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Rezensionen verfasst von
Hans Henkel (Graz)
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Liebesleben
Liebesleben
von Zeruya Shalev
  Taschenbuch

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Innen und außen verschlungen wie ein Zopf, 3. März 2002
Rezension bezieht sich auf: Liebesleben (Taschenbuch)
Die Sätze hören sich an wie zwischen Wachen und Träumen, wie Gedanken, die kurz vor dem Einschlafen vorbeifliegen und von denen man nicht weiß, wohin sie gehören, so aufgehoben sind sie. Gestochen scharf beleuchtet der Text Seelenlandschaften. Jede Zeile ist voller Überraschungen, jede Regung erscheint einem neu und unverbraucht.
Es kommt nicht so, wie man es gewöhnt ist. Kaum eingeordnet, fällt es heraus. Zeruya Shalev's Worte lassen sich nicht zähmen. Immer bleibt da ein Flimmern und Flirren von Möglichkeiten, die zu nützen ständiges Wählen und Entscheiden bedeutet.
Innere und aüßere Welt sind wie ein Zopf ineinander verschlungen. Und so wirken auch alle Personen, die vorkommen, wie eine unentwirrbare Familie. Die Liebe der Ich-Erzählerin zu Arie, der ihr Vater sein könnte - oder ist er es? -, gehört genauso dazu wie ihr Wandeln auf den Liebesspuren ihrer Mutter. Alle Wesen beatmen ihren Kosmos und lassen sie selbst als dessen Zentrum erscheinen. Aber sind diese Verbindungen nicht nur akribisch herbeigedachte, ironisch hinzugezogene.
Was mir imponiert, ist das Pulsieren des Uneinschätzbaren, dieses wache auf der Lauer Liegen. Was sich da rasant und grundlos innen in ihr wendet, scheint ihre Bestimmung. In uferloser Hingabe liefert sie sich aus und gerade mit ihrem Staunen machendem bei sich Sein, behält sie die Oberhand und geht sich nicht verloren.
Gibt es einen Ausgang aus dieser labyrinthisch exakten Geschichte? Möglicherweise ist es die Einsicht in den vergeblichen Versuch, zu trösten, wo es keiner Tröstung bedarf, auszugleichen, wo nichts auszugleichen ist. Es also hinzunehmen, dass niemand gerettet werden kann, selbst wir nicht.


Die Glut: Roman
Die Glut: Roman
von Sándor Márai
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Buch eines Mannes aus einer anderen Zeit, 5. Februar 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Glut: Roman (Taschenbuch)
Sándor Márai's Roman spielt in einer Zeit, als die Donaumonarchie in ihren letzten Zügen lag. Mit Wehmut schildert er, dass alles seinen Platz hatte und wohlgeordnet schien. Die Hauptfigur, ein General der k.und k. Armee wohnt auf seinem Gut in Ungarn, wo er mehr als ein halbes Leben auf die Rückkehr seines Freundes wartet, der vor einundvierzig Jahren Hals über Kopf verschwand.
Sándor Márai gestaltet den Roman als Monolog. Bis zum Schluss erwartet man eine Gegendarstellung oder Richtigstellung von seiten seines Freundes, aber die kommt nicht. Vielmehr erzählt der gealterte General dem Zurückgekehrten und uns Lesern, was ihn die vergangenen Jahre beschäftigte, wie die Geschehnisse dieses einen längst vergangenen Tages sein Leben von Grund auf in Frage stellten und wie er mit einem Schlag seine Frau und seinen Freund verlor.
Viele der Fragen, die er sich im Lauf der Jahre stellte, verloren ihre Bedeutung, wurden wertlos oder beantworteten sich von selbst. Sándor Márai läßt den Leser Schritt für Schritt an dieser Enntwicklung teilhaben und schafft so einen Spannungsbogen, der einen des Buch nicht mehr weglegen läßt.
Das Leben des Generals entscheidet sich in zwei Tagen. Aber angelegt ist dieses Schicksal schon viel früher. Der die militärische Laufbahn einschlagende General, seinem Vater wesensnäher als seiner Mutter, fühlt sich schon von Kindheit an von der Musik und mit ihr vom Zugang zu seiner eigenen Emotionalität getrennt. So kann er weder seinen Freund noch seine Frau begreifen, deren geheime Leidenschaft zueinander, ihm den Boden unter den Füßen entzieht. Der Autor läßt aus dem General eine tiefe, wissende Verletztheit sprechen, die ihn das Leben auf das wenig Wichtige reduzieren läßt. Diese Verknappung wirkt wohltuend einfach und wahr.


Silentium!
Silentium!
von Wolf Haas
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

48 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Du wirst es nicht glauben, 22. April 2001
Rezension bezieht sich auf: Silentium! (Taschenbuch)
Du wirst es nicht glauben, aber wenn du "Silentium" von Wolf Haas gelesen hast, wirst du anfangen so zu reden und zu denken, wie er schreibt. Du wirst in so eine Art gedanklicher Hypnose oder Trance kommen und zweitens der Rhythmus und dass Zeitworte nicht mehr unbedingt nötig, du weißt schon. Thomas Bernhard, na ja, was die haarsträubend genaue Beschreibung Salzburgs betrifft und so, schon, aber sonst schon gar nicht.
Wenn du dann noch selber hinein und hinausgegangen, die Kirchen hinein und hinaus, so wie ich, Jungschar und Ministrant, dann Gnade Gott, da rinnts dir schon kalt den Rücken hinunter, als würdest du jetzt auch gleich vorkommen. Wie du schon bemerkt haben wirst, Anrede in der zweiten Person, sozusagen ein genialer Kunstgriff.
Nimm dir genug zum Essen und Trinken mit, wenn du anfängst mit dem Buch, weil Pausen so gut wie keine möglich. Und deine Freundin neben dir, wirst du auch aufwecken mit deinem Lachen mitten in der Nacht.Und das, obwohl die Geschichte reichlich verworren und skuril, aber die ist eben gar nicht so wichtig, weil viel wichtiger Sophie und so Dings eingeflochten an fast jeder Stelle. Das Kopfweh vom Brenner und der Föhn, dass dir selber der Schädel anfängt zum Brummen.
Bleibt also nur zu hoffen, dass dir das nicht bleibt, du weißt schon, weil dann wäre es so wie mit den Melodien und den dazugehörigen Texten vom Brenner und dass die was zu bedeuten haben, aber was nur?
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Bewohnte Frau
Bewohnte Frau
von Gioconda Belli
  Taschenbuch

13 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Frau kämpft um Anerkennung und Liebe, 21. April 2001
Rezension bezieht sich auf: Bewohnte Frau (Taschenbuch)
Die Bilder, die Giaconda Belli von ihrer Heimat entwirft, sind sinnlich und voll kräftiger Farben. Besonders die Rückblenden in die Zeit der Besetzung Nicaraguas durch die Spanier sind voller Poesie und stellen den Freiheitskampf in einen großen zeitlichen Zusammenhang.
Lavinia, so heißt die junge Architektin, wird von der Kraft ihrer Ahnin Itza, die im Orangenbaum ihres Gartens Wohnung genommen hat, durchflossen und entwirft ein Haus für General Vela, die politische und auch sehr persönliche Verkörperung ihres Feinds. Der Roman "Bewohnte Frau" ist also eine Geschichte von einem ineinander Wohnung nehmen, einem sich gegenseitig durchdringen in Liebe und Hass.
Ein mehrfach angesprochenes Motiv für Lavinias Teilnahme am Befreiungskampf ist die fehlende Anerkennung und Liebe seitens ihrer Eltern in ihrer Kindheit. In ihrem Kampf für Freiheit und Gleichberechtigung ist es paradox und erstaunlich mit welchem Gleichmut sie den absoluten Gehorsam gegenüber ihrem Führer Sebastián hinnimmt. Die Männer mit denen sich Lavinia umgibt sind entweder unnahbar wie ihr politischer Führer, böse wie General Vela oder sie nehmen sie nicht ernst wie ihr Geliebter Felipe. Da verwundert es nicht, dass sie in der Schlüsselszene, den Sohn des Generals zu ihrem Komplizen macht. Steckt da nicht der Wunsch der Authorin dahinter, die Männer ihres Machismos zu entkleiden und sich die weiche, empfindlich kindliche Seite des Mannes zum Vertrauten zu machen, um mit ihm gemeinsam den brutalen, bösen, ihr nachstellenden General zu töten?


Komm, süßer Tod
Komm, süßer Tod
von Wolf Haas
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

11 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mit Blaulicht in rasender Fahrt ins Abenteuer des Lesens, 1. April 2001
Rezension bezieht sich auf: Komm, süßer Tod (Taschenbuch)
Das Buch "Komm, süßer Tod" gleicht einer rasenden Fahrt und man tut sich schwer, es nicht in einem durchzulesen. Heftig und eindringlich verschlingt es einen. Aber hinter der Derbheit und dem Grausen, entpuppt es sich als ungeheuer klug, witzig und psychologisch genau. Was Wolf Haas mit diesem Text an beissender Kritik und ätzendem Spott, eingebettet in eine sehr detailierte Kenntnis der beschriebenen Charaktere und Institutionen, mittransportiert, ist in dieser dichten Prägnanz einfach atemberaubend.
Vor allem dieser ganz und gar unkonventionelle Polizist Brenner bewegt sich schlafwandlerisch sicher auf vertrautem österreichischen Boden. Er ist in einem besonderen Zustand der Aufmerksamkeit, wirkt schläfrig und ist dabei hellwach. Selbstbewußt läßt er seiner Intuition freien Lauf. Er geht davon aus, dass jeder Gedanke und jede Assoziation von Bedeutung sind und dass die Lösung all dieser skurilen Morde schon in seinem Körper steckt und er sie dort nur zu entdecken braucht. Brenner arbeitet dabei mit unbedacht vor sich hingesungenen Melodien, deren Texte den Schlüssel zur Aufklärung der Verbrechen beinhalten.
Die Beobachtungen eigener Wahrnehmungsmöglichkeiten, so zum Beispiel das zeitversetzte Erinnern an Gespräche, deren Inhalt und Sinn einem erst im Nachhinein klar werden, erkennt man als eigene wieder. Dieses Wiedererkennen erstreckt sich auch auf Täter und Opfer, die durch Überzeichnung und Verfremdung verzerrt, ihren Originalen sehr ähnlich sind.
Ein Feuerwerk an Witzen und Gags, vielschichtig und am Anfang verwirrend, läuft die Geschichte in horrendem Tempo aufs Finale zu. Erst wenn man das Buch aus der Hand gelegt hat, merkt man die innere Stimmigkeit und den stringenten Aufbau.


"Getanzte Liebe Flamenco"
"Getanzte Liebe Flamenco"
von Bernd Kessens
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Goethes Werther in Spanien, 25. März 2001
Rezension bezieht sich auf: "Getanzte Liebe Flamenco" (Taschenbuch)
Goethes junger Werther dient als Vorlage für Bernd Kessens Roman. Mit dem Author erinnern wir uns an Ferienaufenthalte in Spanien. Zeitweise blitzt der Reiseführer etwas durch und die Kultur kommt dabei auch nicht zu kurz. Erinnernd und vor sich hin träumend sitzt man als Leser mit dem Schreiber irgendwo in Deutschland an einem Schreibtisch. Das Wetter draussen ist regnerisch und kalt und man hat Sehnsucht nach dieser brütenden, fatalen Hitze.
Die Menschen in seinem Roman bleiben seltsam blutleere Geschöpfe, den Schritt in eine lebendige, atmende Eigenständigkeit schaffen sie nicht. Zu flüchtig sind sie in ihrer Konsistenz. Dabei fällt auf, dass alle Männer, der Ich-Erzähler ausgenommen, entweder lächerlich sind - so sein 'rosa Mischmaschinen' erzeugender Vater - oder von hilfloser Brutalität, wie sein Rivale Miguel oder der Großvater seiner Geliebten namens Anna, der überhaupt vollständig ausrastet. Ganz anders sein Verhältnis zu den Frauen. Von allen wird der blonde Deutsche geliebt und heiß begehrt. Auch seine Mutter hält ihn hoch in Ehren und schickt ihm schnöde erwirtschaftetes Geld.
Meine Betroffenheit angesichts des notwendigen tragischen Endes hält sich in Grenzen. Noch dazu, wo man noch kurz vor dem Ableben Annas lehrreiche Informationen 'über die gut erhaltene Rotunde aus römischer Zeit' erhält, vor allem aber, weil ich ja mit dem Helden gemütlich zwischen Mutter, Exfreundin und zukünftiger Frau in der Arena sitze und mir deshalb nichts so wirklich passieren kann.


Östlich der Berge
Östlich der Berge
von David Guterson
  Taschenbuch

1 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Salbei, der in der Wüste wächst, 16. März 2001
Rezension bezieht sich auf: Östlich der Berge (Taschenbuch)
Mit den Raum greifenden Landschaftsbeschreibungen schließt 'Östlich der Berge' an 'Schnee, der auf Zedern fällt' an. Inhaltlich und bezüglich Authentizität kann es mit dem Bestseller allerdings nicht ganz Schritt halten.
Es ist die Landschaft nördlich von Seattle mit ihren durch Bewässerungsanlagen entstandenen Apfelplantagen und die ursprüngliche Landschaft in Form von Salbeiwüsten, die mit ihren Gerüchen und ihrer Athmosphäre den bestimmenden Hintergrund abgeben. Auf dieser Grundierung entwickelt David Guterson eine martialische Geschichte von einem der letzten wirklichen Männer, einem Kriegsveteranen aus dem zweiten Weltkrieg, der, weil unheilbar krank, mit dem von seinem Vater geerbten Gewehr seinem Leben auf der Vogeljagd selbst ein Ende setzen will. Sein Plan ist es, seinen Suicid vor seiner schon erwachsenen Tochter als Unfall zu tarnen.
In diesem dreiundsiebzigjährigen Ben Givens, einem Herzchirurgen im Ruhestand, lodert noch immer eine breite, erdverbundene Wildheit, die noch nicht angekränkelt von zeitgeistiger männlicher Rollenkonfusion, ein langsames Erlöschen in hilflosem Siechtum nur schwer ertragen würde. Aber auf dieser vermeintlich letzten Jagd nimmt sein Leben noch einmal eine unerwartete Wendung.
Ben leidet an einem Darmgeschwür. Verletzungen durch einen Autounfall und Erschöpfungszustände nach einer durchkämpften Nacht in der Wüste, lassen die Schmerzen fast unerträglich werden. Seinem Tode nahe, zurückgekehrt in die Apfelplantagen seiner Kindheit, wird er, welch ein Wink des Schicksals, zum Helfer bei einer schweren Geburt.
Trotz intensiver und mitreissender Schilderungen fehlt diesem Buch die Unbeschwertheit, die es frei machen könnte von der Absicht seines Autors. Zu durchscheinend ist die Botschaft, um ihre ganze Wirkung entfalten zu können.


Unterwelt
Unterwelt
von Don DeLillo
  Taschenbuch

5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wie aus einer bizarr, glitzernden Kanalisation entstiegen, 27. Februar 2001
Rezension bezieht sich auf: Unterwelt (Taschenbuch)
Es ist vor allem ein Buch, das alle Sinne anspricht, vor allem auch den Tast und Geruchssinn. Vor dem Auge entsteht ein Film mit vielen zusammen- und auseinanderlaufenden Handlungssträngen. Feucht, muffig, verschwitzt. Eine Wolke männlicher Ausdünstungen, die sich im Müll und in der Zerstörungswut über die Welt verbreitet, ein unerschöpflicher Lavastrom an Gewalt, Kraft und Schönheit. Als roter Faden zieht sich die Suche nach einem Baseball, der seinen Besitzer mehrmals wechselt, durch das ganze Buch.
Don de Lillo's Sprache ist unsere Jetztzeitsprache, eine Mischung aus Werbung und Videoclip. Mit enormen Tempo, oft ein wenig suspekt, zerfranst, ständig gleichzeitig mehrgleisig, also mehrere absatzweise gleichzeitig ablaufende Geschichten, die fast den Atem nehmen.
Die im Zentrum stehende Geschichte zweier Ehebrüche, unvermittelt körperlich, macht zum daran Teilhabenden, Mitzugreifenden. Die Szenen wirken wie Stripteasesequenzen, die unterhalb von nackter Haut enden. Die Gleichzeitigkeit so vieler Reize findet ihr Pendant im globalen Netz. Es ist ein Kampf um Identität, Unterscheidbarkeit, ein Informationsstrom, den man nur mit Filtern erträgt.
Weil 'Unterwelt' so schrill und schnell wirksam ist, bricht es über einen herein. Dieses heftige Angesprungensein, dieses gar zu absichtlich Überwältigende, könnte einen mit einem dunklen energielosen Alleinsein zurücklassen.


Die Entdeckung des Himmels
Die Entdeckung des Himmels
von Harry Mulisch
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Selbst spröde Religionsgeschichte liest sich wie ein Krimi, 27. Februar 2001
Rezension bezieht sich auf: Die Entdeckung des Himmels (Taschenbuch)
Es ist erstaunlich, wie Harry Mulisch aus eher trockenen, vielen Menschen nicht so geläufigen Themen, eine derartig fesselnde Geschichte macht. Er schöpft dabei aus einem reichen Wissens- und Erfahrungsschatz und meistert die Verknüpfungen der verschiedenen Erzählebenen so elegant, dass ein Bestseller daraus wurde. Die Liste angesprochener Bücher, Gemälde und architektonisch interessanter Gebäude ist lang und ladet dazu ein, den Hinweisen nachzugehen. So war ich im Internet reichlich beschäftigt die 'Landschaft mit Fall des Ikarus' von Pieter Breughel d. Ä., die Scala Santa in Rom, den Moses von Michelangelo mit der Gesetzestafel unter seinem Arm und noch vieles andere mehr, anzusehen. Auch der in Holland vielleicht bekannte in Österreich aber völlig unbekannte Herr Multatuli wurde mir so zu einem Begriff.
Eingebettet sind diese Reisen in die Literatur, Astronomie, Architektur und die Geschichte des Judentums in eine unglaubliche Erzählung, die aber trotz ihrer augenscheinlichen und gar nicht geleugneten Konstruiertheit so viel an nachvollziehbarer Lebendigkeit in sich birgt, dass man bereitwillig und mühelos von Seite zu Seite fliegt.
Unterhaltung steht also im Vordergrund. 'Hauptsache gut geschrieben' ist Harry Mulischs Credo. Dass dabei der Holocaust und das Thema Sterbehilfe mit derselben Leichtlesbarkeit behandelt werden, erweitert vielleicht den Kreis der Leser, ist für mich in dieser Ununterscheidbarkeit der Gewichtung aber doch etwas problematisch. Vor allem stört mich dabei das Monologische, auf Wirkung bedachte, das den Leser auf Distanz hält und ihm mit Bonmots ein miteinander ins Gespräch Kommen, abnimmt. Der Stoff wird bestens aufbereitet dargeboten und das nimmt ihm ein wenig die Würze.


Anna Karenina
Anna Karenina
von Leo N. Tolstoi
  Broschiert

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine menschliche Geschichte von archaischer Kraft, 11. Februar 2001
Rezension bezieht sich auf: Anna Karenina (Broschiert)
Tostoi ist ein meisterhafter Erzähler. Wichtig ist dabei nicht nur der Ablauf der Handlung, die einer inneren Notwendigkeit zu folgen scheint. Es sind vielmehr die komplizierten, genau beobachteten seelischen Verstrickungen, die diesem Ablauf zugrundeliegen. Im Aufzeigen und Darstellen selbst der kleinsten, scheinbar belanglosen Details im Innenleben seiner Charaktere, ist er von traumwandlerischer Klarheit und Sicherheit. Manchmal scheint er über sich selbst hinauszuwachsen und mehr zu wissen, als er sich selbst eingesteht.
Dabei ist nicht zu übersehen, dass Tolstois Anna Karenina das letzte Buch vor seiner Wandlung zum Moralisten ist und in der Gestalt Lewins kündigt sich schon ein viel gewollterer und mühsamerer Teil in Tolstois Schaffen an. Fast scheint er vor der gewaltigen Kraft seiner eigenen künstlerischen Intuition zu erschrecken. Seine philosophischen Erörterungen, sein Ringen um den Glauben, die Behandlung der Bauernfrage sind langatmig und teilweise langweilig. Was für ein Unterschied zu den fesselnden, aufregenden Begegnungen, Trennungen, Streitereien, die er mit soviel Distanz und Übersicht scheinbar aus dem Ärmel schüttelt.
Es entstehen einem beim Lesen selten deutliche Bilder von den Menschen, die ganz lebendig werden. Ihre Emotionen und die leicht beeinflussbaren Befindlichkeiten durchziehen den Leser wie im Zeitraffer. Unversehens ist man gefangen in einem Netz vielfältiger menschlicher Beziehungen. Von dieser Fülle und ihrer filigranen Zerbrechlichkeit handelt dieses Buch.


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