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Muschelkalk (Hamburg)

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Der Heiler der Pferde: Historischer Roman
Der Heiler der Pferde: Historischer Roman
von Gonzalo Giner
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Tolles Cover, nix dahinter, 13. Juni 2010
Der erste Eindruck ist vielversprechend: Ein schön gestalteter Schutzumschlag mit goldenem Pferdeaufdruck, liebevolle Innenausstattung, ein Klappentext, der den Vergleich mit dem "Medicus" und den "Säulen der Erde" wagt und eine Geschichte, die im Spannungsfeld zwischen dem moslemischen und dem christlichen Spanien angesiedelt ist - 650 Seiten Lesevergnügen scheinen garantiert.

Der mittelalterliche Pferdeflüsterer heißt Diego und verliert seine Familie bei dem Überfall eines mordlüsternen Araber-Trupps. Er verdingt sich bei dem Tierarzt Galib, der nicht nur Diegos besondere Gabe des Heilens entdeckt, sondern ihn auch mit der arabischen Kultur versöhnt, bis... ja, bis... nun, auch der verschlafenste Leser ahnt bereits beim ersten Auftritt von Galibs Frau, wie die Geschichte für Diego weitergeht, denn die Dame ist "ein Kind der Wüste", "unglaublich schön" und nur auf eine Weise zu bändigen: "Sie lieben hieß, sie einfach sein zu lassen." - Und dieser Satz gehört zu den originelleren des Buches, das ein riesengroßes Problem hat: Die Geschichte - tatsächlich eine Art spanischer "Medicus" mit Pferden, wogegen nichts einzuwenden wäre - ist unglaublich langweilig erzählt. Gonzalo Giner reiht einen Hauptsatz an den nächsten, und auch wenn man kein Fan von Bandwurm-Sätzen ist, erwischt man sich irgendwann dabei, daß man sich ein Komma, eine Aufzählung oder eine Verschachtelung von Nebensätzen wünscht, um aus der Monotonie gerissen zu werden. Das Ganze liest sich wie ein Schulaufsatz, und ganz schlimm wird es, wenn Spannung erzeugt werden soll: "Es war ein heißer Abend. Die Kirchturmuhr von Malagón hatte eben sieben geschlagen. In der Wirtsstube befanden sich kaum ein halbes Dutzend Gäste. - Da geschah etwas Grauenvolles...". Die drei Pünktchen kommen von Gonzalo Giner, nicht von mir!

Dummerweise leiden unter solcher Sprache immer zwei Dinge: Erstens die Charaktere, die hier wirken wie Abziehbilder von irgendwelchen Leuten, die man aus anderen Büchern kennt und da schon nicht intererssant fand, und zweitens die Atmosphäre. Spanien? Mittelalter? Der Zauber des Orients? Komplette Fehlanzeige. Diegos Spanien wirkt wie eine schlechte Filmkulisse und nicht wie das spannendste Land seiner Zeit, in dem Christen, Moslems und Juden zusammenzuleben versuchten.

Fazit: Das Buch sieht schick aus, die Geschichte ist in Ordnung, die Umsetzung nicht. Gonzalo Giner ist definitiv NICHT der spanische Noah Gordon, auch wenn der Schutzumschlag werbewirksam etwas anderes behauptet.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 6, 2010 2:21 PM MEST


This Body of Death (Inspector Lynley Mysteries 16)
This Body of Death (Inspector Lynley Mysteries 16)
von Elizabeth George
  Gebundene Ausgabe

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Endlich!, 20. April 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Freunde von Inspector Lynley und Sergeant Havers haben harte Zeiten hinter sich. Erst wird eine liebenswerte Nebenrolle grausam ermordet (With No One as Witness), dann folgt die Erklärung für diesen Mord in einer düsteren Sozialstudie (What Came Before He Shot Her), und als Lynley quasi inkognito wieder auftaucht, tut er das nur, um mit dem offenen Ende eines offenen Falles wieder abzutauchen (Careless in Red (Inspector Lynley)). Für alle, die bis hierhin durchgehalten haben, die gute Nachricht: Die harten Zeiten sind vorbei!

"This Body of Death" beginnt mit zwei völlig unterschiedlichen Erzählsträngen. Der erste folgt (auf einem wahren Fall beruhend) dem Protokoll eines erschütternden Verbrechens in einem Problemstadtteil. Der zweite beginnt im idyllischen New Forest, wo halbwilde Ponys im Sommersonnenschein grasen und romantische Cottages in verwunschenen Bauerngärten auf ein neues Strohdach warten. Ganz so pilcher-mäßig ist die Idylle natürlich nicht, was schließlich die erprobten Mitarbeiter von Scotland Yard auf den Plan ruft. Dort hat sich das Personalkarussell ohne Lynley weitergedreht und Havers & Co mit Isabelle Ardery eine Vorgesetzte beschert, deren Ehrgeiz vor nichts Halt macht: Weder vor der schnellen Lösung des Falles noch vor Havers' Kleidungsstil und auch nicht vor dem Versuch, Lynley zurück ins Team zu holen. Während in dem Fall mal wieder nichts so ist, wie es anfangs scheint, und auch Havers unverbesserlich bleibt, hat Arderys Rhetorik zumindest bei Lynley Erfolg.

Das Buch ist aber weit mehr als ein Krimi mit persönlichem Ermittler-Touch und einer bis zum konsequenten Ende perfekt aufgebauten Handlung. Elizabeth George tut endlich wieder, was sie am besten kann: Sie verpackt vielschichtige Themen und Probleme ohne einfache Lösungen in eine spannende Krimi-Handlung. Es geht um Moral und Gier, Schuld und Schuldgefühle, menschliche Abgründe und menschliche Größe, beschrieben mit viel Einfühlungsvermögen, wunderbarer Beobachtungsgabe für kleine Schwächen und einer Prise Humor. Das gesamte Personal aus dem Lynley-Havers-Kosmos hat denkwürdige Auftritte, und der dem Verbrechen zugrunde liegende Kriminalfall läßt keinen Leser kalt.

Mein Fazit: Endlich wieder große englische Krimi-Kunst made in USA. Der fünfte Stern fehlt, weil Lynley in Arderys Gesellschaft meinem Empfinden nach ein wenig allzu sehr den stets loyalen, ewig verständnisvollen Kummerkasten gibt. Warum Ardery einen Kummerkasten allerdings auch dringend braucht, sollte jeder selbst nachlesen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 6, 2010 2:23 PM MEST


Die Friesenrose
Die Friesenrose
von Jutta Oltmanns
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Netter Schmöker, 20. März 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Friesenrose (Gebundene Ausgabe)
Ostfriesland hat sich bisher ja nicht unbedingt als Schauplatz für historische Romane hervorgetan, allein deswegen hat mich das Buch neugierig gemacht.
Die Friesenrose heißt Inken und muß während der napoleonischen Besatzung von ihrer Heimatinsel Borkum fliehen. Helfen tut ihr dabei der schwarzlockige Schmugglerkönig Cirk. Man ist sich erst einmal spontan unsympathisch, dann aber doch recht schnell ineinander verliebt, bis Inken guten Grund hat, an Cirks Aufrichtigkeit zu zweifeln. Während er auf Weltreise geht, mausert sie sich zur erfolgreichen Geschäftsfrau...

Das Buch ließ mich etwas ratlos zurück. Einerseits ist Ostfriesland nämlich ein ganz wunderbarer und bisher weit unterschätzter Schauplatz für historische Romane. Da gluckst das Moor, da rauscht das Meer, da weht der Wind, da tanzen die Wolken über den Himmel, und man möchte eigentlich gleich seine Sachen packen und hinfahren. In dieser Hinsicht hat mir das Buch gut gefallen. Angenehm fand ich auch die Art und Weise, wie die Autorin ihr Wissen über Tee und die ostfriesisch-französische Geschichte unaufdringlich vermittelt.
Andererseits hat mich das klischeebeladene Romanpersonal sehr bald genervt - der dunkle Cirk, der natürlich ein paar düstere Geheimnisse mit sich herumschleppt und Inken, eine weitere rothaarige Heldin in einer langen Reihe rothaariger Heldinnen historischer Romane, die neben ihrer geschäftlichen Begabung auch sonst ein Muster positiver Eigenschaften ist. Ein Beispiel: Böse Menschen überfallen Sumi, die chinesische Exotin in Emden- Inken hingegen freundet sich vollkommen vorurteilsfrei sofort mit ihr an. Das ist sehr nett, und Sumis blumige Sprache ist einer der Pluspunkte des Buches, Inkens Charakter wäre aber sehr viel interessanter geworden, hätte auch sie erst einmal gegen das eine oder andere Vorurteil ankämpfen müssen.
Verhalten und Sprache der Akteure wirken häufig zu modern, an anderen Stellen dann aber auch wieder unnötig schwülstig, insbesondere, wenn Cirk und Inken miteinander plaudern: "Dieses Haus nimmt einem jegliches Zeitgefühl, und doch habe ich mich niemals gegenwärtiger gefühlt als hier und heute." - "Wir werden den Augenblick leben, Inken. Für uns braucht die Zeit nicht wichtig zu sein."

Insgesamt ein netter Schmöker mit Lerneffekt, aber kein Volltreffer.


Little Bee: A Novel
Little Bee: A Novel
von Chris Cleave
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,40

72 von 78 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "We don't want to tell you what happens in this book", 22. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Little Bee: A Novel (Taschenbuch)
Na super: Der Verlag verschweigt auf Wunsch des Autors den Inhalt eines Buches, denn "The magic is in how it unfolds". Ist das ein schlauer Marketing-Gag für ein mittelmäßiges Werk? Oder doch ein nachvollziehbarer Gedanke für ein ganz und gar außergewöhnliches Buch? Und wie kann man eine Bewertung über einen Roman schreiben, über dessen Handlung man nichts verraten soll?

Soviel gibt der Buchrücken dann doch her: "Little Bee" (in der britischen Ausgabe "The Other Hand") erzählt von zwei Frauen, die so unterschiedlich wie nur irgend möglich und dennoch durch eine ganz besondere Geschichte miteinander verbunden sind. Diese Geschichte ist bis zum Schluß nie ganz das, was sie scheint und stellt die beiden Protagonistinnen - und damit auch den Leser - immer wieder vor Entscheidungen, die niemand freiwillig treffen möchte. Daß dabei der moralische Zeigefinger nicht allgegenwärtig ist, liegt an den beiden Erzählstimmen. Die eine ist nicht immer sympathisch, mit ihren Fehlern aber sehr menschlich, die andere ist schlicht und einfach absolut liebenswert und sorgt mehr als einmal für einen unerwarteten Blick auf die Welt, in der wir leben.

Fazit: Kein Marketing-Gag, sondern wirklich ein ganz und gar außergewöhnliches Buch. Der Bitte des Autors um Verschwiegenheit ist unbedingt Folge zu leisten. "Little Bee" ist traurig, witzig, aufwühlend und zu Herzen gehend - leicht zu lesen, aber nicht leicht zu vergessen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 10, 2013 1:10 PM CET


The Other Hand
The Other Hand
von Chris Cleave
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,90

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "We don't want to tell you what happens in this book", 22. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: The Other Hand (Taschenbuch)
Na super: Der Verlag verschweigt auf Wunsch des Autors den Inhalt eines Buches, denn "The magic is in how it unfolds". Ist das ein schlauer Marketing-Gag für ein mittelmäßiges Werk? Oder doch ein nachvollziehbarer Gedanke für ein ganz und gar außergewöhnliches Buch? Und wie kann man eine Bewertung über einen Roman schreiben, über dessen Handlung man nichts verraten soll?

Soviel gibt der Buchrücken dann doch her: "The Other Hand" (in der amerikanischen Ausgabe "Little Bee") erzählt von zwei Frauen, die so unterschiedlich wie nur irgend möglich und dennoch durch eine ganz besondere Geschichte miteinander verbunden sind. Diese Geschichte ist bis zum Schluß nie ganz das, was sie scheint und stellt die beiden Protagonistinnen - und damit auch den Leser - immer wieder vor Entscheidungen, die niemand freiwillig treffen möchte. Daß dabei der moralische Zeigefinger nicht allgegenwärtig ist, liegt an den beiden Erzählstimmen. Die eine ist nicht immer sympathisch, mit ihren Fehlern aber sehr menschlich, die andere ist schlicht und einfach absolut liebenswert und sorgt mehr als einmal für einen unerwarteten Blick auf die Welt, in der wir leben.

Fazit: Kein Marketing-Gag, sondern wirklich ein ganz und gar außergewöhnliches Buch. Der Bitte des Autors um Verschwiegenheit ist unbedingt Folge zu leisten. "The Other Hand" ist traurig, witzig, aufwühlend und zu Herzen gehend - leicht zu lesen, aber nicht leicht zu vergessen.


The Doomsday Book
The Doomsday Book
von Connie Willis
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,92

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Aus einer dunklen Zeit, 19. Februar 2010
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Doomsday Book (Taschenbuch)
Oxford im Jahre 2054: Reisen in die Vergangenheit stellen längst kein physikalisches Problem mehr dar. Studentin Kivrin, blutjung und extrem ehrgeizig, hat sich in den Kopf gesetzt, die Jungfernreise ins vierzehnte Jahrhundert zu unternehmen - gegen den Rat ihres Lehrers Dunworthy, aber bestens vorbereitet mit mittelenglischen Sprachkenntnissen, implantiertem Diktier-Chip und Pest-Impfung. Besonders letztere wird ihr sehr nützlich sein, denn versehentlich landet sie nicht im relativ friedlichen 1320, sondern achtundzwanzig Jahre später - in dem Jahr, in dem die Pest ein Drittel bis die Hälfte der englischen Bevölkerung auslöschte. Aber Seuchen, so stellt sich heraus, sind auch sieben Jahrhunderte später noch eine Gefahr...

Im "Doomsday Book" geht es sehr gemächlich voran. Allzu viel geschieht nicht in dem winterlichen Dorf, in dem Kivrin gelandet ist, aber das wenige, was passiert, wird von Connie Willis sehr ausführlich beschrieben. Das schafft einerseits eine dichte Atmosphäre und sehr lebendige, durch und durch menschlich wirkende Charaktere, endet andererseits aber in stellenweise nervtötenden Wiederholungen. Anders gesagt, als die Autorin mir zum gefühlt hundertsten Mal per Kivrins Gedankengang mitteilte, daß die Pest in den Jahren 1348/49 ein Drittel bis die Hälfte der englischen Bevölkerung ausgelöscht hat, habe ich "FÜR WIE BESCHRÄNKT HÄLTST DU MICH EIGENTLICH???" gebrüllt. - Genauso allgegenwärtig sind der "Drop", die unauffindbare Stelle im verschneiten Wald, von der Kivrin in ihre Zeit zurückkehren könnte, und der "Fix", jene Daten, die Dunworthy im Jahr 2054 erkennen lassen würden, daß seine Muster-Studentin in der falschen Zeit gelandet ist, die aber aufgrund diverser Verwicklungen erst nach vierhundert Seiten auslesbar sind. Zu diesen Verwicklungen gehört ein dramatisches Telekommunikations-Problem, das heute (2010) kaum noch nachvollziehbar ist: Würde es 2054 in Oxford Handys und Internet geben, wäre Kivrin vieles erspart geblieben. So wirkt die Zukunft, die Connie Willis anfang der Neunziger Jahre entworfen hat, aus heutiger Sicht etwas verstaubt. Daraus ist ihr natürlich kein Vorwurf zu machen, dennoch fragt man sich, wie sie ihre Gesellschaft Zeitmaschinen, aber keine funktionierenden Telefone bauen lassen kann.

Nichtsdestotrotz haben mich Kivrin und das Mittelalter wirklich gefangen genommen. Action-geladene Dramatik inklusive Mittelalter-Klischees darf man nicht erwarten, dafür lebensnahe, weil fehlerhafte Protagonisten und einige sehr, sehr intensive Szenen aus einer wirklich dunklen Zeit. Dafür meinerseits dreieinhalb Sterne.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 7, 2013 8:41 PM MEST


Before Sunrise / SZ Berlinale
Before Sunrise / SZ Berlinale
DVD ~ Ethan Hawke
Wird angeboten von Studio 49 GmbH
Preis: EUR 4,49

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Und es gibt sie doch..., 23. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Before Sunrise / SZ Berlinale (DVD)
... die Liebe auf den ersten Blick!
Jesse und Celine lernen sich im Zug nach Wien kennen, Jesse ist Amerikaner und muß am nächsten Tag nach Hause fliegen, Celine ist Französin und will eigentlich nach Paris. Die Zugfahrt reicht kaum aus, um mehr voneinander zu erfahren - und das möchten sie auf jeden Fall. Jesse überredet Celine, den Tag und die Nacht in Wien mit ihm zu verbringen. Auf ihrem gemeinsamen Streifzug lernen sie dann nicht nur die Stadt, sondern auch einander immer besser kennen - wohlwissend, daß sie sich nach dem nächsten Morgen nie wiedersehen werden.

Mehr muß man zu der Handlung gar nicht verraten. "Before Sunrise" erzählt jenseits von Hollywood-Hochglanz-Glamour eine hübsche kleine Liebesgeschichte, die von zwei wunderbar natürlich agierenden Darstellern getragen wird. Julie Delpy und Ethan Hawke nimmt man die Studentin und den Europa-Reisenden in jedem Augenblick ab, sie spielen nicht, sie SIND Celine und Jesse. Der Film ist sehr dialog-lastig, aber das macht gar nichts, denn diese Dialoge sind witzig, nachdenklich und sehr ehrlich - man hört ihnen gerne zu. Das sommerliche Wien bietet einen stimmungsvollen Hintergrund, und die überwiegend klassische Filmmusik rundet die Geschichte endgültig ab.

Am Ende von "Before Sunrise" möchte man drei Dinge:
1. Frisch verliebt sein
2. Unbedingt nach Wien fahren
3. Auf der Stelle die Fortsetzung "Before Sunset" sehen
- und sechs statt fünf Sterne vergeben.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 28, 2010 5:27 PM MEST


Schatten der Zeit: Roman
Schatten der Zeit: Roman
von Michael Cox
  Gebundene Ausgabe

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderbar viktorianisch, 5. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Schatten der Zeit: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ausnahmsweise die Bewertung zuerst: Meinerseits begeisterte fünf Sterne - allerdings wohlwissend, daß dieses Buch nicht jedermanns Sache sein wird. Vor dem Kauf darin zu blättern und sich ein wenig einzulesen kann ich jedem Interessenten nur ausdrücklich empfehlen.

"Schatten der Zeit" ist die Fortsetzung des Romans "In der Mitte der Nacht", der die Geschichte eines Verbrechens aus der Perspektive des Verbrechers erzählt. Es ist aber nicht nötig ist, den ersten Teil zu kennen - ich habe ihn vor Monaten versucht zu lesen, sehr bald entnervt weggelegt und bin deshalb umso überraschter, wie gut mir "Der Schatten der Zeit" gefällt.

Die Handlung: Die Ich-Erzählerin mit dem etwas sperrigen Namen Esperanza Alice Gorst wird von der wohlhabenden Lady Tansor als Zofe eingestellt. Esperanza, Waise und für die Stelle als Zofe eigentlich überqualifiziert, wird allerdings von ihren Pflegeeltern ferngesteuert, denn in ihrer aller Vergangenheit gibt es mehrere Geheimnisse, für die Lady Tansor zur Rechenschaft gezogen werden soll. Während Esperanza - die dafür etwas länger braucht als der Leser - erst nach und nach herausfindet, worin diese Geheimnisse bestehen, geschehen noch ein paar unvorhergesehene Dinge: Erstens entwickelt Lady Tansor mütterliche Gefühle für Esperanza und zweitens entwickelt Esperanza alle möglichen Gefühle für Lady Tansors Söhne.

Esperanza widerfährt alles, was einer viktorianischen Romanheldin widerfahren kann: Sie schleicht durch staubige Geheimgänge, wird mit diversen Toten in einem dunklen Mausoleum eingeschlossen, hat es mit einem finsteren Bösewicht ebenso zu tun wie mit wohlwollenden Gutmenschen, liest in anderer Leute Tagebüchern und Briefen und darf sich glücklich bis unglücklich verlieben.

Ein ganz besonderes Buch wird "Schatten der Zeit" dadurch, daß es Michael Cox wirklich bis in den letzten Winkel seiner Geschichte gelingt, seiner Erzählerin die authentische Stimme einer Frau aus dem England des 19. Jahrhundert zu verleihen. Ihr kommt kein modernes Wort über die Lippen, ihr Verhalten ist das einer Frau ihrer Zeit, und wo Zurückhaltung angebracht ist - etwa bei ihrer Liebesgeschichte - wird sich eben wohltuend zurückgehalten. Damit komme ich aber auch zu dem Grund, aus dem dieses Buch nicht jedermanns Sache sein wird: Erzählt wird eben so, wie das vor hundertfünfzig Jahren üblich war - gerne mal ein wenig umständlich, mit Gedicht-Zitaten und vielen Einfügungen aus Tagebüchern und Briefen, und als Dreingabe gibt es noch reichlich Fußnoten, die mit Vorliebe auf nicht-existierende Bücher verweisen. Genau dieses Vorgehensweise war es, die mir die Lektüre des Vorgängers irgendwann verleidet hat - bei "Schatten der Zeit" war ich hingegen schlichtweg fasziniert, wie perfekt Michael Cox seine viktorianischen Vorgänger studiert und nachgeahmt hat. Mein Sinneswandel könnte etwas damit zu tun haben, daß mir eine junge Waise als Heldin schlichtweg sympathischer ist als der verzweifelte Mörder aus "In der Mitte der Nacht". Wer von den nutzlosen Fußnoten und Verweisen des ersten Teils genauso genervt war wie ich, wird außerdem feststellen, daß sie hier deutlich seltener zum Einsatz kommen.

Fazit: Englische Literaturwissenschaftler werden wahrscheinlich ihre Freude daran haben, dieses Buch auf seine Vorbilder hin zu untersuchen - ich hatte meine Freude an intelligenter Unterhaltung auf höchstem Niveau.


Mutiny On The Bounty
Mutiny On The Bounty
von John Boyne
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,13

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Neues Seemannsgarn, 29. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Mutiny On The Bounty (Taschenbuch)
Bounty? Die Geschichte kennt man doch: Despotischer Kapitän quält tapfere Mannschaft, bis diese sich mit Gewalt wehrt. Der böse Kapitän wird auf hoher See ausgesetzt, und die Mannschaft segelt zur Belohnung ins nächste Südseeparadies. - Oder?

John Boyne erzählt eine etwas andere Geschichte. Sein Kapitän Bligh ist ehrgeizig und überempfindlich, was seinen Status angeht, aber er ist auch ein Menschenfreund, besorgt um das Wohl seiner Mannschaft, die er vor Skorbut, Auspeitschungen und anderen typischen Übeln der Seefahrt seiner Zeit bewahren will. Für das jüngste Besatzungsmitglied, den Taschendieb und Lebenskünstler John Jacob Turnstile, wird er sogar zur Vaterfigur.

John Jacob Turnstile, der einzige fiktive Charakter an Bord, ist es auch, der uns von der Reise der Bounty berichtet, und John Jacob Turnstile allein macht das Buch lesenswert: Einem so liebenswerten und unterhaltsamen Ich-Erzähler begegnet man selten. John Jacob hat wenig gute Erfahrungen in seinem Leben gemacht und bleibt trotzdem über weite Strecken ein sonniger und selbstbewußter Optimist, er neigt zu großartigen Aufschneidereien bei völliger Fehleinschätzung der Lage und ist trotz mangelnder Bildung ein wunderbarer Wortschmied (womit er seine Kollegen an Bord zur Verzweiflung, seine Leser aber zum Lachen bringt).

Zwei kleine Mängel hat das Buch meiner Meinung nach: Einige Charaktere werden eingeführt, tauchen dann aber bis kurz vor Schluß nie wieder auf, obwohl sie sich monatelang in John Jacobs unmittelbarer Nähe auf dem selben Schiff befinden (z. B. Blighs Sekretär Mr. Samuels). Auch einige Handlungsfäden werden angefangen, dann aber nie endgültig ausgesponnen - alleine der aus heutiger Sicht zweifelhafte Hintergrund für die Reise der Bounty, auf Tahiti Brotfrüchte als billige Nahrung für die afrikanischen Sklaven auf den englischen Karibik-Kolonien zu beschaffen, hätte da sehr viel Potential geboten. Insgesamt ist "Mutiny on the Bounty" aber ein spannender, unterhaltsamer und durchweg empfehlenswerter Abenteuerroman - über eine wahre Geschichte und einen jungen Helden, den es leider nie gegeben hat.


Die Entscheidung der Magd
Die Entscheidung der Magd
von Marion Henneberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

48 von 51 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Eine Klasse für sich, 15. Dezember 2009
Rezension bezieht sich auf: Die Entscheidung der Magd (Taschenbuch)
Magd Eilika ist grünäugig, rothaarig und so arm, daß sie nicht einmal ein eigenes Kleid besitzt. Also trägt sie die abgelegten Klamotten einer Freundin auf - und da die Freundin zart gebaut ist, quellen Eilikas üppige Formen regelmäßig aus dem Ausschnitt und ziehen die Aufmerksamkeit des Mannsvolkes auf der Bernburg auf sich. Doch ehe der Bösewicht Reinmar - zu erkennen an Knollennase und schmalen Lippen - sich an ihr vergreifen kann, eilt Ritter Robert zur Hilfe - zu erkennen an kantigem Kinn und stahlblauen Augen. Eilika flüchtet von der Bernburg, wird mehrere Male fast vergewaltigt, begegnet Ritter Robert unbekleidet an einem Wasserfall, wird in Rekordzeit von einer alten Kräuterfrau zur Heilerin ausgebildet, lernt nebenbei noch Lesen und Schreiben und rettet diverse Soldatenleben. Irgendwann findet sie auch den zwischenzeitlich verloren gegangenen Ritter Robert wieder, und wenn sie nicht gestorben sind, dann tummeln sie sich noch heute unter ihrem Wasserfall.

Wirklich beeindruckend an diesem Roman ist nicht die ebenso glaubwürdige wie originelle Handlung, sondern die experimentelle Sprache der Autorin. Besonders gelungen ist ihr dabei das Heraufbeschwören des mittelalterlichen Kontextes, der durch Ausdrücke wie "Klasse!" und "Toll!" immer wieder zeitgemäß unterstrichen wird. Wer eine besondere Vorliebe für verschachtelte Nebensätze, an deren Ende, das für gewöhnlich ziemlich weit vom Anfang entfernt liegt, niemand mehr weiß, wovon eingangs die Rede war, hat, kommt hier sprachlich vollends auf seine Kosten. Auch Freunde von Füllwörtern werden vermutlich an diesem Buch wohl stilistisch ziemlich viel Freude haben, insbesondere an dem ziemlich aussagekräftigen und daher wohl auch bei so ziemlich jeder Gelegenheit auftauchenden Wort "ziemlich".

Die solchermaßen beschriebenen Charaktere zeichnen sich durch besondere Tiefe und Vielschichtigkeit aus, sie wecken Sympathien und reißen den Leser mit. Ritter Robert mit den stahlblauen Augen und die dralle Magd Eilika wirken so realistisch, daß man sich kaum von ihnen trennen mag. Bleibt zuletzt noch der faszinierende historische Kontext des Romans zu erwähnen, in dem der Leser Bemerkenswertes über die sächsische Regionalpolitik des Hochmittelalters erfährt - immer ein gutes Thema für den nächsten Smalltalk.

PS: Bei der Lektüre dieses Buches lag ich fiebernd im Bett. Das könnte meine Urteilsvermögen getrübt haben.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 27, 2012 5:13 PM CET


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