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Rezensionen verfasst von
Hans Henkel (Graz)
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Christus kam nur bis Eboli
Christus kam nur bis Eboli
von Carlo Levi
  Broschiert

27 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erinnerungen an die Kostbarkeit von Zeit, 3. Januar 2001
Rezension bezieht sich auf: Christus kam nur bis Eboli (Broschiert)
Lukanien ist ein Landstrich im Süden Italiens. Carlo Levi macht uns mit dessen Menschen und Landschaften so vertraut, als wären wir selbst dort gewesen. Der mit dem Autor idente Arzt, Maler und Schriftsteller wurde 1935 als Antifaschist dorthin verbannt und wurde mit diesem Buch zu einem Fürsprecher, Vermittler und Kämpfer für die Verbesserung sozialer und medizinischer Missstände.
Levi beschreibt die vielfältigen Verflechtungen der dort lebenden Menschen. Dabei ist er nicht nur außenstehender Beobachter, sondern er nimmt Anteil an ihren Sorgen. Er behandelt sie als Arzt, obwohl er vorher noch nie praktizierte, und wird selbst einer der ihren. Angesprochen wird die Armut der Bauern und ihre Ausbeutung durch die von den Großgrundbesitzern beauftragten Steuereinnehmer, die enge Verbundenheit der Menschen zu Tieren und Geisterwesen. Er berichtet von der allgegenwärtigen Malaria und der Nachlässigkeit in deren Bekämpfung von seiten der Behörden. All diese Themen behandelt er mit Engagement und seine eigenen Ideen und Empfindungen sind dabei stets erkennbar.
Der Kargheit der Landschaft, der unfruchtbare Lehmboden findet Ausdruck in der resignativen Haltung der Bauern und ihrer Schicksalsergebenheit. Ihre Aufstände sind kurz, heftig und unorganisiert und damit zum Scheitern verurteilt. Lukanien ist ein von der Zivilisation unberührtes Land mit einer eigenen archaischen Kultur und einem tief eingewurzelten Misstrauen allem Staatlichem gegenüber.
Trotz der beschriebenen Missstände und der herrschenden Armut wirkt diese Abgeschlossenheit und dieses aus der Zeit Herausfallen auch anziehend. Die erschlossenen Orte und die inneren Räume der Menschen bieten einen überschaubaren Kosmos, der einem das Verweilen angenehm macht. So bildet das Gehen schon bekannter Wege, die Treffen mit schon bekannten Menschen in ihrer Eintönigkeit und vordergründigen Langeweile einen Kontrapunkt zur Überschwemmung mit Reizen und erinnern an die Kostbarkeit gelebter Zeit. Dieser Aufenthalt in Gagliano ist für Levi nicht nur ein Ort der Verbannung, sondern auch eine Möglichkeit zu sich selbst zu finden.


Die Sonette: Zweisprachige Ausgabe
Die Sonette: Zweisprachige Ausgabe
von William Shakespeare
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kantig und mehrdeutig fordern sie den Leser, 18. Dezember 2000
Die englische Originalversion ist kantig und mehrdeutig und verschließt sich so dem schnellen, oberflächlichen Leser. Die Übersetzung ins Deutsche von Christa Schuenke gibt der Versuchung nach Vereinfachung und Harmonisierung des Textes nicht nach und erfordert ebenfalls aufmerksames Lesen.
Shakespeare war, als er die Sonette schrieb, bereits in seiner zweiten Lebenshälfte, also kein jugendlich ungestümer Liebhaber, sondern ein alternder, abgeklärter, der sich der Vergänglichkeit bewußt ist und das Unwandelbare in der Liebe sucht. Auch die Form der Sonette steht, wie aus dem beigefügten Essay von Manfred Pfister hervorgeht, in einer langen Tradition, ausgehend von Petrarcas Sonettzyklus 'Canzoniere', der im 14. Jahrhundert in Italien entstand. Shakespeare baut auf dieser Form des Sonetts auf, führt es aber inhaltlich in völlig neue Dimensionen. So wird aus der Anbetung einer unerreichbaren Frau, die brüchige Verehrung eines jungen Adeligen. Brüchig deshalb, weil er die hohen in ihn gesetzten Erwartungen nicht immer erfüllt. Treulosigkeit und Verrat sind die Folge. Als weitere Personen kommen vor: eine 'Dark Lady', die sowohl den Autor als auch seinen Geliebten in ihren Bann zieht, sowie ein Dichterrivale, der mehr den Modetrends folgend, ebenfalls die Aufmerksamkeit des Angebeteten gewinnt.
Über den ineinanderverschlungenen Beziehungen liegt ein Hauch von Dekadenz. Die Liebe, von der die Rede ist, ist die eines Mannes, der weiß, dass er den Zenit seiner Attraktivität bereits überschritten hat und der mit der ihm verbliebenen Möglichkeit der Dichtkunst nicht nur die Gunst seines Geliebten zu erringen, sondern auch gegen die Vergänglichkeit anzukämpfen sucht. Das geschieht mit gereifter Distanz, mit immer wieder aufblitzendem Witz und mit dem Wissen, dass der Vergänglichkeit der Liebe, weder durch Zeugung von Nachkommen, noch durch das Schreiben, sondern wenn überhaupt, nur in sich selbst - 'Im flinken Lauf der Zeit unwandelbar, besteht die Liebe bis zum Jüngsten Tag' - beizukommen ist.
Gerade weil sich die Sonette nicht sofort erschließen, sind sie von nachhaltiger Wirkung und regen zu wiederholtem Lesen an. Sie wirken, weil trotz der vierhundert Jahre, die sie alt sind, noch immer etwas Aktuelles in unsere Zeit herüberschimmert, das den Autor in seiner Vielschichtigkeit und der ganzen Stärke seines Ausdrucks erkennen läßt.


Hasenherz
Hasenherz
von John Updike
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

26 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lähmung und Flucht wechseln einander ab wie in einem Traum, 28. November 2000
Rezension bezieht sich auf: Hasenherz (Taschenbuch)
Harry Angstrom seiner Nase wegen auch Rabbit genannt, torkelt durch sein Leben wie ein angezählter Boxer. Die Ehe mit seiner Frau Janice erscheint ihm als zu enges Korsett. Er verlässt sie und seinen kleinen Sohn Nelson, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Aber seine Flucht wird zu einer nächtlichen Irrfahrt, die ihn schließlich wieder zurückführt in die Provinzstadt Brewer, aus der er gekommen ist. Die Beziehung zu einer Gelegenheitsprostituierten, die von ihm schwanger wird, entwickelt sich zur nächsten Katastrophe. Erschreckend beängstigend wird es, als seine Frau, kurz nach der Geburt ihrer gemeinsamen Tochter June, ein zweites Mal von Harry verlassen, diese volltrunken, bei dem Versuch sie zu waschen, in der Badewanne ertränkt.
Wie John Updike diese existentielle Geisterbahn beschreibt, mit welcher Präzision er Seelenzustände darstellt, macht Staunen. Der Tod ihres Kindes ist eine Katastrophe von apokalyptischem Ausmaß. Harry und seine Frau werden von den Ereignissen fortgespült wie Treibgut. Updike's Sprache ist voller Poesie, fast jeder Satz entwirft ein Bild. Oft gehen Beschreibungen verzweifelter, auswegloser Situationen einher mit detailierten Beobachtungen der davon unbeeindruckten, banalen Alltäglichkeiten, in denen sie stattfinden.
Harry, ein durchschnittlicher Mann mit seiner jugendlich drängenden Libido, der jede Frau besitzen will, erstickt an dieser engen, kleinkarierten Welt. Immer wieder versucht er seiner selbst Herr zu werden, seinem Sohn Nelson ein Vater zu sein, seiner Frau ein Ehemann, aber seine Wut und sein Ekel sind zu groß. Sie kommen ohne sein Zutun über ihn. Updike berührt mit 'Hasenherz' den Daseinsgrund, die Untiefen menschlichen Handelns als Lücken im Netz der Selbstbestimmtheit. Da ist etwas oder jemand stärker. Wie der unsichtbare Unbekannte, der sich in Janice's Wohnung aufhält, kurz bevor sie ihre Tochter zu Tode bringt. Und doch tun sich in diesem Wechsel von Flucht und Lähmung bei Harry immer wieder grundlos und unvorhersehbar Atemfenster auf, bahnen sich ungeahnte Kräfte ihren Weg zu einem vagen Licht.


Tristram Shandy
Tristram Shandy
von Laurence Sterne
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

40 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die gut verträgliche Leichtigkeit des Seins, 19. November 2000
Rezension bezieht sich auf: Tristram Shandy (Taschenbuch)
Eingestellt auf eine kontinuierliche Geschichte fühlt man sich am Anfang ein wenig vor den Kopf gestossen. Laurence Sterne lässt Geschichten abrupt enden, wenn sie gerade am spannendsten sind. Er kommt vom Hundersten ins Tausendste und der zeitliche Ablauf der Ereignisse erfolgt alles andere als chronologisch.
Es scheint mir nicht genug dieses Buch einfach nur zu lesen. Vielmehr verwickelt es den Leser in ein Gespräch mit dem Autor, das ständiges Wachsein und eine gewisse Eigenaktivität erfordert. Nach dem Überwinden anfänglicher Irritationen, stellte ich fest, dass es gerade diese Art des Miteinbezogenseins, eine Art interaktiven Lesens, war, die mich fesselte. Bei Sterne weiss man nie was der nächste Satz bringt, ja man weiss nie, ob er nicht das nächste Kapitel auslässt, um es später nachzuholen oder auch nicht. Das erzeugt Spannung und erfordert Aufmerksamkeit.
Aber das eigentlich Bezaubernde und Tröstliche an diesem Buch ist die Haltung des Ich-Erzählers, hinter dem sich der Autor erkennen lässt. Es zeichnet ihn aus ohne Vorwurf, ohne Klage und ohne Urteil seine Geschichten zu erzählen. Bemerkenswert ist die Freundlichkeit und Gutmütigkeit mit der er menschliche Schwächen, Missverständnisse und Eigenheiten seiner Charaktere sehenden Auges aus tiefem Herzen wertschätzt. Es gibt kein Geziehe und Gezerre an seine Gestalten, sie sind manchmal hilflos, oft lächerlich aber immer liebenswert.
Die Seiten des Buches sind voll von erfrischenden, scheinbar belanglosen Alltäglichkeiten und obwohl ich mich nicht mehr so sehr an deren Inhalte erinnere, erinnere ich mich an die fröhliche Heiterkeit, die sie in mir auslösten. Gerade im Vermeiden jeder Tragik erweist sich sein Tiefgang und man geniesst die gut verträgliche Leichtigkeit des Seins


Eisenhans. Ein Buch über Männer
Eisenhans. Ein Buch über Männer
von Robert Bly
  Taschenbuch

36 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Buch für Väter von heranwachsenden Söhnen, 10. November 2000
Ich möchte dieses Buch besonders jenen Männern empfehlen, die Väter heranwachsender Söhne sind. Dass da etwas abgeht oder verloren gegangen ist auf dem Weg zum Erwachsenwerden, das Robert Bly als die männlichen Initiationsriten bezeichnet, leuchtet ein. An Hand des Grimmschen Märchens 'Eisenhans' lässt der Autor den 'Wilden Mann' als Mentor für die Initiation in die Männlichkeit wieder auferstehen. Dieser wilde am ganzen Körper behaarte Mann unterstützt im sich ihm anvertrauenden jungen Mann vor allem dessen ungezähmte, spontane, animalische Seite.
Robert Bly betont dabei immer wieder, dass es für junge Männer wichtig sei, dass diese Initiation von erwachsenen Männern durchgeführt wird und verweist mit zahlreichen Beispielen auf Kulturen, in denen es so gehandhabt wurde. Allen diesen Einweihungen gemeinsam ist das Zufügen einer Verletzung, die nicht nur die Aufnahme in die Runde der Erwachsenen bedeutet, sondern auch die innere Verbindung zu bereits stattgefundenen Verletzungen herstellt und das dabei entstandene Gefühl eigener Schuld und der damit verbundenen Scham bewusst macht. Nur mit Hilfe des 'Wilden Mannes' ist es möglich die eigenen dunklen Seiten schmerzhaft zu durchleben. Zu einer Stärkung des 'Inneren Kriegers' kommt es erst nach dem Aufenthalt im 'Garten', einem sicheren Ort, an dem Männer zu ihrer eigenen Emotionalität und zu deren Ausdruck finden.
Eine der Thesen Robert Bly's ist, dass in einer Gesellschaft in der Väter ihren Kindern immer mehr verloren gehen, es nicht verwunderlich ist, dass Jugendliche oft an Orientierungslosigkeit leiden und diese mit Drogen oder Kriminalität auszugleichen suchen.
Dieses Buch ist voll mit interessanten Einblicken in die Psychologie und Soziologie in einem zeitlich weit gespannten Bogen. Es gibt damit viele Impulse das Erwachsenwerden junger Männer zu thematisieren, der eigenen Entwicklung nachzuspüren und die der eigenen Kinder vielleicht mit etwas anderen Augen zu begleiten.


Die fünfte Frau
Die fünfte Frau
von Henning Mankell
  Taschenbuch

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Als es im Oktober noch nass, kalt und neblig war., 2. November 2000
Rezension bezieht sich auf: Die fünfte Frau (Taschenbuch)
Wie Donna Leon ist auch Henning Mankell ein Autor, der sein politisches Credo in Krimis verpackt. Den Werten der 68er verpflichtet, nimmt er mit großer Betroffenheit die Brutalisierung und Entsolidarisierung der schwedischen Gesellschaft wahr und versucht diesem Rechtsruck mit Worten Widerstand zu leisten. In seinem Buch 'Die fünfte Frau' lässt er die ungeklärten Mordfälle zum Anlass für die Bildung von Bürgerwehren werden, die seinen Kommissar Wallander in hitzigere Ablehnung versetzen, als die Serie an ermordeten Männern. Die an den Getöteten demonstrativ zur Schau gestellte Grausamkeit stößt ihn zwar ab, er versucht aber dennoch das Motiv dafür herauszufinden.
Die Figur des Kommissar Wallander wird durch die Schilderung seines Privatlebens sehr plastisch. Die Darstellung des fast Fünfzigjährigen, der mit viel Erfahrung und Intuition an die Lösung seiner Fälle herangeht, den Verlust seines Vaters erleidet und sich fast keine Zeit nimmt darüber zu trauern, der sich manchmal kraftlos fühlt und an sich zweifelt, erweckt Vertrauen und macht ihn zum Greifen nahe. Seine Einsamkeit nach der Scheidung von seiner Frau, die nur unterbrochen wird durch die Besuche seiner Tochter und die vage Hoffnung auf eine neue Beziehung, ist spürbar.
Der Ablauf der Ereignisse ist derartig mitreissend, dass man nicht dazu kommt, eventuelle Fragen nach der Glaubwürdigkeit zu stellen. Alles geschieht mit atemberaubender Schnelligkeit, für tiefergehende Analysen bleibt da keine Zeit. Um bei Wallander zu bleiben: er bewegt sich fast durchwegs im praktisch Realen und obwohl er Einbrüche in tiefer liegende Bereiche erleidet und deren Bedeutung erahnt, deckt er sie mit Ermittlungsarbeit zu. Die Frage, die sich stellt, ist, wie lange kann Wallander seinen persönlichen Schmerz vermeiden beziehungsweise wielange hält die schwedische Gesellschaft und damit ganz Europa diesem Druck von rechts noch stand.


Schumanns Schatten: Variationen über mehrere Personen Roman
Schumanns Schatten: Variationen über mehrere Personen Roman
von Peter Härtling
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,90

21 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Schumanns Leben in fast durchwegs schmerzhaften Bildern, 21. Oktober 2000
Die minutiöse Darstellung, wie es gewesen sein könnte das Leben des Robert Schumann und seiner Frau Clara Wieck, geht unter die Haut. Mit nach jedem Kapitel eingeschobenen Vorblenden nach Endenich, einer Heilanstalt in der Nähe von Bonn, in der Schumann seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte, begleitet sein langsames, bitteres Sterben den Leser durchs ganze Buch. Schon seine Kinder und Jugendjahre sind geprägt von einer besonderen Empfindsamkeit, die sich in einer auffälligen inneren und äusseren Unruhe zeigt. Was ihn zeitlebens hartnäckig begleitet wie ein Schatten war seine tiefgehende, unergründbare Traurigkeit.
Als Robert Schumann Clara kennenlernt, die Tochter des großen Klavierlehrers Wieck, dessen Schüler Schumann war und in dessen Haus er einzog, war sie neun Jahre alt und es dauerte elf Jahre bis er sie gegen den entschiedenen und hartnäckigen Widerstand ihres Vaters heiratete. In ihr fand er eine Partnerin, mit der gemeinsam er nicht nur sieben Kinder hatte, sondern die ihn auch künstlerisch immer wieder herausforderte und inspirierte. Zeitweise übertraf ihr Ruhm als Pianistin sogar den seinen als Komponist, was ihm schwer zu schaffen machte. Und auch hinsichtlich ihrer lebenspraktischen Fähigkeiten war Clara Robert Schumann weit überlegen. Sie trug und unterstützte ihn in vielen Phasen seines Lebens, von seiner Melancholie befreien konnte sie ihn nicht.
Peter Härtling gelingt es den Leser Schritt für Schritt mit Schumanns Psyche vertraut zu machen. Diesem Sog aus dokumentierter Geschichte und freiem Fabulieren kann man sich nicht entziehen. Von der ersten Seite an bekannt gemacht mit der letzten Station des in jungen Jahren an Syphilis erkrankten, wächst er einem im Verlauf des Buchs langsam ans Herz, sodass man den Schmerz des unendlich geduldigen Pflegers Klingelfeld, den dieser beim Tode Schumanns verspürt, nachempfinden kann.
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In eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest
In eisige Höhen. Das Drama am Mount Everest
von Jon Krakauer
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,99

5.0 von 5 Sternen Erfahrungen im Grenzbereich zwischen Leben und Tod, 23. September 2000
Für mich ist extremes Bergsteigen eine terra incognita und es war für mich immer unverständlich, wie man sich freiwillig einem solchen Risiko aussetzen kann. Jon Krakauer eröffnet mir in seinem Buch 'In eisige Höhen' einen Einblick in die Faszination des Mont Everest und lässt mich die Motive erahnen, die Menschen bewegen, den Gipfel erreichen zu wollen. Es ist mit der ungeheuren Dichte eigenen Erlebens und mit einem inneren Auftrag geeschrieben, denen die ihr Leben dort lassen mussten, gerecht zu werden. Es ist auch mit der Absicht geschrieben, solche Katastrofen in Hinkunft zu vermeiden.
Weil neben den fast unmenschlichen Schwierigkeiten, die die Besteigung und vor allem die grosse Höhe mit sich bringen, sind es die Überheblichkeit und Fahrlässigkeit vor allem westlicher Menschen, die sich mit viel Geld in diese Expeditionen einkaufen, um sich mit viel zu wenig Übung und Können von erfahrenen Bergführern und mit Hilfe vieler Sherpas auf den Berg hieven zu lassen.
Jon Krakauer versteht es, die Kargheit der toten, eisigen Landschaft zu vermitteln und mich mit den fatalen Folgen des Sauerstoffmangels in grossen Höhen vertraut zu machen. Aus anfänglich anonymen, austauschbaren Expeditionsteilnehmern werden Menschen, mit denen ich mitleide und im Vorwissen der bevorstehenden Katastrofe immer noch hoffe, diese abwenden zu können. Die für wahnsinnig gehaltenen Extremisten mit ihren individuell sehr verschiedenen Beweggründen verlieren ihre Fremdheit und Schritt für Schritt stelle ich fest, dass der vermeintliche Wahnsinn ein uns alle begleitendes existentielles Suchen nach einem Lebensziel ist, dessen Erreichen, so banal es inhaltlich auch ist, alles verändert.


Der Vorleser
Der Vorleser
von Bernhard Schlink
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

8 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Darf die Aufarbeitung des Holocaust unterhaltsam sein?, 10. September 2000
Rezension bezieht sich auf: Der Vorleser (Taschenbuch)
Irgendwie fühle ich mich nicht wohl in meiner Haut beim Lesen von Bernhard Schlinks Roman 'Der Vorleser'. Es ist die Geschichte einer Liebe mit kriminalistischen Elementen, die die Aufarbeitung des Holocaust von Seiten der Nachgeborenen zum Thema hat. In mir drängt sich die Frage auf: Ist es zulässig eine Geschichte zu konstruieren, obwohl sicher redlich, aber doch ein bis zum Überdruss ausgereiztes Betroffenheitsritual zu bemühen? Verbietet der Holocaust nicht eine Aufarbeitung als unterhaltsame Literatur? Und weil diese Geschichte ein Konstrukt ist, werden weder Hanna Schmitz noch Michael Berg lebendige Menschen aus Fleisch und Blut. Und obwohl akribisch detailliert beschrieben, kann ich ihre Gerüche nicht riechen, ihre Begegnungen nicht spüren, sie nehmen keine Gestalt in mir an. Mir geht es damit nicht besser als dem Ich-Erzähler, der es auch nicht schafft, das KZ-Struthof bei seinem Besuch vor sich zu sehen, wie es damals 1945 tatsächlich ausgesehen haben könnte.
Im ersten Teil des Romans verhält sich Hanna manchmal auffällig spröde, unberechenbar, ja sogar gewalttätig. Erst im zweiten Teil erfahre ich von Hannas Tätigkeit als Aufseherin in einem KZ. Und als Begründung ihrer freiwilligen Meldung für diese Tätigkeit wird ihr nicht lesen und schreiben können angeführt. Diese ihre Scham zuzugeben Analphabetin zu sein, lässt sie auch im Gerichtssaal zur Hauptschuldigen werden. Das ist für mich in dieser Vereinfachung nicht nachvollziehbar und mit dieser Schlüssel zum Schloss Auflösung verliert der Roman seine Unschuld und gewinnt an Plattheit.
Wer immer sich an dieses Thema wagt, noch dazu als Nachgeborener, muss damit rechnen, dass ein strenger Maßstab angelegt wird, weil es Bücher gibt, die mit Herzblut geschrieben sind, zum Beispiel 'Die große Reise' von Jorge Semprun oder ein Film wie 'Shoah'.


Adressat unbekannt
Adressat unbekannt
von Kressmann Taylor
  Gebundene Ausgabe

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein wirkungsvoller knapper Text gegen Nazideutschland, 1. September 2000
Rezension bezieht sich auf: Adressat unbekannt (Gebundene Ausgabe)
In seiner Knappheit und Kargheit ist der Text einem Werbetext ähnlich. Seine Wirkung besteht in der Einfachheit mit der die Botschaft plakatiert wird und für jedermann schnell zugänglich ist. Die Botschaft ist verpackt in einen fiktiven Briefwechsel in den Jahren 1932 bis 1934. Die Briefschreiber sind Freunde und Geschäftspartner. Einer von ihnen, ein Jude namens Max Eisenstein, lebt in Amerika und führt die Geschäfte einer Galerie für seinen mit seiner Familie nach Deutschland ausgewanderten Freund weiter. Dieser ursprünglich liberale Martin Schulse, anfällig für die Nazipropaganda, hatte ein kurz dauerndes intensives Liebesverhältnis mit Griselle, der Schwester von Max, die in Österreich und Deutschland als Schauspielerin arbeitet.
Von den Menschen Max und Martin erfährt man gerade nur so viel wie nötig ist, um eine emotionale Verbindung zum Leser herzustellen. Sie sind nicht wirklich wichtig. Sie sind nur die Träger einer viel grösseren Geschichte, die dunkel und bedrohlich auf beiden Seiten ohne Erbarmen ist.
Jedes Wort dieser Briefe ist von Bedeutung und Wesentliches steht zwischen den Zeilen. Der Briefwechsel wirkt dabei so authentisch, dass man spürt, dass er auf tatsächlich geschriebenen Briefen basiert. Als Leser bin ich damit beschäftigt, bewusst weggelassene Teile des Puzzles zu ergänzen.
Die Stärke der Autorin liegt darin, Geschehnisse nur anzudeuten. Überraschend genau beschrieben wird der Tod Griselles und gerade deshalb ist diese Passage für mich die am schwersten nachvollziehbare. Die Worte gehen unter die Haut, sie machen betroffen, aber als Literatur würde ich sie nicht bezeichnen. Da steckt zuviel Kalkül und Absicht dahinter.


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