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Riyad Salhi "Riyad Salhi" (Frankfurt)
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The Next Day: A Graphic Novella
The Next Day: A Graphic Novella
von John Porcellino
  Taschenbuch
Preis: EUR 15,62

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Feelbad mit Bildchen, 29. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Next Day: A Graphic Novella (Taschenbuch)
Was Menschen berichten, die einen Selbstmordversuch hinter sich haben, ist nicht bewertbar. Wohl aber die grafische Umsetzung, erst recht die dramaturgische Verdichtung. Vier Schicksale, vier Außenseiter - Missbrauchte, Vereinzelte schon als Kinder, verhaltensauffällig, oder eingeigelt, oder süchtig, mehr als andere verwundbar, Unterlegene auf Lebenszeit. Diese Fallgeschichten werden uns skelettiert dargeboten. In einfachen Sätzen. In einfachsten Bildern. Jedes Scheitern und Aufrappeln in einer anderen Schrift. Nichts daran ist erfunden, und doch wirken die Beispiele wie aus dem Lehrbuch. Als wären sie aus der hohlen Hand erdacht und zusammen problematisiert. Viel zu knapp das alles, nicht im Ansatz wird fühlbar gemacht, was es bedeuten könnte, depressiv zu sein, sich abkapseln zu müssen, keinen Kontakt mehr haben zu können, weil das alles furchtbar viel Kraft kostet. Porcellino tut das, was er immer tut: Stricheln, auf Weißraum vertrauen. Nichts davon erreicht mich so, wie es wohl gedacht war. Manchmal eine Ahnung davon, was es hätte werden können. Eine Lektüre für 12 Minuten. Betroffenheitsgraphicnovella. Man lese lieber "Das Haus" von Andreas Maier. Ohne Suizid, ohne Grafik, aber was es bedeutet, außerhalb der Welt zu sein, ohne Alkohol, ohne Schläge in der Familie, ohne Missbrauch, und trotzdem nicht interagieren, nicht kommunizieren können (wollen), das steht hier und so bestechend wie nirgendwo sonst. "The Next Day" hingegen ist Feelbad-Literatur mit Bildchen.


Polina
Polina
von Bastien Vivès
  Broschiert

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tanz als Lebensform, 18. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Polina (Broschiert)
Vives wählt nicht ein Setting, um einer Liebesgeschichte, einem Krimi, einem Spiel um Freundschaft und Verrat ein bestimmtes Ambiente zu geben. Er interessiert sich tatsächlich für Tanz, und es geht auch nur darum. Es wird viel trainiert in "Polina", über das Training gesprochen, über das, was von den Lehrern erwartet wird, über die Prüfung. Auch darüber, eine Richtung zu wählen, den folgerichtigen, der Neigung entsprechenden nächsten Schritt zu wagen - im Ausland, ob in Paris oder Berlin oder New York. "Polina" ist eine Geschichte über Künstler, und so ziemlich alles, was wir, durch schlechtes und mittelmäßiges Fernsehen konditioniert, erwarten könnten, bedient Vives nicht. Polina verliebt sich nicht in Bojinski, den strengen, vollbärtigen Begleiter mit festen Vorstellungen und hartem Regime. Ballett ist auch nicht der Vorwand, um Liebe, Sex und andere Kleinigkeiten abzuhaken. Polina ist auch verliebt. Sie reist auch herum. Doch alles dreht sich um Tanz, um Ausdruck, die eigene Form zu finden. Und das ist alles. Ja, mehr gibt uns Vives nicht. Doch das Wenige, was er knetet und gestaltet, ist dann doch sehr viel. Wir lernen reichlich über Disziplin und über Rückschläge, über die Dehnbarkeit des Körpers. Die Übungsräume sind karg, Vives deutet sie nur an. Polina wird sich später modernen Tanzformen widmen, also eher William Forsythe als russisches Staatsballett. Sie wird ausgerechnet in Deutschland bekannt werden, dann in ganz Europa. Besuchsweise kehrt sie zurück und trifft auf den alten Bojinski. Ohne dass da je ausgesprochen würde, ist so etwas wie Liebe zwischen ihnen. Denn es muss einen Grund geben, warum ich auf den letzten dreißig Seiten Tränen in den Augen hatte. Die Zeichnungen sind vollkommen anders als seine Römer, seine großbusigen Mädchen, als die Schwimmerin im Hallenbad oder die Buntstiftwonne von "In meinen Augen". Er bewegt sich näher hin zur Skizzenhaftigkeit, die auch dickere Striche verträgt. "Polina" zeigt uns, die wir alle nur eine vage Ahnung von solchen Existenzen haben, dass selbst Hochbegabte ihre Zeit brauchen, um sich ihrer sicher zu sein, um sich frei zu fühlen und dafür auch noch Applaus zu erhalten.


Lust & Glaube  Gesamtausgabe: Die Irre von Sacré Coeur / Gefangen im Irrationalen / Der Irre von der Sorbonne
Lust & Glaube Gesamtausgabe: Die Irre von Sacré Coeur / Gefangen im Irrationalen / Der Irre von der Sorbonne
von Jodorowsky
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 29,80

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Professor kriegt Lust am Glauben und zeugt den Heiland neu, 7. Dezember 2011
I. "Jodorowsky ist für französische Comics das, was Camus für französische Literatur ist." (Roger Ebert)

II. Zwar kann ich nichts über seine Theaterarbeiten sagen, doch nach seinem Roman "Wo ein Vogel am schönsten singt" und dieser dreiteiligen, spirituellen Groteske in Comicform hat Jodorowsky als narrativer Künstler nur Sex, Ballerei und Quälereien recycelt, seine Erzähltechnik neigt zum Grimassieren, zum krassen, überraschenden Bild, doch seine Figuren sind bestenfalls Chiffren, Platzhalter oder Wiedergänger, keine Neuschöpfungen, das sind keine Echt-Menschen mehr, und seine Geschichten gleiten auch mal in dumme Völlerei aus, sind mehr RTL als arte. Früher war das anders. Das dürfte jeder bemerken, der die qualitativen Spitzen seines Outputs kennt und das Spätwerk daneben legt. Erwachsene Menschen dürften Probleme haben mit Serien wie "Borgias", "Der schreckliche Papst", "Bouncer" oder die gehetzten Incal-Nachfolger mit anderen Zeichnern, erst recht mit tumbem Jungskram wie "Die Meta-Barone", er scheint wie entleert zu sein. Bald ist er auf dem Niveau von "Morbus Gravis" angelangt. Der Comic-Szenarist Jodorowsky zehrt von seinem Ruhm der 80er - heute verbessert er höchstens sein Alterseinkommen mit diesem Testosteron-Gewäsch. Hingegen ist er als Regisseur psychomagischer Handlungen, Familienaufsteller, Tarotkartenleger und Therapeut, sofern man letzteres gelten lassen will, eine Leitfigur, die selbst Skeptiker (wie mich) unmittelbar anspricht. Wohnte ich in Paris, würde auch mein Name in der Lostrommel liegen, in der Hoffnung, an einer monatlichen Session teilzunehmen, wofür ich noch Französisch pauken müsste. Doch hier soll es um Lust und um Glauben gehen, um eine wollüstige Oper, in der so viele Themen hinein gequirlt sind, deren Handlung irrwitzige Haken schlägt, phasenweise völlig gaga ist und doch mehr will als nur unterhaltend sein. Es geht um die Selbstfindung eines Mannes, der sich längst gefunden zu haben glaubte. Um die Frage, ob und wie man den Ballast des Intellekts zu Gunsten innerer Harmonie verabschieden kann. Auch ist es einer Feier des Sexuellen, überhaupt jeder Körperlichkeit. Um Aberglaube und Allmachtsfantasien geht es freilich auch. Die Hauptfigur, Professor Mangel, hat Moebius das Gesicht Jodorowskys verpasst. Vieles an Mangel erinnert in der Tat an "Ale", allerdings überspitzt und jenseits des Pragmatischen, selbstironisch und auch ein bisschen notgeil.

III. "Das intellektuelle Selbst will sein, reden. Es sollte lernen nicht zu sein, still zu sein." (Alejandro Jodorowsky)

IV. Die Story ist unfassbar beknackt, temporeich, eine Männerfantasie, niemals hätte das eine Frau ersinnen können. Mangel lebt den sexuellen Mangel als gedachter Mönch. Seine Frau leidet, wird grantig. Schenkt ihm die Scheidungspapiere, nimmt sich einen schwarzen Lover. Der innere Kreis seiner Studenten ist empört. Doch Mangel verliert seine Anhänger, weil er im Privaten versagt hat. Seine philosophisch und esoterisch grundierte Weltanschauung wird sogar offen angefeindet, man rückt ihn in die Nähe von Heidegger, was hier etwas kurzschlussartig kongruent ist mit "Nazischwein". Eine Studentin indes bleibt ihm treu, will ihn besitzen, mit ihm Leben, ein Kind von ihm, der der zukünftige Johannes (der Täufer) der Neuzeit sein soll. Sie tätowiert sich oberhalb des Schambereiches die Absicht, "für immer" Alain Mangel zu gehören - und genau das wird passieren. Mangel wird sie schwängern, und sie weiß das schon kurz nach seiner Ejakulation, dass die Mission erfolgreich ist. Dann gibt es da noch eine gewisse Maria, die Tochter eines Drogenbarons, die erst mal aus der Geschlossenen befreit werden muss, denn sie soll den Heiland austragen, und wieder ist Mangel der Vater, der sich innerhalb einer nächtlichen Sexszene unter Strommasten auf die extrem gut gebaute Schönheit stürzt. Meine Nacherzählung enthält viele Lücken, und sie umfasst auch nur den ersten Teil. Das alles ist um einiges komplizierter, als ich darzustellen in der Lage bin, und Mangel hat leider auch ein Inkontinenzproblem, was aber seiner sexuellen Anziehungskraft nicht unbedingt abträglich ist, ein bisschen vielleicht. Schließlich werden die letzten Schwangerschaftsmonate auf Kosten Mangels in einer Art Kommune verlebt, ein junger Mann ist auch noch dabei. Später wird er Blut trinken müssen, gejagt werden um den halben Erdball, die Panels werden im dritten Teil immer kleiner, weil so viel Handlung hinein gepresst werden muss, wahnsinniger wird es, schneller, um dann kurz vor dem Finale innerlich zu werden, oben auf dem Berg bei der weisen Frau, und das meint Jodorowsky vollkommen ernst.

V. "Ich kenne den Geschmack von Blut. Ich habe menschliches Blut gegessen. Während eines Happenings in Mexiko haben meine Schüler etwas Blut aus ihren Armen entnommen. Sie sammelten es in einem Glas und boten es mir mit Tequila an." (Alejandro Jodorowsky)

VI. Sicherlich ist "Lust & Glaube" vor allem eine Eso-Farce, gleichsam doppelt codiert: Jodorowsky macht sich einerseits lustig über Mystizismus und philosophisch notdürftig umkränzte, blickverengende Weltanschauungen, andererseits nimmt er bei all dem Wahnsinn gerade auch die weiblichen Figuren, die vermutlich allesamt unter Psychosen leiden, erstaunlich ernst, während Mangel ein Getriebener ist, dem keine Zeit mehr zum Denken bleibt, hin- und hergeschubst wird und unverhofft Zeugungsfreuden erleben darf. Die meiste Zeit über ist er bedauernswert, wirkt fremdbestimmt, ein wenig vertrottelt, nicht Herr über seine Dämonen, doch letztlich wird alles gut, und die Prophezeiung erfüllt sich gewissermaßen. Nach Beendigung der Lektüre war ich irritiert, amüsiert, etwas durcheinander - daraufhin noch mal von vorne angefangen.

VII. "Lies, lies und lies erneut, studiere, bete und arbeite, lies weiter, geh zurück an Deine Arbeit, und eines Tages wirst Du Erleuchtung finden, indem Du Dich findest. Das ist kein Geschenk, dass Du von anderen bekommst, sondern das Ergebnis zahlloser schlafloser Nächte." (Alejandro Jodorowsky)
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 21, 2014 5:54 PM CET


Harrison Birtwistle: Night's Black Bird / The Shadow of Light / The Cry of Anubis
Harrison Birtwistle: Night's Black Bird / The Shadow of Light / The Cry of Anubis
Preis: EUR 19,62

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die große Traurigkeit, verborgen hinter schwarzen Felsen, 20. November 2011
Wie viel Birtwistle hat meine Ohren bislang erreicht? Über 100 Stunden mögen es gewesen sein. Vielleicht 150. Von den "Earth Dances", mehreren Opern bis hin zu Streichquartetten, Klaviermusik, Ensemblewerke, und doch hat es über zehn Jahre gedauert, bis ich plötzlich zu der Erkenntnis gelange: Er schreibt häufig Musik der grenzenlosen Trauer. Des nicht mehr Heilbaren. Die aufgerissene Erde, das zerbrochene Haus, die vertrockneten Felder und dann ein Gott, der dies alles zutiefst bedauert, weil er sein Scheitern konstatieren muss. Also nicht nur, wie jedem sofort einfällt, etwa die tektonische Erschütterung, das Kreatürliche, Animalische, der Hagel und die Supernova, sondern das, was man fühlen könnte bei der Betrachtung eines "waste land", das mal blühte und nun, nach einer schrecklichen Katastrophe ohne Überlebende, Tausend Jahre Einsamkeit aushalten muss. Unfassbar, das mir das erst jetzt einleuchtet. Das mag wie ein Übermaß an Metaphorik anmuten und ist es auch. Aber "The Shadow of Night" ist nicht nur ein nahezu gleichwertiger Bruder von "Earth Dances", sondern eben auch eine Klage, ein Schluchzen, ohne dass die Musik klagt oder schluchzt. Da erhebt sich ein Piccolo über die tiefen Streicher, ein vogelähnliches Wesen, und die Hoffnungslosigkeit aus Schwarz und Anthrazit wird durch diesen Kontrast ungemein verstärkt. Es ist ein komplexes Stück, das man nur nach und nach - möglichst unter Ausschaltung des Denkens und Vergleichens - begreifen kann, und ich bin selbst noch nicht so weit, um es abzuhaken und dem Archiv zu überlassen. Ebenso stark wirkt des relativ knappe "Night's Black Bird", das etwas fasslicher, greifbarer ist, aber einer ähnlichen Welt angehört. Dunkel, unheimlich, mit einem eindringlichen Trompetenton endend, der nicht so recht zum Rest passen will. Etwas grummelig geraten ist das Tubakonzert "The Cry of Anubis", was natürlich an der Tuba liegt, die nur grummelig kann und wohl auch deshalb so selten zu Konzertehren gelangt. Es spricht nicht so recht zu mir. Doch wie anmaßend müsste man sein, gleich drei Meisterwerke auf einem Tonträger zu erwarten?


Yukiko's Spinach
Yukiko's Spinach
von Frédéric Boilet
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,23

4.0 von 5 Sternen Sensual World, 18. November 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Yukiko's Spinach (Taschenbuch)
Schmusen mit Yukiko. Sie kitzeln. Boilet erzählt seine Bettgeschichte mit Yukiko haptisch genug, dass wir sie praktisch retrospektiv mitbegatten, mit ihr frühstücken, die Zeit verwellnessen und uns fragen dürfen, wer diese vitale Japanerin eigentlich war. Er ist hingerissen von ihrem Körper, von ihrem Lachen, von ihrem Bora-Bora-Fleck auf der Stirn. Wir erfahren fast nichts über ihre Familie, ihre Gefühle, ihr Land. Dafür umso mehr, wie sie trinkt, wie sie aus dem Fenster schaut, wie sie die Arme nach oben streckt, wie ihr Gesicht während des Orgasmus aussieht. Das Schauen und Berühren, das Geplänkel und Spazieren hat ihm gereicht, hat den Franzosen übervoll gemacht. Ich kann daran nichts Schlechtes finden. Die beiden hatten eine intensive Zeit. Ein Taumel, wie Kinder nebeneinander die Zähne putzen, Küssen, Streicheln, Lecken. Doch warum sollte ich, ausgerechnet ich, daran teilhaben? Pornographie - auch solche hat Boilet schon fabriziert für den japanischen Markt - ist das nicht, kein "Celluloid". Man müsste das Buch einer aufgeklärten Zwölfjährigen nicht aus der Hand reißen. Da hat ein Mann, der heute mit einer Comiczeichnerin wieder in Frankreich lebt, Ende der 90er nun also eine junge Japanerin glücklich gemacht und sie ihn. Er konnte sie sogar erfolgreich ersetzen. Schön für ihn. Aber auch für mich? Für Sie? Paul Gravett war einst enthusiastisch. Nicht nur er.

Zehn Jahre später hat Bastien Vives etwas prinzipiell Ähnliches versucht, es sogar konsequenter umgesetzt. Während Vives das Körperliche nur andeutet und jedes Panel in der Ego-Perspektive belässt, rückt Boilet schon mal selbst ins Bild, macht aus Sex annähernd fotorealistische Kunst, er hat Yukiko andauernd fotografiert, beim Schlafen beobachtet, beim Aufwachen war er dabei, hat mit ihren Haaren Harfe gespielt, hat sie seinen Freunden vorgestellt - und ihr ein Engelchen auf die Schulter gesetzt; die einzige Stelle, in der er mit seiner Überhöhung von Yukiko wahrlich Geschmacksgrenzen überschreitet. Doch selten haben mich Sexszenen so überzeugt wie hier, obwohl sie gar nicht mehr ausdrücken als das, was getan wird. Da lieben sich zwei. Schon oft gesehen? Nein, nicht so wie hier. Er wollte Yukiko ein Denkmal setzen, diesen Glücksgriff für immer festhalten, oder noch viel eher: Den Rausch mit einer Frau, die Yukiko war oder eine andere hätte sein können, erneut genießen - als Zeichner und Arrangeur von Erinnerungen. Auch wir sollen begeistert sein. Nicht von ihrem Charakter (unklar), nicht von klugen Sentenzen aus ihrem Mund (die bleiben aus), sondern einfach von ihrer Anwesenheit, von ihrer Schönheit, von ihrem Gesicht, von ihren Bewegungen.

Ob Yukiko, wäre sie auch Künstlerin, diese knappen zwei Wochen jemals zu einem Werk verdichtet hätte? Vielleicht hatte sie die Episode mit dem Franzosen kurze Zeit später schon in einem Nebenfach links unten abgelegt, zu dem man sich nie herunter bückt. Doch darin liegt keine Tragik, kein Bedauern. Es geht nicht darum, etwas zu behalten, auszubauen, sturmsicher zu machen. Magie durch Befristung. Kein Ende mit Geigen. Die beiden haben schön miteinander gespielt.


Donaueschinger Musiktage 2006
Donaueschinger Musiktage 2006
Wird angeboten von MUSIK-PARTNER-DE
Preis: EUR 13,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Rettung durch Estrada, 3. November 2011
Rezension bezieht sich auf: Donaueschinger Musiktage 2006 (Audio CD)
In Donaueschingen schwappt, mit Verlaub, immer wieder auch dünnbrettgebohrter Rotz ins Auditorium, der sich live eventuell passabel anhört, doch ohne soziale Einbettung, ohne Gucken und Klatschen - somit nur durch Boxen oder Kopfhörer fließend - offenbart sich so manche Halbheit, die sich allzu schnell verbraucht und schal wird schon beim ersten Hören. Wolfgang Rihm lieferte für den Jahrgang 2006 die denkbar drögeste Partitur ab, die er je für die Musiktage ersann, während Saed Haddad auf Klein-Klein macht, bis nichts Konkretes mehr übrig bleibt. Ole-Henrik Moe lässt es auf eigentümliche Weise quietschen, und Julio Estrada schließlich entschädigt für das Schwächeln der anderen Kandidaten. Sie alle schrieben für Streichquartett + X, abgesehen von Haddad. Bei Rihm kommt ein Sopran hinzu, Moe fiedelt selbst auf der Violine mit und hat streng genommen ein Quintett eingereicht, Estrada schließlich singt auf eigentümliche Weise zu den Streichergeräuschen der Ardittis. Doch so vernichtend sich diese Einführung lesen mag: Alle Kompositionen zeigen sich einer näheren Betrachtung würdig.

"Lenger" von Moe mit fast 14 Minuten ist eine exzentrische Partitur wie auch alle anderen Streichquartette des Norwegers. In den ersten Minuten dürften die wenigsten, wenn es nicht drauf stehen würde, überhaupt akustische Instrumente vermuten. Als würde hochgepitchtes Vogelzwitschern elektronisch bearbeitet worden sein. Immerhin gönnt uns der Komponist auch mal eher reguläres Klagen und Schluchzen, ganz zum Schluss wird das Stück dann so leise, dass man glaubt, die Ardittis wären während der Ausübung ihrer Quietschepflicht anästhesiert worden. Ich hatte mir fest vorgenommen, diese elendige Schrubberei nur ein einziges Mal zu durchleiden - und bin dann doch mehrfach eingestiegen. Moe spinnt. Aber wer ihn hört, für den gilt das auch ein bisschen.

Die größte Enttäuschung ist für mich die fragmentarische Sammlung "Joie voilée" von Saed Haddad - frei von Orientalismen, frei übrigens auch von Prägnanz, von eigentlich allem, was man von Kunst erhofft. 14 Stückchen, "über Fröhlichkeit, über Wärme, über Bescheidenheit, über Gelassenheit, über Kollektivität..." - es hätten Miniaturen eines blitzgescheiten Geistes sein können. Doch all das tönt wie hauruckende Skizzen auf Autopilot, zusammenhangslos, erkaltet und einschläfernd.

"Akt und Tag" von Rihm - ich verstehe es nicht. Da sollte man wohl besser schweigen. Ich gehe den geschwätzigen Weg. Zwanzig Minuten lang zurück haltende, einfachste Streicherfiguren, angehaltene, gehemmte Klänge, leichte Erstarrungserscheinungen. Dazu gehackte Vokalisen, die selbst Meredith Monk in ihren schlechteren Stücken nicht so einschläfernd und zerdehnt serviert. Ein mieses Timing, oder habe ich da etwas nicht begriffen? Es folgen fünf Minuten mit erhöhtem Aktivitätsgrad. William Blake lieferte die Worte, doch Rihm erreicht nicht das Niveau seiner Liederzyklen. Die letzten Takte dann vergleichsweise interessant, samt Gummidämpfer für dumpferen Klang im Cello. Doch dann ist das Stück zu Ende. Zu viele leise Zonen nach meinem Geschmack.

"Quotidianus" von Julio Estrada entschädigt zwar nicht für den erlittenen Mangel in den 55 Minuten davor, dafür ist sein Werk mit zehn Minuten etwas zu kurz. Aber ich bin rückhaltlos begeistert von seiner dramaturgischen Finesse. Jeder Klang, jedes Geräusch ist am richtigen Ort. Die Gewichtung stimmt. Ein Krimi für SQ - und Estrada selbst gurgelt und röchelt im Stile des japanischen Noh-Theaters dazu. Nein, ich muss mich korrigieren, es ist ein subtiler, akustischer Horrorfilm, der da in den Raum tröpfelt. Zwar auch im unteren Lautstärkebereich flanierend, aber so schaurig und originell und richtig dosiert - ja, jeder Laut ergibt Sinn, hier gibt es kein Zuviel, kein Zuwenig, man wird nicht eingekleistert, und die zeitweilige Stille hat Gewicht, hat eine Färbung. Abgesehen mal davon, dass Estradas Gesang einzigartig ist, er ist ein Hund, ein geschlagenes Tier. Gleichwohl ein radikales Werk. 99,5 Prozent der westlichen Menschheit werden das gar nicht für Musik halten.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 18, 2012 5:17 PM CET


1001 Comics You Must Read Before You Die
1001 Comics You Must Read Before You Die
von Cassell Illustrated
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,95

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kenner aus aller Welt haben gewählt, 28. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Nur Paul Gravett mit seiner internationalen Perspektive, seiner dreißigjährigen Erfahrung als Journalist und Publizist, als Beobachter und Vorfühler für Strömungen jenseits des englischen- und französischsprachigen Raumes kam für diesen Job in Frage. Selbstverständlich muss man die Auswahl an mancher Stelle hinterfragen, doch sie ist so opulent wie sonst nirgendwo. Nicht mal Gravett selbst hatte zum Zeitpunkt der Veröffentlichung alle vorgestellten Comics und Graphic Novels gelesen, einige lagen bei Drucklegung noch nicht einmal in englischer Sprache vor. Das bedeutet, dass nun Hunderttausende Leser in aller Welt etwas von Martin tom Dieck erfahren ("Hundert Ansichten der Speicherstadt"). Oder von Anke Feuchtenberger ("Die Hure H"). Ein derartiger Differenzierungsgrad hat mich überaus erstaunt. Koreanische, ägyptische, polnische, finnische Arbeiten werden vorgestellt. Und natürlich reichlich Manga, Superhelden, Asterix, gleichwohl Trondheim, Ware und Mattotti, ja sogar David Lynchs bahnbrechender, reduktionistischer Strip "The Angriest Dog in the World" ist dabei, "Spy vs. Spy","Hägar...". Der Art-Bereich ist vertreten u. a. mit "Walking the Dog" von David Hughes, "Travel" (Yokoyama) oder "Maggots" (Chippendale).

Geht es um 1.001 Songs oder 1.001 Bands, steht den Autoren meist ihre eigene Faszination im Weg, die in nicht geringem Umfang vom Image, von der Hotness und der soziohistorischen Bedeutung durchpilzt ist, somit Dingen, die mit dem Werk und ihrer gegenwärtigen Rezeption wenig bis nichts zu tun haben. Bei Graphic Novels sind solche Sekundärebenen kaum relevant. Hier steht das Buch, die Story, die Umsetzung im Vordergrund, anstatt Zeichner und Szenaristen über alle Maßen abzufeiern. Die Sammlung geht weit über einen zu bewältigenden Kanon hinaus, streift auch Randgebiete, wobei manche Aufnahme nicht unbedingt künstlerisch begründet ist (z. B. "Siberia"), sondern nur den Blick auf vernachlässigte Comic-Kulturen öffnen soll. Die 68 Autoren aus aller Welt, fast ein Drittel davon Frauen, erklären uns nicht nur Tezuka, sondern eben auch recht unbekanntes Terrain (aus deutscher, britischer und amerikanischer Sicht) wie "Theodore Death Head", "White Death", "Reflections" oder "Nothing Broth" (samt Nennung der eigentlichen Originaltitel, des ersten Verlages, der Nationalität der Künstler, dem Genre, manchmal auch "similar reads" oder die Angabe, ob eine Verfilmung erfolgt ist). Alles in chronologischer Reihenfolge. Die Sammlung endet mit "Habibi" von Craig Thompson.

Sicherlich kann man sich fragen, warum folgende Arbeiten unbedingt aufgenommen werden mussten: "Fix und Foxi" (1952; denn Verbreitung ist das eine, Qualität das andere, und nicht nur Wim Wenders als Kind fand die Füchse dröge), "The Adventures of Phoebe Zeit-Geist" (1965; wohl eher ein Kuriosum, wie eine Nackte bei jeglicher Gelegenheit gefesselt und gefoltert wird), "The Man-Thing" (1972; drittklassiger Swamp-Thing-Nonsens), "Daily Delirium" (1987; nichts anderes als "Der alltägliche Wahn", vollkommen überschätzte Satiren), "Fruits Basket" (1999; Glupschaugendreck aus Japan, für teddybärenwerfende Mädchen), "We3" (2004; Gewaltpornoactiongülle mit Kampfmaschienentierchen für Jungs, die nicht so gerne lesen) und "Walking with Samuel" (2009; Farbrausch ohne Sinn). Doch diese Liste stetig zu verlängern, fällt schwer. Zu schlüssig sind die Begründungen, warum gerade dieser oder jener Comic bedeutungsvoll ist oder war. Zumal die Texte sehr prägnant heraus arbeiten, was das jeweilige Werk künstlerisch oder zumindest genreprägend besonders macht. Wobei für meinen Geschmack immer noch zu viele Superhelden am Tisch sitzen. Warum für "Asterix" oder "Corto Maltese" nicht die Nennung eines exemplarischen Albums gereicht hat, leuchtet mir nicht ganz ein. Doch schließlich lernt man hier auch etwas über Comic-Geschichte, über die ersten Jahrzehnte, und sogar Max Beckmann ist vertreten. Dieser Backstein von Buch ist Langzeitlektüre. Für viele Jahre.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 30, 2012 7:08 AM MEST


Lichtes Spiel/Time Machines
Lichtes Spiel/Time Machines
Preis: EUR 19,77

12 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mutter (gemäßigt) Modern, 15. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Lichtes Spiel/Time Machines (Audio CD)
Ist Rihm, der physiognomisch immer mehr einem gutmütigen und weisen Riesen-Baby ähnelt, jetzt "Korngold 2.0" oder gar jemand, der im Supermarkt darauf lauert, dass ein Familienvater mit Polo-Shirt und Cordhose seine Melodien am Kühlregal pfeift? Und will Anne-Sophie Mutter nun wirklich hin zu neuen Ufern oder nur mit unangreifbaren, nicht unbedingt mehr neutönenden Klangarchitekten wie Gubaidulina, Penderecki und eben Rihm abgeschliffene, quasi-vertraute Musik auf der Taufe heben, bei der sich auch Oberbürgermeister mit grau-kariertem Sakko, die Richard Strauss für 20. Jahrhundert halten, ein wissendes Kulturlächeln abringen können? Diese Fragen, so nahe liegend sie auch sein mögen, sind die falschen Fragen. Weil Rihm, siehe die "Seraphin-Sinfonie" (2011), immer noch ein milder Extremist ist, seine verzwickten Banderolen fliegen lässt, radiert, zentrifugiert, frisch tapeziert, aber eben auch ein Schmeichler ist, ein Ironiker, vor allem jemand, der zwischen all dem changiert ohne Absicht, ohne Masterplan, der sich all diese Zuschreibungen wahrscheinlich verbitten würde. Um die zweite Frage zu demontieren: Wäre Norbert Moret ohne Mutter irgend jemandem bekannt außer ein paar versprengten Schweizern und Franzosen? Sebastien Currier ist auch nicht unbedingt eine allzu strahlende Komponistenpersönlichkeit. Ganz so einfach darf man es sich somit nicht machen.

Schöne, schönste Stellen
"Lichtes Spiel" ist ein Meisterwerk, makellos, sitzt wie die Frisur und die Diktion der Interpretin. Es sind 17 Minuten, die nicht direkt an mein Innerstes rühren, aber alle äußeren Membranen zum Schwingen bringen, bis auch mein Kern leicht mitvibriert, indirekt angeregt und verzaubert. Es hört sich vertraut an, fast mozartianisch zuweilen, dann wieder angewienert, diese Endlosmelodie, diese Sommerlichkeit (mit Wiese, Bienen, wolkenlosem Himmel), die in den allerletzten Takten sogar das Abgedunkelte zulässt, diese Verspieltheit ("ihr beseelter Ton"), Kindlichkeit, Höhenzauber, eine Schönheit, der man mitsingend gar nicht folgen kann und doch ein einziger Gesang ist, und dann, bevor der digitale Anzeiger auf 16:00 springt, eine unfassbar wundervolle Stelle, der einzige richtige Allusions-Moment, vollendete 15 Sekunden, die den Vergleich zu den Wärmestrahlen im 2. Satz seines 3. SQ heraus fordern. Gewiss keine Musik, die bis in ihre Tiefenstrukturen - mag sein: sie hat keine - analysiert werden wird. Aber eine, von der ich nicht loskomme. Ich schreibe diese Zeilen und höre "Lichtes Spiel" zum 77. Mal. Vermutlich Suchtverhalten.

Zwei reichen aus
Nach wie vor wird "Gesungene Zeit" das meistverkaufteste Rihm-Album bleiben. Dicht gefolgt von diesem hier. Rihm ist nirgendwo im Booklet abgebildet. Alles durchgemuttert. Penderecki ist auch tönend dabei. Kaum zu glauben: Dieses nur fünfminütige Stück für Violine und Kontrabass ist in seiner Verdichtung so gelungen wie nur weniges von ihm, spannungsreich, unpeinlich, klassisch gebaut. Ja, Penderecki kann, wenn er will - eine Erkenntnis, die mich erstaunt, denn ich bin wahrlich kein Freund des Polen. Dann wieder Rihm, für dieselbe Besetzung - sehr viel moderner und damit auch heraus fordernder, bergiger als "Lichtes Spiel", angekratzt, verbrummelt, mit sehr viel mehr Volumen, man wähnt da mehrere Spieler am Werk als nur zwei, die beide ohne Unterlass monologisieren. Schließlich Currier. Seine "Time Machines" oszillieren zwischen lieblicher amerikanischer Umarmung, die John Corigliano etwas versierter hinbekommt, großer, vollmundiger orchestraler Geste mit romantischem Einschlag und kammermusikalischen Brücken, die etwas rauer, quirliger, zappelnder sind. So richtig schwer Eindruck macht das nicht. Ist manchmal zu leise. Dann wieder unnötig laut. Mehr als ein laues Lüftchen, gewiss, aber in die Annalen der Violinliteratur reiht sich diese Nettigkeit nicht ein.

"Liebe Frau Mutter, es gibt da einen Mann..."
Die meisten Geiger mit Affinität zur Neuen Musik wagen mehr. Sogar Julia Fischer, die sich auf Matthias Pintscher einließ. Anne-Sophie Mutter würde nie ein Violinkonzert bei Pascal Dusapin oder Harrison Birtwistle in Auftrag geben. Eine Empfehlung habe ich freilich doch, sie ist furchtbar nahe liegend - für das Jahr 2020 oder später: Jörg Widmann. Von ihm darf sie Geziertes erwarten, geschwungene Linien, Wohlklang, Sowohl- und Als-Auch-Klang. Rosengärten, Romantikschein. Nur sollte sie ihn warnen: "Bleiben Sie unter 20 Minuten!" Dann wird es gut gehen.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 1, 2013 4:08 PM MEST


Timber
Timber
Preis: EUR 19,62

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Holzgirlanden, 2. Oktober 2011
Rezension bezieht sich auf: Timber (Audio CD)
Iannis Xenakis nutzte für "Persephassa" bereits 1969 ein ganzes Arsenal an Schlaginstrumenten, darunter auch von ihm so benannte Simantras, längliche Holzblöcke ohne inneren Resonanzraum, unterschiedlich lang - wie frisch aus dem Baumarkt. Die Klangeigenschaften sind erstaunlich, zumal nicht knochig-hölzern, schon gar nicht, wenn wie hier gleich sechs Simantras geschlagen werden. Ihr reiches Obertonspektrum sorgt für kontinuierliche, fast elektronisch anmutende, orgelhafte Schwaden. So primitiv ein einzelnes Simantra tönen mag, mit der Vervielfachung wird ein perkussiver Reichtum erreicht, der gleichzeitig etwas fremd und dabei ganz natürlich erscheint. Dass hier Holz geschlagen wird, leuchtet sofort intuitiv ein, auch wenn man die instrumentalen Details gar nicht kennt. Dabei wusste Michael Gordon während des Kompositionsprozesses lange Zeit nicht, mit welchem ungestimmten Instrument seine Anweisungen überhaupt am besten umzusetzen seien. Die ursprüngliche Fassung von "Timber" dauert 75 Minuten und wurde - und das war auch nötig - auf 55 Minuten herunter gekürzt. Es ist ein sehr reduziertes, minimalistisches Stück reinsten Wassers. Einerseits asketisch, andererseits bei längerer Beschäftigung für ein Unendlichkeitsgefühl verantwortlich, trancehaft, überzeitlich.

In unserer Zeit sind es vor allem Werke für Percussion oder Live-Elektronik, die neue Möglichkeiten der Klanggestaltung - vor allem räumlich - aufzeigen und eine akustische Erfahrung versprechen, die auch unkundige Hörer in den Bann ziehen kann. Ob das klassische Orchester im vorderen Teil des Saales noch für Innovationen taugt - in den 60ern, 70ern war das mit Sicherheit noch so - darf mittlerweile bezweifelt werden. Die schiere Bandbreite geschlagener Klänge tut ihr übriges dazu, denn jeder weiß, wie ein Cello klingt, was eine Kalimba oder ein Tom-Tom hingegen alles kann, ist noch kein akustisches Allgemeinwissen. Und es gibt immer auch etwas zu sehen, mehr noch als bei Geigern oder Posaunisten. Zwei Stücke für Percussion haben in den vergangenen Jahren für großes Aufsehen bei Insidern gesorgt, beide aus Nordamerika: Zum einen "Inuksuit" von John Luther Adams, das auf Tonträger überhaupt nicht adäquat eingefangen werden kann. Es könnte eine existenzielle Erfahrung sein und so manchen dazu bringen, eine brotlose Existenz als Komponist zu wagen - oder Schlagzeuger zu werden. Zum anderen "Timber", das erheblich weniger Farbe hat und fast schon unaufwändig daher kommt. "Drumming" von Steve Reich, abgesehen mal davon, dass es länger ist, fühlt sich komplexer an - da heißt es, die Unterforderung annehmen. Michael Gordon selbst hat mehrfach mit dem Raumklang gespielt, beispielweise ist das Orchester in "Decasia" um das Publikum herum aufgestellt und teilweise ungestimmt. Bekanntermaßen hat Xenakis in "Terretektorh" die 88 Spieler sogar im Zuschauerraum verteilt. Man müsste schon umgeben sein von den sechs Spielern, um ganz genau zu begreifen, worum es hier eigentlich geht.

"Timber" besteht aus fünf Teilen. Anfangs glaubte ich, Teil 1 und Teil 2 seien identisch, aber das stimmt natürlich nicht. Jeder Spieler ist zunächst mit seinem Holzblock beschäftigt, später wechseln sie ihre Position und stellen sich jeweils zwischen zwei Simantras, was den Gesamtklang natürlich verändert. Bis auf den Beginn eines Teils oder manchen Abschluss sind immer alle sechs Percussionisten im Einsatz. Abrupte Rhytmuswechsel oder Klanglichtungen gibt es in dieser Komposition nicht. Ein Dauerklopfen, einfache, sich überlagernde Patterns, dicht gewebt, manchmal langsamer, es wird auch mal das Tempo angezogen, Überraschungen sind nicht vorgesehen. Die Klangfarbe und die Konsequenz seines Ansatzes müssen ausreichen. Wie man sich dazu ein Ballett vorzustellen hat - in den Niederlanden wurde es aufgeführt - liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft. "Timber" könnte lange Autofahrten grundieren und ihnen einen eingebildeten archaischen Sinn verleihen, denn diese Musik ist reine Bewegung, die aber nicht nach vorne treibt, sondern nach innen. Man klinkt sich ein, badet seine Ohren darin.

Das Package Design ist das mit Abstand beste und schlüssigste, das ich jemals in Händen hielt, und ich kenne durchaus Labels wie Tzadik oder NURNICHTNUR. Die Box ist etwas größer als gemeine Jewel Cases, aus Echtholz, darauf gelasert: Sechs Simantras als Vektorgrafik, sternförmig angeordnet. Ein kleiner Magnet hält die beiden Teile zusammen. Ein Schmuckstück. Doch die Musik wird bei vielen Kopfschütteln auslösen. Die Frage ist tatsächlich: Was hat Michael Gordon hier eigentlich erfunden? Schwer zu sagen. Ich stelle mir diese Frage nicht mehr. Beeindruckt bin ich von der Präzision, der Disziplin von Slagwerk Den Haag.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 31, 2011 5:22 AM CET


Töne der Angst: Die Musik im Horrorfilm
Töne der Angst: Die Musik im Horrorfilm
von Frank Hentschel
  Broschiert
Preis: EUR 32,90

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie sich Angst anhört, 25. September 2011
Eine Juristin, auch schwieriger Literatur zugetan, mit Sicherheit auch abstrakter Kunst, erzählte neulich von einem Schönberg-Erlebnis. Es müssen die "Fünf Orchesterstücke" gewesen sein. Ein Freund hätte sie ins Konzert geschleppt. Sie war "schockiert". Für sie nicht fassbar, Unklang, Verlärmtes. Für einen wie mich, vertraut mit Stockhausen und Lutoslawski, eine bemerkenswerte Einschätzung. Man muss sich das immer wieder neu vor Augen halten: Neue Musik ist nicht "angekommen", schon gar nicht in der ungefähren Mitte irgendeiner Gesellschaft, auch nicht zwangsläufig bei Menschen, die Thomas Mann inhalieren und sich profund zu Roberto Bolano äußern können. Sie "nischt" bis in alle Ewigkeit, von Pärt, Glass, Reich und Konsorten mal abgesehen. Doch wir alle haben kein Problem mit der Duschszene in "Psycho", der "romantischen Atonalität" des frühen Rosenman, mit den avancierteren Partituren eines Elliott Goldenthal ("Alien³"), mit Goldsmiths "Coma" oder "Freud", wenn wir die dazu gehörigen Filme sehen und die Musik weit gehend nebenkanalig wahr nehmen. Horrorfilme insbesondere der 70er strotzen nur so vor radikaler Neuer Musik, mitunter greift die Regie sogar auf absolute, präexistierende Werke zurück (prominentes Beispiel: "Shining", mit Musik vor allem von Penderecki) oder hauptberufliche Filmkomponisten nutzen die Errungenschaften der Avantgarde, um das Böse, das Fremde, den Eindringling (oder das "Beast from within") in all seiner Gefahr tönend zu begleiten, die Gefühle des Zuschauers hin ins Unangenehme zu steuern.

Hentschel denkt nicht in Genres. Wenn er Horrorfilm meint, fallen auch "Forbidden Planet", "Eraserhead" und "Irreversible" darunter. Die ideale Zielgruppe für dieses Buch wären Horrorfilmfans, die regelmäßig Neue Musik hören. Im deutschen Sprachraum dürften das nur wenige hundert Menschen sein, denn das ist eine fast unmögliche Kongruenz. Niedrigst- und Höchstkultur berühren sich allzu selten. Doch da Hentschel den Radius weit spannt und nicht zwangsläufig "Cannibal Holocaust" oder "Saw" meint, kann jeder dieser sehr profunde, sprachlich brillante Arbeit - das beste deutschsprachige Buch über Filmmusik und Sound Design überhaupt - lesen und die zahlreichen Ausschnitte auf der Begleit-DVD danach mit sehr viel Erkenntnisgewinn betrachten. Sich die nach musikalischen Gesichtspunkten ausgewählten Clips vor der Lektüre anzusehen, ergibt wenig Sinn.

Musik, die irritiert, die etwas Neues hinzu addiert, einfärbt, eindunkelt, diametral angelegt ist und dadurch die Angst potenziert, die ohne Filmbild womöglich gar nicht als Musik wahr genommen werden würde. So wie ein Bekannter von mir fassungslos war, als ihm klar wurde, dass die Klänge nach dem Absturz in "Fearless" - wahrlich kein Horrorfilm - komponiert sind ("Polymorphia"). Hentschel hat sein Buch "Töne der Angst" genannt, denn es geht auch um Körperlaute ("Body Sounds"), Geräuschmusik (wie in "The Texas Chain Saw Massacre"), brodelnde Environments ("Eraserhead") mit Industrial-Einschlag und Blubberglucks wie in "Forbidden Planet". In einem 40-seitigen großen Exkurs geht er zurück zu Franz Waxman, hin zu Leonard Rosenman ("The Cobweb"), stellt uns elektronische Orgeln vor und wie sie wann von wem eingesetzt wurden, um einen bestimmten Effekt zu erzielen, dann das Theremin und Sinusgeräusche stockhausen style. Fast dreißig Seiten nur zu Chormusik und religiösen Bezügen ("The Omen", "Carnival of Souls", "Candyman"), und seine Beschreibung der Gesamtanlage eines Scores und einzelner Cues gehört zum Besten, was ich - englischsprachige Titel eingerechnet - jemals über Filmmusik gelesen habe. Kinderlieder und Spieluhren: Man trifft auf sie heute noch in Filmen der letzten Jahre, und Hentschel weiß auch, warum sie in "The Bad Seed", "You Better Watch out" und "The Innocents" so gut funktionieren. Nebenbei lernt man durch "Töne der Angst" Filme aller Epochen kennen, die auch gut informierte Cineasten nicht unbedingt kennen, nehmen wir "Black Christmas" oder "The Last House on the Left".

Vor dem Glossar drei Seiten zur FSK, Schnittauflagen, Verboten. So etwas wie eine kurze Kampfschrift. Unpassend, weil nicht Musik betreffend. Zumindest hätten Kompositionen von Shore, Goldenthal und Young (insbesondere der außergewöhnliche Ansatz in "The Vagrant") ausführlicher besprochen werden müssen, anstatt nur hier und dort mal "Hellraiser" zu erwähnen; der Autor konzentriert sich auffallend stark auf Filme der 60er und 70er. Ansonsten kann man noch so lange suchen: Man wird nichts Kritisches finden. Wenn Sie wissen wollen, warum der Horror vor allem akustisch vermittelt wird, muss sich "Töne der Angst" zulegen.

Neben den bereits erwähnten Filmen werden die Klangkonzepte zu folgenden Filmen ausführlicher gewürdigt: "The Exorcist", "The Birds", "Profondo rosso", "God told me to", "Night of the living dead" (der nur aus stock music besteht), "The Offence" (Birtwistles einzige Filmkomposition, ein unbekannter Meilenstein im Bereich radikaler Musik im Mainstream-Film) und noch ein paar andere. Auf der DVD finden sich u. a. exemplarische Szenen aus "Eraserhead" (gleich drei!), "Rabid", "Shivers", "You better watch out", "The Exorcist", natürlich "Shining", "Carrie", "Re-Animator", "Evil Dead", "The Bad Seed" - manche nur 30 Sekunden lang, andere über zwei Minuten. Sehr gut gestaltet, absolut einleuchtend, wenn man die Clips mit der Lektüre verknüpft. Der recht hohe Buchpreis ist absolut gerechtfertigt.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 23, 2015 10:56 PM CET


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