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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Der kleine Engel der Freiheit - Eine baltische Reise nach Estland, Lettland, Litauen und Kaliningrad
Der kleine Engel der Freiheit - Eine baltische Reise nach Estland, Lettland, Litauen und Kaliningrad
Preis: EUR 1,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erlebnis und Geschichte, 1. Dezember 2013
Man muss gar keine Reise in die baltischen Staaten planen, um dieses Buch genießen zu können, denn es handelt sich um eine rundum gute Mischung aus Erlebtem, im wahrsten Sinne Erfahrenem und Erlesenem, das in bester Erzählmanier präsentiert wird. Ganz nebenbei wird einem wohl dosiert die spannende Geschichte der kleinen baltischen Staaten vermittelt, aber im Vordergrund steht das Erlebnis der Reise, das in schillernden und manchmal in erschreckenden Bildern geschildert wird. Macht Lust aufzubrechen!


The Unwinding: An Inner History of the New America
The Unwinding: An Inner History of the New America
von George Packer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 23,39

21 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zwischen Abbruch und Aufbruch, 1. September 2013
Dies ist ein erstaunliches Buch. Es ist in Form und Inhalt heterogen. Es liefert keine klaren Thesen und keine klar verfolgbare Argumentation. Es ist nicht wirklich ein Sachbuch und es ist schon gar nicht ein fiktives Werk. Es handelt sich um eine kaleidoskopartige Erfassung der wirtschaftlichen und mentalen Veränderung der USA in den letzten 30 Jahren.
Schon der Titel ist in seiner Aussage ein offenes und wunderbar metaphorisches Bild: The Unwinding, könnte heißen: Der Niedergang, Die Abwicklung, Die Auflösung, Die Rückführung usw. Es handelt sich in jedem Fall um eine Form des Regresses auf eine niederere oder frühere Entwicklungsstufe.
Erzählt wird dieser Niedergang, diese Auflösung anhand der Leben einer Reihe realer Amerikaner. Die Schilderungen ihres Lebens sind so plastisch und greifbar, dass sie fast wiederum ein literarischer Genuss sind. Es handelt sich um Dean Price, Sohn eines Takbak-Farmers des tiefen Südens, der zum Bekenner ökologischer Wege zur Ölgewinnung wird, Tammy Thomas, einer schwarzen Fließbandarbeiterin aus Youngstown, die darum kämpft, nicht mit ihrer Stadt unterzugehen, Jeff Connaughton, ein Biden-Anhänger, der über die Jahrzehnte seinen Glauben an der Politik verliert und der ebenfalls als Wall-Street-Kenner erfährt, wie das politische System den Spekulanten des Finanzwesens ausgeliefert ist. Peter Thiel ist ein Gewinner des ‚Unwinding‘, der auf der Welle der Neuen Technologie zum Silicon Valley Milliardär wird. Konterkariert und ergänzt wird dieses Potpourri amerikanischer Stimmen mit dem biographischen Abriss bekannter Persönlichkeiten wie Oprah Winfrey, Raymond Carver, Sam Walton, Colin Powell usw.
Die Geschichtserzählung beginnt im Jahr 1978. Alternierend wird bezogen auf die Jahreszeiten aus den einzelnen Leben berichtet. Jedem zeitlichen Abschnitt wir außerdem eine Zitatsammlung der Zeit vorangestellt.
Insgesamt ergibt das Buch einen höchst lesenswerten Einblick in die Psyche und die moralische und gesellschaftliche Verfassung der USA der jüngeren Vergangenheit. Was ist der bleibende Eindruck? Es ist folgender: Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten geht vor die Hunde. Es ist in seiner moralischen Substanz zerstört. Die großen Ideale Amerikas, der Glaube in die Machbarkeit, den Geist des Unternehmertums und dem Willen zum individuellen Erfolg werden durch den Ausverkauf an die Wall Street und die globalen Finanzriesen unterhöhlt. Kleine Unternehmer haben in der Konkurrenz zu den großen Ketten keine Chance. Die Immobilienkrise hat tausenden Haushalten und Familien die Existenz gekostet.
Die geschilderten Innensichten der Wall Street sind ausgesprochen interessant, aber nicht einfach zu verstehen. In dieser Hinsicht wird dem unkundigen Leser einiges abverlangt und über manches muss man bei fehlenden Kenntnissen hinweglesen.
Aber das Buch erzählt auch von dem ungebrochenen Geist des Aufbruchs. Es handelt sich bei all den geschilderten Personen um Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen und mitunter ungewöhnliche und mutige Wege gehen und dies hat uns auch ein Amerika im Niedergang noch voraus.


Karte und Gebiet
Karte und Gebiet
von Michel Houellebecq
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

11 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Überschätzt, 6. August 2011
Rezension bezieht sich auf: Karte und Gebiet (Gebundene Ausgabe)
Warum dieser Autor so überaus geschätzt wird, gar mit dem Prix Goncourt für KARTE UND GEBIET ausgezeichnet wurde, will mir partout nicht einleuchten. Es muss wohl an seiner Zeitgenossenschaft liegen. Man möchte fast zufügen, an seiner elenden Zeitgenossenschaft, denn elendig sind die Zustände, die Houllebecq in unserer Gegenwart beschreibt grundsätzlich und immer. Stets handelt es sich um eine aller moralischen Werte entleerten Welt. Der Mensch in der transzendentalen Obdachlosigkeit, wie Lukacs es schon vor bald einem Jahrhundert formulierte. Immer kreisen Houllebecqs Bücher um das Schockerlebnis, das seine sinnentleerte Welt freisetzt. Und immer arbeiten der Erzähler und der Leser sich an diesem Erlebnis im Verständigungsprozess über das Buch ab. Es geht also bei der Lektüre immer auch um Sinnfindung, Sinnschaffung, es geht um letzte Werte, um Wertschöpfung überhaupt. Was könnte einen noch veranlassen überhaupt weiter zu leben? Warum sollte man nicht langsam über die Jahre auf seiner Couch verfaulen? Gute Frage, nicht wahr?
Aber wer hätte schon im Ernst etwas mit diesen Figuren gemein? Niemand! Es handelt sich um eine rein behauptete Wertapokalypse. In Wirklichkeit leben Houellbecqs Leser ein bürgerlich saturiertes Leben und finden in seinen Thesen intellektuelles Gesprächsmaterial für eine langweilige Stehparty.
Worum geht es diesmal? In KARTE UND GEBIET werden freilich viele Themen abgehandelt. Zum einen geht es vordergründig um moderne Kunst und den Kunstmarkt, mit dem späteren Auftreten des Schriftstellers Michel Houellebecq, ein nun wirklich genialer Einfall seitens des Autors, um Literatur und Literaturproduktion. Zahlreiche selbstreferentielle Bezüge lieben wir ja so sehr in der Literatur der Gegenwart. Der Künstler im Zentrum des Buches heißt Jed Martin. Künstler ist er eigentlich nur, weil er nichts sonst mit sich anzufangen weiß, und auch die Kunst betreibt er nur in etwa 10-jährigem Abstand, meist aus reinem Zufall. Theoretischer Überbau beim Künstler oder sonstige weitere Gedanken zu dem, was er tut? Niente! Jedenfalls zeitigt seine bewusstlose Kunstproduktion ihm sagenhafte Erfolge. Er wird - ohne dies irgendwie zu fördern - zum schwersten lebenden Künstler.
So wirkt der Roman - vor allem zu Anfang und über weite Strecken - als Persiflage auf den Kunstmarkt. Die witzigen Reflexionen am Anfang über ein Bild über den Künstler Jeff Koons legen dies nahe. Dies ist noch das gehaltvollste Szenario. Dann werden aber auch andere Romanformate und Genres vom Autor mit eingeschmuggelt. So begegnet der unbewusste Künstler bald der schönsten Frau, die man sich nur vorstellen kann. Wirklich allen Männern fallen die Augen aus dem Kopf. Nur unser Held scheint das bloß peripher wahrzunehmen. Dafür wird sie dann ja auch so überaus überzeugend seine Geliebte, woraus er sich aber nicht so viel zu machen scheint, denn er lässt sie ein paar Jahre später nach Moskau ziehen, ohne dass er sich irgendwie für den Erhalt der Beziehung einsetzen würde. Sie wäre zu allem bereit gewesen. Hier sind wir also im Genre der Schmanzotte, das freilich auch nur ironisch angespielt wird.
Weitere Genreverballhornungen tauchen auf. Plötzlich, nach dem Tod des Autors Michel Houellebecq (DER TOD DES AUTORS ist im Übrigen auch nur eine lang tradierte fixe Idee der literarischen Imagination - wer wollte auch nicht seinem eigenen Tod beiwohnen), finden wir uns in einem Kriminalroman wieder. Und schließlich, als der Roman im Jahre 2033 endet, in einer Art Zukunftsroman.
Das wäre ja alles schön und gut - und viele, viele Romane sind auch mit solchen verdichtenden Verfahren der Überdeterminierung höchst lesenswert und bedeutend. Aber bei diesen steckt auch wesentlich mehr drin. Bei Houellebecq wird der theoretische Anspruch bloß behauptet. Alleine schon der Titel KARTE UND GEBIET kommt so pseudotheoretisch und intellektuell-abgenudelt daher. Da steckt wohl so etwas Repräsentation und Realität drin, nicht wahr. Es geht vermutlich um Repräsentation, um Verbildlichung, mitunter um Kunst, ja Literatur, vielleicht auch Schrift. Schrift, das ist doch dekonstruktivistisch, Derrida und so. Und schon steckt man in der schönsten Diskussion drin. Nur, der Roman gibt das überhaupt nicht her. Er verbreitet alleine seine trübseligen Stimmungsbilder unseres post-humanen Zeitalters und lässt alle am Ende traurig drein blicken. Also das soll nun der beste Roman des Jahres aus Frankreich sein. Prost-Mahlzeit!
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 17, 2012 10:33 AM CET


Der zerrissene April
Der zerrissene April
von Ismail Kadare
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Düster, düster, schaurig, 21. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Der zerrissene April (Taschenbuch)
Ein dunkles Buch ist dies. Unweltlich, zumindest nicht von dieser Welt. Eher ein Buch der Unterwelt, des Hades - ein Buch des Todes. Und dennoch handelt es sich um Zustände, um eine Gesellschaft, die so oder ähnlich bis Mitte des 20 Jahrhunderts existiert haben soll. Mitten unter uns, in Europa, in Albanien, genauer in Albaniens Norden. Hier existierten, abgeschlossen vom Rest der Welt, getrennt durch hohe unzugängliche Berge, die Hochländer. Ein Volk, das sich, gerade durch die Abgeschiedenheit, als einziger Bevölkerungsteil Albaniens den Katholizismus bewahrt hat. Freilich in einer sehr harten, trutzburgartigen Form, die aus verblendeter Traditionsbewahrung eine mittelalterliche Rechtsprechung aufrecht erhält, die auf den mündlich überlieferten Grundsätzen des Kanun beruht. Der wohl erstaunlichste und schaurigste Bestandteil dieses Gewohnheitsrechts ist die Blutrache. Über Generationen zogen sich di Blutsfehden und die Familien und Geschlechter der Hochländer und rotteten mitunter ganze Täler aus.
Von dieser Geschichte handelt das vorliegende Buch. Es beginnt mit dem jungen Gjorg Berisha, der dem unerbittlichen, uralten Gesetz zufolge dem Sohn seines Nachbarn auflauert, um ihn zu ermorden, wie es der Kanun verlangt. Anschließend wird er nach einer ausgehandelten Galgenfrist selber Freiwild sein. Sein Ende ist abzusehen, es bleibt ihm nur die Zeit, die Formalitäten zu erledigen, die Blutsteuer im Turm Orosh zu bezahlen und darauf zu warten, dass er gerichtet wird - oder, freilich unehrenhafter, sich in einem eigens dazu erbauten Turm zu verschanzen und mit anderen zukünftigen Opfern wie ein Tier sein Dasein zu fristen. Es bleibt ihm nur noch der Rest des Aprils. Der zerrissen April.
Parallel hierzu setzt allerdings eine Nebenhandlung ein. Besian Vorpsi, ein reicher, gebildeter Mann aus dem Süden lädt seine Frau Diana zu einer Hochzeitsreise in den Norden Albaniens ein. Ausgerechnet. Er selber ist nämlich ein romantisch-verirrter glühender Bewunderer und Anhänger des Kanun. Gleichsam als Touristen-Attraktion - die Erzählung spielt etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts - möchte er die grausigen Zeugnisse der Blutrache aufsuchen. Wahrlich, sie finden Zeugnisse genug, und hieran setzt, äußerst verständlich, eine zunächst allmähliche, dann jedoch zunehmende und schließlich totale Entfremdung von seiner Frau ein. Eine zufällige Begegnung der Frau mit Gjorg, in dessen Augen sie das ganze Elend dieser Gesellschaft sieht, führt die beiden Handlungsstränge zusammen. Beide suchen einander in den Ebenen der Hochtäler. Ein vages Aufflackern von Leben und Liebe inmitten einer vom Tod bestimmten Welt. Freilich kann nichts hier gut ausgehen.
Es ist ein packendes Buch mit einem außerordentlichen Thema. Es ist für meinen Geschmack lediglich ein wenig zu genau konzipiert. Diese Erzählung läuft wie ein Uhrwerk. Eine gekonntes, schmuckes Werk, was das Fachliche angeht ein kleines Meisterwerk, fast eine Novelle. Aber an diesem Uhrwerkartigen kann man sich auch stören. Doch die archaische Monstrosität der Handlung ist wahrlich beeindruckend.


Civil War - Der amerikanische Bürgerkrieg (Amaray-Version) [5 DVDs]
Civil War - Der amerikanische Bürgerkrieg (Amaray-Version) [5 DVDs]
DVD ~ Ken Burns
Preis: EUR 18,99

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Meilenstein der historischen Filmdokumentation - ein wenig angestaubt, 14. Juli 2011
Eine enorm verdiente, preisgekrönte Dokumentation in 5 DVDs und 9 Teilen. Dazu eine ansprechende Aufmachung, ein Booklet mit Inhaltsangaben und Bildmaterial - insgesamt eine tolle Anschaffung für alle, die sich für den Civil War interessieren. Die größte Leistung der Macher besteht vermutlich darin, tausende Fotografien aus dem Krieg ausgegraben zu haben und in einem filmischen Verfahren, das heute jeder Privatmensch mittels Programmen wie Magix oder Nero auf seine Urlaubsfotos anwenden kann zu integrieren. 50.000 Fotos wurden gesichtet, 3000 verwandt. So entsteht ein wirklich lebhaftes Bild dieses ersten modernen Krieges mit der Folge, dass er uns viel näher erscheint, als man es gemeinhin empfindet. Auch der Einbezug von Tagebuchaufzeichnungen, Briefen und Ähnliches gibt der Darstellung das nötige zeitgenössische Kolorit. Historiker werden immer wieder eingeblendet und kommentieren das Geschehen. Am meisten beeindruckt hierbei Shelby Foote. Alleine durch seine zurückhaltende, kenntnisreiche und untergründig humorvolle Art zu reden, zieht er die Zuschauer in seinen Bann. Foote kennt sich aus. Er ist der Autor der dreibändigen narrativen Geschichte des CIVIL WAR, an der er Jahrzehnte gearbeitet hat.
Allerdings fordert die Dokumentation unsere Sehgewohnheiten heraus. Ihre Entstehungszeit in den 80er Jahren zeigt sich vor allem in einem sehr viel mäßigerem Tempo, als es heute der Fall wäre. Als wäre sie ausschließlich für Senioren produziert. Auch die ständige Einspielung der amerikanischen Nationalhymne und anderer Nationallieder kann schon mal etwas einschläfernd wirken. Insgesamt kann man diese Dokumentation trotz allem nur als eine monumentale und epische Darstellung dieses horrenden Krieges bezeichnen.


Gettysburg [Deluxe Edition] [2 DVDs]
Gettysburg [Deluxe Edition] [2 DVDs]
DVD ~ Tom Berenger
Preis: EUR 4,97

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Historisch genaues vierstündiges Schlachtenpanorama, 3. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Gettysburg [Deluxe Edition] [2 DVDs] (DVD)
Ein vierstündiges Schlachtenpanorama an historischen Schauplätzen - es kann einem schon einmal ein wenig lang werden bei dem unendlichen Gemetzel. Aber es ist doch ein ungeheures Unterfangen, diese schreckliche 3-tägige Schlacht in solcher Detailtreue in Szene zu setzen. Die historische Faktizität stimmt mitunter bis in die Dialoge und die Gesten.
Neben der historischen Genauigkeit geht es aber auch um die Typisierung idealisierter Charaktere und damit um Themen und um Werte. Ein großer Part in diesem Sinne fällt dem Kommandanten Chamberlain zu, der mit seinem Bataillon die Aufgabe hatte, die wichtigste Stellung der Union auf einem Hügel zu halten. Zu Anfang des Films wird ihm eine Gruppe von Deserteuren überantwortet, die er bei Ungehorsam auch erschießen dürfte. In diesen Szenen zeigt sich - wenn auch in etwas überzeichneter Form - was das Geheimnis von Autorität ist.
Als Chamberlain und seinen Leuten auf dem Hügel Little Rund Top die Munition ausgeht, befiehlt er, bergab mit aufgepflanztem Bajonett gegen die Gegner zu stürmen. Er rettet damit die Schlacht.
GETTYSBURG und GODS AND GENERALS sind Filme, die man in Deutschland aus guten Gründen nicht machen könnte. Sie sind offen patriotisch, indem sie sich ihrer Vergangenheit annehmen und zu eigen machen. Der Bürgerkrieg ist fest verankert im amerikanischen Bewusstsein. Er gehört mit zur amerikanischen Identität und natürlich ist die Auseinandersetzung damit in irgendeiner Form positiv besetzt, bzw. sie wird integriert. Das kann man sich als Deutscher natürlich nur schwer vorstellen. Hier kommt es daher häufig zu den Verzerrungen in der Wahrnehmung der Deutschen auf die Amerikaner.


Gods and Generals
Gods and Generals
DVD ~ Jeff Daniels
Wird angeboten von RAREWAVES-DE
Preis: EUR 5,70

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Film als nationale Aufgabe, 3. Juli 2011
Rezension bezieht sich auf: Gods and Generals (DVD)
Solche Filme wären in Europa - oder sagen wir in Deutschland - unmöglich. Ihnen liegt eine tief patriotische Stimmung zugrunde. Sie bewegen sich außerdem am Rande des Kitsches, den man sich hierzulande, gerade was das Thema Krieg angeht, zu Recht verbitten würde.
Es handelt sich bei diesem Film und bei GETTYSBURG auch nicht so richtig um Spielfilme. Es ist eher so etwas wie eine künstlerische Umsetzung einer nationalen Aufgabe: Das Gedenken an den großen Bürgerkrieg, der die Vereinigten Staaten in ihren Grundfesten erschütterte zu bewahren und seine Bedeutung für das amerikanische Volk weiter im Bewusstsein lebendig zu halten.
Nur so kann man manche überzeichnete Charaktere und kitschigen Passagen begreifen. Es ist so etwa wie starke, gewaltige Musik - die kann auch nicht realistisch sein, was wäre auch schon realistische Musik? Nein, es ist der Krieg aufgeführt als Kunst. Und große Kunst ist es und ein gewaltiger Krieg. Weit davon entfernt kriegsverherrlichend zu sein, schafft dieser Film doch starke Bilder über große Figuren, die sich in diesem Gemetzel beweisen müssen. Sie sind alle den realen Figuren nachempfunden - und dennoch als Typus idealisiert.
In GODS AND GENERALS, der erst nach dem Film GETTYSURG gedreht wurde, aber historisch vor diesem zu verorten ist, geht es um drei große Schlachten: Bull Run, Fredericksburg und Chancellorsville. Die Konföderierten sind am Drücker. Der verehrte General Lee, der bis heute in der Erinnerung hoch gehalten wird, ist der große Sieger dieser Schlachten. Mit ihm beginnt auch der Film. Lee wurde zu Anfang über einen Vermittler in Washington das Oberkommando über die Truppen der Union angetragen. Er fühlt sich doch als Virginier und Virginia ist aus der Union ausgetreten. Er lehnt ab und übernimmt die Führung der Konföderierten-Armee.
Die andere große Figur, der andere große General ist Jackson, genannt Stonewall-Jackson, weil er wie eine Mauer gegen den Feind steht. Sein tiefer Glaube, der ihm zum Prototyp eines guten Menschen macht, hindert ihn keineswegs daran erbarmungslos gegen Deserteure vorzugehen - auch wenn deren Einheit fehlgeleitetes Todeskommando war. Jackson wird am Ende des Films, wie in der historischen Realität von den eigenen Leuten versehentlich erschossen. Der Song des Abspanns von Bob Dylan, ACROSS THE GREEN MOUNTAINS, nimmt dieses Geschehen auf.
Der bedeutendste Abschnitt des Films ist, als die Union in 14 Anläufen mit zig Einheiten immer wieder gegen die hinter einer Mauer verschanzten Separatisten anrennen. Zu tausenden werden sie niedergemäht. Heutzutage kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass solch ein Unsinn einmal ernsthaft eine Kriegsstrategie sein konnte.
Die unglaublichen Schrecken dieser Männer können nicht geschildert werden - daher ist es auch nicht schlimm, dass die Komparsen allzu teilnahmslos vom Leben in den Tod gehen - aber das Unterfangen des Filmes insgesamt leistet es, jenen Männern, die ihr Leben offenen Auges opfern mussten, Ehre wiederfahren zu lassen. In diesem pathetischen und ganz einfachen Sinne sind auch die kitschigen Passagen des Films gerechtfertigt.


Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges
Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges
von James M. McPherson
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 9,95

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der CIVIL WAR durch die historische Lupe, 24. Juni 2011
Die Geschichte dieses Krieges ist ungeheuerlich. Ungeheuerlich in seinen Dimensionen und ungeheuerlich in seinen Umständen. Die aufstrebende Großmacht der USA, der shooting-star der Weltstaatengemeinschaft, droht vor dem endgültigen take-off im 19. Jahrhundert bereits wieder zu zerfallen. Ein sich selbst zerfleischendes Land zwischen Aufbruch und Stagnation, geniale Feldherren und diletierende Generäle, Freiheitskämpfer und Deserteure, ein erbarmungsloses Ringen um Ziele, die sich erst im Verlaufe der Kriegshandlungen herauskristallisierten. Zigtausende Soldaten wurden in vielfach völlig ergebnislosen Stellungskämpfen auf die Schlachtbank geführt.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts waren die USA ein Land der drei Geschwindigkeiten. Während im Westen das Land noch größtenteils Wildnis war, gerade erst erworben oder im Krieg mit Mexiko erstritten, standen sich der Süden und der Norden als zwei unterschiedliche Kulturen gegenüber. Während uns die Ziele und das Wesen des Nordens heute vertrauter scheinen, war es damals der Süden, der mit dem Rest der Welt eine größere Schnittmenge hatte. Er teilte noch mit den meisten anderen Ländern der Welt seinen Aufbau als Agrargesellschaft. Es gibt großflächige Landbesitzer, Arbeiter und Sklaven. Aber auch in Europa gab es noch Formen der Leibeigenschaft. So lebte der Süden Amerikas im Verständnis Traditionen und Werte zu bewahren, während der Norden die eher ungewöhnliche Gesellschaft war. Mit ihren Fabriken und ihrer industriekapitalistischen Struktur wirkte sie auf den in einer familiär-verwandschaftlich-hierarisch-patriarchalischen Struktur verhafteten Süden eher bedrohlich.
Die Entfremdung zwischen dem Norden und dem Süden wächst, als die neuen Ländereien im Westen - Californien, New Mexiko, Nevada usw. in die Union aufgenommen werden sollen. Sollen es sich um Staaten des Südens handeln, in denen die Sklaverei erlaubt ist, oder um solche des Nordens, in der sie verboten ist? In dieser Frage kulminiert - stark verkürzt - die Ausgangssituation der Vereinigten Staaten vor dem Bürgerkrieg.
Die Arbeit, die James M. McPherson hier geleistet hat, ist immens. In ungeheurer Detailliertheit trägt er die Chronologie der Ereignisse, die zum Ausbruch des Krieges geführt haben, zusammen. Im ersten Drittel der Arbeit wird dieser Prozess lebhaft beschrieben und wird fast greifbar. Es wird berichtet vom allmählichen Zerfall der Whig-Partei und dem Aufkommen der Republikaner, die dann auch den großen Präsidenten Abraham Lincoln stellten. Vor allem in den Randstaaten des Südens, die nahe an der Grenze zum Norden lagen, gab es einen erbitterten Kampf um die Meinung im Land. Es war ein weiter, weiter Weg, bis sich die ersten Staaten des Südens entschlossen, aus der Staatengemeinschaft, der Union auszutreten und den eigenen Verbund der Konföderierten aufzumachen. Bei McPherson werden diese Staaten als Rebellen bezeichnet, da sie gegen den Staatenbund rebellieren. Bis dahin werden die Zwistigkeiten noch im Senat und Kongress ausgetragen, in dem sich ja noch alle Staaten befinden. Hier bereits kommt es zu Handgemengen und Ausschreitungen. Verschiedene Abgeordnete gehen nur noch bewaffnet zu den Versammlungen.
Mit dem Angriff des Südens auf Fort Sumter befinden sich der Norden und der Süden im Krieg. Es ist zunächst ein Krieg der Amateure. Es existieren keine stehenden Heere, die Ausbildung und die Aufrüstung muss angekurbelt werden. Mitunter tragen die Gegner das gleiche Kleid, es kommt zu tragischen Verwechslungen.
Die Beschreibungen der Schlachten lässt einem das Blut in den Adern gefrieren. Noch wie zu Napoleons Zeiten marschieren die Heere in Bataillonen gegen den Feind. In Reih und Glied ließ man sich so wunderbar abschießen. Bei großen Schlachten wie GETTYSBURG verloren bis zu 50.000 Mann ihr Leben.
Es war ein zäher Krieg, der hin- und herwogte. War auch der Norden weit überlegen, was die Soldatenzahl und Ausstattung anbetraf, so waren es dort die Generäle, die zumindest in den ersten Jahren einen frühen Sieg leichtfertig verspielten. McClelland, der Heeresführer des Nordens, kommt bei McPherson nicht gut weg. Zwar war er erstklassig ausgebildet, fürchtete aber offenbar Feindbegegnung. Immer überschätzte er das feindliche Heer und wich ihm aus. Nach seinem Ausscheiden kandidierte er bei der nächsten Präsidentenwahl selber gegen Lincoln. Wäre er gewählt worden, hätte er vermutlich einen Frieden herbeigeführt und wir hätten heute die nördlichen und die südlichen Staaten von Amerika. Ein halbes Jahr nach dem Sieg des Nordens wird Lincoln von einem Attentäter erschossen.
McPhersons Darstellung ist gut lesbar und sagenhaft detailliert. Es werden auch unglaublich viele Facetten beider Gesellschaften im Krieg behandelt: die Frage der Rekrutierung, die Wirtschaft in Zeiten des Krieges, Blockade und Schwarzhandel, die internationalen Außenbeziehungen, die Rolle der Schwarzen, die Rolle der Frauen und und und.
Allerdings ist es eine geschichtliche Darstellung gleichsam mit der Lupe. Für meine Begriffe fehlt mitunter der Höhenflug, der einen Überblick über die Geschehnisse gibt und eine Einordnung wagt. McPherson ist ein nüchterner und neutraler Chronist, der sich ganz in den Dienst der historischen Sache stellt. Schlagende Thesen aufzustellen, zuzuspitzen oder auch nur zu betonen ist seine Sache meines Erachtens nicht. Es scheint mir fast, als würden alle Ereignisse ihr gleiches Recht auf eine Nennung bekommen. Damit wird aber die Bedeutungsschwere bestimmter Ereignisse nivelliert. Eine stärkere Orchestrierung, in der interpretatorische Bögen geschlagen werden und Zusammenhänge auch sprachlich deutlicher herausgestellt werden, wäre mir persönlich lieber als dieser doch recht nüchterner Bericht. Allerdings ist es eine meisterliche Herkulesarbeit, ein derartig breites Panorama Amerikas im Bürgerkrieg in nur einem tausendseitigen Buch darzustellen.
Hingegen hat das dreibändige Werk CIVIL WAR von Shelby Footy, an dem er zwei Jahrzehnte gearbeitet hat, und das im Untertitel A NARRATIVE heißt, wohl auch für die literarischen Leser mehr zu bieten.


Solar
Solar
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 4,99

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Immer wieder Endzeit, 20. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Solar (Gebundene Ausgabe)
Michael Beard, der Protagonist des neuen McEwan Romans Solar, könnte durchaus als Typus in die Literaturgeschichte eingehen. Er hätte das Zeug dazu. McEwan entwirft in ihm den Prototyp eines Typus Mannes, der in der Ideologie des militanten Feminismus eine Zeit lang die Verkörperung des Mann-seins überhaupt darstellte. Er ist übergewichtig und maßlos. All Versuche, die er im Verlauf des Romans unternimmt, seine körperlichen Gelüste zu reglementieren, scheitern - oft schon Stunden nach dem großen Vorsatz. Auch in seinem Verhältnis zum anderen Geschlecht ist er maßlos. Zu Beginn des Romans verschleißt er gerade seine fünfte Ehefrau. Er ist intelligent, alles fliegt ihm zu. Er ist Nobelpreisträger der Physik, aber das ist lange her und jetzt lässt er sich gehen. Eigentlich ist ihm alles zu viel. Eigentlich ist ihm alles egal. Nur seine fünfte Frau würde er ungern ziehen lassen- all seinen Affären zum Trotz. Er denkt kurzfristig, er denkt an sich. Zwar ist er alles andere als ein Sympathieträger, dennoch aber ist er auf seine Art sympathisch. Beard ist in gewisser Weise sympathisch, weil er ehrlich ist. Nicht zur Welt, aber er ist ehrlich zu sich. Im Grunde steht Michael Beard zu seinen Gelüsten, im Grunde will er sich nichts abverlangen. Beard hat jegliche Ideale abgeschrieben. Ein verzweifelter Hedonist, der sich von einem Snack zum nächsten, von einer Frau zur anderen rettet. Freilich ist er nicht glücklich. Beard leidet daran, das Leben und sich selbst nicht ernst nehmen zu können.
Soweit ist Michael Beard bereits eine grandiose Figur. Sie ist plastisch und wirklich. Man begegnet ihr tagtäglich im wirklichen Leben. Dickbäuchige Manager und Konzernbosse, Aufsichtsräte und Funktionäre, erfolgreich zwar, aber nicht mehr Herr ihres Lebens. Sie sind dem System ausgeliefert, das sie selber erst entwerfen.
Bei dieser Darstellung des falschen Lebens im Falschen geht McEwan noch ein Stück weiter. Er stellt neben dem prototypischen Charakter auch das System dar, das einen solchen Charakter fordert und entwirft.- in diesem Fall ist es das Wissenschaftsgewerbe unter den Bedingungen von Solarideologie und Endzeitgewinnlertum - kurz, wir sind in unserer eigenen Gegenwart.
McEwan entwirft ein Panorama der klimatologischen Endzeithysterie mit all ihrem strukturellen Wahnsinn. Die wunderbarsten Szenen gelingen ihm dabei, als er Beard mit einer Horde Künstler und Literaten eine Expedition im ewigen Eis von Grönland unternehmen lässt. Bis auf Beard ist niemand wirklich kompetent, in Klimafragen mitzureden. Das Sagen haben aber natürlich die Künstler und Berufsbesserwisser. Ungemein komische Szenen, die aus einer großen Distanz den allgemeinen Wahnsinn unserer Medienhysterie betrachten, bei der in immer schnelleren Abständen ein Untergangsszenario das nächste jagt. Wer spricht heute noch vom Waldsterben? Neuere Apokalypsen müssen her. So ist die Apokalypse zu unserem täglichen Brot geworden. Wir könnten wohl nicht mehr ohne.
Michael Beard steht dem mit einer gesunden Skepsis gegenüber - ja, er nimmt es sich heraus, das Mediengeschäft dahinter zu durchschauen und die armen Medienkonsumenten zu verballhornen. So weit so gut.
Aber die Figur bricht in der Mitte des Romans. Als Beard an die Papiere einer sagenhaften Klimaerfindung kommt, mit der die Welt vermeintlich gerettet werden könnte, lässt McEwan Beard das Spiel mitspielen. Plötzlich ist Beard selber ein Weltenretter. Das wirkt sehr wenig überzeugend. Auch die Umstände - es gab einen tödlichen Unfall, den Beard vertuscht und damit den Liebhaber seiner Frau ins Gefängnis wandern lässt - sind doch arg konstruiert.
Überhaupt merkt man hieran, dass sich McEwan Klimaerwärmung als Thema gewählt hat und seine Figuren und Geschichte drumherum konstruiert. Auch wenn es - wie immer grandios erzählt ist - ist der Gesamtzusammenhang doch wenig glaubhaft und Micheal Beard als Charakter nicht konsistent. Freilich versteht es McEwan mit seiner großen Erzählkunst all diese Mängel wettzumachen.
Vor einem Missverständnis muss man sich allerdings hüten: Bei diesem Roman handelt es sich weder um ein engagiertes Eintreten für neue Klimatechnologie noch um das Gegenteil. Vielmehr stellt McEwan mit großer Ironie dar, wie die Menschen sich jenseits von Gut und Böse in einem Meer von Unwahrheit, Bosheit, Ideologie und Hysterie durch ihre ewige Endzeitsucht tragen lassen. Bis zum nächsten Mal.


Tauben fliegen auf: Roman
Tauben fliegen auf: Roman
von Melinda Nadj Abonji
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

8 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Buchpreise stürzen ab, 16. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Tauben fliegen auf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie kann es sein - frage ich mich - dass sich ein solcher Roman beim Deutschen Buchpreis gegen seine gesamte Konkurrenz durchsetzten kann? Ein Rätsel. Dieser Roman ist so unentschieden in allem, was er will und zu sagen hat, dass man als Leser überhaupt nicht weiß, was man damit anfangen soll. Das fängt bereits beim Titel an: TAUBEN FLIEGEN AUF. Hat man schon einmal einen derartig nichtssagenden Titel gelesen. Auch wenn die Szene im Buch auftaucht, muss man sich fragen, was so titelgebend an ihr sein soll. Mir scheint es vielmehr, dass die Autorin selber nicht wusste, wie sie ihr Buch nennen soll, und sich daraufhin entschied, ihm einen irgendwie rätselhaften Titel zu geben, der zumindest suggeriert etwas heißen zu können.
Auf dem Rückdeckel des Buches, womit der Verlag meistens wirbt, steht ein einziger Satz: EIN SCHWUNGVOLL UND GEWITZT ERZÄHLTER ROMAN AUS DER MITTE EUROPAS. Zunächst ist man perplex. Wie bitte? Es wird sich doch wohl in irgendeinem deutschen Feuilleton etwas finden, womit man für dieses Buch werben kann. Aber bei der Lektüre erkennt man: Dieser Satz trifft die Sache auf den Punkt. Er ist genauso inhaltsleer und wischi-waschi wie das ganze Buch. Erst beim Schreiben dieser Rezension entdecke ich, dass der Satz aus der Kurzbeschreibung bei Amazon stammt. Eigenartig, dass der Verlag hierauf zurückgreift. Gab es ansonnsten nur Verisse und den deutschen Buchpreis? Wie dem auch sei. Worum geht es?
Die ungarische Familie Kocsis siedelt lange vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens aus Serbien in die Schweiz über - besucht aber immer wieder ihre alte Heimat. Die beiden Töchter finden in beiden Welten ein Zuhause, entfernen sich aber notwendigerweise immer weiter von ihren serbischen Wurzeln. Die Familie arbeitet in verschiedenen Gewerben, schließlich haben sie ein Café. Die Töchter werden älter, kommen in die Pubertät, erste Liebschaften. Eine Jugend im Schatten aufkeimenden Wohlstands - und leidlicher Erfahrungen sanfter Fremdenfeindlichkeit. Diese beiden Mädchen kann man letztlich nur als völlig integriert beschreiben. Was sie an Fremdheitserfahrungen machen, bleibt niemanden erspart, der einmal im Leben - na sagen wir - die Anhängerschaft zu einem Fußballverein wechselt. Warum von diesem Gegenstand ein solches Aufheben in der Kritik gemacht wird, ist mir völlig schleierhaft. Die Gräueltaten, die alldieweil in der Heimat geschehen, tauchen hier nur am äußersten Rande auf - aber gut, das wollte der Roman wohl auch nicht erzählen. Nur - was wollte er erzählen? Das weiß ich nach der Lektüre so wenig wie der Titel und der Buchdeckel mir Aufschluss darüber geben.
Gut - es geht ja in der Literatur nicht unbedingt um Handlung. Also, wenn der Roman schon kein Thema hat, dann ist er sprachlich doch sicher grandios. Mitnichten. Die Erzählhaltungen sind wenig innovativ, die Detailversessenheiten bei den Innensichten geradezu schmerzhaft, der Stil mitunter etwas naiv - wie bei naiver Malerei.
Wie ein Gremium aus lauter Verlagslektoren, Buchhändlern und Kritikern, die sich beruflich mit dieser Materie befassen, diesen Roman und nicht - beispielsweise Judith Zanders DINGE DIE WIR HEUTE SAGTEN - haben wählen können, macht mich fassungslos.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 2, 2012 1:23 PM CET


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