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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Der Berg der Seele: Roman
Der Berg der Seele: Roman
von Xingjian Gao
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterwegs zu sich selbst, 24. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Berg der Seele: Roman (Taschenbuch)
Das Unterwegs-Sein und das Reisen sind immer schon als Metapher für das Durchschreiten des Lebensweges verstanden worden - und selbst in dieser unschuldigen Formulierung drückt sich dieses tief verwurzelte Verständnis aus: man spricht vom Lebens - weg, der zu beschreiten ist.
In Gao Xingjians Roman 'Der Berg der Seele' befindet sich jemand auf einem solchen Weg - allerdings einem Lebensweg mit einem ganz bestimmten Ziel. Der Erzähler in diesem Roman ist auf dem Weg zum Berg der Seele. Noch so eine Metapher, die unsere ganze Existenz in ein sprachliches Bild fasst: Der Berg der Seele. In unseren Breiten würde man die Seele vielleicht eher als einen See auffassen, dessen Tiefe manchmal unauslotbar scheint. 'Stille Wasser sind tief', sagt man, und auch die Augen lassen als Fenster zur Seele eher auf Tiefe als auf Höhe schließen. Noch die Psychoanalyse baut mit ihrer Tiefenpsychologie auf der Metaphorik der Tiefe auf, in der es Erhellendes zu finden gilt. Die meisten dieses Gewerbes fischen jedoch nur im Trüben. Im Gegensatz zu einem solch eher verdunkelnden Verständnis der Seele in unserem Kulturkreis hat die Metapher von der Seele als Berg von Xingjian etwas ungemein attraktives. Ein Berg stellt zunächst eine Aufgabe dar. Man kann nicht nur, nein, man muss ihn besteigen, will man den Bergsteigerweisheiten trauen. Auch ist er überallhin sichtbar. Er steht einem im Weg. Man muss an ihm vorbei oder drüber. Vielleicht auch hindurch. Dabei würde man dann feststellen, aus welchem Schutt und Geröll er so besteht. All das, was sich halt so ansammelt im Leben.
Die erste Aufgabe, die der Berg der Seele aber an einen stellt, ist es, ihn zu finden. Davon handelt der Roman Xingjans. Der namenlose Erzähler, der von sich selbst außergewöhnlicherweise nur in der 2. Person spricht, also in der Du-Form, und sich somit jeder Leser als Erzähler des Romans angesprochen fühlt, wandert durch Welt Südchinas und sucht den Berg der Seele. Unterwegs trifft er, oder - triffst du - um mit dem Autor zu sprechen, auf gar wunderliche Gestalten, die dich ein Stück des Weges begleiten. Viele erzählen dir von ihrer Vergangenheit. Du triffst auch Frauen. Manche begehren dich, manche begehrst du. Ihr führt viele Gespräche, ihr liebt euch, ihr verlasst euch. Du suchst den Berg der Seele. Man sagt dir wo er sei, niemand weiß aber etwas Genaues.
Es ist ein durch und durch philosophischer Roman, den Xingjian hier präsentiert. Eine wirkliche Handlung gibt es nicht. Vieles bleibt im Unklaren. Auf seinem Weg zum Berg der Seele durchläuft der Erzähler viele Stationen seines Lebens mit klar autobiographischer Grundierung. Häufig wird nicht klar, handelt es sich gerade um eine wirkliche Begegnung, ist es ein Traum, ist es eine Erinnerung? Dennoch spielt auch die jüngere und sehr realistische Vergangenheit Chinas mit all ihren Schrecken eine Rolle.
Ob der Erzähler, ob du als Leser am Ende des Romans den Berg der Seele findest und was du dann tust, weiß ich nicht, denn ich habe das letzte Drittel des 600 Seiten starken Werkes noch nicht gelesen - es ist Roman, in den man problemlos ein- und wieder aussteigen kann. Aber man fragt sich ja auch: will man dort überhaupt ankommen.
Gao Xingjian hat im Jahr 2000 den Nobelpreis für Literatur bekommen. Wie ich finde zurecht.

Thomas Reuter


Die dunkle Seite der Liebe
Die dunkle Seite der Liebe
von Rafik Schami
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

7 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Verbotene Liebe im Orient - Eine Soap von Rafik Schami, 24. Juli 2007
"Die dunkle Seite der Liebe" - was mag das wohl sein? Der Hass? Der Tod? Umfang und Titel des fast 1000-seitigen Buches von Rafik Schami lassen auf einen weiteren Band von Harry Potter schließen. Tatsächlich geht es auch irgendwie um das Gute und das Böse. So irgendwie. Aber eigentlich geht es um eine verbotene Liebe in Syrien - ach, was sag ich - eigentlich geht es um 100 verbotene Lieben, zwischen den orthodoxen und den katholischen Christen, zwischen den Muslims und den Christen, zwischen den verfeindeten Clans der Schahin und der Muschtak - ja, genau. Darum geht es: Um eine Familienfehde über drei Generationen mit der Romeo und Julia-Geschichte zwischen Farid und Rana in ihrem Zentrum. Darum geht es, glaube ich. Oder geht es nicht doch eher um den Mord an einem muslimischen Offizier samt all der politischen Ränke, Umstürze und undurchschaubaren Revolutionen? Ach, ich weiß nicht. Der Anfang des Romans ist so anders als das Ende - und erst das Dazwischen. Ich glaube, wenn ich es so recht überlege, geht es im Grunde um Damaskus. Damaskus als Stadt. Davon wird sehr, sehr viel erzählt. Und es entsteht auch fast ein richtiges Bild all dieser Gassen, Gerüche und dunklen und weniger dunklen Gestalten vor unserem geistigen Auge. Und ich glaube darum ging es dem Rafik Schami auch, weil er am Ende nämlich schreibt, dass sein Buch wie ein Mosaik zu lesen sei - also eigentlich nicht zu lesen, sondern zu sehen sei - in dem jede einzelne Gestalt und Geschichte einen Stein ausmacht. Man müsse zurücktreten, um das Ganze sehen zu können. Das ist eine schöne Idee im Grunde. Aber irgendwie wirkt alles so unscharf und doppelt. Ob es an meinen Augen liegt? Ob ich eine neue Brille brauche?
Gestört hat mich aber wirklich folgendes: Da wird ein geradezu gewaltiger Stoff aufgefahren. Eine Blutfehde zwischen zwei weitverzweigten Clans über ein Jahrhundert lang. Es werden schreckliche Geschichten aufgetischt von Vergewaltigung, Terror und Folter. Aber nirgendwo beißt der Erzähler sich fest. Nichts erlebt er mit. Bei all seinen Charakteren bleibt der Erzähler außen vor und beschreibt von außen in einer mitunter geradezu possierlichen Art. Dies kann - wenn man beispielsweise von Folterungen erzählt - leicht peinlich werden. Da sind die Sprache und Darstellung in keinem Fall dem Gegenstand angemessen.
Anders sieht es da schon aus, wo Schami aus dem vollen der Liebesränke, Betrügereien und amourösen Heimlichkeiten schöpft. Da geht es munter drüber und drunter - und da stimmt dann auch die Sprache. Denn im Grunde ist "Die dunkle Seite der Liebe" ja nichts anderes als eine orientalische Soap. "Verbotene Liebe" des Nahen Ostens. Wem's gefällt reicht da wohl noch nicht einmal ein 1000-seitiges Werk. Da heißt es dann: Gib uns unsere tägliche Folge. Ich für meinen Teil kann nur sagen - man muss zwar gönnen, aber auch verzichten können.

Thomas Reuter


Die Straße. Roman
Die Straße. Roman
von Cormac McCarthy
  Gebundene Ausgabe

3 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf der Straße zur Gegen-Schöpfung, 13. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Die Straße. Roman (Gebundene Ausgabe)
Es ist eine apokalyptische Welt, die uns Cormac McCarthy in "Die Straße" präsentiert. Vater und Sohn kämpfen sich durch eine völlig zerstörte Landschaft und eine vergiftete Atmosphäre auf einer Straße nach Süden. Die wenigen Überlebenden sind entweder gefährliche Kannibalen oder Geschöpfe, deren vegetierendes Leben sich kaum vom Tod unterscheiden lässt. Selbst die Sonne ist durch den ständig fallenden Ascheregen nur noch verdunkelt sichtbar und sogar die Sprache verschwindet, da den Wörtern keine Dinge mehr entsprechen, die von ihnen bezeichnet werden. Es ist eine Welt in Auflösung begriffen.
Was diese Auflösung ausgelöst hat, Atomkrieg oder Klimakatastrophe, wird uns nicht verraten. Möglicherweise ist es nicht wichtig. Möglicherweise steckt hierin keine politische Aussage und es geht tatsächlich in dem Buch um die Liebe zwischen Vater und Sohn, wie man liest.
Interessanter ist es jedoch, das Buch als das zu nehmen, was es ist: Es reiht sich ein in die Tradition apokalyptischer Literatur, die es seit Menschengedenken in jeder Kultur gibt. Die Apokalypse ist ein Topos. Das Nichts zu denken ist ein Abenteuer des Geistes. Von dieser Perspektive her lässt sich nur einschätzen und würdigen welchen unendlichen Reichtum an Wissen, Können und Gütern die Menschheit angesammelt hat und von Generation zu Generation weitervererbt. Dieses fortlaufende Band zu trennen scheint unvorstellbar - und ist vielleicht dennoch möglich. Was bleibt - in diesem Roman - ist tatsächlich die zarte und feste Bindungskraft der Liebe zwischen Vater und Sohn, die vielleicht tatsächlich am Anfang von allem steht.
McCarthys kristalline Sprache, seine gezirkelten Dialoge, in denen kein Wort zuviel und kein Wort zu wenig ist, und seine Meisterschaft im Erschaffen von Atmosphäre und reduzierter Beschreibung machen dieses Endzeitstück zu einem literarischen Meisterwerk.

Thomas Reuter


Blond: Roman
Blond: Roman
von Joyce Carol Oates
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Marilyn - Der Stoff aus dem die Mythen sind, 13. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Blond: Roman (Taschenbuch)
Zu Recht ist Norma Jean Baker alias Marilyn Monroe in den Mythenhimmel der Moderne aufgestiegen. Ihre Geschichte ist fast zu unwahrscheinlich, um noch wirklich gelebte Biographie zu sein. Ihr schicksalhafter Lebenslauf könnte geradezu bei den griechischen Tragödien abgeschrieben sein.
Marilyn Monroe verkörpert wie kaum eine andere Person sowohl die Realität des American Dream wie auch sein alptraumartiges Gegenbild. Ihr Aufstieg vom Halbwaisenkind mit einer wahnsinnigen Mutter, das seine Kindheit im Heim und in Pflegefamilien verbringt zur absoluten Pop-Ikone des 20. Jahrhunderts, die sich mit der damaligen Schriftsteller-Ikone Arthur Miller vermählt und ein Verhältnis zu J. F. Kennedy als höchstem Mann im Staate pflegt, ist ohnegleichen. Dem Spagat und Widerspruch zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Welten ist aber auch bereits das Drama eingeschrieben, das die Person Norma Jean Baker durchleben musste.
In dem fast 1000 Seiten starken Roman "Blond" von Joyce Carol Oates macht sich die Autorin diesen Umstand zunutze, indem sie die Person, von der sie erzählt, in zwei Figuren aufteilt: Norma Jean und Marilyn. Diese Erzählstrategie geht wunderbar auf und leistet etwas ganz Besonderes: Sie schafft es, dem Leser die Widersprüche in der Person MM bewusst und erlebbar zu machen, da man sich immer ganz nahe an dem Menschen Norma Jean glaubt, während die gesamte Welt das Abziehbild Marilyn fordert.
Es handelt sich um einen ungemein detailreichen und gewaltigen Roman, der literarisch auf hohem Niveau angesiedelt ist. Ein besondere Leistung ist es auch, dass der Leser zwar einen wirklichen Roman liest, zugleich aber versucht ist, dass Gelesene mit den historischen Fakten abzugleichen: ein eigenartiges Schwanken zwischen Literatur und Wirklichkeit.
Oates findet nicht nur zu einer literarisch anspruchsvollen Sprache, sie verknüpft die überbordenden Details außerdem mit Leitmotiven, die dem Roman eine weitere literarische Struktur geben.
Insgesamt ein sehr facettenreiches und schwergewichtiges Leseerlebnis, das außerdem einen archäologischen Blick in die frühe Zeit der Medien- und Traumwelten Hollywoods bietet!

Thomas Reuter


Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg
Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg
von Hape Kerkeling
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

395 von 425 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Komiker auf dem Weg zur Erleuchtung, 18. Mai 2007
Ein Komiker auf dem Jakobsweg. Kann das gut gehen? Als jemand, der selber schon die Hälfte der Strecke des Camino de Santiago hinter sich gebracht hat, war ich skeptisch. Zwei Jahre lang stand das Buch ungelesen im Regal. Schon der Titel "Ich bin dann mal weg" schien mir viel zu flapsig. Nach der Lektüre bin ich jedoch vollkommen überzeugt von Hape Kerkelings Projekt. Das Buch ist meiner Ansicht nach die offenste, ehrlichste und repräsentativste Erzählung vom Jakobsweg unter der Masse der Jakobswegliteratur. Es repräsentiert den heutigen Durchschnittspilger - sieht man von Kerkelings Exponiertheit als Entertainer einmal ab. Hape Kerkeling beschreibt sich als einen von tausenden Pilgern, die glauben aufbrechen zu müssen und diesen Weg gehen. Bei den wenigsten spielen kirchenreligiöse Gründe eine Rolle, eher schon religiöse, meistens jedoch einfach menschliche. Bei dem größten Teil der Pilgerschar handelt es sich nämlich um irgendwie aus-der-Bahn-Geworfene, die auf dem Camino wieder einen Weg zu sich selber suchen. Kerkeling zitiert zu Anfang seinen Reiseführer, in dem es heißt, dass die Menschen sich seit vielen Jahrhunderten auf die Reise zum heiligen Jakob machten, wenn sie wörtlich und im übertragenen Sinne keinen anderen Weg mehr gehen könnten. Auf solche Menschen trifft Kerkeling zuhauf und mit den nettesten von ihnen freundet er sich an.

Freiweg schildert Hape seine Erfahrungen. Der flapsige Tonfall steht der Ernsthaftigkeit der ganzen Sache nicht im Weg. Im Gegenteil - er bereichert das Geschilderte und schützt vor falscher Frömmigkeit. In diesem Sinne ist das Buch absolut realistisch und spiegelt meine eigene Erfahrung wieder, wenn es die körperliche Erschöpfung beschreibt oder von Begegnungen mit eigenartigen Menschen und bereichernden Freundschaften handelt. Jede Erfahrung, die man hier macht, sei sie ärgerlich oder freudig, ist bereichernd, da sie sich immer auf uns selbst bezieht und uns über uns selbst belehrt. Das ist eine Hauptaussage von Kerkelings Buch, der ich voll zustimmen kann. Eine in jeder Beziehung gute Lektüre.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 25, 2014 6:47 PM MEST


Das Halsband der Königin
Das Halsband der Königin
von Antal Szerb
  Taschenbuch

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Panorama einer Epoche am Abgrund, 18. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: Das Halsband der Königin (Taschenbuch)
"Das Halsband der Königin" ist mein Buch des Jahres! Es ist wohl kaum möglich, einen historischen Stoff spannender, lebendiger, klüger und zugleich literarisch befriedigender darzustellen, als es dem ungarischen Literaturprofessor Antal Szerb mit "Das Halsband der Königin" gelungen ist. Szerb hat einen der größten Hofskandale des europäischen Adels, die Intrige um das vermeintlich Kollier der französischen Königin Marie Antoinette, in eine literarisch-essayistische Erzählung gefasst und dabei das Gesellschaftsbild einer gesamten Epoche porträtiert. Es ist die dem Untergang gewidmete Gesellschaft des ancien regime wenige Jahre vor der Französischen Revolution, die sich zum letzten Tanz auf dem Vulkan einfindet, bevor sie vom neuen Zeitalter hinweg gefegt wird, die von Szerb in ihrer ganzen Fülle zum Leben erweckt wird.

Was dieses Buch so ungemein lesenswert macht, ist Szerbs großartige Fähigkeit, alle Gestalten, Momente und Motive der Geschichte als exemplarisch für die Endzeit des ancien regime darzustellen. Hierin zeigt sich nicht nur die ungemeine Belesenheit des Autors, sondern auch seine tiefe menschliche Weisheit, die immer vom Einzelnen Bezüge zum Ganzen herzustellen vermag. In diesem Sinne werden viele allgemeingültige Aussagen getroffen, die auch auf unsere Zeit zutreffen. Man kann an diesem Buch viel lernen!

Zugleich erzählt Szerb die Geschichte wie einen Krimi. Bis zum Ende bleibt es spannend. Diese Fähigkeit ist wohl der Profession des Autors als Literaturprofessor geschuldet. Szerb weiß nicht nur, wovon er schreibt, sondern auch wie.

Zuletzt überzeugt das Buch in seiner Sprache, die zugleich hoch und lebendig ist. Lesen ist hier einfach ein Genuss.

Noch ein Wort zum Autor. Antal Szerb ist nach Marsai ein weiterer ungarischer Autor aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, der nun wiederentdeckt wird. Es liegen noch zwei weitere Romane vor. 1945 kam Szerb im Alter von 43 Jahren im Internierungslager Balf in West-Ungarn um.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 21, 2011 12:10 PM MEST


Frühstück bei Tiffany. SZ-Bibliothek Band 51
Frühstück bei Tiffany. SZ-Bibliothek Band 51
von Truman Capote
  Gebundene Ausgabe

20 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wenn das rote Elend kommt, 5. Mai 2007
"Frühstück bei Tiffany", das ist doch der Film mit der jungen Audry Hepburn, in der sie ihre so großen Augen hinter der so großen Sonnenbrille versteckt? Man sieht förmlich die Hepburn vor den Schaufenstern des Juweliers Tiffany stehen.

Gut also, dass die Süddeutsche Zeitung den Roman von Truman Capote neu auflegt und somit wieder ins Bewusstsein ruft, dass es sich eigentlich um einen Roman handelt.

Es ist ein schmaler Roman von etwa hundert Seiten. Man liest ihn in einem Rutsch durch. Er handelt von der jungen und berückend schönen Holly Golightly - ein sprechender Name, der etwa soviel heißt wie "Holly Nimm's leicht" - und dem angehenden Schriftsteller, Nachbarn und Freund Paul Varjak. Varjak ist der Erzähler der Geschichte.

Er erzählt aus der Retrospektive, als Holly seit vielen Jahren bereits wieder aus seinem Leben verschwunden ist, in das sie wie ein Wirbelsturm fuhr und fort war sie. Im Grunde ist es eine traurige Geschichte, was die Verfilmung aus den frühen 60ern - eine Anbiederung an den populären und seichten Geschmack der Masse - leugnet. Denn Frühstück bei Tiffany erzählt wie so viele Romane aus dieser Zeit von einer ziellosen und desillusionierten Jugend - einer verlorenen Generation. Die Geschichte spielt in den 40er Jahren, als in Europa der 2. Weltkrieg tobt.

Paul lernt Holly als überdrehte Schnepfe, als Partygirl kennen und ist - wie alle Männer in ihrer Umgebung - fasziniert. Holly lebt ein so atemlos schnelles Leben, dass dem Erzähler nur allmählich bewusst wird, dass jenseits des Glamours auch dunkle Schattenseiten liegen. Immer wieder wird Holly vom roten Elend überfallen, Depressionen, die sie nur mit einem Blick auf die ewig blendenden Diamanten bei Tiffany bekämpfen kann. Dann taucht ihr verlassener Ehemann aus den Tiefen Amerikas auf, ein einfältiger Farmer, dem die junge Holly im Alter von 14 Jahren zugeflogen kam, und eröffnet einen Blick in die sozialen Hintergründe der Figur. Schließlich wird Holly in einen Rechtsskandal verwickelt, in dem ihr Kontakte zur Drogenmafia nachgesagt werden. Sie flieht zu einem reichen Mann nach Brasilien und verschwindet.

Faszinierend an dem Buch ist der Tonfall, der unverwechselbar nüchtern kristalline Stil der 50er Jahre. Es ist eine Sprache, die einen sofort an Autoren wie Hemingway, aber auch Autoren der Beatnik-Generation wie Jack Kerouack erinnern. Unbegreiflich sind daher einige Patzer, die sich die immerhin neue Übersetzung von Heidi Zerning leistet. Zuhauf findet man das im Deutschen vollkommen ungebräuchliche "Herzchen" als Kosename, wo im Englischen vermutlich das völlig gebräuchliche "Darling" oder "Sweatheart" steht. Auch andere Anreden wie "son" oder "father" lassen sich im Deutschen natürlich nicht mit "Sohn oder "kesser Vater" übersetzen, wenn es sich nicht wirklich um den Sohn oder den Vater handelt. Wie schlecht müssen erst die alten Übersetzungen gewesen sein, wenn sie zu einer solchen Neuübersetzung führten.

Hiervon einmal abgesehen handelt es sich um eine gute Tat der Süddeutschen Zeitung, den schmalen Band publikumswirksam neu zu platzieren.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 8, 2011 12:32 PM MEST


Warten. Roman
Warten. Roman
von Ha Jin
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Warten aufs Leben, 13. April 2007
Rezension bezieht sich auf: Warten. Roman (Taschenbuch)
Lin Kong ist ein Mann zwischen zwei Frauen - und so vergeht sein Leben.
Es ist ein eigenartiger Roman, den Ha Jin uns hier vorsetzt. Ein Mann im China der 60er Jahre, zur gewalttätigen Zeit der Kulturrevolution, versucht sich von seiner Frau zu trennen. Jahr für Jahr versucht er das:
"Jeden Sommer kehrte Lin Kong nach Gänsedorf zurück, um sich von seiner Frau Shuyu scheiden zu lassen. Viele Male wurden sie zusammen im Gerichtsgebäude vorstellig, doch wenn der Richter Shuyu fragte, ob sie in die Scheidung einwillige, änderte sie regelmäßig im letzten Augenblick ihre Meinung", so der erste Satz des Romans. Ein wahrlich starker Einstieg. Schließlich wird die Ehe nach achtzehn Jahren auch ohne Einverständnis geschieden und Lin heiratet seine Freundin Manna, mit der er bereits seit Jahren in einer platonischen Beziehung lebt.
236 Seiten wartet der Leser auf diesen Moment. Was wird wohl Großartiges oder Schreckliches oder überhaupt passieren? Die Antwort ist - gar nichts! Lin heiratet Manna und sein Leben geht weiter wie vorher. Außer dass er nun etwas unglücklicher ist als vorher. Dass sich Manna als Haus- und später, nach der Geburt ihrer Zwillinge, zum Familiendrachen entwickelt, dass er sich nach seinem ruhigen Leben zurücksehnt, dass seine Frau todkrank ist, dass es ihm Leid tut, dass auch seine geschiedene Frau Shuyu ihm Leid tut und ihre gemeinsame Tochter Hua, dass er alles immer richtig machen will - und zum Schluss stellt Lin Kong fest, dass sein Leben vergangen ist mit dem Vorsatz, die Erwartungen der Gesellschaft zu erfüllen. Eine ernüchternde Einsicht steht am Ende des Buches:
"Über eines war er sich jetzt immerhin im Klaren: Wenn er zwischen Liebe und Seelenfrieden zu wählen hätte, würde er sich für Letzteres entscheiden. Er würde das friedliche Zuhause wählen."
Das scheint die Botschaft des Buches zu sein. Es hat ein "Carpe Diem" - Motive zum Thema. Nutze den Tag, nutze dein Leben. Das mag als Botschaft ja ganz richtig sein. Dennoch fragt man sich als Leser, was man mit dem Buch so recht anfangen soll. Es ist im Grunde langweilig. Der Titel ist sprechend. Im Grunde wartet man den ganzen Buch lang aufs Ende, auf die Einlösung des Versprechens des ersten Satzes. Aber die Erwartung wird enttäuscht. Die Scheidung und Lins neues Leben sind genauso lauwarm und beiläufig erzählt wie alles andere - auch wie die schrecklichen Bestimmungen und Gesetze, die das Leben im kommunistischen China bestimmen und selbst die Vergewaltigung von Lins Freundin Manna durch einen Freund geschieht sozusagen nebenher und wird kaum beachtet. Der gesamte Erzählduktus erinnert an die Ästhetik naiver Malerei, nur dass hier schreckliche Ereignisse in einem friedlichen Ambiente dargestellt werden. Der Leser muss gegen die idyllische Darstellung den Schrecken selbst entwerfen. Vieles bleibt dabei ein Rätsel.
Das Buch ist mit den höchsten Preisen der englischsprachigen Literatur ausgezeichnet oder dafür nominiert. Auch dies ist ein Rätsel des Buches. Nimmt man die Botschaft des "Carpe Diem" - Themas ernst, sollte man sich vielleicht für ein anderes Buch entscheiden: Nutze den Tag!

Thomas Reuter


Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes
Mao: Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes
von Jung Chang
  Gebundene Ausgabe

22 von 26 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Mensch Mao!, 4. April 2007
Als der italienische Chemiker Primo Levi 1961 die Erinnerungen an seine Gefangenschaft in Auschwitz veröffentlicht, gibt er diesen den tiefgründigen Titel "Ist das ein Mensch?" Gemeint war damit keineswegs der zum Monster entartete Nazi-Deutsche, der bar jeder Menschlichkeit seine Opfer foltert, sondern gemeint waren die aller Menschlichkeit entkleideten Opfer, die mit ihrer Kleidung auch ihre Identität, ihre Würde und alles, was an einem Menschen erinnert, verloren.
Liest man nun die nun erschienene Biographie "Mao - Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes" von Jung Chang und ihrem Ehemann Jon Halliday, fühlt man sich an Levis Titel "Ist das ein Mensch?" erinnert. Hier allerdings ist es der Täter, dem wegen seiner unbeschreiblichen Grausamkeit und grenzenlosen Brutalität jede Menschenähnlichkeit abgesprochen werden muss. Auf der Basis einer 10-jährigen Recherche und auf der Grundlage hunderter Interviews entwerfen die Autoren ein in dieser Konsequenz bislang unbekanntes Bild des Herrschers Mao Tse-Tung. Frei von jeglicher Revolutionsromantik holen Chang und Halliday den Vorsitzenden der Chinesischen Kommunistischen Partei nicht nur von seinem zweifelhaften Sockel, auf dem er in China immer noch steht, sondern schreiben ihn zurecht in Grund und Boden. Changs und Hallidays Mao ist die Geschichte eines bedingungs- und gnadenlosen Egoisten und Unmenschen, dessen Brutalität, Grausamkeit und Zynismus in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen suchen.
70 Millionen Tote in Friedenszeiten, wie es im ersten Satz der 1000-Seiten starken Biographie heißt, gehen auf das Konto des Diktators. In der profunden und detaillierten Analyse der Autoren erscheint Mao Tse-Tung als ein Mensch, der für die Machtergreifung und den Machterhalt vor wahrhaft nichts zurückschreckt - weder vor der Opferung der Hälfte des chinesischen Volkes ("Half of China may well have to die" S. 519, englische Ausgabe), noch vor der Opferung der eigenen Familie. So wurde Maos zweite Frau, die er mit ihren drei jungen Söhnen 1927 in der Stadt Changsha zurückließ, von Maos Feinden exekutiert, als Mao selber die Stadt drei Jahre später belagerte (S. 97).
Solch zynische Opferbereitschaft kann neben einer permanenten Terrorisierung und Brutalisierung der Bevölkerung durch Säuberungen und öffentliche Folterungen als charakteristische Konstante Maos Gewaltherrschaft angesehen werden. Ganze Armeen hat Mao buchstäblich in die Wüste und den sicheren Tod geschickt, um sich auf dem langen Marsch einen kleinen strategischen Vorteil vor dem innerparteilichen Konkurrenten Kuo-tao zu sichern. Später wiederholt sich solche Strategie, als Mao die chinesischen Armeen den Russen zum Gefallen in den Korea-Krieg schickt. 400.000 Chinesen müssen sterben, um sich beim großen Bruder Russland als attraktiver Partner zu verkaufen. Da Mao aber wirtschaftlich nichts weiter zu bieten hatte als das, was auf dem Felde wuchs, wurden zur Zeit des "Großen Sprungs nach vorn" chinesische Nahrungsmittel im Tausch gegen Waffen und Atomforschung nach Russland ausgeführt. Die größte Hungerkatastrophe der Menschheitsgeschichte mit 38 Millionen Toten war die Folge. In den schlimmsten Gebieten kam es zu Kannibalismus. Die Atombombe, das größte Ziel all seiner weltpolitischen Diplomatie und Politik, hat Mao trotz seines Einsatzes glücklicherweise nie bekommen.
Innenpolitisch hat Mao zeitlebens jede mögliche Opposition im Keim erstickt. Das probate Mittel hierzu waren willkürliche öffentliche Folterung, Züchtigung und Verfolgung. Im Gegensatz zu Diktatoren wie Stalin oder Hitler, die ihre Grausamkeiten soweit möglich versteckt hielten, war es für Mao geradezu geboten, öffentlich zu töten. Nur eine derartig traumatisierte Bevölkerung ließ sich in der wünschenswerten Einfachheit manipulieren und ausbeuten. Bis ins hohe Alter von 82 Jahren, gelingt es Mao auf diese Weise, Angst und Schrecken zu verbreiten und seine alleinige Herrschaft aufrecht zu erhalten.
Diese Fakten mögen als solche zumindest im Westen bekannt sein. Bewundernswert und erstaunlich ist allerdings die Akribie und Detailversessenheit, mit der die beiden Autoren auch kleinste politische Entscheidungen verfolgen und erläutern können und so Mao als machtbesessenen Unmenschen entlarven. Der Erhalt der Macht ist im System Mao die oberste politische Maxime, der sich alles andere unterzuordnen hat. Fast zufällig gerät der junge Mao Tse-Tung an die Kommunisten und erklimmt die politische Leiter. Von der Perspektive eines unbedingten Machtwillens, wie er sich in dieser Biographie offenbart, war die Entscheidung des jungen Mao jedoch folgerichtig. Er hat bereits als junger Mensch erkannt, was dem naiven westlichen Bewusstsein so schwer verständlich zu machen ist: nämlich dass der Kommunismus nie eine bessere oder gerechtere Welt wollte, sondern immer und von vorneherein dasjenige politische System war, das unter dem Deckmantel der Gerechtigkeit dem Menschen jegliche Rechte an sich selber nimmt. Was vom Menschen übrig bleibt ist eine namenlose biologische Masse. Für den Tyrannen frei verfügbar und willenlos. Was klingt wie ein herkömmlicher Science-Fiction Roman, die totale Herrschaft über ein identitätsloses Volk, war der Motor, der Mao Tse-Tung antrieb. Die Biographie von Chang und Halliday haben diese Erkenntnis in einzigartiger Weise herausgearbeitet. Ein überaus wichtiges Buch, das außerdem übearaus spannend geschrieben ist und sich bei aller Entsetzlichkeit des Inhalts zum Teil wie ein Krimi liest.

Thomas Reuter


Feuertäufer: Roman
Feuertäufer: Roman
von Antonio Orejudo
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Den Namen der Rose in den Wind geschrieben, 16. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Feuertäufer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was hätte man daraus nicht alles machen können!

Der spanische Autor Antonio Orejudo zerrt mit der protestantischen Revolte der Wiedertäufer im Münster des 16. Jahrhunderts eine fast vergessene Geschichte ans Tageslicht:am Beispiel des Bernd Rothmann, eines jungen aufsteigenden Geistlichen, der zum Studieren nach Köln geht und als aufrührerischer Ketzer zurückkehrt, entspinnt sich eine sagenhafte Geschichte um Fanatismus, Revolte, Naivität und Verbrechertum. In all diesen Themen lassen sich mühelos Parallelen zu unserer Zeit und zu unserer jüngeren Vergangenheit ziehen. Man glaubt geradezu, die ewigen Mechanismen von Revolte und Tyrannei freigelegt zu fühlen, die sich bis in die '68-Revolte wiederholen.

Bernd Rothmann springen bald die radikalen Wiedertäufer Jan Mathies und Jan van Leiden, dem späteren König von Münster bei. Es entspinnt sich ein Kampf der radikal-protestantischen Wiedertäufer gegen die katholische Substanz der Stadt, der in einem regelrechten Krieg mündet. Die Stadt ist schließlich umlagert von katholischen Truppen. Innerhalb der Stadtmauern herrschen chaotische Zustände, eine Willkürherrschaft der "protestantischen Hassprediger", König Johannes I, wie Jan van Leiden sich nun nennt, führt die Gütergemeinschaft und die Polygamie ein und hält sich selber 16 Frauen. Nachdem die Stadt von den katholischen Truppen siegreich eingenommen wird, ist der Spuk vorbei. Rothmann gelingt es zu fliehen. Die anderen Anführer, Jan van Leiden, Knipperdolling und Krechting enden in den drei Käfigen oben an der Lambertikirche, die noch heute dort zu bestaunen sind. Es ist eine sagenhafte und es ist schreckliche Geschichte. Es ist vor allem eine wahre Geschichte. Wenn sie doch nur nicht so schlecht erzählt wäre!

In halsbrecherischem Tempo prescht Orejudo durch die Geschehnisse durch. Man kann kaum der Handlung folgen, schon ist alles vorbei. Bereits auf Seite 81 sind die Ereignisse um die Revolte in Münster zu Ende erzählt. Überrascht fragt sich der Leser, was wohl auf den verbleibenden 200 Seiten noch kommen mag. Diese Frage scheint sich auch der Autor gestellt zu haben. Es folgt eine recht haarsträubende Geschichte um den verschollenen Bernd Rothmann, der Orejudo zufolge ausgerechnet als Handlanger des Großinquisitors 30 Jahre später im Süden Frankreichs wieder auftaucht. Rothmann, der sich nun Pfister nennt, hat sich einen Namen als Schriftsetzer gemacht. Als ein ketzerisches Buch auftaucht, das offenbar aus wiedertäuferischen Kreisen kommt, zwingt ihn der Großinquisitor den Autor zu suchen. Rothmann muss sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Was das alles soll, weiß der Himmel! Vermutlich sollen wir was draus lernen. Zugleich aber soll uns en pessant das gesamte Weltwissen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit vermittelt werden. Es geht zugleich um Universitäten und Dispute, um Schriftsetzerei und das Reisen, um Glaubensfragen und Ketzerei und und und. Das alles ist derartig oberflächlich gemacht und erzählt, dass man es gar nicht recht glauben mag. Keine einzige Figur ist ordentlich ausgestaltet, die Dialoge knirschen und krächzen in ihren Zeilen und es strotzt derartig von sprachlichen Anachronismen, dass es schon wieder eine Freude ist. Eine Kostprobe dieser fast wahnsinnigen sprachlichen Entgleisungen, von denen es im Buch wimmelt, gefällig? Wählen wir doch das Beispiel, wie der Hauptprotagonist des Romans stirbt. Sicherlich eine wichtige Szene. Das klingt dann so: "Pfister spürt, dass alle Luft aus ihm entweicht, dass er jetzt keinen Bedarf für Ochsenzunge, Frauenhaar, Samtpappel- und Berberritzensamen mehr hat. Aber nicht, weil seine Verdauung wieder in Gang gekommen ist, sondern weil er gerade verblutet." Glaubt man es denn? Hat der Autor versucht, witzig zu sein, oder ist das im Ernst so gnadenlos schlecht? Jedenfalls wird Orejudo in Spanien von Kritik und Publikum gefeiert und hat gar literarische Preise gewonnen.

Das Thema aber! Wäre der Autor doch nur bei den Ereignissen in Münster geblieben. Das hätte Potential für einen Roman vom Kaliber Der Name der Rose. Allerdings muss man dann erzählen können und seinen Charakteren zumindest den Anschein geben, als seien sie von Fleisch und Blut.

Was hätte man daraus nicht alles machen können!

Thomas Reuter


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