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Rezensionen verfasst von
Christian Busch "chribusch" (NRW)
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The Originals - Die Jubiläumsedition (Limited)
The Originals - Die Jubiläumsedition (Limited)
Preis: EUR 94,83

42 von 47 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bunte Mischung, 27. November 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
1 - 2 Bach, Brahms, Tschaikowsky - Oistrach
3-4 Bach Cello Suites Fournier
5 Beethoven 5&7 Kleiber
6 Beethoven 6 Schubert 5 Böhm
7 Beethoven 9 Karajan
8 Beethoven Piano Concertos 4&5 Kempff
9 Beethoven Sonaten 8,14,21,23 Kempff
10 Brahms 4 Kleiber
11-12 Brahms Piano Concertos GILELS
13 Brahms Cello Sonaten ROSTROPOVICH
14 Chopin Liszt Piano Concertos 1
15 Chopin Etudes Pollini
16 Chopin Polonaises Pollini
17 Debussy La mer Ravel Bolero Mussorgsky Bilder Karajan
18 Dvorak 8&9 Kubelik
19 Dvorak Slawische Tänze Kubelik
20 Dvorak Cello Concerto Rostropovich
21 Grieg Lyric Pieces Gilels
22 MAHLER 1 KUBELIK
23 Mahler 5 Karajan
24 Mendelssohn 3&4 Karajan
25 Mendelssohn Bruch Violin Concertos Mutter
26 -27 Mozart 35,36,38-41 Böhm
28 Mozart Klavierkonzerte 6,17,21 Anda
29 Mozart Violinkonzerte 3&5 Mutter
30 Mozart Bläserkonzerte Prinz, Tripp, Zeman
31-32 Mozart Zauberflöte Böhm
33 ORFF Carmina burana Jochum
34 Prokoviev Piano concerto 3 RAVEL Piano concerto Argerich
35 Prokofiev Scythian Suite Kije Abbado
36 Rachmaninov 2 Tschaikowsky 1 Richter
37 Schubert 3&8 Kleiber
38 Schubert Der Tod und das Mädchen Forellenquintett Gilels Amadeus
39 Schubert Die schöne Müllerin Wunderlich
40 Schubert Winterreise Fischer-Dieskau
41 Strauss Zarathustra Till E. Don Juan Karajan
42 Strauss 4 letzte Lieder Tod und Verklärung Janowitz Karajan
43-44 Tschaikowsky 4-6 Mrawinskiy
45 Tschaikowsky Balletsuiten Rostropovich+
46 VERDI Requiem Fricsay
47-49 Wagner Tristan und Isolde Böhm
50 Martha Argerich Debut Recital Liszt Chopin Brahms Prokofiew Ravel


Pelle, der Eroberer
Pelle, der Eroberer
DVD ~ Max Sydow
Preis: EUR 6,99

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von der Freiheit und dem Mut, 8. Mai 2014
Rezension bezieht sich auf: Pelle, der Eroberer (DVD)
Bille Augusts sozialkritische Verfilmung des ersten Bandes von Martin Andersen-Nexös Roman „Pelle der Eroberer“ ist ein beeindruckendes, künstlerisch überzeugendes Epos!

Es erzählt die Geschichte des kleinen Pelle in dichten, symbolträchtigen Bildern. Schon der Beginn vermittelt in dem langsam aus dem Nebel herauskommenden, in den Hafen einlaufenden Schiff eine große Spannung, die bis zum Ende des Films aufrecht erhalten bleibt. Im Mittelpunkt stehen Pelles Erlebnisse auf dem dänischen Hof, auf dem er und sein liebevoller, aber beschränkter und schon ältlicher Vater Lasse ein armes, unterdrücktes Dasein fristen. Doch auch für die anderen Menschen ist das Leben eine Qual. Pelle ist ein genauer lebendiger Beobachter, der alles, was um ihn herum passiert, genau verfolgt und registriert. Ob es die verbotene Liebe der Magd und dem jungen Mann aus guter Familie ist, das Schicksal des rebellierenden Knechtes, das ständige Fremdgehen des Hofbesitzers oder das zaghafte Anbändeln Lasses mit der Witwe Olsen ist, alles überlagert von den Hänseleien und Erniedrigungen, die Pelle selbst in der Schule und auf dem Hof hinnehmen muss: Pelle sieht alles, erlebt alles mit und weiß am Ende, was zu tun ist: „Wenn du es wirklich willst, kannst du die Welt erobern."

Faszinierend ist die wirklich tiefe Identifizierung der Schauspieler mit ihren Rollen, die den vergleichsweise langen Film zu einem intensiven Erlebnis werden lassen. Dazu trägt in erheblichem Maße auch die Filmmusik bei, welche die nur von wenigen Aufhellungen unterbrochene düstere Atmosphäre des Films unterstreicht und Pelles innere Gefühlslage schlicht und doch eindringlich widerspiegelt. So gerät der Schluss zur einer poetischen Verklärung der harten, rauen Wirklichkeit, welche die konsequente Haltung Pelles trotz aller Romantik des in die Welt-Wanderns ebenfalls mit sich bringt.
143 Minuten perfektes, großartiges Kino, das die Freiheit des Einzelnen auch angesichts noch so großer Widrigkeiten propagiert!! Eine längst überfällige Wiederauflage!


Sinfonien 3 Organ/Urbs Roma
Sinfonien 3 Organ/Urbs Roma
Preis: EUR 9,12

5.0 von 5 Sternen Camille Saint-Saëns - Französische Symphonien aus Paris, 12. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Sinfonien 3 Organ/Urbs Roma (Audio CD)
Mit seiner berühmtesten Symphonie, die dem verehrten Franz Liszt gewidmet ist, krönte der französische Komponist Camille Saint-Saëns(1835 - 1921) schon 1886 sein umfangreiches und vielschichtiges Werk: Hier habe ich alles gegeben, was ich geben konnte... so etwas wie dieses Werk werde ich nie wieder schreiben."
So stellt seine letzte Symphonie den Höhe- und Endpunkt seines symphonischen Schaffens dar und bietet trotz Orgel-Innovation doch viel Tradition. Die formale Zweisätzigkeit der Symphonie fußt im Prinzip auf der traditionellen Viersätzigkeit und gestaltet eindrucksvoll das bekannte Grundprinzip Per aspera ad astra (Durch das Dunkel zu den Sternen). Das Dies Irae fungiert quasi leitmotivisch.
Brilliant Classic, bei dem schon so manche musikalische Kostbarkeit neu aufgelegt wurde, bringt nun auch dieses historische Juwel wieder auf den Markt: Eine Aufnahme aus rein französischer, ja Pariser Seele. Unter Jean Martinon, lange Jahre Chefdirigent und gleichfalls ein Verfechter französischer Musik, brilliert das Orchestre National de la Radiodiffusion Francaise, das spätere Orchestre National de (Radio) France. Die früher bei EMI (jetzt EMI CLASSICS) erschiene Aufnahme aus der Pariser Eglise Saint-Louis des Invalides, in respektvoller Nähe zum Grabmal Napolóns im Dome des Invalides, stammt aus dem Jahre 1975 und hat nichts von ihrer Faszination verloren. Sie präsentiert das Werk à la française" in eben unverkennbar französischer Manier - mit zügigem, aber doch die herrlichen Farben und Schattierungen der luxuriös-melodischen Komposition wunderbar ausleuchtendem Duktus. Schöner kann man sich das tatsächlich nicht vorstellen.
An der Orgel wirkt mit dem langjährigen Domorganisten Bernard Gavoty nicht nur ein Schüler von Vierne und Dupré mit, sondern auch ein weiteres Aushängeschild des Pariser Musikbetriebs.

Komplettiert wird die CD durch ein interessantes Frühwerk, das Saint-Saëns im jungen Alter von 22 Jahren schrieb und ihm den Ersten Preis des Kompositionswettbewerb der Société Sainte-Cécile Bordeaux einbrachte: die klassizistisch geprägte Symphonie Urbs Roma, zur Ehre der Cittá eterna. In ihr zeichnen sich bereits die Formsprache und Klangwelt des Schöpfer des Karneval der Tiere" ab. Eine preisgünstige CD, die sich sowohl zur Ergänzung einer Klassik-Sammlung als auch als Einstieg in die Klangwelt von Camille Saint-Saëns eignet. Bon appetit!


Das Kind, das nicht fragte: Roman
Das Kind, das nicht fragte: Roman
von Hanns-Josef Ortheil
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,99

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kennst du das Land / Wo die Zitronen blühn?, 13. Februar 2013
Milde, sanfte Zephirwinde, verzaubernder Duft, im Sonnenlicht gereifte Zitrusfrüchte, melodienschöne Klänge fremder Sprache, in Olivenöl getauchte, mediterrane Speisen, antike, sagenumwobene Kulissen, historische Schätze beherbergende Stätten, die zu den Wurzeln abendländischer Kultur führen: das alles ist Italien, das Land der Sehnsucht und Objekt germanischen Fernwehs. Der nicht erst seit Goethes Mignon vielbeschworene literarische Topos figuriert in der Gestalt Siziliens auch in Hanns-Josef Ortheils neuem Roman Das Kind, das nicht fragte" als magischer Ort, der den Lauf der Dinge und der Menschen verändert.

Seine autobiographische Züge tragende Hauptfigur ist ein Benjamin, der Ethnologe Benjamin Merz, das von klein auf unterdrückte, jüngste Kind einer siebenköpfigen bürgerlichen Familie. Von Köln bricht er im Frühjahr auf zu neuen Ufern - nach Mandlica, einer (fiktiven) sizilianischen Kleinstadt. Gedankenleser" - so werden die Einwohner Mandlicas ihn auf Grund seiner Begabung, den Menschen zuzuhören, ihnen in ihren Erzählungen zu folgen und sie auf diesem Weg zu erforschen, in respektvoller Verehrung nennen, wenn sie sich ihm öffnen. Dass ihn sein wissenschaftliches Forschungsprojekt nicht nur weg von den eigenen morbiden Wurzeln seiner Familiengeschichte und der Enge der Heimat führen wird, sondern auch zu den eigenen tief in ihm vergrabenen Ursprüngen seiner ethnologischen Studien, ahnt man. Wenn ich die Augen schließe und an Deutschland denke, sehe ich ein Land der Quiz- und Kochsendungen, der überdrehten , wichtigtuerisch vorgetragenen Wetterberichte und der sich täglich ins Kleinste verlaufenden politischen und ökonomischen Kommentare, die ein immerwährendes Unwohlsein verbreitet und dieses Unwohlsein kultivieren."

So bezieht Benjamin sein Quartier in einer kleinen Pension und beginnt die Wege und Gespräche der Menschen zu suchen. In der Pension trifft er zunächst auf ausgewanderte Landsleute, die den Reizen Siziliens bereits erlegen und verbunden sind: die redselige Maria mit ihrer verschlossenen herb-schönen Schwester Paula, zugleich Übersetzerin und Hüterin des Hauses des sizilianischen Nobelpreisträger für Literatur. Schritt für Schritt findet er Zugang zu den bedeutenden und geheimnisvollen Gestalten des Ortes und zu ihren Geheimnissen. Da ist der Buchhändler Alberto, Lucio mit den feuchten und weit geöffneten Augen, Besitzer eines klassischen, traditionellen Ristorante, der für windige EU-Projekte eintretende Bürgermeister Enrico Bonni, seine außergewöhnliche Tochter Adriana und zuletzt die weise Signora Vulpi mit ihrem gefühligen" Sohn Matteo.

Der zunächst eher karg und verhalten beginnende Roman gewinnt durch die beständige Ich-Perspektive und die stets Unmittelbarkeit des Geschehens evozierende Gegenwart zunehmend an atmosphärischer Dichte. Die dadurch erzeugte Sogkraft hilft dabei, den doch sehr glatt reüssierten Siegeszug der Hauptfigur zu übersehen und dem durchweg photogen und mit sinnlichem Gespür für sizilianische Wirklichkeit erzählten Geschehen treu zu bleiben, bis man ihm schließlich atemlos erlegen ist. Hier erweist sich Hanns-Josef Ortheil erneut als kunstvoller und bis ins Detail ausgefeilter, souveräner Erzähler einer sehr erzählenswerten, zuweilen auch märchenhaft anmutenden Geschichte.

Wendepunkt im Roman ist die nicht gänzlich überraschende Beziehung zu Paula, die als charakterstarke Deutsch-Sizilianerin das nicht gesuchte, aber benötigte Pendant zu Beniamino" und eine neue Qualität menschlicher Beziehung darstellt: Das Leben mit Paula ist also ein Erzählstrom eigener lebendiger und heftigerer Art, im Grunde ist es ein erotisches Sprechen, das unsere Vereinigungen vorbereitet oder sogar begleitet."

So ist Ortheils Roman ein geradezu klassischer Reiseroman mit Bildungs- , Entwicklungs- und Liebesgeschichte, ein wunderbares Buch für alle fernab des Konsum-Tourismus reisenden Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Teppich stehen, ohne die Hoffnung zu verlieren, dass er fliegen lernt:

Letztlich waren es die Menschen, die ihre Zurückhaltung und Schüchternheit im Umgang mit der Fremde zunehmend verloren. Genau deshalb gingen sie ja in die Fremde: Um dort die störenden Eigenschaften ihrer früheren Identität gegen eine neue, von der Fremde begründete und geformte Identität einzutauschen. In der Fremde verwandelten sie sich, blühten auf und spürten die positiven Auswirkungen ihrer Forschungen am eigenen Leib und an der eigenen Seele."

Am Ende des Romans färben die etwas altbacken wirkenden Reminiszenzen an Don Camillo und Cinema paradiso den Roman ein wenig rosa - kleine, sympathische Schönheitsflecke in einem nicht nur Sehnsucht nach Sizilien, dem Schmelztiegel zwischen römisch- und griechisch-antiker Kultur weckenden großen Roman über Das Kind, das nicht fragte.".


Hölderlin. Eine Winterreise
Hölderlin. Eine Winterreise
von Thomas Knubben
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

8 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hinüberzugehen und wiederzukehren - Hölderlins Winterreise, 12. Januar 2012
Ende 1827 kündigt Franz Schubert seinen Freunden seine neueste Kompositionen an, einen Zyklus schauerlicher Lieder". Dass die unter dem Titel Winterreise" berühmt gewordenen 24 Vertonungen der Gedichte von Wilhelm Müller in dessen Todesjahr nicht nur ihn selbst sehr angegriffen" haben, sondern auch der Nachwelt noch gefallen" sollten" hatte Schubert schon geahnt. So ist das lyrische Ich, der einsame, ziellose Wanderer zwischen den Welten längst zum Inbegriff des romantischen Individuums geworden, das von Liebesschmerz und Weltenflucht getrieben, seiner Sehnsucht beharrlich in die Unendlichkeit folgt. Der Leiermann, den er am Ende trifft, ist Weggeselle, Doppelgänger und Totengräber in einem.

Wer war dieser Wanderer? Hat es ihn gegeben? So könnte man fragen.

Am 22. Juni 1802 war Susette Gontard, Hölderlins seelenverwandte Freundin, Geliebte und Muse, in Frankfurt im Alter von 33 Jahren gestorben. Als Diotima und Priesterin der Hohen Liebe war sie in seinem Roman Hyperion" bereits unsterblich geworden. Nur wenige Tage später kehrt der Dichter nach 17-monatigem Aufenthalt aus Bordeaux zu Fuß zurück. Sein Zustand ist katastrophal und lässt das Schlimmste befürchten (Und er lässt es gehen, alles wie es will, / Dreht und seine Leier bleibt ihm nimmer still."). Seine Reise per pedes nach Bordeaux im Winter 1801/1802 markiert einen fatalen Wendepunkt in seinem Leben. Gründe genug für Thomas Knubben sich runde 200 Jahre später - als quasi posthumer Begleiter auf dem Klavier - Hölderlins Spuren folgend auf den Weg von dessen Geburtsstadt Nürtingen in die französische Metropole zu machen: Und verstehe die Freiheit / Aufzubrechen, wohin er will." (Hölderlin, Lebenslauf). Herausgekommen ist dabei nun ein Wanderer-Reise-Buch, das seine eigenen Reise-Impressionen ebenso wie die von Hölderlin in 24 (!) Kapiteln dokumentiert, Hölderlins Dichtung und Wesen Schritt für Schritt zugänglich macht und erhellt. Seine Winterreise.

Natürlich steht zu Beginn eine Reflexion auf das Wandern, für Hölderlin ein Akt der Befreiung und Offenbarung (Komm! Ins Offene, Freund!"). So manches Mal wird Knudden auf seiner Wanderung über die Schwäbische Alb, den Schwarzwald, Straßburg, Lyon und die Auvergne bis zur schönen Garonne" in Bordeaux irrtümlich als Jakobspilger gesehen. Bis zur Pointe de Grave, dem äußersten Punkt von Hölderlins exzentrischer Bahn, stößt er dabei vor, dem Endpunkt der von ihm erlebten Welt. Finis terrae." Hölderlin am Meer. Hat Hölderlin hier - so kann Knubben jetzt fragen - im gleichmäßigen Kommen und Gehen der Wellen einen Moment der Erfüllung gefunden? Jenen, in dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins werden, Mensch und Natur ineinander übergehen, die eigene Liebe und die Liebe der anderen sich ununterscheidbar durchdringen." (Es nehmet aber / Und gibt Gedächtnis die See, / Und die Lieb auch heftet fleißig die Augen, / Was bleibet aber, stiften die Dichter. - Andenken)
Auf solche Höhen steigt Knubbens Wanderung, ohne Hölderlins Zeit als Hauslehrer in der Bourgeoisie von Bordeaux, seine tragische Beziehung zu Susette Gontard oder seine Rückkehr zu vernachlässigen. Respekt gebührt dem Autor dabei nicht nur für seine sichtlich beschwerliche 53-tägigeReise, sondern auch für seine stets beharrlich-respektvolle Spurensuche in verstaubten Archiven einer verschneiten Gegend mit mehr als einer unwirtlichen Herberge. Weiß sein treuer Wanderstab so manche interessante Anekdote zu berichten, bleibt er seinem Dichter und dessen auch heute noch kaum fassbaren Schicksal treu auf den Versen und kommt ihm dabei wohl näher als jede Habilitationsschrift. Dafür und für dieses gründliche, kenntnisreiche und äußerst verdienstvolle Hölderlin-Lesebuch gebührt ihm unschätzbarer Dank.


Klassische Musik: Kurze Geschichte in 5 Kapiteln
Klassische Musik: Kurze Geschichte in 5 Kapiteln
von Ingo Harden
  Broschiert

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Crashkurs "Klassische Musik", 20. September 2011
In der Reihe Kurze Geschichte in 5 Kapiteln veröffentlicht das Verlagshaus Jacoby & Stuart verschiedene Bände mit kompakt angeordnetem und anschaulich illustriertem Wissen, jeweils 5 Kapitel zu einem wichtigen geschichtlichem Thema. Die Reihe wendet sich an ein jüngeres Publikum und hat sich zum Ziel gesetzt mehr als ein - im Zeitalter des Internet längst obsolet gewordenes - Lexikon zu bieten: Orientierung in der Fülle der Informationen, Einordnung in größere Zusammenhänge, aber auch zugespitzt formulierte Thesen zu Streitfragen in der modernen Forschung. Bildung aus einem Guss.

Für den Band Klassische Musik" zeichnet kein Geringerer als Ingo Harden verantwortlich - längst eine Legende unter den Rezensenten und Kritikern klassischer Musik. Ob er der Geeignete ist für einen solchen Crashkurs, mag man sich fragen, denn tatsächlich beschränkt sich das Bändchen auf nur knapp 200 Seiten Text, anschaulich und lesefreundlich präsentiert, durch viele Illustrationen, Zeitleisten, Literaturangaben sowie ein Personen- und Sachregister ergänzt. Doch schon hier sei ihm für seine verdienstvolle Arbeit gedankt.
Dass die Gliederung des historisch ambitionierten Bandes in manchen Punkten geradezu a-historisch ist, mag zunächst verwundern, doch anders wäre eine Einteilung in die - für die Reihe offensichtlich vorgegebenen - fünf Kapitel nicht realisierbar.

1. Die Entdeckung des Individuums - Musik der Barockzeit (Monteverdi bis Bach/Händel)
2. Musik als Spiegel der Seele - Der Anbruch der klassisch-romantischen Ära (Von Haydn bis Beethoven/Schubert)
3. ...die romantischste aller Künste" - Ein Stil gewinnt Weltgeltung (Von den Frühromantikern bis Mahler)
4. Das klingende Welttheater - Ohne Oper geht es nicht.(Von Monteverdi bis zu Wagner und dem Verismo)
5. Revolution und Evolution - Musik nach der dritten großen Stilwende (Neue Musik bis zum Alles ist möglich" - Musik zwischen Serialität und Aleatorik)

Natürlich könnte es von unterschiedlichen Seiten her Einspruch gegen diese Einteilung geben, doch wer z. B. die knapp sieben Seiten über Beethoven liest, wird dort in äußerst konzentrierter Form die wesentlichen Pfeiler seiner Existenz, seines Denkens, seiner Musik, seiner Wirkung auf Zeitgenossen und Nachwelt und nicht zuletzt seiner kompositorischen Sprengkraft finden. Ein Kosmos in Miniaturformat, dessen tiefe Wurzeln bei Bach und dessen weitreichende Bedeutung bis Bruckner und noch weiter sichtbar werden.

In Anbetracht des sich selbst gesetzten, sehr realistischen Ziel, prallt jegliche Kritik an der Ausgabe ab, weshalb sie auch uneingeschränkt zu empfehlen ist. Der Band liefert einen überschaubaren Überblick über musikgeschichtliche Entwicklungen und Strömungen, über große und bedeutende Komponisten, über epochale und Meilensteine darstellende Werke. So wenig erschöpfend er konzipiert ist, so wenig erschöpft" er auch den Leser, indem er zu weiterer Beschäftigung Anreize gibt: Ein Baustein zur Geschichte der Menschheit und der menschlichen Kultur - zu einem erschwinglichen Preis. Dem Fertigen ist nichts recht zu machen / Der Werdende wird immer dankbar sein" (Goethe, Faust I).


Die Heimkehr: Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler
Die Heimkehr: Vom Sterben und Leben des Gustav Mahler
von Guy Wagner
  Broschiert
Preis: EUR 14,80

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vom Leben und Sterben Gustav Mahlers, 20. September 2011
Über dem Saal liegt eine atemlose Spannung. In die Stille hinein lauschen Menschen den verklingenden Streichertönen, hie und da schluchzen die Celli, seufzt ein Fagott, die Stille durchbrechend. Erschütterung macht sich breit. In düstersten Klangfarben voll Trauer und Resignation vollzieht sich im letzten Aufbäumen der schmerzvolle Todeskampf bis zum unausweichlichen Ende, der Auflösung im Adagissimo und Pianissimo. Wehmütiger Abschied von der Erde, der geliebten Natur. Am Schluss steigt Gnade auf: eine Vision himmlischen Lebens, der Blick ins Jenseits, die Erlösung? Das Ende von Gustav Mahlers Neunter, der letzten vollendeten Symphonie, erst nach seinem Tod 1912 von Bruno Walter (...der Schluss gleicht dem Verfließen der Wolke in das Blau des Himmelsraumes") uraufgeführt, lässt die Zuhörerschaft in höchster Betroffenheit zurück: ein magischer Moment der Wahrhaftigkeit und Entrückung. Das muss man erlebt haben.

100 Jahre nach seinem Tod haben die Werke von Gustav Mahler nichts von ihrer Aktualität und Wirkung auf den modernen Menschen eingebüßt, scheinen mehr als zuvor unsere innersten Ängste und Sehnsüchte zu berühren. Woher komme ich ? Wohin gehe ich? Warum ist das Leben so leidvoll? Wie schwer ist meine Krankheit? Wofür lebe ich? Wie gehe ich mit meiner Angst vor dem Tod um? Wo finde ich Trost, Gnade oder gar Erlösung? Gründe genug, den tönenden Kosmos des letzten großen Symphonikers in Worte zu fassen und sich mit seinem Leben und Werk auseinander zu setzen, wie dies Guy Wagner in seinem Roman Die Heimkehr" getan hat.

Am 8. April 1911 bricht der schwerkranke Gustav Mahler zu seiner letzten großen Reise von New York über Paris/Neuilly nach Wien auf. Die - tagebuchartig protokollierten - letzten 40 Tage schildern - immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, Briefe, Aussagen von Zeitzeugen und Verweise auf sein Werk - seine Heimkehr nach Wien, wo der Todkranke seine letzte Zufluchtstätte sucht. Da ziehen die blassen Gestalten meines Lebens wie der Schatten längst vergangenen Glücks an mir vorüber, und in meinen Ohren erklingt das Lied der Sehnsucht wieder." Wie ein Film zieht sein Leben noch einmal in seinen Höhen und Tiefen an ihm vorüber, bis er am 18. Mai im Alter von 50 Jahren an einer unheilbaren bakteriellen Herzerkrankung in Wien stirbt, Endstation eines von vielen Zweifeln, Anfeindungen, Schicksalsschlägen und einigen wenigen Triumphen und Stunden des Glücks geprägten Lebens.

Nicht erst die tiefenpsychologische Analyse von Siegmund Freud hatte die Frage aufgeworfen: War die problematische Verbindung mit Alma (Ach Almschili!") richtig? Jene fast 20 Jahre jüngere, höchst attraktive Tochter eines Wiener Malers, deren Lebensfreude ihn, den Hofoperndirektor auf dem Gipfel seiner Karriere, beseelte und der er mit dem Adagietto aus der Fünften eine Liebeserklärung machte; die er sich - in seiner körperlichen Defizienz und im Hinblick auf seine Kunst und Aufgaben - zu bändigen gezwungen sah. Sogar das Komponieren verbot er ihr. Darf es ihn da wundern und schmerzen, wenn sie sich - und nicht zum ersten Mal - zu einem jüngeren (Walter Gropius) hingezogen fühlt?

Erinnerungen werden wach an die Uraufführungen seiner Werke, in denen Mahler gelebt hat wie kein zweiter (Erfahrenes und Erlittenes.... Wahrheit und Dichtung in Tönen."), besonders an die triumphale Aufführung der Achten Symphonie in München (1000 Mitwirkende), wo er vor illustrem und zahlreichen Publikum einen strahlenden Erfolg erlebt - warum gab es von diesem Momenten so wenige? Was bleibt von der Liebe zur Erde und den Menschen in all diesen Machtkämpfen, politischen Intrigen und antisemitischen Hetzkampagnen - vor allem in der feinen Wiener Hofgesellschaft -übrig?
Was bedeuten die Hammerschläge in seiner Sechsten Symphonie, die Schicksalsschläge, die ihn ereilen? Seine Herzschwäche, das Fremdgehen von Alma, der grausame Tod seines Kindes Putzi (Kindertotenlieder), warum?".

In Guy Wagners konsequent Krankheits- und Lebensgeschichte symmetrisch kontrastierender Darstellung gelingt weit mehr als nur ein biographischer Roman: eine sorgfältiger Spiegel der Jahrhundertwende. Der Stand der Medizin, Dualismus, Jugendstil, Neoromantik, Expressionismus, Psychoanalyse, absolute Musik und Antisemitismus finden ihren Niederschlag in der Sprache der zu Wort kommenden Personen, nicht zuletzt der Sprache der häufig zitierten Werke Mahlers. Parallel dazu werden die Frauen-Beziehungen, die Stationen seiner Karriere bis zu den Wurzeln seiner familiären Herkunft (die leidende Mutter, der brutale Vater, die sterbenden Geschwister) sichtbar.

Mahlers Leben als Schlüssel zum Verständnis seines umfangreichen Oeuvres in seinen wesentlichen Etappen und Stationen, Erfolgen und Tragödien zum Leben zu erwecken, dies hat Guy Wagner in seinem jüngst erschienenen 350 Seiten umfassenden Roman mit Dokumenten-Collage auf originelle, sehr dichte und umfassende Weise geschafft. Wagner zeichnet Mahler dabei nicht als den Prototyp einer dekadenten Künstlerexistenz, wie sie durch Thomas Manns berühmte Novelle Der Tod in Venedig" (1911) und auch später durch Luchino Viscontis kongeniale Verfilmung derselben - untermalt durch Mahlers Dritte und Fünfte - genährt wurde, sondern als den eigenständigen, sich radikal zu seiner Individualität bekennenden Künstler. Es bleibt mehr als eine Ahnung von dem, in welche Hände die geniale Veranlagung eines jungen Menschen gelegt war und was im Laufe dieses Lebens das Genie noch werde erleiden müssen." (Nathalie Bauer-Lechner)


Mein Wunschkonzert: Thomas Mann spricht über Musik, die er gern hört
Mein Wunschkonzert: Thomas Mann spricht über Musik, die er gern hört
von Thomas Mann
  Audio CD
Preis: EUR 9,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ut musica poesis - Das musikalische Vermächtnis des "Zauberers", 20. September 2011
Es ist kein Geheimnis, dass Thomas Manns Verhältnis zur Musik nicht nur ein inniges und intensives, ein wie er selbst gesteht - Liebesverhältnis" war, sondern auch eines, das in wechselseitiger Beziehung zu seinem Werk stand. Umso interessanter mutet nun die neu als CD im Hörverlag veröffentlichte Aufnahme eines 1954, ein Jahr vor seinem Tod, von dem Autor selbst kommentierten Wunschkonzerts im Süddeutschen Rundfunk. Sie ermöglicht den Blick in die Schreibstube - in das Denken, Weben und Fühlen - des bedeutendsten deutschen Erzählers und mutet wie ein musikalisches Vermächtnis des 79-jährigen an die Nachwelt an.

Vom Dionysischen zum Apollinischen
Mit dem Vorspiel zum 1. Akt der Oper Lohengrin" führt uns der Dichter gleich in medias res zur Hauptinspirationsquelle seines Schaffens: Richard Wagner. Erinnerungen an die ersten Besuche des Lübecker Stadttheaters werden da wach, wo der junge Thomas Mann die ersten und unauslöschlichen Eindrücke vom Gralsmotiv empfangen hatte - die gleichen, welche später die Figur des kleinen Hanno in den Buddenbrooks" über die raue Wirklichkeit des Daseins hinwegheben: Es war über ihn gekommen mit seinen Weihen und Entzückungen, seinem heimlichen Erschauern und Erbeben, seine plötzlichem, innerlichem Schluchzen, seinem ganzen überschwänglichen und unersättlichen Rausche...". Schon Nietzsche hatte die opiatische, narkotische Wirkung" des Vorspiels in seiner dionysischen Gewalt erkannt, die Hannos Lebens- und Willenskraft - noch am Vorabend seines schulischen Versagens - untergraben. Wie zum Trotze beschwört Mann indes in Anlehnung an Richard Strauss das vollendete Formbewusstsein des Vorspiels, bevor er der Musik demütig weicht.

Ut musica poesis
Das pastorale Erlebnis, das Claude Debussys impressionistisches Prélude à l'après-midi d'un Faune" in Töne fasst, stand Pate bei Hans Castorps Traum im Kapitel Fülle des Wohllauts" aus dem Roman Der Zauberberg". Auch hier belebt die Musik in ihrer elektrisierenden und inspirierenden Wirkung das Seelenleben eines seiner Hauptprotagonisten, dem im Stumpfsinn und in der Eintönigkeit des Davoser Sanatoriums gefangenen Castorp, dem sich ein Grammophon als ein strömendes Füllhorn heitern und seelenschweren künstlerischen Genusses" erweist. Die Töne der völligen Selbstvergessenheit, der hohen Idylle in glänzender Natur und des absoluten Stillstands der Zeit verwandeln sich in Thomas Manns Prosa in Worte der Fülle des Wohllauts", die der Meister mit hörbarem Genuss und entzückter Stimme vorträgt, was zur Sternstunde der Kunst selbst gerät. Wenn der Roman eine Symphonie" (T. Mann) sein soll, werden aus Tönen Worte: Ut musica poesis.
Bekenntnis zur Romantik

Doch vor allem - damit keine Missverständnisse aufkommen - bekennt sich Thomas Mann explizit und unmissverständlich zur Romantik und dem deutschen Lied. Franz Schuberts Winterreise", der schönste" Zyklus, der von der unerwiderten Liebe eines einsamen und ausgestoßenen Träumer und Wanderer in einer von restaurativer Kälte geprägten Zeit handelt, liegt da nahe, ließen sich doch wohl auch hier viele Parallelen zu Thomas Manns Biographie herstellen. Spricht aus dem eher unscheinbaren Lied Nr. 17 Das Dorf" der verbitterte, rastlose und desillusionierte Flüchtling, dem kein Exil zur Heimat wurde?: Ich bin zu Ende mit allen Träumen. / Was will ich unter den Schläfern säumen?" Oder verklärt die Musik tatsächlich die tiefe Melancholie und Verzweiflung" (T. Mann)?
Auch Eichendorffs von Robert Schumann im Liederkreis vertontes Gedicht Zwielicht" gehört nicht unbedingt zu den berühmtesten, dennoch hat es sich einen Platz im Herzen des Zauberers errungen. Misstrauen, das Bewusstsein einer Übergangszeit, Bedrohung durch den Krieg prägen es. Doch wie sehr dem 79-jährigen Schriftsteller die Eichendorff'sche Dichtung der Leichtigkeit und Unbeschwertheit abgeht, verrät er - beinahe entrüstet und unwillig - im Nachsatz.
Huldigung der Schönheit und der Form

Ein wenig ironisch erscheint es, wenn Thomas Mann sein Wunschkonzert mit einer Ouvertüre, der Leonoren-Ouvertüre Beethovens, beschließt und sich mit ihr - ganz apollinisch - der erhabenen Humanität und Brüderlichkeit der Klassik zuwendet. Auch hier hat der Held seines Romans Dr. Faustus", Adrian Leverkühn, ein früh prägendes Fidelio-Erlebnis, das bei allen Bedenken gegen das einfach Gute und Schöne" die letzte - wie eine Apotheose aufsteigende - Botschaft des letzte Weisheiten berührenden Autors bleibt.

Thomas Mann - obwohl von Alter und Krankheit gezeichnet - versteht das Spiel von Offenlegung und Verschleierung, von asketischer Selbstbeschränkung und subtiler Verführungskunst einerseits und der großbürgerlichen Verantwortung des Dichterfürsten andererseits. So stellt das bewegende Dokument Thomas Manns Verhältnis zur Musik mikroskopisch und doch eindrucksvoll dar. Es offeriert mehr als nur einen Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt des Zauberers, sondern stellt ein Abbild von dessen tiefer Verwurzelung in der geliebten Welt der Töne dar. Für sein Verhältnis zur Musik gilt, was für alles galt, was er liebte: Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit." Thomas Mann, Tonio Kröger")

Dem Hörverlag sei gedankt für das umfangreiche, informative, weitere Anregungen und Quellen aufgreifende Booklet sowie die Aktualisierung durch historische Aufnahmen (u.a. von Bruno Walter mit den Wiener Philharmonikern aus dem Jahre 1936) aus der privaten Plattensammlung von Thomas Mann.


Du musst immer gleich wieder schreiben ...: Eine Liebe in Briefen
Du musst immer gleich wieder schreiben ...: Eine Liebe in Briefen
von Stefan Frank
  Broschiert
Preis: EUR 12,90

3.0 von 5 Sternen Literarisches Debüt von Stefan Frank (*1972) aus Leipzig, 20. September 2011
Dir zu gefallen liegt mir mehr am Herzen als Gott zu gefallen. [...] Ist mein Selbst nicht bei Dir, so ist es nirgendwo."
So erwiderte Heloise 1121 aus dem Kloster Argenteuil die erotisch-leidenschaftlichen Briefe ihres früheren Lehrers Abaelard, der nach seiner Entmannung durch Heloises Vormund Fulbert in die Abtei Saint-Denis eingetreten war. 1761 inspirierten diese Briefe den französischen Philosophliteraten Jean-Jacques Rousseau zu seinem Briefroman "Julie ou La nouvelle Héloise", welcher wiederum die Blütezeit des Briefromans im 18. Jahrhundert einleitete. Innerer Reichtum, gesteigerte Empfindsamkeit, das hohe Lied der Liebe in intimen Geständnissen und von gesellschaftlichen Schranken und Konventionen ungetrübte, freie und bar jeder Vernunft ihren Ausdruck findende seelische Kraft zeichnen diese Gattung bis heute aus: Ach, könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papier das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes", klagt Goethes Werther (1772), bevor seine Briefe den Untergang seiner in ihrer bedingungsloser Liebe zu Lotten gefangenen Seele dokumentieren.

Da der Zeitlosigkeit des Schicksals der Liebenden jedoch auch die Bindung an ihre Zeit entspricht, durfte man neugierig auf Stefan Franks (*1972) literarisches Debüt Du musst gleich wieder schreiben..." Eine Liebe in Briefen" sein. Hier lernt das Ich, ein scheinbar Gefühlen und der Liebe unbedarft gegenüberstehender Single, auf einer Vernissage eine faszinierende Frau kennen, die er nicht mehr loslassen möchte. Sie verbringen vier Stunden miteinander, in denen sie ihn bei der Erklärung ihrer Kunstwerke in ihren Bann zieht. Wie betäubt ist er noch, als Juliane ihn auf seine Bitte hin sie wiederzusehen Warum?" fragt und von ihm fordert, sich ihr zu öffnen. Schreiben solle er ihr. Briefe. Keine SMS, keine Mail. Briefe. Soviel zum vielversprechenden Prolog. Doch anstatt sich hinzusetzen, stöbert er in alten Kisten die Liebeskorrespondenz von Karin (21) aus Wusterhausen und Robert (22) aus Leipzig von August 1971 bis Juni 1972 auf. Sie soll ihm helfen seine Schreib- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. Dieser Briefwechsel - nur von wenigen dazwischen geschobenen Briefen des Ichs unterbrochen - bildet nun den eigentlichen Briefroman, der neben einer wachsenden, innig-herzlichen liebevollen Verbundenheit auch viel Alltägliches (Zugfahrten, Wartezeiten, Prüfungsvorbereitungen, Stimmungsschwankungen, Hochzeitsvorbereitungen etc.) - leider in oft banaler Weise (und Sprache) - behandelt. Dabei entsteht auch ansatzweise ein Bild, das oberflächig den Alltag und die Gesellschaft der DDR in den 1970er Jahren widerspiegelt.

Im Zentrum jedoch steht die - leider so gar nicht ungewöhnliche - Liebe der räumlich getrennten Liebenden, das herzliche Einverständnis, das niemals poetische, intime oder erotische Blüten trägt (Angst vor Postüberwachung durch die Stasi?), nur immer das Bemühen um harmonische Verbundenheit, schließlich die gemeinsame Freude von Sternling" und Liebstling" über den kommenden Nachwuchs, den Kleinstling".

Literarisch wesentlich interessanter sind da schon die unter dem Einfluss der Lektüre stehenden Briefe des Ichs an Juliane, in denen er sich dem Phänomen Liebe nähert: Es zerrt die Schleier vom Ich - es klärt das Spiegelbild. [...] Es steht vor den Wällen, den Blick fest auf den kirschkerngroßen Hort der Wärme gerichtet. Die Zeit allein wird zeigen, ob die Wälle brechen oder sich öffnen. [...] Und ich? Ich in das Kampfgebiet, das Universum, das allumfassende Toben, grad erzittert. Außen ein Fels, innen eine Spinnwebe." Denn da ist die Angst, die Angst vor der Leere: ...gibt es eine größere Leere als die, die Menschen in Deinem Herzen hinterlassen, die dort einen Platz hatten, den sie nicht mehr wollten?" Ist es die Angst, die ihn über Treue, Routine und den unseligen Moment, das Ende des Verliebtseins sinnieren lässt, bis er über das Schreiben zur behutsamsten Annäherung (Mein Leben - mein geliebtes Ruinenfeld") an sich selbst gelangt? Jetzt ist die Kontaktaufnahme möglich: Aber das bin ich. Und wenn du magst, schreib mir jetzt zurück." Hier ist der Roman ein überzeugendes Plädoyer für Briefe und gegen SMS und E-Mail, doch leider nur in diesen Passagen.

Davon hätte sich der Leser mehr gewünscht. Denn insgesamt reichen die vielversprechenden Ansätze leider für ein gelungenes literarisches Debüt (noch) nicht aus. Zu flach, zu banal-belanglos, eintönig und einfältig plätschern die Briefe von Robbi und Sternli über 200 Seiten dahin und untergraben die innere Spannung, die durch die Rahmengeschichte und durch die eingeschobenen Briefe des Ichs durchaus geschickt aufgebaut wird. Schade! Aber vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? Hoffen wir, dass Juliane antworten wird...


Unter der Hitze des Ziegeldachs: Gedichte
Unter der Hitze des Ziegeldachs: Gedichte
von Rainer Wedler
  Taschenbuch

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Diogenes unter der Hitze des Ziegeldachs, 20. September 2011
In einer Tonne, einem Weinfass oder auch mit Tieren soll Diogenes im 4. Jahrhundert vor Christus gelebt haben. Um seiner Rolle als Bürgerschreck und Unterhalter gerecht zu werden. Im 21. Jahrhundert lässt sich Unter der Hitze des Ziegeldachs" so mancherlei Erhellendes finden und denken, wie Rainer Wedlers gleichnamiger, beim Pop-Verlag erschienener Gedichtband beweist. In diesem erweist sich der bereits mit zahlreichen literarischen Preisen und Ehrungen ausgezeichnete Autor einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen.

Die kurzen, schmucklos-lakonischen Texten, ebenso nüchtern und doch treffend von Ferdinand Wedler illustriert, beleuchten in vier Zyklen anhand von scheinbar beiläufig ausgewählten Realien und Motiven die ,conditio humana' aus überraschendem Blickwinkel. Zunächst vorsichtig: hinter vorgehaltener Maske, dann mutiger: Was man sich so alles wünscht, schließlich real: es gibt dies. Im letzten Kapitel Eigenwillig hat es sich konstituiert, das lyrische Ich, in immer klarer werdenden, respektive autobiographischen Konturen. Dabei weist jedes Gedicht über sich hinaus, indem es sich der Begrenztheit von Sprache bewusst ist und sich ihrer doch bedient. So wie jemand, der lebt, weiß, dass sein eigenes Leben nur begrenzt ist und die Möglichkeit unendlicher vieler Leben ungenutzt in sich trägt.

Im ersten Zyklus sind es zunächst Todes-Visionen (nicht zu heilende Krankheit; der Tod hat sich bei mir eingehakt), die als Auslöser für die Suche nach dem Sinn und einem Weg figurieren. Da helfen die verstaubten Bücher nur wenig. Unwillkürlich fällt einem da ein berühmtes Studierzimmer ein, in dem jemand verzweifelte. Beklagt werden die bei Tageslicht bis zur Unkenntlichkeit gebleichten Nachtgedanken und das Joch der Zivilisation (Nachgeborener). Misantrophisch (zuweilen; Attrappen) schwingt er nicht nur mit Blick auf die Medienwelt die gesellschaftskritische Keule (... zappen wir mit dem nervösen Daumen /Und geben dieses Zucken für Leben aus) im Angesicht der existentiellen Einsamkeit des Menschen (Die große Einsamkeit), die an der Weltordnung rüttelt. Von der Sehnsucht nach einem erfüllteren, wahrhaftigeren Leben, nach Selbsterkenntnis und Identität, nach einem festen Punkt im ewigen Fortschreiten der Zeit. Kurz: vom Menschen. Gekonnt spielt er mit der Schiffs-Metaphorik, in der er den Ausdruck für das rastlose und nimmermüde Herumirren und -treiben des Menschen findet, das Meer ist eine Frau. Spricht hier noch der Schiffsjunge, der nach der Schule nach Afrika fuhr?

So weit und noch weiter gehen diese heiter-spielerischen und doch meist von aufrichtiger Ernsthaftigkeit zeugenden Gedichte, Ergebnis unbändiger poetischer Experimentierlust und der philosophischen Lust auf das Leben. Egal, ob es die Ameise, der Liebesakt oder das Abendmahl ist: Immer spiegeln sie das Leben in seinen mannigfaltigen Wirklichkeiten wider, variieren verschiedene Identitäten, die des Schiffsjungen, des Begehrenden, Abschied nehmenden, des Ehepartners oder auch liebenden Vaters. Da erschrecken die Liebenden vor der gefährlichen Schlucht in ihren Augen". Doch immer gilt: die Wörter befreien sich / und tanzen frech / mit den Gedanken / die ausgebrochen sind/ aus ihrem Zuchtgehäuse."

Rainer Wedler erweist sich einmal mehr als virtuoser, mal verwirrender, Augen zwinkernder, mal schockierender, provozierender Sprachjongleur, dem es gelingt, den Leser in den Bann seiner Betrachtungen zu ziehen


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