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Wurde Amerika in der Antike entdeckt?: Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya
Wurde Amerika in der Antike entdeckt?: Karthager, Kelten und das Rätsel der Chachapoya
von Hans Giffhorn
  Gebundene Ausgabe

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wissenschaftliche Detektivgeschichte!, 12. März 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Endlich! Seit längerer Zeit habe ich nach einer Publikation Ausschau gehalten, die sich mit der Frage präkolumbischer Kontakte zwischen Alter und Neuer Welt beschäftigt und zugleich den Standards wissenschaftlichen Arbeitens gerecht wird.

Recherchiert man etwas im Internet zum Thema, dann landet man, wie ürbigens auch Giffhorn im Buch beklagt, schnell auf Esoterik-Seiten. Das ist wohl auch einer der Gründe, weshalb es so schwer ist, innerhalb der etablierten Wissenschaft einigermaßen unvoreingenommen darüber zu sprechen. Gerade aber die Vorsicht und die argumentative Schlüssigkeit, mit der Giffhorn zur Erhärtung seiner Hypothese von präkolumbischen Einwanderern aus dem Mittelmeerraum in die Andenregion zu Werke geht, verleiht dem Buch jene Seriosität, auf die es bei heiklen wissenschaftlichen Fragen ankommt. Giffhorn zieht keine voreiligen Schlüsse und deckt die Schwachstellen seiner Argumentation selbst auf. Er wiegt Befundlagen gegeneinander ab, um sich nach hinreichender Begründung auf eine Seite zu stellen, die seine Hypothese stützt.

Giffhorn hat das Buch wie eine Detektivgeschichte aufgebaut. Zunächst legt er die soweit bekannte Faktenlage zu der immer noch wenig erforschten Kultur der Chachapoya vor, bei der immer wieder frappierende Erkenntnisse hervorstechen: Es treten Funde zu Tage, die auf eine Hochkultur hindeuten, die scheinbar aus dem Nichts hervorgangen ist; der aber nicht nur Vorläufer fehlen, sondern der es obendrein auch an nennenswerten Parallelen auf dem südamerikanischen Kontinent mangelt. Allerdings mangelt es nicht an Parallelen in der Alten Welt: Wieso gibt es auffallende und bemerkenswerte Ähnlichkeiten zwischen den Artefakten und der überlieferten Sozialstruktur des Andenvolkes der Chachapoya und Keltenvölkern aus dem antiken Mittelmeerraum?

Giffhorn entwickelt zu der Indizienkette, die auf präkolumbische Kontakte hindeutet, verschiedene Szenarios, deren Plausibilität er dadurch erhärtet, das er jedes Szenario, angefangen von der Situation von Kelten und Karthagern (Punier) zur Zeit der Punischen Kriege bis zur angenommenen Einwanderung von der heutigen Brasilianischen Küste aus, unterfüttert mit - wenn auch spärlichen - Quellenfunden, archäologischen und historischen Befunden. Keines der Indizien ist für sich genommen der schlagende Beweis, allerdings ergeben sie zusammen eine plausible Hypothese. Die weiteren Entwicklungen in der Chachapoya-Forschung (und nicht nur hier) werden deren Stichhaltigkeit erweisen.


Die Kränkung des Menschen: Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes
Die Kränkung des Menschen: Die Naturwissenschaften und das Ende des antik-mittelalterlichen Weltbildes
von Mirko Lüttke
  Broschiert
Preis: EUR 39,80

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Informativ und spannend!, 11. Dezember 2012
Ich habe mir das Buch gekauft, da ich im Feuilleton und in Publikationen, die sich mit dem Verhältnis von Religion und Moderne beschäftigen, immer wieder über Sigmund Freuds These von den drei Kränkungen der Menschheit durch Kopernikus, Darwin und Freud selbst gestoßen bin. Leider begründet Freud seine These an keiner Stelle explizit und auch diejenigen Autoren, die sich auf den Begründer der Psychoanalyse berufen, gehen nur spärlich - wenn überhaupt - auf eine nähere Begründung ein.

Von der Arbeit habe ich mir dann den Versuch einer Klärung versprochen. Schon der Klappentext hatte mich neugierig gemacht. Darin heißt es: "In der kulturphilosophischen Analyse der Moderne ist Sigmund Freuds Feststellung, wonach die (Natur-)Wissenschaften der Menschheit drei große Kränkungen zugefügt haben, zu einer gängigen Redeweise geworden. Nach Freud hatte Kopernikus durch seine Neuordnung der Gestirne den Menschen aus der Mitte des Alls vertrieben, wodurch das menschliche Selbstbewusstsein zum ersten Mal gekränkt wurde. Mit Darwins Evolutionslehre sei dem Menschen der zweite Schlag versetzt worden. Freud selbst habe ihm dann die letzte der drei Kränkungen mit seiner Entdeckung des Unterbewusstseins zugefügt. Freuds Liste der drei Kränkungen wurde im Anschluss immer wieder aufgegriffen und erweitert. Angesichts dessen muss es erstaunen, dass die These von den Kränkungen bisher kaum über Freud hinaus Gegenstand einer systematischen Untersuchung, Begründung oder Widerlegung geworden ist. Die vorliegende Arbeit bemüht sich um eine systematische philosophische Begründung und Neuformulierung der Kränkungsthese."

Der Autor geht davon aus, dass die Naturwissenschaften Kränkungspotenzial haben. Allerdings hebt er sich seiner Meinung nach dadurch von anderen Vertretern der Kränkungsthese ab, dass er von Kränkung nur im Singular spricht, statt - wie so oft - im Plural (Kopernikanische Kränkung, Darwinsche Kränkung etc.). Lüttke will durch sein Buch nicht weniger als eine Neuformulierung der Kränkungsthese wagen, wobei er gleich zu Beginn deutlich macht, dass die dabei zu behandelnde Zeitspanne (schlappe 2000 Jahre Geistesgeschichte) nicht in die Tiefe gehend behandelt werden kann, sondern durch seine Rekonstruktion der Entwicklung gerafft und idealtypisch aufbereitet werden muss. Interessanterweise gelingt ihm dies durch einen Kunstgriff, indem er sich menschliche Weltverälntnisse in der griechischen Antike, der christlichen Spätantike sowie in Mittelalter und Renaissance ansieht und gemeinsame, sehr grundlegende Strukurmerkmale herausarbeitet. Anschließend zeigt er Schritt für Schritt, wie herausragende naturwissenschaftliche Entwicklungen seit der frühen Neuzeit die Plausibilität der überkommenen Inhalte des von Lüttke sogenannten antik-mittelaltelichen Weltbildes untergraben haben.

Der letzte Teil der insgesamt gut lesbaren Arbeit, die auch mit wenig philosophischem Vorwissen durchaus verständlich ist, geht auf die Folgen dieser "Entplausibilisierung" ein. Zunächst wird ein Kränkungsbegriff herausgearbeitet, der dann existenzphilosophisch weiter entwickelt wird.

Die Arbeit besticht, sieht man von einigen Schwachstellen wie etwa einer stark selektiven Auswahl der dargestellten Autoren oder dem - Dissertationsbedingt - sehr umfangreichen Fußnotenteil, immer wieder durch interessante Wendungen, die sich insbesondere bei der Rekonstruktion des "antik-mittelalterlichen Weltbildes" und im Zusammenhang zwischen Kränkung und moderner Technik ergeben. Dafür 5 Sterne!


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