Profil für Thomas Reuter > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Thomas Reuter
Top-Rezensenten Rang: 4.041
Hilfreiche Bewertungen: 2052

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

Anzeigen:  
Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11
pixel
Der Marsch: Roman
Der Marsch: Roman
von E.L. Doctorow
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

10 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Nicht gerade ein Spaziergang, 17. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Der Marsch: Roman (Gebundene Ausgabe)
Selten ist sich die Kritik so einhellig einig. "Der Marsch" von E.L. Doctorow ist ein Meisterwerk heißt es. Ganz große Literatur sagen alle - und niemand scheint zu widersprechen. Ich tu's mal: "Der Marsch" ist bei weitem nicht so brillant erzählt, wie es uns die Damen und Herren von der Literaturkritik erläutern. Es ist ein tolles Buch und es hat ein großartiges Thema. Aber es scheitert an seiner Konstruktion, für die es doch so gelobt wird. Erzählt werden soll der Krieg selber und Doctorow dient die Armee des General William Sherman, die sich im amerikanischen Bürgerkriegsjahr 1864 durch die Südstaaten Georgia, South Carolina und North Carolina kämpft, hierfür nur als Beispiel. Sicher ist es ein gut gewähltes Beispiel. Wie die Armee erbarmungslos durch das Feindesland zieht, evoziert sie fast unvermeidlich das Bild einer Allegorie des Krieges. Ein Krieg, der für alle Kriege stehen und alle Kriege beschreiben soll. Dennoch muss das ja alles auch erzählt werden. Und hierfür braucht man Figuren denen der Leser sich anvertraut. Doctorow springt nun aber permanent zwischen einer Vielzahl an Figuren, er orchestriert eine ganze Heeresschar von Südstaatlern, Nordstaatlern, Schwarzen, Weißen, Soldaten, Ärzten usw. Es soll ja keine Individualgeschichte sein, sondern die des Krieges. Letztlich wirkt es jedoch arg konstruiert. Andauernd geschehen Zufälle. Rein zufällig treffen sich in diesem Riesenheer dann doch immer wieder die selben Personen und diese sind, dem Autor wie dem Leser, letztlich egal.
Freilich, es gibt starke, ja unglaubliche Szenen. Aber für einen großen Roman fehlt dem ganzen dann doch auch das große Schicksal des Einzelnen. Nun gut, das hat Doctorow nicht schreiben wollen. Dennoch wollen wir es lesen.

Thomas Reuter


Das Jahr magischen Denkens
Das Jahr magischen Denkens
von Joan Didion
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Alphabet der Trauer, 10. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Das Jahr magischen Denkens (Taschenbuch)
"Das Jahr magischen Denkens" von Joan Didion ist schon ein beeindruckendes Buch. In immer wieder neuen Ansätzen und Anläufen versucht darin die Autorin den plötzlichen Tod ihres Mannes, mit dem sie eine 40-jährige Ehe verbindet, zu verarbeiten. Didion ist eine genaue Beobachterin ihrer selbst und errichtet hierbei erzählend eine Grammatik des Schmerzes und des Verlustes. Alle Einzelheiten sind ihr wichtig: der genaue Wortlaut der Ärzte, wann welche Wörter gefallen sind, die akribische Ermittlung der Todesminute, Störungen ihrer Wahrnehmung, Verhaltensauffälligkeiten ihrer Reaktionen. In immer neuen Strudeln versinkt sie in die Tiefen der Erinnerungen. Orte ihres gemeinsamen Lebens werden zu Gefahrenzonen, die sie in den unendlichen Strudel ziehen können. Didion untersucht den körperlichen Schmerz, den das Fehlen des Partners bereitet, sie taucht ab in die vielschichtigen Dimensionen von Schuld und Verantwortung, Zufall und Glück.
Im selben Jahr, in der der Autorin dieses schlimme Schicksal widerfährt, erkrankt ihre einzige Tochter schwer an einer Lungenentzündung mit anschließendem Hirnödem und liegt wochenlang auf der Intensivstation und mehrere Tage im Koma.
Didion hat diesen Versuch über die Trauer "Das Jahr magischen Denkens" genannt, weil in diesem Jahr für sie das rationale Denken aussetzte. In vielerlei Hinsicht ging ihr Denken mit einem Mal andere Wege, sie verlor sich in abergläubische Zustände und metaphysische Erkenntnisse.
Didion erzählt von einer tiefen, eigentlich unvermittelbaren Erfahrung. Diejenigen Leser, die einen eigenen Verlust verarbeiten, werden sich in vielem wiederfinden.

Thomas Reuter


Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt
Meine Reisen mit Herodot: Reportagen aus aller Welt
von Ryszard Kapuscinski
  Taschenbuch

34 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unsere Reisen mit Kapuscínski, 5. November 2007
Ein wenig flunkert der Verlag, wenn er Kapuscinskis Buch über seine Reisen mit Herodot den Untertitel "Reportagen aus aller Welt" gibt. Zwar berichtet Kapuscinski auch aus Asien und Afrika, eigentlich hat das Buch aber nur ein Thema, nämlich das Reisen als solches. Daher erfahren wir auch gar nicht so viel über Indien und China, Äthiopien und dem Kongo, Länder aus denen Kapuscinski berichtet; sehr viel jedoch über die eigentümliche Faszination, die das Reisen selber ausmacht.
Anhand seiner außergewöhnlichen Biographie versucht Kapuscinski zu ergründen, was den Menschen beim Reisen wirklich bewegt: Es ist vor allem die Überschreitung der Grenze. Als junger Mann im Polen der 50er Jahre hat diese Vorstellung einen sehr realen Ursprung, denn an eine Überschreitung des Eisernen Vorhangs war zu jener Zeit nicht zu denken. Für Kapuscinski jedoch soll das Bild der Grenzüberschreitung zu einer sinnstiftenden Erfahrung des Lebens überhaupt werden. Im Grenzübergang zum Neuen und Fremden ist für Kapuscinski all unser Sein und Werden bewahrt.
Noch seinen Schilderungen der ersten Reisen nach Rom, Indien und China merkt man diese initialzündende Bedeutung an. Sie kommen einer Initiation gleich, die das Leben auf eine neue Stufe hebt. Es sind großartige Beschreibungen einer beginnenden Reisleidenschaft. Die Überschreitung der Grenze ins Fremde wird zeitlebens das Thema für Kapuscinski bleiben und er erklärt diese Leidenschaft am Beispiel des antiken Historikers Herodot, für den der Autor eine mindestens so große Leidenschaft hegt wie für das Reisen selber. Wer Kapuscinskis "Meine Reisen mit Herodot" liest, wird also nicht nur einiges über das Reisen an sich und die Reisen des Autors erfahren, sondern auch jede Menge über die Reisen des antiken Vorfahren, über die Perser, die Griechen und die Skythen, Dareios und Xerxes, ja der gesamte Perserkrieg zieht an uns vorüber. Kapuscinski sieht in Herodot überhaupt den ersten Reporter der Weltgeschichte, der von Neugier getrieben selber die Orte aufsuchte, von denen er schrieb.
"Meine Reisen mit Herodot" ist ein großartig geschriebener, biographischer Essay, bei dem man viel über das Wesen des reisenden Menschen erfährt. Es wundert einen nicht, dass Kapuscinski eine so große Fangemeinde hat.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 22, 2012 6:59 PM MEST


Pazifik Exil: Roman
Pazifik Exil: Roman
von Michael Lentz
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

10 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Dem Bertolt Brecht beim Denken zuhören, 4. November 2007
Rezension bezieht sich auf: Pazifik Exil: Roman (Gebundene Ausgabe)
Tolle Idee, denkt man, aber kann das funktionieren? Michael Lentz hat in "Pazifik Exil" das Leben deutscher ausgewanderter Geistesgrößen zu einem Roman verarbeitet. Nein, das reicht nicht: Michael Lentz hat einen Roman geschrieben mit dem Titel "Pazifik Exil" in dem die deutschen Ausgewanderten Bertolt Brecht, Franz Werfel, Lion Feuchtwanger, Thomas Mann, Heinrich Mann und Arnold Schönberg die Charaktere sind. So muss es heißen!
Sie sitzen allesamt in einem völlig fremden Land und bilden eine eigenartige entwurzelte Schicksalsgemeinschaft. Sie gehen ihren alten und ihren neuen Gewohnheiten nach, sie besuchen sich auf ihren Partys, sie pflegen ihre alten Eitelkeiten, Freund- und Feindschaften, sie werden alt - und sie scheinen so ganz entsetzlich überflüssig. Die Geschichte hat sie an die sonnenverwöhnten Strände Kaliforniens gespült, ausgerechnet in die Nähe von Hollywood, wo eine neue Medienwelt entsteht, an die sie, auf der Flucht vor der alten, keinen Anschluss mehr finden sollten. Sie bewegen sich in dieser modernen Welt wie Dinosaurier aus einem anderen Zeitalter, beispielsweise wenn Bert Brecht darauf besteht, zu einer Party zu Fuß zu gelangen, und dabei die Dimensionen und die Infrastruktur vollkommen unterschätzt. Nein, wir können es uns nicht so recht ausmalen, wie ein Thomas Mann mit Hut und Zigarre unter Palmen mit Schönberg schwadroniert und ihm seinen Ohrensessel abschwatzt, in dem er dann den Doktor Faustus schreiben soll.
Und deshalb ist es so genial! Es hat fast etwas Unanständiges, bei all diesen erfundenen Szenen anwesend zu sein und unseren vertrauten Gestalten über die Schulter zu gucken. Allein schon dafür hat sich der Roman gelohnt. Wie aber ist es gemacht?
Michael Lentz umschifft spielend das Problem der historischen Genauigkeit, indem er sie einfach in den Wind schreibt. Diese Nonchalance gibt Lentz' Prosa eine enorme Freiheit und Spielfreude. Er lässt sie alle einfach daherkommen und losschwatzen, den Bertolt und den Heinrich, den Arnold und den Thomas. Und nicht nur das, wir nehmen auch an ihrem Innenleben teil und hören ihren Gedanken bis in die letzten Verästelungen im O-Ton zu.
Natürlich steckt hier auch gleich der Haken, denn das will man sich dann doch nicht vorstellen, dass sie alle so dermaßen platt dahergedacht haben. All diese unsäglichen Eitelkeiten. All diese Stammtischplattheiten. Dann wieder die schrecklich platten Deutungen und Interpretationen der politischen Lage in Deutschland. Da erklärt sich die geistige Elite Deutschlands den Nationalsozialismus, als ginge es um einen Beitrag zur Sendung mit der Maus. Also lieber Herr Lentz, bei aller Güte, das ist nun wirklich etwas peinlich.
Stilistisch schöpft das Buch aus dem großen Fundus der klassischen Moderne. Ein Kapitel über Brecht ist beispielsweise gänzlich im inneren Monolog Joycescher Manier gehalten. An anderer Stelle hört man deutlich Thomas Bernhard schimpfen. Dieses Spiel geht bis in einzelne Zitate von der Bibel über Gryphius und Schiller bis hin zu Zuckmayer. Gedichte und Texte von beispielsweise Brecht sind hingegen frei erfunden. Bewusst spielt Lentz auch mit Anachronismen, gebraucht beispielsweise den Begriff 'Paparazzi', als es ihn noch gar nicht gibt.
Dies alles soll uns zeigen: Dies ist nicht wirklich ein historischer Roman. Hier fungieren unsere Künstler nur als Material und Vorlagen für ein postmodernes Spiel um Authentizität und Freiheit, Zitat und Original, Eigenem und Fremden - was natürlich das Thema des Exils ist. Insgesamt eine lohnende und interessante Lektüre, die allerdings in einigen Passagen recht langweilig werden kann, was wohl an der Belanglosigkeit der Konzeption liegt. Man kann eben nicht beides haben: ironisches Augenzwinkern und literarisches Schwergewicht.

Thomas Reuter


Der Mond und das Mädchen - Roman
Der Mond und das Mädchen - Roman
von Martin Mosebach
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

37 von 42 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein gepflegtes Stück Literatur, 8. Oktober 2007
Eigentlich ist es gar kein Roman, sondern eine Novelle. Der Text hat alle Merkmale einer solchen: die relative Kürze, das eingeschränkte Personal, das Falkenmotiv in der Form eines Eherings, das plötzliche Ereignis und die Wende. Aber wer liest heute noch Novellen. Also nennt sich Mosebachs neuester Titel ,Der Mond und das Mädchen' doch lieber ,Roman'. Dem 19. Jahrhundert ist allerdings nicht nur die Gattung, sondern auch die Sprache entnommen. Es ist eine Hochsprache, in der Mosebach schreibt. Sie ist gewählt, geschmeidig, genau, erhaben, stilsicher, gewandt und elegant. Es ist eine Kunstsprache für die es Könnerschaft braucht und sicherlich kann man eine solch hohe Sprache genießen. Sicherlich ist Mosebach auch ein hintergründiger Erzähler, der es versteht, Fährten zu legen und seinen Text symbolisch zu verdichten. Es ist ein beziehungsreiches Werk. Mehrfaches Lesen ist sicher ergiebig.
Was aber wird eigentlich erzählt?
Es geht um die junge Ehe von Hans und Ina. Hans, ein erfolgreicher Bänker, sucht in Abwesenheit seiner jungvermählten Gattin eine Wohnung für das gemeinsame Leben. Seine Wahl soll schicksalsentscheidend werden. Das Paar zieht in eine obere Wohnung eines etwas heruntergekommenen Hauses in der Frankfurter Bahnhofsnähe. Sie richten sich nett ein, auch die lästige Schwiegermama werden sie irgendwann los, aber irgendetwas ist im Gange, irgendetwas scheint nicht zu stimmen. Die Erzählung hat eine subtile unheimliche Gegenströmung, die von der schönen Sprache nur überblendet wird. Zunächst beschmutzt eine Taube das noch nicht bezogene eheliche Schlafzimmer, der schäbige marokkanische Hauswart Souad, der mit einer kleinen zwielichtigen Gesellschaft die Abende im Hof des Mehrstockhauses verbringt, der ungestraft fremde Post öffnet, alles beobachtet, über jeden Bescheid weiß und der dem Hauseigentümer nicht die Mietgelder überweist bemächtigt sich Hansens. Aber nicht nur von ihm wird Hans in den Bann gezogen. Da sind auch noch die Witteckinds. Ein Intellektuellen-Ehepaar, die ein Stockwerk unter Hans und Ina wohnen. Der eigentümlichen Anziehung, die Britta Witteckind, eine Schauspielerin auf Hans ausübt, entspricht die Antipathie, die von ihrem Mann ausgeht. Später soll Hans unter kuriosen Umständen mit Britta Ehebruch begehen. Hierbei verliert er seinen Ehering. Dafür findet er jedoch den Ehering seines Vormieters. Dieser wiederum tritt plötzlich auf und fordert seinen Ring zurück, um seine gescheiterte Ehe doch noch zu retten. Er erhält schließlich erneut unter kuriosen Umständen den verlustig gegangenen Ring von Hans.
Alles in diesem Roman scheint einer dunklen und unerklärlichen Gesetzmäßigkeit zu folgen. Niemand scheint frei handeln oder auch nur sprechen zu können. Und dieser Bann wird erst gebrochen, als Ina in einer beherzten Tat ihrem Ehemann eine Bierflasche über die Rübe zieht.
Nun erst scheint es Tag und licht zu werden. Und tatsächlich spielt der Hauptteil der Handlung nachts. Dies mag ein Zeichen für die dunkle und unheimliche Macht sein, die in dem Werk trotz der schönen Sprache regiert. Zeichen über Zeichen. Es wimmelt von Anspielungen. Auch der Titel ,Der Mond und das Mädchen'. Hören wir da nicht Schuberts Konzert ,Der Tod und das Mädchen'? Die Taube, der wandernde Ring. Es geschehen Zeichen und Wunder und doch ist alles so, als wäre es ganz normal.
Die Frage ist aber: Was will mir dieser Roman eigentlich sagen?
Ich weiß es nicht. Er ist sicher ein Stück sehr guter Literatur und ein Genuss für denjenigen, der gute Sprache liebt und überhaupt sich an Kunst erfreuen kann. Und das ist ja auch legitim. Hierzu hört man ja auch gute Musik.
Er ist darüber hinaus ein Fall für den Literaturwissenschaftler. Aber er ist nicht unbedingt Literatur, die mich begeistert.

Thomas Reuter


Don Juan de La Mancha oder Die Erziehung der Lust: Roman
Don Juan de La Mancha oder Die Erziehung der Lust: Roman
von Robert Menasse
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,80

23 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Liebesritter von trauriger Gestalt, 7. Oktober 2007
Zwei Figuren der Weltliteratur zitiert und verschweißt Robert Menasse in seinem neuesten Roman: Don Juan, den ewigen Verführer, und Don Quichotte de la Mancha, den Ritter von der traurigen Gestalt. Dies ist eine treffliche Symbiose für Nathan, dem Ich-Erzähler des 280-seitigen Romans, bei dem es sich um eine Art Erziehungs- und Bildungsroman anhand der Erfahrungsgeschichte der Liebe handelt, die Nathan einfach nicht gelingen will und die zu nichts führt. ,Die Erziehung der Lust' heißt folglich auch der Untertitel des Romans.
Nathan verliert die Lust an der Lust, verliert die Lust am Sex. Und dies in einer Gesellschaft, "die nicht einmal einen Liter Mineralwasser verkaufen kann, ohne diese Ware erotisch zu besetzen". Aber dies ist nicht das eigentliche Problem Nathans. Sein Problem ist vielmehr, "dass man zwar die Lust verlieren, aber sie nicht vergessen kann. Lust ist überhaupt das einzige, das man nicht vergessen kann".
Und daher beschreibt er in mittlerweile fortgeschrittenem Alter seine Versuche und Fehlgänge, seine unendliche Qual mit der Lust seiner Therapeutin Hannah.
Es ist eine überaus amüsante, tiefgründige und wunderbar geschriebene education sentimental über die Liebe in Zeiten ihrer Belanglosigkeit und Beziehungslosigkeit. Deutlich kommt auch das Zeitkolorit aus den 60er, 70er und 80er Jahren zum Tragen, in denen Mann und Frau endgültig die hergebrachten Rollen zerfallen, ohne die man jedoch freilich nicht auskommen kann, zumal in der Liebe nicht. Schließlich mündet diese Odysee der Liebe folgerichtig in einer Situation, in der der Ich-Erzähler selber einmal die Frau geben darf.
Es ist ein Buch über die Irrungen und Wirrungen der männlichen Liebe. Von der Altherrenliteratur eines Updike oder Roth, die als Vorbilder auch im Buch selber genannt werden, unterscheidet es sich jedoch durch seinen Witz und seine ironische Erzählhaltung.

Thomas Reuter


Großmama packt aus: Roman
Großmama packt aus: Roman
von Irene Dische
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Langeweile kann einpacken, 7. Oktober 2007
Rezension bezieht sich auf: Großmama packt aus: Roman (Taschenbuch)
Es ist ein großartig unterhaltender Roman, den Irene Dische unter dem Titel ,Großmama packt aus' hier vorstellt. Der Titel ist Programm. Was kann eine Großmutter nicht alles aus dem Nähkästchen plaudern über dunkle Familiengeheimnisse, Großvaters kleine Leidenschaften und der grenzenlosen Disziplinlosigkeit des Enkelkindes, das übrigens Irene Dische heißt, im Roman aber nur eine Nebenrolle einnimmt!
In einem drei Generationen überspannenden Roman erzählt die Großmutter frei von der Schnauze weg die Geschichte ihrer Familie. Es ist eine Familienchronik in dunklen Zeiten, aber mit Heiterkeit und Altfrauenweisheit erzählt. Es ist die Geschichte eines verschwundenen Europas, mit all seinen verstockten und liebenswerten Formen, all seinen Vorurteilen und seinem Gräuel, aber auch die Geschichte eines so vollkommen anderen und dabei so ähnlichen Amerikas. Es ist eine Familiengeschichte aus dem 20. Jahrhundert.
Sie beginnt in Deutschland zur Zeit des Nationalsozialismus. Die erzählende Großmutter, eine geborene Gierlich aus streng katholischem Hause, gutes gehobenes Bürgertum, ist mit dem Chirurgen Carl Rother, einem Juden, verheiratet. Mit latenter Ironie und Witz erzählt Großmama von den schrecklichen Jahren im Nazideutschland in einem großbürgerlichen Ton, der sich die althergebrachte Opferhaltung verbittet. Die Familie reist letztendlich mit ihrer einzigen Tochter Renate nach Amerika aus. Dort beginnt ein neues Leben, das weiterhin in der oberen Gesellschaftsschicht angesiedelt ist. Renate lernt den schrecklichen Dische kennen, heiratet ihn und zeugt mit ihm die völlig verzogene Enkeltochter Irene. Deren Geschichte wird bis in die 80er Jahre erzählt, wobei die wilden Zeiten der 60er-Revolte besonders lesenswert sind, beschreiben sie doch aus der Perspektive der Oma eine an den Wahnsinn grenzende Entgrenzung, in der alle Werte, die Familie, Tradition und Kultur ausmachen, aufgehoben scheinen.
Es ist eine vollkommen tragische Geschichte, die aber an Komik kaum zu überbieten ist. Es ist die ganz normale Familienkatastrophe, zu der die historischen Verwerfungen nur die Hintergrundsmusik spielen. Ein überaus lesenswerter Genuss.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 17, 2008 10:59 AM CET


Lob der Disziplin: Eine Streitschrift
Lob der Disziplin: Eine Streitschrift
von Bernhard Bueb
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

31 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Das hat einmal gesagt werden müssen, 7. Oktober 2007
Unerhört! Da nimmt jemand das Wort 'Disziplin' in den Mund und meint es nicht negativ. Im Gegenteil. Es geht ihm um die Rehabilitierung des Begriffs. Disziplin als etwas Gutes! Hat man so etwas schon gehört?
In Deutschland jedenfalls schon lange nicht mehr - denn hierzulande hängt der Disziplin etwas Ruchhaftes an: der lange und schlechte Atem des Nationalsozialismus. Wer Disziplin als etwas Positives betrachtet, wer es gar als eine Tugend beschreibt, bricht ein Tabu. Wohl wissend um diesen Zusammenhang versieht Bernahrdt Bueb seinen Essay "Lob der Disziplin" mit dem Zusatz "Eine Streitschrift". Wir können Herrn Bueb dankbar sein, dass er dieses Tabu gebrochen hat und endlich einmal Wahrheiten ausspricht, die in anderen Ländern Selbstverständlichkeiten sind, die bei uns aber fast reflexartig Empörung hervorrufen.
Was sind die unerhörten und unerhört einfachen Thesen Buebs?
Die zunächst überraschende, aber freilich seit Urzeiten bekannte Wahrheit, die Bueb beschreibt, ist der Zusammenhang von Disziplin und Freiheit. Freiheit erhält der Mensch nur über den Weg des Zwangsapparats der Disziplin, die zunächst eine von außen gesetzte, später eine verinnerlichte Selbstdisziplin ist. Nur wem es gelingt, in einem langwierigen Prozess seine Wünsche, Bedürfnisse und Fähigkeiten zu kanalisieren und zu gestalten, ist in der Lage, auch freien Gebrauch hiervon zu machen. Diesen Prozess nennt man Erziehung und er geht nicht ohne Kämpfe und Konflikte ab.
Freiheit hingegen, die einfach voraussetzungslos gewährt wird, mündet in Barbarei. Heutzutage sind nach Bueb immer mehr Familien von den Problemen dieser schlechten Freiheit betroffen, weil wir kein rechtes Verhältnis mehr zu Autoritäten haben.
Dies ist ein weiteres typisch deutsches Problem, ein weiteres Tabu: Autorität ist hierzulande per se schlecht, denn von ihr geht Macht aus und diese steht in der nachkriegsdeutschen Mentalität immer schon auf der falschen Seite. Warum eigentlich? Als ob eine Gesellschaftsform, in der alle Macht nivelliert ist, sich überhaupt denken ließe. Hier grenzt die Aufarbeitung der deutschen Katastrophe an grenzenloser Naivität. Im Ausland verstünde man noch nicht einmal, worin überhaupt das Problem besteht.
Ohne ein Verständnis davon aber, wer im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in letzter Konsequenz das Sagen hat, braucht man sich mit Erziehungsfragen erst gar nicht zu beschäftigen. Wir brauchen aber wieder den "Mut zur Erziehung", wie Bueb schreibt: Eltern müssen ihre Rolle annehmen und dürfen sich nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Das ist nicht leicht. Hierzu bedarf es vor allem auch eigener Disziplin. Insofern kann der Erziehungsprozess auch ein beidseitiger sein.
In Buebs Buch "Lob der Disziplin" stehen sehr viele wahre Sätze. Freilich schießt der Autor, der über 30 Jahre lang das Internat Schloss Salem geleitet hat und folglich eine Art beruflicher Deformation mitbringt, an manchen Stellen über sein Ziel hinaus. Für den einen von uns früher, für den anderen von uns später. Wer aber den Grundthesen dieses Buches widerspricht, kann nicht ganz bei Sinnen sein oder ist in unserem bundesrepublikanischen Bewusstseinsmilieu dermaßen durchideologisiert worden, dass er in einem X immer nur ein U sieht.

Thomas Reuter


Bob Dylan
Bob Dylan
von Heinrich Detering
  Taschenbuch

33 von 36 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Angekommen in der reclamischen Bildungsbürgerlichkeit. Gut so!, 27. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: Bob Dylan (Taschenbuch)
Wer immer mit einer Monographie beim Traditionsverlag Reclam bedacht wird, kann sich seiner kulturpolitischen Bedeutung gewiss sein. Er befindet sich nicht im gesellschaftlichen Randbereich der Subkulturen, gehört nicht zur Avantgarde und ist kein Außenseiter, sondern vielmehr Repräsentant jener Kultur, die ihn in dieser Weise auszeichnet.
Dies gilt auch und umso mehr für Bob Dylan, der sich doch zeitlebens gesellschaftlicher Zugriffe jedweder Provenienz verweigert und die Erwartungen seiner Anhängerschaft oft aufs brutalste enttäuscht hat, nicht ohne dabei einen eigenen Preis zahlen zu müssen. Mehr als einmal hat sich dieser fahrende Sänger, als der er sich heutzutage gibt, so an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus gebracht. Immer wieder hat er es aber auch geschafft, aus den Trümmern dieser Selbstdestruktion eine vollkommen neue Kunstfigur zu schaffen, wie der wahrhafte Vogel Phönix - und hierzu gehört wohl echtes Genie.
Die Abfolge dieser Selbstde - und - re - und - neukonstruktion hat jetzt Heinrich Detering in dem mit 175 Seiten kompakten Bändchen "Bob Dylan" beschrieben. Es gehört mit zu dem besten, was seit langem in deutscher Sprache über den Künstler erschienen ist. Sachlich, aber von seinem Gegenstand überzeugt, schreitet Detering chronologisch durch das Werk und erläutert anhand der Abfolge der Alben die Wandlung der künstlerischen Orientierung. Betont den Textkorpus ernst nehmend, gelingt es Detering untergründige Strömungen des Werks oder Dylans Aufführungspraxis zu beschreiben und hieraus spätere Entwicklungen zu erklären.
Auch interpretatorisch bewegt sich Detering auf der Höhe der Zeit und zieht hin- und wieder auch etwas gewagte Schlüsse, was aber angesichts des insgesamt bildungsbürgerlichen Anliegens nur erfrischend ist.
Insgesamt eine sehr kenntnisreiche und fundierte Darstellung, der man bei aller Sachlichkeit, die Liebe zum Gegenstand anmerkt.
Dem Band ist eine Diskographie, eine umfangreiche Bibliographie und eine Filmographie beigefügt. Mehr Dylan kann man für diesen Preis nicht verlangen.

Thomas Reuter


China
China
von Konrad Seitz
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der ideale Einstieg für den China-Interessierten, 24. Juli 2007
Rezension bezieht sich auf: China (Gebundene Ausgabe)
Konrad Seitz' 'China. Eine Weltmacht kehrt zurück' stellt den idealen Einstag für jeden dar, der sich für die Kultur und Geschichte Chinas interessiert. In fünf großen Kapiteln wird die Geschichte dieses Riesenreiches von den Anfängen in der Qiun- und Han-Dynastie bis zur Gegenwart veranschaulicht. Keineswegs handelt es sich dabei um eine müde Ansammlung von historischen Daten und Fakten, sondern um lebhaft erzählte Geschichte. Seitz erweist sich als überaus kenntnisreicher Experte, dem die richtige Mischung zwischen geschichtlicher Erzählung und sachlicher Darstellung gelingt.
Etwa die Hälfte des 500-seiten starken Kompendiums widmet sich dem modernen China nach Mao. Hier verschont der Autor den Leser nicht mit wirtschaftlichen Detail- und Spezialwissen, dem man sich als Leser in dieser Form jedoch gerne ausgesetzt fühlt.
Interessanter schien mir jedoch die erste Hälfte, in der Kultur und Geschichte des alten Chinas bis zu Mao sinnhaft erörtert werden: Die kosmisch begründete, zentrale Stellung des Reiches der Mitte, das wie die Griechen die Welt in Zivilisation und Barbarei schied. Hiervon ausgehend die fatale Abschottung nach außen, was zum Untergang und zur Imperialherrschaft der Europäer im 19. Jahrhundert führte. Die Geschichte hätte auch anders verlaufen können. Anfang des 15. Jahrhunderts verfügt China über die größte Flotte der Welt mit den größten Holzschiffen, die jemals gebaut wurden. Es werden Handelsbeziehungen bis nach Mogadischu in Afrika und Jiddah im Nahen Osten aufgebaut. China steht im Begriff, die Welt zu erobern, wie es einige Zeit später die imperialistischen Nationen Europas taten. Als der Yongle-Kaiser jedoch 1421 starb, werden alle Expeditionen eingestellt und China wird von den europäischen Nationen, maßgeblich den Engländern, ausgebeutet.
Als Mao mit seinen roten Brigaden das Land nach jahrzehntelangen Wirren und Bürgerkrieg unterwirft und vermeintlich eint, gibt seine absolute Schreckensherrschaft noch Zeugnis von der hierarchischen Organisation des alten Reiches, gegen das der chinesischen Kommunismus doch vorgibt zu Felde zu ziehen. Wer sich eingehender über die Verbrechen Mao Zedongs informieren will, lese Jung Changs Biographie 'Mao - Das Leben eines Mannes. Das Schicksal eines Volkes'.
Bei Seitz' China-Buch handelt es sich insgesamt um eine sehr ausgewogenen, sachkundige und interessante Darstellung. In jedem Falle lesenswert!

Thomas Reuter


Seite: 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 | 10 | 11