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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Tauben fliegen auf: Roman
Tauben fliegen auf: Roman
von Melinda Nadj Abonji
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

8 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Buchpreise stürzen ab, 16. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Tauben fliegen auf: Roman (Gebundene Ausgabe)
Wie kann es sein - frage ich mich - dass sich ein solcher Roman beim Deutschen Buchpreis gegen seine gesamte Konkurrenz durchsetzten kann? Ein Rätsel. Dieser Roman ist so unentschieden in allem, was er will und zu sagen hat, dass man als Leser überhaupt nicht weiß, was man damit anfangen soll. Das fängt bereits beim Titel an: TAUBEN FLIEGEN AUF. Hat man schon einmal einen derartig nichtssagenden Titel gelesen. Auch wenn die Szene im Buch auftaucht, muss man sich fragen, was so titelgebend an ihr sein soll. Mir scheint es vielmehr, dass die Autorin selber nicht wusste, wie sie ihr Buch nennen soll, und sich daraufhin entschied, ihm einen irgendwie rätselhaften Titel zu geben, der zumindest suggeriert etwas heißen zu können.
Auf dem Rückdeckel des Buches, womit der Verlag meistens wirbt, steht ein einziger Satz: EIN SCHWUNGVOLL UND GEWITZT ERZÄHLTER ROMAN AUS DER MITTE EUROPAS. Zunächst ist man perplex. Wie bitte? Es wird sich doch wohl in irgendeinem deutschen Feuilleton etwas finden, womit man für dieses Buch werben kann. Aber bei der Lektüre erkennt man: Dieser Satz trifft die Sache auf den Punkt. Er ist genauso inhaltsleer und wischi-waschi wie das ganze Buch. Erst beim Schreiben dieser Rezension entdecke ich, dass der Satz aus der Kurzbeschreibung bei Amazon stammt. Eigenartig, dass der Verlag hierauf zurückgreift. Gab es ansonnsten nur Verisse und den deutschen Buchpreis? Wie dem auch sei. Worum geht es?
Die ungarische Familie Kocsis siedelt lange vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens aus Serbien in die Schweiz über - besucht aber immer wieder ihre alte Heimat. Die beiden Töchter finden in beiden Welten ein Zuhause, entfernen sich aber notwendigerweise immer weiter von ihren serbischen Wurzeln. Die Familie arbeitet in verschiedenen Gewerben, schließlich haben sie ein Café. Die Töchter werden älter, kommen in die Pubertät, erste Liebschaften. Eine Jugend im Schatten aufkeimenden Wohlstands - und leidlicher Erfahrungen sanfter Fremdenfeindlichkeit. Diese beiden Mädchen kann man letztlich nur als völlig integriert beschreiben. Was sie an Fremdheitserfahrungen machen, bleibt niemanden erspart, der einmal im Leben - na sagen wir - die Anhängerschaft zu einem Fußballverein wechselt. Warum von diesem Gegenstand ein solches Aufheben in der Kritik gemacht wird, ist mir völlig schleierhaft. Die Gräueltaten, die alldieweil in der Heimat geschehen, tauchen hier nur am äußersten Rande auf - aber gut, das wollte der Roman wohl auch nicht erzählen. Nur - was wollte er erzählen? Das weiß ich nach der Lektüre so wenig wie der Titel und der Buchdeckel mir Aufschluss darüber geben.
Gut - es geht ja in der Literatur nicht unbedingt um Handlung. Also, wenn der Roman schon kein Thema hat, dann ist er sprachlich doch sicher grandios. Mitnichten. Die Erzählhaltungen sind wenig innovativ, die Detailversessenheiten bei den Innensichten geradezu schmerzhaft, der Stil mitunter etwas naiv - wie bei naiver Malerei.
Wie ein Gremium aus lauter Verlagslektoren, Buchhändlern und Kritikern, die sich beruflich mit dieser Materie befassen, diesen Roman und nicht - beispielsweise Judith Zanders DINGE DIE WIR HEUTE SAGTEN - haben wählen können, macht mich fassungslos.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 2, 2012 1:23 PM CET


The Backbone of the World: A Portrait of the Vanishing West Along the Continental Divide
The Backbone of the World: A Portrait of the Vanishing West Along the Continental Divide
von Frank Clifford
  Taschenbuch
Preis: EUR 18,46

5.0 von 5 Sternen Hartes Leben im Schatten des Nirgends, 15. Juni 2011
Unermessliche Weiten bestimmen dieses Land. Wer sich dort niederlässt, ist ein Fremder der Welt. Nur Kauze, Einsiedler und andere Abgefallene schaffen es, im Schatten des Great Divide ihr Dasein zu fristen. Frank Clifford, Journalist der Los Angeles Times, hat ein Porträt dieser Welt am Rande des Continental Divide erstellt, jener Linie durch die Rocky Mountains an der sich die Wasser des Pazifischen Ozeans und des Atlantik, bzw. des Golf von Mexikos scheiden. Jeder Tropfen Regen, der westlich dieses Höhenzugs auf den Boden fällt, fließt in den Pazifik, das Wasser östlich hingegen fließt in den Atlantik. Der Continental Divide führt über viele tausend Kilometer längs durch den gesamten Nord- und Mittelamerikanischen Kontinent - immer entlang der Gipfel und Höhenzüge der Rockies. Zweifellos handelt es sich um Wildnis, schwieriges Gelände. Keine Gegend, in der man leben kann oder möchte. Die waggon-trecks der Siedler mussten sie überqueren. Ihre Spuren findet man heute noch - und die Wege, die sie gezogen sind.
Seit vielen Jahren gibt auch Bestrebungen, einen Continental Divide Trail - ähnlich dem Appalachian Trail zu erstellen. Aber viele Formalitäten stehen dem Projekt im Wege und auch die Voraussetzungen sind andere. Das Gebiet ist unwegsamer und auch die Besitzverhältnisse und Interessenkonflikte sind nicht unproblematisch. Lokalpolitiker, eingefleischte Einsiedler, Jäger, Tiertreiber, reiche Freizeitaktivisten aus den Städten, Green-Party-Aktivisten - alle haben bei der Nutzung dieser so leeren Welt ein Wörtchen mitzureden. Und sie treffen größtenteils auf eine Erzkonservative Bevölkerung, die weder mit den Freizeitspaßlern noch mit den Grünen irgendetwas anfangen können. Man sollte hierzulande meinen, jemand, der in der Natur lebt, muss per se auch grün denken. Dies mag hier gelten, in Amerika ist das lange nicht der Fall. Die Bewohner der Rocky Mountains haben ältere Rechte an ihrer Welt als dahergelaufene grüne Fuzzies - so würden sie sie wohl bezeichnen, die ihnen in ihr Leben reinfuschen wollen.
Außerdem gibt es militärisches Sperrgebiet, Wasserwerke usw. Der Divide Trail bleibt also vorerst Stückwerk und Frank Clifford ist ihn keinesfalls gewandert. Er hat vielmehr über die gesamte Strecke verteilt die Menschen besucht, die dort leben. Jäger, auch Wilderer, Einsiedler, Ranger, Stadtflüchtlinge - viele leben in relativer Armut, viele unter harten Bedingungen. Es ist eine Welt, in der die Kargheit der Lebensverhältnisse der Zeit des Wilden Westens noch so real sind wie damals.
Es ist ein buntes, lesenswertes Porträt entstanden. Eine Lektüre, die Lust macht, selber aufzubrechen und die Einsamkeit des verschwindenden Westens in dieser riesigen Welt zu suchen.
Thomas Reuter


Die Tränen meines Vaters: und andere Erzählungen
Die Tränen meines Vaters: und andere Erzählungen
von John Updike
  Gebundene Ausgabe

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Szenen sanften Abschiednehmens, 15. Juni 2011
Wunderbare Geschichten sind dies, die John Updikes letztes Vermächtnis an die Welt darstellen. Bis auf die erste Geschichte MAROCCO sind alle diese 18 Geschichten in den letzten 10 Jahren entstanden. Ihnen allen ist der Abschied eingeschrieben, alle erzählen von gelebtem Leben. All die Entscheidungen, die Zufälligkeiten, Verletzungen, Freuden, Hoffnungen, Enttäuschungen - eine große Distanz nimmt ihnen den Schrecken, eröffnet die Möglichkeit zur Versöhnung mit dem eigenen Leben. Nicht selten kehrt der Erzähler dabei zu seinen Anfängen zurück, trifft auf Menschen seiner Kindheit, aus High-school-Tagen oder auf Frauen, die er damals als junges Mädchen vergöttert hat - und heute? Das Leben hat andere Wege eingeschlagen. Manchmal bestätigen sich die Entscheidungen, manchmal zeigen die Entscheidungen dem Erzähler, wer er war und wer er geblieben ist. Somit geht es immer auch um die Freiheit des Menschen - die Freiheit sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, Entscheidungen zu treffen, sich zu lösen, Bindungen einzugehen. So begegnet der Erzähler in der Geschichte FREI endlich seiner wahren Jugendliebe, nachdem diese mehrere Ehen hinter sich hat und er mit Witwer seiner einzigen Frau ist. Eine Begegnung wird langwierig geplant und eingefädelt - nur um zu erkennen, dass ihn mit dieser Frau rein gar nichts verbindet und er auch frei ist, die vermeintliche Erfüllung seines Lebenstraums auszuschlagen. Er verlässt das Treffen und übernachtet in der Lieblingsunterkunft seiner verstorbenen Gattin.
In der Geschichte PERSÖNLICHE ARCHÄOLOGIE verbindet sich auf bewegende Weise die Geschichte eines Landhauses in New England - und damit ein Teil der amerikanischen Sozialgeschichte - mit der persönlichen Geschichte des Erzählers. Craig Martin hat ein riesiges altes Landgut erworben. Auf seinen Wanderungen durch die Parks, die zum Anwesen gehören, findet er immer wieder Überbleibsel der früheren Besitzer. Archäologische Fundstücke, die ihm Aufschluss über die Eigenheiten, den Stand, ja die gesamte Geschichte dieser Vorbesitzer geben. Er verbindet sie alle mit einer bestimmten Ära des Landes - bis er eine Tages Golfbälle findet, die er selber vor Urzeiten, als er das Anwesen erwarb, in den Wald geschlagen hatte - damals noch in der Hoffnung selber ein statthafter Golfer zu werden. Die Bälle markieren den Anfang seiner eigenen Ära, aber er steht am Ende seines Lebens.
Diese Geschichten sind alle berührend und mit einer erstaunlichen Leichtigkeit und Unaufdringlichkeit erzählt. Es handelt sich zweifellos um die Kunst eines großen Erzählers.

Thomas Reuter


Bob Dylan: The Essential Interviews
Bob Dylan: The Essential Interviews
von Jonathan Cott
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Der Picasso der Musik, 14. Juni 2011
440 Seiten Interviews - das kann doch nur eine Strafe sein - sollte man meinen. Man kennt doch die Art und Weise, wie Dylan sich seit je seinen Ausfragern entzieht, der Interviewer, der in den eigenen Spiegel schaut - wer will das nun auch noch lesen?
Doch in Wahrheit sind diese Interviews ein kleiner Schatz voller Diamanten, ein Steinbruch für Ästhetiker, Philosophen und Historiker, ein Abriss über die westliche Mentalitätsgeschichte auf dem neuen Feld von Öffentlichkeit und Privatheit, von Populär- und ernsthafter-, von underdog- und hoher Kultur - oder, ja, wie soll man ihn eigentlich benennen, diesen Einbruch der Pop- und Rockkultur, insbesondere den Einbruch dieser Figur Bob Dylan in die etablierte Welt?
Mit nahezu nichts lässt sich das plötzliche Auftreten dieses SÄNGERS, DER AUS DEM NICHTS KAM, wie ihn Edo Reents kürzlich in der FAZ bezeichnete, vergleichen.
Bereits in dem herkunftslosen Erscheinen des ganz jungen Dylan gründet ein großer Teil seines Mysteriums und seiner Rätselhaftigkeit. Bereits als 20-jähriger, als sein Stern in New York aufgeht, scheint Dylan alles von der Welt zu wissen und er ist bereits vollkommen fertig in allem, was er zu sagen hat. Verblüfft liest man, dass sich Dylan bereits in dem ersten hier abgedruckten Interview von 1962, kurz bevor sein erstes Album erscheint, begriffsmäßigen Zuschreibungen seiner Kunst verweigert. Dies bleibt eine Konstante in der Geschichte des Sängers genauso wie es die unvermeidliche Frage der Öffentlichkeit mindestens für die ersten 10 Jahre seiner Karriere bleibt: Die Frage WER BIST DU?
Durch diese Interviews der frühen Jahre geht ein wahrer Furor der Identifizierung. WER BIST DU? Das ist die Frage nicht der Jugend, die in Dylan ihr vermeintliches Sprachrohr erkennt, sondern die der älteren Generation, die dem unvordenklichen Phänomen, das Dylan darstellt, fassungslos gegenübersteht und bestrebt ist, es einzudämmen, soll heißen, es zu verstehen, einzuordnen, abzuhandeln, wegzupacken. Aber nicht so mit Bob Dylan. Aus einer ungeheuerlichen Distanz heraus hält er sich jegliche Zugriffe vom Leib. Es ist diese Distanz zu seinem Publikum, zur Welt, ja zu sich selbst, die ihn in der frühen Phase zum wahren Künstler werden lässt. Noch in seinem Song THINGS HAVE CHANGED aus dem Jahre 2000 heißt es passend I'VE BEEN TRYING TO GET AS FAR FROM MYSELF AS I CAN. Mit einer Stimme, die nicht von dieser Welt scheint und mit Liedern, die so neu und doch aus tiefen Vorzeiten zu kommen scheinen, war Dylan für wirklich jeden ein Unikum, ein absolutes Novum, das aber zugleich zum Repräsentanten der jungen Generation wurde.
Was sich an diesen frühen Interviews zeigt, ist zweierlei. Zum einen wirft es ein Licht auf die Öffentlichkeit jener Zeit, die weder mit dem Phänomen einer zunehmend unkontrollierbaren Jugendkultur noch mit den Gesetzten der Öffentlichkeit selber Erfahrung hatte. Die Fragen, die an den 20+jährigen gestellt werden, sind bisweilen haarsträubend und bisweilen lächerlich. Alle Fragen, die sich auf seine Person beziehen, auf die Herkunft seiner Musik, auf die Gründe seiner Popularität und auf Einordnungen seiner Musik, weist der junge Dylan mit Witz und zuweilen philosophischen Tiefsinn zurück. Es zeigt sich in diesem Habitus eine grundsätzlich Sprachskepsis, die sprachskeptischen Bemerkungen eines Nietzsche in Nichts nachzustehen scheinen. I JUST KNOW IN MY OWN MIND THAT WE ALL HAVE A DIFFERENT IDEA OF ALL THE WORDS WE'RE USING, heißt es an einer Stelle, in deren weiteren Ausführung Dylan überhaupt die Möglichkeit und die Sinnhaftigkeit allgemeinerer Beschreibungen zurückweist.
Zum anderen zeigt sich in diesen frühen Interviews ein Mensch, der sich mit einer ungeheuerlichen Gewalt und mit einem zwingenden Willen von der Welt losreißt und einzig und alleine nach seinen eigenen Regeln, nach seinem eigenen Verständnis lebt. Dies ist der eigentliche Urgrund der Faszination, die Dylan auf die Mitwelt ausübt. Was Dylan für seine Mitwelt darstellt ist, in einem Wort gefasst, absolute Freiheit. Eine Freiheit, die als Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung seit der Zeit der Klassik und der Aufklärung zum Telos des eigentlichen Mensch-Seins geworden ist.
Mit einer schlafwandlerischen Selbstsicherheit folgt Dylan seinem einzig eigenen Weg. Dylan verwirklichte für sich, was andere sich wünschen - ganz sie selbst zu sein. In einem Interview von 1964 sagt er ALL I CAN DO IS BE ME. I CAN'T TELL THEM HOW TO CHANGE THINGS, BECAUSE THERE'S ONLY ONE WAY TO CHANGE THINGS, AND THAT'S TO CUT YOURSELF OFF FROM ALL THE CHAINS. THAT'S HARD FOR MOST PEOPLE TO DO.
Wie Ernst Dylan dieses Losreißen und sich selber treu bleiben nahm, musste die entsetzte und verstörte Anhängerschaft mehr als einmal erfahren, wenn Dylan durch seine atemlosen Entwicklungssprünge seine Fans verprellte und hinter sich ließ. Er war nicht nur zu keinerlei Konzessionen an die Forderungen der Welt bereit, die ihn doch nun mal mit sich selbst identifizieren wollte, sondern er erschuf gegen das System der Pop-Geschäftswelt, in der Namen zu Produkten werden, seine eigenen Geschäftsregeln. Dylan zerstörte immer wieder sich selbst mit einer solchen Kraft, dass man nicht glaubte, so jemand könnte noch einmal wiederkommen.
Was Dylan in einem Interview 1966 sagte, muss man wohl ernst nehmen: I REALLY JUST DON'T CARE - HONESTLY JUST DON'T CARE - WHAT PEOPLE SAY ABOUT ME. I DON'T CARE WHAT PEOPLE THINK ABOUT ME. I DON'T CARE WHAT PEOPLE KNOW ABOUT ME.
Soweit zum frühen Dylan der ersten 10 Jahre. In den 70er Jahren - der Sänger ist bereits in seiner vierten Neugeburt - gibt sich Dylan sehr viel persönlicher. Er hat bereit gelebt jetzt und kann nicht mehr jener unendlich distanzierter Beobachter und Benenner sein, der unsere Welt wie aus fremden Augen betrachtet. Die Alben werden persönlich. Tiefere künstlerische Ambitionen greifen Raum. Dylan befindet sich auf der Rolling Thunder Revue mit wechselnden Musikern, einem ganzen Tross, wie ein fahrender Zirkus und produziert nebenher einen 4-stündigen Film, den er selber finanziert, weil er unabhängig sein will. In diesen Interviews liest man, was man sonst nie von Dylan liest. Er lässt sich vollkommen auf die Welt ein und - ja - erläutert seine Kunst. Seitenweise gibt er eigenständige Interpretationen über seinen Film, wie diese oder jene Szene gemeint sei, welche Rolle welche Figur hat, und weist den Rezensenten auf ein Detail hin, das jener vielleicht übersehen haben könnte.
Musikalisch und künstlerisch steht er voll im Saft, aber an Aura und Ausstrahlung hat er verloren. Umso mehr noch in den 80er Jahren. Die Hinwendung zum Born-again Christian bleibt auch für diesen Chamäleon eines Künstlers eine schwer verständliche Episode. Dylan dümpelt in den Studios und auf der Bühne vor sich her. Er hat den Anschluss verloren, ist ein Monument seiner selbst, eigentlich überflüssig geworden. Die Interviews aus dieser Zeit historisieren seine Anfänge, seine Rolle in der Musik und die moderne Art Musik zu machen bekommt eine Portion Bashing.
Und dann die grandiose Kehrtwende und Neubesinnung seiner ur-eigenen Musik in den 90ern! Endlich die Akzeptanz seiner selbst und seiner Rolle, seiner Musik. Dylan begreift seine vielen hundert Songs als einen Steinbruch der Musikgeschichte, aus dem er immer neue Gebäude bauen kann. Der Erfolg mit den späten Alben seit TIME OUT OF MIND zeigen im Interview einen sehr gelösten Dylan. Er hat allen Grund dazu.
In der Kunst kann man Dylan nur mit Picasso vergleichen. Von der offenkundigen Genialität und der beständigen Selbstüberschreitung, die für beide charakteristisch sind, geben die 440 Seiten Interview beredtes Zeugnis. Eine lohnende und kurzweilige Lektüre!

Thomas Reuter


Alle Toten fliegen hoch: Amerika
Alle Toten fliegen hoch: Amerika
von Joachim Meyerhoff
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Coming-of Age in den 80ern, 10. Juni 2011
Coming-of Age Romane sind vollkommen zu Recht ein erfolgreiches Genre. Die gewaltigen Umwälzungen in der Jugend, die Selbstfindung, die Fremdheit der Welt, erste Liebe, erster Schmerz, Herkunft und Zukunft, einfach alles - die gesamte Spannbreite des Menschseins lässt sich in einem Coming-of Age-Roman abhandeln. Und deshalb haben sich auch alle daran versucht - von James Joyce bis Frank McCourt. Freilich, so weit wie die Spannbreite der Themen ist auch die Qualität. Grundsätzlich funktionieren sie aber fast alle. Joachim Meyerhoff variiert das Grundmuster durch zwei Ingredienzen. Es ist erstens ein Coming-of Age -Roman, der sehr deutlich in den 80er Jahren spielt. Das eingesetzte Zeitkolorit trägt für den wissenden Leser sehr zur Erheiterung bei - eine Schicksalsgemeinschaft zwischen Autor und Leser, die bei diesem Genre ja auch häufig eine Rolle spielt. Zweitens aber wird die Fremdheit des pubertierenden Ich-Erzählers gegenüber der Welt in diesem Roman allerdings potenziert, insofern er gegen Ende seiner Schulzeit für ein Jahr in den amerikanischen Westen einen Schüleraustausch unternimmt - genauer nach Wyoming. Das ist nun wiederum sehr speziell. Zwar ist der Erzähler das Ländliche gewohnt, er kommt aus dem deutschen Norden, aber die gewaltigen Dimensionen Wyomings, die befreiende und die befremdliche Andersheit der Amerikaner lassen den ohnehin schon pubertätsentfremdeten sich noch weiter von seinen deutschen Wurzeln und Identität entfernen. Er lernt das amerikanische Schulsystem kennen, das fast ausschließlich auf Sport ausgerichtet ist, wird in die renommierte Basketballmannschaft aufgenommen und lernt auf einer absonderlichen Pool-Party ein Mädchen kennen, die den The German", wie er ausschließlich genannt wird, absonderlich findet.
Es gibt in dem Roman einige gnadenlos witzige Passagen wie beispielsweise ein Schwimmbad-Besuch noch als Kind in Deutschland. Unser Erzähler trägt eine Lederhose, die jegliches Rutschen auf der Riesen-Mega-Rutsche verhindert, was eine unbeschreibliche Rutsch-Schlange verursacht, die ihm seine ganze Schullaufbahn nachhängen wird. Es gibt allerdings auch ein paar Längen und eine ordentliche Kürzung hätte der Lesefreude auch gut getan. Insgesamt aber ein wunderbarer Roman über eine Jugend in den 80ern.


Bob Dylan: Ein Kongreß
Bob Dylan: Ein Kongreß
von Axel Honneth
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,00

14 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Und die Wissenschaft tanzt zum Tombstone Blues, 3. Juni 2011
Rezension bezieht sich auf: Bob Dylan: Ein Kongreß (Taschenbuch)
Ja, was soll man davon halten? Mit aller Ernsthaftigkeit wird ein wissenschaftlicher Kongress einberufen, der die Musiklegende Bob Dylan zum Thema hat. Und im Mai 2011 fand bereits ein weiterer an der Universität in Mainz statt. Bob Dylan hat die Universitäten erreicht. Und als wären sich die Literatur-, Kultur- und Musikwissenschaftler selber nicht so ganz sicher, ob das so seine Richtigkeit hat, werden erst einmal in breiter Form Begründungen herbeiargumentiert, warum auch die Pop-Musik der wissenschaftlichen Kunstreflexion genügen soll, auch wenn sie doch bloßes Produkt der Kulturindustrie sei. Und damit ist man dann auch schon bei Adorno und Walter Benjamin und der Dylan-kundige Leser merkt gleich, dass hier etwas schief läuft. Wer glaubt, seine musikalische Vorliebe in derartig hochgeschraubter Form begründen zu müssen, hat wohl ein kleines Statusproblem.
Ein weiteres Problem liegt im Methodischen. All die ausgebildeten Literaturwissenschaftler, die hier das Wort ergreifen, können doch nur ihrer Disziplin gemäß die Texte Dylans ernst nehmen. Allzuernst möchte man manchmal meinen. Auch wenn Dylans Texte hochanspruchsvolle lyrische Gebilde sind, kann man sie doch nicht ganz wie Gedichte behandeln. Sie gehorchen dafür neben all der lyrischen Grundierungen und dem philosophischen Material, das sie transportieren, viel zu sehr auch dem Beat, dem Reimzwang, dem schieren Zufall, der Entropie. Daher haben die hochfahrenden Interpretationen an mancher Stelle etwas Lächerliches. Es erinnert an den Fragesteller aus einer Presse-Konferenz in Scorceses Dokumentation NO DIRECTION HOME, der Dylans T-Shirt-Wahl beim Cover zu HIGHWAY 69 REVISITED eine bestimmte Absicht unterlegte. Dylan verneint das, bzw. weiß gar nicht, wovon dieser spricht, dieser aber beharrt und meint, er habe sich lange Gedanken dazu gemacht. Dass Dylans Äußerungen allzu oft für bare Münze genommen werden, wo doch jeder engagierter Hörer weiß, dass Dylan eine Kunstfigur ist, die sich bewusst hinter widersprüchlichen Äußerungen versteckt, hat manchmal etwas herrliches Naives und manchmal etwas herrliches Blödes. Jedenfalls wird es dem Phänomen nicht gerecht.
Wie dem auch sei: Auf der anderen Seite gibt es in diesem Band einige ausgesprochen interessante Beiträge, beispielsweise über die Religiosität bei Dylan, gezeigt an Texten quer durch das Werk. Oder aber die Entwicklung seiner Stimme am Beispiel von A HARD RAIN'S GONNA FALL über die Jahrzehnte seiner Bühnentätigkeit. Der Artikel über Utopie und Anti-Utopie ist sehr aufschlussreich wie auch der zu AMERIKANISCHE TRÄUME von Susan Neiman, wenn er auch stark durch die Fan-Brille geschrieben wurde. Hier erfährt aber der deutsche Leser sehr viel über die Andersheit Amerikas - Frau Neiman ist Amerikanerin - die in der Wahrnehmung Dylans dem deutschen Blick einfach verborgen bleiben muss.
Für Dylan-Interessierte insgesamt eine sehr lohnende Lektüre. Aus der Schlussdiskussion DYLAN IN DEUTSCHLAND habe ich erfahren, dass die ersten vier Alben Dylans erst 1965 nach Deutschland kamen, zusammen mit den ersten Cover-Versionen der Byrds. Dylan selber war zu diesem Zeitpunkt bereits in seine nächste Phase eingetreten. Aber damit erklärt sich der seltsame Umstand, dass ein großer Teil der damaligen deutschen Jugend Dylan nur in den vollkommen weichgespülten Versionen der Byrds kennen und schätzen lernten und auch noch heute diese bevorzugen. Der ereignishafte, phänomenale Beginn dieses Sängers aus dem Nichts blieb ihnen verwehrt. Für später Geborene spielten wiederum die Byrds überhaupt keine Rolle mehr. Dafür konnte die Erscheinung Dylans - nunmehr historisch - wieder wahrgenommen und gewürdigt werden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 6, 2011 9:28 PM MEST


Das Schneekind
Das Schneekind
von Nicolas Vanier
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Familienreise in die Schneehölle, 3. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: Das Schneekind (Taschenbuch)
Ein Buch, das man mit Erstaunen, Bewunderung und Fassungslosigkeit liest. Es hat schon etwas erheblich Mythisches, was uns Nicolas Varnier hier erzählt. Eine NUCLEAR FAMILY, also Mann, Frau und Kind alleine in der Wildnis. Nicht nur das: Die Wildnis ist nicht irgendwo, sondern in den unwegsamen Bergen der kanadischen Rocky Mountains. Das Kind ist mit 1 œ Jahren gerade dem Babystatus entwachsen und die Jahreszeit ist nicht Sommer, sondern der kanadische Winter.
Was soll man davon halten. Man staunt, man ist verblüfft, ja überwältigt über so viel Manneskraft und Mut. Alleine der Bericht, wie Varnier sozusagen mit bloßen Händen und den Pferden als Zugtier ganz alleine eine vollständige Hütte an einem einsamen See innerhalb von 3 Wochen erbaut, hat etwas geradezu Übermenschliches. Unendliche Strapazen erwarten die Familie schon auf der Anreise zu diesem See. Wochenlange Regenfälle, unwegsames Gebiet. Nach dem Einbruch des Winters wird sich von der Hütte verabschiedet und es geht 1800 km mit dem Hundeschlitten nach Dawson. Der Schnee ist schlecht. Oft ist es nicht kalt genug. Dann wieder so kalt, dass man sich fragt, wie man da überleben soll. Alles in allem also ein schier unglaublicher Bericht.
Und dennoch stoße ich mich an ihm und werde nicht vollkommen warm mit diesem kalten Unterfangen und frage mich woran es liegt. Ich glaube, es ist der familiäre Aspekt des Unternehmens. Das Abenteuer als Familienreise stellt doch ganz andere Fragen der Rechtfertigung. Als die Pioniere noch mit ihren Familien aufbrachen, ging es darum, eine neue Heimat zu finden. Und wenn Abenteuer, Männer wie Frauen, heute aufbrechen, geht es darum Grenzen zu erfahren, dem zivilisierten Selbst wieder Sinn abzuringen, sich zu beweisen. Aber ein kleines Kind, das gerade laufen kann auf ein solches Abenteuer mitzunehmen, heißt das nicht, den Öko-Ruf, der laut genug durch dieses Buch schallt, zu ernst zu nehmen? Nun, das mag jeder sehen wie er will. Mir scheint es jedenfalls befremdlich und da die kleine Montaine auf den Bildern so süß aussieht, ist man wahrlich froh, dass alles für sie gut gegangen ist.


Walking the Appalachian Trail (Official Guides to the Appalachian Trail)
Walking the Appalachian Trail (Official Guides to the Appalachian Trail)
von Larry Luxenberg
  Taschenbuch
Preis: EUR 20,69

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einmal im Leben, 3. Dezember 2010
Ein besseres Buch über diesen König der Fernwanderwege kann ich mir nicht vorstellen. Es handelt sich um eine vollkommen stimmige Mischung aus Wanderratgeber und Sammelsurium von Wanderanekdoten, das ein sehr persönliches Insiderbild der Appalachian-Communitiy bildet. Die Kapitel wechseln immer ab zwischen Porträts berühmter und mittlerweile wohl historischer Thru-Hiker und Kapiteln, die sich ein bestimmtes Thema vornehmen, beispielsweise A HISTORY OF THE TRAIL oder LIFE AFTER THE TRAIL. Diese Kapitel sind aber keinesfalls in Form eines nüchternen Ratgebers geschrieben, sondern als Erzähltext aufbereitet. Ein ungemein vielseitiges Buch, das große Lust auf die Begehung des Trails macht. Einziges Manko ist vielleicht, dass das Buch bereits Mitte der 90er Jahre erschienen ist und alle Darstellungen der Porträts also zu diesem Zeitpunkt enden.
Bei den Porträts werden wirklich skurrile Figuren heraus gepickt. Eine siebenfache Mutter, die erst im gehobenen Alter von 67 Jahren sich aus den Zwängen der Familie befreit und den Trail fortan immer wieder begeht und zu einer bekannten Persönlichkeit wird. Es handelt sich um Emma GRANDMA Gatewood. Andere sind nicht weniger unkonform. Das Phänomen des Trail-Namens, den sich jeder Wanderer erwirbt, scheint mir besonders interessant. Wie eine zweite Geburt, eine neue Identität begleitet er die Wanderer auf ihrem Weg.
Zugleich folgt das Buch in seinen thematischen Teilen dem Weg von Süden nach Norden. In der Mitte des Buches gibt es folglich ein Kapitel über die Halbzeit des Weges. Am Ende eins über LIFE AFTER THE TRAIL usw. Ein rundum tolles Buch, das allerdings einer Aktualisierung bedürfte. Nur leider ist diese nicht so einfach zu leisten, da es sich nicht um einen gewöhnlichen Wanderführer handelt.


Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika
Die Reise mit Charley: Auf der Suche nach Amerika
von John Steinbeck
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

7 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Reisen als Beschreibung des Flüchtigen, 3. Dezember 2010
Für mich gibt es drei gute Gründe, dieses Reisebuch von John Steinbeck zu lesen: 1. Es handelt sich um einen Reisejournal eines großen Schriftstellers, gar Nobelpreisträgers. Das hat dem Genre der Reiseliteratur noch nie geschadet - besonders nicht in diesem Fall. 2. Es ist das Buch eines alternden Menschen, der die Orte seiner Jugend, seines Lebens wieder aufsucht und dabei kluge Dinge über das Phänomen der Vergängnis sagen kann. Und 3. ist es ein historischer Reiseroman, der zu einem sehr spezifischen Zeitpunkt den Grundcharakter des amerikanischen Charakters herausdestilliert. Steinbeck zeichnet eine Gesellschaft, deren Charakteristikum das Transitorische ist. Eine Welt im permanenten Übergang, eine Welt im Aufbruch und im Fortschreiten. Dieser Grundzug hat sich so tief in diese Gesellschaft der Pioniere und frontier-men eingegraben, dass sie sich gar nicht mehr anders denken kann. Und Steinbeck sammelt die Partikel dieses Gesellschaftsportraits auf seiner Reise ein.
So beschreibt er ausführlich das aufkommende Phänomen der Mobile Homes. Wie die Amerikaner zu tausenden, die noch vor zwei Generationen in ihren Planwagen nach Westen fuhren, nunmehr ihre Häuser auf Trucks laden und mit diesen umherziehen. Zugleich stehen die USA Anfang der 60er Jahre, als Steinbeck seine Reise unternimmt, an der Schwelle zu technischen und medialen Moderne, die weitreichende Veränderungen mit sich bringt, welche Steinbeck alle beschreibt: Der Verlust der Dialekte durch die normativen Kräfte des Fernsehens. Der Verlust der Entfernungen durch das Telefon, das in jedem Haushalt vorhanden ist. Ein Zeitdiagnostisches Buch, das uns in eine ferne Welt führt, die gerade einmal 50 Jahre her ist, und ein Autor, der sich zum Ende seines Lebens über eine Welt wundert, die da kommen mag und die für uns längst schon wieder Vergangenheit ist.
Das Flüchtige und Transitorische sind der Kern Steinbecks Beschreibung: Sie gehören zum Wesen Amerikas, sie sind der Kern der technischen Moderne und sie sind das Wesen der Reise selbst.


Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will: Ein Bergsteigerleben
Die Freiheit, aufzubrechen, wohin ich will: Ein Bergsteigerleben
von Reinhold Messner
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Einer alleine, 13. Oktober 2010
Mögen muss man ihn nicht und sympathisch ist er auch nicht. Immer dieser heilige Ernst und kein Fünkchen Humor. Jeder Schritt ein existentieller, jeder Griff der letzte. Ein Leben am Limit - immerzu. Mögen muss man das nicht, aber bewundern muss man es! In seinem Buch "Die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will" beschreibt Reinhold Messner, wie er dazu wurde, was er ist: Reinhold Messner. Reinhold Messner - das ist nur in der Bekleidungsabteilung eine Marke. Sonst aber ist es ein Lebensprogramm, eine Philosophie, es ist - ein wenig feierlich ausgedrückt - der Prototyp des modernen Menschen, der den Entwurf von sich im eigenen Lebensvollzug selbst verwirklicht. Es ist somit die Einlösung des Versprechens, mit dem die Aufklärung den Menschen der Moderne belastet hat: Folge deinem Ziel und werde der, der du bist. Dies drückt sich schön in dem gewählten Titel "Die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will" aus, was auf einen Vers aus dem Hölderlin-Gedicht Lebenslauf" zurückgeht. Dort heißt es: Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, / Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern, / Und verstehe die Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will." Es ist ein Auftrag von den Göttern, den der Mensch nur recht verstehen muss. "Und verstehe die Freiheit, aufzubrechen, wohin er will". Will sagen, die Götter sind mit denen, die dies begreifen, und Messner macht sich die Botschaft zu eigen, wenn er titelt: "Die Freiheit aufzubrechen, wohin ich will".
Das Buch beschäftigt sich auch über die Hälfte mit den Aufbrüchen ins eigene Leben, wo auch einem Reinhold Messner noch unklar ist, wohin sein Weg ihn führt. Eine Bergjugend in Südtirol. Klettern mit den Brüdern mit einer unendlichen Leidenschaft. Erstbegehungen ohne Zahl. Gipfelgänge bei Eis und Schnee im tiefsten Winter. Alles neben der Schule und der Ausbildung an den Wochenenden. Schwer sich den jungen Reinhold vorzustellen in der Schulbank, neben Auszubildenden. Ein Abhängiger unter Abhängigen. Zunehmende erklettert sich Messner seine Zukunft, zunehmend wird der Weg klarer. Irgendwo in dem Buch gibt es eine Stelle, wo er zu der Erkenntnis kommt, er werde das Leben als eine Art Berufs-Abenteurer leben - wohlgemerkt zu einer Zeit, als es so etwas noch gar nicht gab. Es folgt die Phase der großen 8000er. Zu ihrem Ende: Messner, der Star. Bereits in der letzten Phase der 8000er beginnt er sich mit seiner weiteren Zukunft zu beschäftigen, entdeckt die Befriedigung, die in den Wüsten liegt. Restauriert eine Burg im Juval. Ständig umtriebig, ständig seinem eigenen Weg folgend. Sich selbst gefolgt zu sein bis zum letzten: das ist wohl die große Leistung Messners. Das macht vermutlich auch einsam. Das Buch endet 1989 mit dem Ende seiner großen Bergersteigungen und dem Aufbruch in ein neues Abenteuerleben. Es heißt dann auch zutreffend im Untertitel: Ein Bergsteigerleben.
Sprachlich ist das Buch ausgesprochen sachlich und nüchtern geschrieben. Alle großen und kleinen Bergersteigungen werden mit einem eigenen kleinen Kapitel bedacht, das zumeist nur 4-5 Seiten umfasst. Sicher hat Messner für dieses Buch die meisten Erfahrungen nach Jahren wieder rekonstruieren müssen. Das tut dem Lesegenuss aber keinen Abbruch. Im Gegenteil, es verhilft zur Entschlackung und sorgt für einen sehr schlanken und reinen Stil. Eine ausnehmend lohnenden Lektüre - auch für diejenigen, die zu Hause bleiben.

Thomas Reuter


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