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Beiträge von Thomas Reuter
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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Philipp II. (von Spanien)
Philipp II. (von Spanien)
von Manfred Vasold
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,50

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unterschätzt, 3. Januar 2009
Rezension bezieht sich auf: Philipp II. (von Spanien) (Taschenbuch)
Dem historischen Laien begegnet Philipp II, Sohn Karl V, heute vornehmlich in zwei Gestalten:
Erstens als Unterlegener im Kampf gegen die aufstrebende Macht England mit Queen Elisabeth I als Königin. Durch den Verlust der großen spanischen Armada konnte England die führende seefahrende Nation werden und läutete so den baldigen Niedergang des spanischen Weltreiches ein.
Zweitens als despotischer Vater von Don Carlos, dem Schiller in seinem gleichnamigen Stück ein zwar bleibendes, aber historisch verzerrtes Denkmal gesetzt hat.
In Manfred Vasolds Monographie über Philipp II lernt man ein sehr differenziertes Bild dieses Königs, in dessen Reich die Sonne nicht untergeht, kennen. Philipp II erweist sich als großer Herrscher zwischen dem gesellschaftlichen Fundament aus der Zeit des Mittelalters und den Anforderungen der Neuzeit: Er erbaut den Escorial als ständige Residenz der königlichen Macht vor den Toren Madrids. Er macht das Dorf Madrid in der Mitte der iberischen Halbinsel zum politischen Zentrum seines Reiches und er wurde zu einem ersten peniblen und verantwortungsbewussten Staatsbeamten, der die größte Zeit des Tages Akte wälzte, Gesuche beantwortete und versuchte, Rechenschaft über sein Handeln zu geben. Der Satz "Ein König ist nichts weiter als ein Sklave, der eine Krone trägt" stammt von Philipp.
Freilich lebte Philipp in einer zerrissenen Zeit: Er bekämpfte mit brutalen Mitteln den Aufstand in Flandern und damit auch den Protestantismus. Er unterstützte die Inquisition im eigenen Land und war zugleich damit beschäftigt, die Ländereien der Neuen Welt zu ordnen. So erscheint Philipp in dieser Monographie als Herrscher am Scheideweg: vor der Zeit der Aufklärung ist er bemüht den Bestand der alten Welt zu erhalten und ist doch gezwungen, dem kommenden Zeitalter den Weg zu bahnen.
Eine sehr lesenswerte Monographie.

Thomas Reuter


Ein gerader Rauch
Ein gerader Rauch
von Denis Johnson
  Gebundene Ausgabe

15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein großartiges Werk - und undurchschaubar wie der Dschungel, 22. Dezember 2008
Rezension bezieht sich auf: Ein gerader Rauch (Gebundene Ausgabe)
Täusche ich mich, oder gibt es tatsächlich zum Vietnam-Krieg zwar viele Filme, aber keinen großen literarischen Versuch. Man kläre mich auf, wenn jemand etwas weiß.
Denis Johnson jedenfalls hat jetzt einen ganz großen und gewichtigen Roman zum Thema vorgelegt.
Es ist ganz sicher ein großartiger, ein gewaltiger Roman - ich fürchte nur, ich habe ihn nicht ganz verstanden. Das spricht nicht immer und nicht unbedingt gegen den Roman, es ist nur mitunter etwas frustrierend für den Leser, wenn er am Ende eines nahezu 1000-seitigen Werks das Gefühl hat, er müsste große Passagen oder gleich den ganzen Roman noch einmal lesen, will er wirklich etwas verstehen. Aber andererseits - ist das Leben nicht vorbei in dem Augenblick, da man alles verstanden hat? Hier also nun meine bescheidene Zusammenfassung, dessen, was ich kapiert habe: Die Handlung dieses multiperspektivischen Romans beginnt im Jahr 1963, und zwar mit der Ermordung Kennedys, und endet im Jahr 1983. Es werden also satte zwanzig Jahre überbrückt. Allerdings springt die Chronologie vom Jahr 1970 ins Jahr 1983, während alle anderen Jahre chronologisch erzählt werden. Die Jahreszahlen beschreiben zugleich die Kapitelüberschriften. Soweit der zeitliche Rahmen. Was die Handlung selber angeht, da wird's dann unendlich komplizierter. Über die Jahre werden mehr oder weniger simultan die Leben der verschiedensten Figuren erzählt, die sich alle im pazifischen Raum aufhalten. Da wären in erster Linie zu nennen Skip Sands aus Clements, Kansas, dessen Vater beim Angriff auf Pearl Harbour fiel. Skip führt aber weitere verschiedene Namen, da er, wie der Leser erst spät begreift, Agent, mitunter auch Doppelagent ist. (Mir wurde es nicht ganz klar.) Skip hat einen Onkel, Colonel Francis Sands, der von allen nur der Colonel genannt wird und dieser ist das dunkle Gravitationszentrum der gesamten Handlung. Er ist mit Spionage- und Agententätigkeiten im fernasiatischen Raum beschäftigt, hält alle Fäden in der Hand, aber niemand weiß, was er wirklich treibt und ist zugleich ein mythische oder auch mystische Figur des Krieges, vergleichbar nur dem Kommandanten in Heart of Darknes oder Apokalypse Now. Dann gibt's die Brüder Houston, Seaman William, Bill und James. Deren Leben und ihre Verstrickung in die Wirren des Vietnamkrieges werden genauso sukzessive geschildert, wie das von etlichen weiteren Personen, einer kanadischen Ordensschwester, die ein Verhältnis mit Skip eingeht, die Leben verschiedener vietnamesischer Figuren, die mit den Amerikanern kooperieren, einem Priester und und und.
Es gibt faszinierende und bewegende Stellen in diesem Roman. Es gibt grandiose Beschreibungen. Und alles ist auf einem so anspruchsvollen literaturtheoretischen Niveau angesiedelt, dass man sicher einiges zu diesem Roman herausfinden kann. Aber mit einem mal lesen ist es da nicht getan.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 12, 2012 11:24 PM CET


Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie
Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie
von Barack Obama
  Gebundene Ausgabe

11 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen American Dream come true, 22. Dezember 2008
In der enthusiastischen Stimmung nach Obamas Wahl habe ich mir dieses Buch des künftigen Präsidenten der USA besorgt. Es handelt sich um seine Autobiographie - aber das Erstaunliche ist, dass sie bereits 1995 erschienen ist, von einem Niemand also, der gerade einmal am Anfang seiner 30er sein Jurastudium beendet hatte und sich eine einjährige Auszeit nahm, um dieses Buch über sein Leben und seine Familie zu verfassen. Gleichwohl ist es von einem Menschen verfasst, der sich zu Höherem berufen fühlt und der weiß, dass er es erreichen wird.
Natürlich hat auch ein Obama vor 14 Jahren nicht geahnt, dass in ihm ein künftiger Präsident der Vereinigten Staaten schlummert. Und so handelt es sich - gemessen an der späteren staatstragenden Bedeutung des Autors - um ein außergewöhnlich offenes und privates Buch. Ein außergewöhnlicher Fall, denn normalerweise erscheinen solche Lebenserinnerungen erst im nachhinein und sind versehen mit allen Finessen der Distanzierung, die das Amt nun einmal mit sich bringt.
Hier lesen wir die erfrischende Geschichte eines Unbekannten, welchem allerdings aufgrund seiner ungewöhnlichen familiären Geworfenheit eine außergewöhnliche Lebensgeschichte blüht. Barack ist der einzige Sohn einer amerikanischen jungen Frau und eines aus Kenia stammenden schwarzen Studenten. Die Ehe geht bald in die Brüche und die Mutter, die offenbar zu exotischen Lebensformen neigt, nimmt mit ihrem kleinen Jungen Reißaus nach Indonesien, wo sie mit einem zweiten Mann lebt. Dort verbringt der kleine Obama die ersten Jahre seiner Erinnerung und entwickelt schon früh ein Gefühl dafür, an einem fremden Ort zu leben, wo sie eigentlich nicht hingehören. Erste Reflexionen über Heimat und Fremdheit drängen sich bereits dem jungen Obama auf. Der Lebensentwurf in Indonesien scheitert. Mutter und Sohn kehren zurück in die USA - nach Hawai. Fortan lebt die Familie zusammen mit den Eltern der Mutter. Der junge Barack Obama wächst bei den Großeltern auf. Der mehrwöchige Besuch des Vaters aus Kenia ist eine besonders lesenswerte Episode.
Am meisten beeindrucken allerdings die Reflexionen und Einsichten über das Schwarz-Sein in der Welt der Weißen. Die Komplexität dieses Problems wird einem nicht-amerikanischen durch die Bewusstseinsschärfe Obamas erst wirklich klar. Besonders stark in diesem Zusammenhang ist dann auch die Passage, in der die versteckten Vorurteile der eigenen Großmutter deutlich werden - nicht gegenüber ihrem Enkel, aber im allgemeinen. Hier wird einem einmal deutlich, welch tiefe Bewusstseinsdimensionen Xenophobien berühren - jenseits aller Multi-Kulti Ideologie. Umso erstaunlicher ist es, dass es Obama gelungen ist, die Hautfarbe nicht zum Wahlkampfthema zu machen.
Ein weiterer großer Teil des Buches betrifft seine politischen Lehrjahre als "Organizer" in den verkommenen sozialen Wohnbausiedlungen Chicagos. Hier verdient sich Barack in seinen 20er Jahren seine Sporen. In den Ghettos Chicagos versucht er - getragen vom Enthusiasmus über den ersten schwarzen Bürgermeister Chicagos in den 80er - Gutes zu tun. Nach zwei Jahren sozialer Arbeit bekommt er ein Stipendium und geht nach Harvard. Auch hier wieder die Auseinandersetzung, die alle erfolgreichen Schwarzen trifft: Bist du einer von uns oder von denen. Aber Obama findet Alternativen zu diesen Optionen, einen mittleren Weg, der ihn bis an die einsame Spitze der Vereinigten Staaten geführt hat.
Ein letzter Teil spielt in Kenia, wo Obama vor seinem Studium seine väterliche Familie aufsucht - der Vater ist bereits verstorben - und sich mit seinen Ursprüngen auseinandersetzt. Dieser Teil weist kulturell eine ganz andere Färbung auf und liest sich ausnehmend interessant.
Insgesamt handelt es sich um eine ausgesprochen interessante Lektüre, die sich auch literarisch überhaupt nicht zu verstecken braucht.


Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance
Dreams from My Father: A Story of Race and Inheritance
von Barack Obama
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,49

38 von 40 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen American Dream come true, 22. Dezember 2008
In der enthusiastischen Stimmung nach Obamas Wahl habe ich mir dieses Buch des künftigen Präsidenten der USA besorgt. Es handelt sich um seine Autobiographie - aber das Erstaunliche ist, dass sie bereits 1995 erschienen ist, von einem Niemand also, der gerade einmal am Anfang seiner 30er sein Jurastudium beendet hatte und sich eine einjährige Auszeit nahm, um dieses Buch über sein Leben und seine Familie zu verfassen. Gleichwohl ist es von einem Menschen verfasst, der sich zu Höherem berufen fühlt und der weiß, dass er es erreichen wird.
Natürlich hat auch ein Obama vor 14 Jahren nicht geahnt, dass in ihm ein künftiger Präsident der Vereinigten Staaten schlummert. Und so handelt es sich - gemessen an der späteren staatstragenden Bedeutung des Autors - um ein außergewöhnlich offenes und privates Buch. Ein außergewöhnlicher Fall, denn normalerweise erscheinen solche Lebenserinnerungen erst im nachhinein und sind versehen mit allen Finessen der Distanzierung, die das Amt nun einmal mit sich bringt.
Hier lesen wir die erfrischende Geschichte eines Unbekannten, welchem allerdings aufgrund seiner ungewöhnlichen familiären Geworfenheit eine außergewöhnliche Lebensgeschichte blüht. Barack ist der einzige Sohn einer amerikanischen jungen Frau und eines aus Kenia stammenden schwarzen Studenten. Die Ehe geht bald in die Brüche und die Mutter, die offenbar zu exotischen Lebensformen neigt, nimmt mit ihrem kleinen Jungen Reißaus nach Indonesien, wo sie mit einem zweiten Mann lebt. Dort verbringt der kleine Obama die ersten Jahre seiner Erinnerung und entwickelt schon früh ein Gefühl dafür, an einem fremden Ort zu leben, wo sie eigentlich nicht hingehören. Erste Reflexionen über Heimat und Fremdheit drängen sich bereits dem jungen Obama auf. Der Lebensentwurf in Indonesien scheitert. Mutter und Sohn kehren zurück in die USA - nach Hawai. Fortan lebt die Familie zusammen mit den Eltern der Mutter. Der junge Barack Obama wächst bei den Großeltern auf. Der mehrwöchige Besuch des Vaters aus Kenia ist eine besonders lesenswerte Episode.
Am meisten beeindrucken allerdings die Reflexionen und Einsichten über das Schwarz-Sein in der Welt der Weißen. Die Komplexität dieses Problems wird einem nicht-amerikanischen durch die Bewusstseinsschärfe Obamas erst wirklich klar. Besonders stark in diesem Zusammenhang ist dann auch die Passage, in der die versteckten Vorurteile der eigenen Großmutter deutlich werden - nicht gegenüber ihrem Enkel, aber im allgemeinen. Hier wird einem einmal deutlich, welch tiefe Bewusstseinsdimensionen Xenophobien berühren - jenseits aller multi-kulti Ideologie. Umso erstaunlicher ist es, dass es Obama gelungen ist, die Hautfarbe nicht zum Wahlkampfthema zu machen.
Ein weiterer großer Teil des Buches betrifft seine politischen Lehrjahre als Organizer" in den verkommenen sozialen Wohnbausiedlungen Chicagos. Hier verdient sich Barack in seinen 20er Jahren seine Sporen. In den Ghettos Chicagos versucht er - getragen vom Enthusiasmus über den ersten schwarzen Bürgermeister Chicagos in den 80er - Gutes zu tun. Nach zwei Jahren sozialer Arbeit bekommt er ein Stipendium und geht nach Harvard. Auch hier wieder die Auseinandersetzung, die alle erfolgreichen Schwarzen trifft: Bist du einer von uns oder von denen. Aber Obama findet Alternativen zu diesen Optionen, einen mittleren Weg, der ihn bis an die einsame Spitze der Vereinigten Staaten geführt hat.
Ein letzter Teil spielt in Kenia, wo Obama vor seinem Studium seine väterliche Familie aufsucht - der Vater ist bereits verstorben - und sich mit seinen Ursprüngen auseinandersetzt. Dieser Teil weist kulturell eine ganz andere Färbung auf und liest sich ausnehmend interessant.
Insgesamt handelt es sich um eine ausgesprochen interessante Lektüre, die sich auch literarisch überhaupt nicht zu verstecken braucht.

Thomas Reuter


Eine kleine Geschichte Mexikos (suhrkamp taschenbuch)
Eine kleine Geschichte Mexikos (suhrkamp taschenbuch)
von Walther L. Bernecker
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,00

13 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Von der vorspanischen Zeit ins dritte Jahrtausend, 2. Juni 2008
Für den Einsteiger ist diese gar nicht so kleine Geschichte Mexicos nicht vorbehaltlos zu empfehlen. Hierfür ist sie zu wissenschaftlich und überfrachtet den Unkundigen mit viel Fachwissen. Dennoch wahrt das 350 Seiten starke Werk Übersichtlichkeit und schlägt mit den drei großen Teilen "Von der vorspanischen Zeit bis zur Unabhängigkeit", "Mexiko im 19. Jahrhundert" und "Mexiko im 20. Jahrhundert" Schneisen in die pralle Geschichte des großen mittelamerikanischen Landes. Die Zusammenhänge der Teile ergeben sich allerdings eher aus den Forschungsschwerpunkten der Autoren denn aus der Sache.
Wer an Wirtschaftsfragen interessiert ist, sollte allerdings zugreifen, denn die Wirtschaftsentwicklung des Landes wird ausgiebig behandelt. Die kulturelle Entwicklung spielt hingegen weniger eine Rolle.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 12, 2008 8:42 PM CET


Der vergrabene Spiegel: Die Geschichte der hispanischen Welt
Der vergrabene Spiegel: Die Geschichte der hispanischen Welt
von Carlos Fuentes
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,95

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Fundierter historischer Essay, 16. Mai 2008
Carlos Fuentes ist der zu Zeit wohl bedeutendste mexikanische Romancier. In Lateinamerika ist es eine gute Tradition, dass belletristische Autoren sich auch auf dem politischen Feld zu bewähren haben. Häufig werden sie Botschafter oder bekleiden andere kleinere Ämter im Regierungszirkel. Mitunter streben sie auch das Präsidentenamt an wie beispielsweise Vargas Llosa es einst tat. Die lateinamerikanischen Schriftsteller sind also in einer positiven und gestalterischen Weise Intellektuelle, wie es sie bei uns viel zu selten gibt. Im Zuge dieser Tätigkeit schreiben sie auch historische und essayistische Bücher, in denen sie die Interpretationshoheit der eigenen kulturellen Identität sichern. Octavio Paz hat dies getan und Carlos Fuentes ebenso. Anlass für Fuentes` "Der vergrabenen Spiegel", die Geschichte der hispanischen Welt" war das Jubiläumsjahr 1492, in dem Christopher Columbus die Neue Welt entdeckte.
Es geht um eine historisch vergleichende Betrachtung der neuen spanischsprachigen Länder und dem Mutterland Spanien. Das Motiv des Spiegels wird in vielerlei Hinsicht aufgegriffen. Zunächst wurden bei den Totonac-Ruinen bei Veracruz vergrabenen Spiegel gefunden, anhand derer die Toten in die Unterwelt geleitet werden sollten. Hiervon ausgehend benutzt Fuentes das Spiegelmotiv unter Bezugnahme auf Don Quijote, den Spiegelritter, Velázques' Spiegelbild Los Maninas" usw. um den vielfältigen Spiegelungen von alter in neuer Welt und umgekehrt nachzuspüren.
Ausgehend von der Eroberung Spaniens durch die Römer und später die Berber hin zur Wiedereroberung (La Reconquista) kommt Fuentes auf die Geschichte der mexikanischen Eroberung und die Unabhängigkeit als Wiedereroberung zu sprechen. Der gesamte historische Abriss liest sich ungemein spannend. Was das mexikanisch Vaterland Fuentes angeht, ist er hier auch zu Hause. Auch die historische Beschreibung Spaniens ist sehr interessant. Die kurzen Einblicke nach Argentinien, Peru und Chile wirken allerdings etwas überbordend und werden nicht genügend gewürdigt. Der bloße Vergleich Spanien Mexiko wäre gewinnbringender gewesen. Der Autor führt seine Geschichte bis in die Gegenwart und gibt Ausblicke auf die Zukunft. Etwas weniger wäre mehr gewesen. Dennoch eine sehr gute Einführung in die spanischsprachige Welt von einem ausgezeichneten Kenner.

Thomas Reuter


Extremely Loud and Incredibly Close
Extremely Loud and Incredibly Close
von Jonathan Safran Foer
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,50

2 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Extrem schwierig und unglaublich leicht zugleich, 2. Mai 2008
Hinweise für Leser der englischsprachigen Originalausgabe:

Vorsicht! Der Roman hat es sprachlich in sich. Man muss schon Lust an Sprachspielereien und Sprachwitz haben. Dann aber lohnt es sich, den Roman im Englischen zu lesen. Zwar geht einiges verloren, da man auch bei einer hohen Sprachkompetenz nicht alle Bedeutungsverästelungen nachvollziehen kann, dafür gehen aber in jeder Übersetzung auch notwendigerweise einige Ambivalenzen und Doppeldeutigkeiten verloren. Es hält sich also die Waage.

Dies ist ein Roman über den Verlust. Als der kleine Oskar Schell seinen Vater verliert, ist er gerade neun Jahre alt. Zu Beginn des neuen Romans von Jonathan Safran Foer wird geschildert, wie Oskars Vater seinen Sohn zu Bett bringt - am Abend des 10. September 2001. Am nächsten Morgen wird der Vater zur Arbeit ins World-Trade-Center fahren und nicht wiederkehren. Die kurze Szene zwischen Vater und Sohn reicht aus, um dem Leser die Schwere dieses Verlustes deutlich zu machen. Ihr Verhältnis ist geprägt von Liebe und Zuneigung, aber auch von Witz, Neugierde und Spieltrieb. Der Vater ersinnt für den überaus wissbegierigen und etwas altklugen Oskar Rätsel und Aufgaben, die sie als Wiederentdeckungsexpedition bezeichnen, und Oskar verfolgt die ausgelegte Fährte, bis er das Rätsel gelöst hat - über Wochen, wenn es sein muss. Es ist ein ideales Verhältnis zwischen Vater und Sohn, soviel wird bereits auf diesen wenigen Seiten deutlich. Der Rest des Romans handelt von dem Verlust und Oskars Strategien, die Leere zu verarbeiten, die durch den Tod des Vaters in sein Leben gerissen worden ist.
Jonathan Safran Foer ist 1977 geboren, er ist 28 Jahre alt, und 9/11 ist ein sehr großes Thema für einen so jungen Mann. Für einen ehrgeizigen Autor ist es jedoch zugleich eine Herausforderung. Foer nimmt die Herausforderung an und macht dabei nichts falsch.
Ins Zentrum seines Romans stellt er Bilder, die sich uns allen eingebrannt haben. Bilder, die an Schrecken nicht zu überbieten sind und die wir unauslöschlich gespeichert haben. So kreist der Roman um eine zentrale Szene, deren Vorstellung seit dem 11. September 2001 zum kollektiven Repertoire des Schreckens gehört: Der Vater ist in einem der oberen Stockwerke des World-Trade-Centers gefangen und ruft zu Hause an - um sich zu verabschieden. Dies ist eine Szene, die unsere Vorstellungskraft sprengt. Der Tod kommt, wenn er mitten im Leben kommt, entweder überraschend, oder aber langsam. Er kommt nicht mit einem verzögerten Schlag, der es uns erlaubt, noch einmal im Vollbesitz unserer Kräfte von allen Lieben Abschied zu nehmen und ein paar letzte Worte zu sagen. Diese Erfahrung hat uns 9/11 beschert.
Als der Vater zu Hause anruft, ist niemand daheim. Viermal spricht er aufs Band, bevor der kleine Oskar, frühzeitig aus dem Kindergarten entlassen, nach Hause kommt. Beim fünften Mal sitzt sein Sohn vor dem Telefonapparat. Er hat bereits die vier Nachrichten gehört und ist unfähig, den Hörer von der Gabel zu nehmen. Wiederholt fragt der Vater, ob jemand daheim sei - dann bricht das Gespräch ab.
Wer nun glaubt, die weitere Handlung sei eine tiefenpsychologische Verarbeitung dieser Schlüsselszene, der irrt. Es entspinnt sich eine überaus abstruse Geschichte, die an Einfallsreichtum, Witz und Charme seinesgleichen sucht. Unfähig, den plötzlichen Tod des Vaters zu verarbeiten, tut Oskar, was er immer tut: Er löst ein Rätsel. Nur handelt es sich diesmal um ein Rätsel, in dem es um die Leere des Daseins selber geht. Oskar findet einen Schlüssel des Vaters und sieht hierin eine Botschaft. Er entdeckt außerdem die Existenz eines ominösen Mr. Black, der seinen Vater gekannt haben soll, findet heraus, wie viele Mr. Blacks es in ganz New York geben soll - es sind 216 - und macht sich auf die Suche nach demjenigen, dem der Schlüssel gehört.
Die folgende Odyssee, bei denen Oskar nicht nur auf höchst unwahrscheinliche Charaktere trifft, sondern auch seinen ihm unbekannten Großvater findet, wird von zwei weiteren Erzählsträngen begleitet, wie man das schon aus Foers Debütroman Alles ist erleuchtet" gewohnt ist. Die eine Nebenhandlung erzählt das Leben der Großeltern, in dessen Zentrum die Bombadierung Dresdens steht, die andere dreht sich um den Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Hat man soweit die Handlung zusammengefasst, muss man feststellen, dass man so gut wie nichts von dem Buch gesagt hat, denn Foers Roman hat eine Eigenschaft, die sich inhaltlich kaum beschreiben lässt: es strotzt vor Bildern, graphischen Spielerreihen, Seiten mit nur einem Wort, mit nur einer Zeile, leeren Seiten, Seiten auf denen Unterstreichungen vorgenommen sind, Seiten, in denen der Text ineinander läuft, Zahlencodes über mehrere Seiten, ein echtes Daumenkino und so weiter und so fort.
Dieser Explosion der Zeichen auf der darstellenden Seite entspricht inhaltlich der ungeheure Einfallsreichtum und Witz, den der Autor in seinem Text an den Tag legt. Der unverbrauchte Blick des neunjährigen Oskar legt in seiner Vorurteilslosigkeit und seiner prinzipiellen Flexibilität die Absurditäten der Erwachsenenwelt bloß. Daher ist die Lektüre von Extrem laut und unglaublich nah" auch eine erfrischende Reise in die Gedankenwelt der Kindheit, mithin auch der eigenen. Zugleich aber bleibt das eigentliche Thema des Buches, die Erfahrung des Verlustes, immer spürbar und selten gelingt es einem Autor so sensibel zwischen Leichtigkeit und Trauer zu schweben. So beschreibt Foers Roman den Verlust als eine grundsätzliche menschliche Erfahrung, die immer auch vom Verlust der Kindheit handelt. Der Ort, an dem die Welt noch in Ordnung war.


Saturday
Saturday
von Ian McEwan
  Taschenbuch

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Abweichung und die Norm, 2. Mai 2008
Rezension bezieht sich auf: Saturday (Taschenbuch)
Hinweis für Leser der englischsprachigen Originalausgabe:

Auch wenn McEwan ein anspruchvolles und reichhaltiges Vokabular hat, lässt er sich doch gut im Original lesen. Sein Stil ist so ungeheuer wirklichkeitsgetreu und seine Charaktere sind so genau herausgearbeitet, dass in schwierigen Fällen einem der Kontext schon weiterhilft. Andere Passagen, wie etwa das Squash-Match im Buch, ist wiederum so detailliert beschrieben, dass wohl nur der Muttersprachler alle Nuancen ausschöpfen kann. Aber etwas Verlust ist immer. Darum: Keine Angst vor McEwan.

Dieser Roman ist reinster Film. Dazu muss er gar nicht erst in die Kinos kommen. Bereits beim Lesen lehnt man sich im Sessel zurück, sinkt in die Kissen und liefert sich einer perfekt organisierten Regie aus. Die Charaktere haben präzise eingeführt Auftritte, wir verschenken unsere Sympathien scheinbar willkürlich, jedoch in Wirklichkeit nach ehernen Gesetzen der Dramaturgie, und erst wenn wir aus dem Lesesaal wieder in das ungleich schmutzigere Licht unseres Alltags treten, gelingt es uns, über die Machart, die Technik sowie die Struktur dieses erzählten Glanzes ein wenig zu reflektieren - so subtil, so ausgefeilt, so perfekt wird die Geschichte dieses Neurochirurgen Henry Perowne und seiner Familie an diesem Samstag, dem 15. Februar des Jahres 2003, präsentiert. Das ist Hollywood allererster Güte.
Nun ist es sozusagen eine alte Gewohnheit, McEwan für seine Brillanz und seinen präzisen Stil zu loben. So gewöhnlich ist dies bereits, dass seine Könnerschaft dem britischen Erfolgsautor bereits wieder angekreidet wird. Zu klar, zu gekonnt - einfach zu gut sei seine Prosa.
Mit dem neuen Roman Saturday trifft McEwan einen Nerv der Zeit. Es geht um Terrorismus im engsten und um Terrorismus im weitesten Sinne. Es geht des Weiteren aber auch um die großen wie auch um die kleinen Fragen des Lebens. Und letztlich geht es wohl - wenn man es recht bedenkt - um das Leben selbst, das Leben als Ganzes, wie auch um den Tod. Mächtige Themen sind das für ein Buch von dreihundert und etwas Seiten. Dass es aber um all das geht, erkennt man erst, wenn man das Buch nach der Lektüre zu Seite legt. Erst dann vermag man wahrzunehmen, wie genau die Themen des Buches konstruiert sind, wie sie sich ineinander spiegeln und einander entsprechen wie Makrokosmos und Mikrokosmos.
Während der Lektüre aber geht man vollkommen auf im Nachvollzug und im Miterleben dieses nicht ganz gewöhnlichen Samstags im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne. Was also passiert? Ein erfolgreicher Arzt, Ende 40, glücklich verheiratet, zwei wohlgeratene Kinder, wohnhaft in London, erwacht an jenem Samstag früher als gewöhnlich und beobachtet am Himmel ein brennendes Flugzeug, das wie ein Menetekel seine brennende Schrift über den Himmel des beginnenden Tages zieht. Eine Katastrophe, die - wie sich später herausstellt - einen guten Ausgang nimmt. Ebenso wird Perownes Tag verlaufen: eine Katastrophe bahnt sich an, tritt schon ein - und wird noch einmal abgewendet. Das Ungeheuerliche tritt zunächst auf in Form einer Irritation, einer Abweichung, eines kleinen außergewöhnlichen Vorfalls. Im Allgemeinen aber verbringt Perowne einen gewöhnlichen Samstag: Am Morgen geben sich die Eheleute ihrem glücklichen Liebesspiel hin, er fährt zum Squash mit einem Kollegen - das Spiel geht verloren - er besucht seine Mutter, die an Altersdemenz leidet und frei von jeder Erinnerung ihre Restzeit in einem Heim verbringt, auf dem Heimweg macht er Besorgungen für das Familienessen am Abend - die Tochter aus Paris hat sich angekündigt.
Gestört wird dieser Ablauf von einer Massendemonstration, einer Kundgebung gegen das britische Engagement im Irak, die Perowne zwingt, verschiedene Umwege zu nehmen, und von einem kleinen Verkehrsunfall, bei dem ein Seitenspiegel zu Bruch geht. Die anschließende Auseinandersetzung mit den drei Insassen des zu Schaden gekommenen Wagens wirft von den Höhen des Lebens, in denen Perowne sich bewegt, ein jähes Licht in die Abgründe der menschlichen Existenz. Die Bedrohung, die von diesen drei Figuren der Halbwelt ausgeht, wird weiter über dem Verlauf der Handlung schwelen, bis sie sich am Ende gewalttätig entlädt. Zuviel sei hier jedoch nicht verraten, denn das Buch lebt eben auch von der gespannten Erwartung, wie denn dieser so vordergründig normale Tag sein Ende finden wird.
So weit, so gut, so normal - denkt man. Die Kunst McEwans besteht nun jedoch darin, in die detaillierte Darstellung dieses normal-unnormalen Samstags die großen Themen unserer Epoche zu diskutieren, ohne dass sie sich einem direkt aufdrängen. Sie kommen schleichend daher, wie ein kleiner Verkehrsunfall, und sind doch schon allgegenwärtig, wie in der Massendemonstration gegen den Krieg im Irak. Im Nachhinein erkennt man, dass all die abstrakten Fragen, die beispielsweise Perowne und seine Tochter im Bezug auf den Irakkrieg erörtern, eine konkrete und blutige Antwort in ihrer familiären Wirklichkeit erhalten. Das gleiche gilt für die Gegenüberstellungen von naturwissenschaftlich-präzisem und künstlerisch-kreativen Denken, repräsentiert durch den Vater und den Kindern, die in Dichtung und Musik reüssieren. Die Hinfälligkeit allen Fleisches wird anhand der Gegenüberstellung von dem mitten im Leben stehenden Perowne und seiner Mutter, die mit Altersdemenz in einem Heim lebt, dargestellt.
Das Zusammenspiel all dieser Themen ist so unaufdringlich in die Oberflächenstruktur der Handlung eingefügt, dass wir es zunächst gar nicht wahrnehmen. Ganz folgerichtig ist daher die Handlung des Romans auf einen einzigen Tag begrenzt. Das Besondere ist - wie so oft im Leben - die Differenz, die Abweichung von der Norm, der etwas andere Samstag. Die Abweichung bringt die Dinge ins Rollen, die Figuren zum Tanzen, die Gedanken zum Kreisen und bildet so einen Kommentar über unsere Zeit. Wie in einem Shakespearestück, in dem die Ordnung des Ganzen, der Makrokosmos, von einer kleinen Abweichung aufgelöst und im Verlauf des Stückes wieder hergerichtet wird, ist zum Ende des Romans alles wieder ins Lot gebracht, die Ordnung wieder hergestellt, die Abweichung beseitigt. Vorerst. Perownes Meditation am Ende des Romans, die stark an das Ende von Joyces Kurzgeschichte The Dead erinnert, steht ganz im Zeichen einer unabsehbaren Zukunft.
Dass wir die Gesetze, die hinter all der Fassade die Fäden in den Händen halten bei der Lektüre zunächst nicht sehen, mag daran liegen, dass wir so vollkommen in die Welt der Hauptfigur eintauchen. Darin mag zugleich auch eine Aussageabsicht des Buches liegen: Das Zufällige und Unsinnige im Leben, das wir nicht verstehen können, wird im Grunde bewegt von unverhandelbaren Gesetzen. So spiegelt sich in unserem kleinen Leben immer auch das Große wider.
Am Ende des Buches schließt sich der Kreis dieses langen Samstages. Wieder steht er spät in der Nacht vorm Fenster und sinniert über den Verlauf des Tages. Über das, was kommt, über das, was geht, und über das, was bleibt. Ein großer Roman im Kleinen. Wir warten auf den Film.
Thomas Reuter


Das Labyrinth der Einsamkeit: Essay (suhrkamp taschenbuch)
Das Labyrinth der Einsamkeit: Essay (suhrkamp taschenbuch)
von Octavio Paz
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kulturessayistik auf hohem Niveau, 2. Mai 2008
Octavio Paz' Essay "Das Labyrinth der Einsamkeit" stammt aus dem Jahr 1950 und hat nichts weniger zum Thema als den Versuch einer Definition der mexikanischen Seele und des mexikanischen Selbstverständnisses. Lohnt es sich heute noch, einen kulturkritischen Beitrag zum Wesen einen Volkes aus der fernen Welt des Jahres 1950 zu lesen? Ich meine, ja, wenn man auf hohem Niveau an solchen Fragen interessiert ist.
Der Literaturnobelpreisträger Paz unterteilt seinen Versuch in 10 Kapitel, die alle eine andere Charakteristik des Mexikaners beschreiben. Unter dem Kapitel Cortés und die Folgen wird in geschichtlicher Hinsicht der Einfall der Spanier behandelt. Wer nun glaubt, hier ginge es einzig um eine moralische Verteufelung des Kolonialismus, wird eines Besseren belehrt. Im Vergleich zu der anglo-amerikanischen neuen Welt im Norden, boten die Spanier der indigenen Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil. So schreibt Paz: "Nachdem die Bande zur ihrer eigentlichen Kultur abgerissen, ihre Götter tot und ihre Städte zerstört waren, fanden die verwaisten Indios durch den katholischen Glauben einen neuen Platz in der Welt. Man sollte nicht vergessen, dass die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben einen Platz im Kosmos bedeutete. Die Flucht der Götter und der Untergang der Führer hatten die Eingeborenen in eine so große Einsamkeit gestoßen, wie sie sich ein moderner Mensch nur schwer vorstellen kann. In dieser Lage ermöglichte ihnen allein der Katholizismus, Bindungen mit Welt und Jenseits wieder anzuknüpfen, gab somit ihrem Dasein auf dieser Erde wieder Sinn, nährte ihre Hoffnung und rechtfertigte ihr Leben und ihren Tod." Diese differenzierte Sichtweise spricht die Spanier nicht von moralischen Verantwortung frei. Im Gegenteil, Paz schreibt an anderer Stelle: "Behauptet man, Mexiko sei erst im 16. Jahrhundert entstanden, muss man auch zugeben, dass es das Kind einer zwiefachen Vergewaltigung ist, einer imperialen und einer unitarischen, der aztekischen und er spanischen."
Einsamkeit ist eine Leitidee in Paz' Essay. Sie wird geradezu zum Grund- und Schöpfungsmythos des geschändeten Volkes, das bei Paz als "Söhne der Malinche" bezeichnet wird, die indiansische Geliebte Cortés, deren Kinder die ersten Menschen der neuen mexikanischen Rasse waren.
Man darf aber nicht vergessen, dass Einsamkeit und Geworfenheit des Menschen Grundtopoi der Philosophie der 50er Jahre waren, und Paz war ein äußerst gebildeter Mann, der sich in europäischer Literatur bestens auskannte. Auch andere Formulierungen und Ideenkomplexe sind der Zeit geschuldet wie beispielsweise folgende Formulierung: "So ist auch die Frau, als abseits lebendes Geschöpf, ein rätselhaftes Wesen. Besser gesagt: sie ist das Rätsel selbst." Heutzutage werden solche Vorstellung bereits wieder kulturkritisch interpretiert. In Paz' Text haben sie aber noch eine naive Frische, die unberührt ist von den Schulen der Gender-Studies.
Manches ist auch heute nicht mehr so interessant. Man erfährt aber ungeheuer Viel über den mexikanischen Charakter. Sprachlich und gedanklich ist der Text auf höchstem Niveau angesiedelt. Wer es lesen will, sollte sich schon wirklich für das Thema interessieren.

Thomas Reuter


Land der Freien
Land der Freien
von Cormac McCarthy
  Gebundene Ausgabe

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen In jedem Menschen steckt die Geschichte der Menschheit, 24. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Land der Freien (Gebundene Ausgabe)
Viele Leser halten Cormac McCarthys Romane nicht für Literatur, sondern für hohe Philosophie und auch ich kann dieser Auffassung einiges abgewinnen. Insbesondere die Border-Trilogie um John Gradies Cole und Billy Parham entfaltet auf ihren mehr als 1000 Seiten eine erstaunliche gedankliche Tiefe, Komplexität und Vielschichtigkeit. Dies gilt zumal für den letzten Teil "Land der Freien", in dem die Trilogie ihren Abschluss findet. Der englischsprachige Titel lautet "Cities of the Plain", also "Städte der Ebene", was poetischer klingt als der ideologisierende Titel "Land der Freien", aber tatsächlich spielt dieser Band im Gegensatz zu den beiden Vorgängern "All die schönen Pferde" und "Grenzgänger" größtenteils in den Vereinigten Staaten und nur noch wenig in Mexiko. Der Titel hätte auch - wie bei Alexandre Dumas' Fortsetzung auf "Die drei Musketiere" "Zehn Jahre später" lauten können, denn Billy und John Grady sind im letzten Band 28 Jahre alt und arbeiten gemeinsam auf einer Ranch in New Mexiko. Es ist ruhiger geworden. Ihr Leben ist ruhiger geworden. Sie arbeiten, sie reiten Pferde zu, sie erinnern sich. Und sie möchten sesshaft werden. Zumindest für John Grady gilt das, der - wie es scheint -die Frau seines Lebens gefunden hat. Leider ist sie eine Hure in einem mexikanischen Bordell in Ciudad Juaréz. Zielgerichtet und sturköpfig und über alle Zweifel erhaben, wie wir ihn aus "All die schönen Pferde" kennen, beschließt er die schöne Magdalena zur heiraten und sie willigt ein. Er baut eine verfallene Hütte im nirgends New Mexikos aus, er möchte sie in die USA schmuggeln, aber da sind noch der skrupellose Zuhälter Eduardo und ein paar andere Schwierigkeiten und natürlich kommt alles ganz anders, wie man sich denken kann. Es ist eine traurige Geschichte, denn sonst würde sie uns ja nicht bewegen.
Zum Schluss erleben wir im Epilog Billy Parham im hohen Alter von 72 Jahren durch die Weiten der Rockies gen Norden reiten. Wir befinden uns bereits in der Zukunft des Jahres 2002 - der Roman wurde 1998 veröffentlicht. Dieser Epilog bildet den Abschluss des Werkes und es ist ein Stück Prosa, das es in sich hat und seinesgleichen sucht. Es handelt sich um nichts weniger als eine poetologische Anthropologie, die McCarthy durch die Worte Billy Parhams hier entfaltet: Es ist eine Erschaffung des Menschen und seiner Geschichte durch das Erzählen, durch Worte und Geschichten. Der alte Billy erzählt einem anderen Alten, einer Zufallsbekanntschaft, einen Traum. Den Traum von einem Mann, der träumt, und dieser Traum geht zurück bis zu den menschenopfernden Kulturen des prähispanischen Mexikos. In diesem Traum Billys geht es um die Grundzustände des Menschen von Wachen und Schlafen, Wirklichkeit und Traum, um die faktische Wirklichkeit und die Wirklichkeit des Erzählens, die in ihrem Fluchtpunkt in eins Fallen. Das große Thema von McCarthys Philosophie, die Schicksalsverfallenheit des Menschen, seine Einmaligkeit, die aber zugleich seine Universalität darstellt, wird hier in einem großen Bogen noch einmal ausbuchstabiert. Es ist kein Existentialismus, dem hier das Wort geredet wird, sondern eine philosophische Erkenntnis, die - herkommend von Nikolaus von Cues' Zusammenfall der Gegensätze (coincidentia oppositorum), Nietzsches Ewige Wiederkehr des Gleichen und Borges Allheit in der Einheit - dem Entscheidungs-Existentialismus des 20. Jahrhunderts noch übergeordnet ist. Bei McCarthy können keine Entscheidungen getroffen werden, denn diese sind alle vorher schon gefallen. Die Freiheit der Entscheidung ist eine Illusion, die wir nicht begreifen, da wir glauben wählen zu können. Es gibt aber immer nur den einen Weg, den wir - aus unerklärlichen Gründen - gehen und keine Alternative zu dieser Welt, die ist. Das ist niederschmetternd und zugleich tief gläubig und Billy erlebt und akzeptiert am Ende seines Lebens diese Erkenntnis in seinem Traum als Grundprinzip des Lebens.
Von hier aus möchte man die gesamte Trilogie gleich wieder von vorne beginnen - und man hätte sicher noch vieles zu entdecken. Die Großartigkeit von McCarthys Romankonstruktion besteht gerade in der Verknüpfung von einer weit ausholenden, ausdifferenzierten und ausbuchstabierten Handlungsebene - selten "passiert" in einem Roman so viel - und einer übergelagerten Philosophie, ohne dass das eine für das andere da wäre, sich überlagerte oder im Weg stünde. Ein Buch zum unbedingten Wiederlesen.

Thomas Reuter


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