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Heinz F. "Heinz F." (München)

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Preis: EUR 145,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Nicht ausgereift, 12. April 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Verbindung zwischen Gerät und Kabelanschluss extrem störanfällig. Navi konnte nicht mehr aufgeladen werden, nachdem ich mich beim Einsteigen im Kabel verhedderte.


Freedom Betrayed: Herbert Hoover's Secret History of the Second World War and Its Aftermath (Hoover Institution Press Publication)
Freedom Betrayed: Herbert Hoover's Secret History of the Second World War and Its Aftermath (Hoover Institution Press Publication)
von George H. Nash
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 50,41

5.0 von 5 Sternen President Hoovers "Opus Magnum" über die Hintergründe der Kriegspolitik FDR, 25. Februar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Der verratene Friede" ist bisher leider nicht auf Deutsch erschienen, aber auch im Original lesenswert. Rund 20 Jahre arbeitete der Vorgänger von US-Präsident F.D. Roosevelt an dieser grundlegenden Darstellung. Kurze Zeit nachdem die Arbeit im Herbst 1963 fertig gestellt war, verstarb Hoover 1964 und über ein halbes Jahrhundert lag das Manuskript unbeachtet im Archiv der Hoover Institution. 2011 wurde es editiert und mit einer längeren Einführung versehen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Ähnlich wie die Darstellung des ehemaligen Kongressabgeordneten Hamilton Fish "FDR the other side of the coin" unterzieht hiermit erneut ein hochrangiger US-Politiker und Zeitzeuge die Kriegspolitik der Roosevelt-Regierung einer kritischen Analyse. Sowohl Autoren wie z.B. Freda Utley, Henry William Chamberlin und Charles Callan Tansill haben bereits Anfang der 1950er Jahre sehr kritische Arbeiten zu diesem Thema publiziert. Die Arbeit von Hoover würde ich in diesem Zusammenhang als eine Art Abschluss sehen, sowohl hinsichtlich Umfang, Quellenstudium und Fußnotenapparat als auch im Hinblick auf den politischen Rang des Verfassers und Zeitzeugen.

Fazit: In einer Zeit relativer Unruhe ist diese Insider-Kritik eines "Nicht-Interventionisten" am globalen Hegemonialanspruch der USA und den damals schon erkennbaren mangelhaften Ergebnissen aktuell. Eine deutsche Lizenzausgabe wäre wünschenswert, da es schon ein Unterschied ist, 900 Seiten in Mutter- oder Fremdsprache zu lesen und das Thema ein zeitloses ist.


Konflikte der Zukunft. Die Rückkehr der Geopolitik.
Konflikte der Zukunft. Die Rückkehr der Geopolitik.
von Alexander Dugin
  Gebundene Ausgabe

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Intellektuelle Kritik am Hegemonialanspruch westlicher Prägung, 25. Februar 2015
Wer sich für das Buch von Samuel Huntington "The Clash of Civilisations", deutsch "Kampf der Kulturen" interessiert hat, könnte auch an dieser Publikation gefallen finden, baut es doch auf der These Huntingtons auf, dass "Zivilisationen" Akteure der Außenpolitik sind.

"Konflikte der Zukunft - Die Rückkehr der Geopolitik" besteht aus zwei Teilen: Einer intellektuellen Skizze des zur Zeit noch etwas unbestimmten Begriffs "Multipolarität" bzw. "multipolare Welt", die auf 170 Seiten als eine Einführung in die Thematik zu verstehen ist.

Ausgehend von dem historischen "Westfälischen System" souveräner Nationalstaaten (1648-1945) schildert Dugin den Übergang zur bipolaren Welt (1945-1991) und den Übergang zur unipolaren Welt (1991 bis heute). Es gibt heute - so der Verfasser - verschiedene theoretische Ansätze, wie sich der aktuelle Unilateralismus weiter entwickeln kann:
1) Die Umwandlung der faktisch bestehenden unipolaren amerikanischen Hegemonie in eine juristische - eine "Liga der Demokratien" ersetzt die Vereinten Nationen, wobei die USA ihren Partnern ihre Politik aufzwingt (S. 25f)
2) Verschiedene Länder mit gleichen Werten errichten eine Art "Weltregierung" (S. 27f)
3) Die USA als Primus inter pares koordinieren mit ihren Partnern die Außenpolitik, so wie es die Obama-Regierung aktuell versucht (S.30f)
4) Vertiefung postpositivistischer Ideen, welche die Einzigartigkeit westlicher Werte in Frage stellen, kombiniert mit der Huntingtons Theorie des "Kampf der Kulturen" (S. 48, 50, 59f)

Der Russe Dugin bestreitet die weltweite Gültigkeit des westlichen Wertekontextes (Toleranz, Demokratie, Liberalismus, Parlamentarismus, Meinungsfreiheit usw.) und aktualisiert zudem Huntingtons Thesen, demgemäß nichtwestliche Gesellschaften westliche Technik übernehmen können, um diese gegen den Westen selbst einzusetzen. Nach Dugin ermöglicht dies eine Alternative zur amerikanischen Hegemonie als Kernstück der internationalen Beziehungen und Werte - die sogenannte multipolare Welt: Vereinfacht dargestellt versteht er darunter Großräume, die politisch, wirtschaftlich und kulturell relativ autark sind, mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander existieren und ihre Kraft aus historisch gewachsen Wurzeln - der Kultur / Zivilisation ziehen. An der Spitze steht eine geistige Elite der jeweiligen Zivilisation. Wie Dugin selbst einräumt, existiert eine vertiefte theoretische Darstellung zu dieser Theorie noch nicht (S. 183).

Die Kapitel sind denkbar knapp formuliert, aber sehr verdichtet in der Darstellung. Der Verfasser kommt auf den Punkt. Der Fußnotenapparat umfasst 124 Vermerke, die auch als Literaturverzeichnis zu verstehen sind. Es werden Arbeiten in englischer, französischer, russischer, portugiesischer und deutscher Sprache zitiert, was für die Belesenheit des Autors spricht.

Bei dem Buch geht es allerdings nicht nur um Außenpolitik. Über die Rolle der Medien schreibt Dugin beispielsweise: "Ihrem Selbstverständnis nach bilden sie das Zwischenglied zwischen Regierung und Gesellschaft, zwischen der Elite und den Massen. Sie produzieren ein System von Normen und schreiben den Menschen praktisch vor, was sie zu denken haben. Sie begründen eine eigene Ontologie der demokratischen Gesellschaft (worüber die Medien schweigen, das existiert auch nicht; worüber die Medien berichten, das existiert). (S. 179)

Im zweiten Teil des Buches werden auf 60 Seiten Interviews der Jahre 2012 bis 2014 publiziert, die Dugin dem Nachrichtenmagazin "Zuerst!" gegeben hat. Schnell wird klar, warum der russische Politologe Alexander Dugin für bundesdeutsche Mainstream-Medien eine Reizfigur ist, spricht er doch Themen an, die hierzulande tabu sind:

Dugin: "Deutschland ist ein besetztes, ein fremdbestimmtes Land. Die US-Amerikaner üben die Kontrolle aus. Die deutsche politische Elite ist nicht frei. Die Konsequenz: Berlin kann nicht so handeln, wie es in dieser Situation [gegenüber Russland] zum Wohl des Landes handeln müßte. Momentan wird Deutschland gegen eigene Interessen regiert. ... Die derzeitige Rolle des Vasallen für Brüssel und Washington kann nicht Deutschlands Schicksal sein." (S. 205)

Dugin: "In der gesamten Umerziehung der Deutschen nach 1945 ging es doch darum zu verhindern, daß es in Deutschland Bestrebungen für ein freies und unabhängiges Land gibt. Die Deutschen wurden antideutsch umerzogen. Heute sehen wir sowohl in der politischen Klasse als auch in der Intellektuellen-Szene - von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen - die komplette Abwesenheit nationalen Denkens. Sobald beispielsweise ein Politiker oder Intellektueller diese antideutsche Sphäre verläßt, wird er augenblicklich bekämpft und isoliert.
Frage: Aber nicht von den Amerikanern, sondern von deutschen Politikern und "Kulturschaffenden"...
Dugin: Genau das meine ich ja. Deutschland ist heute ein großer politisch intellektueller Gulag oder eine Art Konzentrationslager. Aber diesmal sind die Amerikaner die Lageraufseher. Die deutsche politische Klasse spielt die Rolle der Kapos, der privilegierten Lagerpolizei. Man kann dies so akzeptieren oder dagegen rebellieren. Derzeit dürfte für eine echte Rebellion noch zu früh sein. Aber sie kommt mit Sicherheit. Ein freies und unabhängiges Deutschland ist eine große Chance für Europa. Denn auch Europa kann sich nur von den Amerikanern befreien und emanzipieren, wenn sein Motor - Deutschland! - frei und unabhängig von Washington ist." (S. 237)

Fazit: Ich war angenehm überrascht über die komprimierte Darstellung und die neuen Perspektiven, die Dugin - von dem ich bis dato nur zwei Interviews gelesen hatte - in dem Buch präsentiert. Die Analyse ist allerdings eine primär politisch-kulturelle, volkswirtschaftliche Zusammenhänge in der globalisierten Welt sind nur in einem Kapitel Gegenstand des Buches. Hier würde ich auch mit der Kritik ansetzen. Gedanken über eine multipolare Welt machen nur Sinn, wenn das US-Weltreich rein theoretisch in absehbarer Zeit erheblich an Macht verlieren könnte, da die USA natürlich ihre Stellung als einzige Weltmacht nicht freiwillig räumen. Alle Weltreiche der Neuzeit - das Spanische, das Britische und die UdSSR - sind aus ökonomischen Gründen zusammengebrochen, da die Kosten des Imperiums dessen Erlöse langfristig überstiegen. Theoretisch müßte man nur warten. Da aber die Federal Reserve jederzeit die Dollarmenge wundersam aus dem Nichts vermehren kann, können die Kosten des amerikanischen Weltreiches offensichtlich beliebig lang finanziert werden. Und solange der Spruch von Nixons Finanzminister John Connally gilt, "Unsere Währung, euer Problem", wird sich daran auch nichts ändern. Genau hier - bei den ökonomischen Hintergründen der unipolaren Welt, dem Dollar-Imperialismus - müssten Alternativen einer vertieften Darstellung unterzogen werden. Dugin selbst vermutet, dass bereits in näher Zukunft das bestehende weltwirtschaftliche Modell in seiner jetzigen Form verschwindet, die Entwicklung sogar in einen dritten Weltkrieg münden kann (S. 173). Soviel Pessimismus ist wahrscheinlich übertrieben.

Trotzdem sind 5 Sterne nicht zu wenig, da in Biedermeier-Zeiten wie unseren, politische Bücher, die Hintergründe beleuchten und wichtige Probleme auf den Punkt bringen selten sind.


Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg
Die Selbstentmachtung Europas. Das Experiment des Friedens vor und im Ersten Weltkrieg

5.0 von 5 Sternen Über den langsamen und seinerzeit unerkannten Prozess wechselseitiger Vernichtung, 24. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Über die 1975 erschienene Arbeit Erwin Hölzles schreibt 2008 Klaus Hildebrand:

"In universalgeschichtlicher Perspektive bettete Erwin Hölzle die Geschichte der deutschen Außenpolitik am Vorabend des Ersten Weltkrieges in eine allerdings von apologetischen Tendenzen nicht freie Darstellung über "Die Selbstentmachtung Europas" ein. Dabei wies die von ihm gewählte Methode in eine Richtung, die zwar in Deutschland vereinzelt auf Ablehnung stieß, weil damit die Verantwortung der deutschen Regierung für den Kriegsausbruch allzu leicht relativiert werden könnte, ... die jedoch insgesamt von der internationalen Forschung in den letzten Jahren immer stärker eingeschlagen wurde." Klaus Hildebrand, Deutsche Außenpolitik 1871-1918, München 2008, S. 84.

Obwohl das Buch mittlerweile 40 alt ist, gehört es immer noch zu den lesenswertesten Arbeiten, da es die Diplomatiegeschichte in einen weltpolitischen Rahmen einbettet. Im Unterschied zu den allermeisten aktuellen Arbeiten, die mittlerweile ebenfalls frei von insularen Betrachtungsweisen mit dem Fokus auf Deutschland sind, widmet Hölzle ein Drittel des Buches den amerikanischen, japanischen, deutschen und neutralen Friedensbemühungen im Weltkrieg. Breiten Raum nimmt nicht ohne Grund deshalb das Londoner Sonderfriedensabkommen vom 5. September 1914 ein, welches wie eine "Sperrmauer" einen Separatfrieden einer der Entente Mächte bis zur Bolschewistischen Revolution in Russland unmöglich machte. Hölzles Fazit:

"Das alte Europa hatte die Kraft und den Willen verloren, den Frieden in einem Staatensystem selbst herzustellen. Seine Selbstzerfleischung sollte zur Entmachtung führen." (S. 593)

Mit dem Kriegseintritt der USA schließt das Buch. Ein vom Frühjahr 1917 bis Versailles geplanter zweiter Band erschien posthum als Fragment. Ebenfalls posthum erschienen die von Hölzle herausgegebenen "Quellen zur Entstehung des Ersten Weltkrieges" 1978, die quellenmäßige Untermauerung der hier rezensierten Arbeit.


Weltordnung
Weltordnung
von Henry A. Kissinger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,99

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Geistreiches über die Hegemonialvorstellungen der USA im XXI. Jahrhundert, 6. Januar 2015
Rezension bezieht sich auf: Weltordnung (Gebundene Ausgabe)
Laut Kissinger ist "die Krise des Konzepts der Weltordnung das dringendste Problem unserer Zeit" (S. 427). Internationale Probleme wie z.B. die demografische Entwicklung, Migration, Umweltschutz, nachhaltiges Wirtschaften, Wirtschaftsimperialismus werden nicht thematisiert. Hintergrundinformationen aus der Welt der Geheimdienste, Lobbyisten, Finanzindustrie sucht man auch vergebens. Bei Kissinger dreht sich alles um die Außenpolitik, die Staatskunst mit ihrem Primat über das Kriegshandwerk - Frieden als Ziel und Wesensgrund der Politik. Infolgedessen ist die Studie theoretisch und perspektivisch begrenzt.

Als Leitmotiv der Arbeit kann das Stichwort "Westfälische System" gelten - benannt nach den 1648 in Münster und Osnabrück geschlossenen Friedensverträgen. Kissinger kommt immer wieder darauf zurück, dass in unserer Zeit eine Friedensordnung - wie 1648 - nur durch "seine Universalität aus seinem prozeduralen - und damit wertneutralen - Wesen" (S. 413) geschaffen werden kann. "Seine Regeln konnten von jedem Land übernommen werden: Die Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten, die Unverletzlichkeit der Grenzen, die Souveränität der Staaten sowie die Förderung des internationalen Rechts." (Ebenda)

Auf die heutige Zeit angewendet lautet seine Empfehlung:

"Die Vereinigten Staaten müssen eine Weltordnung auf zwei Ebenen anstreben: Während sie universelle Prinzipien hochhalten, müssen sie auch die historischen Realitäten anderer Regionen und Kulturen respektieren. Selbst wenn Lehren aus schwierigen Jahrzehnten gezogen werden, muss Amerika seine besondere Rolle behaupten. ... In unserer Zeit, der eine noch unheilvollere Zukunft droht, müssen wir das Notwendige tun, bevor wir von den Ereignissen überrollt werden." (S. 424f)

Seine Analysen und Handlungsempfehlungen verteilt der Autor thematisch auf 10 Kapitel, wobei jeweils zwei Kapitel einen geographischen Schwerpunkt behandeln:

In den ersten beiden Kapiteln behandelt Kissinger stark verdichtet europäische Außenpolitik und diesbezügliche Problemstellungen zwischen 1648 und heute. Wem "Die Vernunft der Nationen" gefallen hat, wird auch hier viel geistreiches finden. Kissingers Analysen zum Ausbruch des 1. Weltkrieges sind offensichtlich auch von C.Clarks "The Sleepwalkers" beeinflusst (S. 94, Fußnote 90). Die Starrheit der Bündnissysteme führte nach Kissingers Ansicht wesentlich zur Katastrophe 1914.

Das dritte und vierte Kapitel über die islamische Welt und den Iran ist wissenschaftlich betrachtet ordentlich geschrieben, zeigt aber wie fern dem Verfasser die Psychologie des Orients ist. Lichtjahre trennen den Autor hier von Peter Scholl-Latour. Der amerikanische Pragmatismus kann den Islam irgendwie nicht greifen. Interessant trotzdem die Empfehlung, Gespräche mit dem Iran nicht völlig auszuschließen (S. 194f).

Kapitel fünf und sechs thematisieren Asien, insbesondere China. Wem das Kissingers China Buch gefallen hat, findet hier Aktuelles in komprimierter Darstellung.

Kapitel sieben und acht beschäftigen sich mit der USA. Die Analyse der politischen Raffiniertheit von "Sphinx" Franklin D. Roosevelt ist wirklich klug (z.B. S. 310, dort Fußnote 275: Der Autor vermutet, dass FDR Stalin deshalb jeden Wunsch erfüllte, um ihn vor einem Seperatfrieden mit Deutschland abzuhalten).

Die beiden letzten Kapitel drehen sich zum einen um aktuelle Fragen wie z.B. Informationsbeschaffung im IT-Zeitalter und das zentrale Thema des Buches - unausgesprochen - wie amerikanische Hegemonie künftig aussehen soll. Dass das Internet revolutionär wie seinerzeit der Buchdruck das Denken der Menchen verändert ist für den Autor eher ein Problem.

Fazit:

Viele intelligente und gute Zitate; flüssiger, sehr gut lesbarer Stil - was Kissinger auch wichtig ist (S. 399) und eine komprimierte und verdichtete Darstellung - eigentlich fünf Sterne. Da aber durchgängig das "Westfälische System" der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten als Prinzip einer Weltordnung empfohlen wird, die US-Politik dem aber diametral entgegensteht (offen angesprochen z.B. S. 203, 256, 259, 290, 304, 267, 372) - komme ich mir als Leser etwas auf den Arm genommen vor.

Das zentrale Problem der künftigen Weltordnung hat bereits im Jahre 1906 - also vor 109 Jahren - der russische Ministerpräsident Graf Witte gegenüber dem deutschen Botschafter in Petersburg klar formuliert:

Es "drohe den europäischen Mächten eine große politische und wirtschaftliche Gefahr in den empordrängenden, mit gewaltigen Machtmitteln und skrupelloser Brutalität seine Ziele verfolgenden Amerika. Zur Abwehr dieser Gefahr müßten die kontinentalen Mächte sich eng aneinander schließen und ihre Differenzen begraben, und zwar möglichst gründlich und rasch, damit der Zeitpunkt, der beinahe schon versäumt ist, nicht vorübergehe. Europa zeige schon jetzt die Züge eines alten Weibes; zögere es noch lange mit einer verjüngenden Kräfteauffrischung, so werde es bald zu einer kläglichen Jammergestalt heruntersinken. Der unverschämten Monroedoktrin, die jede Einmischung europäischer Mächte in angeblich ausschließlich amerikanische Interessen abweise, die Amerikaner aber keineswegs von anmaßenden Einmischungen in europäische Dinge abhalte, müsse ein fester europäischer Bund entgegengesetzt werden. ... Die amerikanischen Anmaßungen seien schon jetzt unerträglich und würden bei weiterem Zusehen ins Unermeßliche steigern.
Aber nicht allein Amerika habe das uneinige und schwache Europa so weit emporkommen lassen, sondern neuerdings auch Japan. Diese scheine ganz dem amerikanischen Beispiel folgen zu wollen, geleitet und unterstützt von dem über das kontinentale Europa hohnlächelnde England." (Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871 - 1914, Band 21, Dokument 7029)

Wie Graf Witte es klar sieht liegt der Schlüssel zum Frieden und Wohlstand in der Einigkeit Kontinentaleuropas einschließlich Russlands und dem Verbot der Einmischung außereuropäischer Mächte. Davon sind wir heute weit entfernt. Die Welt befindet sich in relativer Unruhe und deshalb muss Hegemonie kritischer thematisiert werden. Gleiches gilt auch für alle Versuche der Verbindung von Mächten zu einer Übermacht. Eine Ansammlung von Übermacht kann auf Seiten der isolierten Macht zu Einkreisungsängsten und zur Explosion führen. Bei einer theoretischen Studie kann man diese Erkenntnis eigentlich voraussetzen. Deshalb und aufgrund der selektiven Betrachtung nur 3 Sterne.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 24, 2015 5:19 PM CET


Die große Täuschung: Hitler, Stalin und das Unternehmen "Barbarossa"
Die große Täuschung: Hitler, Stalin und das Unternehmen "Barbarossa"
von Gabriel Gorodetsky
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Ausgezeichnete Spezialuntersuchung, 5. Oktober 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch behandelt eines der anspruchsvollsten Themen der Zeitgeschichte. Da ich etwas irritiert darüber bin, dass es bei Amazon nur im Durchschnitt mit 2,5 Sternen bewertet wird, möchte ich eine kurze Rezension abgeben:

Die Arbeit ist in wesentlichen Teilen quellenbasiert. Eine stichpunktartige Überprüfung der Belege aus den ADAP zeigt, dass der Verfasser korrekt zitiert. Es gibt einige, m.E. zu vernachlässigende Fehler, z.B. ist Deckname des Agenten Schulze-Boysen "Hauptfeldwebel" falsch (korrekt "Starschina" - Gruppe alter Leute, Senioren, vgl. C. Andrew/W. Mitrochin: Schwarzbuch KGB, Berlin 1999, S. 847).

Inhaltlich verfolgt das Buch drei Handlungsstränge: 1) Hitlers und Stalins Vormarsch auf den Balkan mit dem hieraus resultierenden Konfliktpotential, 2) die britischen Versuche, Russland in einen Kampf gegen Deutschland zu gewinnen sowie 3) Stalins Festhalten an der "Ultimatumstheorie" - dass vor einem Angriff die Führung der UdSSR zum Verhandeln aufgefordert, ggf. mit hatten Kollaborationsbedingungen ultimativ konfrontiert wird. Infolgedessen ist der Titel "Die große Täuschung" zutreffen gewählt; beim Untertitel hätte man auch den Namen Churchills hinzufügen können.

Analytisch gibt es zu meinem Kenntnisstand Abweichungen beim Kapitel "Rudolf Heß` Flug nach England". Im Gegensatz zur Habil. von Rainer Schmidt "Botengang eines Toren?" konnte Gorodetsky in den Quellen keine Hinweise auf eine Falle des britischen Geheimdienstes finden. Das Unterkapitel "Postskriptum: Ein Präventivkrieg?" fällt mit drei Seiten sehr knapp auf und bezieht sich nur auf die engere Def. im Hinblick auf einen akut bevorstehenden Angriff - obwohl die angeführten Beispiele der deutschen Militärtradition (Fr. d. Große, Moltke, Schlieffen) gerade den erweiterten Begriff des Präventivkriegs belegen. Die zentrale Aussage des Buches, dass Stalin im Jahr 1941 keinen Krieg gegen Deutschland plante, wird überzeugend belegt.

Grundsätzlich aber, trotz meiner kritischen Anmerkungen - das möchte ich ausdrücklich hervorheben - ist die Arbeit von Gorodetsky im Hinblick auf die Wertung der Quellen, die Differenzierung von Standpunkten und dem Detaillierungsgrad ein echtes Meisterwerk. Das Primat geopolitischer Vorstellungen und wandelnder politischer Umstände vor ideologischen Motiven im Denken Hitlers kommt immer wieder zum Ausdruck. Auch wenn der Verfasser es nicht so wortwörtlich auf den Punkt bringt, war "Barbarossa" eigentlich der vierte Balkankrieg (1914 war in gewisser Weise der dritte Balkankrieg).


1914: Der unnötige Krieg
1914: Der unnötige Krieg
von Walter Post
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Quellennahes Werk zur Julikrise, 18. August 2014
Rezension bezieht sich auf: 1914: Der unnötige Krieg (Broschiert)
Das Buch des Münchner Historikers Walter Post wäre noch vor zwei Jahren aus dem Rahmen gefallen, da die in Modifikationen nachwirkende Alleinschuldthese Fritz Fischers alle anderslautenden Analysen in den Schatten stellte. Heute, nachdem Christopher Clark und Herfried Münkler die These von der deutschen Alleinschuld widerlegt haben und in Fachkreisen und Öffentlichkeit Gehör fanden, ist das am 2.8.14 erschienene Werk mit seinem multiperspektivischen Ansatz, der das Handeln aller Akteure berücksichtigt, absolut zeitgemäß - es greift eine allgemeine Tendenz der Historiographie auf und vermeidet Extrempositionen.

Bei der Fülle von Veröffentlichungen zum hundertjährigen Gedenken an den Kriegsausbruch stellt sich dennoch die Frage, ob man noch ein weiteres Buch braucht oder warum es gerade diese Studie sein soll. Die Fragestellung lässt sich leicht beantworten, da die von Post gewählte Methodik bei aktuellen Arbeiten in dieser Form nicht zur Anwendung kommt: Die Arbeit basiert zum wesentlichen Teil aus Belegstellen der Dokumentenpublikationen der Europäischen Mächte oder zeitnaher Berichte wie z.B. die Riezler-Tagebücher, die wie ein großes Puzzle zusammengesetzt und ausführlich zitiert werden. Der Diplomatische Schriftverkehr aller Parteien wird berücksichtigt. Dadurch, dass die handelnden Akteure so selbst zu Wort kommen, ist man unheimlich nah am Geschehen, man sitzt sozusagen in der ersten Reihe.

Ebenfalls singulär dürfte der Sachverhalt sein, dass der Verfasser oft auf Sekundärliteratur zurückgreift, welche vor 1945 publiziert wurde. Post begründet dies damit, dass grundlegende, breit aufgestellte Arbeiten – jene von Barnes, Fay, Wegerer und Albertini – seinerzeit zu recht gleichlautenden Ergebnissen kamen. Insbesondere Fay (1928) und Wegerer (1939) verteilten die Verantwortung der Akteure so gleichmäßig, wie es aktuell wieder Stand der Forschung und Deutungshoheit ist. Auf die Ergebnisse dieser beiden Wissenschaftler greift Post durchgängig zurück.

Inhaltlich gliedert sich das Buch essentiell in zwei Teile - die europäische Krisendiplomatie vom Dreikaiserabkommen 1873 bis zum Attentat von Sarajewo sowie der Planung und Vorbereitung des Attentats bis zum Kriegseintritt Großbritanniens. Beide Teile umfassen jeweils rund 175 Seiten. Der Gesamtumfang mit 400 Seiten kommt dem Leser insoweit entgegen, als dass man sich nicht durch einen riesigen Schmöker hindurcharbeiten muss, gleichzeitig aber ein gehaltvoller Detaillierungsgrad möglich ist, der – wenn man von der zwischen 1890 und 1906 wirkenden „Grauen Eminenz“ im Auswärtigen Amt Friedrich von Holstein einmal absieht – alle wesentlichen Akteure einbezieht.

Auf eine Danksagung oder persönliche Einleitung wird verzichtet. Das Buch beginnt mit einer Einführung, in der auf die revisionistische Geschichtsschreibung seit der Antike hingewiesen und dezidiert jene der Zwischenkriegszeit bewertet wird. Nachdem der Verfasser auf die „Fischer-Kontroverse“ der 1960er Jahre eingeht – letztendlich auch eine Art Geschichtsrevision - wird das 1975 erschienene Werk von Erwin Hölzle „Die Selbstentmachtung Europas“ lobend erwähnt. Nach Post für knapp 40 Jahre der letzte multiperspektivische Ansatz, der alle beeidigten Mächte gleichermaßen einbezog. Für den Verfasser knüpft erst mit dem 2012 erschienen Bestseller „The Sleepwalkers“ von Christopher Clark erneut ein Werk an die großen Arbeiten vor 1945 an.

Im Hauptteil der Arbeit geht der Verfasser weniger explizierten Fragekomplexen nach, ob dieses oder jenes ausheutiger Sicht klug oder unklug war, sondern er versucht die wesentlichen Handlungsabläufe wertungsfrei zu rekonstruieren. Seine Darstellung der Bündnisse und Konflikte im europäischen Mächtesystem im ersten Teil der Arbeit behandelt chronologisch zwei Handlungsstränge: Die internationalen Beziehungen im Allgemeinen (S. 23 – 121) und die Konflikte auf dem Balkan, der Achillesverse Europas im Speziellen (S. 122 – 179). Mit drei Einzelkapiteln - die Revolutionsgefahr in Rußland, die britisch-russischen Verhandlungen über eine Marinekonvention sowie die Einschätzung der außenpolitischen Lage durch Bethmann-Hollweg im Frühjahr 1914 – endet die Beschreibung der europäischen Krisendiplomatie vor Sarajewo. Die zitierten Belegstellen aus dem Kapitel “Revolutionsgefahr in Rußland“, verfasst vom deutschen Generalkonsul in Moskau Kolhaas (1912) und vom französische Botschafter in St. Petersburg Paléologue (1914) sind auch heute noch von beklemmender Aktualität.

Im zweiten Teil verdichtet sich die Darstellung mit der Beschreibung der Planung des Attentats und der Rekonstruktion der wenigen Wochen hektischer Verhandlungen zwischen der Ermordung des Erzherzogs und dem Kriegsbeginn. Die Spur nach Belgrad wird akkurat rekonstruiert. Die vielen Zitierten Passagen aus dem diplomatischen Schriftverkehr beleuchten ein Milieu, in welchem erstaunlich viel miteinander geredet, aber auch unter Bündnispartnern geheimniskrämerisch taktiert wurde. Missverständnisse, knallharte Interessenspolitik, aber auch oft verblüffender Klarblick einzelner Akteure – z.B. seitens Poincaré – wird offensichtlich.

In der Zusammenfassung geht Post der Frage nach, warum die Krisendiplomatie im Juli 1914 scheiterte:

"Durch eine Kette von Fehleinschätzungen, Illusionen, Mißverständnissen und psychologischen Ungeschicklichkeiten geriet die Julikrise schließlich außer Kontrolle. Die Katastrophe hatte ihre Ursache in einer Aneinanderreihung von – eigentlich – kleinen Fehlleistungen und Mißgeschicken. Der wirklich große Fehler war die Anordnung der allgemeinen Mobilmachung durch Rußland, weil damit die dringend benötigte Zeit für eine Vermittlung auf 48 Stunden reduziert und alle Bemühungen um eine friedliche Lösung praktisch zunichte gemacht wurden. Der Weltkrieg von 1914 war weder das Ergebnis eines Strebens nach Weltmacht, noch wirtschaftlicher Konkurrenz, noch einer großen Verschwörung, sondern er war das Resultat eines Versagens der europäischen Krisendiplomatie – und damit ein unnötiger Krieg.“ (S. 388)

Fazit:

Der Verfasser zeigt mit dieser Arbeit erneut, wie bereits seinem 2003 veröffentlichen Werk über die Vorgeschichte des 2. Weltkriegs, dass er komplexe Themen ganzheitlich mit einer 360° Perspektive nach wissenschaftlichen Prinzipien rekonstruiert. „1914“ ist in einem flüssigen Stil verfasst und, unter Berücksichtigung der Komplexität des Themas und der vielen Zitate, alles in allem gut lesbar. Die den i.d.R. aus den Quellenwerken ausgewählten Belegstellen sind inhaltlich aufschlussreich, teilweise hochinteressant, aber beinträchtigen manchmal etwas den Lesefluss, zumal sie in der Textgestaltung kaum hervorgehoben sind. Die Analyse ist ausgewogen und der Verfasser kommt zu ähnlichen Schlüssen, wie Sidney Fay vor knapp 90 Jahren bzw. Christopher Clark ganz aktuell.

Es gibt nur geringfügige Kritikpunkte: Etwas mehr Kartenmaterial hätte der Arbeit gut getan, z.B. über den Weg der Attentäter und des Thronfolgers nach Sarajewo. Das Verzeichnis der verwendeten Sekundärliteratur ist relativ knapp gehalten, wobei auffällt, dass die 2009 publizierte Dissertation von Stefan Schmidt „Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914“ fehlt, obgleich Schmidt wirklich neues, nicht publiziertes Quellenmaterial ausgewertet hat. Dies macht sich bei Post inhaltlich insoweit bemerkbar, dass ein so wichtiger Themenkomplex wie die politisch motivierten Aktivitäten französischer Kreditgeber, der durch Frankreich finanzierte Bau strategischer Eisenbahnen sowie dessen Beratungs- und Unterstützungsleistungen der zaristischen Armee - welche die russische Mobilisierungskapazität wesentlich beschleunigten - nur am Rande erwähnt wird. Auch ein Hinweis auf das Werk von Konrad Canis "Der Weg in den Abgrund - Deutsche Außenpolitik 1902-1914" wäre hilfreich gewesen, für jene Leser, die ihr Wissen mittels einer vertieften Spezialuntersuchung erweitern möchten.

Dem positiven Gesamteindruck tut dies aber keinen Abbruch, zumal der Preis von 19,95 € als gebundenes Buch mit SU eine Kaufentscheidung dahingehend leicht macht, dass die aktuell publizierten, seriösen Arbeiten bei 30 € anfangen.


Die 101 wichtigsten Fragen - Der Erste Weltkrieg
Die 101 wichtigsten Fragen - Der Erste Weltkrieg
von Gerd Krumeich
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kein Zufall, dass manche Fragen fehlen, 16. August 2014
Während wichtige Protagonisten des Historikerstreits sich in Schweigen hüllen, verteidigt Gerd Krumeich wacker den durch Clark ins Wanken geratenen Konsens der deutschen Hauptschuld am 1. Weltkrieg.

Geschichtspolitisch motiviert fallen desshalb wichtige Fragen unter den Tisch, die man in dem Buch vergeblich sucht:
Wer steckte hinter dem Attentat von Sarajewo?
Was wusste die serbische Regierung?
Warum widersetzte sich Sasonow so hartnäckig der von Österreich-Ungarn geforderten Untersuchung des Attentats? Ahnte er die Verstrickung des serbischen Militärgeheimdienstes und die Mitwisserschaft der Regierung in Belgrad?
... um nur einige zu nennen.

Wenn im Zusammenhang mit dem WK1 solche Themen vermieden werden, ist dies ungefähr so, als wenn man im Zusammenhang mit den Attentaten des 11. Septembers folgende Fragen bei einem Sachbuch für unrelevant hält:
Wer war Bin Laden? Hamburger Zelle? Welche Rolle spielen die Saudis? Was wussten oder ahnten die Taliban?

2 Sterne, da eigentlich alle Fragen so rund geschliffen beantwortet werden, dass an der initiierenden Verantwortung DE für den Ausbruch und Verlauf des Krieges keine Zweifel bestehen. Aktuelle Tendenzen der Forschung hin zu einer universalgeschichtlichen Perspektive werden zu wenig berücksichtigt. Für den Geschichte-LK aber in jedem Fall zu empfehlen.


Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914: Ein Beitrag zur Geschichte des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges (Pariser Historische Studien, Band 90)
Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914: Ein Beitrag zur Geschichte des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges (Pariser Historische Studien, Band 90)
von Stefan Schmidt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,80

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unverstellter Blick auf Frankreichs Rolle in der Julikrise, 9. April 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wie die Arbeit von Clark oder McMeekin bereichert Stefan Schmidts Dissertation die Diskussion über die Ursachen des Ersten Weltkrieges. Der Autor arbeitet nach den wissenschaftlichen Maßstäben einer Doktorarbeit, d.h. nachdem Zielsetzung, Methodik, Forschungsstand und Quellenlage beschrieben wurde, wird unter Bezugnahme einer Vielzahl bisher noch nicht publizierter Dokumente die Rolle Frankreichs in der Julikrise minutiös untersucht, wobei ein Wissenzuwachs gegenüber dem Stand der Forschung erreicht wurde. Gewisse Vorkenntnisse und Fremdsprachenkenntnisse werden seitens des Lesers vorausgesetzt.

Die Publikation von Schmidt birgt insoweit Zündstoff, als dass die historische Forschung Frankreichs Rolle beim Kriegsausbruch bisher in der Rolle eines Nebenakteurs sah. Dies ist insoweit aufschlussreich, da auf den ersten Blick einige Anomalien im Hinblick auf die Julikrise auffallen, die dieser Sicht der Dinge entgegenstehen:

1) Der Mangel an belastbaren Quellen in Bezug auf die zwischen der französischen und russischen Regierung im Juli 1914 geführten bilateralen Gespräch in Petersburg – und hieraus resultierend die Frage, warum betreffs dieser Konsultationen keine Protokolle angefertigt wurden bzw. warum diese – falls jemals vorhanden - „verschwunden“ sind.

2) Die im Vergleich zu den anderen Großmächten ungewöhnliche Passivität der französischen Außenpolitik im Hinblick auf diplomatische Lösungsvorschläge der Julikrise - einhergehend mit der auffallenden Vorsorge, einen möglichen Großen Krieg unter optimalen Bedingungen führen zu können.

3) Frankreich hatte als einzige Großmacht bereits vor Kriegsbeginn konkrete territoriale Ziele bzw. "Träume", die auf friedlichem Weg kaum zu erreichen waren.

Schmidt gelingt es, diese Widersprüche aufzuhellen, indem er beinahe jedes irgendwie greifbare Dokument sichtet und die zur Analyse der französischen Außenpolitk erforderliche Quellenbasis gegenüber dem bisherigen Forschungsstand deutlich verbessert. Wie ein roter Faden zieht sich die Fähigkeit der französischen Politik, einen stärkeren Bündnispartner für eigene Interessen einzuspannen durch die Rekonstruktion der Ereignisse.

Aus der Analyse der neuen Dokumente zieht der Autor den Schluss, dass Frankreichs Politik gegenüber dem Bündnispartner Russland im Falle eines Konflikts mit Österreich-Ungarns in einer ähnlich problematischen Relation stand, wie die der Reichsregierung gegenüber der Habsburgermonarchie –„fermeté“ [Festigkeit] contra „Blankoscheck“:

„Angesichts der großen Bedeutung, die die russischen Entscheidungsträger einerseits der britischen Intervention beimaßen, und angesichts der Unsicherheit, die sie andererseits hinsichtlich der Frage empfanden, welche Haltung Großbritannien in dem sich abzeichnenden Krieg einnehmen würde, wird man wohl konstatieren können, daß das Zarenreich sich kaum zu einer Unterstützung Serbiens entschlossen haben würde, hätte Frankreich ihm nicht zuvor im Zuge einer Politik der fermeté [Festigkeit] seinen militärischen Beistand zugesichert. Anstatt die Bedeutung des britischen Beitrags für eine militärische Auseinandersetzung zu betonen, den russischen Außenminister in seinen Zweifeln zu bestärken und das britische Zögern möglicherweise gar als ein Alibi zu nutzen, um eine eindeutige Stellungnahme zu vermeiden, forderte Frankreich Rußland zu einer letztlich zu allem entschlossenen Wahrung seiner Interessen auf, sicherte damit dem Bündnispartner de facto seine militärische Unterstützung für den Kriegsfall zu und machte damit den Weg für das zögernde Zarenreich frei.“ (S. 102)

Dass diese These erheblich Brisanz in sich birgt und heftigen Widerspruch seitens derjenigen Wissenschaftler provoziert, welche die Hauptschuld am Kriegsausbruch bei der Reichsregierung verorten, ist klar - sammelten doch zwei Generationen von Kriegsschuld-Apologeten alle überhaupt nur denkbaren Argumente gegen Deutschland. Seltsamerweise ließen sie ihre Zuhörer und Leser ohne Antwort auf die Frage, wie die Rückgewinnung Elsaß-Lothringen vom Traum zur Realität werden konnte. Wer dieser Frage im Zusammenhang mit der Julikrise nachgehen möchte und nicht vor einer Vielzahl französch- oder englischsprachiger Zitate zurückschreckt, wird durch neue Erkenntnisse belohnt.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 12, 2014 10:34 AM MEST


Gerhard Ritter: Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert
Gerhard Ritter: Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert
von Christoph Cornelissen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 50,10

5.0 von 5 Sternen Leben und Werk eines deutschen Historikers, 3. April 2014
Gerhard Ritter war einer der bedeutendsten und einflussreichsten deutschen Historiker des XX. Jahrhunderts, dessen Schaffensperiode sich von der Weimarer Republik über den Nationalsozialismus bis in die ersten beiden Jahrzehnte der Bundesrepublik erstreckte. Thematisch reicht sein Werk vom späten Mittelalter bis zur Zeitgeschichte.

Als konservativer Protestant und Vertreter der Frontgeneration verstand Ritter sich als politischer Historiker, der mit seinem Werk nach dem Zusammenbruch 1918 Veränderungen bewirken wollte. Während des Nationalsozialismus erlitt er Verfolgung und Haft; nach 1945 half er mit, dass seine Zunft wieder international zu Ansehen kam. In den 1960ern war er einer der einflussreichsten Gegner der Thesen von Fritz Fischer. Nach Ritter Tod 1967 geriet sein umfangreiches Werk langsam in Vergessenheit - mit einer Ausnahme: Sein 1956 publiziertes Werk "Der Schlieffen-Plan. Kritik eines Mythos" gab über Jahrzehnte die Interprettion des vermeintlichen "Siegesrezepts" vor, bis Terence Zuber 2003 Ritters Thesen in Frage stellte.

Im Rahmen der monographischen Erschließung von Leben und Werk dieses bedeutenden Historikers wurde umfangreiches Quellenmaterial ausgewertet und die Ergebnisse in einen zeitgenössischen Kontext eingebettet. Dies gelingt dem Verfasser u.a. mittels sogenannter Historikergespräche, die Ritters Arbeiten mit parallelen Publikationen anderer bedeutender Wissenschaftler vergleichen.

Die gut lesbare Habilitationsschrift zeigt exemplarisch die Kontinuität deutscher Geschichtsschreibung in der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts auf - die Brüche 1918/33/45 waren nicht so ausgeprägt, wie man es vielleicht aus heutiger Perspektive annimmt. Das "Kritische" rückte offensichtlich erst im Rahmen der Fischer-Kontroverse in den Mittelpunkt der deutschen Histographie und ist seit 1968 dort fest verortet.


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