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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Wölfe
Wölfe
von Hilary Mantel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,95

38 von 46 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Thomas Cromwell gegen den Strich gebürstet, 12. Oktober 2010
Rezension bezieht sich auf: Wölfe (Gebundene Ausgabe)
Ach, es ist ein Kreuz mit dem Historischen Roman: der Schwulst, die Gefühlsdusseligkeit, die rauschenden Kleider - ein Ertrinken in überbordenden Vergleichen und einem Meer von Adjektiven.
Nicht so dieser historische Roman: Hilary Mantel erzählt zum dutzenden Mal das Leben am Hof Heinrich VIII - eine Obsession des historischen Interesses in England, aber wie anders erzählt sie diese Geschichte! Aus der Perspektive ausgerechnet des unsympathischen Emporkömmlings Thomas Cromwell, der zur bestimmenden Figur unter Heinrichs Ägide werden wird, nimmt die Geschichte seinen Lauf. Es ist eine Geschichte von Aufstieg und Fall im großen Räderwerk des Schicksals. Zu Beginn erlebt der Leser den dunklen Anfang des Underdogs Cromwell, der vor der Prügel seines Vaters aufs Festland flieht, unter verschiedenen Armeen anheuert und lernt zu überleben.
Auf der nächsten Station ist er bereits Vertrauensmann des machtvollen Kardinal Wolsey, der aber schon dem Untergang geweiht ist. Ein Untergang der Cromwells Aufstieg bedeuten soll. Immer stärker dringt der clevere Machtstratege in das Zentrum der Macht vor, immer unentbehrlicher wird er - und Mantel lässt es so scheinen, als läge diesem Aufstieg eine interesselose Notwendigkeit zu Grunde. Ja irgendwie scheint der knallharte Politiker, der bei der Bevölkerung in Wirklichkeit verhasst war, in seinen Handlungen immer moralisch gerechtfertigt, während ein Mann wie Thomas Morus, der ansonsten als Beispiel moralischer Integrität dargestellt wird, sehr ambivalent erscheint.
Sprachlich ist der Roman meisterhaft in seiner Lakonie und nüchternen Berichterstattung. Allerdings braucht es schon einiger Konzentration, da in Erzählpassagen die anwesenden Figuren häufig nur mit den Personalpronomen "er" oder "sie" bedacht werden und man nicht immer genau weiß, wer denn nun gemeint ist. Hierin drückt sich das Einsinken in das erzählende Bewusstsein der Hauptfigur aus, was zusammen mit dem teilweise elliptischen Satzbau in solchen Passagen gut funktioniert.
Insgesamt ein faszinierender Versuch, die Geschichte Heinrich VIII neu zu erzählen. Den Booker-Preis hat Mantel hierfür vollkommen zurecht erhalten.

Thomas Reuter


Kafka - Die Jahre der Entscheidungen
Kafka - Die Jahre der Entscheidungen
von Reiner Stach
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,95

20 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Zwei neue Biographien zu Franz Kafka, 11. Oktober 2010
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind zwei gewichtige Biographien über Franz Kafka erschienen. Eine von Rainer Stach, Kafka-Experte und Publizist, die andere von Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft. Welcher ist der Vorzug zu geben?
Zunächst einmal ist der Widerspruch zu bestätigen, den Stach in der Einführung seiner auf drei Bände angelegten Biographie feststellt: dass nämlich der Autor, der wie kein anderer die Literatur der Moderne und eine ganze Generation von Schriftstellern prägen sollte, bisher mit keiner großen Biographie in deutscher Sprache bedacht wurde - freilich von der Biographie über Kafkas frühen Jahre von Klaus Wagenbach aus den 50er Jahren abgesehen. Nun sind es gleich zwei, beide sind ungeheuer gelehrt, in Form und Stil könnten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein.
Beginnen wir mit Stachs Biographie. Sie ist angelegt auf drei Bände. Ihr erster trägt den Titel "Die Jahre der Entscheidungen", behandelt lediglich die Jahre 1910-1915, und ist im Umfang bereits so stark wie Alts einbändige Biographie, nämlich etwa 650 Seiten. Stachs zweiter Band umfasst die letzten Jahre Kafkas und der noch nicht erschienene Band über Kafkas Anfänge wartet auf die Freigabe des Nachlasses von Max Brod. Macht sich der dreifache Umfang Stachs in der Tiefe der Erkenntnis über Kafka bezahlt? Ich meine nein! Der übergroße Umfang der Biographie ist dem Verfahren Stachs geschuldet, der in seinem Schreiben den Menschen Kafka szenisch aufleben lassen will. Über weite Strecken scheint der Leser Kafkas Umwelt, seine Gefühlswelt usw. aus dessen Perspektive wahrzunehmen. Das braucht natürlich immensen Raum und ist auf die Dauer ermüdend. Das Verfahren gibt den ungeheuren Detailreichtum vor, aber der Leser fragt sich bald: will man's eigentlich so genau wissen. Die hunderte Seiten, in denen der Briefverkehr mit Felice Bauer wiedergegeben werden, treiben den Leser an die Grenzen seiner Kooperationsbereitschaft. Allerdings - sich abwendend von der unendlichen Seitenflut Stachs - spürt man einen immer stärkeren Drang, sich den Texten Kafkas selber zuzuwenden und das mag man vielleicht als positiven Nebeneffekt gelten lassen. Stach selber kümmert sich nicht intensiv um die Texte - bei ihm steht der Mensch Kafka im Vordergrund. Dies ist schade, zumal der Leser hierdurch wirklich das Gefühl entwickelt, es handele sich doch eigentlich um einen psychisch kranken Menschen statt um einen hochkarätigen Literaten. Zugute halten muss man Stach, dass ihm selber literarisch ansprechende Passagen gelingen und treffende Formulierungen, die man genießen kann. Aber da es nun einmal um Kafka geht und man hin und wieder auch bei Kafka selber reinblättert, verblasst natürlich auch dieser Eindruck.
Nun zu Peter-André Alts Biographie "Franz Kafka - Der ewige Sohn". Alts Biographie ist grandios. Sie vermag nicht nur fesselnd und in anspruchsvoller Sprache das Leben Franz Kafkas zu erzählen, sondern gibt auch einen großartigen Einblick in die Welt Prags zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So gibt es verschiedene Exkurse in die Welt der Juden in Prag, die technische Entwicklung der Zeit, Zionismus, Theaterwelt in Prag, das Verhältnis der Tschechen zu den Deutschen usw. Alles Diskurse, an denen Kafka regen Anteil nahm. Alt zeigt auch, dass Kafka keineswegs monolithisch und aus der Zeit gefallen alleine mit seinem Werk dasteht, sondern knüpft hoch-interessante Verbindungen zu vergleichbaren Literaten der Zeit. Hierdurch gewinnt der Leser ein realeres Bild von Kafka. Alts Biographie ist darüber hinaus die eines Literaturwissenschaftlers. Dankbar nimmt der Leser wahr, dass Alt intensiv auf die Texte Kafkas eingeht und sie für den Leser auf dem Boden der bisherigen Forschung auslegt. Freilich setzt das eine grobe Kenntnis der Texte Kafkas voraus und außerdem eine gewisse literaturwissenschaftliche Bildung, da man sonst gewisse Zusammenhänge, die manchmal lediglich durch ein noch akzeptables Name-dropping eingeführt werden, nicht so einfach nachvollziehen könnte.
Also zum abschließenden Urteil: Wer bei der Lektüre einer Biographie gerne in das Leben dieses Menschen versinken will, es miterleben und mitfühlen will und dies auch gut erzählt sein soll, greife zu Rainer Stach. Wer ein umfassendes Bild von Franz Kafka, den Menschen in seiner Zeit, vor allem aber, wer etwas über Kafkas Literatur erfahren will, der greife zu Peter-André Alt.
Mir hat Alt in jedem Falle mehr zugesagt.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 14, 2014 5:15 PM MEST


Franz Kafka: Der ewige Sohn
Franz Kafka: Der ewige Sohn
von Peter-André Alt
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,00

28 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kafka-Biographien: Peter-André Alt und Rainer Stach, 11. Oktober 2010
Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind zwei gewichtige Biographien über Franz Kafka erschienen. Eine von Rainer Stach, Kafka-Experte und Publizist, die andere von Peter-André Alt, Professor für Literaturwissenschaft. Welcher ist der Vorzug zu geben?
Zunächst einmal ist der Widerspruch zu bestätigen, den Stach in der Einführung seiner auf drei Bände angelegten Biographie feststellt: dass nämlich der Autor, der wie kein anderer eine ganze Generation von Schriftstellern prägen sollte, bisher mit keiner großen Biographie in deutscher Sprache bedacht wurde - freilich von der Biographie über Kafkas frühen Jahre von Klaus Wagenbach aus den 50er Jahren abgesehen. Nun sind es gleich zwei, beide sind ungeheuer gelehrt, in Form und Stil könnten sie jedoch unterschiedlicher nicht sein.
Beginnen wir mit Stachs Biographie. Sie ist angelegt auf drei Bände. Ihr erster trägt den Titel "Die Jahre der Entscheidungen", behandelt lediglich die Jahre 1910-1915, und ist im Umfang bereits so stark wie Alts einbändige Biographie, nämlich etwa 650 Seiten. Stachs zweiter Band umfasst die letzten Jahre Kafkas und der noch nicht erschienene Band über Kafkas Anfänge wartet auf die Freigabe des Nachlasses von Max Brod. Macht sich der dreifache Umfang Stachs in der Tiefe der Erkenntnis über Kafka bezahlt? Ich meine nein! Der übergroße Umfang der Biographie ist dem Verfahren Stachs geschuldet, der in seinem Schreiben den Menschen Kafka szenisch aufleben lassen will. Über weite Strecken scheint der Leser Kafkas Umwelt, seine Gefühlswelt usw. aus dessen Perspektive wahrzunehmen. Das braucht natürlich immensen Raum und ist auf die Dauer ermüdend. Das Verfahren gibt den ungeheuren Detailreichtum vor, aber der Leser fragt sich bald: will man's eigentlich so genau wissen. Die hunderte Seiten, in denen der Briefverkehr mit Felice Bauer wiedergegeben werden, treiben den Leser an die Grenzen seiner Kooperationsbereitschaft. Allerdings - sich abwendend von der unendlichen Seitenflut Stachs - spürt man einen immer stärkeren Drang, sich den Texten Kafkas selber zuzuwenden und das mag man vielleicht als positiven Nebeneffekt gelten lassen. Stach selber kümmert sich nicht intensiv um die Texte - bei ihm steht der Mensch Kafka tatsächlich im Vordergrund. Dies ist schade, zumal der Leser hierdurch wirklich das Gefühl entwickelt, es handele sich doch eigentlich um einen psychisch kranken Menschen statt um einen hochkarätigen Literaten. Zugute halten muss man Stach, dass ihm selber literarisch ansprechende Passagen gelingen und treffende Formulierungen, die man genießen kann. Aber da es nun einmal um Kafka geht und man hin und wieder auch bei Kafka selber reinblättert, verblasst natürlich auch dieser Eindruck.
Nun zu Peter-André Alts Biographie "Franz Kafka - Der ewige Sohn". Alts Biographie ist grandios. Sie vermag nicht nur fesselnd und in anspruchsvoller Sprache das Leben Franz Kafkas zu erzählen, sondern gibt auch einen großartigen Einblick in die Welt Prags zu Beginn des 20. Jahrhunderts. So gibt es verschiedene Exkurse in die Welt der Juden in Prag, die technische Entwicklung der Zeit, Zionismus, Theaterwelt in Prag, das Verhältnis der Tcheschen zu den Deutschen usw. Alles Diskurse, an denen Kafka regen Anteil nahm. Alt zeigt auch, dass Kafka keineswegs monolithisch und aus der Zeit gefallen alleine mit seinem Werk dasteht, sondern knüpft hoch-interessante Verbindungen zu vergleichbaren Literaten der Zeit. Hierdurch gewinnt der Leser ein realeres Bild von Kafka. Alts Biographie ist darüber hinaus die eines Literaturwissenschaftlers. Dankbar nimmt der Leser wahr, dass Alt intensiv auf die Texte Kafkas eingeht und sie für den Leser auf dem Boden der bisherigen Forschung auslegt. Freilich setzt das eine grobe Kenntnis der Texte Kafkas voraus und außerdem eine gewisse literaturwissenschaftliche Bildung, da man sonst gewisse Zusammenhänge, die manchmal lediglich durch ein noch akzeptables Name-dropping erläutert werden, nicht so einfach nachvollziehen könnte.
Also zum abschließenden Urteil: Wer bei der Lektüre einer Biographie gerne in das Leben dieses Menschen versinken will, es miterleben und mitfühlen will und dies auch gut erzählt sein soll, greife zu Rainer Stach. Wer ein umfassendes Bild von Franz Kafka, den Menschen in seiner Zeit , vor allem aber, wer etwas über Kafkas Literatur erfahren will, der greife zu Peter-André Alt.
Mir hat Alt in jedem Falle mehr zugesagt.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 22, 2012 12:46 AM CET


Dickens (Abridged)
Dickens (Abridged)
von Peter Ackroyd
  Taschenbuch
Preis: EUR 13,01

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Tausendsassa, 19. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Dickens (Abridged) (Taschenbuch)
Eine nahezu unmögliche, eine einmalige Geschichte. Aus ärmsten Verhältnissen und fast ohne Schulbildung entwickelt sich aus dem 1812 geborenen Jungen Charles Dickens der größte Schriftsteller seiner Zeit. Ein Megastar des Literaturbetriebs, ja im Grunde der Miterfinder und Entdecker dieses Betriebs. Weder die Eltern - der Vater war ein Tunichtgut, der für seine Schulden mehrfach ins Gefängnis wanderte - noch andere Gönner begünstigten den Lebenslauf dieses Self-made Genies, sondern nur sein eigener unbeugbarer Wille. Mit diesem Willen kämpfte sich der kleine Charles aus den Fängen der frühen kapitalistischen Gesellschaft, in der Kinder nicht viel zählten, sondern Futter waren für den Betrieb der Maschinen. So arbeitete auch der kleine Charles noch als Junge in einer Fabrik an der Themse in London, zu der er von Camden Town jeden Tag 10 km hin und zurück ging. Die Wanderungen hat Dickens später beibehalten. Noch im hohen Alter wanderte er täglich bis zu 20 km und konzipierte auf diesen ausgedehnten Spaziergängen seine ausufernden Romane. Alles andere sollte sich aber ändern. Charles arbeitete sich über das Journalisten-Millieu hoch und schrieb schließlich als junger Mann seine ersten Geschichten über die Pickwicks, die bald in Romanform erschienen. Damit begann der Aufstieg eines Kometen am Literatenhimmel, wie es die Welt selten wieder gesehen hat. Charles Dickens schrieb für sein Publikum und liebte sein Publikum - und es liebte ihn zurück. Seine Romane erschienen über Jahre in kurzen Portionen in Periodicals, die er zum Teil selber herausgab. Dickens wurde zu einem weltweiten Ereignis. In Amerika erwartete man das Schiff aus England, mit dem die neuesten Kapitel eines Romans herüberkamen, und bereits vom Pier rief man sich zu, wie es bestimmten Figuren des Romans ergangen sei.
Neben dieser unglaublichen Produktivität hatte Dickens eine geradezu riesige Familie mit 10 Kindern. Er reiste für seine Zeit außerordentlich viel und weit. Zwei mal besuchte er die USA und speiste mit dem Präsidenten. Ständig reiste er nach Paris, Belgien, Nordfrankreich. Längere Aufenthalte in der Schweiz und in Italien. Später in seinem Leben entdeckte und entwickelte er die Lesereise, die ja auch heute noch beliebt ist. Und auch hier legte er wert auf Perfektion. Diese Tätigkeit begann er mit der Lektüre seiner Weihnachtsgeschichte: A Christmas Carol. Hieraus las er jedes Jahr - schrieb weiter auch jährlich andere Weihnachtsgeschichten. Auf seinen Lesereisen - auch aus seinen Romanen - unterhielt er mitunter pro Lesung bis zu 2000 Zuhörer. Alles ohne Verstärkung und Technik. Aber die Performance war bis ins kleinste einstudiert und auf Wirkung ausgelegt. Dickens liebte dieses Bad in der Menge. Den Kontakt mit seinem Publikum. Er war ein Verzauberer, wie es größer keinen geben kann und lebte er heute, wäre er mit Sicherheit ein Steven Spielberg in Hollywood. Dickens war als Schriftsteller sozial engagiert. Er schrieb über die Zustände seiner Zeit, er spiegelte die Welt des Victorianischen Zeitalters in seinen Romanen.
Die Biographie von Peter Ackroyd ist spannend geschrieben. Ackroyd ist als Kenner Londons, als Kenner der englischen Literatur und als Schrifsteller eigener Romane wie geschaffen für eine Biographie Dickens. Aber er hat es auch leicht, wenn das Leben des Biographierten derartig voll ist. Ein guter Einstieg in die Begegnung mit Dickens.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 21, 2010 6:44 AM CET


Elf Arten der Einsamkeit
Elf Arten der Einsamkeit
von Richard Yates
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die unerträgliche Einsamkeit der 50er-Jahre, 1. November 2009
Rezension bezieht sich auf: Elf Arten der Einsamkeit (Taschenbuch)
"Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich", so beginnt der große Roman Tolstois über ANNA KARENINA. Dieser Satz könnte auch als Einleitung in die ELF ARTEN DER EINSAMKEIT von Richard Yates stehen, in der die Schicksale von elf Figuren geschildert werden, die alle auf jeweils ihre Art einsam sind. Yates destilliert in diesen prägnanten und klassischen Kurgeschichten jenen Moment heraus, in dem das Leben des Protagonisten oder der Protagonistin zusammenbricht, in dem sich eine schreckliche Wahrheit oder eine schreckliche Einsicht offenbart. Es ist der Augenblick im Leben, bei dem die gesamte Existenz in ihrer ganzen Nüchternheit und Verlassenheit klar vor Augen steht und alle Illusionen über eine rosigere Zukunft sich in nichts auflösen. Es ist also im wahrsten Sinne eine existentielle Erfahrung, die Yates in diesen Geschichten jeweils einfängt und für den Leser geht eine kühle und traurige Stimmung von der Lektüre aus.
Das Arsenal der Protagonisten dieser Geschichten ist im amerikanischen Mittelstand der 50er-Jahre angesiedelt. Es handelt sich um Angestellte, Lehrer, Taxifahrer, um eine Braut einen Tag vor ihrer Trauung, um Kriegsveteranen und Mobbing-Opfer in der Schule. Da ist beispielsweise die bedauernswerte Lehrerin Miss Price, die von ihrer Rolle als Lehrerin und der psychischen Konstitution ihrer Grundschüler keinen blassen Schimmer hat. Als Folge ihrer totalen Inkompetenz, die verheerenderweise mit einem völlig unreflektierten Gutmenschentum gepaart ist, treibt sie den Außenseiter Vincent immer weiter in die Isolation, bis dieser sich gezwungen sieht, sein Schicksal selber in die Hand zu nehmen und in einem Akt der Selbstbehauptung sich aus der Schule herauszukatapultieren. In einer anderen Geschichte muss die zukünftige Braut einen Abend vor der Hochzeit erkennen, dass ihre gesamte Zukunft einem schwachen und möglicherweise brutalen, jedenfalls einem überaus durchschnittlichen Mann anheimgegeben ist. Der ganze Horror dieses verfehlten Lebens, das erst noch in seiner unerträglichen Gleichförmigkeit zu leben sein wird, geht dem Leser bei ihrer letzten Verabschiedung ihres zukünftigen Gatten auf: "Sie lächelte müde und öffnete ihm die Tür. 'Mach dir keine Sorgen, Ralph', sagte sie, 'ich werde da sein.' Die Unausweichlichkeit, in diesen einmal gefassten Lebensentwürfen gefangen zu sein und für immer zu diesem Leben verurteilt zu sein, ist auch ein typisches Phänomen der 50er Jahre. Man mag vielleicht die Einsamkeit, die in Yates Geschichten vorgeführt wird, als Schattenwurf jener in den Medien und Filmen gefeierten Fröhlichkeit jener Zeit zu begreifen suchen, die doch in den Einzelschicksalen mit einem Ausgeliefert-Sein an rigide gesellschaftliche Normen erkauft war. Eine solche bloß historische Situierung der Konstellationen in Yates Geschichten griffe aber in Wirklichkeit zu kurz, da die dargestellten Formen menschlicher Einsamkeit in Wirklichkeit sehr viel stärker auf existentielle Grundsituationen des Menschen verweisen. In diesem Sinne sind die Geschichten von Yates heute genauso aktuell wie damals. In jedem Falle lesenswert. Ein literarischer Hochgenuss!

Thomas Reuter


In alter Vertrautheit
In alter Vertrautheit
von David Foster Wallace
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kafka zum Quadrat - bewusstseinssprengende Geschichten, 31. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: In alter Vertrautheit (Taschenbuch)
Fünf Geschichten des amerikanischen Autors David Foster Wallace sind in dem Band IN ALTER VERTRAUTHEIT versammelt. Vier davon sind recht lange Erzählungen bis zu 90 Seiten und eine umfasst lediglich vier Seiten. Alle sind stilistisch und thematisch völlig unterschiedlich. Ihr Spektrum reicht von einer überzeichneter Gegenwartswahrnehmung bis hin zu einer parabolischen Darstellung unserer Kultur und Geschichte wie in der Geschichte NOCH EIN PIONIER. Hierin geht es um einen Indianerstamm in den weiten Amazoniens, dem ein Kind mit außergewöhnlichen Fähigkeiten geboren wird. Noch im Kleinkindalter wird das Kind einmal wöchentlich befragt. Es übernimmt die Funktion eines Orakels. Zur effizientesten Auslastung der Befragung arrangieren sich Beraterstäbe, die die bestmöglichen Fragen austüfteln, mit der Folge, dass dieses Buschvolk im Vergleich zu den anderen Nachbarvölkern außerordentliche evolutionäre Fortschritte macht. Bis eines Tages ein Angehöriger des Nachbarvolkes bei der Befragung einreiht und seinerseits eine folgenreiche Frage stellt. Die weitere Entwicklung wird nicht verraten. Skurril ist aber auch, wie die Geschichte präsentiert wird. Es handelt sich nämlich dabei um ein belauschtes Gespräch in einem Flugzeug, deren Anfang und Ende der mithörende Erzähler leider verpasst hat.
Die Geschichte DIE SEELE IST KEIN HAMMERWERK handelt von dem Amoklauf eines Lehrers in der Schule. Beschrieben wird dies von einem kleinen Jungen, der die meiste Zeit der Schulstunde durch ein verzerrendes Fenster nach draußen schaut und die Schemen, die er dort wahrnimmt in eigene Geschichten umwandelt, ehe eine unheimliche Macht den vorne unterrichtenden Lehrer ergreift, der immer häufiger zwanghaft TÖTE SIE ALLE an die Tafel schreibt, bevor es zur großen Katastrophe kommt.
Bei der ersten Geschichte MISTER SQUISHY geht es um die Einführung eines neuen Schokoriegels auf den Markt und die damit verbundene Werbestrategie. Eine wunderbar erzählte Geschichte aus den Chefetagen der Konsumwirtschaft. Dass es eigentlich um einen Giftanschlag durch einen Schokoriegel geht - und damit vielleicht um einen Kommentar auf die durchgeknallte Welt des Konsumismus - überrascht bei diesem Autor kaum noch.
Die letzte Erzählung NEON IN ALTER VERTRAUTHEIT berichtet von einem Heuchler, der in einem ausführlichen logischen Schlussverfahren darauf kommt, dass die einzige Möglichkeit kein Heuchler zu sein der Selbstmord ist, den er zum Schluss vollzieht. Hier wie bei allen Geschichten von Wallace sind der Einfallsreichtum und das Sprachliche absolut zwingend, fast wie ein Sog. Schon der Beginn der letzten Geschichte macht dies deutlich: "Ich war mein Leben lang ein Heuchler. Ungelogen. Ich habe praktisch die ganze Zeit nur versucht, bei anderen Leuten einen bestimmten Eindruck zu erwecken. Meistens wollte ich gemocht oder bewundert werden. Gut, vielleicht ist es ein bisschen komplizierter. Aber letzten Endes wollte ich gemocht und geliebt werden."
Wer sollte sich davon nicht gefangen nehmen lassen. David Foster Wallace ist ein Knüller.

Thomas Reuter


Kurze Interviews mit fiesen Männern
Kurze Interviews mit fiesen Männern
von David Foster Wallace
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ideenfeuerwerk in sprachlicher Brillanz und schonungsloser Offenheit, 30. Oktober 2009
Schlichtweg genial. Es sind Geschichten, bei denen einem der Mund offen stehen bleibt. Geschichten zum Hören - und Sehenvergehen. Das ist keine gewöhnliche Literatur. Wenn man sich als Wallace-Novize erstmalig dem Schreiben dieses amerikanischen Literaten aussetzt - und mir geht es so - erkennt man augenblicklich, dass hier etwas ganz Besonderes am Werke ist. Man ist erfreut, erstaunt, geschockt mitunter - aber unbedingt überzeugt davon, dass hier etwas anders ist, als bei anderen Büchern, die man so liest. Als stieße man in eine weitere und erweiterte Dimension von Literatur vor, als wäre es nicht mehr ausschließlich Literatur, um das es sich hier handelte. Alles erscheint irgendwie schärfer, näher, größer, farbiger und beängstigender. Ja, manche dieser rund 20 Geschichten, die Wallace in diesem Erzählband versammelt hat, sind durchaus beunruhigend. Andere überzeugen durch die ungeheure sprachliche Präzision und Plastizität und andere wiederum durch ihre außergewöhnliche formale Struktur und ihren inhaltlichen Einfallsreichtum.
Worum geht es bei den Geschichten genauer? Ich will ein paar wenige Storys aus dieser Fundgrube kurz skizzieren: Da gibt es beispielsweise die zweite Geschichte FÜR IMMER GANZ OBEN, die den Leser gleich in den Bann schlägt. Es geht darin um einen 13-jährigen Jungen, der Geburtstag hat und diesen Tag im Schwimmbad verbringt: "Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag. Dein dreizehnter. Der dreizehnte ist wichtig, vielleicht der erste Tag, an dem du öffentlich in Erscheinung trittst, hinaustrittst ins Leben." Geschildert wird aus der Ich-Perspektive die Auseinandersetzung des Jungen mit diesem Tag - und dann klettert er auf den Sprungturm. Über die nächsten 10 Seiten wird minutiös und präzise geschildert, was bei der Besteigung des Sprungturm alles geschieht, was in dem Jungen vorgeht, was in dem Schwimmbad vorgeht, während er Schlange steht - und man glaubt selber fast, den Geruch der Sonnencreme auf brauner Haut riechen zu können, so genau ist die Atmosphäre eingefangen - und so klar arbeitet die gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit des Jungen vor diesem gewaltigen Sprung. Diese Schilderung ist einfach genial.
Andere immer wiederkehrende Geschichten sind die KURZEN INTERVIEWS MIT FIESEN MÄNNERN, die dem Band den Titel geben. Hier antworten anonyme Männer auf Fragen, die dem Leser verborgen bleiben. Man erschließt sie aus dem Kontext. Meistens geht es dabei um Arten und Abarten von Sex. Die schonungslose Offenheit und der gefühlte O-Ton machen dabei aus einigen dieser Geschichten so etwas wie Realsatire. Es kommt einem unglaublich real vor und es bekommt gerade dadurch so etwas Unwirkliches und Surreales.
In einem dieser Interviews ergibt sich ein Junge seiner Allmachtsphantasie, die es ihm ermöglicht, in einem Raum die Zeit anzuhalten, um mit einer Frau seines Wunsches ungestört Sex zu haben, während die anderen Personen innerhalb des Raumes zeitlich eingefroren sind. Er verheddert sich aber bei dieser Fantasie immer weiter in logische Aporien, die schließlich dazu führen, dass er die ganze Welt und das gesamte Universum in seiner Fantasie anhalten muss - alles nur, um mit dieser Frau Sex zu haben, worauf er unter der Belastung der Verantwortung zusammenbricht.
Ein weiterer Höhepunkt ist die Vierteilige Geschichte ADULT WORLD, in der es um eine junge Frau geht, die sexuelle Minderwertigkeitskomplexe hat, obwohl mit ihrem Mann alles bestens läuft. Aber wie in einer self-fulfilling prophecy treibt sie sich immer weiter in ihre Vorstellungswelt hinein. Kurz vor der Katastrophe macht sie jedoch die bahnbrechende Entdeckung der spiegelbildlichen Komplementarität ihres Ehemannes bezüglich dieses Punktes. Formal ist die Geschichte genial, da ihr letzter Teil nur noch als Skizze des Autors in einer Art argumentativen Flussdiagramm geschildert wird. Für den Leser zählt an dieser Stelle auch sowiso nur noch die inhaltliche Auflösung.
Ebenso hervorragend ist die Geschichte DIE DEPRESSIVE PERSON, in der die totale Einsamkeit eines depressiven Menschen geschildert wird, der sich niemanden mitteilen kann, da die Hilfsbedürftigkeit total ist und alle gezwungen sind, sich zu ihrem eigenen Schutz abzuwenden, was die depressive Person natürlich vollends durchschaut und dennoch nicht ändern kann.Eine letzte erschütternde Geschichte ist das Interview mit einem Mann, der von der Vergewaltigung einer Freundin von ihm durch einen Psychopathen erzählt.
Man merkt also, dass David Foster Wallace sensible und schwierige Themen anfasst. Bewegend sind dabei die schonungslose Offenheit und die psychologische Genauigkeit. Und sprachlich kann Wallace alles: während manche Geschichten wie ein fein geschliffener Diamant daher kommen, machen andere den Anschein, als würden der ganze Schutt und Müll unserer Zeit ihren Figuren im O-Ton in den Mund gelegt und dabei zugleich angeprangert. Das, was David Foster Wallace schreibt ist vollkommen unvergleichlich.

Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 27, 2010 3:30 PM MEST


Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann.  Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
Suhrkamp-Taschenbuch, Band 1: Unterwegs zu Swann. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
von Marcel Proust
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,00

13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Der Gipfel der Gattung, 23. Oktober 2009
"Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen". So einfach beginnt es. So einfach kann ein Anfang sein. Der Rückblick auf eine bereits vergangene Zeit klingt in diesem ersten Satz bereits an und das Motiv der Zeit selber wird im Wortlaut auch schon genannt. Viele Literaturliebhaber kennen diesen Satz schon, bevor sie sich tiefer mit Proust beschäftigt haben - vom zögerlichen Aufschlagen, vom skeptischen Herumblättern in diesem Vieletausendseitenbuch. Als Einstiegssatz ist es der klassische Leseverführer: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" - Ja, und dann?, fragt sich das lesende Bewusstsein - und schon ist man eingetaucht in einer Welt, die sich - noch bevor es Abend wird - zu einem unendlichen Kosmos ausgeweitet haben wird, in dem kein Bleiben und kein Halten ist und als dessen Versicherung und Gewährsmann einzig der Erzähler bleibt - ein kleiner Junge zu Anfang des Romans - an dessen Mantel sich der orientierungslose Leser festhält wie Dante am Saum des Vergil, als dieser ihn durch die Hölle führt. Nur dass man sich in Prousts A la recherche du temps perdu nicht in der Hölle, sondern wohl eher in den Himmel versetzt findet, so herrlich sind diese Kostbarkeiten der Darstellung, so anmutig die Schilderungen der Figuren, so tief die Erkenntnisse über die menschliche Seele, so leicht die über allem liegende ironische Distanz und so sanft die schwelgende Melancholie über das vergangene Leben.
In Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" hat die Romankunst unzweifelhaft den Gipfel erklommen. Es ist der grandiose Versuch, das einzulösen, worum es dem Roman als Gattung zu tun war, als er als literarische Form angetreten ist: Das Leben in seiner Totalität darzustellen. Es blieb - dies sei hier angemerkt - nicht der einzige Versuch. Es gab andere Unternehmungen dieser Art zu jener Zeit. Keine davon aber hat den Weg Prousts gewählt: Hier wird tatsächlich der Weg beschritten die menschliche Seele, ihren Bezug zur Welt und zu sich selbst in all ihren Facetten, in ihren Verästelungen, ihrer Verschlungenheit und schließlich in ihrem Gewordensein kompakt und abgeschlossen erzählend zu erfassen. Die Methode Prousts besteht darin, dass Bewusstsein in seiner Selbstvergegenwärtigung, in seiner Erinnerung des eigenen Lebens darzustellen. Symbolisch für diese Darstellung des Selbst als sich erinnerndes Subjekt steht die wohl berühmteste Stelle aus dem Mammutwerk: als der Erzähler seine Madleine in den Tee tunkt und anhand des Geschmackes, der ihn an gleiche Situationen in seiner Kindheit erinnert, ihm der gesamte Kosmos dieser vergangenen Welt aufgeht. Im Wortlaut heißt die Stelle:
"Viele Jahre hat von Combray außer dem, was der Schauplatz und das Drama meines Zubettgehens war, nichts für mich existiert, als meine Mutter an einem Wintertage, an dem ich durchfroren nach Hause kam, mir vorschlug, ich solle entgegen meiner Gewohnheit eine Tasse Tee zu mir nehmen. [...] Sie ließ darauf eines jener dicken ovalen Sandtörtchen holen, die man Madeleine nennt und die aussehen, als habe man als Form dafür die gefächerte Schale einer St.-Jakobs-Musche benutzt. Gleich darauf führte ich, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, einen Löffel Tee mit dem aufgeweichten kleinen Stück Madeleine darin an die Lippen. In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack gemischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt von etwas Ungewöhnlichen [zwei Seiten ausgelassen]. Und dann mit einem Male war die Erinnerung da. Der Geschmack war der jener Madeleine, die mir am Sonntagmorgen in Combray [...] sobald ich in ihrem Zimmer guten Morgen sagte, meine Tante Léonie anbot, nachdem sie sie in ihren schwarzen Lindenblütentee getaucht hatte." (S. 63-65)
Diese Stelle über die unfreiwillige Erinnerung ist das Zentrum des ersten Teils (Combray) des ersten Bandes (In Swanns Welt) von den insgesamt sieben Bänden des gesamten Werkes. An dieser unfreiwilligen Erinnerung hängt im ersten Teil die gesamte Darstellung der Welt Combrays, ein Dorf im Norden Frankreichs, wo der Erzähler die Sommer seiner Kindheit verlebt. Prinzipiell aber erweist sich dieser Einbruch der unfreiwilligen Erinnerung als Zentrum des gesamten Werkes. Aus ihm heraus generiert sich der immer fortlaufende Erzählfluss. In unendlichen, kaskadenartigen Sätzen werden die zum Teil skurrilen Figuren dieser Welt und Schönheiten der Natur geschildert. Aber auch hierbei geht es nicht um diese selber, sondern darum, wie der Erzähler sie empfindet, um ihre Wirkung, wie alles in diesem Roman Darstellung von psychischen und emotionalen Innenwelten ist. Bereits im ersten Teil Combray taucht ein mysteriöser Monsieur Swann auf, ein Großbürgerlicher, der in den Pariser Salons in den höchsten Gesellschaftskreisen verkehrt. Ihm gilt im ersten Teil die gesamte Verehrung des jungen Erzählers, welcher Swann im Grunde nur durch die Erzählungen der Eltern wahrnimmt. Den Großteil der Erzählung Combray nimmt dann die Darstellung des dörflichen Alltags im ausgehenden 19. Jahrhundert ein. Die Spaziergänge, die entweder über das eine, oder über das andere Dorf führen und die Ausnahme des Sonntags, an dem das Mittagessen eine Stunde früher eingenommen wird. "Eine Liebe von Swann", der zweite Teil des ersten Bandes spielt zeitlich vor der ersten und behandelt die unglückliche Liebe Swanns zu der leichtlebigen Odette. Swann steht gesellschaftlich weit über dieser jungen Frau, ist ihr aber in unendlicher Liebesqual verhaftet und führt dem staunenden Leser ein weiteres Mal jenes unendliche Rätsel namens Liebe vor Augen, das er selber sicher auch in irgend einer ihrer proteischen Spielarten kennt. Dieser Teil (Eine Liebe von Swann) ist eine geschlossene Erzählung in sich und ist auch als einziger Teil im gesamten Werk in der Er-Erzählform geschrieben. Als Studie über die Formen und Abgründe der Eifersucht mag er so manchem Leser die Wunden geleckt haben
Der letzte Teil des ersten Bandes nennt sich "Ortsnamen. Namen überhaupt". Dieser Teil spielt wiederum in der Kindheit des Erzählers, diesmal allerdings größtenteils in Paris, dem eigentlichen Wohnort der Familie. Ausgehend von der magischen Anziehungskraft von Ortsnamen wie Florenz oder Künstlernamen wie Giotto erlebt der Erzähler in dieser hyper-affizierbaren Befindlichkeit des kindlichen Bewusstseins seine erste Liebe - und zwar zu Gilberte, der Tochter Swanns und - der Leser nimmt dies mit Überraschung und Erstaunen wahr - Odettes, die gegen alle Erwartung offenbar doch ein Paar wurden. Der erste Band schließt mit den Sätzen: Die Erinnerung an ein bestimmtes Bild ist wehmutsvolles Gedenken an einen bestimmten Augenblick; und Häuser, Straßen, Avenuen sind flüchtig, ach! wie die Jahre." (564)
Wenn man bis hier gelesen hat, hat man vielleicht das Basislager dieses viereinhalbtausend Seiten Buches erreicht. Zum Gipfel hinaufschauend fragt man sich, welche nachbarschaftlichen Gebirge man wohl von dort oben sichten kann. Welche anderen Romanprojekte wohl noch in diese Höhe wachsen. Es gab, wie bereits bemerkt, zu dieser Zeit auch andere Würfe, die das Versprechen des Romans, die Totalität des Lebens in erzählter Form darzustellen, einzulösen versuchten. In nächster Nähe - und doch vollkommen anders - muss wohl James Joyce Ulysses" genannt werden. Weiter hinten am Horizont taucht Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften auf".
Joyce Totalitätsversuch arbeitet nach einem völlig andern Prinzip als das Prousts. Seine Darstellung von allem in allem besteht gerade nicht in der immer differenzierteren Ausgestaltung und spiralenartigen Umkreisung des immer Gleichen, sondern in der Verdichtung, der Verkürzung, der Verrätselung und damit in der ungeheuren Aufladung eines Verweisungszusammenhangs, der potentiell unendlich ist. Sowohl Proust als auch Joyce lebten in Paris, als sie an ihren Weltromanen schrieben. Ein einziges Mal sind sie sich begegnet. Die Unterhaltung wird in verschiedenen Formen wiedergegeben. Einem Bericht William Carlos Williams zufolge sagte Joyce: "Ich habe jeden Tag Kopfschmerzen. Meine Augen sind fürchterlich." Proust erwiderte: "Mein armer Magen. Was soll ich nur tun? Ich muss eigentlich gleich wieder gehen." "Mir geht's genauso. Auf wiedersehen". "Charmé", sagte Proust, "ach, mein Magen". Margaret Anderson schreibt, Proust habe gesagt: "Ich bedaure, dass ich Joyce Werk nicht kenne." und Joyce parierte: "Ich habe Proust nie gelesen", womit die Unterhaltung zu Ende gewesen sei. Da haben wir heutigen Leser es besser: Wir können beide wieder und wieder lesen und brauchen auf ihre künstlerischen Eitelkeiten keine Rücksicht zu nehmen.

Thomas Reuter


Mythos Weimar: Zwischen Geist und Macht
Mythos Weimar: Zwischen Geist und Macht
von Peter Merseburger
  Taschenbuch

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Macht und Geist als Zwiespalt des deutschen Bewusstseins, 22. Oktober 2009
Peter Merseburger, einst Korrespondent des Spiegels, Chefredakteur des NDR, ARD-Korrespondent und Studioleiter in Washington hat in diesem wissenschaftlich fundierten kulturhistorischen Werk den großartigen Versuch unternommen, die Wege und Irrwege der deutschen Politik, der deutschen Mentalität und des deutschen Bewusstseins in der Historie der kleinen Provinzstadt Weimar in Thüringen zu spiegeln. Ein gewagtes Unterfangen, dem man nach der Lektüre allerdings ohne jegliche Abstriche konzedieren muss: Es ist ihm vollauf gelungen!
Tatsächlich, so erscheint es dem Leser, präsentiert sich in der Geistesgeschichte Weimars in nuce das gesamte Spannungsfeld deutscher Gesellschaft und Mentalität.
Der Grundstein zu dem spezifisch deutschen Spagat zwischen Obrigkeit und Innerlichkeit, zwischen Macht und Geist, zwischen Politik und Individuum wird bereits in der Anfangsphase der Stadt zur Zeit der Renaissance gelegt. Mit Lucas Cranach als Maler, mit Bach als Musiker, der im 17. Jahrhundert zur Zeit des Barock in Weimar einige Wochen im Gefängnis einsaß, um aus seinem Vertrag beim Fürsten herauszukommen und freilich mit Luther, der in Weimar aus dem nahen Wittenberg kommend einige Predigten hielt, wurde Weimar schon früh zu einem Zentrum des protestantischen Glaubens. Luthers Trennung von Geistlichem und Weltlichem markiert den Bruch zwischen Innerlichkeit und Öffentlichkeit, der sich schließlich zu der für Deutschland so typischen Kluft zwischen Macht und Geist weiten wird. Die Grundlage hierfür wird also bereits durch Luthers Einfluss gelegt und später durch die Bildungskonzepte Humboldts, Schillers und Goethes in Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution untermauert.
Zunächst aber ist es für die weitere Entwicklung Weimars von Bedeutung, dass die junge Herzogin Anna Amalia, die von Braunschweig in den Hof eingeheiratet hat, den späteren Goethe-Freund Herzog Carl August gebar und dann im jungen Alter von 21 Jahren bereits Witwe wurde, sich jeglicher Bevormundung durch den Hof widersetzte und stattdessen den damaligen führenden Literaten Wieland als Erzieher ihres Sohnes an den Weimarer Hof holte. Heute interessiert sich für die Literatur Christoph Martin Wieland nur noch die Literaturwissenschaft. Damals war er aber mit seinen riesigen satirischen Romanen und aufklärerischen Schriften der führende Literat Deutschlands. Sein Ruf trug mit dazu bei, dass in seiner Folge auch andere große Namen kamen. Goethe erreicht Weimar am 7. November 1775. Seine frühe Freundschaft mit dem 10 Jahre jüngeren Carl August ist legendär und anekdotenreich. Bedeutend für die Entwicklung jener spezifisch deutschen Geisteshaltung in Bezug auf Politik und Obrigkeit wird aber natürlich die Freundschaft mit Schiller ab 1794. Im Zeichen der Weimarer Klassik und in Abkehr von den Wirren der Französischen Revolution entwickelt sich hier eine Begrifflichkeit des Individuums, die zwar die allgemeine Bildung des Subjekts emphatisch preist, zum anderen aber glaubt, dies nur in der Abkehr von den politischen Niederungen der Alltagswelt ermöglichen zu können. Der Rückzug aus der Welt, die bloß profan ist, und die Hinwendung zur Ausbildung eines Selbst, das sich selber genügt und auf die Teilhabe an der Welt verzichtet, haben hier ihren Ursprung.
Dieser Streit zwischen Geist und Macht gewann in den drauffolgenden Jahrhunderten bis in die Gegenwart hinein immer wieder Aktualität. Merseburger zeigt dies an den weiteren Kapiteln der Weimarer Geschichte. Von Bedeutung sind dabei im 19. Jahrhundert die sogenannte Silberne Zeit im Zeichen der Musik. Franz Liszt und Richard Wagner spielen hier eine Rolle. Die Jahrhundertwende mit der Wende zur Moderne: Nietzsche und das Bauhaus. Die Weimarer Republik, deren Nationalversammlung 14 Monate in Weimars Theater tagte, da man Angst vor Ausschreitungen in der Großstadt Berlin hatte. Schließlich die düstere Zeit des Nationalsozialismus mit dem Zwillingsort Buchenwald und dann die ideologischen Verzerrungen des DDR-Regimes.
Höchst aufschlussreich an dieser Darstellung Merseburgers ist, wie nach dem Tode Goethes die Weimarer Klassik für alle folgenden Zeiten ein Gegenstand der Auseinandersetzung sein musste, wie aber auch jede Zeit - ja selbst die des Nationalsozialismus - es verstanden, ihr Kapital daraus zu schlagen und die Klassiker in ihrem Sinne nutzbar zu machen. Der Leser vermag hier sich seine Lektionen in Fragen von Gesinnungs- und Ideologiekritik zu holen: Wer glaubt, über gesicherte historische Kenntnisse zu verfügen, hat vielleicht noch nicht tief genug im Bodensatz seiner eigenen Zeit gegraben.

Thomas Reuter


Weimar: Ein Reisebegleiter (insel taschenbuch)
Weimar: Ein Reisebegleiter (insel taschenbuch)
von Annette Seemann
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Vortrefflicher Reisebegleiter mit editorischen Mängeln, 21. Oktober 2009
Hunderte Bücher gibt es zu Weimar. Die Stadt selber bietet sich mittlerweile als bildungsbürgerliches Schlachtfeld dar, welches Tag für Tag von einer besonderen Spezies von Hooligans durchpflügt wird: den Schlachtenbummlern des Geistes. Wie dem auch sei, auch solch raffinierte Gelüste wollen geführt und geleitet sein. Wer zu diesem Behufe zu dem vorliegenden Reisebegleiter greift, tut damit keine schlechte Wahl, denn er ist außerordentlich kenntnisreich, gut erzählt und für den angestrebten Zweck völlig umfassend. Acht ausgedehnte, thematisch orientierte Spaziergänge hat Annette Seemann für den Bildungsflaneur arrangiert. Aber was heißt schon Spaziergang? Es ist im Grunde doch eher eine erzählte Geschichte der Stadt, ihrer Blütezeit im 18. Jahrhundert, ihrem Silbernen Zeitalter im 19. usw. erzählt am Leitfaden der Gebäude und er Straßen. Viele Anekdoten, Geschichten, Klatsch und Tratsch der großen Weimarer Zeit finden Eingang in die Erörterung, so dass sich der Leser tatsächlich recht umfassend auf seinen Besuch vorbereitet sieht. Jedenfalls erfährt er sehr viel mehr grundlegende Fakten, als aus den meisten Reiseführern hervorgehen.
Zwei negative Anmerkungen muss man allerdings machen. Einmal mutet es doch etwas abwegig an, den Spaziergang Buchenwald als dritten Spaziergang noch vor dem eigentlichen klassischen zum Goethe- und Schillerhaus zu präsentieren, zumal dieser eigentümliche Vorzug ausgerechnet im Sinne einer verquasten Idee von political correctness daherkommt. Der zweite Punkt betrifft einen editorischen Mangel. Auf den Spaziergängen werden ausgesprochen viele Zitate aus den Klassikern und anderen Büchern geliefert - was ja ausschließlich erfreulich ist. Herauszufinden wie die Titel dieser Bücher sind, ist aber ein kleineres Unterfangen, weil diese im Anhang nach dem Namen der Autoren, die man in den meisten Fällen gar nicht kennt, geordnet sind und es beinahe purer Zufall ist, wenn man das gesuchte Buch tatsächlich finden sollte. Eine derartig schlecht arrangierte Bibliographie habe ich meinen Lebtag noch nicht gesehen. Meinen Glückwunsch ans Lektorat!

Thomas Reuter


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