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Rezensionen verfasst von
Klein Tonio
(VINE®-PRODUKTTESTER)   

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Anruf für einen Toten[NON-US FORMAT, PAL]
Anruf für einen Toten[NON-US FORMAT, PAL]
DVD ~ James Mason
Preis: EUR 14,47

5.0 von 5 Sternen Ein Liebesfilm? Ja!, 29. Juli 2015
Und ein Bond? Nein! Bei John Le Carré geht es bekanntermaßen etwas anders zu, bei Regisseur Sidney Lumet ebenfalls (interessanterweise besetzte er öfters Sean Connery und trug wesentlich zu dessen Bond-Emanzipation bei). Und was kommt heraus, wenn der eine den anderen adaptiert? Der vielleicht ungewöhnlichste Agentenfilm der Geschichte, auch wenn solche Mutmaßungen natürlich gleichsam gewagt wie subjektiv sind. Gleichwohl: Einen ruhigeren, gesetzteren Agenten als Bond zu haben, ist nicht ungewöhnlich. Dafür James Mason mit 57 zu besetzen, auch nicht. Ihn aber, der ein Image als sehr schöner Mann mit sich herumgeschleppt hatte, so zu inszenieren, wie Lumet das tut, schon. Der Schnurrbart ist unvorteilhaft. Die weder besonders geraden noch besonders weißen Zähne sind mehr als einmal deutlich sichtbar, und ein Bäuchlein hat er auch schon. Eine harte Fotografie in Großaufnahmen betont jeden Fältchen. Schon in den in grellen Farben eingetauchten Credits sehen wir ihn, scheinbar hilflos, gegenüber seiner Frau, die anscheinend nackt auf dem Bett sitzt; da scheint es ein Problem zu geben. Und doch kommen die beiden sich in den Standbildern gegen Ende näher, küssen sich, bis am Ende nur noch abstrakte rote Flecken auf schwarzem Grund zu erkennen sind. Wir wissen da natürlich noch nicht, dass es Mann und Frau sind. Aber kommen recht schnell auf den Trichter und merken, dass Lumet da schon eines vorweggenommen hatte (übrigens auch durch einen leitmotivischen, melancholischen Bossa Nova): Eine problematische Beziehung, bei der man kaum weiß, wer die Oberhand hat (der Mann ist über der Frau positioniert, guckt aber hilflos, verzweifelt), die aber dennoch in einer Wiederannäherung münden könnte (Kuss, mehr Nähe, das leuchtende Rot am Ende) – und eine, bei der jedenfalls ich mir das auch die ganze Zeit gewünscht habe. Des Geheimagenten Charles Dobbs' Frau Anne ist Nymphomanin, und Drehbuch wie Regie ist es hoch anzurechnen, darüber nicht billige Witze zu machen, sondern dies als Krankheit ernstzunehmen. Die Kamera, oft von Hand geführt, tastet sich durch der Dobbs' Haus, das sieht recht auskömmlich aus, aber die beiden haben schon getrennte Schlafzimmer, d.h. er schläft jenseits des durchaus vorhandenen Ehebettzimmers. Mitten in der Nacht muss er fort, Anne kommt gerade nach Hause, die Worte der Begrüßung sind eigentlich sehr nett, aber sie vermeiden den Blickkontakt. Schon die ersten Minuten sind von so aufmerksamer Inszenierung, dass man unbedingt wissen möchte, ob und wie diese mutmaßlichen Widersprüche aufgelöst werden.

Dann geht es erstmal an den Dienst: Dobbs musste einen Kollegen befragen, der kommunistischer Umtriebe bezichtigt worden war; dieser ist am Abend darauf erschossen, angeblich durch eigene Hand, aber Dobbs möchte das nicht wie sein Chef unter den Teppich gekehrt wissen und ermittelt auf eigene Faust weiter. Dazu trägt auch die vorherige Begegnung mit der ungewöhnlichen Witwe Elsa bei – wieder ein Besetzungscoup mit einer Dame, die schon in jüngeren Jahren Großes gemacht hatte und nun in ernsthafter und äußerlich unvorteilhafter Rolle brilliert: Simone Signoret. Auch hier kameratechnisch ein unsicheres Kräfteverhältnis. Froschperspektive, wenn der Blutfleck noch am Boden ist und dadurch größer erscheint, oder bei der Unterredung aus Elsas Sicht, Dobbs dadurch gleichzeitig höher und kleiner erscheinen lassend (vermutlich haben auch Lumets geliebte Weitwinkelobjektive zu dem Effekt beigetragen, alles im Vordergrund besonders groß und übermächtig erscheinen zu lassen; dies sehen wir in mancher Einstellung dieses Filmes auch bei Gegenständen).

Mysteriös wird das alles werden, Finten und Täuschungen und enttäuschte Freundschaft wird er geben, ein Netz, in dem noch so mancher Nebendarsteller (u.a. Maximilian Schell) brillieren kann. Und immer wieder wird es um das Verhältnis Dobbs' zu seiner Anne (Harriet Anderson) gehen. Aus meiner Sicht ein ganz klarer Liebesfilm! Anne also, um es klipp und klar zu sagen, macht's mit jedem, aber das ist eigentlich nur ein Hilfeschrei, sie hätte es so gern, dass ihr Dobbs endlich mal die Leviten liest. Doch dieser versucht es mit Güte und Contenance. Erstens, weil er ihre Nymphomanie eben als echte Krankheit begreift, bei der es nicht reicht, sich mal ein bisschen zusammenzureißen. Zweitens, weil er keine Namen wissen will, die seiner Eifersucht eine konkrete Gestalt geben könnten. Drittens liebt er sie, wie er Elsa einmal völlig aufrichtig sagt (auffällig sind auch die liebevollen Dialoge und Kosenamen, die zum Stand der Beziehung so gar nicht zu passen scheinen). Viertens, und insoweit trägt er ein bisschen Mitschuld an der Fragilität der Beziehung, möchte er keine Eifersucht in sich und keinen Ehekrach aufkommen lassen, damit er einen kühlen Kopf bei seiner Arbeit hat; dieses geht ihm nämlich über alles. Da hat er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und kann das Vertuschenwollen des mutmaßlichen Mordes wesentlich schlechter verkraften als die Eskapaden seiner Gattin. "Warum hast Du so viel Unnachgiebigkeit in Deinem Beruf und so viel Güte bei mir?" "Weil ich glaubte, mit dem einen meine Stellung zu behalten und mit dem anderen Dich", so sinngemäß. Doch die Stellung hat er geschmissen.

Und Anne? Ich denke, der genannte Dialog ist wichtig, weil Dobbs lernen muss, dass das Private mit dem Beruflichen zusammenhängt und dass seine getrennten, ja geradezu gegensätzlichen "Vorgehensweisen" somit falsch waren. Und weil das eine mit dem anderen zusammenhängt, wird der Fall zu Dobbs' persönlichem Schicksal. "Ein Film über die Enttäuschungen im Leben", so Lumet. Das hat er und/oder hat Le Carré (ich habe die Vorlage nicht gelesen) durch die Verbindung des Beruflichen mit dem Privaten wunderbar dargestellt. Zu schildern, wie diese Verbindung genau erfolgt, würde zu viel vom Plot verraten. Aber ich habe versucht darzustellen, wie wichtig für Dobbs die berufliche und die schwierige private Situation sind. Da kann man die Fallhöhe ahnen, wenn man sich ein Komplott vorstellt, in das das eine wie das andere sowie noch eine sehr gute Freundschaft maximal involviert sind. Mit anderen Worten: Alles, was Dobbs Leben ist oder war, wird durcheinandergewirbelt, scheinbare Gewissheiten werden geraubt. Und der hier etwas gramgebeugte, mittelalte und nicht schöne Mason ist dafür goldrichtig.

Für diese wahrlich nicht kleinen "Enttäuschungen im Leben" wollte Lumet eine entsättigte Farbpalette. Dies ist in ein paar Szenen in London und Umgebung gelungen; graue Straßen, graue, klapprige Autos, graubraune Backsteinbauten, ebensolche Hinterhöfe und Kneipen, Autowerkstätten, Plätze voller Schlamm. Lumet zeigt die hässlichen Seiten von London und Umgebung. Gleichwohl ist das nur die halbe Wahrheit, denn der Film hat eine dermaßene Fülle von Farbakzenten und skurrilen Details/Figuren am Rande, dass es nur so eine Freude ist. Das ist eben eine ganz und gar verrückte Welt, in der Dobbs da operiert und die zu seiner persönlichen Welt werden wird. Rot ist eine häufig gebrauchte Akzentfarbe, nicht nur bei den obligatorischen Telefonzellen. Das natürlich groß im Vordergrund zu sehende Telefon bei Dobbs' Chef ist rot (man kennt die Symbolik des "roten Telefons"), das ebenso zu sehende in Annes Schlafzimmer aber auch, was bereits die Verknüpfung von Beruflichem und Privatem andeuten mag. Am Ende ist auf dem Zürcher Flughafen so viel Rot zu sehen, wie es Dario Argento in München-Riem ("Suspiria") auch nicht besser hinbekommen hatte. Rot ist die Liebe, und sie bekommt sogar eine kleine Chance (hübsches Detail: Ein Pärchen, das in der Handlung gar nicht vorkam, fällt einander in die Arme). Gelb ist hingegen die Farbe der Verfolgten, so ein Fäulnisgelb, und auffällig ist, dass Elsas Tür in selbigem gehalten ist – so wie das beim "Judenstern" war, den Elsa als KZ-Opfer sicherlich tragen musste.* Man merkt der Frau an, dass sie heute noch darunter leidet. Andere Details lassen den Film wie einen Film Noir aussehen (die giftgrüne Schreibtischlampe, der nasse Asphalt, der tiefblaue Nachthimmel in mieser Hinterhofgegend). Weitere sind pure Satire: Rot finden wir nicht nur in einer Nelke auf dem Tisch von Dobbs' Chef, sondern auch bei der zweiten Begegnung in dessen Knopfloch – nebenbei gesagt ein eitler Geck, der den Spitznamen "Marlene Dietrich" hat. Herrlich, wie man hier auf solche Details wie das Blümchen geachtet hat. Herrlich auch die Figur des Automechanikers und Kleinganoven Scarr. Es wäre ein Klischee, wenn er dick, versoffen und zunächst unehrlich wäre. Es ist schon besser, dass er auch noch ein Bigamist ist. Es ist noch besser, dass er ein Bigamist mit einer vielleicht siebenjährigen Tochter ist, die völlig selbstverständlich mit einem Papa und zwei Mamas lebt, den Polizisten wie das Normalste der Welt sagt, Papa sei mit den Mamas in der Kneipe. Und es ist noch besser, wenn dieser Mann zusammengeschlagen wurde und am Ende der Szene auf einmal die Tochter vor ihm steht, mit einer Puppe in der Hand, wieder so ein bunter Klecks in fast monochromer Gegend. Und wenn sie und Papa dann ein ganz liebevolles Gespräch führen, wobei Papa noch kurz versucht, die Tochter auf den Arm zu heben, was er aber nicht schafft. Wer kommt auf lauter solche göttlichen Details, die für den Fortgang der Handlung total unwichtig sind? Das ist, wie der ganze Film, mit einer solch aufmerksamen Liebe zum Details gefilmt, dass es zum Niederknien ist – und nicht nur schön blödsinnig, im Gegenteil: Dieser Mann ist auch nicht groß anders als andere, er hat seine Familie, die er liebt, etc. pp. Lumet mochte es immer, schreiend skurrilen Nebenfiguren Gesicht, Stimme und vor allem Herz und Seele zu geben.

So ist das übrigens auch bei des Filmes Liebe zum Theater: Ein Mal wird ein Geschehen schon auf der Bühne vorweggenommen; es kommt zu einer eingefädelten Begegnung, zu einer schicksalhaften Erkenntnis für Dobbs und zu einem dramatischen Ereignis während einer Aufführung der Royal Shakespeare Company. Und zu einer Szene, in der in einem ziemlich schlechten Theater Shakespeare geprobt wird und eine Inspizientin (oder Requisiteurin oder was weiß ich; halt ein "Mädchen für alles") einen herrlich schrägen Auftritt hat. Entsättigte Farben? Quatsch; der pensionierte Polizist Mendel, der Dobbs hilft, sieht hier im giftgrünen Theaterlicht mit seinem kantigen Gesicht und der Melone so aus, als hätten sich Boris Karloff, Bela Lugosi und Lionell Atwill grad in einem Zweifarbentechnicolorhorrorknaller der frühen 1930er Jahre getroffen. Nebenbei: Einen Grund, aus dem Mendel dort ist, gibt es durchaus. Eigentlich sind hier fast alle Figuren entweder skurril (auch Mendel, der sich seinen Privatkleintierzoo hält und trotz scharfen Verstandes immer mal ganz gern einnickt, was der Film mitunter spannungssteigernd nutzt), oder sie haben einen Knacks (Dobbs, Anne, Elsa), oder/und man kann ihnen nicht trauen (wird nicht verraten).

Also der ganz normale Wahnsinn, genial umgesetzt. Und ein Liebesfilm. Ein wunderbarer.

Die DVD enthält viele Sprachfassungen und Untertitel, auch beides in Deutsch, aber keine Extras.

* Diese Farbsymbolik habe ich Susanne Marschalls Habilitationsschrift "Farbe im Kino" zu verdanken.


Garbo Talks [UK Import]
Garbo Talks [UK Import]
DVD ~ Anne Bancroft
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 30,57

5.0 von 5 Sternen Mit ihr war es schon verrückt…, 28. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Garbo Talks [UK Import] (DVD)
…oder wollen Sie ein Heim, Kinder, Sicherheit und garantiert keine Überraschungen? So formuliert es Lisa (Carrie Fisher), die Frau von Gilbert (Ron Silver). Und Rons Vater Walter über Rons Mutter, seine Ex-Frau Estelle (Anne Bancroft): Mit ihr war es schon verrückt. Aber seine zweite Frau "gab mir alles, was ein Mann sich wünschen kann." Als Walter das zu Gilbert sagt, sieht man im Gesicht des Vaters: Irgendwie trauert er der eigenwilligen Estelle nach. Vernunft und Leidenschaft, Sicherheit und Überraschungen; der Film wählt dezidiert jeweils Letzteres. Dabei ist er zunächst einmal etwas für movie buffs: Estelle ist nicht nur grundsympathische Nonkonformistin, sondern auch Garbo-Fan (wie sehr und warum sie sie so stark idolisiert, erfahren wir erst am Schluss), und als sie wegen eines Hirntumors nicht mehr lange zu leben hat, hat sie einen letzten Wunsch: eine persönliche Begegnung mit der Göttlichen. Gilbert (natürlich heißt der nicht rein zufällig so) setzt alle Hebel in Bewegung…

…da kann man schwärmen von Zeiten, in denen Legenden noch gelebt haben (ersatzweise dürfen alle Verrückten versuchen, Olivia De Havilland die Bude in Paris einzurennen – wer, der in den 1930ern begonnen hatte, ist denn sonst noch übrig?). Und von Menschen, die das Glück haben, in New York zu leben, wo es das MoMA, jede Menge Filmbuchläden, Verrückte, Experten und verrückte Experten gibt und wo sich eine solche Suche selbst dann mehr lohnt, falls sie nicht von Erfolg gekrönt sein sollte. Ob sie es sein wird, verrate ich natürlich nicht. So oder so, in den USA im Allgemeinen und in des Regisseurs Sidney Lumet geliebtem wieder einmal bunt gemischten New York scheint fast alles möglich. Auch wenn dieser Film für Lumet ungewöhnlich und vor allem ungewöhnlich warm in den Farben und warmherzig ist: Er liebt immer das eigenwillige oder einfach nur stinknormale Individuum, das bei ihm eine Seele und eine Geschichte bekommt, auch in seinen harten Filmen wider Ungerechtigkeit, Überwachung, Korruption oder Atomkriegsgefahr, und davon hat er viele gemacht. Und er liebt die nicht mehr ganz jungen sowie manchmal die richtig alten Menschen (diesmal neben Bancroft: Veteran Howard Da Silva als heruntergekommener Paparazzo mit Herz und Seele, der Gilbert ein paar Tipps geben soll). Was zum Nächsten führt: der Liebe zur Vergangenheit, hier dem Kino, oder allgemeiner: die Wehmut der Vergänglichkeit (so wie Lumet in dem galligen statt warmherzigen "Network" ein völlig degeneriertes Fernsehen zeigt, in dem sich William Holden und Peter Finch als ältere Herren nicht mehr zurechtfinden). Dagegen sind Garbo-Bilder natürlich Ikonographien für die Ewigkeit! Und Lumet ist filmgeschichtsbewusst genug, um dies kenntnisreich wie emotional zu zeigen.

Natürlich ist dies auch eine "Lebe Deinen Traum"-Geschichte, oder besser: "Tu etwas Ungewöhnliches, riskiere etwas, lebe mit Leidenschaft". Das ist nämlich zuvor nicht so sehr Gilberts Sache, und typisch Business-Boom der 1980er ist, wie Lumet ihn als kleinen Angestellten zeigt, der davon nicht so recht profitieren kann und stattdessen als kleiner Buchhalter ausgenutzt und herumgeschubst wird. Dass wir dabei eine himmelschreiend scheußliche Ästhetik in Rosa sehen: War das etwa in der Zeit echt so oder ist das treffende Satire? Ich tippe auf Letzteres, denn der Film zeigt hier eine wunderbare Liebe zum Detail; das Rosa taucht sogar in jeder zweiten Zeile der Tabellen auf, die der fiese Chef Gilberts bei jedem Zusammentreffen vor sich hat.

Und so kommt es nicht so sehr darauf an, ob Gilbert Garbo findet; auf jeden Fall findet er sich und sagt dann auch ganz konsequent, dass sein Chef an seinem ganzen Unbill nicht Schuld gewesen sei, denn Gilbert habe das alles ja mit sich machen lassen. Er kann nun doch in seiner Mutter Fußstapfen treten, die sich nie etwas hat gefallen lassen. Passend und von zärtlicher Schönheit, da wir wissen, dass dies ihr Vermächtnis sein wird. Überhaupt, in diesem mitunter heiteren Film steckt oft eine zärtliche Traurigkeit, die wirklich anrührt, schon im Zeichentrickvorspann: Ein kleines Mädchen (wir erfahren später, dass es Estelle ist) schaut sich Garbo-Stills an, imitiert gelegentlich die Posen und wird in wenigen Minuten zu der Frau um die 50-60 Jahre, die Estelle beim Einsetzen der Handlung ist. Von beinahe grausamer Schönheit ist der extreme Zeitraffer in der Szene, in der Estelle heiratet, Baby Gilbert auf dem Arm hat, das ihr noch im Arm wächst, dann, auf den Boden gesetzt, in wenigen Sekunden zum großen Mann wird und da auch schon ihre Hand loslässt und seine eigenen Wege geht. Flüchtigkeit der Zeit, schmerzhaft, wir lieben diese am Ende des Vorspanns herb dreinschauende Estelle bereits, bevor wie sie zum ersten Mal in Natura gesehen haben. Und wir hoffen, dass die Göttliche noch einmal für das Gegenteil dieser Vergänglichkeit steht. Wenn wir am Ende erfahren, dass Garbo für Estelle mehr als nur Idol war, dass sie ihr Schicksal war (immer in entscheidenden Lebensmomenten sah sie einen bestimmten Garbo-Film, scheinbar zufällig), dann IST Estelle eigentlich Garbo, imitiert sogar ihre Zeilen – und hat zu sich gefunden, so wie Gilbert zu sich.

Klingt sentimental und ist es auch, aber wunderschön und aufrichtig. Und nach der beschriebenen Szene kommt noch eine Coda, und die ist nun wirklich extrem lustig. Also genießen Sie diesen liebevollen und liebevoll im nostalgischen 4:3-Format gestalteten Film einfach. Und dann fahren Sie zu Olivia De Havilland. Oder machen etwas anderes Verrücktes.

Die DVD hat leider nur die englische Tonspur ohne Untertitel und Extras zu bieten, aber die Qualität ist völlig in Ordnung.


Family Business
Family Business
DVD ~ Sir Sean Connery
Wird angeboten von Celynox
Preis: EUR 8,21

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Familien-Bande, 25. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Family Business (DVD)
Schon die Eröffnungs-Kamerafahrt ist zum Niederknien: Zu stimmungsvollem (und nur minimal zu synthetischem) Swing fliegen wir elegant über die New Yorker Skyline, tauchen ohne Schnitt von den glasklaren Wolkenkratzern hinunter in die Straßenschluchten. Hier aber nur scheinbar der abrupte Wechsel schön/hässlich, denn New York ist bei Regisseur Sidney Lumet immer auch mehr: Historische Gebäude statt Glitzerwelt (ja, die gibt es dort) und das pulsierende Leben in der Bronx unter Zusammentreffen von völlig verschiedenen Menschen und Settings. Nein, dieses "Eintauchen" soll nicht den Finger auf den kriminellen Sündenpfuhl legen, sondern hat bei aller Gewöhnlichkeit und WEGEN der Gewöhnlichkeit (die kleinen Lädchen, die Graffiti, die geschäftig sich fortbewegenden Autos, die spielenden Kinder und Jugendlichen) auch wieder etwas Herzerwärmendes. So wie eine ältere jüdische Familie, die es sich hinter ihrer Wohnungstür (davor: Schmutz, wuselnde Kinder und Jugendliche, Graffiti, ein "ausgeweidetes" Auto) in der Bronx eigentlich recht passabel eingerichtet hat. Schwiegersohn Vito McMullen (Dustin Hoffman) kommt mit Gattin und Sohn Adam (Matthew Broderick) zum Passah-Fest – schon diese Szene und die wenigen Minuten danach zeigen, worum es gehen wird. Erstens: Familienbande, klar. Zweitens: Lumets Liebe zu den Menschen, die sich ihre kleine Welt hinter den Türen von New York (außen und innen sehen hier wirklich völlig unterschiedlich aus) passabel eingerichtet haben. Auch wenn sich diese kleine Welt bei Vito als Fassade erweisen wird, mit der er nicht glücklich ist: Zufrieden sein mit dem, was man hat und vor allem: zu dem stehen, was man mag. Drittens: Der familiäre Zusammenhalt umfasst diverse Religionen und Herkünfte, auch wenn das nicht immer einfach ist (Schwiegereltern Juden von ich weiß nicht wo, Vito als damals zunächst abgelehnter "Goi" Sohn eines schottisch-irischen Vaters und einer Sizilianerin, also alles mutmaßlich Katholiken). Viertens: Vito wird die tragische Figur werden, der Mann, der nicht so ganz in den McMullen-Clan hineinpassen wird, so wie er schon beim Passah-Fest betont, dass er als Goi vor Jahrzehnten zurückgewiesen worden war. Er leidet darunter, ist auch mit sich selbst nicht im Reinen. Überdeutlich – das wird noch mehrere Male Dialog thematisiert werden – möchte McMullen der "Mittelschicht" angehören (die bedächtig-gehemmte Art, der Anzug) und möchte er, dass der hochbegabte Adam "es einmal besser hat" – den Auszug der Schwiegereltern aus dem angeblichen Verbrecherort wünschen sowieso alle.

Dabei sind die McMullens selbst Diebe!

Großvater Jesse, Vitos Vater (Sean Connery) steht noch immer zu seinem Leben, mit dem er auch im fortgesetzten Alter keinesfalls aufzuhören gedenkt. Vito hatte sich davon verabschiedet, ist aber als Fleischhändler zwar zu Mittelschichtswohlstand, aber nicht zu innerer Glückseligkeit gekommen. Adam hat sein Studium geschmissen, sechs Monate vor dem Magister, nicht obwohl, sondern WEIL sein Stipendiumsgeber so begeistert von Adams Talenten war, dass er schon die ganze Karriere Adams bis zu Rente durchgeplant hatte. Und weil ihn das nervt, und weil das genau das ist, was Vito wollte, idolisiert Adam seinen Großvater, von dessen Lebenswandel Vito ihn immer fernhalten wollte. Soviel zu den Versuchen eines "Du sollst es einmal besser haben als ich". Nun ist es sogar Adam selbst, der "ein Ding ausgeheckt" hat, Jesse ist begeistert, Vito macht irgendwann auch mit – angeblich, um Adam zu schützen, aber im Grunde ist auch er eher ein McMullen als ein Fleischhändler... So ist das halt, wenn man aus seiner Haut heraus will und den Sohnemann gleich noch mitnehmen will. Die Familienbande siegen, die Familien-Bande geht auf Raubzug. "Liebe ist eine starke Waffe", heißt es zwischen Vito und Adam schon zu Beginn des Filmes. Und das ist wahr und anrührend. Dass Vito letztlich doch ein Familienmensch und ein Gauner ist, erfahren wir, als er einen seiner Arbeiter zusammenschlägt, der seine, Vitos, Familie verbal bedroht hatte. In dem eher leicht daherkommenden Film eine kurze, ungewöhnlich harte Szene, die aber viel über Family Values einerseits und über Vitos Zwist zwischen Mittelschichtsfassade und wahrem Ich andererseits aussagt.

Die starke Waffe der Liebe wird natürlich einer Bewährungsprobe unterzogen, bei der die Familienbande fast zerbricht/zerbrechen und auch das Ende – natürlich mit Vito als tragischer Figur – nicht so ganz happy ist. Immerhin wiederholt der Film eine Szene, die es vorher schon einmal gab und bei der nach einem wunderschönen Schwenk (bzw. einer Kranfahrt) über eine große Gruppe am Ende Vito abseits zu sehen war. In der Wiederholung der Szene ist er es nicht mehr, auch wenn er in der Gruppe eher verhalten das gemeinsam gesungene Lied anstimmt. "Family Business" kommt als Ganovenkomödie daher, ist aber eigentlich eher ein Familiendrama von großer Zärtlichkeit und gelegentlich Traurigkeit. Warum nur ist er bei vielen eher unbeliebt? Ich finde ihn göttlich, grad wenn man sich auf die zunächst unerwartete Tonlage einlässt. Es hat so viel Liebe zum Detail, zu Farben (interessanterweise wechseln sich oft Szenen mit warmen Gelb-Brauntönen und kalten Blautönen ab, sodass man immer die drohende Unbeständigkeit des familiären Netzwerkes spürt), zu New Yorker Bars (ein Mal sagt der Dialog recht deutlich an einem solchen Ort, dass Vito wohl vergessen habe, wo er herkommt) – und damit nicht nur Liebe zur Familie, sondern zu vielen Figuren, die man als "ganz normale Leute" bezeichnen könnte. Bei Lumet bekommt der Alltags-New-Yorker Stimme, Gesicht und Seele.

Aber es gibt auch brillante Miniaturen aus dem Bereich der Satire, die indes lediglich Lumets warmherziges Familienporträt wunderbar unterstützen. Die Räuber, allen voran Jesse, das sind noch die Ehrlichsten, und gar nicht gut weg kommen legale Räuber wie die Freundin von Adam, eine Immobilienmaklerin, die über einen Trick das Sterben von Menschen ausnutzt, um sich günstig deren Wohnungen unter den Nagel zu reißen. Oder eine Anwältin, die schick einen auf Power-Karrierefrau macht, aber allzu kaltherzig-berechnend wirkt und vor allem selbst für US-Verhältnisse extrem offenherzig das Gespräch mit ihren horrenden Honorarsätzen beginnt (um später im Grunde überhaupt nichts zu leisten). Oder ein an Zynismus kaum zu überbietender Richter, der den Verrat honorieren und die Standhaftigkeit auf zynische, weil verlogene (also es nicht zugebende) Weise bestrafen wird. Das sind alles nur Randfiguren, aber jede sitzt. Lumet schlägt mit solchen Skizzen eine Brücke zu seinem Hauptwerk im Bereich der Justiz- und Polizeifilme. Dort hat er oft ein Schlaglicht auf Corpsgeist, Korruption oder allgemein Fehlbarkeit geworfen. Hier ist der Richter zynisch und selbstherrlich in seiner tiefen Ungerechtigkeit, die Anwältin selbstverliebt, ebenso zynisch und geldgierig, die Immobilienmaklerin ein Parasit (sie guckt, als ob sie nicht wüsste, was dieses Wort bedeutet – herrlich!), ein Wissenschaftler der wahre Kriminelle (für diesen sollte unser Trio eigentlich wertvolles Material zur Genforschung klauen, aber er hatte einen anderen Plan…). Nur die Räuber, die dazu stehen und auch dafür ein Risiko eingehen, das sind bei Lumet die Ehrlichen. Letzteres hat natürlich ein bisschen was Verklärendes, aber darin, dass die wahren Schurken unter dem Deckmäntelchen der Legalität arbeiten können, ist oft schon etwas dran, und dies ist auch das Hauptthema vieler von Lumets besten Werken.

Als Darsteller können vor allem Sean Connery und Dustin Hoffman brillieren, wobei natürlich die Maske Connery etwas älter macht, um zu kaschieren, dass Vater- und Sohndarsteller nur sieben Jahre Altersunterschied haben. Connery: Offensiv, verschmitzt, aber auch hart und direkt, wenn es mal sein muss, so wie eben sein Jesse McMullen. Hoffman im wunderbaren Kontrast, nicht nur physiognomisch (wann ist ein Vater einmal eine ganze Ecke größer als der Sohn? Der Dialog und der Vorname betonen, dass Vito mehr von der sizilianischen Mutter als vom schottisch-irischen Vater mitbekommen hat). Sondern auch, was das Spiel betrifft. Abwartend, zögerlich, unerlöst, nicht mit sich im Reinen seiend, aber auch zu spontanen, unerwarteten Ausbrüchen fähig. Wenn er dem erwachsenen Sohn in der Öffentlichkeit eine Ohrfeige verpasst (und die Kamera das in genau diesem Moment akzentuiert, indem sie durch einen Schnitt die Distanz verkleinert, was aber durch die Gleichzeitigkeit mit der Aktion nahezu unmerklich geschieht). Wenn er den erwähnten Arbeiter zusammenschlägt. Wenn er lange einfach nur in die Gegend guckt und man merkt, dass sich immense Grübeleien in seinem Hirn vollziehen, über die Frage, ob er das richtige Leben gewählt hat. Oder über die Frage, ob er bei dem Bruch vielleicht doch mitmachen sollte. Da beginnt er auf einmal fast unmerklich zu grinsen. Herrlich, wie Hoffman spielt, dass Vito seine unterdrückte Leidenschaft kaum verbergen kann und Blut leckt.

Am Ende erfahren wir übrigens, was es mit dem Schlussbild der genialen Kamerafahrt von der Anfangsszene auf sich hatte, ein Kreis schließt sich, die Familie ist wieder zusammen, und doch ist alles etwas anders, als wir uns das am Anfang ausgemalt hatten. Sehr unterschätzt, sehr schön und gar nicht mal platt!

Die DVD hat leider wieder einmal keine Extras, lässt aber ansonsten keine Wünsche offen.


Hundstage [Special Edition] [2 DVDs]
Hundstage [Special Edition] [2 DVDs]
DVD ~ Al Pacino
Wird angeboten von rezone
Preis: EUR 24,99

5.0 von 5 Sternen True Crime oder Drama? Beides!, 22. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Hundstage [Special Edition] [2 DVDs] (DVD)
Brooklyn 1972: Drei Männer wollen eine Bank überfallen, einen verlässt die Courage schon zu Beginn und er steigt aus, den anderen beiden wird auch einiges misslingen. Aus einem "kleinen Spaziergang" wird ein für alle zermürbendes Geiseldrama im Belagerungszustand, wobei ein irrer Massen- und Medienhype das Ganze noch zusätzlich verkompliziert. Dabei wollte der Anführer, der trotz Frau und Kindern in zweiter Ehe zeitglich mit einem Mann verheiratet ist, diesem nur aus der Beute die Geschlechtsumwandlung finanzieren…

Klingt schräg? Ist aber genau so passiert! Regisseur Sidney Lumet hat sich sehr genau überlegt, wie man das umsetzt, und er mischt wunderbar Elemente des Dokumentarischen mit solchen des klassischen erzählenden und eben "dramatisierenden" Dramas. Letzteres triumphiert, Ersteres schleicht sich eher unaufdringlich-unterschwellig ein, auch wenn uns Schriftzüge daran erinnern, dass dies eine wahre Geschichte ist: Lange Zeit Alltagsbilder von Brooklyn in der brütenden Hitze eines "dog day afternoon", dazu ein Song von Elton John, der am Ende als diegetisch (also in der Handlung vorkommend) erklärt wird, danach bewusster Verzicht auf Musik während des ganzen Filmes. Nervöse, hektische Handkamera, die aber (dies sei allen Dogma-95-Jüngern mal ganz deutlich gesagt) nicht das Gegenteil von Wahrheit erreicht, indem sie in JEDER Szene wackelt wie kein Auge. Sondern ihr offensichtlicher Einsatz nur bei nervösen, hektischen, schnellen Bewegungen, was die fiebrige Unsicherheit optimal erfassen und fühlen lässt. Herrlich unprofessionelle Details (allein wie das Auspacken der Waffe aus einer Geschenkbox reichlich ungeschickt vonstatten geht…). Ein authentisches Setting (man baute die Bank in einem leeren Lagerhaus in Brooklyn nach und konnte bei den Außenaufnahmen die reale Umgebung zeigen). Verzicht auf künstliches Licht (aber eben doch die realistische neonhelle Ausleuchtung, die einen recht farbsatten Film ermöglicht, wozu aber teils auch die bewusst ausgesuchten knallbunten Klamotten der 1970er Jahre beitragen). Eine so schräge Geschichte, dass man sie sich kaum ausgedacht haben kann. Menschen, die weit weg von der gelackten, professionellen Präsenz der komplettgestrafften Hollywoodschönheiten sind (sogar – und das ist in den USA normal, aber im US-Film ungewöhnlich - eine Ehefrau des Haupttäters mit beträchtlicher Leibesfülle). Lumet hat in seinem Buch "Filme machen" sowie im Audiokommentar dokumentiert, dass das alles sehr bewusste Entscheidungen waren, die er nicht immer so gefällt hat. Er passt sich seinem Thema an.

Gleichwohl: Das ist kein Reality-Kino, jedenfalls nicht in dem Sinn, dass man in allen Details so authentisch wie möglich sein wollte. Man kann Lumet gar nicht hoch genug anrechnen, dass er sich voll und ganz dazu bekennt (hierzu der Audiokommentar). Ich behaupte nach wie vor: Wer was anderes behauptet, lügt; es fragt sich nur, ob gegenüber dem Publikum oder gegenüber sich selbst: In "Schindlers Liste" sei jede Szene wahr, aber die gesamte Gestaltung weist den Film ganz klar als DRAMATISCHES Kunstwerk statt als Doku aus (was nicht heißt, dass er nicht großartig wäre). In "Stammheim" sei jede Szene wahr, aber ihre Auswahl, Anordnung und vor allem das Spiel von Ulrich Tukur gehen ganz klar in Richtung Terroristenverklärung statt objektiver Blick. Und über so etwas Unterirdisches wie Reality TV wollen wir hier gar nicht reden. Lumet weiß also, was er tut, und er tut es wunderbar. Er castet Al Pacino in der Hauptrolle, der mit junger, fiebriger, nervöser Energie beinahe zum Volkshelden wird (z.B. wenn er mit dem Schlachtruf "Attica" an eine Gefängnisrevolte erinnert), dessen tragisches Gescheitertsein aber immer wieder durchschimmert. Dass er bisher das war, was man einen Loser nennt, kann man sich aus seinem Spiel und aus vielen winzigen Miniaturen zusammenreimen, kleinen Fetzen, die aus seinem Vorleben berichtet werden, Nebenfiguren der nun wirklich nicht geschönten Ehefrau und der ebensolchen Eltern. Hier doziert niemand, hier gibt es nicht den im Psychothriller verbreiteten langen erklärenden Monolog am Ende ("Psycho" und Diverses von Dario Argento und Brian De Palma), hier müssen wir selbst sehen, hören, fühlen und uns unser Bild zusammenpuzzeln. Lumet castet John Cazale in der zweiten Hauptrolle als Partner des Räubers; Cazale war 40, die reale Figur 18 – aber der Mann überzeugte eben durch sein Spiel. Angesichts von nur 5 Filmen, diese aber zumeist epochale Werke (z.B. auch "Der Pate II"), ist Cazale zu einer Kultfigur der 1970er geworden; man kann es verstehen. Wie er gegenüber dem ständig redenden, oft schreienden, wild herumfuchtelnden Pacino mit somnambuler angespannter Traurigkeit meist nur da ist, ein Enigma, hat Klasse und ist wunderbar komplementär zu Pacino. Umso berührender, wenn er dann seine wenigen großen Szenen bekommt und wir den Menschen dahinter erblicken, der z.B. viel bei den Überfall riskiert, aber partout nicht rauchen will, auch nicht passiv. "Ich hab' Angst vor Krebs." Da sind alle schon bei erbärmlicher Hitze stundenlang in der Bank (wunderbar gezeigt anhand des Schweißes in harter, kontrastreicher Fotografie und überhaupt der zunehmenden äußeren und inneren Erschöpfung der Figuren), und die Chefkassiererin, die noch nie geraucht hat, möchte auf einmal eine Zigarette. Man kann das gut verstehen, nach dem Motto "jetzt ist es auch egal und es gibt Wichtigeres als das Krebsrisiko durch nur einen Glimmstängel" – aber hier wird der Räuber auf einmal zum Biedermann. Es ist schnurzegal, ob sich dies wirklich so zugetragen hat. Es berührt, dass dieser so unendlich traurige Mann auf einmal eine Seele hat, dass er in der Ausnahmesituation auf einmal so tickt, wie man es eher außerhalb einer solchen Situation erwarten würde.

Und die Alltagssorgen ereilen nicht nur die Cazale-Figur im Moment größter Belastung. Auch der Pacino-Charakter kann ihnen nicht entkommen, wenn er nämlich mit seinem Mann spricht und erfahren muss, dass seine Liebe kaum erwidert wird, der ganze Raub also im Grunde schon vor der Begehung gescheitert war. Hier hat der Film bei aller nervösen Hektik und bei allem lauten Gerede und Gerufe etwas Intimes, Zärtliches, Trauriges, und natürlich ist auch dies wieder mit dramatischen statt authentischen Mitteln erreicht: mit Schauspielkunst, insbesondere der großen Wandlungsfähigkeit Pacinos. Ob der echte Räuber so zärtlich-wehmütig wie Pacino noch in der Bank sein Testament diktiert hat, weil er damit rechnet, nicht lebend herauszukommen? Auch dies weiß ich nicht. Auch dies will ich nicht wissen. Ich will, dass mich Kino berührt, und das tut es, und das wollte ganz offensichtlich auch Lumet.

Fazit: Grandioser, einzigartiger Film, zu Recht ein Klassiker, der auf einer würdigen Doppel-DVD mit Audiokommentar des Regisseurs und jeder Menge weiterem Bonusmaterial erschienen ist. Einziges Manko ist das Knarzen der deutschen Tonspur.


Equus - Blinde Pferde
Equus - Blinde Pferde
DVD ~ Richard Burton
Wird angeboten von Movie-Star
Preis: EUR 10,68

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erschreckendes Kino des Sehens und Gesehenwerdens…, 21. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Equus - Blinde Pferde (DVD)
…und was man dagegen tun kann. Auch wenn dies von anscheinend sinnlos-abscheulicher Grausamkeit ist. Der junge Stallbursche Alan (Peter Firth) hat sechs Pferden mit einer Sichel die Augen ausgestochen, obwohl er Pferde zu lieben scheint oder schien. Psychologe Martin Dysart soll das Unbegreifliche klären und kommt zu einem Fall, der auch zu seinem eigenen Schicksal wird. Der "verrückt" scheinende Alan wird vom nervös wirkenden Peter Firth genauso hibbelig-unsicher gespielt wie der Psychologe von Richard Burton zerfurcht-grüblerisch. Die beiden sind in komplementärer Weise einander Schicksal in Sidney Lumets Adaption des Theaterstücks von Peter Shaffer. Es ist kaum möglich, all die klugen, hinter- und tiefsinnigen Dialoge ansatzweise angemessen auf vertretbarem Raum zu würdigen. Es ist aber etwas anderes möglich (ob es mir gelingt, müssen die Leser dieser Rezension beurteilen): ansatzweise zu beschreiben, worum es in groben Zügen geht und zu klären, ob die genuin filmische Umsetzung gelungen ist. In Alans Geschichte und seinem Verhältnis zu Pferden kommt ein bunter Motivstrauß vor. Eine religiös indoktrinierende Mutter, ein Schlüsselerlebnis beim ersten Ritt als Sechsjähriger und die Reaktion des biederen Vaters, das Gleichsetzen der in Zügel gelegten Pferde mit dem gekreuzigten Jesus, Leidenschaft (ja, mit "Leiden"! "Passion" weist wiederum auf die auch religiöse Bedeutung hin), sexuelle Ersatzbefriedigung, Pornographie, Gewalt (Pferdekopf als Messergriff!), Scham, Selbstgeißelung, Vergottung des Tieres – mit Ehrfurcht vor Gott, vor allem Furcht statt Ehr'. "Equus", der Gott, sieht alles. Und was er nicht sehen soll – das müssen Sie schon selbst sehen. Es sei nur gesagt, dass es natürlich auch um die Initiationsgeschichte dieses Teenagers geht.

Und der trifft ausgerechnet auf einen überarbeiteten englischen Provinzpsychologen, der ob seines eigenen Lebens nicht anders kann, als diesen Jungen gleichzeitig für seine Tat zu verabscheuen und für seine Leidenschaft (ja, wieder im doppelten Sinne) zu bewundern. Denn Leidenschaft ist Dysart schon lange abhanden gekommen im drögen Ehealltag, in dem er nicht nur seit Jahren nicht mehr mit seiner Frau schläft, sondern sie nicht einmal mehr küsst, aber auch nicht die Traute hat, mit der sympathischen Kollegin etwas anzufangen. Ja, so absonderlich es klingt, durch die Begegnung mit Alan spürt er erstmals wieder das Leben in sich. Aber weil dies nur um den Preis des Abgründigen zu haben ist, welches Alans Tat und die schließlich aufgedeckten Beweggründe offenbaren, werden diese auch zu Dysarts eigenen Abgründen werden und ihn nie mehr loslassen.

Von daher eine hochkomplexe, eigenwillige, düstere Geschichte, aber das macht noch keinen guten Film, es könnte ja auch alles Shaffer statt Lumet zuzuschreiben sein. Ist es aber nicht, und damit komme ich zu Punkt 2, der Umsetzung. Lumet gelingt Großes. Er ist ja eher für seine Polizei- und Justizdramen als für seine kaum minder zahlreichen Theateradaptionen bekannt (sieht man einmal von "Die zwölf Geschworenen" ab, der unter beide Kategorien fällt). Aber er hat es immer geschafft, genuin filmisch, also visuell, zu arbeiten, ohne die Vorlage zu verleugnen. So auch hier. Burton, wenn er in seine eigenen Abgründe blickt, oft in Großaufnahme mit kontrastreichen Schatten, die die Hälfte des Gesichts verdecken, wobei eine harte, gnadenlos scharfe Fotografie bei der anderen Hälfte unbarmherzig die berühmten Burton'schen Pockennarben offenbart, ja bloßlegt. Langweiliges häusliches Leben bei den Dysarts, wobei gedeckte Farben vorherrschen und sich schon mal Einrichtungsgegenstände von ausgesuchter Spießigkeit übergroß in den Bildvordergrund drängen (durch Brennweiten, die den bekannten "Fischaugeneffekt" herbeiführen). Teils wunderschöne Aufnahmen des englischen Landlebens mit gedeckten Tönen und leise rieselndem Schnee statt blendender Sonne, wie man das von kalifornischen Settings im Kino kennt. Zärtliche Fotografie, sehr weich (ohne dass einem der Weichzeichnungseffekt sogleich ins Auge springt), wenn Alan möglicherweise auch einmal die Chance hat, Romantik (und mehr) mit einem menschlichen statt tierischen Wesen zu erfahren. Und erst die Erzählstruktur und -haltung! Durchaus sehr dialogbetont, aber mit natürlichen Settings, sodass es sich bewusst vom abgefilmten Theater abhebt und es gar nicht wenige Ortswechsel gibt. Daneben eine Rückblendenstruktur, bei der zwar die Klammer – Dysart spricht rückschauend in die Kamera – geradezu provozierend theaterhaft erscheint, aber uns ein hübsches Rätsel aufgibt, wen der Mann da eigentlich anspricht und wie es zu seiner mitunter etwas wirren Anfangsrede gekommen ist. Dies zu ergründen, lässt uns 132 Minuten bei doch recht harter Kost nicht los. Manchmal Verfremdungseffekte, die uns radikal die Perspektive Alans einnehmen lassen. Beispielsweise wird seine Erzählung, wie er mit sechs Jahren erstmal das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde erlebt hat, durch eine Rückblende illustriert. Überraschung: Auch hier spielt Peter Firth statt eines Kinderdarstellers den Alan. Wir versetzen uns darin hinein, wie Alan das Erlebnis JETZT empfindet, wo er es Dysart berichtet. Wir bleiben neugierig bis zur letzten Minute, wozu neben vielem Genannten auch beiträgt, dass Lumet uns zu Beginn die schreckliche Tat nicht zeigt, sodass wir nicht nur nach ihren Gründen rätseln können, sondern auch, ob sie noch in Bildern folgen wird. Und ob solche Bilder dies alles begreifbarer oder unbegreifbarer machen.

Spannung von der ersten bis zur letzten Minute, und ein Thriller ist dies nun wahrlich nicht. Kongeniale Umsetzung eines hochanspruchsvollen, aber gleichzeitig packenden Theaterstücks mit den ureigenen Mitteln eines Filmemachers. Ist nicht schließlich die Angstlust des Schauens und die Angst vor dem Beobachtetwerden ein Merkmal des Kinos selbst? So mancher großer Film, oft aus dem Psychothrillerbereich, berührt wohl kaum zufällig dieses Thema, z.B. "Augen der Angst". Hier geht es um Augen! Also ist das was für's Kino, ganz klar.

Die DVD hat eine gute Bild- und Tonqualität, aber leider keine Extras.


Tödliche Fragen
Tödliche Fragen
DVD ~ Nick Nolte
Preis: EUR 15,02

5.0 von 5 Sternen Was aus einem simplen Internal-Affairs-Fall alles wird (ansatzweise Spoiler), 20. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Tödliche Fragen (DVD)
Fast ein bisschen zu aufdringlich scheinen die Inszenierung und das Spiel von Nick Nolte alias Captain Michael Brennan. Er wartet vor einem Latino-Club in New York, ein Mann kommt heraus, Brennan erschießt ihn sofort, überredet die Zeugen, dass das Opfer eine Waffe gezückt hatte und hält seine Polizeimarke in die Kamera. Wampe, Walrossschnurrbart, ungepflegte Haare, schlecht sitzende Anzüge ' eine ziemliche Masse von Ekelpaket. Aber beliebt bei der Truppe. Kurze Zeit später kann er im Kreise johlender loyaler Kollegen erzählen, wie ein Verdächtiger das Fingerabdruck-Stempelkissen an die Wand geworfen hat, Brennan ihn dann so eingeschüchtert hat, dass der Mann "groß" in die Hose machte ' und dann brüstet er sich damit, dass er die Fingerabdrücke mit des Mannes Sch**** abgenommen hätte.

Bei dieser Szene trifft erstmals der junge Staatsanwalt Reilly auf Brennan. Und angesichts dieser im wahrsten Sinne des Wortes beschi**enen Demütigung, mit der Brennan prahlt, ist etwas verwunderlich, warum Reilly nicht sofort merkt, was für ein Schwein das ist. Ginge es einfach nur darum, dass ein schwarzes Schaf in der eigenen Truppe gejagt wird, wäre das ein echter Kritikpunkt des Filmes. Aber es geht um viel mehr. Erstens: Das ist nicht nur die Demontage Brennans, sondern auch ein Initiationsritus Reillys, der vorher viel Erfahrung als Cop gesammelt hat, auf seinen in Pflichterfüllung verstorbenen Polizistenvater stolz ist (welcher demontiert werden wird) und nun mit der staatsanwaltschaftlichen Unabhängigkeit erst einmal zurechtkommen muss. Und das ist ein Film, dessen Geschichte immer komplizierter wird. Der später wachere Reilly stößt in ein Wespennest, in dem Brennan letztlich nur ein kleiner Fisch ist. Der mit 132 Minuten für dieses Genre recht lange Film wird viele Nebenhandlungen und -figuren einfügen, alles hängt mit allem zusammen, der Fisch stinkt vom Kopfe her.

Regisseur Sidney Lumet zeigt mit 66 Jahren gute alte Schule: Hart, schnörkellos, hellsichtig, komplex, anklagend, zynisch, pessimistisch, gnadenlos. Was wie ein simpler gut-gegen-böse-Kampf beginnt, wird zu einem Spinnennetz, in dem klar ist, welche Chance die Fliegen haben: nahezu keine. Dadurch entwickelt der Film, der wie gesagt ein bisschen überzeichnet beginnt, die Wucht einer Tragödie, die wirklich betroffen und ratlos macht, und man kann sich tatsächlich vorstellen, dass Lumet und der Romanvorlagenautor nicht übertreiben. Edwin Torres ist dies; er ist puertoricanischer Abstammung und Oberster Richter am Kammergericht des Staates New York, er kennt seine Pappenheimer (was man auch an der Lektüre von "Carlito's Way" und "After Hours" merkt). Lumet, der oft die Fehlbarkeit von Polizei und Justiz untersucht hat, muss begeistert von dem Stoff gewesen sein. Und er kann mal wieder seine Liebe zu New York voll und ganz ausbreiten. Wir haben noch nie so viele verschiedene Ethnien und/oder Gruppen in einem Film gesehen, in dem es auf die Gruppenzugehörigkeit immer auch ankommt. Da gibt es (oft irischstämmige) Polizisten, Staatsanwälte, den puertoricanischen Drogenboss "Bobby Tex", die italoamerikanische Mafia, die "Puerto"-Gangs, Schwarze, Weiße, Hispanics, Schwule und/oder Transvestiten und zwei Juden, bei denen betont wird, dass sie dies sind. Mehr Schmelztiegel geht nicht. Mehr Antirassismus auch nicht, und der kommt glücklicherweise eher beiläufig. Irgendwann lässt Brennan die Maske vollends fallen und besteht darauf, dass es doch einen geben müsse, der die Grenze zwischen (es folgt eine Aufzählung aller nicht WASP-Gruppen) und "den anständigen Leuten" geben müsse. Neben dem offenen kommt der latente Rassismus vor, den schon ein Wimpernschlag offenbaren kann ' Reilly hatte für eine Sekunde gestutzt, als er den schwarzen Vater seiner Latina-Freundin Nancy gesehen hatte, darob wurde sie seine Ex.

Und weil Reilly die immer noch, nach sechs Jahren, zurückhaben will, sie aber nun mit Bobby verheiratet ist, wird auch er seinen wunden Punkt haben. Er fühlt sich Bobby verpflichtet, der zwar trotz seines "Berufs" noch einer der Sympathischeren ist, aber mit Reilly einen Kuhhandel durchdrücken kann, der diesem letztlich nur einen Pyrrhussieg in Aussicht stellt. So schildert Lumet zwar die Krankheit "des Systems", aber die Menschen in diesem System sind ihm wichtig und allesamt mehr oder minder fehlbar. Für Reilly wird dies zu einer Prüfung. Mehr als ein offenes Ende wäre kitschig und würde nicht zum Rest passen. Aber vage Hoffnung wird es geben, im wunderschön angedeuteten Schlussbild. Lumet und Kameramann Andrzej Bartkowiak geben in der letzten Szene alles bei der Farbverstärkung des malerischen Strandsettings, im radikalen Unterschied zur Gestaltung des übrigen Filmes. Die Szene wird dadurch genauso schön wie falsch und irreal, was die nur vagen Hoffnungen perfekt widerspiegelt. Doch es geht um viel mehr als um Reilly. Weil alle Menschen zwar kleine Rädchen sind, aber wichtig genommen werden, gibt es neben der Initiation Reillys noch diejenige eines anderen Polizisten, der nur eine kleine Rolle hat und in Jahrzehnten noch nie die Waffe gezückt hat, bis ...' selbst sehen!

Ob Sidney Lumet gut beraten war, die Rolle der Nancy mit seiner Tochter Jenny zu besetzen, ist eine offene Frage; sie ist nicht schlecht, aber konnte mich auch nicht besonders berühren. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die traurig-romantischen Szenen mit ihr und Reilly ein wenig unter der Tatsache leiden, dass immer allzu punktgenau im "Achtung! Sentimental!"-Moment elegische Musik einsetzt, dass es nach Daily-Soap-Kitsch schmeckt. Hinreißend ist hingegen Armand Assante als Bobby Tex mit seiner manierierten und dabei nicht unsympathischen Art. Obwohl ein Bart viel vom Gesicht verdeckt, sieht man in ihm ein sehr bewusstes Spiel, mit Stirnrunzeln, verhalten-betontem Akzentuieren und Fingergestik sehr an Robert De Niros beste Rollen erinnernd. Zu diesem Eindruck mag ein bisschen beitragen, dass für Stimme und typische Sprechweise im Deutschen derselbe Synchronsprecher verantwortlich ist.

Trotz kleiner Einwände locker fünf Sternleinchen, auch wenn die DVD auch angesichts guter Bild- und Tonqualität Extras vermissen lässt. Von einer unterirdischen/asynchronen Tonspur habe ich, anders als ein Mitrezensent, nichts bemerkt; ich habe die DVD und nicht die BluRay gesehen, aber vermutlich ist die Ein-Sterne-Rezi zur BluRay einfach automatisch mit der DVD verlinkt worden.


Lovin' Molly - Aus Liebe zu Molly
Lovin' Molly - Aus Liebe zu Molly
DVD ~ Anthony Perkins
Wird angeboten von TKR-Medienvertrieb
Preis: EUR 4,85

4.0 von 5 Sternen Ein sehr schöner Film…, 19. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Lovin' Molly - Aus Liebe zu Molly (DVD)
…dem aber das gewisse Etwas fehlt. Worin besteht dieses? Nicht unbedingt darin, zu verstehen, was die Protagonisten umtreibt in diesem Neo-Western-Melodram. Sondern sie dafür auch zu lieben. Nun gibt es zwar Filme (oder allgemein erzählende Kunstwerke), in denen man nun wirklich keine Identifikationsfigur braucht und die gerade besonders gut darin sind, keine zu haben. Hier ist das aber etwas anders. Denn "Lovin' Molly" möchte so gern das ultimative Melodram sein. Man erfährt bei Wiki & Co recht wenig über diesen Film, und er ist untypisch für den Regisseur, Sidney Lumet, der sich im schmutzigen Schmelztiegel New York oft pudelwohl fühlt, und/oder in Justiz-/Polizeidramen, oder in Theateradaptionen. Auch wenn er nie darauf reduziert werden darf und alles mal ausprobiert hat: Hier wirkt er wie ein sehr talentierter Handwerker. Ob ihm der Film eine Herzens- oder eine Auftragsangelegenheit war, weiß ich nicht. Er macht jedenfalls das Beste draus.

Texas, 1925, ein Cowboy- und Farmerleben: Gid (Anthony Perkins) und Johnny (Beau Bridges) sind Freunde und bleiben es, obwohl – oder vielleicht gerade WEIL – sie beide hinter der schönen Molly (Blythe Danner) her sind und sich auf kameradschaftliche Art permanent auszustechen versuchen. Und Molly lässt beide ran, heiratet den arroganten Stoffel Eddie, lässt sich aber hiernach erst von Gid und dann von Johnny schwängern. Nun ja. "Warum hast Du Eddie geheiratet?" "Weil er mich am meisten brauchte." Man möchte so gerne an das Hohelied der Unabhängigkeit der Molly glauben, aber letztlich kommt das als etwas verlogener Hedonismus rüber. Es wird auffällig viel geküsst, geknutscht und ge….. in diesem Film, immer durcheinander, auch als Gid die Vernunftehe mit Sarah (kleine Rolle für die junge Susan Sarandon) eingegangen ist. Und die beiden Männer wissen sehr genau voneinander; es ist eine "Ménage à trois", bei der Johnny aber immer weiß, dass Molly Gid noch ein bisschen lieber hat.

Man kann diesen Film allein für seine Ästhetik lieben, für die wunderschönen Landschaftsaufnahmen und das satteste Grün seit Menschengedenken, für die niemals kitschige, von harter Arbeit gezeichnete, also ehrliche, aber gleichsam schöne Schilderung des Landlebens. Achten Sie einmal darauf, dass in den vielen schönen Totalen der Himmel eher verhangen statt strahlend blau ist. Und darauf, dass der Soundtrack eher aus intimer Folklore statt aus Orchestersauce besteht. Man spürt, dass dies neben einem Melodram auch ein Heimatfilm ist. Ab und an sprechen die Hauptfiguren aus dem Off, und Gid meint sinngemäß, dies sei seine Heimat, sie sei nicht perfekt, aber eine andere habe er nicht und es ziehe ihn immer wieder zu ihr zurück. So geht das nahezu allen.

Und Molly, die wird dieser Heimat gleichgesetzt; es zieht die beiden Männer immer wieder zu ihr. Sie ist genauso schön fotografiert wie die Landschaft, vor allem: dieses Haar, wie sie es kämmt, wie es im Winde weht, wie sie oder einer der Männer es zärtlich streichelt, da wussten die Verantwortlichen schon, wie man sowas macht. Allein, ich kann sie nicht so sehr lieben wie die Kamera; ein paar Gründe sind oben bereits angedeutet. Und in der Episode, die sie aus dem Off begleitet, sagt sie sogar recht unverblümt, dass sie es genossen habe, einfach immer am selben Ort zu bleiben und zu warten, bis die rastlosen Männer wieder sehnsüchtig wurden und zurückkamen. Obwohl Molly Gid gegenüber am Ende noch eine edle, selbstlose Tat begehen wird, bleibt ein gewisses "Geschmäckle" beim Charakter dieser Figur.

Und sie ist doch Dreh- und Angelpunkt, Kraftzentrum, Magnet in der Mitte, die alle immer wieder anzieht. Immerhin, im Melodramatischen ist der Film radikal. Wie bei saftigen Schmachtfetzen à la "Sturmhöhen" (1939) oder sogar den altgriechischen Melodram wird die ganze Umwelt ausgeblendet, es gibt nur noch Dich und mich, grad Molly betont dies des Öfteren. Natürlich stimmt das nicht. Texas 1925 (und später 1945 und 1964) – mehrfacher Ehebruch und zwei Männer, die sich eine Frau teilen, die Frau selbst sowie einer der Männer anderweitig verheiratet, und jeder weiß, dass die beiden Kinder nicht vom Gatten sind? Da hieß es Spießrutenlaufen im Kaff und nicht nur dort; die beiden Söhne wurden selbstverständlich überall gemobbt und haben es als Erwachsene nicht vergessen und nicht verziehen. Sie werden eine radikale Lösung finden, da herauszukommen – eine, die allen nur Unglück bringt. Molly ist das zwar irgendwann auch nicht mehr schnurzpiepe, aber oftmals plädiert sie für das radikale Ausleben ihrer verengten Perspektive, z.B. wenn Gid meint, nach dem Gesetz und nach der Kirche sei das alles "nicht richtig". "Dann lass uns tun, was nicht richtig ist. Dafür kommen wir höchstens in die Hölle, und das ist besser, als ohne Dich zu sein."

Der Film eignet sich diese verengt-überhöht-melodramatische Perspektive an. Er ist in drei Episoden unterteilt (1925, 1945, 1964), die aus unterschiedlicher Perspektive erzählet werden (Gid, Molly, Johnny). Man meint nach der ersten, knapp einstündigen Episode, dieser Film könnte gut und gern um die zweieinhalb Stunden dauern, aber das tut er nicht; nach 94 Minuten ist er zu Ende. Dieses "nur Du und ich", dieses Ausblenden alles Anderen findet sich auf der narrativen Ebene wieder. Die Jahre werden übersprungen. Wir sehen die nun erwachsenen Söhne nicht, wir sehen Gids Frau Sarah nicht mehr, uns wird immer nur mitgeteilt, was Sache ist. Das ist manchmal eine etwas schroffe Off-Stimmen-Mitteilungsprosa, geht manchmal aber auch nahe (Schicksal der Söhne, das wir anhand von Briefen und Mollys Reaktion beim Lesen erfahren). Gleichwohl hätte ich über den einen oder anderen gern mehr erfahren, z.B. über Sarah. Sicherlich, in einem frühen Bildarrangement mit Molly und Gid ist sie schon ganz klar als "die Frau im Hintergrund" zu erkennen, aber hat sie nicht ebenfalls Würde und eine eigene Geschichte verdient? Sie, die genau wissen muss, dass ihre Liebe eine einseitige ist und was Gid sonst noch so treibt? Was ist mit Eddie, hat er geglaubt, die Söhne seien seine eigenen, hat er es gewusst und akzeptiert, weil er geschäftlich sowieso andauernd unterwegs war? Wir wissen es nicht. Es gibt nur unser Trio und die Heimat. Gid ist in die Stadt gezogen, weil "Sarah das Haus haben wollte", aber wir sehen es nicht. An Molly und der Heimat hängt, und dorthin drängt doch alles. Enge im weiten Land.

Das alles ist wirklich wunderschön und sehr bewusst gestaltet; es folgt einer strengen melodramatischen Logik, dafür gebe ich vier Sternleinchen. Allein – bei sowas muss man schwärmen und schmachten, auch wenn alles in höchstem Maße unlogisch und unrealistisch ist. Und dafür ist mir die Anziehungskraft Mollys nicht magisch genug. Ihr Getue lässt konservativ-moralische Einwände hochkommen. Und das will schon was heißen.

Die DVD kommt in guter Bild- und Tonqualität, aber ohne Extras daher.


Der Anderson Clan / The Anderson Tapes
Der Anderson Clan / The Anderson Tapes
DVD ~ Martin Balsam
Wird angeboten von dodax-online
Preis: EUR 4,63

5.0 von 5 Sternen Brandaktuell – bis auf das Ende (Spoiler), 15. Juli 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Anderson Clan / The Anderson Tapes (DVD)
Ein Thriller in der Tradition der "Heist Movies", bei denen die Planung und Ausführung eines Raubzuges im Vordergrund steht. Die eigenwillige Gruppendynamik. Die Zugeständnisse, die die Hauptfigur notgedrungen machen muss und die sie in Schwierigkeiten bringen werden. Das Katz-und-Maus-Spiel mit Polizei, "Kollegen", Konkurrenten. Das alles ist in "The Anderson Tapes" enthalten. Und viel mehr. Safeknacker und Knacki "Duke" Anderson (Sean Connery) kommt nach zehn Jahren raus und will gleich wieder ein Ding drehen, selbstredend das letzte. Seine Welt hat sich aber verändert, abgesehen davon, dass er als Brite in Ney York zusätzlich entwurzelt ist: Das Safeknacken gelingt ihm nicht mehr mit leichter Hand; er überlässt dies seinem Kumpel "Kid" (Erstauftritt Christopher Walken), der aber auch kaum besser ist. Und die Menschen schützen sich besser gegen Einbrüche und Überfälle; Audio- und Videoüberwachung ist allgegenwärtig – nicht nur zu diesem Zweck. Wer hier wen wie warum überwacht, ist ein kaum zu durchschauender Wahnsinn. Regisseur Sidney Lumet hat noch vor dem Watergate-Skandal die Überwachung zum Thema seines Filmes gemacht und dies mit dem klassischen Heist Movie verknüpft.

Kann das gutgehen?

Zunächst stößt es einen ein wenig vor den Kopf. Rührend altmodisch sehen diese ganzen Kameras und vor allem Röhrenmonitore und Tonbänder aus. Man fragt sich, ob Lumet da rückschauend nicht offene Türen einrennt. Und ob er des Kritischen nicht entschieden zuviel präsentiert. Irgendwann steigt man durch diese multiplen Überwachungsaktionen kaum noch durch, aber der Krimi geht unverdrossen weiter, scheinbar unbeeindruckt davon, nach Schema F, bisweilen sogar regelrecht klischeehaft (Figur eines homosexuellen Antiquitätenhändlers!).

Aber dann geht es doch noch gut, und wie!

Der Film gewinnt in der Schlussphase ungemein und fügt sich dadurch auch insgesamt zu einer nicht nur sinnvollen, sondern ätzenden, galligen, bisweilen misanthropischen Satire zusammen, bei der man mal lachen kann, aber einem das Lachen zumeist im Halse steckenbleibt. Genau betrachtet hat er kaum sympathische Menschen. Duke ist die verrohte Version von Connerys Bond; Connery sieht noch so ähnlich aus (ca. in derselben Zeit entstand "Diamantenfieber"), aber härter, ohne Toupet, mit einzelnen grauen Härchen. Viril wie Clark Gable, aber nicht so charmant. Eher schon ein Hedonist, auch wenn er noch Rest-Anstand hat und einmal einen besonders brutalen Gangster mühsam zurückhalten muss. Duke schwingt linke Reden und vergleicht sein Handeln mit Auswüchsen des Kapitalismus, aber er entlarvt das zugleich als Farce. Gegenüber der Jagd aller nach dem Mammon übt er keine Kritik, solange er nur das größte Stück vom Kuchen abzubekommen gedenkt. Ein bisschen sexuelle Erregung spielt auch noch eine Rolle; das Knacken eines Safes wird deutlich mit dem "Öffnen" von (…) gleichgesetzt. Interessanterweise ist Letzteres das Einzige, was Duke im Laufe des Filmes gelingen wird – er schafft es, dass seine ansonsten eiskalte Freundin Ingrid (Dyan Cannon) erstmals Lust empfindet. Doch dies hilft nicht: Sie hat sogleich Angst vor ihrer eigenen Verletzlichkeit, und er muss sich mit Tonbändern von diesem Liebesakt erpressen lassen.

Spätestens bei der Durchführung des Raubes merken wir an einer Vielzahl von auf einmal wichtigen Nebenfiguren, für wie verkommen dieser Film die meisten Menschen hält. Wie auch in seinem letzten Film, "Tödliche Entscheidung" (2007), erzählt Lumet nicht chronologisch, sodass wir relativ früh wissen: Die Räuber werden geschnappt werden. Zeitsprünge zwischen den späteren Aussagen der Opfer und dem Fortgang des Raubes geben sich die Klinke in die Hand und werfen durch ihre ständige Gegenüberstellung ein zusätzliches Schlaglicht auf menschliche Niedertrachten (bspw. Suggestivfragen der Polizei und unaufrichtigen Schilderungen der Opfer von einem Geschehen, das wir sogleich im Zeitsprung zurück ganz anders sehen). Dazu muss man wissen, dass Anderson und seine Bande ein ganzes Nobel-Apartment ausrauben, was entsprechend viele Bewohner und ihr Verhalten zeigt. Manchmal sollen sich in Extremsituationen ja die Zungen lösen und der wahre Charakter eines Menschen zutage treten (z.B. im Film "Der versteinerte Wald", 1936). So ist das hier. Lustig ist noch, dass eine gefühlt Neunzigjährige das alles eher interessant findet und über ihre Mitbewohnerin lästert ("Sie müssen mal gucken, was die liest. Nur Pornos. Die hat nur Sex im Kopf und ist schon 72."). Wenig lustig sind andere Miniaturen; aus Platzgründen seien nur einige genannt. Da gibt es den Mann, der lieber seine Frau foltern lässt als die Safe-Kombination zu verraten. Und den selbstherrlich-herablassenden Polizeichef, der einem Sergeant befiehlt, mit seinem Team in einer halsbrecherischen Kletter-Aktion von oben in das Gebäude einzudringen, obwohl das angesichts des Riesen-Polizeiaufgebotes wohl kaum nötig wäre. Gerade die verachtende Art und Weise, in der er den Auftrag erteilt, hinterließ bei mir den Eindruck: Dass der Befehlsempfänger schwarz ist, dürfte kein Zufall sein… Herrlich indirekte Kritik durch bloßes Zeigen statt durch Dozieren.

In Richtung "absurde Farce" geht zudem, dass sich diese ganzen Abhör-Aktionen als gänzlich ineffektiv erweisen (schön aktuell, denn was, bitte schön, soll uns Merkels Handy über Terrorismusgefahren erzählen können?). Kein Lauscher weiß von dem anderen, der Raub findet ungehindert statt; stattdessen achten die Überwacher auf nebensächlichen Kram. Dies mag auch den (noch am sympathischsten) Klischee-Homo erklären und rechtfertigen. "Ein Homosexueller, etwa 40, betritt das Haus", sagt ein Überwacher einmal ins Mikro – kann man das bereits SEHEN? Und wofür ist das wichtig? Wir wissen es nicht! Wir können aber fassungslos den Kopf schütteln angesichts des extrem verschlungenen Pfades, auf dem die Polizei dann doch noch informiert wird. Das muss man einfach selbst gesehen und die entsprechenden Dialoge ("Übernehmen Sie die Kosten für das Gespräch?") selbst gehört haben. Nur soviel: Mit der ganzen Überwacherei hat es nun wirklich nichts, aber auch gar nichts zu tun.

Lumet ist Stilist, lässt den Stil aber nie zum Selbstzweck werden, und so hält er sich hier mit Mätzchen ein bisschen zurück, aber das eine oder andere fällt gleichwohl auf. Das eher verwaschene New York kontrastiert mit teils schreienden Farben, z.B. bei Ingrid, die dadurch gleichsam fassadenhaft wie unsicher wirkt; dito der oben erwähnte Mann mit dem Safe, der seinen Reichtum genießt und im Moment der Bedrohung seine hässliche Fratze offenbart. Neben Farbe ist die Gestaltung des filmischen Raumes wichtig. Lumet liebt tiefenscharfe Fluchtperspektiven, Weitwinkel, ungewöhnliche Kameraperspektiven. Mit Letzterem unterstreicht er Absurdität wie Gefährlichkeit der erwähnten Fassadenkletterei. Mit Ersterem zeigt er am Ende, wie minutiös der Polizeieinsatz geplant ist (die ganze Straße ist leer, aber am Ende wartet das Polizeiaufgebot), lässt dies aber immer mit der beschränkten Sicht der Räuber kontrastieren, die tatsächlich nicht sehen können, was sich über ihnen zusammenbraut. Sehr spannungssteigernd und durch die Totale dem Zuschauer den berühmten Informationsvorsprung gegenüber den Protagonisten gebend. Hingegen können die ganzen Überwachungskamerabilder, genau wie der Blick der Gangster aus dem Fenster, immer nur eine begrenzte Sicht gewähren, was das Missverhältnis zwischen Aufwand und Ertrag des Observierungswahns noch stärker herausstreicht.

Es wäre interessant gewesen, was Lumet zum NSA-Skandal gesagt hätte. Diesem scheint sein Film schon vorauszugreifen, doch eines hat er sich nicht in seinen kühnsten Albträumen ausgemalt: dass den Verantwortlichen fürs illegale Überwachen einmal jegliches Unrechtsbewusstsein fehlen würde. In der letzten Szene des Filmes sieht man, wie alle Organisationen unabhängig voneinander ihre Bänder löschen, damit ja nicht herauskommt, dass sie selbige illegal bespielt hatten. Was – auch durch den ungewöhnlichen Einsatz elektronischer Toneffekte und einer giftgrünen, computertechnisch anmutenden Schrift – wohl bedrohlich wirken soll, wäre heutzutage fast schon ein Aufatmen wert, nach dem Motto: Hurra, die haben noch Angst, erwischt und bestraft zu werden. Heute gilt eher, dass alle Dienstvorgesetzten bis hin zum US-Präsidenten dafür sorgen, dass die Schlapphüte sich sicher fühlen können. Merkels Handy wurde abgehört? Okay, dann hören wir von nun an damit auf (womit Obama zugab, dass es stimmte und er es nicht für sonderlich aufregenswert hielt). Grad deswegen ist extrem schade, dass der bis ins hohe Alter aktive Lumet nun doch nicht mehr lebt und dazu weder etwas sagen noch einen Nachfolgefilm machen kann. Aber wir haben ja "The Anderson Tapes".

Die DVD hat trotz des anderen äußeren Anscheins auch eine deutsche Tonspur, gute Bild- und Tonqualität, aber keine Extras.


Jenseits der Unschuld (Guilty As Sin)
Jenseits der Unschuld (Guilty As Sin)
DVD ~ Rebecca De Mornay

4.0 von 5 Sternen "Im Gerichtssaal werden Sie zur Killerin!" (gewisse Spoiler), 14. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Jenseits der Unschuld (Guilty As Sin) (DVD)
Also sprach Playboy David Greenhill (Don Johnson) zu seiner Verteidigerin Jennifer Haines (Rebecca De Mornay). Sie kann nicht anders, scheint es. Blond, schön, selbstsicher, elegant, kühl – und anscheinend ziemlich skrupellos. So haut sie üble Mafiosi raus und sieht das Gerechtigkeitswesen eher pragmatisch. Herrlich: Weil man einen Undercover-Agenten nicht gefährden will, lässt die gute Dame in Absprache mit Staatsanwaltschaft und Gericht den Prozess halt platzen, indem sie ein Dokument vorlegt, das eine illegale Abhöraktion belege. Schauspiel fürs Publikum – das Zettelchen ist die Speisekarte eines Chinesen. "Konnten Sie nichts Amtlicheres finden?" "Ist mein Lieblingschinese." Regisseur Sidney Lumet gilt gemeinhin als Meister des Justizfilms, und das ist er auch, wenngleich das eine bedenkliche Reduzierung seines Schaffens ist. Aber hier ist er in seinem Element. So wie bei "The Verdict" das "Proben" einer Zeugenvernehmung in der Kanzlei zeigte, zeigt diese Speisekartengeschichte: Liebes Publikum, Du wirst verladen! Lumet blickt hinter die Kulissen und bringt auch diesmal ein paar herrlich absurde Gegebenheiten des US-Rechtssystems unter; z.B. dass das Anwalt-Mandanten-Geheimnis der Heiligkeit eines Beichtgeheimnisses gleichzusetzen ist und dass man sich als Wahl-Anwältin nicht so leicht seines Mandats entledigen kann.

Dies alles nutzt Greenhill schamlos aus. Er soll seine Frau aus dem Fenster gestoßen haben, im 18. Stock. Und nach relativ kurzer Zeit lässt er deutlich erkennen, dass dies auch stimmt. Aber er hat die "Killerin" eben beobachtet und versucht, sie bei dem zu packen, was ihre größte Stärke und Schwäche zugleich ist: ihre Professionalität. Zuerst findet sie das Ekelpaket noch halbwegs interessant, ist die Neugier geweckt, der unbändige Ehrgeiz. Dann möchte sie den Mandanten ganz, ganz schnell loswerden. Gute Darsteller: Johnson steigert sein Miami-Vice-Sonnyboy-Image bis ins Ekelerregend-Überzeichnete. Er bekommt nicht nur jede Frau und jede Menge Kohle, ohne zu arbeiten. Er gibt auch unumwunden damit an. Auffällig oft lacht er mehr aufdringlich als charmant über seine eigenen Angebereien ("Ja, ich war mal beim Psychiater, also bei einer PsychiaterIN. Sie können sich vorstellen, was daraus geworden ist…"). Johnson, der Smarte, wird aber nicht nur eklig, sondern extrem bedrohlich. De Mornay, die Kühle, wird verwundbar. Wunderbar komplementäres Spiel in einem Kräftemessen, das bald eines auf Leben und Tod werden wird.

Und das ist vielleicht eine – kleine – Schwäche in diesem Film, der nicht nur Justiz-, sondern auch Psychothriller ist. Da ist er immer noch gut, aber nicht herausragend. Da bedient er (nicht schlecht) die Psychothrillerwelle der beginnenden 1990er Jahre mit der kühlen Eleganz der Räume, ob es Edelwohnungen mit Panoramablicken, ebensolche Büros, marmorne Gerichtssäle, neonblau ausgeleuchtete Gänge zu schicken Apartments sind. Kaum ist Lumet nicht mehr in seinem wuseligen, verwaschenen New York, wirkt er nicht mehr wie zu Hause (dito "Der Morgen danach", wenngleich er auch wunderbare nicht-NY-Filme wie z.B. "Mord im Orientexpress" gemacht hat). Er ist nicht mehr so ganz "Autor". Er ist nur noch gut. Man sucht nach Lumet-Perlen in einem Genrefilm. Man findet sie sogar (z.B. die Weitwinkelästhetik, manchmal kombiniert mit ungewöhnlichen Perspektiven und Tiefenschärfe, was Räume sowie Gegenstände im Vordergrund größer und bedrohlicher erscheinen lässt; man betrachte nur die Treppe im Gerichtsgebäude von unten und die Protagonisten ganz klein ganz oben). Aber man hat eine gewisse Distanz zu den besten Lumet-Werken, die noch viel persönlicher, eigenwilliger sind, ohne dass der Meister uns das aufnötigt ("Angriffsziel Moskau", "Equus", "Sein Leben in meiner Gewalt", um nur ein paar zu nennen).

Das Ganze wird noch recht spannend, und moralisch natürlich auch. "Ich habe noch nie einen so bösen Menschen gesehen", wird Jennifer über Greenhills perfide Spielchen und ein Mal sehr brutale "Spielchen" sagen (erfreulich, dass Jennifers Freund, den Greenhill krankenhausreif prügelt, schon äußerlich so gar nicht in diese Yuppiewelt passt, mit mächtiger Lockenmähne und ebensolchem Schnurrbart). Doch sie muss sich auf das Spiel Greenhills einlassen. Erwartbar gewinnt sie. Das ist zwar ein bisschen schade, weil bei Lumet die Bösen auch manchmal ungeschoren davonkommen (z.B. "Gloria", " Find Me Guilty"). Aber auch wieder interessant, denn es stellt sich ja die Frage, ob sie, die Amoralische, nur durch Ablegen ihres Professionalismus oder gerade durch dessen gerissene Aktivierung gewinnen wird. In der Finalszene, in der sie sich gegen einen Mordversuch wehrt, bitte auf ihre Worte achten, und wir wissen: irgendwie durch beides. Das ist interessant. Wie der ganze Film, auch wenn er nicht immer über solide Konfektionsware hinauskommt. Dafür vier Sternleinchen.

Die DVD hat eine gute Bild- und Tonqualität, aber keine nennenswerten Extras.


Das blaue Zimmer
Das blaue Zimmer
DVD ~ Lea Drucker
Preis: EUR 18,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Blau ist eine kalte Farbe (blutrot aber auch), 14. Juli 2015
Rezension bezieht sich auf: Das blaue Zimmer (DVD)
[Dies ist eine reine Filmrezension.]

Fabrikant Julien (Mathieu Amalric, auch Regie) und Apothekerin Esther (Stéphanie Cléau), beide (nicht miteinander) verheiratet, lieben sich verstohlen im titelgebenden blauen Zimmer, stehen aber oftmals so splitterfasernackt am Fenster, dass man nicht genau weiß: Sie die total bescheuert, wollen sie entdeckt werden, oder beides? Vorhang (des Hotelzimmers?) auf für einen Amour Fou und ein Puzzlespiel dessen, wozu er geführt hat: Ganz genau wissen wir das erst nach und nach in einer verschachtelten und bild- wie tonmäßig überlappenden Erzählung aus Vergangenheit und Gegenwart. Am Ende werden zwei Menschen tot sein, in einem Fall mutmaßlich, im anderen ganz gewiss durch Mord. Und Julien wie Esther stehen vor dem Richter'

Dass es ein solch wunderbar klassisches, aber nie verstaubtes Kino noch gibt! Allein die Erzählung fasziniert, es gibt viel Dialog, aber daneben eine kunstvolle Erzähl- und Schnitttechnik, Bildgestaltung, Beleuchtung, Farbgebung ' ohne dass dies jemals ablenken würde. Das Auffälligste zuerst: Der Film ist im heute völlig aus der Mode gekommenen 4:3-Format gefilmt (nicht einmal Amalrics Landsmann Hazanavicus hatte diese Traute in dem modernen Stummfilm "The Artist"). Aber wie prallvoll ist diese knapp bemessene Leinwand! Andauernd ist oben oder an den Seiten etwas abgeschnitten; die erdrückende Enge, die alle Figuren umgibt, wird spürbar. Zudem fällt auf, dass die Kamera fast durchgängig ohne jegliche Tiefenschärfe arbeitet; irgendetwas oder irgendjemand schlummert stets unscharf im Hintergrund oder dräng(el)t sich unscharf von der Seite in den Vordergrund. Man hat den Eindruck, Personen, speziell Julien, zu sehen, die "nicht scharf sehen", ein gestörtes Verhältnis zu ihrer Umwelt haben, die sie kaum begreifen, ja nicht einmal wahrnehmen können. Im Amour Fou verschwimmt alles außer den Liebenden selbst, bemerkt man seine Umwelt kaum ' vielleicht erklärt sich so das nackte Herumstehen vor dem geöffneten Fenster des doch besser verborgen bleibenden Liebesnestes. Gleichwohl ist diese "Beziehung" ein Spiel der Heimlichkeiten, der Zeichen, der Geheimnisse auch vor einander, zumindest Esthers vor Julien: Sie sehen wir und sie sieht er zunächst nie in Alltagssituationen, nie angezogen, nie "als ganzen Menschen" (bildlich wie im übertragenen Sinne); nur als begehrenswerte, geheimnisvolle und etwas unheimlich-gefährliche Frau. Groß ist sie, wie wir erfahren; in Großaufnahmen sehen wir ihr Gesicht, ihre Brüste und auch kurz und umschattet erotisch-intime Details, die früher die FSK-12-Freigabe unmöglich gemacht hätten. So wird sie Julien und uns immer ein Stück weit ein Rätsel bleiben, indes ist eines klar: Sie gibt sich, öffnet sich ganz und fordert ebenso viel, fordert im Grunde von Julien die Aufgabe seines bisherigen Lebens. Für dieses exzessive Geben, Nehmen, Sich-Öffnen, aber auch vom Anderen eine Öffnung verlangen steht Blut; so hat dieses Öffnen der eigenen und das Aufreißen der anderen Seele eine geradezu körperliche zerstörerisch-selbstzerstörerische Entsprechung. Mein Blut für Dich, aber Deines will ich auch! Blutrot ist das Autorücklicht, als es zu ersten Kuss kommt. Blutrot ist das Handtuch, das Esther als Signal, dass die Luft rein ist, auf dem Balkon aufhängt. Blutig sind Juliens Lippen, wenn Esther ihn beim heißen Liebesakt in selbige gebissen hat. Sogar ganz direkt geht es um Monatsblut und die Verletzlichkeit der Scham, in jeglicher Hinsicht (allen Ernstes: Das sieht man sogar einmal kurz; und wenn bei den kriminalistischen Ermittlungen um Kalendereintragungen gestritten wird und Esther meint, es habe sich nur um die Kennzeichnung ihrer Regel gehandelt, so können wir weit mehr dahinter vermuten).

So kunstvoll dargestellt ist das alles, dass es überhaupt nicht stört, letztlich ein klassisches Motiv vorgesetzt zu bekommen: "Könntest Du Dir vorstellen, für immer mit mir zusammenzuleben?" Natürlich ist es Esther, die das fragt. Julien sagt ja, aber die Chuzpe, seine Frau Delphine (Léa Drucker) abzusägen, hat er dann doch nicht, obwohl er sie erkennbar nicht liebt. Hier ist die Kamera radikal gemein und arbeitet mit dem subjektiven und nicht eben freundlichen Blick Juliens auf die Gattin, die ja auch nichts dafür kann, dass sich Gespräche halt meist ums Alltägliche drehen, zumal beide eine Tochter haben. Doch gegensätzlicher könnten die beiden Frauen nicht gezeigt werden: Esther als das gebende und verschlingende Enigma. Delphine als Alltagsfrau. Delphine in gleichmäßiger Beleuchtung, im Profil oder in der Totalen, oft voll frontal und mit unbeweglicher Kamera. Esther mit vielen Schatten, liegend, von der Seite, dazu eine bewegliche Kamera, die den Taumel des Amour Fou schon bei der ersten Begegnung vorwegnimmt, wie in einem Hitchcock- oder De-Palma-Film-Film (wozu in dieser und einigen anderen Szenen auch die Streichermusik beiträgt, die eine konsonante Melodie auf ein Viertonmotiv bettet und immer wieder ins Dissonante kippen lässt). Esther (außer am Ende vor dem Untersuchungsrichter und schließlich im Prozess) nur in Ausschnitten. Delphine als Komplettmensch. Esther mit warmer, weicher Fotografie. Delphine mit kalter, harter Fotografie, die ihre Haut blass und faltenreich und ihren Gesichtsausdruck verkniffen erscheinen lässt, selbst beim Strandurlaub im Bikini, wo man doch eigentlich eine sexy Fotografie erwarten sollte. Man könnte meinen, Delphine sei nicht besonders schön. Aber das stimmt nicht, das sieht nur Julien so. Wenn nämlich die Kamera mit der subjektiven Perspektive einmal bricht, sehen wir eine ganz andere Delphine, die sich auszieht, um ins Bett zu gehen ' aber Julien guckt gar nicht hin, dreht sich um und von ihr weg, gute Nacht, Schatz, Ehealltag.

Das (Ehe-)Alltägliche und der besondere Kitzel: Beim heißen Sex mit Esther tropft Blut auf einen hellen Untergrund. Im Familienheim Juliens (schick, aber in dem engen Bildformat und vor wolkenverhangenem Himmel Julien keine Zufriedenheit bietend) ist es nur Marmelade, mit der sich die Tochter ein Brot bestreichen wollte. Ein Insekt am und im Bauchnabel Esthers ist wie ein genussvolles Balancieren auf der erotischen Verlockung inszeniert. Ein Insekt auf dem Eis von Juliens Töchterchen führt zu deren hysterischem Gekreische. Doch die wunderbare Zu-Bett-geh-Szene hat gezeigt: Den Alltag abzuwerten, das ist nicht die Haltung des Filmes, das ist die Sicht Juliens. Der Film ist durchaus im besten Sinne moralisch.

Und so wird es nicht zu einer kriminalistisch zufriedenstellenden Auflösung, aber zu einem moralisch-allegorisch-schicksalhaften (von Esther zu explizit erklärten) Ende kommen. Die Hitze des Blutes trifft wieder auf die Kälte des Blaus, welches ja schon im titelgebenden Zimmer Unheilsschwangeres ahnen ließ und sich in der Tapete des Gerichtssaals wiederfindet (in der auch noch das Insektenmotiv wieder auftaucht). Die Gretchenfrage aus dem blauen Zimmer, die Esther Julien gestellt hatte: Wir hören sie noch einmal, sehen nun aber die Gerichtstapete: Über das, was Juliens Zögern angesichts der Aussicht auf ein dauerhaftes Leben mit Esther ausgelöst hatte, wird nun verhandelt ' und gerichtet. Es ist nicht verwunderlich, dass auf die heißblütigen Gefühle die kalte Ernüchterung gefolgt ist. Auch Blutrot ist (für Julien) nun eine kalte Farbe. Er wollte später die Frau, die ihn u.a. mit "Liebes"-Botschaften an der Windschutzscheibe seines Autos traktiert hatte, nur noch loswerden. Doch werden die Geschworenen dies zulassen? Schatten auf der Gerichtssaal-Tapete, deren Blau nun besonders kalt wirkt, werfen ein Gitter oder ein Kreuz. Werden die Angeklagten gefangen oder erlöst sein? Man weiß es nicht so genau. Man hat einen grandiosen Film gesehen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 23, 2015 12:23 PM MEST


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