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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Seite: 1-10 | 11
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Der Schatten des Windes. Roman
Der Schatten des Windes. Roman
von Carlos Ruiz Zafón
  Taschenbuch

17 von 28 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ein Schmachtfetzen fürs gehobene Publikum, 20. November 2005
Rezension bezieht sich auf: Der Schatten des Windes. Roman (Taschenbuch)
Eigentlich kann man Carlos Ruiz Zafón, dem Autor des internationalen Bestsellers Der Schatten des Windes, nichts vorwerfen. Sein Roman über den jungen Daniel, der im Barcelona der 50er Jahre, im tiefsten Winter des Franco-Regimes also, aufwächst, geht runter wie Butter. Schon der Auftakt, bei dem Daniel auf dem Friedhof der vergessenen Bücher das Buch seines Schicksals findet, hat es in sich. Dieser Friedhof, der neben den vergessenen Büchern die Seelen derjenigen beheimatet, die jene Bücher gelesen, von ihnen geträumt, für sie gelebt haben, verortet den Handlungsort von Beginn an in ein surrealistisches Zwischenreich, das nicht ganz von dieser Welt ist. Man fühlt sich an Schreibformen des magischen Realismus lateinamerikanischer Prägung erinnert.
Daniel gerät unter den unbezwingbaren Einfluss seines Schicksalsbuches, dem „Schatten des Windes“, und macht sich auf die Suche nach dem mysteriösen Autor des Romans namens Julian Carax. Dabei gerät er immer tiefer in die Wirren einer unglaublichen und rätselhaften Geschichte, die sich zum Ende als seine eigene entpuppen soll. Über weite Strecken haftet dem Roman etwas Kriminologisches an. Daniel und sein Gehilfe Fermin Romero de Torres, eine Mischung aus Sancho Pansa und Alexis Sorbas, suchen sich in den labyrinthischen Straßen Alt-Barcelonas wahrhaftig den Wolf. Sie folgen unzähligen Spuren, die Handlung wird einigermaßen kompliziert, die Figurenmenge unüberschaubar, bis der Erzähler das Wirrwarr der Indizien, dead-ends und falschen Fährten nicht mehr zu lösen vermag. Wie ein Deus ex Machina liefert Nuria Monfort, die frühere Geliebte des mysteriösen Autors Carax, in einem eingeschobenen Bericht die Lösung zu allen Rätseln. Auch wenn sich diese Auflösung sehr spannend liest, fühlt sich der Leser doch ein wenig an der Nase herumgeführt. Ein Trick, denkt man. Die ersten 400 Seiten dienten nur der Spannungssteigerung. Nach der Auflösung ist die Erzählung in der Gegenwart angekommen und mündet im großen Showdown auf der Nebelburg, einem besonders markanten Schauplatz der Handlung, deren sprechender Name nicht von ungefähr an die Schauerromantik erinnert. Der ganze Roman beschreibt ohnehin ein ausgesprochenes Genrekarussell und zum Schluss findet sich der Leser also in einem Schauerroman wieder, wo es von geöffneten Grabkammern, fahlen Gesichtern im Kerzenschein und plötzlich zufallenden Türen nur so wimmelt.
Dies ist vielleicht doch der Fehler, den Zafón gemacht hat. Bei aller Spannung und Lesegenuss, die dieser 600-Seiten Schinken liefert: die Motive sind dann doch ein wenig zu klischiert. Es handelt sich um eine Schnulze der hohen Literatur. Die Konstruktion ist beachtlich. Insbesondere die Verschachtelung der verschiedenen Ebenen, das Buch im Buch, Spiegelmotive ohne Ende. Aber das Buch lebt von der Geschichte, nicht von der Sprache. Das Gemüt ist bewegt, aber nicht der Geist.
Thomas Reuter


Extrem laut und unglaublich nah: Roman
Extrem laut und unglaublich nah: Roman
von Jonathan Safran Foer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

172 von 184 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Extrem schwierig und unglaublich leicht zugleich, 14. November 2005
Dies ist ein Roman über den Verlust. Als der kleine Oskar Schell seinen Vater verliert, ist er gerade neun Jahre alt. Zu Beginn des neuen Romans von Jonathan Safran Foer wird geschildert, wie Oskars Vater seinen Sohn zu Bett bringt – am Abend des 10. September 2001. Am nächsten Morgen wird der Vater zur Arbeit ins World-Trade-Center fahren und nicht wiederkehren. Die kurze Szene zwischen Vater und Sohn reicht aus, um dem Leser die Schwere dieses Verlustes deutlich zu machen. Ihr Verhältnis ist geprägt von Liebe und Zuneigung, aber auch von Witz, Neugierde und Spieltrieb. Der Vater ersinnt für den überaus wissbegierigen und etwas altklugen Oskar Rätsel und Aufgaben, die sie als Wiederentdeckungsexpedition bezeichnen, und Oskar verfolgt die ausgelegte Fährte, bis er das Rätsel gelöst hat – über Wochen, wenn es sein muss. Es ist ein ideales Verhältnis zwischen Vater und Sohn, soviel wird bereits auf diesen wenigen Seiten deutlich. Der Rest des Romans handelt von dem Verlust und Oskars Strategien, die Leere zu verarbeiten, die durch den Tod des Vaters in sein Leben gerissen worden ist.
Jonathan Safran Foer ist 1977 geboren, er ist 28 Jahre alt, und 9/11 ist ein sehr großes Thema für einen so jungen Mann. Für einen ehrgeizigen Autor ist es jedoch zugleich eine Herausforderung. Foer nimmt die Herausforderung an und macht dabei nichts falsch.
Ins Zentrum seines Romans stellt er Bilder, die sich uns allen eingebrannt haben. Bilder, die an Schrecken nicht zu überbieten sind und die wir unauslöschlich gespeichert haben. So kreist der Roman um eine zentrale Szene, deren Vorstellung seit dem 11. September 2001 zum kollektiven Repertoire des Schreckens gehört: Der Vater ist in einem der oberen Stockwerke des World-Trade-Centers gefangen und ruft zu Hause an – um sich zu verabschieden. Dies ist eine Szene, die unsere Vorstellungskraft sprengt. Der Tod kommt, wenn er mitten im Leben kommt, entweder überraschend, oder aber langsam. Er kommt nicht mit einem verzögerten Schlag, der es uns erlaubt, noch einmal im Vollbesitz unserer Kräfte von allen Lieben Abschied zu nehmen und ein paar letzte Worte zu sagen. Diese Erfahrung hat uns 9/11 beschert.
Als der Vater zu Hause anruft, ist niemand daheim. Viermal spricht er aufs Band, bevor der kleine Oskar, frühzeitig aus dem Kindergarten entlassen, nach Hause kommt. Beim fünften Mal sitzt sein Sohn vor dem Telefonapparat. Er hat bereits die vier Nachrichten gehört und ist unfähig, den Hörer von der Gabel zu nehmen. Wiederholt fragt der Vater, ob jemand daheim sei – dann bricht das Gespräch ab.
Wer nun glaubt, die weitere Handlung sei eine tiefenpsychologische Verarbeitung dieser Schlüsselszene, der irrt. Es entspinnt sich eine überaus abstruse Geschichte, die an Einfallsreichtum, Witz und Charme seinesgleichen sucht. Unfähig, den plötzlichen Tod des Vaters zu verarbeiten, tut Oskar, was er immer tut: Er löst ein Rätsel. Nur handelt es sich diesmal um ein Rätsel, in dem es um die Leere des Daseins selber geht. Oskar findet einen Schlüssel des Vaters und sieht hierin eine Botschaft. Er entdeckt außerdem die Existenz eines ominösen Mr. Black, der seinen Vater gekannt haben soll, findet heraus, wie viele Mr. Blacks es in ganz New York geben soll – es sind 216 – und macht sich auf die Suche nach demjenigen, dem der Schlüssel gehört.
Die folgende Odyssee, bei denen Oskar nicht nur auf höchst unwahrscheinliche Charaktere trifft, sondern auch seinen ihm unbekannten Großvater findet, wird von zwei weiteren Erzählsträngen begleitet, wie man das schon aus Foers Debütroman „Alles ist erleuchtet“ gewohnt ist. Die eine Nebenhandlung erzählt das Leben der Großeltern, in dessen Zentrum die Bombadierung Dresdens steht, die andere dreht sich um den Atombombenabwurf auf Hiroshima.
Hat man soweit die Handlung zusammengefasst, muss man feststellen, dass man so gut wie nichts von dem Buch gesagt hat, denn Foers Roman hat eine Eigenschaft, die sich inhaltlich kaum beschreiben lässt: es strotzt vor Bildern, graphischen Spielerreihen, Seiten mit nur einem Wort, mit nur einer Zeile, leeren Seiten, Seiten auf denen Unterstreichungen vorgenommen sind, Seiten, in denen der Text ineinander läuft, Zahlencodes über mehrere Seiten, ein echtes Daumenkino und so weiter und so fort.
Dieser Explosion der Zeichen auf der darstellenden Seite entspricht inhaltlich der ungeheure Einfallsreichtum und Witz, den der Autor in seinem Text an den Tag legt. Der unverbrauchte Blick des neunjährigen Oskar legt in seiner Vorurteilslosigkeit und seiner prinzipiellen Flexibilität die Absurditäten der Erwachsenenwelt bloß. Daher ist die Lektüre von „Extrem laut und unglaublich nah“ auch eine erfrischende Reise in die Gedankenwelt der Kindheit, mithin auch der eigenen. Zugleich aber bleibt das eigentliche Thema des Buches, die Erfahrung des Verlustes, immer spürbar und selten gelingt es einem Autor so sensibel zwischen Leichtigkeit und Trauer zu schweben. So beschreibt Foers Roman den Verlust als eine grundsätzliche menschliche Erfahrung, die immer auch vom Verlust der Kindheit handelt. Der Ort, an dem die Welt noch in Ordnung war.
Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 6, 2013 10:33 PM MEST


Saturday: Roman
Saturday: Roman
von Ian McEwan
  Gebundene Ausgabe

14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ian McEwans Saturday - Die Abweichung und die Norm, 1. Oktober 2005
Rezension bezieht sich auf: Saturday: Roman (Gebundene Ausgabe)
Ian McEwans Saturday
Die Abweichung und die Norm
Dieser Roman ist reinster Film. Dazu muss er gar nicht erst in die Kinos kommen. Bereits beim Lesen lehnt man sich im Sessel zurück, sinkt in die Kissen und liefert sich einer perfekt organisierten Regie aus. Die Charaktere haben präzise eingeführt Auftritte, wir verschenken unsere Sympathien scheinbar willkürlich, jedoch in Wirklichkeit nach ehernen Gesetzen der Dramaturgie, und erst wenn wir aus dem Lesesaal wieder in das ungleich schmutzigere Licht unseres Alltags treten, gelingt es uns, über die Machart, die Technik sowie die Struktur dieses erzählten Glanzes ein wenig zu reflektieren - so subtil, so ausgefeilt, so perfekt wird die Geschichte dieses Neurochirurgen Henry Perowne und seiner Familie an diesem Samstag, dem 15. Februar des Jahres 2003, präsentiert. Das ist Hollywood allererster Güte.
Nun ist es sozusagen eine alte Gewohnheit, McEwan für seine Brillanz und seinen präzisen Stil zu loben. So gewöhnlich ist dies bereits, dass seine Könnerschaft dem britischen Erfolgsautor bereits wieder angekreidet wird. Zu klar, zu gekonnt - einfach zu gut sei seine Prosa.
Mit dem neuen Roman Saturday trifft McEwan einen Nerv der Zeit. Es geht um Terrorismus im engsten und um Terrorismus im weitesten Sinne. Es geht des Weiteren aber auch um die großen wie auch um die kleinen Fragen des Lebens. Und letztlich geht es wohl - wenn man es recht bedenkt - um das Leben selbst, das Leben als Ganzes, wie auch um den Tod. Mächtige Themen sind das für ein Buch von dreihundert und etwas Seiten. Dass es aber um all das geht, erkennt man erst, wenn man das Buch nach der Lektüre zu Seite legt. Erst dann vermag man wahrzunehmen, wie genau die Themen des Buches konstruiert sind, wie sie sich ineinander spiegeln und einander entsprechen wie Makrokosmos und Mikrokosmos.
Während der Lektüre aber geht man vollkommen auf im Nachvollzug und im Miterleben dieses nicht ganz gewöhnlichen Samstags im Leben des Neurochirurgen Henry Perowne. Was also passiert? Ein erfolgreicher Arzt, Ende 40, glücklich verheiratet, zwei wohlgeratene Kinder, wohnhaft in London, erwacht an jenem Samstag früher als gewöhnlich und beobachtet am Himmel ein brennendes Flugzeug, das wie ein Menetekel seine brennende Schrift über den Himmel des beginnenden Tages zieht. Eine Katastrophe, die - wie sich später herausstellt - einen guten Ausgang nimmt. Ebenso wird Perownes Tag verlaufen: eine Katastrophe bahnt sich an, tritt schon ein - und wird noch einmal abgewendet. Das Ungeheuerliche tritt zunächst auf in Form einer Irritation, einer Abweichung, eines kleinen außergewöhnlichen Vorfalls. Im Allgemeinen aber verbringt Perowne einen gewöhnlichen Samstag: Am Morgen geben sich die Eheleute ihrem glücklichen Liebesspiel hin, er fährt zum Squash mit einem Kollegen - das Spiel geht verloren - er besucht seine Mutter, die an Altersdemenz leidet und frei von jeder Erinnerung ihre Restzeit in einem Heim verbringt, auf dem Heimweg macht er Besorgungen für das Familienessen am Abend - die Tochter aus Paris hat sich angekündigt.
Gestört wird dieser Ablauf von einer Massendemonstration, einer Kundgebung gegen das britische Engagement im Irak, die Perowne zwingt, verschiedene Umwege zu nehmen, und von einem kleinen Verkehrsunfall, bei dem ein Seitenspiegel zu Bruch geht. Die anschließende Auseinandersetzung mit den drei Insassen des zu Schaden gekommenen Wagens wirft von den Höhen des Lebens, in denen Perowne sich bewegt, ein jähes Licht in die Abgründe der menschlichen Existenz. Die Bedrohung, die von diesen drei Figuren der Halbwelt ausgeht, wird weiter über dem Verlauf der Handlung schwelen, bis sie sich am Ende gewalttätig entlädt. Zuviel sei hier jedoch nicht verraten, denn das Buch lebt eben auch von der gespannten Erwartung, wie denn dieser so vordergründig normale Tag sein Ende finden wird.
So weit, so gut, so normal - denkt man. Die Kunst McEwans besteht nun jedoch darin, in die detaillierte Darstellung dieses normal-unnormalen Samstags die großen Themen unserer Epoche zu diskutieren, ohne dass sie sich einem direkt aufdrängen. Sie kommen schleichend daher, wie ein kleiner Verkehrsunfall, und sind doch schon allgegenwärtig, wie in der Massendemonstration gegen den Krieg im Irak. Im Nachhinein erkennt man, dass all die abstrakten Fragen, die beispielsweise Perowne und seine Tochter im Bezug auf den Irakkrieg erörtern, eine konkrete und blutige Antwort in ihrer familiären Wirklichkeit erhalten. Das gleiche gilt für die Gegenüberstellungen von naturwissenschaftlich-präzisem und künstlerisch-kreativen Denken, repräsentiert durch den Vater und den Kindern, die in Dichtung und Musik reüssieren. Die Hinfälligkeit allen Fleisches wird anhand der Gegenüberstellung von dem mitten im Leben stehenden Perowne und seiner Mutter, die mit Altersdemenz in einem Heim lebt, dargestellt.
Das Zusammenspiel all dieser Themen ist so unaufdringlich in die Oberflächenstruktur der Handlung eingefügt, dass wir es zunächst gar nicht wahrnehmen. Ganz folgerichtig ist daher die Handlung des Romans auf einen einzigen Tag begrenzt. Das Besondere ist - wie so oft im Leben - die Differenz, die Abweichung von der Norm, der etwas andere Samstag. Die Abweichung bringt die Dinge ins Rollen, die Figuren zum Tanzen, die Gedanken zum Kreisen und bildet so einen Kommentar über unsere Zeit. Wie in einem Shakespearestück, in dem die Ordnung des Ganzen, der Makrokosmos, von einer kleinen Abweichung aufgelöst und im Verlauf des Stückes wieder hergerichtet wird, ist zum Ende des Romans alles wieder ins Lot gebracht, die Ordnung wieder hergestellt, die Abweichung beseitigt. Vorerst. Perownes Meditation am Ende des Romans, die stark an das Ende von Joyces Kurzgeschichte The Dead erinnert, steht ganz im Zeichen einer unabsehbaren Zukunft.
Dass wir die Gesetze, die hinter all der Fassade die Fäden in den Händen halten bei der Lektüre zunächst nicht sehen, mag daran liegen, dass wir so vollkommen in die Welt der Hauptfigur eintauchen. Darin mag zugleich auch eine Aussageabsicht des Buches liegen: Das Zufällige und Unsinnige im Leben, das wir nicht verstehen können, wird im Grunde bewegt von unverhandelbaren Gesetzen. So spiegelt sich in unserem kleinen Leben immer auch das Große wider.
Am Ende des Buches schließt sich der Kreis dieses langen Samstages. Wieder steht er spät in der Nacht vorm Fenster und sinniert über den Verlauf des Tages. Über das, was kommt, über das, was geht, und über das, was bleibt. Ein großer Roman im Kleinen. Wir warten auf den Film.
Thomas Reuter


Fado Alexandrino: Roman
Fado Alexandrino: Roman
von António Lobo Antunes
  Taschenbuch

14 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fado Alexandrino - Nacht ohne Ende, 24. August 2005
Rezension bezieht sich auf: Fado Alexandrino: Roman (Taschenbuch)
António Lobo Antunes ist zweifellos ein Schwergewicht in der Klasse der Weltliteraten und schwergewichtig sind im wahrsten Sinne auch seine Bücher. Der 800 Seiten starke Roman „Fado Alexandrino" von 1983 bringt gut zwei Kilo auf die Waage. Als Reiselektüre durch Portugal ist er daher nur bedingt zu empfehlen, es sei denn, man ist bereit für diesen Klotz unbehauener Literatur ein paar andere Utensilien zu Hause zu lassen. Wie und wo auch immer man sich diesem Werk jedoch nähert, um eine weite Reise handelt es sich allemal. Es ist eine Reise in die Seele des portugiesischen Volkes. Der Leser begibt sich auf den Weg in eine entblößte Welt voller Obsessionen, Wünsche, Phantasmen, Liebe und Hass. Mitunter gewinnt man den Eindruck, es ist eine Reise geradewegs in die Vorhölle des revolutionären Portugals. In einem breit angelegten Triptychon entfaltet Antunes ein Gesellschaftspanorama zum Zeitpunkt vor, während und nach der Revolution.
In einer einzigen Nacht werden die gebrochenen Lebensläufe der vier Hauptcharaktere dargestellt. Die ehemaligen Kameraden, ein einfacher Soldat, ein Funkoffizier, ein Leutnant und ein Oberstleutnant treffen sich 10 Jahre nach der Revolution von 1974, in der das Militär erfolgreich gegen die Diktatur Salazars putschte, mit ihrem Hauptmann in einer Bar, um sich der alten Zeiten zu erinnern und sich langsam, aber konsequent zu betrinken. Je weiter die Nacht voranschreitet, desto entfesselter gerät die Erzählung, je höher der Alkoholspiegel steigt, desto entgrenzter agieren die Figuren bis endlich am frühen Morgen der Erzählfluss in einer Gosse abbricht.
Es ist bei weitem nicht nur die Begrenzung der Erzählzeit auf eine einzige Nacht, die an James Joyce Ulysses erinnert. Es sind vor allem die Methode des assoziativen Erzählens und das überbordende Verknüpfen von Leitmotiven. Antunes hat dabei die Komplexität der Erzählhaltung gegenüber Joyce noch erweitert, handelt es sich doch bei ihm um vier Charaktere, in deren Bewusstseinsstrom der Leser eintaucht und bis zur Orientierungslosigkeit versinkt. Doch bevor der Leser an der anschwellenden Sinnlosigkeit frustriert und das Buch zur Seite legt, beginnen die Dissonanzen plötzlich zu klingen und über die nächsten 750 Seiten orchestriert Antunes die verschiedenen Stimmen in seinem Buch zu einer großen traurigen Symphonie über die Revolution und das vergehende Leben.
Es ist eine Geschichte von Ernüchterung und Gewalt. Allesamt sind es Verlierer, von denen Antunes hier erzählt. Kriegstraumata, seelische und körperliche Verletzungen aus den Gefängnissen der Geheimpolizei, Minderwertigkeitskomplexe, Wolllust und schiere Bosheit bestimmen die Themen dieser vier Antihelden. In dieser erzählten Nacht lässt sich nirgends ein Lichtstreifen am Horizont erkennen. Es ist die schwärzeste Nacht, die je in der Literatur erzählt worden ist.
Je tiefer man dabei in diese Nacht eintaucht, desto virtuoser verknotet Antunes die Erzählstränge, desto dichter knüpft er den Teppich, in den die Schicksale der vier Veteranen eingewebt sind, bis er ihn in eine Art simultane Erzählung aller Figuren einmünden lässt, in der die dramaturgischen Einheiten Ort, Zeit und Handlung nicht nur innerhalb eines Kapitels oder eines Abschnitts, sondern selbst innerhalb der Sätze springen. Dennoch gelingt es dem Autor, den Leser nicht aus dem Blick zu verlieren und vor dem staunenden Auge des Lesers entfaltet sich ein gesellschaftliches Panorama, an dem er selber teilzuhaben scheint, denn es ist das Bewusstsein des Lesers, das die Verknüpfung all dieser fragmentarisierten Erzählschnipsel gewährleistet und sie zu einem umspannenden Epos formt.
Antunes erzählt die Geschichte der portugiesischen Revolution als eine universale Geschichte jeder Revolution. Es ist die Geschichte des prärevolutionären Terrors, der Euphorie und der überspannten Erwartungen sowie des postrevolutionären Terrors und er erzählt sie bis ins Detail.
Am Ende des Romans ist der Oberstleutnant nicht mehr am Leben. Er wurde im Laufe der Nacht von seinen Kumpanen erstochen, liegengelassen und vergessen. Die Überraschung hierüber weicht der Überzeugung, dass dieser Roman nur mit einem Toten hat enden können. Angesichts der Welt, die hier dargestellt wird, und der Sprache, in der das geschieht, erscheint dies geradezu als ein zwingendes kompositorisches Gesetz.
Antunes Sprache ist eine Sprache, die aus dem Vollen schöpft. Ihr Metaphernreichtum, ihre Fabulierlust, ihre obszöne Deutlichkeit entwickelt eine wahrhaftige Sogwirkung. Es ist ein mäandernder Sprachstrom, der auf seinem Weg alles, was sich ihm in den Weg stellt erfasst und mit sich schleppt und seine Figuren am Ende unter sich begräbt.
Thomas Reuter
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 13, 2010 6:17 PM CET


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