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Muschelkalk (Hamburg)

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Hiobs Brüder: Historischer Roman
Hiobs Brüder: Historischer Roman
von Rebecca Gablé
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Mittelalter light, 1. November 2009
England zur Mitte des 12. Jahrhunderts ist nicht der beste Ort, um Epileptiker oder siamesischer Zwilling zu sein oder gar sein Gedächtnis verloren zu haben. Außer Aberglauben und religiösen Eiferern herrscht auch noch ein Bürgerkrieg, der das ganze Land ins Chaos gestürzt hat. Acht Ausgestoßene suchen zu Beginn von "Hiobs Brüder" nach einer Heimat und einem würdevollen Leben. Nach zweihundertfünfzig Seiten haben sie zumindest etwas Ähnliches gefunden, und die Geschichte wandelt sich zum "echten Gablé": Der falsche König auf dem richtigen Thron, eine Liebesgeschichte mit Hindernissen, Verflechtungen von erfundenen Helden und historischen Persönlichkeiten, immer wieder schön und spannend erzählt.

Vieles an diesem Buch hat mir sehr, sehr gut gefallen: Der ungewöhnliche Ansatz mit acht vollkommen unwahrscheinlichen Helden, die Darstellung des alltäglichen Lebens bei Reichen und Armen, die deutliche Unterscheidung in Angelsachsen und Normannen, der versteckte Humor beim Erzählen, die sehr menschliche Annäherung an die "Brüder Hiobs", die trotz ihrer Unzulänglichkeiten nie in Gefahr geraten, lächerlich oder unglaubwürdig zu wirken: Der liebenswert-naive Oswald, der unter der Aufmerksamkeit seines "allerallerbesten Freundes" aufblüht, der strenge Möchtegern-Heilige Edmund, in dessen Gegenwart man nicht fluchen darf, oder der eigentlich furchterregende Regy mit der herrlich spitzen Zunge.

Und weil das alles so gut war, war ich auf der anderen Seite auch ein klitzekleines Bißchen enttäuscht. Denn obwohl das Romanpersonal reichlich Konfliktpotential bietet und Rebecca Gablé zeigt, daß sie mit Charakteren jeder Art umgehen kann, läuft dann doch vieles sehr glatt. Sosehr ich alle Beteiligten beim Lesen ins Herz geschlossen habe, in dem einen oder anderen Fall hätte (ich wage es kaum zu schreiben) ein Unhappy End auf mich realistischer gewirkt. So blieb der Eindruck: Mittelalter light - so schlimm war's dann wohl doch nicht, in finstersten Zeiten Epileptiker, siamesischer Zwilling oder gedächtnislos zu sein.


Das Haus Gottes
Das Haus Gottes
von Charlotte Lyne
  Taschenbuch

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zeitreise in eine ferne Welt, 25. Oktober 2009
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Das Haus Gottes (Taschenbuch)
Portsmouth, 1336: Dorothy, jung, energisch und zupackend, ist voller Zuversicht, als sie Symond, den schönsten Jungen der Stadt, heiratet. Das Happy-End hält aber nicht lange an: Symond entpuppt sich als faul und lebensuntüchtig, seine Familie, die Dorothy zwangsläufig mitgeheiratet hat, als ganz besondere Herausforderung. Der Großvater ist ein bösartiger Geizhals, Symonds Schwester ein bezauberndes Wesen mit lockeren Moralvorstellungen, sein Vater ein schweigsamer Sonderling und die Mutter eine tote, in allen Köpfen aber noch sehr lebendige Ehebrecherin. Nur allmählich begreift Dorothy, daß einer aus dieser Familie tatsächlich der ist, der ihr das "etwas mehr" geben kann, nachdem sie sich so sehnt: Ihr einzelgängerischer, nach dem Tod seiner Frau in Schuldgefühle verstrickter Schwiegervater Aimery.

Eines fällt bei diesem Buch sofort auf: Die Sprache. Die ist außergewöhnlich, lebendig, bildreich, plastisch und wunderschön zu lesen. Von der ersten Seite an hat man das Gefühl, in das Leben der Menschen in Portsmouth einzutauchen, die Salzluft am Solent zu atmen und die Möwen über dem Meer kreischen zu hören - Und dann liest man plötzlich einen Satz, liest ihn vorsorglich noch einmal und denkt leicht irritiert: Das war doch jetzt nicht nötig! Das hätte man doch auch anders ausdrücken können!- Denn das ist diese Sprache auch: Stellenweise unglaublich vulgär.

ABER: Wir reden über einen historischen Roman, der bei den ganz gewöhnlichen Bewohnern einer englischen Hafenstadt des 14. Jahrhunderts spielt. Wie auch immer das normale englische Volk vor siebenhundert Jahren gesprochen hat, es war ganz sicher nicht druckreif und frei von Derbheiten. Um ganz genau zu sein: Schaut man dem Volk heutzutage auf's Maul, hört man oft nichts anderes. Deshalb: Ja, hier ist manches sprachlich gewöhnungsbedürftig, aber hat man sich einmal darauf eingelassen, steckt man fasziniert selbst mittendrin in diesem 14. Jahrhundert und in der Stadt Portsmouth (die die heimliche Hauptrolle spielt). Dorothys Welt wirkt authentisch, die Menschen, die sie bevölkern, sind Menschen mit guten und schlechten Eigenschaften, sie sind tapfer und feige, mal glücklich, mal weniger glücklich. Besonders gut hat mir dabei gefallen, daß kaum ein Charakter eindimensional beschrieben wird. Alle werden aus unterschiedlichen Perspektiven (inklusive der eigenen) betrachtet, keiner bleibt stehen, alle dürfen sich entwickeln und verändern - und dabei keineswegs immer perfekt sein (oder perfekt aussehen). Und anders als in vielen "historischen" Romanen werden hier wirklich Menschen einer fernen, uns fremden Zeit lebendig, die auch in den Moralvorstellungen und Bräuchen ihrer Zeit leben. In dieser Welt ist es unerläßlich, Kinder während der Weihnachtsfeiertagen "vorsorglich" zu verprügeln, und es darf ein Auge zugedrückt werden, wenn ein Mann sich an seiner ehebrecherische Frau rächt.

Der schwierige Weg von Dorothy und Aimery endet während der Pestepidemie von 1348. Eigentlich schon auf der Zielgeraden, liefert die Seuche nochmal einen dramatischen Höhepunkt von ganz besonderer erzählerischer Qualität. Eine so eindringliche Beschreibung der Pest habe ich nie zuvor gelesen.

Mein Fazit: Eine lesenswerte historische Zeitreise, die anders als viele andere Romane wirklich das Prädikat HISTORISCH verdient. Den einen Stern Abzug gibt es, weil meinem ganz persönlichen Empfinden nach der Gesamteindruck genauso gut gewesen wäre, hätte man die sprachlichen Derbheiten mit milderen Synonymen abgeschwächt.


Vor allen Nächten
Vor allen Nächten
von Dara Horn
  Gebundene Ausgabe

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neuer Hintergrund für altes Thema, 9. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Vor allen Nächten (Gebundene Ausgabe)
Jüdische Spionageringe im Amerikanischen Bürgerkrieg? Nicht gerade ein Romanthema, dem man jeden Tag begegnet - um genau zu sein: Bevor ich über dieses Buch gestolpert bin, war mir nicht einmal klar, daß das überhaupt ein Romanthema sein könnte. Doch genau darum geht es in "Vor allen Nächten": Um den Bürgerkrieg, um Spionage, um Liebe und um den jungen jüdischen Amerikaner Jacob Rappaport. Jacob hat ein Problem: Er kann nicht nein sagen. Weder zu der Braut, die sein Vater ihm präsentiert, noch zu den Unions-Offizieren, die ihn als Agenten in die gegnerischen Südstaaten schicken. Als seine Aktivitäten im Süden ihn zu den vier magischen Levy-Schwestern führen, kommen Gefühle mit ins Spionagespiel, die Jacobs Loyalität auf eine harte Probe stellen.

Anfangs ist Jacob ein unsicherer Held, der viele Fehler macht und für diese Fehler einen hohen Preis bezahlt. Erst allmählich wandelt er sich zu einem selbständig handelnden Menschen, der am Ende entschlossen Wiedergutmachung unter widrigsten Umständen sucht. Bevölkert wird Jacobs Welt von vielen Charakterköpfen, aus denen insbesondere die Levy-Schwestern hervorstechen. Darin liegt dann auch mein einer meiner beiden Kritikpunkte: Ein bißchen weniger Hokuspokus hätte Jacobs großer Liebe Jeannie vielleicht ganz gut getan - ich fand es anfangs nicht nachvollziehbar, weshalb sich eine so starke Frau zu einem alles andere als strahlenden Helden hingezogen fühlt. Auch die Spionage-Handlung wirkte auf mich stellenweise arg konstruiert. Besonders gut gefallen hat mir dagegen die konsequent jüdische Perspektive der Handlung (ich schmunzele immer noch über die Stelle, an der erklärt wird, weshalb die jüdischen Amerikaner den Sonntagvormittag so lieben). Für Juden ist mit dem Bürgerkrieg noch ein ganz eigener Konflikt verbunden: Steht man in einem Krieg, in dem es um Sklavenbefreiung geht, als Nachkomme biblischer Sklaven automatisch auf der Seite der Sklavenbefreier? Nein, so einfach ist das nicht.

Jacobs Geschichte wird mit verstecktem Humor, ohne falsche Sentimentalität , aber mit viel Gefühl für die dramatischen Szenen erzählt. Das liest sich flüssig, unterhält und macht doch immer wieder nachdenklich. Was den historischen Hintergrund angeht: Schon im Nachwort geht Dara Horn auf die "Bürgerkriegscracks" ein, dies sich über die eine oder andere historische Ungenauigkeit beschweren könnten. Und so sollte man dieses Buch auch nicht als historischen Roman, sondern als Parabel über Liebe, Krieg und Mut lesen.


Die dreizehnte Geschichte
Die dreizehnte Geschichte
von Diane Setterfield
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Altmodisch und originell zugleich, 4. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Die dreizehnte Geschichte (Taschenbuch)
Die Bibliothekarin Margaret Lea ist eine graue Maus, die sich am liebsten in der englischen Romanwelt des 19. Jahrhunderts vergräbt. Umso größer ihre Überraschung, als die geheimnisumwitterte Schriftstellerin Vida Winter sie bittet, ihre Biographie zu verfassen! Die unglaubliche Geschichte, die Vida erzählt, bringt Margaret allerdings nicht nur dazu, selbständige Nachforschungen über die Autorin anzustellen, sondern zwingt sie auch, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinander zu setzen.

"Die dreizehnte Geschichte" zieht alle Register des englischen Schauerromans. Vernebelte Moorlandschaften, ein Haus, das auf unheimliche Art und Weise lebendig zu werden scheint, Figuren, die von Wahnsinn und in den Wahnsinn getrieben sind, ein mysteriöser Brand - ein moderner Roman mit solchen Themen hätte gründlich schief gehen können. Daß das nicht passiert ist, liegt an der spannenden, aber niemals überdramatisierenden Erzählweise. Vieles wird nur angedeutet, viele Szenen vollendet der Leser selbst im Kopf. Die heutige Welt scheint weder in Vidas noch in Margarets Geschichte zu existieren, der modernste Gegenstand, der (wenn ich mich richtig erinnere) erwähnt wird, ist ein Kühlschrank. Ansonsten finden beide Handlungsstränge in einem fast zeitlosen Raum statt, in dem man Briefe statt Emails schreibt, Bücher liest statt Fernsehen schaut und, da wir uns in England befinden, bei jeder Gelegenheit Unmengen von Tee trinkt. Auf mich wirkte das Buch dadurch zugleich altmodisch und originell.

Zwei kleine Kritikpunkte: Erstens, einige sprachliche Bilder finde ich etwas eigenwillig, ob das an der Autorin oder an der meiner Meinung nach nicht sehr geglückten deutschen Übersetzung liegt, sei dahingestellt ("Als meine Frage sich schon so in der Zeit verflüchtigt hatte, dass ich...", "... bis der Boden sich mächtig hob, um ihn zu erfassen..."). Zweitens, Margarets eigene Problem-Geschichte inklusive des puderzuckrigen Endes fand ich unnötig, Vidas haarsträubende und niemals sentimentale Erzählung hätte den Roman auch allein getragen. Das soll den Gesamteindruck aber nicht schmälern. Also: Teewasser aufsetzen, Telefon ausstöpseln und lesen!


Die Liebenden von San Marco: Historischer Roman
Die Liebenden von San Marco: Historischer Roman
von Charlotte Thomas
  Gebundene Ausgabe

11 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen In Venedig nichts Neues, 2. September 2009
Auch auf die Gefahr hin, daß dies vielen Lesern nicht gefallen wird - mir kam bei der Lektüre dieses Buches immer wieder eine Frage in den Kopf, nämlich: Was wollen Verlage? Verlage wollen hauptsächlich eines: Geld verdienen. Und wie geht das am einfachsten? Indem man eine erfolgreiche Idee nochmal auflegt. Und nochmal. Und so gibt es nun von Charlotte Thomas einen dritten Venedig-Roman vor Renaissance-Kulisse. Einmal mehr ein echter Wälzer, einmal mehr mit einem hübschen Cover versehen, einmal mehr aufwendig und liebevoll ausgestattet mit Lesebändchen und Illustrationen. Einmal mehr die Geschichte von Liebe und Leid: Cintia verliert ihre Eltern durch die Pest. Durch eine Vernunftehe mit Paolo will sie der Vormundschaft wenig wohlwollender Verwandter entkommen. Aus der Vernunftehe wird wahre Liebe, die allerdings von mehreren Seiten bedroht wird. - Diese Geschichte an sich ist weder weltbewegend noch besonders einfallsreich, aber das hatte ich auch gar nicht erwartet: Ein paar nette Stunden leichter Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger darf man sich erhoffen, wenn man die beiden vorangegangenen Venedig-Romane der Autorin kennt.

Beim Lesen stellte ich allerdings sehr schnell fest, daß ich mich langweilte. Enorm langweilte. Die Wandlung von Vernunft- zu Liebesehe ist vorhersehbar, erstaunlich schnell abgehandelt, unsensibel erzählt und endet punktgenau in einem Bett. Nun könnte eigentlich alles gut sein, aber dann wäre das Buch ja schon nach wenigen hundert Seiten zuende, also kommt es zu weiteren Verwicklungen, in deren Verlauf Handlungsniveau und Dialoge endgültig auf das einer x-beliebigen Seifenoper herabsinken. Ein Beispiel: Zwei Freundinnen unterhalten sich über den bereits einmal der Untreue überführten Ehemann der einen. Nun muß sie feststellen: "Er hatte noch eine Frau in ...!" Darauf die andere: "Du meinst - eine zweite?" - Ja, was denn sonst bitteschön? Eine dritte, vierte, fünfte?
Auch die Protagonisten werden in zuverlässigen Schwarz-Weiß-Bildern präsentiert: Wer gut ist, trägt saubere Kleider und ist frisch gewaschen. Wer schlecht ist, ist häßlich, schmutzig, mit schlechten Zähnen und viel Körpergeruch ausgestattet. In den ersten beiden Romanen war dies alles, weil gut und schwungvoll erzählt, noch recht unterhaltsam, in diesem Buch konnte mich der intelligente Stil der Autorin irgendwann nicht mehr über die Schwächen der Geschichte und der Charakterisierung hinwegtrösten.

Und dann noch das: Ein Vorrezensent schrieb, er fände positiv, daß Cintia und Paolo als moderne Menschen porträtiert werden. "Moderne Menschen", das dachte ich beim Lesen auch ständig, aber moderne Menschen haben in einem historischen Roman nichts zu suchen. In einem wirklich historischen Roman sollte es nicht nur um stimmige Kulissen und schöne Kleider gehen, sondern auch um eine der Zeit entsprechende Geisteshaltung. Cintias Ansichten zu Ehe und Partnerschaft mögen sympathisch sein, für eine Frau im Italien der Renaissance sind sie eher abwegig.

Am Ende standen zwei Erkenntnisse: Erstens, in Venedig nichts Neues. Zweitens, Verlage wollen Geld verdienen. Das ist der einzige Grund, aus dem dieses Buch geschrieben wurde. Und das merkt man ihm leider an.


Handbuch für hoffnungslose Romantiker
Handbuch für hoffnungslose Romantiker
von Carole Cadwalladr
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Handbuch für fleißige Familienforscher, 2. September 2009
Leider und aus unerfindlichen Gründen hat dieses Buch in der deutschen Übersetzung einen dämlichen und irreführenden Titel bekommen. Der englische Originaltitel The Family Tree trifft es weit besser: Stück für Stück arbeitet sich Rebecca durch die Geschichte ihrer Familie, in der es, wie in jeder Familie, einige unausgesprochene Dinge und Geheimnisse gibt. "Romantisch" ist allerdings so ziemlich das letzte Wort, mit dem man diese Geschichte beschreiben kann. Traurig und herzerwärmend, humorvoll und tragisch kommt mir eher in den Sinn.

Der Roman wird auf vier verschiedenen Zeitebenen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, was aber beim Lesen weniger verwirrend ist als es klingt. Einen großen Teil nimmt der Rückblick auf Rebeccas Kindheit ein, in der sie mit ihrer Schwester zum ersten Mal versucht hat, den Familiengeheimnissen auf die Spur zu kommen - mit unerwartet tragischem Ausgang. Besonders in diesem Teil kommt die humorvolle Erzählweise der Autorin zum Tragen, denn in der Kinder-Perspektive werden Kleiderschränke zu Monstern und Eltern mit Fragen traktiert wie "Was ist eine offene Ehe?". Nebenbei erwähnt: Wer die späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre erlebt hat, wird ständig auf Bekanntes treffen.

Um nochmal auf den deutschen Titel zurückzukommen: Wer einen leichten Liebesroman erwartet, wird auf jeden Fall enttäuscht. Das Happy-End fällt aus. Wer einen originellen und gutgeschriebenen Familienroman lesen möchte, hat bei diesem Buch hingegen die richtige Wahl getroffen.


Maisie Dobbs. (Journal of Neural Transmission) (Maisie Dobbs Mystery 1)
Maisie Dobbs. (Journal of Neural Transmission) (Maisie Dobbs Mystery 1)
von Jacqueline Winspear
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,50

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kein Krimi, sondern eine Geschichtsstunde, 1. September 2009
London, Ende der Zwanziger Jahre: Maisie Dobbs macht sich als Privatdetektivin selbständig. Ihre Fälle löst sie mit Intuition und psychologischem Einfühlungsvermögen. Das Buch "Maisie Dobbs" beschäftigt sich allerdings weniger mit einem spannenden Kriminalfall, sondern vor allem mit einer Person - Maisie Dobbs. In einer langen Rückblende wird ihr Leben vor und im Ersten Weltkrieg erzählt, insbesondere ihr Weg vom Dienstmädchen zur Studentin in Cambridge und zur Lazarett-Krankenschwester. Die Krimi-Handlung findet nur am Rande statt und ist auch sehr vorhersehbar.

Hat man sich dann von der Erwartung, einen typisch englischen Krimi geliefert zu bekommen, verabschiedet, entpuppt sich "Maisie Dobbs" als durchaus lesenswertes Buch. Mit Maisies Geschichte entsteht ein Bild des Ersten Weltkrieges inklusive aller Verluste, Leiden und Veränderungen, die dieser Krieg (im englischen Sprachgebrauch immer noch The Great War) für die gewöhnliche Bevölkerung gebracht hat. Eine leiser, melancholischer Ton bestimmt das Buch bis zur letzten Seite.

Sicher kein klassischer Krimi, aber, anders als bei vielen Romanen, die sich historisch nennen und tatsächlich jederzeit spielen könnten, ein gelungenes Zeitportrait.


Feuer und Stein
Feuer und Stein
von Diana Gabaldon
  Taschenbuch

45 von 56 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hirn aus, Unterhaltung an, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Feuer und Stein (Taschenbuch)
Das mußt Du lesen! versicherte eine Freundin.
Muß ich gar nicht, dachte ich. Amerikanische Hausfrauenphantasien, nein danke!

Gelesen habe ich es dann doch. Und alle Voraussetzungen für einen Ein-Sterne-Verriß schienen gegeben: Krankenschwester reist durch Steine in ferne Zeit und findet dort jede Menge Flöhe und Wanzen, einen bösen Bösewicht sowie ihre große Liebe vor. Gut, daß die Dame zum medizinischen Fachpersonal gehört, denn so kann sie sich nicht nur ausführlich über die desolaten hygienischen Zustände ergehen, sondern auch ihre große Liebe nach den zahlreichen Auseinandersetzungen mit dem bösen Bösewicht immer wieder zusammenflicken. Ach ja, die große Liebe: Versteht etwas von Gutsverwaltung, hat im Lauf seiner dreiundzwanzig Lebensjahre vier Sprachen fließend erlernt, nebenbei einige Zeit im Kloster - im Gefängnis- auf der Burg seines Onkels verbracht, versteht etwas von Viehdiebstahl, ist darüber zum allerdings zum Outlaw geworden, nebenbei ein ausgezeichneter Pferdepfleger und in allen Kampfarten so gut wie unbesiegbar... ja, da werden einem die Beschränkungen des eigenen Lebens mal wieder traurig bewußt. Sonst noch was? Ein Hexenprozeß (was waren das bloß für barbarische Zeiten!), eine verprügelte Ehefrau (was waren das bloß für barbarische Zeiten!), die Untaten des bösen Bösewichts (was waren das bloß für barbarische Zeiten!). Ort des Geschehens ist übrigens Schottland, oder zumindest etwas, das sich Schottland nennt. Ich persönlich habe ja den Verdacht, daß die Autorin Schottland vor dem Verfassen dieses Buches nie betreten hat und es nur als Kulisse gewählt hat, weil die ortsübliche Herrenbekleidung den umfangreichen Aktivitäten der Protagonisten in Heuschobern und auf Strohmatratzen so entgegenkommt.

So. Und warum vergebe ich nun mehr als einen Stern? Weil ich mich, zumindest bis zum letzten Drittel, trotz allem gut unterhalten gefühlt habe. Die Betonung liegt auf UNTERHALTEN, es ist nicht mehr, aber auch nicht weniger. Manche Szenen sind drastisch, andere sehr witzig, manche strotzen vor Klischees, andere sind originell. Manches ist fragwürdig und nichts ist glaubwürdig (und damit meine ich nicht nur Zeitreisen durch Steine), und am Ende hat man alles schnell vergessen. Mein Gehirn bedankt sich für die Auszeit und ich für die gute Unterhaltung.
Kommentar Kommentare (13) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 20, 2012 11:24 AM MEST


Der Tribun. Roman
Der Tribun. Roman
von Iris Kammerer
  Taschenbuch

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Neues aus Germanien, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Tribun. Roman (Taschenbuch)
Zugegeben: Man muß sich auf die Sprache einlassen. Wer das nicht tut, dem wird "Der Tribun" auch nicht gefallen.

In bildreichen, manchmal altmodischen Worten erzählt Iris Kammerer die Geschichte des römischen Offiziers Cinna, den es als Geisel in ein germanisches Dorf verschlägt. Der Zeitpunkt - kurz nach der Varusschlacht - ist denkbar ungünstig, die römisch-germanischen Beziehungen befinden sich auf einem Tiefpunkt und sind auf beiden Seiten von Rache- und Vergeltungsgedanken geprägt. Dennoch geschieht das scheinbar Unmögliche: Man nähert sich einander an. Die Germanen respektieren den Mut, den Überlebenswillen und die Geschicklichkeit ihres römischen "Gastes", der kühle, oft egoistisch wirkende Cinna hingegen erfährt bei den "Barbaren" zum ersten Mal den Wert von menschlicher Wärme und familiärer Geborgenheit.

Dieser Cinna ist ein unbequemer Held, der dem Leser anfangs keineswegs als Sympathieträger präsentiert wird und mit dem man sich trotzdem mehr und mehr identifiziert. Ohne jede Schwarz-Weiß-Malerei, in schönen Bildern und mit sehr lebendigen Charakteren werden die Handlungen sowohl der Römer als auch der Germanen nachvollziehbar.

Ungewöhnliche Idee, ungewöhnliche Perspektive, ungewöhnliche Erzählweise: Ein kleines Juwel auf dem überlaufenen Markt für historische Romane.


Der Schatten des Windes. Roman
Der Schatten des Windes. Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bücher suchen ein Zuhause, 24. Mai 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Schatten des Windes. Roman (Taschenbuch)
Was für eine wunderbare Idee: Versteckt in Barcelona gibt es einen Ort für Bücher, die niemand mehr lesen will. Mit Glück wird eines dieser Bücher von einem Besucher adoptiert und kehrt so in das Bewußtsein der Welt zurück.
"Der Schatten des Windes" heißt das Buch, das Daniel sich aussucht. Fasziniert von dem Autoren Julian Carax, versucht er mehr über ihn herauszufinden - und steckt bald selbst mitten in einer Geschichte, in der Romanfiguren lebendig werden und sein eigenes Schicksal dem von Carax` immer ähnlicher wird...

Carlos Ruiz Zafon mischt einen Cocktail aus Detektivgeschichte, Liebesschmöker, Schauerroman und Jugendbuch, gewürzt mit einer kräftigen Prise Historie in Form des Spanischen Bürgerkrieges. Das Ganze ist spannend, unterhaltsam, oft traurig, manchmal lustig und in jedem Fall gut zu lesen, wobei der Stil aber häufig sehr schlicht ist. Ruiz Zafon beschränkt sich größtenteils auf das Nacherzählen von Tatsachen, und insbesondere die Rückblicke auf Julian Carax` Kindheit und Jugend wirkten auf mich dadurch sehr emotionslos.

Irritiert hat mich auch der eine oder andere Charakter: Alle Figuren inklusive Nebendarsteller werden ausführlich vorgestellt, allerdings sehr eindimensional im Schwarz-Weiß-Muster. Wer als "Guter" eingeführt wird, bleibt es, wer als "Böser" daherkommt, ist unter Garantie böse und hat kaum Aussichten auf Besserung. Ausgerechnet eine der wichtigsten Figuren jedoch, Carax` große Liebe Penelope, Dreh-und Angelpunkt seines Schicksals, bleibt vollkommen blaß. Wir erfahren eigentlich nichts über sie, außer daß sie gerne liest. Ansonsten handelt es sich um Liebe auf den ersten Blick, aber was Carax und Penelope wirklich aneinander finden und einander erzählen, bleibt ihr Geheimnis.

Fazit: Ein spannender Schmöker für alle, die Bücher lieben. Carlos Ruiz Zafon wird nie den Nobelpreis für Literatur bekommen, und er schreibt bessere Schauerromane als Liebesgeschichten. Vier Sterne hat dieses originelle Buch aber auf jeden Fall verdient.


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