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Rezensionen verfasst von
Tonio Gas
(VINE®-PRODUKTTESTER)    (REAL NAME)   

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Sleepless (ohne Soundtrack)
Sleepless (ohne Soundtrack)
DVD ~ Max Sydow
Wird angeboten von Verso29
Preis: EUR 3,50

4.0 von 5 Sternen Wiederaufnahme, 4. April 2014
Rezension bezieht sich auf: Sleepless (ohne Soundtrack) (DVD)
(Ich beziehe mich auf die ungeschnittene Version.)

Turin 1983 - ein zwölfjähriger Junge muss mitansehen, wie seine Mutter mit einem Englischhorn (!!!) erstochen wird. Turin 2000 - eine Hure flüchtet vor einem Kunden mit sadistischen Wünschen und nimmt versehentlich eine Mappe an sich, die ihr gar nicht auf der Tasche gefallen war, sondern die dem Mann gehört. Schockierender Inhalt: Da hat jemand penibel Fotos von grausam ermordeten Frauen und Zeitungsberichten über den 1983 nie gefassten Killer gesammelt - ist es etwa der Täter selbst?

Nach einem ungeheuer rasanten ersten Akt rollt der Film die damaligen Geschehnisse wieder auf, lässt Giacomo und Ex-Kommissar Moretti (Max von Sydow) aufeinandertreffen. Der eine ist der Mann, der als Junge die schreckliche Tat ansehen musste, der andere der Ermittler, der nie verwunden hat, sein Versprechen gegenüber Giacomo nicht gehalten zu haben: den Mörder seiner Mutter zu fassen. Aber vielleicht ist es ja noch nicht zu spät dazu? Derweil mordet der Mann, nach siebzehn Jahren Ruhe, auf einmal munter weiter, falls es derselbe ist...

In diesem Thriller des "Giallo" ist alles enthalten, was ein solider Film dieser harten italienischen Gangart im Allgemeinen und des Regisseurs Dario Argento im Besonderen braucht. Gewisse Argentismen, gewisse Elemente und Linien der Kontinuität herauszulesen, macht irgendwie Spaß (man sage mir nicht, dass ich da der einzige wäre; ansonsten müsste Hitchcock, der fast immer denselben Film drehte, eigentlich extrem unbeliebt sein). Hier sind dies:

- Der Täter hat eine Vorliebe für Messer und andere spitze Gegenstände, die in meist weibliche Opfer fahren, geführt von schwarz lederbehandschuhten Händen.
- Die abstrakt-überzeichnete Betonung von Primärfarben (allein dieses Blau des erwähnten Mäppchens) und des Regens als reinigendes oder peinigendes Element ist allgegenwärtig.
- Viele Personen kommen aus einem künstlerischen Umfeld - auch Mord wird als "schöne Kunst" betrachtet.
- Die Plausibilität der Handlungsweisen und die psychologischen Erklärungen der Motive sind gelegentlich dürftig.
- Argento misstraut konservativen Autoritätspersonen mittleren Alters. Während sie in "Suspiria" und "Phenomena" als Widerspiegelung von Argentos eigener Klosterschulen-Erfahrung auftreten, sind es nun die Eltern von einem Freund Giacomos sowie der noch abzusägende Freund von seiner späteren Freundin. Die Mutter des Freundes erinnert in autoritär-verbissenem Auftreten einschließlich allzu akkurater Frisur stark an Alida Valli (!) in "Suspiria".
- Darüber hinaus sind bei Argento Mütter generell von Übel; sie sind oft matronenhafte vollschlanke Damen von dubios-bedrohlicher Erscheinung.
- Argento ist ein Suchender, der sowohl grausam-neugierig mit heftigen Splattereffekten tief unter die Körperhülle dringt als auch unter die Oberfläche von Geheimnissen, die sich hinter Wänden, Türen, in verlassenen Häusern und unter Bodendielen befinden können.
- Ein clever konstruiertes Rätsel ist der Schlüssel zu den Taten.
- Am Ende gibt es the switch oder auch the switch of the switch; der zunächst scheinbar überführte und zur Strecke gebrachte Täter ist gar nicht der Täter.
- Wenn sich dann die Wahrheit erweist, geschieht dies durch ein optisches oder (hier) akustisches Zeichen, welches dem Helden von Anfang an präsent war, welches er aber erst ganz am Schluss deuten kann.

Man freut sich über all dies, fragt sich aber gelegentlich auch, ob Argento nicht mal was Neues einfallen könnte. Immerhin, seine ureigenen Markenzeichen sind ihm wieder einmal recht solide geraten. Allein diese Erklärung, warum ausgerechnet ein Englischhorn als Mordwerkzeug dient, hat eine abgefahrene Stringenz, auf die man erst einmal kommen muss und die hier nicht verraten werde. Für den Film spricht ferner ganz erheblich der atemlose erste Akt, bei dem man aus dem Zittern um diverse Damen kaum herauskommt und bei dem Spannung und Terror sofort wieder einsetzen, wenn wir glauben, eine Herausforderung sei erst einmal überstanden. Hier erweist sich Argento als Meister der "Drehung der Schraube".

Wenn man noch addiert, dass er von seinen allzu extrovertierten und aufdringlichen Manierismen à la "Suspiria" (1977) losgekommen ist, dann mag der eine oder andere genau dies als Nachteil sehen; für mich war es aber eher von Vorteil. Argento erfindet das Rad nicht neu, geht aber auch etwas weniger auf die Neven als in seinen extremsten Filmen. Weniger Anspielungen auf M.C. Escher, Fritz Lang und den Expressionismus, alles etwas zurückgenommen, aber dadurch auch bessere Unterhaltung. Gute Genrekost, dennoch echt Argento, dafür solide vier Sternleinchen.

Und wieder einmal erinnert Argento an den Regisseur Brian de Palma, z.B. in dessen neuem, vielgescholtenem Werk "Passion": Er macht, was er immer macht, zitiert massiv sich selbst, ist unglaubwürdig... aber niemand kann das so wie er. Schön, dass es beide (übrigens beide Jahrgang 1940) noch gibt. Argento schildert die Wiederaufnahme von Ermittlungen, nimmt aber auch den Faden seines eigenen filmischen Schaffens wieder auf.


Woman in Hiding Plakat Movie Poster (14 x 36 Inches - 36cm x 92cm) (1950) Insert
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Wird angeboten von Poster Junction - Located in USA
Preis: EUR 15,31

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf Rücksichtslosigkeit gebaut: Clarkville - und der Schrecken der vierten Generation lauert schon..., 2. April 2014
Es geht um den Film zum Plakat, der hier leider nicht rezensierbar ist. Ein Anfang wie der im gleichen Jahr herausgebrachte "Sunset Boulevard" (1950). Eine Tote erzählt. Schnell wissen wir, dass Selden Clark, der Gatte von Deborah, nicht ihr trauernder Witwer, sondern ihr Mörder ist. Das kriminelle Umfeld, die nächtliche tödliche Autofahrt, die lange Rückblende, es deutet alles auf einen film noir hin. Auch wenn die spannenden Licht-und-Schatten-Aufnahmen eher für das dramatische Finale reserviert sind. Psychologisch sind wir aber in einem der schwärzesten - und besten - Filme der Gattung. Daneben gibt es hochinteressante ökonomische und politische Statements um drei Ecken herum. Clark ist ein Tunichtgut, ein minderwertigkeitskomplexbeladener Seelenkrüppel auch. Aber darin der vierte in einer langen Ahnengalerie, von der Deborahs Vater zu Beginn sagt, was er von ihr hält: nichts. Das waren Männer, die das Land militärisch und wirtschaftlich geprägt haben, die es, wie man so sagt, groß gemacht haben, denen dabei aber menschliches Leben und der Schutz der Umwelt (1950 ein eher ungewöhnliches Thema) schnurzegal waren. So sitzt Clark IV. auf einer Fabrik, zu deren Prosperität Großvater alle Wälder abgeholzt hatte. Das heißt, er ist "nur" Geschäftsführer in des künftigen Schwiegervaters Diensten, der mit seinem pazifistisch-humanistischen Ansatz die Chose nicht so recht zum Laufen bringt. Clark IV. will ran, will in der Familientradition "etwas schaffen", will seinen Namen mit Stolz tragen und denjenigen der Stadt mit Stolz erfüllen. Im US-Film oftmals ein kritisches Zeichen des übertriebenen Dünkels, rücksichtslosen Pioniergeists und/oder inneren wie äußeren Erwartungsdrucks, wenn die Stadt nach einer Familie benannt wurde und der jüngste Abkömmling dem gerecht werden will und daran zu zerbrechen droht (z.B. "Die seltsame Liebe der Martha Ivers" und "In den Wind geschrieben").

Hier droht erst einmal Deborah zu zerbrechen, da Clark bei seinem neurotischen Schaffensdrang in ungebrochener Familientradition über Leichen geht...

Der Film nimmt nach dem ersten Drittel eine sehr ungewöhnliche, sehr spannende und nach den Gesetzen von Logik und Plausibilität eher unwahrscheinliche Wendung. Alle soziopolitischen Hinweise dienen weiterhin dazu, das Geschehen zu erklären, auch wenn nun die Betonung stärker auf einem spannenden Thriller à la Hitchcock liegt. Stephen McNally als mörderischer Ehemann Clark macht wirklich Angst - getreu dem Hitchcock'schen Prinzip, dass derjenige am gefährlichsten ist, der äußerlich am vertrauenerweckendsten ist. Wer soll der armen Deborah schon glauben, dass ihr Mann eher der tödliche Strudel als der sichere Hafen ist?

In Form des positiven Gegenentwurfs kommt der unvermeidliche Gute ins Spiel, der zudem genretypisch zum patenten Partner der Heldin wird. Howard Duff spielt ihn, der bald auch im realen Leben mit der Deborah-Darstellerin Ida Lupino verbandelt sein sollte. Er ist Keith Ramsey, eine ganz und gar ungewöhnliche, zärtliche Träumerfigur, auch er ein Loner, ein Außenseiter, aber eben auf ganz andere Weise als Clark. Während alle Menschen in diesem Film einander argwöhnisch beobachten, sieht er als angestellter Kioskverkäufer gar nicht mehr auf, wenn ein Kunde kommt. Dieser möge sich einfach eine Zeitung nehmen und das Geld hinlegen, "wir sind ein kleiner Laden, wir vertrauen hier jedem". Praktisch, wenn Deborah nicht erkannt werden will... Vielleicht blitzen in dieser Figur die soziopolitischen Aussagen des Filmes noch einmal auf, als Gegenbild zu Clark. Clark ist erfolglos und besessen von Erfolg und Dünkel sowie von Anerkennung durch die Gesellschaft. Keith war erfolgreich und hatte diese Anerkennung der Gesellschaft, legt aber darauf gar keinen Wert mehr und würde sich am liebsten ein Boot kaufen und bescheiden wie abgeschieden leben. Clark guckt argwöhnisch hin und misstraut jedem bzw. hintergeht jeden und jede. Keith schaut überhaupt nicht mehr hin und vertraut jedem. Clark stammt aus einer Familie, in der u.a. ein General das ganze Land plattgemacht und Tausende von Menschen in den Tod geschickt hatte und dafür als Held gefeiert wurde. Keith war ein erfolgreicher und geachteter Soldat, aber will davon nichts wissen und wählt freiwillig die unterste Sprosse der sozialen Leiter. Im film noir im allgemeinen und in Ida-Lupino-Filmen im Besonderen sind die Nachkriegstraumata allgegenwärtig - Keith ist vielleicht die ungewöhnlichste und zärtlichste Variante davon. Seine Charakterisierung, zusammengenommen mit derjenigen des Antipoden Clark, verleiht dem Film direkt einen antimilitaristisch-pazifistischen Touch.

Und hochspannend ist alles noch zudem. Fazit, wie so oft bei Ida Lupino: Kleine, feine Perle des B-Films.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 3, 2014 8:59 PM MEST


Tatort: Kopfgeld
Tatort: Kopfgeld
DVD ~ Til Schweiger
Preis: EUR 17,39

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kampfsau oder eierlegende Wollmilchsau?, 27. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Tatort: Kopfgeld (DVD)
Vielleicht sollte man das Folgende nicht machen: eine Rezension schreiben, ohne den Film komplett gesehen zu haben. Mir ist aber dennoch danach, weil der Film meines Erachtens an einer Stelle derart ärgerlich wurde, dass er mir unrettbar schien. Mögen andere anders sehen - wir haben hier Meinungsfreiheit und -vielfalt, und ich räume es wenigstens zu Beginn meines Textes ein.

Deutschland sollte auch mal im politisch korrekten Betroffenheits-TV etwas dreckigere Genrefilme haben! Dem ersten Schweiger-Tatort war ich daher relativ wohlgesinnt. Diesmal habe ich entnervt den Fernseher ausgemacht, und zwar in der Szene, in der Schweiger in der Disco diesen Typen blöd anmacht, der Schweigers Tochter abschleppen will und schon mal vorsorglich ein Kondom eingesteckt hat. Da haben wir wieder diese Selbststilisierung als eierlegende Wollmilchsau, der Mann killt Leute ohne Ende, macht sich aber auch immer zum Superfrauenflachleger und Superpapa, der trotz anfänglicher Verfehlungen natürlich ein Vater- Schwiegervater- und Schwiegersohntraum ist. Mit Ausnahme des Killens kann man das bei vielen seiner Komödien sagen, z.B. bei dem unsäglichen Keinohrhasen. Zusammen mit dem Killen wird es unerträglich. Das ist also okay, aber dann den Supermoralischen rauskehren und dabei noch saucool sein? Etwas zuviel des Eigenlobes, Herr Schweiger! Wobei man bei seinen Auftritten in Talkshows deutlich merkt, dass es da gar keinen Unterschied zwischen Schauspieler und Rolle gibt. Ein Schauspieler sollte immer ein anderer werden, so würde ich es jedenfalls erwarten, auch wenn man sicherlich das eine der andere von seiner Persönlichkeit und/oder Präsenz mit in jede Rolle reinbringt. Schweiger ist aber immer nur 100 % Schweiger. Und umgekehrt funktioniert das Wechselspiel ebenso: In der Talkshow gibt er sich genau so wie in seinen Rollen. Er merkt das vielleicht nicht mal mehr. Oder er ist so gerissen, dass es bewusste Vermarktung ist. Denn das muss der Neid ihm lassen: Schweiger ist kein Schauspieler, sondern eine Marke, extrem erfolgreich, sodass er sich leisten kann, sich nicht mit den Maßstäben anderer zu messen, sondern selbst welche zu setzen. Das kann ich anerkennen, muss es aber nicht mögen. Ich versuche immer, Schauspieler und Rolle zu trennen - wie blöd waren die Leute, die einen Lindenstraßendarsteller anfeindeten, weil der einen Neonazi SPIELTE!!! Aber bei Schweiger vermengen sich Person und Rollen derart, dass ich denke, in allen seinen Figuren ist immer auch der echte Schweiger. Er spielt ja nicht einfach auftragsgemäß unter fremder Regie, er umgibt sich mit seinem Clan und formt ein Team nach seinem Bilde, auch beim Tatort. Also: In der Talkshow sagt er mit dem üblichen antiintellektuellen Gehabe, dass ein Vergewaltiger seine Menschenwürde verwirkt habe (völliger Unsinn, die Würde des Menschen ist unantastbar) und wettert noch gleich auf die ganzen angeblich naiven Gutmenschen, in den USA sei man da nicht so zimperlich (nur mal nebenbei: Welches der beiden Länder war gleich nochmal sicherer???). Im Film schießt er Leute tot und steht für eine Brutalo-Gangart mit Polizeimarke, die die Vorschriften nicht so genau nehmen müsse und die Staatsanwältin halt mal eben flachlegt, um eine Abhörgenehmigung zu bekommen. Also, da sehe ich ungute Parallelen, da muss man schon mal fragen, wofür der Mann eigentlich steht. Oder eben die Glotze ausmachen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 12, 2014 5:46 PM MEST


Phenomena
Phenomena
DVD ~ Jennifer Connelly
Preis: EUR 9,24

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Fliegenflüsterin, 26. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Phenomena (DVD)
Klare Ansage: Ich bewerte den Film, nicht die DVD; dies haben andere getan.

Die junge Jennifer (Jennifer Connelly) kommt auf ein Schweizer Internat. Dort sowie in der Umgegend findet eine grausige Mordserie statt. Regisseur Dario Argento liefert am Ende zwar eine Pseudo-Erklärung, aber wie bei so vielen seiner Filme, funktioniert das Ganze nicht so gut auf der Plausibilitätsebene. Und bei seinen besseren Werken macht das nichts. Dieser gehört definitiv dazu, weil es dem ungestümen Bilderstürmer gerade noch gelingt, seinen Mix aus Mythen, Tiermetaphern, Traumsymbolik und Filmklassikerzitaten nicht allzu wahllos, laut und lärmend erscheinen zu lassen. Selbst die übernatürlichen Elemente fügen sich ein, hier: die Liebe Jennifers zu den Insekten, die auch diejenige des Regisseurs ist. Man kennt das von Argento: Tiere sind nicht putzig, süß und lieb, aber stellen letztlich dann doch die durch menschliche Perversionen derangierte Ordnung wieder her und sind also positiv konnotiert. Selbst wenn dies mitunter recht eklig anzusehen ist (allein die Maden auf Leichenteilen - ich bin ein Zuschauer, holt mich hier raus...), sind es doch die Tiere, die der Heldin den Weg zum Verborgenen bahnen und einen Gutteil zur Lösung des Rätsels beitragen. Vor allem Insekten, speziell Fliegen, die in einem eigentlich absurd bescheuerten Plan sogar als eine Art Spürhunde eingesetzt werden. Jennifer ist mit ihnen symbiotisch verbunden, sagt auch selbst, dass sie Insekten liebe und dies schon immer getan habe. Eine Fliegenflüsterin sozusagen. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Jennifers Widerpart - die Szene, in der dieser am Anfang ein mordsmäßiges, ängstlich-wütendes Getue wegen einer Biene im Auto macht, lässt ahnen, wo Argento diese Figur positioniert hat. Schließlich: Die Insekten haben tatsächlich eine so starke Verbindung zu Jennifer, dass sie ihr in Massen in einer Gefahr beistehen. Deren Angriff auf (...dies sei nicht verraten) vor dem Vollmond am See liefert nicht nur ein Bild von grausamer, erhabener Schönheit, sondern mag an den späteren "The Dark Half" nach Stephen King erinnern, in dem ein Mann herausfindet, dass Sperlinge seine Verbündeten sind. Interessanterweise stammt die King-Verfilmung von Argentos Freund und künstlerischem Partner George A. Romero und enthält ebenfalls einen solchen Angriff (nur eben mit Sperlingen statt Insekten). Da hatte der schlaue Italiener also die Nase vorn...

...aber Argento schaut gleichzeitig zurück, beispielsweise wieder einmal (wie schon in "Suspiria") auf die strenge Klosterschule seiner Kindheit, indem er ein paar äußerst drakonische Erzieherinnen zeigt, die zudem ein schreckliches Geheimnis bergen. Argento schaut aber auch zurück auf filmische Vorbilder; so mag man in Traumsequenzen und in der Architektur des Internats die seltsame Mischung aus expressionistischem Furor und kühler, geometrischer Strenge eines Fritz Lang erkennen. Argento zählt Lang zu seinen Vorbildern. Schließlich lässt die Auflösung der Geschichte, wenn auch nur entfernt, an "Psycho" denken; so komme z.B. eine Puppe statt eines Menschen und ein schreckliches Mutter-Sohn-Geheimnis vor. Mit Müttern hat es Argento aber sowieso in seinem gesamten filmischen Schaffen. am Interessantesten vielleicht in "Opera", weil dieser sich am Ende der Küchenpsychologisierung völlig verweigert, obwohl er doch darauf hinauszulaufen scheint. "Phenomena" kommt dem aber schon recht nahe.

Wieder einmal dringt Argento tief zum Verborgenen durch, lauert das Geheimnisvolle hinter Türen, Mauern oder unter Böden (bzw. ist dies hier oft das ultimative Grauen, was an eine von Lovecraft gebrauchte Formulierung erinnert, zu dem Argento in einem Interview Bezüge hergestellt hat und auf den er hier anspielen mag). Argento parallelisiert dies diesmal nicht so sehr mit dem Geheimnis unter der Körperhülle (obwohl auch hier grausig-brutale Szenen vorkommen), sondern eher mit dem Unterbewussten. Jennifer ist Schlafwandlerin und hat Visionen von einem Mord, der sich später ereignen wird. Natürlich sieht das alles bei Argento mal wieder herrlich primärfarbverstärkt und rauschhaft aus, und wenn sich Jennifer in surreal-kalt-geometrischen Korridoren wähnt, hat dies nicht nur etwas von Fritz Lang, sondern mag es auch ein Blick in das Unbewusste sein. Argento soll sich der Jung'schen Traumsymbolik bedienen, bei der ich mich nicht so gut auskenne. Auffällig ist jedenfalls wieder einmal die symbolische Verwendung von Feuer und Wasser, gerade im Finale. Jennifer muss eine Bestie zerstören und gleichzeitig in ein Bad der Reinigung eintauchen, oder so ähnlich.

Sind wir am Ende zum Unterbewussten, zum Geheimnis im verborgenen Raum vorgedrungen? Genau wie bei der Reise nach außen (Argento hat sich im Interview auf Galilei bezogen, der sich weigerte, die Endlichkeit der Welt anzuerkennen) ist auch bei der Reise nach innen hinter jeder Tür noch eine weitere Tür, vielleicht lässt sich nie zum Kern vordringen. Aber Argento bietet an, mit dem Rätsel leben zu können, sein Schluss ist wieder einmal ungewohnt zärtlich, direkt nach einer brutalen Tat. Das ist nicht ganz so irre wechselhaft und ästhetisch disparat wie der auf durchgeknallte Weise meisterliche Schluss von "Opera". Aber man merkt schon, dass Argento auf der Seite der Menschen steht, die sich nicht über die Welt und vor allem die Natur und die Tiere erheben, sondern mit ihr bzw. ihnen verbunden sind. Jennifer war immer eine Außenseiterin: Schlafwandlerin, Insektenversteherin, da kann man in ihrem Alter (ca. 14-15) schon gewaltig gehänselt werden (und im Übrigen interessiert man sich für sie sowieso nur, weil sie die Tochter eines berühmten US-Filmstars ist, was sie eher als Bürde zu empfinden scheint). Am Ende findet sie in einem rührend kitschigen, schönen Bild ihren Frieden mit der Welt. Aber eben mit ihrer ganz eigenen Welt. Bei Argento muss man dazu erst einmal die Schrecken der Gegenwelt überstehen. Katharsis als Reinigung, Feuer und Wasser in fast jedem Argento-Streifen im Finale (bzw. oft dann nur Ersteres, hier aber passenderweise beides).

"Phenomena" ist faszinierend, morbide, schrecklich, aber irgendwie auch schön, wenngleich "Opera" noch etwas radikaler und (jedenfalls mich) berührender geriet. Konsequent und klug ist aber auch "Phenomena" - auf Argentos Logikverweigerungsebene, die uns dennoch nicht langweilt, weil Argento sich dem Erzählkino nicht verweigert, sondern eine eigene ästhetisch-symbolische Logik des Erzählens schafft. Darin ist er vielleicht Hitchcock vergleichbar, der sich an eine lineare Erzählweise hält, in die er viel Symbolik und ganz wenig Logik eingebaut hat, aber den Zuschauer so packen kann, dass er nicht aufbegehrt. Im Gegensatz zum Altmeister ist Argento stärker gefährdet, auf dem schmalen Grat zwischen klassischem Erzählkino und Bilderrausch abzurutschen. Zu berserkerhaft geht er gelegentlich vor, zu aufdringlich sind seine Bilder, zu abstrus die Handlungsweisen der Protagonisten, zu laut und wahllos seine Musikstücke. Hier geht es gerade noch. Leicht Abzüge dafür, dass man sich schon arg oft fragt, wieso die Figuren auf die Gefahr zugehen statt vor ihr wegzulaufen. Das ist natürlich Argentos Haltung des neugierigen Suchens, siehe oben, aber zu den Protagonisten passt sie einfach oft nicht und wirkt künstlich. In mehr als einer Szene möchte man aufschreien, weil jeder nur halbwegs vernünftige Mensch sofort wegrennen statt noch weiter auf das Grauen, die dunklen Gänge, die Abgründe zugehen würde. Ferner fand ich den Einsatz diverser Rockbands nicht immer gelungen. Gerade in spannenden Szenen darf auch einmal Ruhe sein, was die Spannung eher noch erhöht statt zudröhnt. Indes gibt es, selten genug bei Argento, eine klassische Suspense-Szene der Stille, wenn Jennifer unbemerkt aus dem Krankenhaus fliehen möchte. Eine meisterhafte Sinfonie der kleinen Bewegungen und Beinahe-Entdeckungen, wie sie Hitch oder sein Epigone Brian de Palma nicht besser hinbekommen hätten. Interessanterweise an der entscheidenden Stelle auch wieder unlogisch: Eine herunterfallende Stricknadel hat doch nicht die nötige kinetische Energie, um im Wollknäuel steckenzubleiben, sie würde auf den Boden fallen und die Krankenschwester aufwecken. Aber da hat uns der Meister natürlich schon längst auf Jennifers Seite gezogen...

Anmerkung: Das Buch Dark Stars enthält einen Essay und ein längeres Interview mit Argento; hieraus stammen viele der obigen Aussagen, u.a. den Hinweis auf den Einfluss Fritz Langs, den man (oder frau...:-)) aber auch so erahnen kann.


Terror in der Oper VHS
Terror in der Oper VHS

5.0 von 5 Sternen Lady Macbeth ist nicht von dieser Welt, 26. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Terror in der Oper VHS (Gebundene Ausgabe)
Die junge Opernsängerin Betty (Cristina Marsillach) bekommt die Chance ihres Lebens, als die Erstbesetzung in Verdis "Macbeth" von einem Auto angefahren und verletzt wird. Aber ist sie auch reif für die Rolle ihres Lebens, als Lady Macbeth? Dies fragt sie sich - und wie so oft betreibt Regisseur Dario Argento damit ein doppelbödiges Spiel um Schein und Sein, gespaltene Identitäten, Kunst und Wirklichkeit. Die Opernmusik wird auch einen Großteil der Handlung hinter den Kulissen begleiten. Der Macbeth-Regisseur inszeniert im Hauptberuf eigentlich Horrorfilme; Argento hat offen zugegeben, dass er sich in vielen seiner Figuren selbst sieht und mag hier überdies darauf anspielen, dass ihm einmal eine Verdi-Inszenierung angetragen wurde, aber sich seine Vorstellungen als zu horrorlastig erwiesen hatten. Auch im vorliegenden Film muss der Macbeth-Regisseur deswegen Streitigkeiten mit anderen Beteiligten austragen. Die schrecklichen Geschehnisse auf der Bühne haben eine Entsprechung im Realen - wieder einmal geht ein irrer behandschuhter Mörder um. Auch dieser Mann ist ein - perverser - Künstler, der davon lebt, seine Untaten zu präsentieren und Zuschauer zu haben; hier eine Zuschauerin, nämlich Betty. Mit Nädelchen an den Augen wird sie gezwungen, die Lider nicht zu schließen. A Clockwork Deep Red. Die unsägliche Angstlust des Schauens auf die Spitze getrieben, auch in der Manie, in der Argento Pupillen in Großaufnahme zeigt. Argento ist ein Suchender, ein bohrend Neugieriger, zeigt Abgründiges, Verborgenes hinter Türen, Mauern, Wänden. Manchmal auch hinter der Körperhülle. Gerade dieser Film hat (obwohl er eine Weile braucht, bis er in Fahrt kommt) insoweit die eine oder andere ausgesuchte Scheußlichkeit zu bieten, die ihresgleichen sucht. Man vermag darin aber des Regisseurs Drang zu erkennen, bis ins Innerste vorzustoßen und bei seiner Suche ganz kompromisslos keine Grenzen zu kennen. Wie immer farbsatt und rauschhaft inszeniert, wobei mir die mannigfaltig eingesetzten Opernklänge mehr liegen als sein gelegentlich etwas wahllos-penetranter Einsatz von Heavy Metal und Progressive Rock (Suspiria; Phenomena; wobei es auch hier etwas Heavy Metal gibt).

Und das Beste, von einigen wohl auch als das Schlimmste empfunden: Ein extrem seltsamer Hin-und-Her-Schluss, in dem sich der Hauptcharakter im Minutentakt zu wandelt scheint und in dem die Ästhetik (Schweizer Alpen mit grünen Wiesen und zarten Blümlein vor blauem Himmel) maximal disparat zum Geschehen ist. Argento hatte ursprünglich vorgehabt, das Ganze noch etwas eindeutiger enden zu lassen - und hätte es verdorben. Dagegen das offene Ende, so etwas hat man noch nicht gesehen: Voller Poesie und fragiler, rätselhafter, anrührender, aber eben auch etwas beunruhigender Schönheit und Zartheit, man glaubt es kaum. Betty als Wesen, das nicht gut, nicht böse, nicht so ganz von dieser Welt ist. Ein Film, der uns Rätsel aufgibt, statt alles zu erklären, und der eine seltsame sympathische Neugier für diese so ganz andere Frau weckt, die wie aus dem Hut gezaubert zu einer Art Naturwesen (v)erklärt wird. So und nur so lässt sich aushalten, dass der gesamte Krimiplot und seine Auflösung diesmal besonders abstrus, krude und küchenpsychologisch geraten sind. Man merkt: Argento nimmt diese ganze Konstruktion nicht sonderlich ernst, sie ist ihm auch wieder nur Hülle für eine viel tiefer liegendes Geheimnis, von dem nie klar ist, ob es wirklich gelüftet werden wird. Argento kann viel besser über das Unbekannte nachdenken statt mit dem allzu Bekannten psychologisieren.

Betrachtet man den Film genauer, ist auffällig, dass Argento die Hinweise für Bettys Ambivalenz mannigfaltig gestreut hat. Schließlich spielt sie, die doch scheinbar gar nicht dazu passt, Lady Macbeth - lesen Sie nur einmal die Inhaltsangabe des ersten Aktes der Verdi-Adaption, und Sie werden Rückschlüsse auf die mögliche Beziehung Bettys zum Mörder finden können. Ferner fällt auf, dass Betty manchmal eine Coolness an den Tag legt, die völlig fehl am Platze zu sein und nicht zu ihr zu passen scheint. Als sie einmal vom Mörder verfolgt wird, stellt sie noch extra und ganz bewusst die Cassette mit Entspannungsübungen ein - als ob sie wirklich glaube, dass ihr das etwas nütze. Und als der Mörder (passend für das Vermischen von Kunst und Leben auch hier) ausgerechnet mit einem makaberen Einfall mitten in der Vorstellung enttarnt wird, bricht Betty in ein Triumphgeheul aus, obwohl doch gerade etwas Schreckliches geschehen ist. So gesehen ist dieser Film bei allem Absurd-Abstrusen ganz wunderbar konstruiert. "I love insects", das ist aus dem Munde Bettys am Ende ein bezeichnender Satz für Argento, den Tierfreund im Allgemeinen und Insektenfreund im Speziellen: Die (keinesfalls immer friedliche) Natur kann den Ausgleich der menschlichen Schlechtigkeiten vornehmen, hier übrigens auch in Gestalt von Raben, die nicht erst seit Edgar Allen Poe mythologisch aufgeladen sind.


The Girl Who Had Everything [VHS]
The Girl Who Had Everything [VHS]

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Kurz, aber (be)laaang(los), 25. März 2014
Autobiographisch? Die zwanzigjährige Elizabeth Taylor als "The Girl Who Had Everything" zu besetzen ist erstmal eine prima Idee. Aber der vorliegende Film ist ein weiteres Beispiel dafür, wie MGM das Riesentalent seines jungen Stars vergeudete, der nicht nur schön und frühreif, sondern auch schauspielerisch bereits unglaublich reif war. Selbst in diesem läppischen Film, einem 69minütigen B-picture mit Stars, kommt dies durch. Taylor ist mit ihren eleganten, taillierten Kleidern nicht nur ein Augenschmaus. Der schmachtende Mund wird immer auch durch eine herausfordernde Art und einen wachen, durchdringenden Blick konterkariert, das kann sie wunderbar, da hat sie eine unnachahmliche Mischung aus Schauspielkunst und dem, was man Präsenz oder von mir aus auch Aura nennt. Unwiderstehlich! Was man aber nicht über ihre Rolle sagen kann, in der es ihr so gar nicht gelingt, Victor, einem effektiven, aber auch klischeehaften Latin Lover (Fernando Lamas) zu widerstehen. Als Jean Latimer wurde sie von Vater Steve (William Powell) verwöhnt, aber auch dazu angehalten, einen eigenen Kopf zu haben und ihn nötigenfalls durchzusetzen. Der Film lässt kaum eine Gelegenheit aus, zu betonen, dass ihr dieser Kopf stets über den des Vaters hinauszuwachsen droht und dass man Jean nicht nur nichts abschlagen, sondern auch nichts vorschreiben könne. Gleichwohl lieben Vater und Tochter einander abgöttisch und ist der Schöpfer irgendwie auch stolz auf sein Geschöpf, obwohl oder weil es sich weigert, nur noch Geschöpf im Schatten des Schöpfers zu sein.

In dieser Konstellation lebt Jean mit dem Verlobten Vance Court (Gig Young), der ihr, haha, den Hof macht, aber vor Klischees schier am Platzen ist. Da ist nicht nur der Wunsch, dass die wilde Partymaus Jean endlich mal zur Ruhe komme und "sich niederlasse" mit Mann, Haus, Garten, Kinder, Küche, Kirche. Da ist auch Vances Penetranz, mit der er die Heiratsentscheidung einfordert und betont, sein Rollenmodell sei das einzige (!), das man leben könne. So ein Blödsinn! Und leider hatte ich das Gefühl, hier spreche nicht nur eine Figur, sondern der ganze Film gleich mit, vielleicht ja auch das ultrakonservative Familienbild des Studiobosses Louis B. Mayer. Woran man das merkt? Es geht klischeehaft weiter: Natürlich wird Jean das Angebot ablehnen. Natürlich begegnet sie später dem zupackenden, feurigen Gangster-Latino Victor und ist hin und weg. Natürlich wird sie am Ende sehen, dass das nicht gut war. Dass der Film gerade gegen Ende alles in größtmöglicher Kürze abhandelt, gereicht ihm dabei eher noch zum Vorteil. Bei allem Sprunghaften und Unglaubwürdigen fehlt ihm das hoh(l)e Pathos, das die Erstverfilmung "A Free Soul" meines Erachtens so schrecklich verdorben hatte. Auch betont das Script bis zum Schluss, dass Jean eine eigenständige Entscheidung fällen dürfe, was sympathisch ist, selbst wenn Vance letztlich etwas manipulativ und als Rechtsanwalt Victors unethisch handelt.

Man sieht dem Film an, dass er ohne große Aufmerksamkeit von MGM hergestellt wurde, dass er zwar noch mit Powell, Taylor und schönen Kleidern für Letztere glänzte, aber ansonsten vom Reißbrett heruntererzählt wurde. Zwar angenehm schnörkellos, aber auch sprunghaft, was gerade die Hin-und-Her-Gefühle Jeans wenig überzeugend erscheinen lässt. Das Ganze findet in wenigen Innenräumen statt; bei Außenaufnahmen wirkt alles ein bisschen wie sterile Studiosets; zudem wirkt ein Mord an der roten Ampel wie von Fritz Langs "Das Testament des Dr. Mabuse" entlehnt, ohne dessen genialer Verwendung des Tons und des Schnitts auch nur ansatzweise nahezukommen. Man kennt das von MGM-Hausregisseur Richard Thorpe: Ein Routinier im nicht immer besten Sinne; bei "Gefährliche Flitterwochen" klaute er den (ebenfalls akustisch interessanten) Mord von Hitchs "Der Mann, der zuviel wusste", und jetzt ist halt Lang dran. Positiv zu vermerken und für die Zeit ungewöhnlich ist hingegen, dass der Film bereits den Einsatz des Mediums Fernsehen zeigt, gerade im Gericht und bei einer öffentlichen Anhörung, sowie wenn Ermittler einen eigentlich normalen strafprozessualen Vorgang zum Medienereignis aufbauschen und dergestalt die Medien zwecks Manipulation der öffentlichen Meinung instrumentalisieren. Gleichwohl in vielen Passagen ein lustlos erzählter, unglaubwürdiger und klischeehafter Film, der den Eindruck "Ganz nett, aber warum sollte mich das interessieren?" dominieren lässt. Naja, wegen Elizabeth Taylor natürlich... Für Fans von ihr drei Sternleinchen, für alle anderen ließen sich auch deren zwei gut vertreten.


Tenebre - Der kalte Hauch des Todes
Tenebre - Der kalte Hauch des Todes
DVD ~ Anthony Franciosa
Wird angeboten von Video & Game (AGB+Widerrufsbelehrung)
Preis: EUR 6,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der Mörder als Künstler - oder umgekehrt?, 24. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Tenebre - Der kalte Hauch des Todes (DVD)
(Zu etwaigen Schnitten auf dieser DVD vermag ich nichts zu sagen; das Folgende ist eine reine Filmbewertung.)

Im Buch-Thriller "Tenebre" erfahren wir sofort: Der Protagonist empfindet seine grausamen Taten einerseits als schöpferischen Akt, andererseits als Ausweg aus seiner verkorksten Psyche. Zerstörendes als Schöpfendes und als Befreiung, darum geht es im vorliegenden Film wie auch in vielen anderen Werken von Dario Argento. Den übernatürlichen Horror hat er diesmal weggelassen, erstaunlicherweise genau wie Brian de Palma, der Ende der 1970er Jahre zwei Horrorfilme gemacht hatte, aber danach zu Thrillern zurückkehrte, die in ihrem rauschhaften, grellen, aber sehr durchgestylten Voyeurismus einiges mit Argento gemeinsam haben. Zufall? Argentos Film wirkt darüber hinaus wie De Palmas in etwa zur gleichen Zeit entstandene Realismus-Rückkehr "Dressed to kill", vor allem bei Mordszenen mit Rasierklingen, blutig durchgeführt von einer schwarzbehandschuhten Person. Plots und psychologische Subplots haben aber eher nur entfernte Ähnlichkeiten, kommen wir also zurück zum Argento-Film und zum Künstler-Mörder-Dualismus. Argento stößt uns diesmal nicht so sehr mit einem wirren Plot und surrealen, scheinbar unmotivierten Sequenzen vor den Kopf. Die Grundidee ist beinahe konventionell und doch von passender Doppelbödigkeit: Erfolgsautor Peter Neal (Anthony Franciosa) hat "Tenebre" geschrieben, ist auf PR-Reise in Rom, und ein Schlitzer mordet nach seinem Buche...

Argento hat auch hier einen stimmungsvollen Blutrausch inszeniert, der gut unterhält und dessen Bilder durch ihre farbsatte Opulenz und einen Hang zur opernhaften Übertreibung einen Sog von beachtlicher Energie auslösen. Dabei scheute der Autor und Regisseur das Risiko nicht, ständig durchschimmern zu lassen, wie sich das Triviale mit dem Erhabenen mischt. Ja er geht es geradezu offensiv an. Neals Buch wird in Italien als "Giallo" beworben; ein Begriff für brutale Thriller, mit dem auch Argentos Filme maßgeblich assoziiert werden. Neal muss sich fragen lassen, ob sein Buch nicht zutiefst sexistisch sei, mit Frauen als Opfern, die kunstvoll wie blutig zerlegt werden, und einem Mann als Täter, der seine etwas krude Angstlustphantasie ausleben muss - und wir sehen dann einen Film, der genau dies alles ebenfalls en masse bietet. "Tenebre" ist permanent auf des Messers Schneide, mit der die Damen aufgeschlitzt werden. Die Verbindung von Kunst und Mord findet sich noch in der hinterletzten Bildgestaltung. Wenn wir sehen, dass in einer Wohnung ein Kunstgegenstand aus scharfkantigem Metall steht, denken wir sofort, dass er sicherlich noch in jemanden reinfallen wird. Und wie es das wird, in der blutigsten Szene des ganzen Filmes! Argento lässt nichts aus, ist dabei aber wirklich originell. Und die Frauen dürfen vor ihrer Hinrichtung maximal leiden und um ihr Leben fliehen. In einer langen Szene droht eine junge Frau, von einem Hund getötet zu werden (für Tierfreund Argento übrigens eine eher ungewöhnliche Konstellation). Sie kann nur noch auf das Anwesen des Mörders flüchten, man könnte ob der Länge der Szene fast denken, dass sie eine Chance hat. Hat sie aber nicht, was man dann irgendwann genauso ahnt. Immer geht es darum, dass der Mörder zuschlägt, wenn frau einen anderen Schrecken überwunden zu haben glaubt - allen Horror kann der Täter noch toppen. Und wenn man mal genau hinschaut, so kann man zumindest bei einigen Opfern den Tod als "Strafe" für deren sexuellen Lebenswandel sehen. Die Dame mit den Sexismusvorwürfen und eine allzu freizügige Wohngenossin, beide übrigens lesbisch. Eine schöne Ladendiebin, die ausgerechnet das "Tenebre"-Buch eingesteckt hatte und dem Kaufhausdetektiv sexuelle Dienste verspricht, wenn er sie laufen lässt (mit einer Haltung, die besagt, dass sie sich ihrer Reize eiskalt bewusst ist und das nicht zum ersten Mal macht). Nein, man muss diesen Film nicht mögen.

Aber man kann. Immerhin geht er dann doch über das alles hinaus, ersetzt irgendwann die Rasierklinge durch eine Axt, die Frauen- durch Männeropfer, und hat auch als Mystery-Thriller so einiges zu bieten. Die voyeuristische Neugier und die Hybris, mit der ein Mörder seine Taten als Kunstwerk betrachtet, das zu vollenden er über Leichen zu gehen bereit ist - das zelebriert Argento nicht nur, er prangert es auch an. Die Lösung ist nämlich nicht ganz so einfach, wie man zunächst meint (und offenbart sich, wie in manch anderem Film Argentos, dadurch, dass man bei einem Dialog ein winziges Detail zu übersehen droht, das uns im Moment der Erkenntnis der handelnden Person ein zweites Mal präsentiert wird). Und die Gefahren entstehen nicht nur dadurch, dass ein Täter ein tatsächlich krudes (aber sehr interessant mit roten High Heels wie rotem Blut als bezeichnenden Farbakzenten gefilmtes) Trauma verarbeiten muss, in dessen Gestaltung alle männlichen Angstlustphantasien der Welt hineingelesen werden können. Sondern auch durch eine übertriebene Neugier sowie Gier, vor den Gefahren nicht einfach wegzulaufen und alles der Polizei zu überlassen, sondern um drei Ecken herum alles fürs Buchgeschäft auszuschlachten. So bekommt der Film dann doch noch seinen vierten Stern, auch wenn beispielsweise ein Brian de Palma in der klassischen Spannungserzeugung noch besser ist und seine ausgefeilten Kamerabewegungen minutiös durchkomponiert hat. Argento ist eben in allem maßlos und rauschhaft; so sehen wir hier z.B. ein wildes Kameragefahre an einem Haus entlang, das arg lange dauert und irgendwann zum Selbstzweck statt zum Mittel des Zwecks "Spannung" wird. Aber dieser Stil hat eben auch über die gesamte Strecke immer mal wieder seinen ganz ureigenen Reiz.
Kommentar Kommentare (12) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 3, 2014 5:16 PM MEST


Danger - Love At Work [UK Import]
Danger - Love At Work [UK Import]
DVD ~ Ann Sothern
Wird angeboten von RECORDS & DISCS
Preis: EUR 18,69

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Juristen küsst man nicht - oder doch?, 20. März 2014
Rezension bezieht sich auf: Danger - Love At Work [UK Import] (DVD)
Augen auf, Kauf ist Kauf! Mit der römischrechtlichen Originalfassung dieses Spruchs und anderem Küchenlatein nervt das zehnjährige Söhnleinchen einer ohnehin schon anstrengenden Familie einen Rechtsanwalt, der es sich eigentlich nur gutgehen lassen möchte. Henry MacMorrow (Jack Haley) soll erreichen, was einen Kanzleikollegen in den Wahnsinn trieb: Unterschriften für den Verkauf eines heruntergekommenen Farmlandes sammeln, welches die Pembertons geerbt haben. Die Erbengemeinschaft besteht unter anderem aus diesem nervigen, superklugen zehnjährigen High-School-Absolventen (!), einem schrulligen Wissenschaftler nebst desorientierter Gattin, einem Eremiten, zwei lustigen alten Tanten, einem "postsurrealistisch" malenden jungen Mann nebst Schwester Toni und dem wie gesagt noch sehr kleinen Bruder. Viele von ihnen haben gemeinsam, ihr Hab und Gut mit Zähnen, Klauen und auch schon mal Schusswaffen zu verteidigen. Und eigentlich reden sie sowieso dauernd durcheinander und sind kaum die Gesellschaft, die man sich wünscht zum Verlesen und Besprechen eines Grundstückskaufvertrages.

Daraus macht der damals noch junge Regisseur Otto Preminger eine spritzige fast-talking comedy, in der das fast talking und Nicht-ausreden-lassen zu den klassischen Missverständnissen führt, wie sie um 1937 im Screwball-Genre so beliebt waren. Wicked comedy mit allem, was dazugehört; zum Obigen addiert sich das erwartbare Hin und Her um den wahren Wert des Grundstücks, sowie ein steifer Eiferer als Verlobter von Tony (Edward Everett Horton), der erst einmal aus dem Feld geschlagen werden muss. Am Ende ist nicht nur der Kaufvertrag unter Dach und Fach, wer hätte das gedacht?

Eine an sich schon gute Komödie, die aber auch noch gewisse Besonderheiten im positiven Sinne aufweist, zu denen z.B. die sehr originellen (und sehr originell entstehenden), ein bisschen an Dali anmutenden Malereien des einen Familienmtgliedes zählen. Otto Preminger war eigentlich überhaupt kein typischer Komödienregisseur, aber so wie er seine Melodramen immer wieder mit gewissen satirischen Distanzen aufbrach, so füttert er diese Komödie mit einer gewissen sophistication an, ohne das Heitere zu verraten - im Gegenteil. Preminger kommt vom Theater, das ist ganz besonders hier erkennbar, er liefert Boulevard vom Feinsten, in dem nicht nur die kinetische Energie stimmt, sondern auch Dialoge und Personenkonstellationen geschliffen sind. Der Film ist pure Bewegung, wenn z.B. erst der kleine Rotzlöffel den armen Henry straucheln lässt und dieser dann den Spieß umdreht, oder wenn der Großvater dem Bengel hinterherrennt, aber im nächsten Bild schon in umgekehrter Richtung von ihm verfolgt wird. Gleichzeitig sehen wir an dem Jungen immer auch eine Ambivalenz; die Familie hält zu ihm, ist aber auch irgendwie erfreut, dass ein Außenstehender, Henry, ihm nicht nur im übertragenen Sinne mal kräftig in den A**** getreten hat. Und der Knirps nervt nicht nur mit seiner Klugschei*erei, sondern hat gelegentlich auch genau die richtigen Sprüche parat, um Wogen wieder zu glätten. Preminger bringt schon in diesem frühen Film ein Markenzeichen unter: sein Interesse an der Juristerei - und hier auch noch der Kriminologie. So ist in einer Komödie von 1937 schon ungewöhnlich, dass ein Zehnjähriger ausgerechnet mit Lombrosos Tätertypenlehre erklärt, warum Henry kein Betrüger sei könne...

Hinzu kommt, dass das romantische Zusammenspiel zwischen Toni und Henry wunderbar funktioniert. Toni wird von Ann Sothern gespielt; was für ein Glücksfall, dass sich Preminger gegen den Produzenten Zanuck durchsetzen konnte, der Simone Simon haben wollte. Simon war bei allem Respekt damals nur sehr schön und sehr süß und wäre völlig falsch gewesen, zumal sie als Französin 1937 noch Probleme hatte, den ganzen Dialogwitz der anderen mitzubekommen. Sothern, die resolute Dame der 1940er Jahre, war schon 1937 mit quirliger, energischer Energie ausgestattet. Sie hatte da aber auch noch eine jugendliche Frische und einen gewinnenden, ansteckenden Charme; alles zusammen passt zu der Mischung aus Romanze, Leichtigkeit und Bissigkeit des vorliegenden Filmes ganz hervorragend - und es ist meines Erachtens deutlich besser ausgewogen als bei Katherine Hepburn in "Leoparden küsst man nicht", die einfach nur übertrieben gaga wirkt und nicht nur Cary Grant, sondern auch dem Zuschauer gehörig auf die Nerven geht. Leoparden küsst man nicht, Juristen schon.

Ein paar weitere frühe Hinweise auf den späteren auteur Preminger: Die schnörkellose, auffällig unauffällige Inszenierung ohne lange Auf- und Abblenden und mit mehreren Personen im Bild ohne Schuss-Gegenschuss, sie passt auch zum vorliegenden Film. Humor und Klasse ist on screen und muss nicht durch Off-screen-Mätzchen forciert werden. Andeutungsvolle Zensurwagnisse, wenn unser Pärchen die Nacht in einer Scheune verbringt, in der es zwar - anders wäre das 1937 niemals freigegeben worden - durch eine Holzwand getrennt ist, über die jedoch die Klamotten fliegen, dass es eine Freude ist. Eine Auflockerung der Szene, wenn beide auf einmal wie in einem Musical zu unsichtbarem Orchester den Titelsong des Filmes singen - dies zeigt gleichzeitig die Neigung des späteren Preminger zu ironischen Brechungen wie auch zum manchmal irritierenden Disparaten, Uneinheitlichen im Stil. Autohupen und der Song als ungewöhnlicher Einsatz des Tons, den man in vielen späteren Filmen des Meisters findet. Autos, die aus Versehen vom Weg abkommen, nehmen eine Schlüsselszene aus Premingers "Engelsgesicht" vorweg und könnten schon 1937 für des Regisseurs Probleme mit Gangschaltungen gestanden haben, die er anlässlich von "Engelsgesicht" im Interview freimütig bekundete.

Man nehme also einen Juristen und ein Auto mit Automatikgetriebe und Liebe ist am Werk - without danger. Ist das die Welt des Otto Preminger? Auf jeden Fall macht sie extrem viel Spaß!


tell me that you love me, junie moon LP
tell me that you love me, junie moon LP

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Außenseiterbande, 19. März 2014
Mangels anderer Möglichkeiten hier eine Rezension zu dem gleichnamigen Film (USA 1970, Farbe, 113 Min., Regie: Otto Preminger, Hauptrolle: Liza Minnelli)

Ein Epileptiker, ein Rollstuhlfahrer und eine "Entstellte", Junie Moon (Liza Minelli), lernen sich im Krankenhaus kennen und tun sich hiernach zu einer Außenseiter-WG zusammen. Zwischen ihnen untereinander und im Verhältnis zu anderen Personen wird sich so manches ereignen, das tragisch, aber auch leicht komisch und mitunter skurril ist und auf jeden Fall das Leben aller verändern sowie Hoffnung aufkommen lassen wird, dass sie ihren Platz im Leben finden. Sympathisch ist, dass sich zu den dreien alle möglichen anderen Outcasts gesellen; sogar ein zunächst duckmäuserischer Mann, von dem wir es am wenigsten erwarten würden. Und ein herrenloser Hund, von dem wir am Ende die schönste Geste für die Treue des "treuesten Freundes des Menschen" sehen können. Das Gut-Böse-Schema ist fragil. Preminger mischt das melodramatische Betroffenheitskino immer wieder mit reichlich skurrilen (und sehr farbverrückten) Elementen und lockert es auf, obwohl man den Film kaum als Komödie bezeichnen kann. Beispielsweise ist die Vermieterin (Kay Thompson in einer wunderbaren Altersrolle) nicht der störrische Gutmensch, den wir zunächst vermuten könnten, sondern hat eine fast schon perverse Neugier an der Leistungsfähigkeit von "Behinderten".

Premingers manchmal etwas zerfranst wirkender Film mag ab und an schwer zugänglich sein, gewinnt aber unterm Strich durch gewisse Brüche mit dem Melodram. So wird beispielsweise nie aufgelöst, welche Bedeutung die gaffenden Nachbarn haben und wer den Epileptiker fälschlich als perversen Lüstling angeschwärzt hatte. Stilistisch ist der Film weitaus weniger beliebig, als es bei den späten Premingers gelegentlich den Anschein hat und als die etwas disparate Tonlage der Erzählung vermuten lassen könnte. Eher schon auf elegante Weise auffällig unauffällig; auch dies ein Markenzeichen vor allem des späten Premingers. Keine Auffälligen Auf- und Abblenden; mehrere Personen in einem Bild ohne Schwenks und Schuss-Gegenschuss, eine eher unsichtbare Kamera. Aber bei genauem Hinsehen dann doch sehr ausgefeilt. Die Kamera betont bei einem Fischhändler dermaßen die Objekte seines Geschäfts, dass der Film förmlich zu müffeln scheint; man kann ahnen, warum auch dieser nach anfänglichen Zweifeln sympathische Mann ein Außenseiter ist und in die Gemeinschaft aufgenommen wird. Der Film wechselt ferner sehr passend zur Handlung zwischen unnachgiebigem Offenbaren und verschämtem Verbergen. Selten Großaufnahmen, und wenn, dass unter Verzicht auf jeglichen Romantizismus, wenn ein Date von Junie Moon geifernd schwitzt, als sie sich vor ihm auszieht. Er wird ihr späterer Peiniger sein, der einen Arm und eine Gesichtshälfte mit Säure verätzt. Fortan versteckt Junie Moon ihr Gesicht unter einem riesenhaften Strohhut, zeigt es dem Zuschauer aber auch mal in den eigenen vier Wänden und verzichtet der damaligen Mode entsprechend nicht auf kurze Röcke, was ins Mark geht, wenn man sieht, wie die Männer erst angezogen und dann verschreckt werden.

Zum Ausgleich kann Preminger sich ein paar schöne Metaphern leisten, wenn die Außenseiter unter sich sind, kann er eine Eule, ein Nachttier, auch am Tag erscheinen lassen und die Nacht zum Tag werden lassen für unsere drei. "Don't look down", sagt Junie Moon einmal zu einem ihrer Freunde, als sie die Eule sehen. Am Ende schaut die Eule nach unten - was aber auch etwas Erlösendes haben mag.

Insgesamt ein oft wunderbarer Film, wenngleich er einem das eine oder andere Rätsel aufgibt, knapp an fünf Sternleinchen vorbei. Neue Filme wie "Knocking on Heaven's Door" und "Vincent will Meer", die das Thema der "Behinderten, die auch mal einen draufmachen" erst in den letzten Jahrzehnten entdeckt zu haben scheinen, müssen sich alle an "Junie Moon" messen lassen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 20, 2014 2:15 PM CET


The Klansman [UK Import]
The Klansman [UK Import]
DVD ~ Lee Marvin
Preis: EUR 5,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Glut der Gewalt - sie glimmt noch relativ heiß, 16. März 2014
Rezension bezieht sich auf: The Klansman [UK Import] (DVD)
"Are you one of them?" "What the hell of a question is this?" "What the hell of an answer ist this?" Das Zusammenspiel der so unterschiedlichen und vor allem unterschiedlich sprechenden Mimen Richard Burton (erster und dritter Satz) und Lee Marvin (zweiter Satz) funktioniert überraschend gut. Nachdem Regisseur Terence Young drei Bonds und diverse Europuddings inszeniert hatte, widmete er sich mit "The Klansman" einem uramerikanischen Thema - Rassismus und der Ku-Klux-Klan im tiefen Süden des Landes, irgendwo in Alabama, erfahren wir nur. Marvin spielt den Dorfsheriff, den Platzhirsch, der ein Klan-Mitglied ist und nur aus taktischen Gründen den Ball flachzuhalten versucht, in Wahrheit aber ein gemeiner Hund sein kann. Burton spielt einen zurückgezogen lebenden Kriegsversehrten, der Rassismus verabscheut, sich aber vorerst noch aus allem heraushalten möchte. Jeder kennt jeden, auch die beiden Männer sind mehr oder minder befreundet, aber dies sowie jeder von ihnen selbst wird auf eine Probe gestellt...

Politisch engagierter Mikrokosmos des Jahres 1974, was bedingt, dass sich die Handlung ein wenig verfranzt; gleichwohl hellwach und mit einem sicheren Gespür für die örtlichen/psychischen Befindlichkeiten wie darüber hinaus für den Zustand des ganzen Staates. Die USA waren ja nicht ein einig Volk von Rassisten, sondern damals ein zutiefst zerrissenes Land. Die Farbigen hatten das Wahlrecht, aber in einigen Staaten machten es die Behörden ihnen immer noch durch Registrierungserfordernisse schwer, dieses auch wahrzunehmen. Die Farbigen waren beim Marsch durch die Institutionen schon ganz schön weit gekommen, aber der Klan geht diesen Marsch ebenfalls an, oder wie ein Mann im Film sagt: "Glaubst Du, wir sind ein paar Rednecks? Wir haben Bürgermeister, Polizisten, selbst Richter...". Youngs Film macht es sich nicht zu einfach, zeigt neben der Gewalt auch Gegengewalt, falsche und echte Verdächtigungen, Verbrechen, die politisch ausgeschlachtet werden, sodass zwei arme Vergewaltigungsopfer im Grunde gleich ein zweites Mal missbraucht werden. Alles ist mit allem verwoben; aus der Spirale scheint es kaum ein Entkommen zu geben, auch nicht durch Personen, die von außen in diesen Mikrokosmos kommen und vielleicht eine reflektierende und/oder reinigende Unruhe auslösen könnten. Die Frage, ob es besser ist, die Medien systematisch für die gerechte Sache auszunutzen oder besser wie der Beinahe-Eremit Burton einen Gerechtigkeitssinn, aber nicht einmal eine Glotze zu haben (was ihn den Dörflern als sehr suspekt und weltfremd erscheinen lässt), wird nicht beantwortet werden. Wenn am Ende ein Baum, dessen Geschichte mit der Ungerechtigkeitsgeschichte der Staaten verknüpft ist, in Flammen aufgeht, wissen wir noch nicht, ob das Land wie ein Phönix aus der Asche steigen kann.

Viele Handlungs- und Konstruktionselemente wecken Erinnerungen an den noch besseren "Die Glut der Gewalt" (1969/70) von William Wyler. Der weitverzweigte, aber verwobene Mikrokosmos. Der Sheriff als arroganter Platzhirsch. Gewalt als mögliche Befreiung oder als Katastrophe. Personen, die aus der Ferne aus persönlichen Gründen in den Mikrokosmos eintreten oder zurückkehren und damit möglicherweise etwas auslösen. Machtdemonstrationen, Vergewaltigungen, Instrumentalisierungen, Vertuschungen, und das alles unter dem Deckmäntelchen der an Gesetz und Recht gebundenen öffentlichen Gewalt. Nicht zuletzt die schöne junge Farbige Lola Falana in einer jeweils wichtigen Nebenrolle. Wyler ist noch schärfer in seinen Beobachtungen und in seinem präzisen Darstellen von elliptischen Andeutungen und gewalttätigen Resultaten; gnadenloser in der Aussage, dass sich mutmaßlich nicht das Geringste ändern wird und dass auch die scheinbar halbwegs humanen Personen sich als Dreckschweine entpuppen können, die nur schlauer beim Verzicht auf vordergründige Aggressionen und darum viel gefährlicher sind. Wyler schafft es so auch, dass sich der Zuschauer trotz einer ähnlichen Verzweigtheit der Handlungsstränge sofort für das reichhaltige Figurenarsenal interessiert, und zwar für jede von ihm. Young braucht eine Weile, um zu begeistern. Und seine Actionszenen haben ab und an auch mal etwas Vordergründiges. Hervorragend neben allem oben Geschriebenen wiederum, wie er das Ganze mit einem reichlich heuchlerischen Verständnis von Christentum verbindet. Wenn das Titellied von "All The Good Christian People" kündet, wenn wir einem Prediger im Gottesdienst zusehen und -hören, wenn wir sehen, wie die "good christian people" das VergewaltigungsOPFER (!) mobben, weil es sich mit, pardon, braunem Dreck habe besudeln lassen - das ist blanker, bitterer Hohn. Wobei, um dies klarzustellen, das mit dem braunen Dreck die Perspektive der Rassisten und nicht die meinige ist. Ob der Täter wirklich ein Farbiger war, wird übrigens nie geklärt. In mehr als einem Dialog wird plastisch, wieso manche wirklich denken, dass die USA eine christliche Nation sei, in der der WASP so eine Art angestammtes Herrscherrecht habe und es quasi widernatürlich und widergöttlich sei, wenn ihm dies durch atheists, negroes (sie sagen ein anderes Wort mit n...), communists, Linke und was weiß ich nicht noch alles streitig gemacht würde. Alles nicht-WASP-mäßige unreflektiert in einen Topf, kranker geht es kaum (und wenn die schon von der "once christian nation" sprechen, als hätten sie ein angestammtes Recht derer, die zuerst da waren, so wundert es nicht, dass sie die Amerikanischen Ureinwohner mit keiner Silbe erwähnen).

Insgesamt ein hellwacher, bitterer Film, der jedoch die Messlatte des Genialen verfehlt, wenn auch nicht mit allzu großer Distanz. In einer markanten Nebenrolle ist übrigens der später durch (mutmaßliche) reale Gewalt in die Schlagzeilen geratene O.J. Simpson zu sehen.


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