Profil für Matthias Nauhaus > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Matthias Nauhaus
Top-Rezensenten Rang: 1.523.031
Hilfreiche Bewertungen: 6

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Matthias Nauhaus (Hamburg, Deutschland)

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
THEORETISCH PHANTASTISCH: Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur
THEORETISCH PHANTASTISCH: Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur
von Simon Spiegel
  Broschiert
Preis: EUR 13,90

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In der Tat phantastisch, 2. Dezember 2010
In der Einleitung zu "Theoretisch phantastisch" formuliert Simon Spiegel das Ziel, Todorovs Einführung in die fantastische Literatur für literaturwissenschaftliche Laien verständlich aufzubereiten. Dies gelingt ihm sowohl auf inhaltlicher als auch auf stilistischer Ebene, da Spiegel weitgehend auf den üblichen Fachjargon verzichtet und stattdessen in klarer Sprache in Todorovs Phantastik-Theorie einführt.

Zu Beginn seiner Einführung bettet Spiegel Todorovs Studie in ihren thematischen und historischen Kontext ein, indem er kurz und prägnant auf die Aufgaben und Ziele der Literaturwissenschaft, die wissenschaftliche Theoriebildung und insbesondere (und auch etwas ausführlicher) auf den Strukturalismus als literaturwissenschaftliche Strömung eingeht. Über die Frage, was denn eigentlich eine Gattung sei, leitet Spiegel direkt zu Todorovs Gattungsmodell über.

Anschließend widmet sich Spiegel allen Facetten der Phantastik-Definition Todorovs. Hierbei orientiert er sich weder in der Reihenfolge noch im Umfang an Todorov, sondern setzt seine Schwerpunkte so, dass die Aspekte, die in der heutigen Phantastikforschung umfangreicher behandelt werden, auch mehr Platz innerhalb des Buches einnehmen. Die Themen, die in der Forschung eher irrelevant sind, schneidet Spiegel hingegen nur kurz an.

Doch Spiegel belässt es nicht nur bei einer Erläuterung der Inhalte dieses Standardwerks der Erforschung phantastischer Literatur, sondern spricht auch klar die Grenzen von Todorovs Modell an und bietet gegebenenfalls Ergänzungen (, die klar als solche gekennzeichnet werden). Weiterhin weitet Spiegel durchaus überzeugend die Phantastik-Theorie auch auf filmische Werke aus.

Bereits im ersten Teil des Buches illustriert Spiegel die theoretischen Darlegungen durchgehend mit Beispielen literarischer und filmischer Natur. Der zweite Teil widmet sich nun vollständig der Anwendung des Modells: Anhand des Modells analysiert und in Todorovs Gattungseinteilung eingeordnet werden die fünf literarischen Werke "The Turn of the Screw" von Henry James, "The Black Cat" und "The Tell-Tale Heart" von Edgar Allan Poe, "Die Verwandlung" von Franz Kafka, "Doktor Faustus" von Thomas Mann sowie die beiden Filme "The Blair Witch Project" und "El laberinto del fauno" bzw. "Pan's Labyrinth". Hierbei werden die Möglichkeiten und die Grenzen der Theorie Todorovs noch einmal sehr gelungen verdeutlicht. Allen Analysen vorangestellt ist eine kurze Inhaltsangabe des behandelten Werks, wodurch eine vorherige Lektüre (bzw. im Falle der Filme eine vorherige Sichtung) nicht zwingend erforderlich (nach meinem Dafürhalten aber sehr zu empfehlen) ist.

Abgerundet wird das Buch durch eine umfangreiche Bibliographie und Filmographie, die zu einer weiterführenden Beschäftigung mit der Phantastikforschung einladen. Lobenswert ist auch die Aktualität der beiden Werk-Übersichten. Hervorzuheben ist des Weiteren das Layout des Buches, das durch seine Randspalten viel Platz für Anmerkungen lässt.

Selbstverständlich ist kein Werk objektiv interpretierbar, so sehr der Strukturalismus auf dieses Ideal auch hinarbeitet. Und so kann es sein, dass ein Leser des Werks "Theoretisch phantastisch" mit Spiegels Einordnung innerhalb des Anwendungsteils nicht immer einverstanden ist. "Pan's Labyrinth" wird von Spiegel beispielsweise als "phantastisch-wunderbar" gesehen, während meine persönliche Interpretation eher zum Ergebnis eines "reinen phantastischen" bzw. sogar eher "phantastisch-unheimlichen" Films kommt. Jedoch ist Spiegels Argumentation vollkommen plausibel und in keinem Fall "falsch". An solchen Stellen, an denen die Meinung des Autors und die des Lesers nicht deckungsgleich sind, fällt besonders positiv auf, wie konsequent Spiegel Aussagen Todorovs, seine eigene Beurteilung sowie den aktuellen Forschungsstand voneinander abgrenzt.

Insgesamt ist Spiegels "Theoretisch phantastisch" ein durch und durch gelungenes Werk, das nicht nur als Einführung, sondern auch als kritische Würdigung, Weiterführung und Anwendung der "Einführung in die fantastische Literatur" von Tzvetan Todorov nützlich sein kann. Durch die umfassende Bibliographie bietet das Buch auch noch "über den Schluss hinaus" einen vielversprechenden Einblick in die Phantastikforschung.

Seite: 1