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Rezensionen verfasst von
Yeti (Deutschland)

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Gleisdreieck: Berlin 1981
Gleisdreieck: Berlin 1981
von Jörg Ulbert
  Broschiert
Preis: EUR 19,95

5.0 von 5 Sternen Stimmungsvoll und höchst spannend, 29. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Gleisdreieck: Berlin 1981 (Broschiert)
Das, was ich von einer Graphic Novel erwarte, hat dieses Werk mehr als eingelöst: Es bietet eine spannende Geschichte, es nutzt die zusätzlichen erzählerischen Möglichkeiten der Bildsprache und es ist stimmungsvoll gezeichnet. Die beschriebene Epoche habe ich zwar selbst nur als Kleinkind in der Provinz erlebt; nach der Lektüre dieser Graphic Novel kommt es mir aber immerhin so vor, als wäre ich dabei gewesen. Dafür sorgen der Zeichenstil, die Farbsetzung und die zahlreichen Details wie Songtexte, Plakate und Zeitschriftentitel. Die Detailtiefe sorgt auch dafür, dass man dieses Buch nicht schnell durchblättern, sondern Seite für Seite genießen will. Nach dem Durchlesen musste ich gleich wieder von vorn anfangen. Hoffentlich wird die Geschichte fortgesetzt!


Die tote Kuh kommt morgen rein: Ein Reporter muss aufs Land
Die tote Kuh kommt morgen rein: Ein Reporter muss aufs Land
von Ralf Heimann
  Broschiert
Preis: EUR 14,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein gelungenes Buch, und nun wirklich keine "Abrechnung", 22. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Dieses Buch musste ich gleich ein zweites Mal lesen. Ganz wunderbar! Natürlich bedient dieses Buch Klischees (volltrunkene Schützenbrüder! Pedantische Taubenzüchter!). Natürlich bestätigt es Vorurteile (Alle Schützen sind volltrunken! Alle Taubenzüchter sind pedantisch!). Dennoch tritt der Autor seinen Figuren mit einer erkennbaren Zuneigung entgegen. Und er beobachtet genau und hört genau hin. Die Dialoge sind eine große Stärke dieses Buches, sie wirken niemals künstlich und lassen eine ordentliche Portion Münsterland ins Lesezimmer.

Ist dieses Buch "von oben herab" geschrieben? Nein, denn zum größten Trottel macht sich Heimann hier selber: Regelmäßig versackt der Erzähler trotz bester Vorsätze auf nächtlichen Trinkgelagen, beim "Außeneinsatz" zur Befragung von "Bürgern auf der Straße" versagt er gegenüber dem naseweisen Volontär, ja, er scheitert sogar daran, sich selbst ein Essen zu kochen. Dieses geradezu angelsächsische Sich-selbst-durch-den-Kakao-ziehen macht ihn als Erzähler ebenso glaubwürdig wie sympathisch. Ansonsten wird der Spott gerecht verteilt: Abgehalfterte Ex-Fußballer, PR-Wichtigtuer, Leserbriefpedanten, Unternehmerpatriarchen, Politiker, sie alle bekommen ihr Fett weg. Daneben zieht Heimann kräftig über die Hype-Mechanismen der Medien her (ein tagelanger Stromausfall macht Borkendorf bundesweit bekannt, die überregionalen Medien versuchen vergeblich, Katastrophenberichterstattung zu betreiben, während sich in der Mehrzweckhalle gemütlich die Bierkästen stapeln) und über die Hilflosigkeit der Zeitungen gegenüber der Online-Herausforderung ("In Borkendorf ist ein Bus liegengeblieben. Alle Neuigkeiten jetzt im Live-Ticker").

Ich habe das Buch übrigens nicht vorrangig als Abrechnung mit dem Lokaljournalismus verstanden. Die Anekdoten vom Arbeitsplatz hätten auch in einer anderen Branche funktioniert: Mittelmäßige Kolleg/innen und menschliche Schwächen gibt es schließlich überall.


Sand. Roman
Sand. Roman
von Wolfgang Herrndorf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

49 von 60 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das große Panorama, 5. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Sand. Roman (Gebundene Ausgabe)
Achtung: "Sand" ist nicht "Tschick". "Sand" ist kein rührendes Roadmovie, das mit viel Karacho auf ein erkennbares Ziel zusteuert, kein nettes Weihnachtsgeschenk für den siebzehnjährigen Cousin UND den dreiundsechzigjährigen Onkel. "Sand" ist vieles auf einmal: Wüsten-Gaudi, Agenten-Story und Höhlen-Gleichnis. Viele, sehr viele Figuren treten auf, allesamt gut ausgedacht, viele dem Leser lange Zeit ein Rätsel, einer weiß nicht mal selbst, wer er ist. Herrndorf schweift oft ab, steckt kleine Off-Episoden in den Text, deren Bedeutung man erst später begreift. So habe ich oft zurückgeblättert: Halt, den Typen kennst du doch! Aber ich habe das gerne getan. Das Ende lässt einige Fragen offen, an anderer Stelle verrät es mehr, als man wissen wollte. Wie gesagt: "Sand" ist nicht "Tschick".

"Sand" ist auch kein klassischer Thriller. Weil ZU viele Fragen offen bleiben. Und weil es keine echten Helden gibt. An jene Figuren, die man im Verlauf des Buches dafür halten könnte, sollte man sein Herz nicht allzu bereitwillig verschenken, sonst wird man erstens enttäuscht und verpasst zweitens eine wesentliche Pointe des Buches.

Was ist "Sand" also? Große Literatur. "Sand" ist ein weiterer Beweis dafür, wie talentiert Herrndorf ist. In "Tschick" hatte er mit der Stimme der Jugend gesprochen, und es war kein Wunder, dass in den Rezensionen oft die Namen Salinger und Mark Twain fielen. In "Sand" zeigt Herrndorf, dass er auch das große Panorama ausbreiten kann. Und dass er vertrackte Geschichten drechseln kann, ohne den Überblick zu verlieren. Außerdem ist Herrndorf einer der wenigen Schriftsteller, deren Personen- und Landschaftsbeschreibungen mich NICHT langweilen. Leseprobe gefällig? Gibt es auf der Homepage des Verlages. Sie ist ein guter Einstieg, aber rechnen Sie nicht damit, dass der Text so heiter bleibt wie dort. Tut er nicht. Zum Glück.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 28, 2012 3:26 PM MEST


Als wir träumten: Roman
Als wir träumten: Roman
von Clemens Meyer
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch wie ein Schlachtengemälde, 13. November 2010
Rezension bezieht sich auf: Als wir träumten: Roman (Taschenbuch)
"Als wir träumten" ist ein fabelhaftes Buch. Clemens Meyer hat einfach alles richtig gemacht. Erstaunlich, wie er die triste Nachwendezeit in einer Leipziger Plattenbausiedlung lebendig werden lässt. Seitdem ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, denke ich immer sofort daran, wenn ich etwas über die Nachwendezeit lese oder höre. Die Figuren sind tiefgängig und sorgfältig gezeichnet, die triste Umgebung, die aber doch für ihre Bewohner Heimat bedeutete, erscheint dem Leser sehr plastisch vor Augen und überaus plausibel sind die verschiedenen Wege, auf denen die Protagonisten mit dem Leben fertig werden wollen - manche scheitern, manche nicht. Plattenbauten, illegale Partys, "Faschos", "Zecken", Schlägereien, Fußball, Boxen, Alkohol, Jugendgefängnis... für Lichtblicke sorgen Estrelita und Katja, zwei Mädchen, die den Protagonisten Daniel aber auch nicht zum Absprung bewegen können.

Es ist ein großer Glücksfall, dass Meyer den Literaten-Studiengang in Leipzig belegt hat, denn er zeigt nicht nur großes Talent, sondern auch ein sehr professionelles Bewusstsein um Stil und Aufbau. Meyer erzählt nicht chronologisch. Das ist nicht jedermanns Sache und kann auch schiefgehen, hier funktioniert es hervorragend: Der Leser wird hin- und hergeworfen in der Geschichte und nimmt dadurch das Buch wie ein Schlachtengemälde wahr, als großes Ganzes, bei dem er mal in die eine, mal in die andere Ecke schaut. Meyers nüchterne, knappe Sprache verstärkt diese Wucht.


Die Arbeit der Nacht: Roman
Die Arbeit der Nacht: Roman
von Thomas Glavinic
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Großes Kunststück in Minimalbesetzung, 26. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Die Arbeit der Nacht: Roman (Taschenbuch)
Thomas Glavinic ist mir einer der liebsten Schriftsteller. Nicht nur wegen seines Stils, oder besser, seiner Stile, die er von Buch zu Buch gekonnt variiert. Sondern vor allem, weil mir seine Gedankenwelt so nahe ist. Ich wette, vielen anderen geht es genauso: Thomas Glavinic stellt die Fragen, die man selbst hat. In "Die Arbeit der Nacht" ist es jene: Wie ergeht es wohl jemandem, der eines Tages plötzlich völlig allein ist auf der Welt? Es ist eine große Kunst, einen Roman dieses Umfangs auf die Schultern eines einzigen Protagonisten zu stellen, und vielen anderen wäre dieses Experiment in Minimalbesetzung wohl misslungen. Nicht aber Glavinic. In knappen, manchmal etwas zu knappen Sätzen baut er sein Szenario auf und führt den Leser an der Seite des Protagonisten durch den Plot. Das ist spannender, als man vermuten könnte: Die Tragik der Handlung ergibt sich aus dem immer dramatischeren Gemütszustand des Helden, und hier liegt vielleicht der größte Kunstgriff Glavinics: Er macht daraus keinen müden Befindlichkeitsmonolog, sondern schafft eine ungemein spannende, beklemmende Erzählung mit reichlich "Action".

Glavinic hat später immer wieder gesagt, wie sehr ihn das Schreiben dieses Buches erschöpft und belastet hat. Das kann man gut nachvollziehen, aber zum Glück ist das Lesen weniger anstrengend. Das Buch zieht den Leser sehr schnell hinein, es ist spannend, angenehm verstörend und bleibt noch lange nach dem Durchlesen im Gedächtnis. Ein Kunststück!


Silberfischchen: Roman
Silberfischchen: Roman
von Inger-Maria Mahlke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 16,95

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nichts für Sonnenscheinchen (oder gerade doch), 25. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Silberfischchen: Roman (Gebundene Ausgabe)
Silberfischchen im Badezimmer... wenn's nur das wäre, was im Leben des Herrmann Mildt nicht in Ordnung ist, es wäre wohl nicht genug für einen Roman. Doch dieser Herrmann Mildt ist eine einzige Katastrophe: Er ist frühpensioniert, weil er seine tote Frau im Garten hat liegen lassen und den Verwesungsprozess fotografisch dokumentiert hat, bis der Nachbarshund dazwischenkam. Mildt ist einsam und leicht verwahrlost. Das klingt traurig und ist es auch, aber immer dann, wenn der Leser gerade so etwas wie Mitleid verspürt, wird er wieder absgestoßen. So läuft Mildt im Treppenhaus absichtlich mit dreckigen Schuhen über die frischen Zeitungen seiner Nachbarn, denn er möchte, dass sie sich beim Zusteller beschweren: Sie sollen erreichen, dass die Zeitungen zukünftig in den Briefkasten gesteckt werden. Dieses verbitterte Ekelpaket bekommt nun mit Frau Potulski eine Mitbewohnerin, die sich auch nicht immer besonders geschickt anstellt. Das Zusammenleben artet in Machtkämpfe aus, unterbrochen immer wieder von Zärtlichkeiten, die aber auch vor allem eines sind: trostlos. Bis dann, der Klappentext deutet es bereits an, alles eskaliert.

Mahlke gönnt diesem Setting kein fröhliches Gegengewicht. Erbarmungslos bleibt die erzählerische Perspektive bei den beiden tragischen Hauptfiguren. Die beiden tragen den Roman, und das - neben vielem anderen - gelingt Mahlke ganz ausgezeichnet: Mildt und Potulski sind plastisch gezeichnet, sie sind plausibel, doch sie werden (zum Glück) nicht vollends erklärt. So bleibt es dem Leser überlassen, herauszufinden, warum die beiden sich das eigentlich antun: Miteinander zu wohnen. Mahlkes präzise, geradezu knappe Sprache transportiert die karge Gefühlswelt dieser beiden sehr genau. (Passend dazu spart Mahlke mit Fragezeichen in den Dialogen: "'Hast du Kinder' fragte er, ohne nachzudenken.")

Diese trostlose Atmosphäre muss man akzeptieren, will man sich in Mahlkes Buch einfinden. Warum auch nicht? Gute Literatur macht ja nicht aus, dass sie schön und gefällig ist. Ich ziehe trotzdem einen Stern ab, denn ich hätte mir gelegentlich einen "comic relief" oder eine andere Ablenkung gewünscht; nicht, um das Thema versöhnlicher zu machen, sondern um der Abwechslung willen. Wer sich aber darauf einlassen kann, findet mit "Silberfischchen" eine brilliant geschriebene literarische Verarbeitung tragischer Einsamkeit.


Katzenberge: Roman
Katzenberge: Roman
von Sabrina Janesch
  Gebundene Ausgabe

33 von 39 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Spannendes Thema, gekonnt erzählt, 11. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Katzenberge: Roman (Gebundene Ausgabe)
Vertreibung, das ist nicht nur die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten, Vertreibung haben nach dem zweiten Weltkrieg auch die Bewohner des östlichen Polens erlitten. Viele wurden aus ihren nunmehr sowjetischen Heimatgebieten vertrieben und mussten nach Westen fliehen. Viele landeten in den ehemals deutschen Ostgebieten. Dort stießen sie auf menschenleere Gebiete und auf ausgestorbene Städte. Sie fingen, so wie die deutschen Ostvertriebenen, von vorne an.

Einer von ihnen ist Hauptfigur in Janeschs wunderbarem Roman, sein Name ist Janeczko. Als junger Mann, gerade verheiratet, muss er seine galizische Heimat verlassen und lässt sich, nach etlichen Wirren, auf einem schlesischen Hof nieder. Dessen deutscher Besitzer hat sich auf dem Dachboden erhängt, und auch sonst macht die neue Gegend es Janeczko nicht leicht.

Das Buch ist aber, zum Glück, kein Geschichtsbuch. Er bleibt konsequent bei seinen Protagonisten. Und gerade dieser Blickwinkel macht die Szenerie wirklich lebendig, zumal Janeczko, dieser eigenbrötlerische, mutige Mann, eine eigene verwunschene Welt aus Mythen und Sagen mit sich trägt: Abergläubisch nagelt er eine tote Eule an seine Tür, und immer wieder gerät er an ein sagenhaftes Biest, das seinen Hof umschleicht oder ihn aus der Ferne beobachtet. Ob diese sagenhaften Begegnungen Wirklichkeit sind oder Janeczkos Phantasie entspringen, bleibt offen. Mit solchen magischen Einsprengseln und einer kräftigen, präzisen Sprache gelingt es Janesch, Janeczkos Angst und Beklemmung angesichts des ihm so fremden Ortes geradezu schmerzhaft spürbar zu machen.

Sehr gut gelungen ist auch die Erzählstruktur des Romans: Janeczkos Geschichte wird rückwärts erzählt. Das Buch beginnt mit Janeczkos Beerdigung in der Gegenwart, schildert dann seine Ankunft und seine erste Zeit im fremden Schlesien, um dann weiter zurückzugehen, über Janeczkos Aufenthalt im düsteren Osten des heutigen Polens bis zu seiner Flucht über den Fluss Bug. Auf einer zweiten Erzählebene, die in der Gegenwart spielt und sich ebenfalls durch das Buch zieht, tritt, als Ich-Erzählerin, die zweite Protagonistin des Buches auf: Die Journalistin Nele Leibert, Enkelin Janeczkos, macht sich nach dessen Beerdigung auf die Suche nach Spuren ihres Großvaters - und also auf den Weg nach Osten. So decken sich die Stationen von Janeczkos Reise mit den Stationen Nele Leiberts. Janesch verflechtet kunstvoll die Vergangenheits- und die Gegenwartsebene und zeigt dadurch eindrucksvoll, wie sich die besuchten Orte und deren Bewohner in der Zwischenzeit verändert haben.

Ich habe "Katzenberge" nun schon ein zweites Mal gelesen und bin immer noch hingerissen. Nach "Axolotl Roadkill" und ähnlichen Werken ist dieses Debut eine Wohltat. Die abenteuerliche Geschichte dieses jungen starken Mannes schlägt die Befindlichkeitsmonologe gelangweilter Großstädter um Längen, und auch stilistisch spielt "Katzenberge" groß auf: Die bildhafte, aber niemals verschnörkelte Sprache schafft eine ungemein dichte Atmosphäre und lässt den eckigen, eigenwilligen Charakter Janeczkos sehr lebendig werden. Chapeau!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 8, 2010 10:25 AM CET


Der einzige Mann auf dem Kontinent: Roman
Der einzige Mann auf dem Kontinent: Roman
von Terézia Mora
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,95

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wunderschönes Buch und ein guter Einstieg für "Alle Tage", 10. August 2010
Zwei Romane hat Terezia Mora bisher veröffentlicht, diesen hier und "Alle Tage", und beide bestechen durch ihre Sprachgewalt. Man muss gleich eine Warnung aussprechen: Moras Stil ist nicht jedermanns Sache. Die Erzählperspektive wird ständig aufgebrochen und durcheinandergeschüttelt, mal betrachtet der Leser das Geschehen aus der Sicht des allwissenden Erzählers, dann aus der Sicht eines Protagonisten; Dialoge sind nicht immer als solche gekennzeichnet, geschweige denn ihren Sprechern eindeutig zugeordnet, und unvermittelt nimmt der Leser an der Gedankenwelt der handelnden Personen teil.

Heißt das, man kann die Bücher nur lesen, wenn man ein Germanistikstudium und vier verschiedenfarbige Textmarker mitbringt? Nein! Man benötigt aber die Bereitschaft, sich mitreißen zu lassen. Man muss sich einlassen darauf, dass nicht sämtliches Geschehen in säuberlichen Häppchen auf dem Silbertablett ausgebreitet wird. Der Leser taumelt durch die Geschichte wie ihre Hauptfigur, in diesem Buch heißt sie Darius Kopp, und es ist wie eine Achterbahnfahrt: Man genießt jede Kurve. Dabei ist es keine "schwere" Lektüre: Einmal eingetaucht, liest der Leser das Buch "so runter". Innehalten muss er allenfalls, um zu staunen: Über die Eleganz und Schönheit dieses Textes. Moras Sprache ist bei allen Schlenkern atemberaubend präzise und macht ihre Welt lebendiger, als man es jemals von einem Buch erhoffen könnte. Kurzzitate spare ich mir an dieser Stelle, weil sie dem Text nicht gerecht würden; wer mag, findet auf der Webseite des Verlages (Luchterhand) einen 38-seitigen Textauszug. Es empfiehlt sich, diesen vor dem Kauf zu lesen.

Ein weiteres Lob gebührt Mora für ihre Zeichnung des Protagonisten: Endlich mal niemand aus dem literarisch-künstlerischen Milieu, sondern ein durchschnittlicher Informatiker mit großem Appetit und den üblichen Prokrastinations-Strategien. Dass solche Menschen viel vielschichtiger sind als ihr Klischee, zeigt Mora sehr eindrucksvoll.

"Der einzige Mann auf dem Kontinent" ist wie ein Album von Sonic Youth, wie gebratener Fisch mit Erdbeeren, wie ein Lotus Esprit von 1977: Genuss für Fortgeschrittene. Deswegen eignet es sich nicht unbedingt als Verlegenheitsgeschenk. Zu groß ist die Gefahr, dass der Beschenkte sich unwillig abwendet, weil er vor jedem gesprochenen Satz ein Gänsefüßchen erwartet und nur die fest an den Boden geschraubte Erzählkamera gelten lässt, oder, weniger boshaft und ohne Dünkel: Weil er mit dieser Art des Erzählens schlicht nichts anfangen kann.

Wem aber "Der einzige Mann auf dem Kontinent" gefallen hat, der ist reif für das funkelnde, wunderschöne "Alle Tage", das noch etwas waghalsiger erzählt ist, oder, um im Bild zu bleiben: Noch mehr Loopings und Steilkurven hat.


Herr Blanc: Roman
Herr Blanc: Roman
von Roman Graf
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,80

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wie die Schweiz?, 10. August 2010
Rezension bezieht sich auf: Herr Blanc: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die schönsten Bücher sind häufig diejenigen, die es schaffen, einen Protagonisten vor den Augen des Lesers tatsächlich lebendig werden zu lassen. Roman Graf gelingt dies mit Bravour. Sein Herr Blanc, dessen Leben in Ausschnitten und einigen Rückblenden erzählt wird, ist plastisch und vollkommen plausibel. Als Leser ist man sich nicht sicher, wieviel Sympathie man für diesen Menschen hegen möchte: Einerseits ist er ein veritabler Stinkstiefel, der die Menschen in seiner unmittelbaren Nähe fast überwiegend als Störenfriede wahrnimmt; andererseits hat man Mitleid mit ihm, dessen Charakter ihm im Wege stand, das womöglich große Glück zu finden: Nach seinem Studium in Cambridge geht Herr Blanc lieber zurück in die Schweiz, wegen der guten Jobaussichten, anstatt seine lebens- und sinnenfrohe Kommilitonin Heike zu heiraten. Vom Job ist im Roman kaum die Rede, so toll ist er also nicht. Heike hingegen beschäftigt ihn immer noch.

Als Nichtschweizer erscheint mir Herr Blanc stellvertretend für die Schweiz zu stehen, oder für das Bild, was man sich von ihr macht: Er ist ordentlich, in seiner Ordentlichkeit ein wenig verbissen, korrekt, legt sehr viel Wert auf ein reibungslos funktionierendes, sich nicht allzu sehr änderndes Umfeld und ist ausgestattet mit einem großen Bestreben nach Ruhe und Abgeschiedenheit. Nichtnichtschweizer mögen mich hier gerne korrigieren.

Das Buch ist sehr geradlinig, geradezu konservativ erzählt, die Sprache nicht überladen. Bis auf einige Rückblenden auf Herrn Blancs Studienzeit wird Herrn Blancs Leben linear erzählt, jedoch nicht vollständig: Einige Kapitel trennen Jahrzehnte voneinander. Der personale Erzähler bleibt konstant bei Herrn Blanc; er erzählt dessen Leben aus seiner Perspektive und informiert über sein Innenleben. Das ist manchmal komisch (etwa wenn Herr Blanc bei einer Polenreise darüber sinniert, wie gut es den Polen täte, würden sie so werden wie die Schweizer), manchmal tragisch (wenn Herr Blanc sich vage daran erinnert, wie unkompliziert und fröhlich seine Studieneit mit Heike war), manchmal entlarvend (wenn Herr Blancs Frau nach einem Unfall im Krankenhaus liegt und Herr Blanc sich darüber ärgert, dass sein Tagesablauf nun durcheinander gerät), aber niemals langweilig.

Man könnte sagen: "Herr Blanc" ist ein leiser "Herr Lehmann", ohne all das rumpelige Berliner Drumherum. Man bekommt weniger Pointen und weniger Action, aber ein mindestens ebenbürtiges Psychogramm eines Einzelgängers, das den Leser nach dem Durchlesen in versöhnlicher Stimmung hinterlässt.


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