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Rezensionen verfasst von
Hans Henkel (Graz)
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Vergebung (Millennium, Band 3)
Vergebung (Millennium, Band 3)
von Stieg Larsson
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen C a f f e e, trink nicht soviel Kaffee ..., 16. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Vergebung (Millennium, Band 3) (Taschenbuch)
Der dritte Band liegt aufgeschlagen auf meinem Bett. Bevor ich zu lesen anfange, gehe ich noch in die Küche, setze Kaffee auf und schmiere mir ein paar Brote. Sicherheitshalber fahre ich meinen Erfuxtdi100 mit dem 17 Zoll-Bildschirm und der 4GB Festplatte hoch und sehe meine e-mails auf meinem yuhu.aw Konto durch. Alle 43 mails sind zum Vergessen.
Ich fange zu lesen an und bin gleich auf Seite 77, als mein Handy läutet. "Hallo Lisbeth", "Nein, ich bins Pernilla, deine Tochter". "Sorry, dich habe ich ganz vergessen. Dein Tipp mit den Bibelversen im ersten Band war gut, aber jetzt habe ich keine Verwendung mehr für dich. Tut mir leid, Tschühüs."
Während ich weiterlese kommt meine neue Freundin Karla Figurella. Sie hat Muskeln wie ein Pferd , arbeitet bei der Staatspolizei und joggt fast Tag und Nacht. Nachdem wir guten Sex hatten, geht sie duschen und putzt sich die Zähne. Wieso das denn?
Da macht es pling und ein neues mail ist auf meinem Konto. Ich lese nur ein einziges Wort: Nuteller. Daraufhin gehe ich in die Küche, trinke eine Tasse Kaffee, schon wieder?, und esse ein paar belegte Brote, die mir schon zum Hals heraushängen. Ich bin inzwischen auf Seite 478 und melde mich vorsichtshalber krank. Upsi, da merke ich, dass es vier Uhr in der Früh ist, also eine schlechte Zeit zum Krankmelden. Nach zwei Stunden Schlaf läutet es an der Tür. Steht da draußen nicht Dr. Teleborian oder ist es doch ein Krankenkassenkontrolleur. Ich verlasse die Wohnung durch einen Hinterausgang und lese die letzten Seiten im Bus, auf einer Parkbank, im Kino ....
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 30, 2010 11:47 PM MEST


Der Turm: Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman
Der Turm: Geschichte aus einem versunkenen Land. Roman
von Uwe Tellkamp
  Gebundene Ausgabe

8 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Wind reichte bei weitem nicht aus, um dem ein Ende zu setzen, 27. Februar 2009
Es stinkt zum Himmel und selbst der ist giftig und verätzt. Desolat sind die Häuser, deren elektrische Leitungen defekt. Flüsse sind zu stinkenden Brühen verkommen. Die lauwarmen Dämpfe steigen einem beim Lesen förmlich in die Nase. Wir, die wir uns bis vor kurzem vor jeglichem Bankrott sicher wähnten, werfen einen Blick in den Abgrund eines scheinbar fremden Landes aus einer fernen Zeit. Dort funktioniert nur mehr das zum Leben Allernötigste und auch das nur durch die aus der Not geborene Kunst der Improvisation.
Der sichtbare, spürbare, greifbare alle Facetten des Lebens durchdringende Verfall geht Hand in Hand mit dem ethisch moralischen Verfall. Der Überwachungsstaat reizt seine Möglichkeiten bis zum Excess aus und spart keine Kosten und Mühen Misstrauen und Angst ins ganz Private der Menschen hineinzutragen. Auch da stellt sich die Frage, ob wir vielleicht nur ein wenig hinterherhinken im angeblich freien Teil der Welt.
In Uwe Tellkamps "Der Turm" stehen nicht so sehr Personen und ihre Beziehungen im Mittelpunkt des Interesses. Da entwickelt sich keine große Liebes- oder Freundschaftsgeschichte, menschliche Wärme ist nur in kleinen versteckten Dosen, gepaart mit großer Zurückhaltung spürbar. Zu groß ist die Bedrohung, von diesem jede Regung, jedes Wort, ja fast jeden Gedanken unerbittlich notierenden Moloch von Obrigkeit, verschlungen und ausgelöscht zu werden.
Was der Autor vermittelt ist weit mehr als nur eine Geschichte. In einem breiten, großzügigen Wortstrom schlüpfen wir in Körper und Lebensgefühle von Menschen, die zu ersticken drohen.
Der Autor begleitet uns mit sicherer Hand aus dem Alptraum dieses auf Lüge und Täuschung aufgebauten Systems, in eine Zukunft, die Hoffnung zumindest nicht ausschließt.


Reise im Mondlicht: Roman
Reise im Mondlicht: Roman
von Antal Szerb
  Taschenbuch

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie alles schon wieder anders ist!, 17. September 2006
Rezension bezieht sich auf: Reise im Mondlicht: Roman (Taschenbuch)
Mondlicht lässt Konturen und Umrisse erkennen. In der Nacht sind die Träume klar, während die Realität, diffus und von mildem Licht bestrahlt, fremd und unzugänglich leuchtet. Empfindungen sind flüchtig, nicht zu fassen und oft unerklärbar selbst für die, die sie befallen.

Mihaly, Sohn einer wohlhabenden Budapester Familie, heiratet Erzsi, die seinetwegen ihren Mann verlässt. Mihaly möchte ein angepasstes Leben führen und die Heirat mit Erzsi soll ihm ein solches ermöglichen, während Erzsi mit der Heirat die Absicht verbindet, dem geordneten Leben zu entfliehen. Ihre Hochzeits-reise führt sie nach Italien, wo Mihaly seine Frau "verliert", indem er bei einem Aufenthalt in einem Bahnhof zur Weiterfahrt in den falschen Zug einsteigt.

Dieses "Verlieren" seiner Frau hat Mihaly zwar nicht geplant, aber es geschah auch nicht zufällig, sondern entsprach seinem geheimem Wunsch. Allein begibt er sich auf die Reise durch Italien, die gleichzeitig eine Reise in die Träume seiner Jugendzeit wird.

Verblüffend und unerwartet erfüllen sich Mihaly's Wünsche und Befürchtungen. Frauen, nach denen er sich sehnt, stehen plötzlich vor ihm. Selbst Erzsi taucht unvermutet auf. Aber das Näherkommen und das kurze Aufleuchten von Begehren und Zuneigung erlischt so schnell und spurlos wie es gekommen ist. So ist jeder Tag zwar voll mit Erinnerungen, aber es ist ein neuer Tag mit ungewissem, unvorhersehbarem Ausgang.

Trotz aller Turbulenzen und Abstürze ins Dunkle und Bedrohliche, wird Mihaly vom einem sanften, milden Mondlicht getragen und immer wieder errettet vor sich selbst.

"Reise im Mondlicht" von Antal Szerb, witzig, leicht und selbstironisch, ist ein Meisterwerk voller überraschender Wendungen.


Nach Gott: Die Zukunft der Religionen
Nach Gott: Die Zukunft der Religionen
von Don Cupitt
  Gebundene Ausgabe

3 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Auch die Götter sind vergänglich, 30. Juni 2002
Dass sich auch die Vorstellung von Gott beziehungsweise von den Göttern ständig verändert und somit ebenfalls der Vergänglichkeit unterliegt, ist eine der Thesen, die Don Cupitt in seinem Buch 'Nach Gott. Die Zukunft der Religionen' präsentiert. Der Autor verweist auf die Tatsache, dass die Götter der Nomaden sich ganz wesentlich vom einen Gott der sesshaft Gewordenen unterscheiden. Mit den Menschen wurde auch deren Gott sesshaft. Er wohnte in einem Tempel und saß auf einem Thron. So verläuft die Entwicklungsgeschichte der Götter parallell zu der der Menschen.
Inzwischen hat der persönliche Gott wie ihn die Offenbarungsreligionen, Judentum, Christentum und Islam hervorgebracht haben, für viele Menschen seine Lebendigkeit und Glaubwürdigkeit verloren. Laut Cupitt paßt dieser monotheistische Gott der Abgrenzung und des Krieges nicht mehr in unsere globalisierte Welt. Aber der Autor zögert ihn so ganz aufzugeben und stellt eine neue Bewegung vor, die sich 'Sea of Faith' nennt. Diese Bewegung versucht christliche Werte zu bewahren und reichert sie mit buddhistischen und Ideen aus dem New Age an.
Es stellt sich die Frage, ob eine globalisierte Welt auch eine vielfältige Religion hervorbringen kann, die die verschiedenen Kulturen miteinander verbindet, anstatt sie zu trennen. Don Cupitt's Haltung schwankt zwischen radikalem Überbordwerfen alter Denk- und Vorstellungsschemata und besorgtem Festhalten an Althergebrachtem. Zu groß ist die Angst vor dem Unbekanntem, das sich vor ihm auftut. Noch hält er die Zeit nicht reif für das Loslassen von Gott und die erschreckende Ungewissheit für nicht zumutbar.


Bessere Verhältnisse
Bessere Verhältnisse
von John Updike
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

19 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Mittelmäßigkeit, die sich ins Monströse weitet, 8. Juni 2002
Rezension bezieht sich auf: Bessere Verhältnisse (Taschenbuch)
Harry Angstrom, der Held der Rabbit Romane, ist ein durchschnittlicher Amerikaner. Dieser große ehemalige Basketballspieler, der nach 'Hasenherz' und 'Unter dem Astronautenmond' inzwischen zum Mitvierziger geworden ist, strotzt auf den ersten Blick vor schwindelerregender Selbstsicherheit. Mit dem Tod seines Schwiegervaters wurde er zum Geschäftsführer von dessen Toyota-Vertretung. Mit einem Schlag ist er zwar seiner finanziellen Probleme enthoben, sein Handlungsspielraum bleibt aber gering. Beruflich wie privat wird er von seiner Frau Janice und deren Mutter kurz gehalten.
Aber wie groß ist sie wirklich, Harry Angstrom's Selbstsicherheit? Die Menschen in John Updike's Romanen sind empfindliche und verletzte. Um sich zu schützen, entwickeln sie Strategien. Harry Angstrom's Methode ist eine Mischung aus verblüffender Direktheit, ironischer Verächtlichkeit und hilflos flatterndem Schimpfen. Obwohl er von den beiden Frauen benutzt wird, versteht er es, auch sie auszunützen. Er wird dabei zu einem Bauch ansetzenden Koloss, der sichs gerichtet hat. Wirklich bedroht fühlt er sich nur von seinem Sohn, der ihm seinen Platz im Geschäft streitig machen könnte.
Das Besondere an diesem Buch ist der breite Strom an Sinnlichkeit, der sich in ganz alltäglichen Handlungen und Begegnungen über uns ergießt. In seiner hellwachen, gelangweilten Abgestumpftheit, überläßt sich Harry seinen Phantasien. Er liebt seine Frau nicht nur ihres Geldes wegen, nicht nur weil er ihrem Vater seinen beruflichen Aufstieg zu verdanken hat, nein er begehrt sie wirklich. Auf beide wirkt Besitz wie ein Aphrodisiakum. Ihre Zuneigung zueinander und ihre existentielle Abhängigkeit voneinander sind unentwirrbar ineinander verflochten.
In den vier Rabbitromanen wird Harry von Roman zu Roman älter. In dieser Zeitreise der besonderen Art erlebt man mit Harry, wie sich sein Bild von der Welt und damit die Welt selbst verändert. Und so ist 'Bessere Verhältnisse' ein weiterer facettenreicher Schritt Harry's auf seinen eigenen Tod zu.


Wilde Schafsjagd
Wilde Schafsjagd
von Haruki Murakami
  Taschenbuch

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Alltägliches und eine ungewöhnliche Detektivgeschichte, 2. Mai 2002
Rezension bezieht sich auf: Wilde Schafsjagd (Taschenbuch)
Murakami Haruki erzählt Alltägliches im Gewand einer nicht alltäglichen Detektivgeschichte. Er erzählt vom Zigarettenrauchen und Whiskeytrinken und er läßt seinen Ich-Erzähler Eierspeise mit Speck braten und ein Sherlock Holmes Buch lesen. Ohne Sensationen kommen auch seine Blicke von Hochhäusern auf Autoschlangen aus. Und trotzdem ist diese gelangweilte Ereignislosigkeit voller Spannung. Unversehens gleitet man hinüber in eine eigenartig fremd anmutende Detektivgeschichte.
Die "Wilde Schafsjagd" wird zu einer Reise vom hektischen Tokyo ins entlegene Junitaki. Haruki's Stimme ist uns vertraut. Wir hören sie nah an unserem Ohr. Seine Worte schlagen genau im Takt unserer Zeit. Seine Ehe ist gescheitert, das Zusammensein mit seiner Freundin unverbindlich und leicht, wie auch deren Verschwinden. "Aber es wäre sowieso passiert, irgendwann früher oder später. Immer zerbricht etwas, immer geht etwas weg, in dir, in mir, in den Frauen, die wir mögen."
Haruki's Sätze sind mit einer unversiegbar scheinenden Quelle von Neugier ausgestattet. Durch seine Worte klingt leise Ironie. Man spürt ein Schmunzeln und nichts ist verwunderlich. Unbekümmert und erfrischend fließt in seinem Text das Lebensgefühl des Jetzt.
Bleibend und stark ist die Stille, die der Schnee verbreitet, die durchdringende Kälte. Ein Mann allein in einem leeren Haus am Ende der Welt.


Brief an den Vater
Brief an den Vater
von Franz Kafka
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,95

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Expertise über väterliche Macht und kindliche Angst, 21. April 2002
Rezension bezieht sich auf: Brief an den Vater (Taschenbuch)
" ... ist meiner Meinung nach doch etwas der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, dass es uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Sterben leichter machen kann." Mit diesen Worten schließt Kafka's 'Brief an den Vater'. Aber es wäre nicht Franz Kafka, wenn ihm nicht auch dieser Brief, der ursprünglich wirklich für seinen Vater gedacht war, zur Literatur geriete. Indem er seine Gedanken und Gefühle in literarische Klänge transponiert, entzieht er sich und seinen Text einfachen Interpretationen. Ins Unbenennbare stiehlt er sich weg.
Vater und Sohn, Mächtiger und Ohnmächtiger, der eine, der Angst verbreitet, der andere, der sie vor ihm hat, der starke Vater, der schwache Sohn - sind sie nicht auch vertauschbar diese kunstvoll aufgebauten Gegensätze? Als Leser spürt man dieses beklemmende Gefühl des sich nicht vom Vater Lösens, eine immens kreative Verengung, in der es sich Franz Kafka unbequem gemacht hat. Man fühlt sich mit ihm steckengeblieben im Geburtskanal, ängstlich darauf bedacht, eine Abnabelung zu verhindern.
Kafka spricht zwar sich selbst und seinen Vater von jeglicher Schuld frei und doch ist der Brief eine Aneinanderreihung von Vorwürfen und Anklagen. All seine Mißerfolge, besonders seine mißglückten Versuche zu heiraten und so dem Einfluss seines Vaters zu entkommen, setzt er in Zusammenhang mit dem von ihm als übermächtig Empfundenen. Die Macht des Vaters und die Angst des Sohnes sind die zentralen Gegenpole. In diesem Brief, diesem unter die Haut gehenden labyrinthischen Beziehungsknäuel, wird er zum Führer, der selber keinen Ausweg kennt. Als Leser vertraut man einem Blinden, dessen Hellsichtigkeit die Nacht zum Tag macht. Man wird hineingezwungen in dieses Paradoxon des Flüchtens und nicht von der Stelle Kommens, das wir alle aus Träumen kennen.
Mit dem Lesen des 'Briefes an den Vater' eröffnen sich beim Lesen von Kafka's Werk neue Perspektiven. Das Geheimnis und die Schönheit seiner Texte halten Wissen, Analyse und Erklärung trotzdem stand.


Die Stadt der Blinden
Die Stadt der Blinden
von José Saramago
  Taschenbuch

21 von 41 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Rette sich wer kann - vor diesem Roman, 9. April 2002
Rezension bezieht sich auf: Die Stadt der Blinden (Taschenbuch)
Es ist ein gar nicht so utopischer Roman, der an Szenarien in Afghanistan oder Palästina denken läßt. Nur werden die Menschen in 'der Stadt der Blinden' nicht vom Krieg, sondern von einer seltsamen Blindheit befallen. Die Erreger der Erkrankung und der Übertragungsweg bleiben im Dunkeln. Bereits der Anblick eines Erkrankten kann zur Erblindung führen. Da sich die Epidemie rasend schnell ausbreitet, beschließt die Regierung dieses anonymen Landes die davon Befallenen unter Quarantäne zu stellen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. Die Erblindeten werden in einer ehemaligen 'Irrenanstalt' untergebracht. Dort bricht sehr schnell Chaos und gewalttätige Anarchie aus.
Beraubt man den Roman der Idee dieser sonderbaren Erblindung, ist das was übrigbleibt, erschreckend bieder und konventionell. Die Menschen in diesem Roman haben keine Namen. Sie werden so auch nicht zu wirklichen Personen, sondern fungieren als gute oder böse archetypische Geister. 'Die Frau des Augenarztes' bleibt als einzige von der Erkrankung verschont. Um bei ihrem Mann bleiben zu können, gibt sie jedoch vor, erblindet zu sein. Sie wird zur Heldin und Retterin. Aber der Weg dorthin ist lang. Als Leser muss man Vergewaltigungen, Untreue und Meuchelmorde über sich ergehen lassen. Die unerträglich Beste von allen, wird zwar notgedrungen zur Mörderin, steht dafür aber ihrem Mann bei dessen Seitensprung verständnisvoll zur Seite. Dass zu guter Letzt dem alten Mann mit der Augenklappe, der nicht nur mittellos, sondern zusätzlich von normaler Blindheit betroffen ist, dann auch noch der Hauptpreis in Form der jungen Frau mit der dunklen Brille, einer edlen Prostituierten, die in dieser Krisenzeit zur Ersatzmutter eines farblosen, meist schlafenden, schielenden Kindes mutiert, zugesprochen wird, entspricht dem männlichen Chauvinismus des Autors.
Das körperliche Unwohlsein, das mich beim Lesen befällt, kommt wohl nicht nur von der Fäkalienorgie, die einen durchs ganze Buch begleitet, sondern mehr noch von der moralisierenden Verkündigung einer Botschaft, die Menschen in gute und böse einteilt. Ich finde mich einer Logorrhoe ausgesetzt durch deren dünnflüssige Satzschwälle ich in eine gehetzte Beschleunigung des Lesens verfalle. Und darum ist die Erleichterung groß, das Buch fertig gelesen zu haben und mich wieder besser verdaulichem Lesestoff zuwenden zu können.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 9, 2009 7:32 PM CET


Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik
Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik
von Ivo Andric
  Taschenbuch

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Brücke als Symbol der Verbindung von Ost und West, 29. März 2002
Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichen Standes, unterschiedlicher Religion und deren vielfältige Schicksale sind es, denen das Interesse von Ivo Andric gilt. Ohne Beschönigung purzeln sie in die Bilder der Geschichten und formen ein großes, zusammenhängendes Ganzes, in dem die Gegensätze und Gemeinsamkeiten einen Ausgleich suchen.
Geschrieben in den frühen sechziger Jahren, in einer Zeit, in der Tito's Jugoslawien einen Vielvölkerstaat bildete, ist Andric bemüht, dem Titel entsprechend, Brücken zu schlagen. Er betont das allen Gemeinsame und stellt Anderssein als Bereicherung dar.
An Hand der Stadt Wischegrad, entwirft der Autor einen zeitlichen Bogen, der beginnend vom Bau der Brücke unter türkischer Herrschaft, über mehrere Jahrhunderte bis zum Ausbruch des ersten Weltkriegs reicht. Im Zentrum dieser Episoden steht oft 'Die Brücke über die Drina'.
Die Geschichten sind voll von Weisheit, Klugheit und Verständnis und viele gehen zu Herzen. Die Menschen werden nicht in Gute und Böse eingeteilt. Die Vorgänge stehen in größeren Zusammenhängen und die Akteure sind Ausführende von mächtigen Denk- und Handlungsströmen.Mit besonderer Aufmerksamkeit und Zuwendung beschäftigt sich Andric mit denen, die versuchen sich dem Strom der Zeit entgegenzustellen und die die Aussichtslosigkeit ihres Unterfangens erkennen müssen. Erstaunt, dass nicht Bedächtigkeit, noch Sorgfalt und Anstand den Lauf der Welt beeinflussen können, teilen sie das Schicksal der für unzerstörbar gegolten habenden Brücke.
Wenn auch seit Erscheinen des Buches vierzig Jahre vergangen sind und der Zeitgeist ein anderer geworden ist, vielleicht dringt die Botschaft des Buches - Respekt vor Andersdenkenden, Andersgläubigen, Zugehörigen anderer Völker zu haben und das Gemeinsame vor das Trennende zu stellen - noch immer an so manches Ohr.


Der Zauberberg. Roman.
Der Zauberberg. Roman.
von Thomas Mann
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

94 von 103 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der anwesende Tod macht mutig und befreit, 7. März 2002
Rezension bezieht sich auf: Der Zauberberg. Roman. (Taschenbuch)
Als Leser wird man selbst Gast im Davoser Berghof, einem Sanatorium für Lungenkranke. Man lebt mit diesen in einer Höhe, in der fast das ganze Jahr Schnee liegt und sollte sich bei der Lektüre nicht wundern, wenn einen das ein oder andere der geschilderten Symptome befällt. So erlebt man mit Hans Castorp, einem jungen Mann einer alteingesessenen Bürgersfamilie aus dem flachen Norden Deutschlands, wie Freunde, Bekannte und ihm Fremde mit unabwendbarer Natürlichkeit und ohne allzu großes Aufsehen an ihrer Krankheit sterben. Das allein erregt schon unsere Aufmerksamkeit in einer Zeit, in der der Tod dem Alltag entfallen ist. Dort oben in dieser von außen abgeschotteten Bergwelt, verliert das Sterben seinen Schrecken und wird zu einem vertrauten, mit einem Lächeln hingenommenen, ständigen Begleiter.
Es ist die Anwesenheit des Todes, die befreit, mutig macht und Grenzen überschreiten läßt. In diesem Licht erscheint die Liebesgeschichte von Hans Castorp zu Clawdia Chauchat, einer Russin, die als Patientin dort ebenfalls ihre Zeit verbringt, besonders intensiv und jeglicher Annäherung an eine reale Beziehung enthoben. Um diese Themen - Krankheit, schwärmerische Liebe, Tod - webt Thomas Mann ein strahlenförmiges Netz feinst nuancierter in Handlung eingebetteter Betrachtungen.
Ein fast ausufernd langer Teil enthält philosophisch, theologische Streitgespräche zwischen einem Herrn Settembrini und einem Herrn Naphta, die sich leichtem Verständnis entziehen. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sie Themen von brennender Aktualität. In diese einzudringen verlangt denkerische Schärfe, Lust am Experimentieren mit Gedanken und Freude am philosophischen Disput.
Mit der Abreise von Clawdia Chauchat verliert das Buch seinen Antrieb. Es endet mit dem sich schon in den letzten Kapiteln ankündigenden ersten Weltkrieg, der Hans Castorp vor weiterer Abstumpfung und Langeweile bewahrt.
Mit viel Witz erzählt Thomas Mann eine grandiose Geschichte, die sich trotz ihres hohen Alters eine erstaunliche Frische erhalten hat und die sich trotz ihres Umfangs fast von alleine liest. Man begegnet ihr wie einer alten Bekannten, die einem vielleicht deshalb so vertraut ist, weil es auch unsere eigene sein könnte.


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