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Muschelkalk (Hamburg)

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Feuer und Stein
Feuer und Stein
von Diana Gabaldon
  Taschenbuch

46 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hirn aus, Unterhaltung an, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Feuer und Stein (Taschenbuch)
Das mußt Du lesen! versicherte eine Freundin.
Muß ich gar nicht, dachte ich. Amerikanische Hausfrauenphantasien, nein danke!

Gelesen habe ich es dann doch. Und alle Voraussetzungen für einen Ein-Sterne-Verriß schienen gegeben: Krankenschwester reist durch Steine in ferne Zeit und findet dort jede Menge Flöhe und Wanzen, einen bösen Bösewicht sowie ihre große Liebe vor. Gut, daß die Dame zum medizinischen Fachpersonal gehört, denn so kann sie sich nicht nur ausführlich über die desolaten hygienischen Zustände ergehen, sondern auch ihre große Liebe nach den zahlreichen Auseinandersetzungen mit dem bösen Bösewicht immer wieder zusammenflicken. Ach ja, die große Liebe: Versteht etwas von Gutsverwaltung, hat im Lauf seiner dreiundzwanzig Lebensjahre vier Sprachen fließend erlernt, nebenbei einige Zeit im Kloster - im Gefängnis- auf der Burg seines Onkels verbracht, versteht etwas von Viehdiebstahl, ist darüber zum allerdings zum Outlaw geworden, nebenbei ein ausgezeichneter Pferdepfleger und in allen Kampfarten so gut wie unbesiegbar... ja, da werden einem die Beschränkungen des eigenen Lebens mal wieder traurig bewußt. Sonst noch was? Ein Hexenprozeß (was waren das bloß für barbarische Zeiten!), eine verprügelte Ehefrau (was waren das bloß für barbarische Zeiten!), die Untaten des bösen Bösewichts (was waren das bloß für barbarische Zeiten!). Ort des Geschehens ist übrigens Schottland, oder zumindest etwas, das sich Schottland nennt. Ich persönlich habe ja den Verdacht, daß die Autorin Schottland vor dem Verfassen dieses Buches nie betreten hat und es nur als Kulisse gewählt hat, weil die ortsübliche Herrenbekleidung den umfangreichen Aktivitäten der Protagonisten in Heuschobern und auf Strohmatratzen so entgegenkommt.

So. Und warum vergebe ich nun mehr als einen Stern? Weil ich mich, zumindest bis zum letzten Drittel, trotz allem gut unterhalten gefühlt habe. Die Betonung liegt auf UNTERHALTEN, es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger. Manche Szenen sind drastisch, andere sehr witzig, manche strotzen vor Klischees, andere sind originell. Manches ist fragwürdig und nichts ist glaubwürdig (und damit meine ich nicht nur Zeitreisen durch Steine), und am Ende hat man alles schnell vergessen. Mein Gehirn bedankt sich für die Auszeit und ich für die gute Unterhaltung.
Kommentar Kommentare (13) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 20, 2012 11:24 AM MEST


Der Tribun. Roman
Der Tribun. Roman
von Iris Kammerer
  Taschenbuch

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neues aus Germanien, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Tribun. Roman (Taschenbuch)
Zugegeben: Man muß sich auf die Sprache einlassen. Wer das nicht tut, dem wird "Der Tribun" auch nicht gefallen.

In bildreichen, manchmal altmodischen Worten erzählt Iris Kammerer die Geschichte des römischen Offiziers Cinna, den es als Geisel in ein germanisches Dorf verschlägt. Der Zeitpunkt - kurz nach der Varusschlacht - ist denkbar ungünstig, die römisch-germanischen Beziehungen befinden sich auf einem Tiefpunkt und sind auf beiden Seiten von Rache- und Vergeltungsgedanken geprägt. Dennoch geschieht das scheinbar Unmögliche: Man nähert sich einander an. Die Germanen respektieren den Mut, den Überlebenswillen und die Geschicklichkeit ihres römischen "Gastes", der kühle, oft egoistisch wirkende Cinna hingegen erfährt bei den "Barbaren" zum ersten Mal den Wert von menschlicher Wärme und familiärer Geborgenheit.

Dieser Cinna ist ein unbequemer Held, der dem Leser anfangs keineswegs als Sympathieträger präsentiert wird und mit dem man sich trotzdem mehr und mehr identifiziert. Ohne jede Schwarz-Weiß-Malerei, in schönen Bildern und mit sehr lebendigen Charakteren werden die Handlungen sowohl der Römer als auch der Germanen nachvollziehbar.

Ungewöhnliche Idee, ungewöhnliche Perspektive, ungewöhnliche Erzählweise: Ein kleines Juwel auf dem überlaufenen Markt für historische Romane.


Der Schatten des Windes. Roman
Der Schatten des Windes. Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bücher suchen ein Zuhause, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Schatten des Windes. Roman (Taschenbuch)
Was für eine wunderbare Idee: Versteckt in Barcelona gibt es einen Ort für Bücher, die niemand mehr lesen will. Mit Glück wird eines dieser Bücher von einem Besucher adoptiert und kehrt so in das Bewußtsein der Welt zurück.
"Der Schatten des Windes" heißt das Buch, das Daniel sich aussucht. Fasziniert von dem Autoren Julian Carax, versucht er mehr über ihn herauszufinden - und steckt bald selbst mitten in einer Geschichte, in der Romanfiguren lebendig werden und sein eigenes Schicksal dem von Carax` immer ähnlicher wird...

Carlos Ruiz Zafon mischt einen Cocktail aus Detektivgeschichte, Liebesschmöker, Schauerroman und Jugendbuch, gewürzt mit einer kräftigen Prise Historie in Form des Spanischen Bürgerkrieges. Das Ganze ist spannend, unterhaltsam, oft traurig, manchmal lustig und in jedem Fall gut zu lesen, wobei der Stil aber häufig sehr schlicht ist. Ruiz Zafon beschränkt sich größtenteils auf das Nacherzählen von Tatsachen, und insbesondere die Rückblicke auf Julian Carax` Kindheit und Jugend wirkten auf mich dadurch sehr emotionslos.

Irritiert hat mich auch der eine oder andere Charakter: Alle Figuren inklusive Nebendarsteller werden ausführlich vorgestellt, allerdings sehr eindimensional im Schwarz-Weiß-Muster. Wer als "Guter" eingeführt wird, bleibt es, wer als "Böser" daherkommt, ist unter Garantie böse und hat kaum Aussichten auf Besserung. Ausgerechnet eine der wichtigsten Figuren jedoch, Carax` große Liebe Penelope, Dreh-und Angelpunkt seines Schicksals, bleibt vollkommen blaß. Wir erfahren eigentlich nichts über sie, außer daß sie gerne liest. Ansonsten handelt es sich um Liebe auf den ersten Blick, aber was Carax und Penelope wirklich aneinander finden und einander erzählen, bleibt ihr Geheimnis.

Fazit: Ein spannender Schmöker für alle, die Bücher lieben. Carlos Ruiz Zafon wird nie den Nobelpreis für Literatur bekommen, und er schreibt bessere Schauerromane als Liebesgeschichten. Vier Sterne hat dieses originelle Buch aber auf jeden Fall verdient.


Prestige - Die Meister der Magie
Prestige - Die Meister der Magie
DVD ~ Michael Caine
Preis: EUR 4,97

39 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Jeder große Film..., 9. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Prestige - Die Meister der Magie (DVD)
... besteht aus drei Akten:
Der erste Akt ist die Ankündigung. Die Freunde Robert Angier und Alfred Borden sind junge Nachwuchsmagier im viktorianischen London. Noch stehen sie nicht selbst auf der Bühne, sondern assistieren ihren Vorbildern - oder versuchen, hinter deren Tricks zu kommen.
Der zweite Akt ist die Wendung: Bei einem Bühnenunfall stirbt Angiers Frau - seiner Meinung nach durch Bordens Schuld. Aus seinem Verlangen nach Rache erwächst ein tödlicher Wettlauf um den dritten Akt: Die perfekte Illusion, den besten Zaubertrick, der kein Trick, sondern wahre Magie ist. Und die scheint nur Borden zu beherrschen...

Die intelligente Handlung wird in schönen, sehr stimmigen Bildern mit großartigen Darstellern erzählt: Christian Bale überzeugt in allen Facetten seines vielseitigen Charakters, und Michael Caine würde wahrscheinlich selbst bei einer Lesung des Telefonbuches mehr Charisma verströmen als andere Schauspieler in ihrem gesamten Berufsleben. Und war das wirklich David Bowie, der da eben durch die Szene gelaufen ist? Ja, er war es! Unterstrichen wird das ganze noch von der unaufdringlichen, niemals überdramatischen, aber immer unheilverkündenden Filmmusik.

Prestige ist kein leichter Film für einen gemütlichen Popcorn-Fernsehabend. Die verschachtelte Erzählweise auf mehreren Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven erfordert viel Aufmerksamkeit. Zwei Rätsel gibt es für den Zuschauer zu lösen, und während die Lösung des einen relativ einfach und logisch ist, ist die des anderen... aber das soll jeder selbst herausfinden. Die Fragestellung, die sich im Film immer weiter aufbaut: Was würdest Du opfern, um Deinen größten Traum zu verwirklichen? richtet sich nach der Auflösung jedenfalls nicht mehr an die beiden Magier, sondern auch an den Zuschauer.

Wahre Magie gibt es übrigens wirklich: Eine andere Erklärung dafür, daß dieser großartige und bewegende Film an sämtlichen mir bekannten Kinosälen komplett vorbeigegangen ist, habe ich noch nicht gefunden. Wäre er nicht vor einigen Wochen im Fernsehen gelaufen, hätte ich nie von seiner Existenz erfahren.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 14, 2013 2:53 PM CET


Das Spiel des Engels. Roman
Das Spiel des Engels. Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Gebundene Ausgabe

237 von 260 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Zwiespalt, 7. Mai 2009
Wahrscheinlich bin ich der letzte Mensch auf der Welt, der den Schatten des Windes noch nicht gelesen hat. Insofern hatte ich bei der Lektüre von Das Spiel des Engels auch keine Erwartungen, die enttäuscht werden konnten. Und enttäuscht bin ich auch nicht. Nur vollkommen zwiegespalten.

Einerseits habe ich das Buch gerne und zügig gelesen, und insbesondere die schaurig-schönen Beschreibungen von Barcelona, das hier keineswegs als sonnendurchflutete Mittelmeerstadt daherkommt (wie ich es mir vorgestellt hatte), haben mir gut gefallen. Andererseits denke ich seit Tagen darüber nach, was genau ich in diesem Buch nicht begriffen habe - oder ob es vielleicht gar nichts zu begreifen gab.

Die Handlung: Der junge, ehrgeizige weil aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Schriftsteller David Martin bekommt von einem geheimnisvollen Verleger den geheimnisvollen Auftrag ein geheimnisvolles Buch zu schreiben. (Das Buch ist so geheimnisvoll, daß wir, die Leser, nie auch nur eine einzige Zeile aus dem Buch im Buch zu lesen bekommen. Das an sich finde ich bei einem Buch über das Bücherschreiben schon etwas befremdlich). Sowohl David als auch der Leser erkennen schnell, daß es sich um den klassischen Teufelspakt handelt, weshalb die verspäteten Versuche Davids, sich daraus zu befreien, für ihn und alle um ihn herum nur im Unglück enden können.

Das Buch hat meiner Meinung nach zwei Schwächen: Erstens verzettelt es sich in zu vielen phantastischen Elementen, von denen kein einziges schlüssig aufgelöst wird. Und da auch dem Autor die Lösungen fehlen, läßt er alles einfach in Mord und Totschlag enden.
Zweitens, und das ist wirklich fatal bei einem Roman, der in der ersten Person erzählt wird: Für den Ich-Erzähler David Martin kam bei mir bis zur letzten Seite keine Sympathie auf. Er wirkte auf mich eigenartig passiv und schwach, abhängig von stärkeren Charakteren wie seinem väterlichen Freund Don Pedro oder dem sympathischen Senor Sempere, und wird damit ein williges Opfer des "Engels". Selbst die eingeflochtene Liebesgeschichte berührte mich überhaupt nicht, weil ich den Protagonisten nicht liebenswert fand.

Und dann, andererseits, auch wieder starke Szenen: David hat endlich sein erstes Buch unter seinem eigenen Namen veröffentlicht. Voller Stolz läßt er seiner Mutter, die ihn als Kind verlassen hat, ein Exemplar zukommen. Er beobachtet, wie sie das Buch verständnislos anschaut und dann wegwirft. - Und während ich ernsthaft bis zur letzten Seite erwartet habe, daß die Mutter nochmals auftaucht, hat David die Kränkung innerhalb weniger Absätze vergessen und kommt nie wieder darauf zurück.

Mein Gesamteindruck ist, daß der Autor - der echte, Ruiz Zafon - sehr viele nette Ideen, aber keine Zeit, keine Lust oder keine Energie hatte, sie in einem logisch aufgebauten Roman zu verarbeiten. Folglich hat er einfach einzelne Szenen und Gedanken durch Fantasy-Elemente miteinander verbunden. Sehr clever. Frage ist nur, ob Klappentext und Kritik so wohlwollend gewesen wären, wäre dies der Erstling eines unbekannten Autoren und nicht der Nachfolger eines Weltbestsellers gewesen. Den werde ich übrigens als nächstes lesen... sehr gespannt und voller Erwartungen.
Kommentar Kommentare (14) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 17, 2013 9:35 AM MEST


Verbotene Liebschaften
Verbotene Liebschaften
von Lauren Willig
  Taschenbuch

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Albern und überflüssig, 10. September 2008
Rezension bezieht sich auf: Verbotene Liebschaften (Taschenbuch)
"Lieben Sie Bridget Jones? Mögen Sie Jane Austen? Genießen Sie einen spannenden historischen Hintergrund?" fragte mich der Klappentext in der Leihbücherei, und da ich diese Fragen mit JA! beantworten konnte, glaubte ich, das perfekte Buch für ein perfektes Lese-Wochenende gefunden zu haben.

Zuhause dann die totale Ernüchterung. Die Rahmenhandlung - amerikanische Historikerin gerät auf der Suche nach Familiengeheimnis mit englischem Aristokraten aneinander - entpuppt sich als dürr und vorhersehbar (tollpatschige, mit Kaffeeflecken versehene Historikerin und gutaussehender Aristokrat sind sich spontan unsympathisch, alles weitere läßt sich, allerdings deutlich witziger und überzeugender, tatsächlich bei Bridget Jones nachlesen).

Die Haupthandlung rankt sich um einen englischen Spionagering im napoleonischen Paris. Nette Idee, wenn man davon absieht, daß in diesem Paris nichts napoleonisch ist, nicht einmal Napoleon selbst. Dieser wird zur kleinwüchsigen Knallcharge degradiert, und das ist nur das geringste Ärgernis. Heldin Amy und Held Richard klammern sich in einem Durcheinander von Mißverständnissen und zerrissenen Rocksäumen aneinander und an das dünne Handlungsgerüst, unterstützt von einer Reihe von Nebenpersonen, die hauptsächlich einen Zweck erfüllen: Nämlich so skurril und unglaubwürdig wie nur irgendmöglich zu sein. Was das mit Jane Austen zu tun haben könnte, habe ich leider nicht begriffen.

Riesengroß dann mein Staunen, als ich auf Amazon.de feststellte, daß ich mit meiner Enttäuschung (fast) alleine dastehe. Dafür gibt es nur zwei Erklärungen: Entweder haben die Vier- und Fünf-Sterne-Verteiler ein anderes Buch gelesen - oder die Geschmäcker sind tatsächlich so verschieden.

Also: Lieben Sie Bridget Jones? Mögen Sie Jane Austen? Dann lassen Sie die Finger von diesem albernen und überflüssigen Buch.

PS: Der eine Stern geht nicht an die Autorin, sondern an den Verfasser des Klappentextes, der mich auf eine so vollkommen falsche Fährte gelockt hat.


Die Lagune des Löwen: Historischer Roman
Die Lagune des Löwen: Historischer Roman
von Charlotte Thomas
  Gebundene Ausgabe

36 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Mehr Originalität kann nicht schaden, 14. Juni 2008
"Die Lagune des Löwen" ist ein Historienschmöker für ausgedehnte Lesetage. Das Buch ist aufwendig ausgestattet und schon dank seines Covers ein echter Hingucker, die venezianische Kulisse läßt den Leser deutsches Regenwetter schnell vergessen. Trotzdem nur drei Sterne:
Kein Zweifel, daß die Autorin ihr Venedig umfangreich recherchiert hat. So weiß ich jetzt, daß man im Venedig der Renaissance erst eine Gamurra überstreift und in seine Zòccoli schlüpft, ehe man auf einem Sàndolo den Canalezzo entlangfährt, um sich an einem Ombretta-Stand eine Stärkung zu besorgen. Pech, wenn zwischendurch jemand aus der Contrada stirbt oder man unerwartet einer Strappado unterzogen wird.
Viereinhalb Seiten Glossar am Ende hinterließen bei mir das Gefühl, daß die Autorin mir ihr zweifellos beeindruckendes Fachwissen aufdrängen will, wo mich persönlich die tiefere Gefühlswelt ihrer Charaktere viel mehr interessiert hätte: Wie fühlt sich ein zwölfjähriges Mädchen, das seinen Lebensunterhalt als Prostituierte verdient? Wie erlebt ein entlaufener ostafrikanischer Sklavenjunge, der sich ohne die Sprache oder die Kultur zu verstehen durchschlagen muß, eine Stadt wie Venedig? Muß der allfällige Bösewicht wirklich sämtlichen möglichen perversen Neigungen anhängen, damit auch noch der beschränkteste Leser merkt, daß wir es mit einem richtig ekligen Bösewicht zu tun haben?
Und warum ist Laura, die weibliche Hauptperson, nur das x-te Abziehbild diverser weiblicher Hauptpersonen in historischen Romanen: Rote Haare, lavendelfarbene Augen, ergo wunderschön (oder doch einer Klischeekiste entsprungen), zeichnet sich durch einen "freigeistigen, klugen, selbstsicheren" Charakter aus, hat ein "ungestümes Temperament" und "Verständnis für die Schwächen ihrer Mitmenschen" und verfügt, fast hätte ich's vergessen, natürlich auch noch über einen "scharfen Verstand". Den benutzt sie, um ihren Lebensunterhalt als Kräuterhändlerin zu verdienen (Klischee? Wer wagt es denn da schon wieder, von einem Klischee zu sprechen? So verdienen doch nur ca. 95% des weiblichen Romanpersonals historischer Schmöker ihren Lebensunterhalt!). Noch unsympathischer als Laura war mir nur ihr frühreifer kleiner Bruder, der allerdings nichts dafür kann, daß die Autorin ihn als Sechsjährigen Sätze wie den folgenden sprechen läßt: "Solche Dinge zu ersinnen ist Leonardos eigentliche Kunst."
Weniger Fakten, mehr Einfühlungsvermögen und mehr Originalität, und das Ergebnis hätte keine aufwendige Aufmachung nötig gehabt, um den Eindruck eines lesenswerten Buches zu erwecken.


Die Gesandte der Löwin: Historischer Roman
Die Gesandte der Löwin: Historischer Roman
von Judith Healey
  Gebundene Ausgabe

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Schöne Idee verschenkt, 8. Februar 2007
Die Gesandte der Löwin" ist die Geschichte einer vergessenen Prinzessin: Alais Capet, Tochter des französischen Königs Ludwig VII. und Ziehtochter der legendären Eleonore von Aquitanien.

Alais ist das schwarze Schaf ihrer Familie: Ihre linke Hand ist verkrüppelt, eine Verlobung mit Richard Löwenherz ist gescheitert, Richards Vater und Eleonores Mann, dem englischen König Heinrich II., hat sie einen unehelichen Sohn geboren, der allerdings kurz nach der Geburt verschwunden ist. Zwanzig Jahre nach diesen Ereignissen erhält Alais von Eleonore den Auftrag, kompromittierende Papiere aus der Kathedrale von Canterbury beiseite zu schaffen. Im Gegenzug soll sie Informationen über ihren vermeintlich gestorbenen Sohn erhalten...

Die Grundvoraussetzungen für diesen Roman sind gut: Finsterstes, tiefstes Mittelalter, Kämpfe um Königskronen, ein langgehütetes Familiengeheimnis und überdies noch eine originelle Heldin. Allerdings krankt die Geschichte an zwei Punkten: Zum einen ist die Übersetzung stellenweise unlogisch - der Herzog des im heutigen Frankreich liegenden Aquitaniens ist plötzlich ein englischer William, ein Gasthaus im französischen Havre hat einen englischen Namen, und aus der guten alten Bretagne wird verwirrenderweise Britannien. Zum anderen wirkt die Ich-Erzählerin Alais an keiner Stelle wie eine französische Prinzessin aus dem Mittelalter, sondern wie eine moderne Frau, die eine Geschichte erzählt, die zufällig im Jahr 1200 spielt. Schade um die schöne Idee.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 18, 2013 4:46 PM MEST


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