen konnten, ehe seine langsam versiegene Phantasie vollständig erlosch. Gänzlich auf sich bezogen, strebt er nun nicht mehr nach neuen Erkenntnissen, sondern beabsichtigt sein Leben ruhig zu beenden. Er schreibt an sein zukünftiges Ich, um sich später noch einmal in jüngere Manifestationen seiner selbst zurückzuversetzen und sich an den Erinnerungen zu erfreuen. " Ich schreibe meine Träumereien nur für mich ", schreibt er zu Anfang.

In Reminiszenzen schwelgend, vergegenwärtigt er sich auf seinen Spaziergängen prägende Erlebnisse aus seiner Vergangenheit und vermittelt uns seine humanistischen Lebenseinstellungen, die ihn von einer äußerst liebenswürdigen Seite erscheinen lassen. So spricht er von seiner Großzügigkeit gegenüber Bedürftigen, seiner Kinderliebe, seiner Naturverbundenheit und dennoch fühlte er sich zeitlebens unheimisch auf der Erde und sah in sich die einzige Zufluchtsmöglichkeit. " Denn nur in mir finde ich trost ", heißt es im ersten Spaziergang und verdeutlicht, dass er aus seiner eigenen Existenz, als reichste Quelle, zeitlebens sein eigentliches Lebenselixier zu ziehen vermochte.

Den Bezug zur Gesellschaft verloren, schreibt er über die " Vita contemplativa ", als Lebensmaxime, nach der er speziell während seiner idyllischen Erfahrungen, bei einem Aufenthalt am Bieler See, emphatisch zu leben verstand. In dieser kurzen Phase, wechselten sich die erhabensten Exstasen ab, die ihn manchmal auf dem Wasser träumend treiben ließen und ihn dabei von jeglichem Zeitgefühl entbehrten. Es sind nicht die flüchtigen, süßen Momente, der kurz aufkeimenden Leidenschaft, die zuweilen das Leben zu entflammen vermögen, schreibt Rousseau , sondern vielmehr sieht er das höchste Lebensglück während eines anhaltenden Zustandes, der das Jetzt gänzlich auszufüllen und das Gefühl der eigenen Existenz spüren zu lassen vermag. Einzig das eigene Dasein genießend, fand er dann höchste Seligkeit und konnte über seinen begehrenden Willen ein schwärmendes Schauen legen. Genau diese Anwandlungen verzauberten ihn auf jener Insel und ließen ihn sein restliches Leben, melancholisch auf diese Zeit zurückblicken, wie er im fünften Spaziergang schreibt. Sich mit 40 Jahren neu orientierend, wurde aus einem Aufklärer ein Romantiker, der auf sein Herz und nicht mehr auf den Verstand hören wollte. Er unterzog sich einem moralischen Umdenken, kündigte seinen Posten, veränderte sein Äußeres, fand in die Einsamkeit, zum Müßiggang und widmete sich fortan den Idealen der Tugendhaftigkeit, wie er uns rückblickend berichtet. " Zum Leben war ich geboren und ich sterbe ohne gelebt zu haben " waren Worte von Rousseau, obwohl die während der Spaziergänge vermittelten Eindrücke, von einer gewissen Ankunft, einer Genügsamkeit, aber auch von einem wiedergefundenen Frieden, der ihn mit der Welt wieder aussöhnen ließ, handeln. Seine Weltflucht begründet sich nicht auf einer verbitterten Misanthropie, im Gegenteil, er wollte die Menschen immer zufrieden wissen und wünschte sich eine " allgemeine Glückseligkeit ".
Um das Gefühl der Unverstandenheit seiner Person , nicht in Empörung gegen sie zu verwandeln,
versuchte er sie zu vergessen, um keinen Hass zu entwickeln.

All das lässt er während seiner Spaziergänge Revue passieren und es scheint, als würde er seine Rechtfertigungen doch an ein späteres Publikum schreiben, in der Hoffnung posthum einmal verstanden zu werden. Es ist ein großer Genuss, Rousseau bei seinen Spaziergängen zu folgen und sich von seinen wunderschönen Naturerlebnissen und entzückenden Anekdoten verzaubern zu lassen. Auch wenn es um ihn geht, scheint er doch einen allgemeinen Weg für das Leben aller, von gesellschaftlicher Hektik über die Natur, hin zum eigenen Ich beschrieben zu haben. Eine inspirierende Leseerfahrung.


Die Sanfte: Eine fantastische Erzählung
Die Sanfte: Eine fantastische Erzählung
von Fjodor Dostojewski
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 3,95

5.0 von 5 Sternen Liebe ist wie eine Blume, wenn man sich nicht um sie kümmert, dann verwelkt sie !, 3. Juni 2014
Eine Erzählung, der wie so häufig bei Dostojewski, das Gefühl des Ressentiments zu grunde liegt, als Initiationsereignis, dem bekanntlich entweder das Bestreben nach Vergeltung oder die Einkapselung in träumerische Phantasiewelten folgt. Doch in der vorliegenden Erzählung sind es nicht die klassischen Minderwertigkeitsgefühle, wie im Jüngling, die einen Groll gegen die Gesellschaft nach sich ziehen, sondern der hier vorliegende Unmut rührt von einem verletzten Stolz her, den es wieder zu rehabilitieren gilt. Aufgrund eines Missverständnisses nagt der Erzähler, an seiner Vergangenheit, einer Zeit, die ihn, als Folge eines abgelehnten Zweikampfes in der Armee, mit dem Merkmal eines Feiglinges abstempelte. Unehrenhaft entlassen, sieht er sich gezwungen einen Neuanfang zu beginnen und die ihm zugefügte Schmach zu vergessen. Sich als Pfandleiher eine neue Existenz aufbauend, hat er sich insgeheim einer Idee verschrieben, die ihn wieder mit der Gesellschaft aussöhnen und rehabilitieren sollte.

Als ein junges Mädchen etwas versetzen möchte, scheint sich sein ausgedachtes System, nach mephistophelischer Manier, zu realisieren. Über ihre Lebenskrise informiert, gedenkt er das Mädchen zu heiraten und sich an ihr stellvertretend für die Gesellschaft zu rächen. Anstatt sie fortlaufend mit Liebe zu überhäufen, beginnt er stattdessen einen Erziehungsprozess, der sich durch Zurückhaltung, Distanz und Unnahbarkeit auszeichnet. Sein Verzicht an Liebesbekundungen, gründet sich auf dem Vorhaben eines langanhaltenden Glückes, welches durch die nötige Enthaltsamkeit, an Feuer und Ausdauer gewinnen soll, anstatt sich durch überschwängliche Empfindungen, zu schnell zu verbrauchen. Als kluges, stolzes Mädchen, dass sie in ihrer Jugend schon verkörpert, sehnt sie sich jedoch nach Annerkennung und Liebe, wodurch es zu revoltierenden Verhaltensweisen kommt, die auf die Aufmerksamkeit des Gatten abzielen. Sogar ihre Affäre, als Signal nach Zuwendung, führt nach dessen Bekanntwerden, nur zu einer Periode des Schweigens, wodurch die Distanz der Beiden noch größer wird. Als er merkt, das sein Plan nicht zu der von ihm erhofften Liebe führt, im Gegenteil, den Hass gegen sich nur vermehrt, wird ihm auf einmal bewusst, was er angerichtet hat. Eine Pflanze die man nicht gießt geht ein und so fällt es ihm wie Schuppen von den Augen, was er mit seiner mangelnden Zuneigung angerichtet hat. Seine Liebe ausgießend, will er seinen Schaden wiedergutmachen und glaubt ihrer Liebe wieder gewiss zu sein, nur um kurze Zeit später konstatiert festzustellen, dass er sie zugrunde gerichtet hat. " Ich habe sie zu Tode gequält, das ist es ! ", muss er rückblickend feststellen.

Er hat erkennen müssen, das seine Absicht, in seiner Frau den Eindruck entstehen zu lassen, ein Edelmann und kein Feigling zu sein, nicht erzwingbar ist und vor lauter Unterdrückung ihre Selbständigkeit missachtet. Dostojewski hat mit der Person des jungen Mädchens, seinen schon bekannten Frauentyp wieder einfließen lassen, der sich durch Klugheit und Hochmut auszeichnet und sich aus einer hoffnungslosen Situation, als zu retten erweiste. Eine schöne Erzählung, die sich durch Dostojewskis klassische Gefühlssezierungen und einem für damalige Verhältnisse untypischen retrospektiven Erzählstil auszeichnet, der teils hektisch, teils geordnet und dann wieder dramatisch daher kommt. Insgesamt eine leicht schwermütige Erzählung mit einem sanften Unterton.


Heinrich von Ofterdingen
Heinrich von Ofterdingen
von Wolfgang Frühwald
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Wo gehen wir hin ? ; Immer nach Hause "., 31. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Heinrich von Ofterdingen (Taschenbuch)
Durch das Zeitalter der Aufklärung sensibilisiert, wollten die Romantiker jenen Zustand wieder revitalisieren, in dem der Mensch und die Natur eine Einheit bildeten. Eine Einheit, die sich einer zunehmenden Entfremdung ausgesetzt sah, da kapitalistische Bewegungen, Erkenntnisse der Naturwissenschaften und eine zunehmende Säkularisierung, den Zeitgeist, immer mehr, anstelle des Geheimnisvollen und Wunderbaren, beeinflussten. Es galt den Menschen über die Poesie zur ersehnten Einheit zurückzubringen und den Weg für das goldene Zeitalter, zu öffnen. Novalis, von der kantischen Transzendentalphilosophie beeinflusst, nahm dessen Weg auf, transformierte aber seinen Ansatz, um den Fokus anstatt auf das Finden allgemeiner Gestzmäßigkeiten, vielmehr auf die Selbstbeobachtung im Einzelnen zu legen. Wenn Kant sich nicht der Besonderheit einer bestimmten Erfahrung widmete, so reichen Novalis gerade bestimmte Einzelzüge, " nur wenige Zeichen im Sand ", um das Ganze abzubilden. Das innere Seelenleben als Quelle der Welterfahrung, wo sich der Sinn des wirren Schauspiels offenbart, oder wie es Goethe formulierte, " ich kehre in mich selbst zurück und finde eine Welt "

Genau diese innere Welt heißt es bei Heinrich von Ofterdingen aufzuschließen, um die " verborgene Herrlichkeit der sichtbaren Welt " erkennen zu können. Es beginnt mit einem Traum von einer blauen Blume, einem Erweckungserlebnis, welches einen Prozess, als Reise zum schöpferischen Ich auslöste. Es geht um das bekannte Motiv des Hinabsteigens in die eigene Seele, wo der Protagonist seinem eigentlichen Selbst begegnet und dieses auf wunderliche Weise, später in Form eines geschriebenen Buches in einer Höhle vorfindet. Auf seiner Reise nach Augsburg, lernt er das Märchenhafte, Romantische und Poetische kennen und weiß zunehmend sein bisheriges kindliches Gefühl in eine künstlerische, verbale Form zu verpacken. Sein Potential zum Dichter kristallisiert sich zunehmend heraus und auch der Ton des Buches wird zunehmend allegorischer und märchenhafter. Erklärungen über die Kunst des Dichtertums verwandeln sich kontinuierlich in etwas intuitiv zugängliches, wodurch die Metaphorik weniger durch das Verstandesdenken, als vielmehr dem Gefühl erfahrbar wird. Ein wunderschöner, bildgewaltiger, aber auch gefühlvoller und träumerischer Roman von Novalis, der leider kurze Zeit später schon verstarb.


William Lovell
William Lovell
von Ludwig Tieck
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Ich-Exesse des William Lovell, 27. Mai 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: William Lovell (Taschenbuch)
William Lovell, der Reflexionsvirtuose, der sich und seine Empfindungen ständig analysiert, dessen Ich sich durch seelische Zergliederungen unentwegt zersplittert, um sich in einer neuen Form zu manifestieren, spürt in sich und der Welt, einen unbestimmten Abgrund, ein fehlendes Fundament, wodurch Sinn und Bedeutung, nur als vom Menschen geschaffene Seifenblasen erscheinen, denen ein stabiler Boden jedoch fehlt. Genau diesen fehlenden Boden, wusste er sich während seiner Kindheit mit einem romantischen Blendwerk zu überdecken, um eine schonende Distanz zur Welt aufzubauen und so ihre Rätselhaftigkeit zu wahren. Er zehrte von den Produkten seiner eigenen Einbildungskraft, die seiner verträumten Welt ein ästethisches Gewand anlegte, um sich von ihrer unbegreiflichen Schönheit verzaubern zu lassen. " Bis jetzt ist mein Leben ein ununterbrochener Freudentanz gewesen " heißt es in einem Brief an seinen Freund Eduard, der auf die anstehende Reise durch Europa verweist. Doch dieser blickt er skeptisch entgegen, denn er ahnt, dass sein bis dahin imaginiertes Gemälde einer phantasierten Welt, bröckeln und ein desillusionierender Eindruck zurückbleiben wird, wenn er sagt " ich ahne eine Zeit, in welcher mir meine jetzigen Empfindungen wie leere Träume vorschweben werden ".

Seine Vermutungen werden sich bestätigen und zeigen was passiert, wenn ein Romantiker aus seinem langen Traum erwacht. Denn Anstelle seiner nach außen projizierten Phantasie, wird er während seiner Reise seine Einbildungskraft fortwährend nach innen richten und sich in ein Versuchsobjekt umfunktionieren, in dem er, Akteur und Betrachter in einer Person sein wird. Ständig untersucht er dann seine Empfindungen und Erkenntnisse, im Rahmen eines permanenten Selbstbeobachtungsprozesses, um die daraus resultierenden Veränderungen für seinen Charakter zu erkennen, der sich damit fortlaufender Neudefinierungen, aber auch Reduzierungen unterzieht. Sein Wesen stellt ein immerwährendes zu bestimmendes Gefäß dar, dessen Form kontinuierlich Struktur erhält, nur um anschließend wieder zu zerfließen, sodas sein Seelenzustand während der Reise nie zur Ruhe kommt.

Anstatt wie einst, in den Freuden des Lebens aufzugehen, spürt er nun auch in den vollkommensten Momenten, eine wehmütige Sehnsucht, die ihn daran hindert sich von der Welt verzaubern zu lassen. Es ist seine Nüchternheit, die hinter allen Genüssen, wie der Liebe, den Trick, die Mechanik sucht und damit alles ins Nichtige verwandelt. Er, der einst die Menschen verachtete, " die mit ihrer nachgemachten kleinen Sonne, in jede träumliche Dämmerung hineinleuchten und die lieblichen Schattenphänomene verjagen ", gehört nun selber zu den hinter den Vorhang blickenden Leute. William, der sich einst eines intuitiven Zuganges zur Welt bediente, hat sich nun in einen Erkenntnistheoretiker verwandelt, der seine Sinneseindrücke analysiert und die Welt systematisch auseinandersetzt. " Wie mit einem Zauberstabe schlägt der Mensch in die Wüste hinein und plötzlich springen die feindseligen Elemente zusammen " , schreibt er an Rosa und entwickelt damit Theorien, wie sie von Fichte und dem deutschen Idealismus später weiterentwickelt werden.

Die Welt, als Produkt der Einbildungskraft erachtend, hat sich für ihn in ein Possenspiel verwandelt, in dem es keine Werte, kein Gut und Böse gibt, in dem alles Einerlei ist und einem blinden Willen unterliegt. Für ihn sind Meinungen, nur in Worte verpackte Gefühle, die eine vermeintliche Mannigfaltigkeit vortäuschen, doch dem Betrachter im grunde nur eine andere Perspektive auf das selbe Portrait geben. Der Mensch ist für ihn nichts weiter als ein Rollenspieler, der von unsichtbaren Drähten bewegt wird und seinen Leidenschaften bedingungslos ausgeliefert ist. Lovell lebt den romantischen Nihilismus, der ihn zunehmend in eine schwere Melancholie versenkt, wodurch eine zeitweilige Todessehnsucht, als Flucht vor der abgrundartigen Wirklichkeit, entsteht. Selbst die Liebe, erscheint ihm nach und nach als eine Illusion, die für ihn ebenfalls nur einen Teil in einem Räderwerk darstellt und als Motor für die Bewältigung des eigenen Lebens fungiert. Die zunehmende Gefühlszersetzung und Vervielfältigung des Ichs führt ihn immer tiefer in die Verzweifelung, aber auch in eine Geheimgesellschaft, in der er am Ende resignierend erkennen muss, wer die eigentlichen Fädenzieher hinter seinen Gedankensystemen waren und er schmerzlich herausfindet, dass er Teil einer Intrige war.

Ludwig Tieck, der mit vier die Bibel und mit vierzehn die kleine Bibliothek des Vaters ausgelesen hatte, schrieb seinen Lovell während des Studiums, um endlich etwas Eigenes zu erschaffen. Es ist erstaunlich mit welcher Bildgewaltigkeit er die Empfindungen der Seele zu beschreiben vermochte und dabei so viele Motive, späterer Autoren und Philosophen schon beinhaltete. So finden wir große Parallelen zu Dostojewskis Kellermenschen, zu Nietzsches Nihilismus und dessen moralischen Beschreibungen, aber auch zu Sartre und seiner Philosophie, des Rollenspielenden Menschen und seiner Angst vor der Freiheit. Ludwigs William Lovell stellt ein literarisches Meisterwerk dar, welches leider vollkommen unbekannt in der Geschichte zurückgeblieben ist.


Des Vetters Eckfenster.
Des Vetters Eckfenster.
von E. T. A. Hoffmann
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Ein Ausblick als Einblick, 20. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Des Vetters Eckfenster. (Taschenbuch)
E.T.A.Hoffmann, führt uns in dieser kleineren Erzählung nach Berlin, wo ein unbekannter Ich-Erzähler, seinen, dem Tode zugehenden Vetter besucht. Einst als Schriftsteller tätig, verbleibt diesem aufgrund einer Lähmung, lediglich noch ein aus dem Fenster gerichteter Blick auf das Straßenleben, eine Tätigkeit, die ihm nun seine Tage auszufüllen vermag. Er sieht sich nun fortan gezwungen, sein dichterisches Potential über den Blick auszudrücken, da es ihm in Folge seiner Körperlähmungen versagt ist, seine hervorsprudelnde Phantasie, zu Papier zu bringen. Doch neben dieser fehlenden Möglichkeit, sein inneres, subjektives Leben nach draußen zu extrovertieren, spielt allerdings noch ein weiterer Aspekt in die Kriese hinein, der das gesellschaftliche Bild des künstlerischen Schaffensprozesses betrifft. Der Vetter musste erkennen, dass sich innerhalb des Volkes, gewisse ökonomische Veränderungen zugetragen haben, die zu einer neuen Auffassung eines Produktes geführt haben, wodurch Konsumgüter, als fertige Waren und nicht mehr als zu erschaffende Objekte angesehen wurden. So berichtet der Vetter dem Gast, von jenem Blumenmädchen, dass auf dem Markt eines seiner Bücher las und nachdem er sich als der Autor vorstellte, auf völliges Unverständnis traf, " Es fand sich, dass das Mädchen niemals daran gedacht, daß die Bücher, welche sie lese, vorher gedichtet werden müßten. Auch das Buch des Schriftstellers sieht sich diesem Umdenken unterworfen, wodurch die Vorstellung für den einzigartigen Fertigungsprozess, an Geltung verloren hat. Doch ein Künstler, zeichnet sich gerade durch seine Gabe der Erschaffung aus und will dementsprechend in seinem Genius von der Gesellschaft verstanden werden, doch wenn dieser, das Bewusstsein für die dafür nötige Vorstellungskraft abhanden gekommen ist, fühlt man sich seines besonderen Wertes beraubt und auf den Status eines bloßen Objektes reduziert. "

Seine fortwährende Leidenschaft findet er nun im Beobachten des Marktgeschehens und im Studieren von Charakterprofilen, wodurch er seinem poetischen Leben wieder Ausdruck verleihen konnte. Als sein Gast eintritt und er ihn bittet einen Blick aus dem Eckfenster zu werfen, fällt ihm gleich sein unbegabter Blick auf und kritisiert, " dem Besucher fehlt ein Auge, welches wirklich schaut ". Es scheint als gelänge es dem Besucher nicht, anhand der Außenwelt, Rückschlüsse und Erkenntnisse nach innen abzuleiten, im Gegensatz zum Schriftsteller, dem es nicht mehr gelingt, sein Innenleben nach draußen zu projizieren. Im folgenden entsteht nun eine Lehrer-Schüler Situation, mit dem Ziel, den Blick des Besuchers zu schärfen. " Auf Vetter ! Ich will sehen, ob ich dir nicht wenigstens die Primizien der Kunst zu schauen beibringen kann ", sagt er euphorisch und sensibilisiert ihn für eine neue Wahrnehmungsweise, die das gesellschaftliche Leben auf der Straße abzubilden vermag.

Ihn im Schauen unterweisend, stellt er nun Betrachtungen über die verschiedensten Typen auf dem Markt an, wobei es scheint, als würde er aus einem Gesamtrahmen, verschiedene Impressionen heraus lösen, um sie dem Blick besser zugänglich zu machen. Es gilt den "Anblick eines scheckichten, sinnverwirrenden Gewühls, des in bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volkes " , in " die mannigfachste Szenerie des bürgerlichen Lebens " umzuwandeln und so das Bild unterschiedlichster Menschen geordnet darzustellen.
Genau diese neue Sichtweise, die die Anschauung nun nicht mehr ästhetisiert oder romantisiert, sondern sie möglichst realistisch und detailreich abbilden soll, hat die Interpretatoren dazu getrieben, dass Werk stilistisch eher zum frühen Realismus zu zählen und es von der Romantik zu distanzieren. Hoffmann, der in diese Erzählung viele biographische Züge hat einfließen lassen, starb kurze Zeit nach der Veröffentlichung


Des Lebens Überfluss
Des Lebens Überfluss
von Ludwig Tieck
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen " Und wie der Mensch nur sagen kann: Hier bin ich ", 18. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Des Lebens Überfluss (Taschenbuch)
Clara und Heinrich, ein Liebespaar, dass sich aufgrund ihrer Klassenunterschiede gezwungen sah unterzutauchen, blieb nur die Flucht in eine Dachstube übrig, in der sie nun fortan ein Leben in Einsamkeit und Armut führen sollten. Sich selbst genügend und von ihrer Liebe zehrend, haben sie sämtliche Beziehungen zur Außenwelt abgebrochen, um als Eremiten, Betrachtungen über die Welt anzustellen. Genau diesen Abbruch an Realität, verstehen die beiden mittels ihrer Einbildungskraft zu kompensieren, um ihrer Alltäglichkeit, das gewisse Besondere wieder zurückzugeben. Ihr Leben als Paradies bezeichnend, verleihen sie den Dingen einen romantischen Wert und spinnen sich ein märchenhaftes Leben, dass ihrer Zurückgezogenheit die nötige Magie verleiht.

Indem sie ihr Dasein ästhetisieren, gelingt es ihnen, ihre Imaginationen über die Realität zu legen und ihrer Lebenslage zu trotzen. Ein Trotz, der jedoch zuweilen, von der Realität eingeholt wird, um sich dann in Form von fehlendem Brennholz bemerkbar zu machen und die schwelgenden Träumer aus ihrer Idylle erwachen zu lassen. Doch jede Not birgt wieder neue Möglichkeiten, der Situation etwas Erhabenes zu verleihen, auch wenn es nur die zu Brennholz verarbeitete Treppe ist. " Welch ein Künstleratelier, ist plötzlich aus unserm einsamen Zimmer geworden ", ruft Heinrich euphorisch aus, nachdem er das Holz in die richtige Größe gesägt hatte.
Er sieht immer mehr als da ist und weiß die Leere durch die Ironie aufzufüllen, um sich künstlerisch über die Dinge zu erheben und sich nicht in ihnen zu verlieren. Heinrich versucht das Leben aus der Distanz zu sehen, seine Dunkelheit zu bewahren und die daraus resultierende, geheimnisvolle Schönheit durch " Schonung " zu bewahren. Es gilt das Geheimnis des Lebens vor dessen Analysierung und Rationalität zu behüten und es nicht " zu grell zu erleuchten ", wie es Heinrich poetisch formuliert. Die beiden Leben das Ideal der Indiviudualität und stellen ihre romantische Lebensauffassung, den nach Allgemeinheit strebenden Naturwissenschaften klar entgegen. Hinter diesem Hintergrund erscheinen die von Clara entdeckten Eisblumen, als Symbole für die Mannigfaltigkeit und Unendlichkeit der Wirklichkeit, oder wie sie es anhand der Liebe formuliert, " In der Liebe wird uns jene Ahnung recht deutlich [...] , dass das Individuelle, das Einzige, das Wesen, das Rechte, das Poetische und das Wahre sei ".

Die Welt poetisierend, machen sich die beiden also warme Gedanken und verarbeiten aufgrund des eisigen Winters die Treppe zu Kleinholz, wodurch auch die letzte Verbindung zur Außenwelt kontinuierlich gekappt wird. Die Treppe stellt das Symbol, für den nach Wahrheit suchenden Menschen dar, den Rettungsring für die, die sich nicht der Ungewissheit, der Illusion oder der " unmittelbaren Anschauung " hingeben wollen, sondern mittels einer entmystifizierenden Wissenschaft, Sicherheit und Wahrheit, anstelle des Geheimnissvollen suchen. Auf diese Weise manifestiert sich die Treppe im Verlaufe der Handlung zum eigentlichen Protagonisten, wodurch zum Schluss wunderbare Dialoge entstehen, die vor Ironie und Komik nur so strotzen. Ludwig Tieck, der seine Novelle zu seinen gelungensten Werken zählte, ist leider nie zu der Popularität gelangt, die ihm eigentlich angemessen wäre, wodurch er leider im Schatten der anderen großen Romantiker zurückblieb. Dennoch ein großer Lesegenuss.


Aus dem Leben eines Taugenichts: Novelle. Studienausgabe
Aus dem Leben eines Taugenichts: Novelle. Studienausgabe
von Harry Fröhlich
  Taschenbuch
Preis: EUR 4,40

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Seit ich des Suchens müde ward, Erlernte ich das Finden ", 16. Mai 2014
Es ist die fließende Leichtigkeit des Taugenichts, die dem Bestreben eines Flusses gleicht, in alle möglichen Formen zu fließen, die uns so wunderbar zu verzaubern vermag. Sein Sein ist das Werden und lässt ihn, geleitet von Intuition und dem Ideal eines unbestimmten Zieles dahintreiben. Er führt das Leben eines realisierten Traumes, der zu schön, um wahr zu sein scheint, so das man jederzeit den Moment des Aufwachens befürchtet. Doch es ist nicht der Taugenichts, der aufwacht, sondern wir, die Leser, die sich dann schmerzlich der sehnsuchtsvollen Identifizierung mit dem Romantiker bewusst werden und daher sofort wieder, selbstvergessen, dem Leben dieses Wanderburschen beiwohnen wollen.

Denn dieser Jüngling vermittelt uns wieder den verloren gegangenen Klang einer Welt, der sich heute leider zu einem Lärm, bedingt durch das hektische Streben nach Selbstverwirklichung, verwandelt hat. " Die Erde selber rauscht, wenn man zu hören versteht ", doch wir sind so vereinnahmt und verwurzelt, dass wir dieses Hören stattdessen überhören. Unser Taugenichts ist jemand, der " hat sein Sach auf Nichts gestellt " und verspürt dem Klang seines Herzens in die Welt zu folgen und sein Glück zu suchen. Seinem Dorf den Rücken weisend, zieht er von dannen und zückt geschwind seine Geige herbei und weiß munter drauf los zu trällern " Wem Gott will rechte Gunst erweisen [...], dem will er seine Wunder weisen ". Genau dieser Glaube scheint ihn zu beflügeln und seine Abenteuer vorantreiben zu lassen, so dass sein stetiges Fortgehen eigentlich ein fließendes Ankommen darstellt. Sein Zuhause ist die Verkörperung des freien Lebens, ob es eine herrliche Frühlingswiese oder ein nach Holz duftender Wald ist, überall dort, wo er sich mit einem größeren Ganzen verbunden fühlt, sieht er sich in einer harmonischen Symbiose zwischen Natur und Mensch beheimatet. Dieses luftige, erfrischende und durch exstatische Naturerlebnisse geprägte Wanderleben, kommt so wunderbar zeitlos daher, da sich seine Erlebnisse, aufgrund ihrer schnellen Vergänglichkeit, jedweder Zeitigung entziehen.

So wird er Gärtner, Zollmeister, dann wieder Wanderer, plötzlich hält man ihn für einen Grafen, dann wieder wandern und doch scheint es, als unterstehe alles einem Plan, einer Abfolge wie in einem " Roman ", in dem er, der unwissende Protagonist ist und von einer unsichtbaren Hand geleitet wird. Eine unsichtbare Hand, wie sie doch eigentlich nur von der Liebe und ihrer Magie geführt zu werden versteht und die es vermag ihn auf omnipräsente Weise, in Form einer Essenz immer zu begleiteten, um sein Herz zu seiner alten Schlossliebe Aurelia zurückzubringen. Schließlich war er doch wegen eines gebrochenen Herzen von seinem ersten Aufenthaltsort, einem Schloss, davongegangen. Jenem Ort, an dem er das schöne junge Mädchen, das erste Mal sah, wo er ihr das erste Mal vorsang, wo er ihr täglich frische Blumen pflückte, wo sich sein Herz, allein durch einen Gedanken an sie schon verkrampfte. Am Ende laufen alle Fäden wieder zum Schloss, dem Zielort einer sich findenden Liebe, die sich durch ihre Distanz erst richtig entdeckte, um dann erst vollständig entflammen zu können. Und so stellt sich die Frage ob denn unser Romantiker wirklich ein Taugenichts war, oder ob er nicht gerade die wunderbarsten Eigenschaften, wie Herzlichkeit, Natürlichkeit und Selbstlosigkeit besaß. Seine authentische und liebevolle Art öffnete ihm stets die Türen und brachte ihn schließlich mit seiner Herzensdame zusammen. Somit war er doch eigentlich ein Glückspilz und kein Taugenichts.

Für Eichendorff, stellte die Phase der Selbstfindung, wie sie der Taugenichts durchlebte, jenen ganz besonderen Lebensabschnitt dar, in dem sich die großen Visionen und Pläne entwickeln können und man sich von den bürgerlichen Pflichten, als Müßiggänger distanzieren kann. Insgesamt eine wundervolle Novelle, die sich für den gemütlichen Nachmittag im Garten anbietet.


Die schmutzigen Hande: Stuck in sieben Bildern (Theaterstucke und Drehbucher, Band 6)
Die schmutzigen Hande: Stuck in sieben Bildern (Theaterstucke und Drehbucher, Band 6)
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen " Besser ein guter Journalist, als ein schlechter Mörder ", 14. Mai 2014
Sartre verdeutlicht in seinem 1948 erschienenen Stück, den Kontrast zwischen engagierter Menschlichkeit und absoluter Reinheit der Prinzipien. Höderer und Hugo, ein Gegensatz, der sich zwischen Reife und Jugendlichkeit abspielt. Beide kommen aus zwei unterschiedlichen Klassen, die zwei verschiedene Welten darstellen. Hugo der aus bürgerlichen Verhältnissen kommt, hat sich in seinen Jugendlichen Idealen verfangen, die ihn daran hindern ein junger Mann zu werden. Anders Höderer, der sich durch seine charismatische Anziehungskraft und seine Weitsichtigkeit auszeichnet, scheint das verkörperte Ideal des Revolutionär zu sein. Genau diese innere Festigkeit fasziniert Hugo, doch seine jugendliche Reinheit mag die politische Einstellung Höderers nicht wahrhaben zu wollen, die durch seine pragmatische Einstellung, nach der im Sinne der Sache auch entgegen den parteilichen Grundsätzen gehandelt werden darf, bei Hugo auf Verachtung stößt. Es ist das träumerische Wahrheitsideal eines jungen Genossen, dass ihn an die bedingungslose Einheit der Partei glauben lässt und Lügen oder Kollusionen mit der Partei nicht wahrhaben will. Höderer, der ihm den Erfolg seiner Maßnahmen versucht aufzuzeigen und ihm klarmachen will, dass die momentanen Umstände keine Alternativen bereithalten, rennt bei Hugo nur verschlossene Türen ein. Dieser sieht in ihm einen " Sozialverräter " und will seinen Auftrag, den kritischen Weggefährten zu töten, realisieren.

Doch darf ein Mensch, der vom Parteikern abweicht getötet werden, bedarf es nicht gerade kritischer Weggefährten, die vorausschauend und revolutionär sind ?. Sarte zufolge bedarf es gerade solcher Leute und spricht sich damit entschieden gegen die Methoden des Stalinismus aus, der kritische Gefolgsleute nicht duldete. Hugo, der, um seinen Auftrag auszuführen sich als Sekretär bei Höderer beworben hatte, lernt diesen Menschen nach und nach zu schätzen, wodurch er sich in einen moralischen Gewissenskonflikt hineinmanövriert hat, der ihn an den Rand des Wahnsinnes treibt. Denn wenn er seinen Auftrag nicht befolgt, dann würde er selber als Verräter gelten und ebenso versucht werden zu ermorden. Doch Höderer, der die Absichten des jungen anarchistischen Intellektuellen schon früh durchschaute, hält dennoch an ihm fest und versucht ihm von seinem Dilemma und seinen Idealen, durch fundierte Argumente zu befreien. Er will ihm zeigen, das er, als Intellektueller, nicht die Rolle des Killers, sondern die Aufgabe des Schreibers hat, der durch Worte und nicht durch Taten zu handeln vermag. " Besser ein guter Journalist als ein schlechter Mörder ", erklärt ihm Hoederer. Doch diese Einsicht fällt Hugo, der sich sein Leben lang nur mit Worten zu verteidigen wusste und nun endlich mal Respekt und Annerkennung durch eine getane Tat erlangen wollte, nicht leicht.

Es folgt ein äußerst dramatisches Ende, welches durch einen Faktor hervorgerufen wird, der sich auch in der Politik wiederfindet und dem Leser sicherlich unerwartet vorkommt. Denn obwohl der Tod Höderers, der am Anfang des Stückes schon erläutert wurde und beim Lesen stets im Hinterkopf bleibt, sind die genaueren Motive bis zum Schluss unklar. Insgesamt ein sehr lesenswertes Theaterstück, welches aufzeigt, dass man sich manchmal eben die Hände schmutzig machen muss, um eine Ordnung zu erhalten, auch wenn bestimmte Opfer dafür gebracht werden müssen. Eine Thematik wie sie bei Sartre auch in anderen seiner Werke, wie in " Der Teufel und der liebe Gott oder " Im Räderwerk ", sehr präsent ist.


Sartre, Jean-Paul: Der Ekel Bd. 1.,
Sartre, Jean-Paul: Der Ekel Bd. 1.,
von Uli Aumüller
  Broschiert

5.0 von 5 Sternen Wenn die Welt zu stark existiert, 11. Mai 2014
Aus seinen einstigen Vertrautheitsbezügen herausgefallen, fühlt sich Antoine Roquentin durch eine schwermütige Melancholie durchzogen, die ihn urplötzlich seine Existenz als etwas Kontingentes und Sinnentleertes erfahren lässt. Ein merkwürdiges, unbestimmtes Gefühl, welches sich während der gewöhnlichsten Ereignisse in Form eines undefinierbaren Ekels bemerkbar macht, hat sich hinsichtlich einer existentiellen Grundsatzfrage, seiner angenommen und ihn in eine tranceartige Lethargie verfallen lassen. Die Welt in ihrer Zuhandenheit, die Weise in der Seiendes in verschiedenen Sinnzusammenhängen eingebettet ist, hat für Roquentin den selbstverständlichen Charakter dieser alltäglichen Zuhandenheit verloren. Anstatt, dass die Dinge auf ihren eingravierten Sinn für die menschliche Kategorisierung oder auf ihre Gebrauchsweisen deuten, verweisen sie für ihn lediglich auf ihr nacktes " da " und enthüllen sich dadurch nur noch in ihrer Seinsweise der bloßen Vorhandenheit, unabhängig von ihrer Einordnung in eine sinngesättigte Umwelt.

In elegischer Gleichmut, lässt sich Roquentin in Menschenansammlungen mitziehen und versteht es bestimmte Stimmungen einzufangen, die dem involvierten und unbewussten Individuum so nie auffallen würden. Triviale Gesprächsfetzen auffangend, zeigen diese belanglosen Kleinigkeiten für einen außenstehenden Beobachter, wie Roquentin, der aus den Lebensbezügen gefallen ist, diese gewisse auferlegte Künstlichkeit, die sich ständig von einer Sinnlosigkeit bedroht sieht. Der von Sartre angestimmte Ton, der sich durch autobiographische Züge genährt sieht, scheint sich der existentiellen Stimmung bei Dostojewski bedient zu haben, zeichnet sich auch Sartres Figur durch dessen herausragende Merkmale wie, Einsamkeit, Schwermut und der typischen Neigung zu einem unbestimmten Idealismus, aus. Dennoch scheint es, als habe Sartre das unausgesprochen Gebliebene bei Dostojewski gehört und es verstanden zu offenbaren. Speziell dessen pessimistischer Ton, wird bei Sartre von der Perspektive der Kontigenzerfahrung her, intensiviert ergründet und als zu gehender Erkenntnisweg durch die Person des Antoine Roquentin erläutert.

Roquentin, der seine anfängliche Unbestimmbarkeit des Ekels nicht zu fassen vermochte, gelingt es nach und nach, dieses undurchsichtige Gefühl in eine Erkenntnis zu verpacken, die seiner Seelenunruhe endlich Abhilfe, in Form einer Wiedererweckung aus seiner Lethargie verschafft. Im Rahmen eines besinnlichen Parkbesuches, erfasst ihn während der einfachen Betrachtung einer Wurzel, ein exstatischer Moment, der ihm zum ersten mal Klarheit über sein bisheriges Leiden verschafft. Es ist die intuitive Erfahrung der ihn umgebenden Existenz, die sich ihm plötzlich auf einer Bank aufgedrängt und ihn zur Besinnung gebracht hatte. Dieses transzendente Gefühl lässt sich nicht beschreiben, da es dadurch nur wieder unter jenes kategoriale Denken fallen würde, das sich anmaßt die Dinge in Zuständen und Funktionen zu beschreiben. Doch Roquentin, in das Reich des An-Sich hinuntergezogen, vermag mit einem Mal die Last des Seins zu spüren und sieht nur noch undefinierbare Massen, die sich als gleichaussehende Existenzen erneuern anstatt zu entstehen. Alexandre Kojeve hat mit den Worten " ohne den Menschen wäre das Sein stumm, es wäre da, aber es wäre nicht das wahre " die passende Quintessenz aus Roquentins Erlebnis gezogen und damit auf die herausragende Seinsweise des Menschen verwiesen, die sich durch ihren bewussten Seinsbezug auszeichnet. Roquentin's Einstellung zum äußersten Realismus, lässt sich auf autobiographische Einflüsse, während Sartres Studienzeit zurückführen, in der er den vollkommenen Realismus beabsichtigte zu leben und sich von den Wissenschaften und ihren Begriffsbestimmungen distanzierte. Ähnlich wie Roquentin, fand auch Sartre ein gewisses Vergnügen darin, an den Gegenständen ihren Wiederstand zu spüren und sie von ihrer " Pluralität von Beziehungen " zu lösen, um stattdessen in einer intuitiven Einstellung sich dem Absolutheitscharakter eines Dinges zu nähern.

Doch innerhalb seiner depressiven Phase, gibt es auch Momente des höchsten Glücks, hervorgerufen durch die Magie der Musik. Denn die Musik vermag den Prozess der Selbstreflexion aufzuheben und Roquentin stattdessen in einen dionysischen Rauschzustand zu versetzen, der es ihm ermöglicht, bestimmte ekstatische Momente zu erleben. In diesen Augenblicken erfüllt ihn ein warmes Wonnegefühl und lässt ihn die Leichtigkeit des Seins euphorisch erfahren. Vielleicht lässt das Leben sich ja ästhetisch rechtfertigen.


Der Teufel und der liebe Gott: Drei Akte und elf Bilder (Theaterstucke, Band 7)
Der Teufel und der liebe Gott: Drei Akte und elf Bilder (Theaterstucke, Band 7)
von Jean-Paul Sartre
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen " Ich bin bereit, böse zu sein, um gut zu werden ", 8. Mai 2014
Gott ist tot ! Gott bleibt tot ! Und wir haben ihn getötet, sprach der tolle Mensch aus Nietzsches fröhlicher Wissenschaft und gelangte damit zu einer Erkenntnis, zu der auch Götz, die Hauptfigur, im Verlauf des Theaterstückes " Der Teufel und der Liebe Gott ", gefunden hat. Beide sind zu dem Resümee gekommen, dass wenn Gott nicht existiert, der Mensch zu seinem eigenen Zeugen wird, der sich vor sich selber zu verantworten hat, anstatt sich und sein Leben, von den Legitimationen einer jenseitigen Instanz, bestimmen zu lassen. Durch die Erkenntnis der Selbstbestimmung und des eigenen Engagements, vermag der Mensch das Band der göttlichen Fremdbestimmung zu zerreißen und stattdessen eine innere Autonomie, des freien Handelns dagegenzustellen.

Genau diesen Erkenntnisprozess beschreibt Sartre nun in Form einer Konversion, die von einer anfänglichen, glaubensorientierten zu einer autonomen, menschlichen geprägten Moral führt. Der anfängliche Götz, dessen Existenzberechtigung sich durch absolute Böswilligkeit und Hinterhältigkeit auszeichnet, führt einen unsichtbaren Wettkampf gegen Gott, um ihn herauszufordern und die vorherrschende Ordung zu zerstören. Er möchte Böses tun, da er das Gute durch Gott schon getan sieht und daher Neues schaffen um ihm zu trotzen. Schlechtes tun " Weil ich kein anderer sein kann, als ich bin ", sagt er pathetisch und wiederspricht damit Sartres Devise, wonach der Mensch ist " was es nicht ist und nicht das ist, was es ist ", wodurch verdeutlicht werden soll, dass der Mensch niemals mit seiner Rolle übereinstimmen kann. Doch genau diese Übereinstimmung meint Götz durch seine verkörperte Böswilligkeit erlangt zu haben und sieht sich charakterlich definiert. Er fordert Gott heraus, er will ihn bis zum äußersten Treiben und wartet vergeblich nach Zeichen, die seine Taten verhindern, doch diese bleiben natürlich aus.

Erst dem Priester Heinrich gelingt es, ihn zum Umdenken zu bewegen und verdeutlicht ihm, dass die Grundordnung der Welt durch das Böse bestimmt sei und das Ungerechtigkeit und Hass ihr Wesen ausmachen, so das Götz lediglich das tue was alle tuen. Doch dadurch könnte Götz, den Herrn nicht mehr herausfordern und beschließt daraufhin ein Glücksspiel zu veranstalten, dass, wenn er es verliert, fortan Gutes vollbringen wird, um unterschwellig Gott erneut zu trotzen und die vermeintliche Ordnung auf eine andere Weise zu brechen. Allerdings lässt er nicht das Schicksal entscheiden, sondern entscheidet selber über das Glück, um nun fortan Gutes zu verwirklichen. Nachdem er seine Länder verschenkt und seine Heere aufgelöst hat, möchte er eine Art Sonnenstaat auf kommunistischer Ebene errichten, der sich durch Liebe auszeichnet und arme und Reiche beseitigt. Doch sein blinder Idealismus berücksichtigt nicht die Gesammtsituation, so das seine Bauern, die sich weigern, an einem Aufstand gegen die anderen Lehnsherren teilzunehmen, alle erschlagen werden. Götz, der sich für deren Tod verantwortlich fühlt, muss einsehen, dass das Gute sich nicht mit Macht durchsetzen lässt und kommt schließlich zu dem Schluss, das Gott gar nicht existiert. Ob böse oder gute Handlungen, die Folgen waren jedes mal fatal. Doch wie kam es dazu ?

Die Problematik rührt daher, dass er sich und seine Taten, auf einen jenseitigen Punkt bezogen und dabei seine Handlungen nie aus der Perspektive des Menschen gesehen hatte. Genau diese Erkenntnis öffnet ihm am Ende die Augen und lässt ihn zwischen Gott und Teufel den Menschen wählen. " Ich will Mensch unter Menschen sein ", verkündend, wagt er einen Neuanfang und sieht sich nun mit einer Einsamkeit konfrontiert, die er eigentlich immer schon gespürt, aber nie gewagt hatte sich einzugestehen. Götz hat erkannt, dass es letztendlich keine fertigen, sondern nur sich im Verlauf der Geschichte verändernde Moralvorstellungen gibt und das es der Mensch ist, der ihren Wert festlegt. Für seine historische Situation, die des 16.Jahrhunderts, ist es unvermeidbar nicht zu kämpfen, wenn man denn eine bessere Ordnung erreichen will. Götz beschließt also, fortan die Bauern anzuführen und nach der unausweichlichen Maxime zu handeln, nach der " Leiden zu verursachen, um größeres Leiden abzuwenden ", manchmal nötig ist.

Ein großartiges Theaterstück, dass durch tiefgründige Dialoge über Moral und Gott zum Nachdenken anregt und durch die aktuelle Revolutionssituation in vielen Ländern, seine Gültigkeit nicht verloren hat.


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6