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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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All die schönen Pferde
All die schönen Pferde
von Cormac McCarthy
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Buch von archaischer Kraft und Schönheit, 8. April 2008
Rezension bezieht sich auf: All die schönen Pferde (Taschenbuch)
Es sind die ganz großen Themen, die Cormac McCarthy in seinen Romanen behandelt: Es sind Liebe, Leben, Tod, Recht, Gesetz, Ehre, Gewalt und Verbrechen. In seiner großartigen Border-Trilogie, die mit "All die schönen Pferde" beginnt, entfaltet McCarthy diese Themen wie auf einem Tableau: hierzu bedarf es zweier jugendlicher Ausreißer, einer grandiosen, archaisch anmutenden Landschaft und einer einzigartigen Sprache.
John Grady Cole und Lacey Rawlins verlassen ihre Heimat Texas zu Pferde und reiten über die Grenze nach Mexiko. Wir schreiben das Jahr 1949. Der Westen und insbesondere das nördliche Mexiko sind noch immer nicht gezähmt. Es ist eine coming-off age Geschichte. Cole und Rawlins sind 16 und 17 Jahre alt, als sie Reißaus nehmen. Als John Gradys Großvater stirbt wird die Familienranch verkauft. Nicht wissend, was seine Aufgabe im Leben ist, beschließt der junge John Grady das Land zu verlassen. Der Grenzübertritt nach Mexiko kommt wie jeder Grenzüberschreitung einer Initiation gleich. Nichts wird, nichts kann wieder sein, wie es einmal war. Ebenso wie die jungen Männer der indianischen Kulturen in die Wildnis ziehen, um zum Mann zu werden, reiten John Cole und Lacey Rawlins nach Mexiko. Mexiko ist eine harte und karge Welt, in der sie sich beweisen müssen. Und hierzu haben sie reichlich Gelegenheit. So treffen die beiden auf den schwierigen Außenseiter Blevins, eine Begegnung die später schicksalsentscheidend sein soll. Auf einer großen Hacienda reiten sie wilde Mustangs zu. "They break horses", wie es im englischen Originaltext heißt. Hier verliebt sich John Cole in die Tochter des Hacienda-Besitzers Alejandra. Es handelt sich natürlich um eine verbotene Verbindung, in die die Großmutter des Mädchens eingreift. Sie ist eine der außergewöhnlichsten Figuren. Sie repräsentiert das alte und immerwährende Mexiko. In einer Unterredung mit John Cole spricht sie ihm ins Gewissen: "There is no forgiveness. For women. A man may lose his honor and regain it again. But a woman cannot. She cannot." Cole und Rawlins werden von ihr verraten und die beiden landen in einem schrecklichen Gefängnis, in dem es nur ums Überleben geht. Einer der großartigsten Teile des Romans handelt davon, wie John Cole sich den Weg zurück in seine Heimat erkämpft. Mehr soll hier von der Handlung nicht verraten werden.
McCarthys Bücher sind Weltliteratur. McCartys Sprache ist äußerst rhythmisch und poetisch. Erst wenn man sich dem Tempo der Sprache anpasst, kann man den Roman in vollen Zügen genießen. Bei McCarthy muss man mit der Sprache atmen und es wimmelt nur so von unvergleichlichen Sätzen wie beispielsweise: "But there were two things they agreed upon wholly and that were never spoken and that was that God had put horses on earth to work cattle and that other than cattle there was no wealth proper to a man".
In der Border-Trilogie ist es vor allem das Thema der Grenze, das in verschiedener Hinsicht erarbeitet wird: die Grenze von den USA nach Mexiko, die Grenze zwischen Jugend und Erwachsen sein, zwischen Zivilisation und Wildnis, zwischen Liebe und Tod. McCarthy ist ein Autor der Grenzerfahrung. Seine Bücher arbeiten sich ab am Kernpunkt der amerikanischen Kultur: der "frontier". Kann es eine amerikanischere Literatur geben als Cormac McCarthys "Border-Trilogie". Zugleich handelt es sich bei McCarthys Büchern, speziell bei der Border-Trilogie um ein echtes Stück Männerliteratur. Es sind Bücher, in denen in einer weiten Landschaft die großen Entscheidungen getroffen werden. Wenn es ein Pendant zum Begriff der Frauenliteratur geben soll, dann finden wir ihn hier. Aber von so etwas will unser zivilisiertes nivillierendes Bewusstsein vermutlich nichts wissen.

Thomas Reuter


This House of Sky: Landscapes of a Western Mind
This House of Sky: Landscapes of a Western Mind
von Ivan Doig
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,76

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Kindheit in der Wildnis Montanas, 6. April 2008
Ein Buch aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt. Der kleine Junge Ivan Doig erzählt von seiner Kindheit in den 50er-Jahren in den abgeschiedensten Teilen des US-Staates Montana, dem sogenannten "Big Sky Country". Der Mensch wirkt vor der großartigen Naturkulisse Montanas winzig und der Himmel ist riesig. Noch heute ist der viertgrößte Staat der USA nur von etwa einer Million Einwohnern bevölkert, welche in den wenigen Städten Bozeman, Missoula und Helena leben. Der Rest des Landes ist also leer und wird beherrscht von einem unendlichen Himmel und so erklärt sich der Titel von Doigs Memoiren: "This House of Sky". Ivan Doig berichtet von seiner Kindheit in diesen Weiten des Westens, in denen er mit seinem Vater als Cowboy tätig ist. Die Mutter ist sehr früh verstorben und der Vater muss seinem kleinen Sohn zugleich Vater und Mutter sein. Er lebt mit dem kleinen Doig auf Ranches und hoch oben bei den Herden. Das Land ist noch kaum erschlossen. Die Dörfer und Städte bestehen noch aus Holzhütten. Doig charakterisiert das Leben in diesen Dörfern, die unterschiedlichen Bars, in die der Vater ihn bereits mitnimmt. Sehr eindringlich erzählt Doig vom Scheitern der nächsten Beziehung des Vaters, von ewigem Streit, von einer unheilvollen Verbindung, bis sie endlich aufgelöst wird und die Oma zu den beiden zieht. Auch dieses Verhältnis ist geprägt von großen Schwierigkeiten. Armut und Einfachheit nehmen einen großen Raum ein. Aber insgesamt ist der Stoff eine hommage an die Natur des Westens, an die Einfachheit des Lebens in den 50er Jahren. Es ist auch eine Liebeserklärung an den Vater und den Reichtum einer funktionierenden Vater-Sohn-Beziehung.
Zum Ende jedoch zeichnet sich ab, dass der Sohn aus der Wildnis eine hohe erzählerische und intellektuelle Kraft entwickelt und es ihn fort aus dem Westen in die Städte des Ostens zieht. Heute lebt Ivan Doig als Autor in Seattle. Doig ist einer der größten Erzähler des amerikanischen Westens, dessen Romane fast alle in Montana spielen. Im Vorwort beschreibt er sich, seinen Vater und seine Großmutter als Relikte einer anderen Zeit. Für den Leser bietet das Buch einen Blick in diese ferne, einsame Welt. Es lohnt sich!

Thomas Reuter


Kein Land für alte Männer
Kein Land für alte Männer
von Cormac McCarthy
  Gebundene Ausgabe

11 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Offenbarung des Bösen, 28. März 2008
Das Buch beginnt mit einer großartigen Szene: die grandiose Beschreibung einer wie ins Feuer getauchten Mondlandschaft. Llewelyn Moss, ein etwa 30-jähriger Vietnam-Veteran, ist im von der Sonne ausgebrannten Grenzgebiet zu Mexico auf Antilopenjagd. Es herrscht absolute Stille. Nur die Sonne brennt auf das rote, karge Land, und Moss streift mit seinem Fernglas den Horizont ab. In der Leere dieser Welt trifft Moss auf den Tatort eines Verbrechens, die geplatzte Übergabe eines Heroin-Deals. Unter vielen Leichen und einem noch lebenden Mexikaner, der um Wasser bettelt, findet Moss eine Tasche mit 2 Millionen Dollar. Er nimmt das Geld an sich und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nichts wird mehr sein, wie es einmal war.
Was folgt ist eine erbarmungslose Jagd nach dem Geld durch New Mexico, Mexico und Texas. Chigurh, dessen Name zu unrecht an "Sugar" erinnert, nimmt als engagierter Killer die Rolle des Verfolgers ein, der den Bossen der Drogenmafia das Geld wiederbeschaffen soll. Eine kältere, brutalere und zugleich so schillernde Figur wie dieser Chigurh lässt sich wohl kaum vorstellen. Er wirkt gar nicht wie ein Mensch, sondern wie ein biblischer Racheengel, der geradewegs aus der Offenbarung des Johannes entwichen ist. Er ist ein Beender. Er bringt die Dinge zu Ende. Alle.
Und Moss, der sich selber in diese Lage gebracht hat, weiß um dieses Schicksal und sagt in bestechender Logik: "If you knew there was somebody out here afoot that had two million dollars of your money, at what point would you quit lookin for em? That's right. There aint no such point."
McCarthys Roman wimmelt von solchen wie in Stein gemeißelten Sätzen und je tiefer man sich in diesen rasanten Thriller einliest, desto deutlicher offenbart sich das Buch als eine Abhandlung über den archaischen Kampf zwischen Gut und Böse. Nur das das Gute von vornherein verloren hat, ja dass es das Gute vielleicht gar nicht mehr gibt. Denn nebenher wird auch die Lebensgeschichte eines Polizisten geschildert, der die Verolgung Chigurhs aufgenommen hat, und mit seinem Bericht gerät zum Schluss die Geschichte des ganzen Landes in den Blickpunkt und der Cop Bell sieht die Vorboten einer neuen Zeit am Horizont, in der das Gute immer unterlegen ist, weil es gezwungen ist, Gefühle zu zeigen und deshalb schwach ist und zurückweicht und verliert. So sagt Bell gleich zu Beginn seines Berichts: "I thought I'd never seen a person like that and it got me wonderin if maybe he was some new kind. [...] Somewhere out there is a true and living prophet of destruction and I don't want to confront him."
Und so macht jeder, der Chigurh begegnet und hadert, irgendwann einen tödlichen Fehler, während der Racheengel selber niemals Fragen stellt. Die Frage von Leben und Tod macht er höchstens von einem Münzwurf abhängig und in dieser Unsinnigkeit von Kopf oder Zahl liegt die ganze schicksalhafte Absurdität des menschlichen Lebens begründet. "Somewhere you made a choice. All followed to this. The accounting is scrupulous. The shape is drawn. No line can be erased. I had no belief in your ability to move a coin to your bidding", sagt Chigurh bevor er die vollkommen unschuldige Freundin von Moss erschießt.
Es ist ein verstörendes, gewaltsames und gewaltiges Buch - und wie gemacht für einen Road-Movie.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 12, 2010 4:47 PM CET


I Am Charlotte Simmons
I Am Charlotte Simmons
von Tom Wolfe
  Taschenbuch

0 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wer - zum Teufel - bist du?, 9. März 2008
Rezension bezieht sich auf: I Am Charlotte Simmons (Taschenbuch)
Die erstaunlichste Leistung dieses Romans besteht darin, dass man ihn für lange Zeit aus der Hand legen kann, und ihn dann problemlos an derselben Stelle weiter liest, an der man aufgehört hat. Ich für meinen Teil hatte beispielsweise Tom Wolfes 800 Seiten Schinken aus einem mir nicht mehr gegenwärtigen Grund ausgerechnet an der Stelle beendet, als die Sportskanone und Dumpfbacke Hoyt die schöne und kluge, aber irgendwie auch dumme Charlotte Simmons auf äußerst verwerfliche Weise entjungfert, und die Lektüre zwei Jahre später an eben der Stelle wieder aufgenommen, als sei nichts geschehen. Alle Figuren, alle Konflikte waren mir noch präsent und ich hatte keinerlei Verständnisschwierigkeiten.
Spricht das jetzt für das Buch oder dagegen? Wie so häufig ist wohl beides der Fall. Zunächst einmal macht es einen großen Spaß, Wolfes Prosa zu lesen, weil sie so ungeheuer detailreich, voll und nah an den Figuren ist. Alle seine Figuren sind Prototypen und daher kennen wir sie alle: Die hier gewählte Szenerie einer Eliteuniversität bietet natürlich einen großen Fundus, angefangen vom schönen Provinzei Charlotte über den intellektuellen Außenseiter Adams bis hin zu dem völlig hohlen sex-maniac Hoyt. Wolfes Roman über die Zustände der Elite des Landes sollen unter den Vorzeichen des radikalen Sittenverfalls und der Konsumverwarlosung wohl als kritische Bestandaufnahme der gegenwärtigen Jugend verstanden werden. Als Prototypen haben Wolfes Charaktere alle aber auch etwas arg Holzschnitzartiges und deshalb können sie sich nicht entwickeln. Da die angelegten Konflikte aber nach einer Entwicklung verlangen, geht dies nur mit der Holzhammermethode. Wäre Charlotte Simmons Charlotte Simmons, hätte sie sich niemals von Hoyt auf einer Studentenparty entjungfern lassen. Wolfes Drehbuch hat es aber verlangt, also hat sie es gemacht. Hier steckt also ein großer dramaturgischer Mangel.
Andererseits sind manche psychologischen Charakterisierungen der Figuren meisterhaft. Wie lebhaft und glaubhaft Wolfe die anschließende Depression Charlottes schildert ist ausgezeichnet - wie der Autor überhaupt über weite Strecken beschreibend aus dem Vollen schöpft.
Es war mein erster Tom Wolfe und wenn mich an verregneten Tagen einmal wieder die Lust nach einem solchen Schinken überkommt, werde ich es bestimmt wieder tun. Man kann ja eine Pause einlegen, falls das Wetter wieder besser sein sollte.

Thomas Reuter


No Country for Old Men (Vintage International)
No Country for Old Men (Vintage International)
von Cormac McCarthy
  Taschenbuch

5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Offenbarung des Bösen, 6. März 2008
Das Buch beginnt mit einer großartigen Szene: die grandiose Beschreibung einer wie ins Feuer getauchten Mondlandschaft. Llewelyn Moss, ein etwa 30-jähriger Vietnam-Veteran, ist im Grenzgebiet zu Mexico auf Antilopenjagd. Es herrscht absolute Stille. Nur die Sonne brennt auf das rote, karge Land, und Moss streift mit seinem Fernglas den Horizont ab. In der Leere dieser Welt trifft Moss auf den Tatort eines Verbrechens, die geplatzte Übergabe eines Heroin-Deals. Unter vielen Leichen und einem noch lebenden Mexikaner, der um Wasser bettelt, findet Moss eine Tasche mit 2 Millionen Dollar. Er nimmt das Geld an sich und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Nichts wird mehr sein, wie es einmal war.
Was folgt ist eine erbarmungslose Jagd nach dem Geld durch New Mexico, Mexico und Texas. Chigurh, dessen Name ausgerechnet an "Sugar" erinnert, nimmt als engagierter Killer die Rolle des Verfolgers ein, der den Bossen der Drogenmafia das Geld wiederbeschaffen soll. Eine kältere, brutalere und zugleich so schillernde Figur wie dieser Chigurh lässt sich wohl kaum vorstellen. Er wirkt gar nicht wie ein Mensch, sondern wie ein biblischer Racheengel, der geradewegs aus der Offenbarung des Johannes entwichen ist. Er ist ein Beender. Er bringt die Dinge zu Ende. Alle.
Und Moss, der sich selber in diese Lage gebracht hat, weiß um dieses Schicksal und sagt in bestechender Logik: "If you knew there was somebody out here afoot that had two million dollars of your money, at what point would you quit lookin for em? That's right. There aint no such point."
McCarthys Roman wimmelt von solchen wie in Stein gemeißelten Sätzen und je tiefer man sich in diesen rasanten Thriller einliest, desto deutlicher offenbart sich das Buch als eine Abhandlung über den archaischen Kampf zwischen Gut und Böse. Nur das das Gute von vornherein verloren hat, ja dass es das Gute vielleicht gar nicht mehr gibt. Denn nebenher wird auch die Lebensgeschichte des Polizisten Bell geschildert, der die Verfolgung Chigurhs aufgenommen hat, und mit seinem Bericht gerät zum Schluss die Geschichte des ganzen Landes in den Blickpunkt und der Cop Bell sieht die Vorboten einer neuen Zeit am Horizont, in der das Gute immer unterlegen ist, weil es gezwungen ist, Gefühle zu zeigen und deshalb schwach ist und zurückweicht und verliert. So sagt Bell gleich zu Beginn seines Berichts: "I thought I'd never seen a person like that and it got me wonderin if maybe he was some new kind. [...] Somewhere out there is a true and living prophet of destruction and I don't want to confront him."
Und so macht jeder, der Chigurh begegnet und hadert, irgendwann einen tödlichen Fehler, während der Racheengel selber niemals Fragen stellt. Vielmehr macht er die Frage von Leben und Tod von einem Münzwurf abhängig und in dieser Unsinnigkeit von Kopf oder Zahl liegt die ganze schicksalhafte Absurdität des menschlichen Lebens begründet. "Somewhere you made a choice. All followed to this. The accounting is scrupulous. The shape is drawn. No line can be erased. I had no belief in your ability to move a coin to your bidding", sagt Chigurh bevor er die vollkommen unschuldige Freundin von Moss erschießt.
Es ist ein verstörendes, gewaltsames und gewaltiges Buch - und wie gemacht für einen Road-Movie.

Thomas Reuter


Bad Dirt
Bad Dirt
von Annie Proulx
  Taschenbuch

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umwerfend! Das ist große Literatur!, 6. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Bad Dirt (Taschenbuch)
Auch für diejenigen, die es eher zu den großen Romanen zieht, sind die Geschichten der Annie Proulx aus Wyoming ein wahrer Glücksgriff. Mit einem einzigen Satz zieht Proulx den Leser in den Bann der abseitigen, provinziellen und eigenartigen Welt Wyomings, die belebt ist mit kauzigen und skurrilen Figuren. Jede einzelne ist ein Charakter für sich. Die Beschreibung ihrer Physiognomie und Eigenheiten auf kürzestem Raum ist so wahrhaftig, dass man meint Buddy Miller, Deb Sipp, Mitchell Fair oder Amanda Gribb könnten geradewegs zur Tür hereinspazieren.
11 Geschichten hat Annie Prouxl in "Bad Dirt" versammelt und sie atmen alle den gleichen Geist von Gewinn und Verlust, Leben und Sterben einer Bevölkerung, die auch nach mehreren Generationen noch nicht wirklich sesshaft und heimisch geworden ist in der neuen Welt. Immer bleibt da dieses Gefühl einer eigentümlichen Fremdheit angesichts der Unermesslichkeit der riesigen Natur, in die die kleinen Käffer eingebettet sind. Immer bleibt auch die Kraft der Vergangenheit, die jeden einzelnen dieser Gestalten früher oder später einholt, seien es nun Rancher, Barfrauen oder einfach nur Herumtreiber. Immer tauchen die Vorfahren auf, diejenigen, die erst in dieses Land gekommen sind, diejenigen die es von irgendwo wegzog, und im Leben der einzelnen Figuren kann sich plötzlich der Boden auftun.
So in der Geschichte "The Indian Wars Refought" (Titel aus der englischen Originalausgabe). Es handelt sich vordergründig zunächst um eine Familiengeschichte der Brawls, eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufstrebende Familie im noch jungen Westen. Dann aber brechen Unglücke herein. Die Brüder kommen im 2. Weltkrieg um und der noch verbliebenen Brawls stirbt beim Reitunfall. Es heißt lapidar: "The Brawls, as the dinosaurs, were gone from Wyoming". Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch erst jetzt, denn nun schwenkt Proulx die Aufmerksamkeit auf die verbliebene Witwe Georgina, die erneut heiratet, und zwar einen Half-Sioux. Als dessen Tochter aus erster Ehe auftaucht bricht die indianische Vergangenheit über die Figuren herein. Schließlich lassen Vater und Tochter Georgina zurück, um erneut Bande zu ihren vergessenen indianischen Vorfahren zu knüpfen.
Die Geschichte "Dump Junk" spannt gar einen Bogen über vier Generationen einer Familie, die alle noch leben. Als Vivien und Max Stifle jedoch im Alter von 101 und 102 sterben, müssen deren sich bereits in ihren 70ern befindlichen Kinder Brocat und Christina zusammen den Urenkeln Patsy and Wendy die Farm der Verstorbenen ausmisten. Diese haben in ihrem Leben alles gesammelt. Wir machen eine Reise durch die Geschichte des Westens angefangen in den prägenden Jahren der Depression. Ein Leben in tiefster Armut. Das völlig andere Leben von Christina wird en passent geschildert. Am Ende dieser Geschichte steht jedoch der schockierende Unfalltod der beiden erst 20-jährigen Urenkel in dem Jeep des Urgroßvaters.
Tief berührend auch "Man crawling out of trees" über das Ende einer Ehe im hohen Lebensalter. Mitchell and Eugenie Fair, ein wohlhabendes und nunmehr pensioniertes Ehepaar aus dem Osten erwirbt eine Ranch in Wyoming und entdeckt in der nun fremden Welt, dass sie gar nicht zusammen passen und nie zusammen gepasst haben. Mitchell erfährt, dass die einzige Tochter gar nicht sein Kind ist. Die Einsamkeit dieser Welt dort draußen kehrt das innerste Wesen der Menschen nach außen, so scheint es jedenfalls.
Andere Geschichten jedoch sind sehr viel leichter, mit einer feinen Ironie und Liebe zu Menschen und Land geschrieben und vielfach sind die kauzigen Charaktere einfach nur witzig. Die Orte der Geschichten sind bis auf den wiederkehrenden Hauptort "Elk Tooth" mit seinen 3 Kneipen übrigens alle nachweisbar. Die Hauptfiguren vieler Geschichten tauchen in anderen Geschichten wieder als Nebenfiguren auf, so dass der Leser den Eindruck gewinnt, die tatsächliche Welt Wyomings entfalte sich vor ihm, in der er manchen Menschen kennt und andere nicht.
Sprache und Stil von Annie Proulx sind einfach großartig. Jedes Wort sitzt und binnen weniger Sätze ist man in die Geschichte eingetaucht. Einmaliges Lesen ist schon ein Genuss. Aber die Geschichten sind so exzellent konstruiert, dass sie unbedingt zum Wiederlesen. Erst dann entfaltet sich ihre ganze Symbolkraft.
Das ist ganz große Literatur. Niemand kann sich dem entziehen.

Thomas Reuter


Hinterland: Neue Geschichten aus Wyoming
Hinterland: Neue Geschichten aus Wyoming
von Annie Proulx
  Gebundene Ausgabe

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Umwerfend! Das ist große Literatur!, 28. Februar 2008
Auch für diejenigen, die es eher zu den großen Romanen zieht, sind die Geschichten der Annie Proulx aus Wyoming ein wahrer Glücksgriff. Mit einem einzigen Satz zieht Proulx den Leser in den Bann der abseitigen, provinziellen und eigenartigen Welt Wyomings, die belebt ist mit kauzigen und skurrilen Figuren. Jede einzelne ist ein Charakter für sich. Die Beschreibung ihrer Physiognomie und Eigenheiten auf kürzestem Raum ist so wahrhaftig, dass man meint Buddy Miller, Deb Sipp, Mitchell Fair oder Amanda Gribb könnten geradewegs zur Tür hereinspazieren.
11 Geschichten hat Annie Prouxl in "Hinterland" versammelt und sie atmen alle den gleichen Geist von Gewinn und Verlust, Leben und Sterben einer Bevölkerung, die auch nach mehreren Generationen noch nicht wirklich sesshaft und heimisch geworden ist in der neuen Welt. Immer bleibt da dieses Gefühl einer eigentümlichen Fremdheit angesichts der Unermesslichkeit der riesigen Natur, in die die kleinen Käffer eingebettet sind. Immer bleibt auch die Kraft der Vergangenheit, die jeden einzelnen dieser Gestalten früher oder später einholt, seien es nun Rancher, Barfrauen oder einfach nur Herumtreiber. Immer tauchen die Vorfahren auf, diejenigen, die erst in dieses Land gekommen sind, diejenigen die es von irgendwo wegzog, und im Leben der einzelnen Figuren kann sich plötzlich der Boden auftun.
So in der Geschichte "The Indian Wars Refought" (Titel aus der englischen Originalausgabe). Es handelt sich vordergründig zunächst um eine Familiengeschichte der Brawls, eine in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufstrebende Familie im noch jungen Westen. Dann aber brechen Unglücke herein. Die Brüder kommen im 2. Weltkrieg um und der noch verbliebene Brawls stirbt beim Reitunfall. Es heißt lapidar: "The Brawls, as the dinosaurs, were gone from Wyoming". Die eigentliche Geschichte beginnt jedoch erst jetzt, denn nun schwenkt Proulx die Aufmerksamkeit auf die verbliebene Witwe Georgina, die erneut heiratet, und zwar einen Half-Sioux. Als dessen Tochter aus erster Ehe auftaucht bricht die indianische Vergangenheit über die Figuren herein. Schließlich lassen Vater und Tochter Georgina zurück, um erneut Bande zu ihren vergessenen indianischen Vorfahren zu knüpfen.
Die Geschichte "Dump Junk" spannt gar einen Bogen über vier Generationen einer Familie, die alle noch leben. Als Vivien und Max Stifle jedoch im Alter von 101 und 102 sterben, müssen deren sich bereits in ihren 70ern befindlichen Kinder Brocat und Christina zusammen mi den Urenkeln Patsy and Wendy die Farm der verstorbenen ausmisten. Diese haben in ihrem Leben alles gesammelt. Wir machen eine Reise durch die Geschichte des Westens angefangen in den prägenden Jahren der Depression. Ein Leben in tiefster Armut. Das völlig andere Leben von Christina wird en passent geschildert. Am Ende dieser Geschichte steht jedoch der schockierende Unfalltod der beiden erst 20-jährigen Urenkel in dem Jeep des Urgroßvaters.
Berührend auch "Man crawling out of trees" über das Ende einer Ehe im hohen Lebensalter. Mitchell and Eugenie Fair, ein wohlhabendes und nunmehr pensioniertes Ehepaar aus dem Osten erwirbt eine Ranch in Montana und entdeckt in der nun fremden Welt, dass sie gar nicht zusammen passen und nie zusammen gepasst haben. Mitchell erfährt, dass die einzige Tochter gar nicht sein Kind ist. Die Einsamkeit dieser Welt dort draußen kehrt das innerste Wesen der Menschen nach außen, so scheint es jedenfalls.
Andere Geschichten jedoch sind sehr viel leichter, mit einer feinen Ironie und Liebe zu Menschen und Land geschrieben und vielfach sind die kauzigen Charaktere einfach nur witzig. Die Orte der Geschichten sind bis auf den wiederkehrenden Hauptort "Elk Tooth" mit seinen 3 Kneipen übrigens alle nachweisbar. Die Hauptfiguren vieler Geschichten tauchen in anderen Geschichten wieder als Nebenfiguren auf, so dass der Leser den Eindruck gewinnt, die tatsächliche Welt Wyomings entfalte sich vor ihm, in der er manchen Menschen kennt und andere nicht.
Sprache und Stil von Annie Proulx sind einfach großartig. Jedes Wort sitzt und binnen weniger Sätze ist man in die Geschichte eingetaucht. Einmaliges Lesen ist schon ein Genuss. Aber die Geschichten sind so exzellent konstruiert, dass sie unbedingt zum Wiederlesen einladen. Erst dann entfaltet sich ihre ganze Symbolkraft.
Das ist ganz große Literatur! Niemand kann sich dem entziehen.

Thomas Reuter


Teil der Lösung: Roman
Teil der Lösung: Roman
von Ulrich Peltzer
  Gebundene Ausgabe

32 von 43 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Weder Teil der Lösung, noch des Problems, sondern bloß Politschund!, 24. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Teil der Lösung: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ich gestehe, ich habe das Buch ab S. 200 nicht mehr weiter gelesen. Es war nichts mehr zu erwarten. Kein Konflikt zeichnet sich ab, keine einzige überzeugende Figur, keine Handlung. Aber ein Anspruch ... Menschenskinder, da hat sich aber jemand verhoben. Also das Problem mit dem Peltzer ist nicht, dass er nicht schreiben kann. Das hat eigentlich alles so einen richtig schönen Fluss, da könnte man sich fast fest lesen. Nur leider hat er überhaupt nichts zu sagen.
Der Roman spielt im Großstadtmilieu. Die Figuren sind entweder an der Universität angesiedelt oder in einer festgefahrenen Jugendlichkeit oder in einem undefinierbaren Rebellentum, das sich gegen eine undefinierbare Staatskontrolle zur Wehr setzt, indem es Fahrkartenautomaten zerstört und ähnlichen Unsinn treibt. So jetten die Protagonisten durch das zumeist nächtliche Berlin, hängen auf Parties ab, wo sie sich bei stetig steigendem Alkoholpegel unterhalten wie im germanistischen Oberseminar. Der vorherrschende Jargon in diesem Roman ist einfach unerträglich, Da wird Lacanisiert und Foucauisiert bis die Schwarte kracht. Edgar Allen Poe, William Gaddis, immer wieder Kleist, Jean Paul, Valery.... Das ganze Verzeichnis der Stichwortgeber rauf und runter. Vermutlich erscheint Peltzers Roman bald schon in den Vorlesungsverzeichnissen der germanistischen Institute und wird dort erneut wiedergekäut: Ein selbstreferentielles System ohne Entkommen.
So plustern die Protagonisten sich auf mit ihren rettenden Theorien und reden blanken Unsinn. Letzlich ist es ein politischer Schundroman. Vielleicht hat Peltzer damit ja ein neues Genre eröffnet. Aber auch dafür lohnt es sich nicht, ihn zu lesen. Man lese doch besser ein gutes Buch.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 28, 2008 11:54 AM MEST


Unabhängigkeitstag. Brigitte-Edition Band 6
Unabhängigkeitstag. Brigitte-Edition Band 6
von Richard Ford
  Gebundene Ausgabe

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "So say good-bye, it's Independence Day", 23. Februar 2008
Manchmal liest man Bücher mit dem Gefühl, ihnen nicht gerecht zu werden. Man fühlt sich gelangweilt, die Sätze erreichen einen nicht, man verliert dauernd den Faden. Und das, obwohl ein verlässlicher Freund einem in den Ohren liegt, wie großartig das nicht alles ist. "Independence Day" von Richard Ford ist so ein Buch für mich. Erzählt werden drei oder so Tage aus dem Leben des Frank Bascombe, ehemaliger Sportreporter, nun Immobilienmakler. Es ist der ganz normale, schreckliche Alltag, der geschildert wird, mit allen seinen Verkehrsstaus, kleinen Missgeschicken und mittelgroßen Katastrophen. All der Ärger und die Frustrationen, die einen an manchen Tagen begleiten, erhalten hier ihr Wort. Und alles wird durchlebt und reflektiert von Frank. Es ist ein Reflexionsroman. Sehr viel Zeitgeschichtliches. Auch das legt sich wie ein undurchdringlicher Schleier über das Lesevergnügen. Oder interessiert sich heute etwa noch jemand für eine Präsidentschaftsvorwahl aus den 80er Jahren.
Freilich gibt es bei soviel Reflexion viele tiefe Gedanken und außerordentliche Beschreibungen. Da hat Richard Ford schon mächtig was zu bieten. Aber diese Brillianten werden mitgeschleppt in einer großen Moräne aus Geröll und Alltagsschutt. Da kann man es dem artigen Leser nicht verdenken, wenn ihm der eigene tägliche Verkehrsstau reicht.
Aber wie gesagt - manchmal beschleicht einen das Gefühl, einem Buch nicht gerecht geworden zu sein. Man weiß nicht woher es kommt, aber es ist da. Dann gibt es nur eins: Beherzt zu einem neuen Buch greifen. Man wird's überleben.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Aug 2, 2012 9:46 PM MEST


Mord im Auftrag Gottes: Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus
Mord im Auftrag Gottes: Eine Reportage über religiösen Fundamentalismus
von Jon Krakauer
  Taschenbuch

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fremdes Land Amerika, 18. Februar 2008
Dem europäischen Bewusstsein erscheint die nicht mehr ganz so neue Welt zumeist als vertrauter größerer Bruder. Eigentlich ist er fast so wie man selber, halt nur ein bisschen größer, toller, spannender. Und natürlich übernimmt man all die kleinen Eigenarten und Allüren des großen Bruders. Er ist halt ein Vorbild. Und all das, was man nicht versteht - nun ja, es ist halt der große Bruder.
Wer einmal ein Stück von der völligen Andersartigkeit des amerikanischen Bruders verstehen will, der lese dieses Buch. Jon Krakauer erzählt - ausgehend von dem äußerst brutalen Mord an Brenda Wright Lafferty und ihrem Baby - die Geschichte des Mormonentums, einer Religion, die Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der sogenannten 2. großen Erweckung entstand und die heute die "schnellstwachsende Religion in der westlichen Hemisphäre" darstellt. "Auf dem gesamten Planteten übersteigt die Zahl der Mormonen mittlerweile die der Juden", schreibt Jon Krakauer am Beginn seiner Reportage. Es handelt sich um eine Sekte nahezu weltreligiösn Ausmaßes, die den meisten von uns völlig unbekannt ist, aus deren Kreisen sich nichtsdestotrotz bereits Präsidentschaftskandidaten rekrutieren. Was hat es also auf sich mit den Mormonen?
Der weitaus größte Teil der Mormonen lebt heute in einer unwegsamen wüstenartigen Welt im Staate Utah und im Arizona Strip nördlich des Grand Canyon. Innerhalb der äußerst strengen Religion, in der jegliche Freude und Ablenkung wie Zeitung, Fernsehen, Alkohol usw. untersagt sind, existieren jedoch noch weit strengere fundamentalistische Gruppierungen wie die "Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage". Diese fundamentalistische Abspaltung predigt und praktiziert die Polygamie und sie ist deshalb nach schweren Auseinandersetzungen mit dem Staat Utah im Jahre 1887, dem sogenannten Utah-Krieg, verboten. Dennoch existieren die Polygamisten fort und ihre Zahl nimmt laufend zu.
Die Familienbeispiele, die Krakauer hier aufzählt, ziehen dem ordentlichen Bürger schlichtweg die Schuhe aus. In den Gemeinden der Polygamisten haben Frauen faktisch keinen Rechtsstatus. Sie werden vom zeugungsfähigen Alter, ab 14 Jahren, gegen ihren Willen verheiratet und leben dann in Familien mit bis zu weiteren 10 Frauen. Die Kinderschar nimmt astronomische Ausmaße an. Die Schicksale der Mädchen, die in Krakauers Buch geschildert werden, sind erschütternd. Wenn sie aufsässig sind, werden sie innerhalb der Familie oder an den kirchlich höhergestellten weitergereicht. Inzest ist die Tagesordnung. Von Frauen der Kingston-Sekte der Mormonen wird berichtet, sie hätten angeblich "nur Protoplasmaklumpen" zur Welt gebracht und seien acht oder neunmal schwanger gewesen, ohne nur eine einziges lebendes Kind zu gebären. Vielfach nimmt der Mann neben der Mutter auch noch die Stieftöchter aus früheren Verbindungen dieser Frau zum Weib.
Abenteuerlich ist auch die Entstehung der Mormonen. Der junge, aus einfachen Verhältnissen stammende Joseph Smith aus Vermont, 1805 geboren, ruft im Jahre 1830 die neue Religion ins Leben, nachdem ihm ein Engel zu den goldenen Tafeln auf der Erhebung Cumorah geführt hat, deren Entzifferung schließlich das Buch Mormon ergibt. In dem Buch Mormon wird der Kampf zwischen den Ureinwohnern Amerikas, den weißen Nephiten und den roten Lamaniten geschildert, die beide von Jesus auf seiner Reise nach Amerika missioniert werden. Dennoch bringen die Lamaniten 400 Jahre später alle Nephiten um. Tja, deshalb traf Kolumbus 1498 auch nur auf Indianer. Allerdings hat ein Nephite überlebt: Moroni, der Sohn des heldenhaften Mormon - und dies ist auch der Engel, der Smith den Weg zu den Tafeln weist. Nun, ja.
Mit der sich rasch vergrößernden Mormonensekte gibt es jedoch in der Mitte des 19. Jahrhunderts immer wieder fast kriegerische Auseinandersetzungen, so dass sie 1846/47 schließlich ihren Exodus nach Utah quer durch das noch unerschlossene Land des amerikanischen Westens antreten.
Krakauer erzählt die Geschichte der Mormonen lebendig und leicht. Allerdings ist er so detailgenau, dass das Buch auch manche Längen hat. In erster Linie handelt es sich um eine Reportage über den schrecklichen Mord an Brenda Lafferty in den 80er Jahren; diese weitet sich aber schnell zu einem gesamten Panorama des Mormonentums aus. Eine sehr lohnende Lektüre, die uns europäischen Nivellieren auch einmal die uns unverständliche Andersartigkeit dieses großen Landes aufzeigt. Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 26, 2009 2:48 PM MEST


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