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Rezensionen verfasst von
Thomas Reuter (Düsseldorf)

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Feuertäufer: Roman
Feuertäufer: Roman
von Antonio Orejudo
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Den Namen der Rose in den Wind geschrieben, 16. Februar 2007
Rezension bezieht sich auf: Feuertäufer: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was hätte man daraus nicht alles machen können!

Der spanische Autor Antonio Orejudo zerrt mit der protestantischen Revolte der Wiedertäufer im Münster des 16. Jahrhunderts eine fast vergessene Geschichte ans Tageslicht:am Beispiel des Bernd Rothmann, eines jungen aufsteigenden Geistlichen, der zum Studieren nach Köln geht und als aufrührerischer Ketzer zurückkehrt, entspinnt sich eine sagenhafte Geschichte um Fanatismus, Revolte, Naivität und Verbrechertum. In all diesen Themen lassen sich mühelos Parallelen zu unserer Zeit und zu unserer jüngeren Vergangenheit ziehen. Man glaubt geradezu, die ewigen Mechanismen von Revolte und Tyrannei freigelegt zu fühlen, die sich bis in die '68-Revolte wiederholen.

Bernd Rothmann springen bald die radikalen Wiedertäufer Jan Mathies und Jan van Leiden, dem späteren König von Münster bei. Es entspinnt sich ein Kampf der radikal-protestantischen Wiedertäufer gegen die katholische Substanz der Stadt, der in einem regelrechten Krieg mündet. Die Stadt ist schließlich umlagert von katholischen Truppen. Innerhalb der Stadtmauern herrschen chaotische Zustände, eine Willkürherrschaft der "protestantischen Hassprediger", König Johannes I, wie Jan van Leiden sich nun nennt, führt die Gütergemeinschaft und die Polygamie ein und hält sich selber 16 Frauen. Nachdem die Stadt von den katholischen Truppen siegreich eingenommen wird, ist der Spuk vorbei. Rothmann gelingt es zu fliehen. Die anderen Anführer, Jan van Leiden, Knipperdolling und Krechting enden in den drei Käfigen oben an der Lambertikirche, die noch heute dort zu bestaunen sind. Es ist eine sagenhafte und es ist schreckliche Geschichte. Es ist vor allem eine wahre Geschichte. Wenn sie doch nur nicht so schlecht erzählt wäre!

In halsbrecherischem Tempo prescht Orejudo durch die Geschehnisse durch. Man kann kaum der Handlung folgen, schon ist alles vorbei. Bereits auf Seite 81 sind die Ereignisse um die Revolte in Münster zu Ende erzählt. Überrascht fragt sich der Leser, was wohl auf den verbleibenden 200 Seiten noch kommen mag. Diese Frage scheint sich auch der Autor gestellt zu haben. Es folgt eine recht haarsträubende Geschichte um den verschollenen Bernd Rothmann, der Orejudo zufolge ausgerechnet als Handlanger des Großinquisitors 30 Jahre später im Süden Frankreichs wieder auftaucht. Rothmann, der sich nun Pfister nennt, hat sich einen Namen als Schriftsetzer gemacht. Als ein ketzerisches Buch auftaucht, das offenbar aus wiedertäuferischen Kreisen kommt, zwingt ihn der Großinquisitor den Autor zu suchen. Rothmann muss sich mit seiner eigenen Vergangenheit auseinandersetzen.

Was das alles soll, weiß der Himmel! Vermutlich sollen wir was draus lernen. Zugleich aber soll uns en pessant das gesamte Weltwissen des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit vermittelt werden. Es geht zugleich um Universitäten und Dispute, um Schriftsetzerei und das Reisen, um Glaubensfragen und Ketzerei und und und. Das alles ist derartig oberflächlich gemacht und erzählt, dass man es gar nicht recht glauben mag. Keine einzige Figur ist ordentlich ausgestaltet, die Dialoge knirschen und krächzen in ihren Zeilen und es strotzt derartig von sprachlichen Anachronismen, dass es schon wieder eine Freude ist. Eine Kostprobe dieser fast wahnsinnigen sprachlichen Entgleisungen, von denen es im Buch wimmelt, gefällig? Wählen wir doch das Beispiel, wie der Hauptprotagonist des Romans stirbt. Sicherlich eine wichtige Szene. Das klingt dann so: "Pfister spürt, dass alle Luft aus ihm entweicht, dass er jetzt keinen Bedarf für Ochsenzunge, Frauenhaar, Samtpappel- und Berberritzensamen mehr hat. Aber nicht, weil seine Verdauung wieder in Gang gekommen ist, sondern weil er gerade verblutet." Glaubt man es denn? Hat der Autor versucht, witzig zu sein, oder ist das im Ernst so gnadenlos schlecht? Jedenfalls wird Orejudo in Spanien von Kritik und Publikum gefeiert und hat gar literarische Preise gewonnen.

Das Thema aber! Wäre der Autor doch nur bei den Ereignissen in Münster geblieben. Das hätte Potential für einen Roman vom Kaliber Der Name der Rose. Allerdings muss man dann erzählen können und seinen Charakteren zumindest den Anschein geben, als seien sie von Fleisch und Blut.

Was hätte man daraus nicht alles machen können!

Thomas Reuter


Chronicles Volume one
Chronicles Volume one
von Bob Dylan
  Broschiert
Preis: EUR 22,00

6 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen "Chronicles One" - Die Erschaffung einer amerikanischen Mythologie, 25. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Chronicles Volume one (Broschiert)
Soll man Bob Dylan einen Lebenskünstler nennen? Ist er die Fleisch gewordene Inkarnation unseres Unterbewusstseins? Ist er ein Schamane?
Es gelingt Bob Dylan jedenfalls seit vielen Jahrzehnten immer wieder, sein Publikum zu überraschen - vielleicht auch sich selbst zu überraschen. Nachdem Dylan sich jahrelang den Medien und ihrem Interesse an seinem Leben entzogen hatte, nie Interviews gab, nie im Fernsehen auftrat, alle sich widersprechenden Geschichten über ihn tapfer ignorierte, sich nicht äußerte, stattdessen fast tagtäglich auf irgendeiner Bühne der westlichen Welt zu sehen war und seine Lieder unter die Leute brachte fast wie ein mittelalterlicher Bänkelsänger, nachdem dieses Urgestein der amerikanischen Folk-Musik es auf diese Weise fast geschafft hatte, sich von seinem Namen zu lösen und in bloßer Musik aufzugehen, kehrt er plötzlich und ohne Erklärung aus seinem selbst gemachten Nirvana zurück. Plötzlich gibt es Interviews, eine eigene Radio-Show, einen Film über sein Leben und Dylan schreibt gar seine eigene Autobiographie: Chronicles, angelegt auf drei Bände. Für jeden Dylan-Symphatisanten ein unerhörter Vorgang.
Wie liest sie sich denn, seine Autobiographie? Auch wenn man einiges von Dylan kennt, ist man überrascht über die Frische der Sprache und die Wahl des Ausschnitts. Fünf Kapitel gibt es, alle behandeln ein einen anderen Zeitabschnitt. Die fünf Abschnitte sind weder chronologisch noch kontinuierliche angelegt, sondern springen an verschiedene Stationen des Meisters' Lebens und behandeln jeweils nur einen relativ kurzen Zeitabschnitt. Es sind fast Momentaufnahmen, Blitzlichter, bevor der Lebenszug weiterrast. Die erste Frage, die sich der Dylan-Kenner dabei stellt, ist: Was lässt sich über ein Leben, das derart erschöpfend und detailliert in unzähligen Biographien und paparazzi-fundierter Biographie-Piraterie dargestellt ist, noch hinzufügen, sei es auch aus dem Munde des Meisters persönlich? Liest man es, ist man erstaunt. Die zweitgrößte Tat dieser Autobiographie von Dylan ist nämlich, dass es ihm gelingt, aus diesem so vollen Leben Ausschnitte des Abseits zu wählen. Es handelt sich bei allen fünf Kapiteln um Darstellungen des Menschen Dylan, der seinen musikalischen Platz in der Welt sucht, der von Zweifeln geplagt ist, der in einer Schaffenskrise steckt, der mit seinem Starstatus hadert, und nicht um die Perspektive des Gurus. Es ist das Erzählen vom Leben eines ganz Großen mit der Brille des kleinen Mannes. Hierin steckt etwas Sympathisches.
Die größte Tat des Buches jedoch ist sein Stil. Klar geschult an der Schreibart der Beatniks und Vorbildern wie Jack Kerouac gelingt es Dylan einen bestimmten 'Drive' in den Fluss der Sätze zu bringen. Der Ton stimmt einfach. Die Sätze haben Rhythmus und - wie nicht anders zu erwarten bei Dylan - starke Bilder. Am stärksten sind hierbei vielleicht noch die ersten beiden Kapitel, in denen Dylan von seinen Anfängen berichtet, bevor er Dylan wurde, den Wintermonaten im New Yorker Greenwich Village. Hier geht es nicht um Dylan, sondern um die Typen, die um ihn herum sind. Lauter klobige, klotzige und kautzige Gestalten, die allesamt einer noch zu schreibenden Mythologie des amerikanischen Kontinents entsprungen sein könnten. Sie erinnern in ihrer Unbehauenheit und Wildheit an Figuren aus Scorceses 'Gangs of New York'. Um diese Figuren geht es Dylan letztlich. Sie verdichten sich für und mit Dylan zu einem Arsenal an mythologischen Gestalten, Göttern und Halbgöttern, Zentauren, Zyklopen, gefallenen Engeln, Amazonen und Lichtgestalten. Sie stehen am Anfang - so will es Dylan - der amerikanischen Pop-Kultur, die heute zur bloß kommerziellen, herz- und geistlosen Industrie verkommen ist. Sie bilden den gewalttätigen Ursprung des individuellen Zeitalters, das heute jede Individualität verloren hat. Ein ferner, schattenhafter, aber immer noch existenter Schein.

Thomas Reuter


Jedermann: Roman
Jedermann: Roman
von Philip Roth
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

41 von 45 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Von Diamanten und Kindern, 22. November 2006
Rezension bezieht sich auf: Jedermann: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dem Buch reist sein Ruf voraus. Man weiß die ganze Geschichte, die eine ernüchternde ist, bevor man es zum ersten Mal in der Hand hat. Mehr noch reist ihm sein Titel voraus. 'Jedermann' gemahnt nicht nur jeden Leser daran, dass auch er mit diesem sterbenden Menschen beschrieben ist, sondern erinnert auch an Hugo von Hofmannsthal Theaterstück 'Jedermann' aus dem Jahre 1911. Dort ist Jedermann bekanntlich ein Reicher, der kein Mitleid mit seiner ärmeren Umwelt hat, bis ihn der Tod holen kommt und er gezwungen wird, Demut zu zeigen und wieder gottesfürchtig zu werden. Hofmannsthal wiederum bezieht sich auf mittelalterliche Vorbilder wie Mysterienspiele. Das Thema ist also ein altes. Es geht um die schlichte aber bedeutsame Tatsache, dass wir sterben, und nichts, was wir lieben, überdauert die Zeiten. Was hat Philipp Roth diesem Thema Neues zuzufügen? Die Frage ist schon absurd. Es ist dasjenige Thema, dem seit Urzeiten nichts Neues hinzugefügt werden kann ' und zugleich ist es das Thema, an dem sich jeder einzelne Mensch bis in die Unendlichkeit abarbeitete, würde er nicht vorher abberufen.
Der Jedermann, von dem hier geschrieben wird ist ' oder vielmehr war ' ein Werbefachmann. Das Buch beginnt mit seiner Beerdigung. Von einer höheren Warte aus betrachtet der Verstorbene die versammelte Trauergemeinde, wie jeder einzelne nach vorne tritt, eine Schaufel Erde auf den Sarg wirft. Reden werden gehalten, die das Leben des Verschiedenen Revue passieren lassen. Es handelt sich bei dieser Beschreibung also um eine Phanatsie, die wohl jeden von uns einmal heimgesucht hat: Unserer eigenen Beerdigung beizuwohnen und am Grad der Trauer, die wir uns natürlich sehr groß vorstellen, die eigene Bedeutung in der Welt zu taxieren.
Auf dem Friedhof soll auch das Buch enden. Vor seinem voraussichtlichen Tod besucht der Protagonist seine zukünftige Grabstätte und führt ein Gespräch dem Totengräber über die Praxis des Begrabens von Menschen. Eine äußerst interessante Passage über das Schicksal des Menschen in der Welt, wenn es sie nicht schon gäbe, und zwar bei der berühmten Totengräberszene im Hamlet.
Zwischen diesen beiden Schlüsselszenen wird vom Leben des Werbefachmanns erzählt, über seine drei gescheiterten Ehen, seine beruflichen Erfolge, sein Unvermögen Verantwortung zu übernehmen, sein Unvermögen, das Leben überhaupt gestalterisch in die Hand zu nehmen und von seinen Krankheiten. Von diesen vor allem. Es ist der Bericht über einen langsamen Verfall, ein zunehmendes Siechtum, immer vor der Folie einer blendenden Gesundheit, eines idealen Körpers. Schon in der Kindheit wird die Lendenoperation als abnorm wahrgenommen, als Fehler der Schöpfung.
Hierin besteht vielleicht das ungemein Zeitgenössische dieses Romans bei einem allen Zeiten übergreifenden Thema: Es ist die Selbstverliebtheit unserer Gesellschaft in die Jugend. Jugend und Gesundheit sind in diesem Buch die einzig verbliebenen Werte. Weit davon entfernt einen - wenn auch nur minimalen ' Grad an Weisheit erreicht zu haben, versucht noch der Siebzigjährige junge Frauen aufzureißen. Es ist ihm neben dieser Form der Selbstbestätigung nicht gelungen, sein Leben auf andere Werte zu gründen, obwohl er die Möglichkeit dazu gehabt hätte. Bitter trauert er Phoebe, seiner zweiten Frau, hinterher, die er schamlos betrogen hat. Der Protagonist verbleibt in seinem Handeln ein kleiner Junger, der dazu verdammt ist, in einer sinnentleerten Welt sein ewiges Bubendasein zu fristen.
Allein der Diamant, den er in seinem noch jungen Leben im Juweliersgeschäft seines Vaters betrachtet, verspricht Ewigkeit. Hätte er ihn doch Phoebe geschenkt. Die anthropologische Obdachlosigkeit, die hier so existentiell daherkommt, ist nämlich im Grunde selbst gemacht. Sie ist zugleich Zeichen unserer Zeit, die an nichts mehr glaubt.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2011 10:34 AM MEST


Die Leidenschaften der Seele
Die Leidenschaften der Seele
von António Lobo Antunes
  Taschenbuch

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Antunes' "Die Leidenschaften der Seele": Das Buch als Film, 9. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Leidenschaften der Seele (Taschenbuch)
Jedes Buch ist auf einen idealen Leser hin geschrieben. Jedes Buch ist seinen realen Lesern ausgesetzt. Bei einem der größten Welterfolge des letzten Jahrzehnts, J. K. Rowlings Serie Harry Potter lässt sich diese Diskrepanz sehr schön nachvollziehen. Bei dem idealen Leser handelt es sich hier um ein vorpubertierendes Kind im Alter von etwa 11 Jahren, das im Verlauf der eigenen Entwicklung diejenige seiner Helden mitverfolgt. Der reale Leser von Harry Potter sieht jedoch anders aus. Wann immer man im Zug, in Wartesälen, in Cafés einen Menschen in einen backsteindicken Band der Reihe versunken sieht, steckt dahinter kein Kind, sondern ein 30-40-jähriger Akademiker, der bloß ein weiteres Zeichen der zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft darstellt.
Wie sieht der ideale Leser von António Lobo Antunes’ Die Leidenschaften der Seele wohl aus? Es handelt sich um einen Leser mit dem totalen Gedächtnis, der absoluten Aufmerksamkeit und der omnipräsenten Wahrnehmung. Der ideale Leser von Antunes’ Romanen ist eigentlich gar kein Lebewesen, sondern ein Rechenwesen, ausgestattet mit einer Festplatte und verschiedenen Suchfunktionen. Ein solcher Leser könnte mit einem umfassenden Verständnis des Romans aufwarten. Ihm wäre ein unendlicher Lesegenuss beschieden, weil er überall Verbindungen sieht und überall Verknüpfungen knüpft. Ihm viele selbst die Rolle zu, die in herkömmlichen Romanen dem Autor zukommt: die Rolle des Schöpfers einer Welt. Was kann es für einen Leser Beglückenderes geben?
Das Erlebnis des realen Lesers der Romane Antunes’, insbesondere des Romans Die Leidenschaften der Seele, ist ungleich frustrierender. Der reale Antunes-Leser, ein gebildeter, interessierter und berufstätiger Mensch zwischen 30 und 50, der sich vor dem Schlafen gehen noch eine halbe Stunde Lektüre abzwackt, sieht sich einem unendlich verwirrenden und rätselhaften Machwerk ausgesetzt, einem Code, dem er wohlwollend Bedeutung zusprechen will, deren Fäden er aber nur solange in der Hand zu halten vermag, bis der übermächtige Schlaf das frisch gesponnene Tuch wieder aufriffelt. Was bleibt ist eine vage Ahnung der Handlung, das wiederkehrende Erkennen schemenhafter Figuren, als betrachte man sie durch einen Schleier, und das taube Gefühl etwas verpasst zu haben. Die Lektüre des halbseitigen Buchdeckels liefert einem einen größeren Einblick in die Handlung als die Lektüre des gesamten Romans.
Worin liegt die Schwierigkeit? Streng genommen ist das Buch eigentlich gar nicht für einen Leser geschrieben, sondern für einen Zuschauer. Antunes’ Die Leidenschaften der Seele ist ein Roman, erzählt mit den Mitteln des Films. Hierin drückt sich ein großer Anspruch aus, und hierin gründet sein Scheitern. Ein Scheitern freilich auf oberstem Niveau, ein – wenn man so will – gewolltes Scheitern. Als Film kann der Roman in verschiedener Hinsicht aufgefasst werden, angefangen von der Schnitttechnik, in der kurze Passagen – Einstellungen möchte ich sie hier nennen – gegeneinander gehalten werden. Nicht selten laufen vier verschiedene Handlungsstränge parallel zueinander, werden überblendet und kommentieren einander. Im Gegensatz zum Film jedoch, wo das Bild den Zuschauer mit allen notwendigen Informationen über die Szenerie und die Charaktere in Sekundenbruchteilen versorgt, ist die Sprache auf eine langwierige Beschreibung desselben angewiesen. Das ist die Aufgabe des Erzählers, der dem Leser die dargestellte Welt präsentiert. In Die Leidenschaften der Seele ist der Blick auf die Szenerie der nüchterne Blick einer Kamera und nicht der Blick eines das Geschehen organisierenden Erzählers. Da dem Leser aber das Bild hierzu fehlt, kann er die Figuren und die Handlungsorte nur mit großer Mühe identifizieren. Bei dieser Lektüre wendet sich nahezu die gesamte Entschlüsselungsleistung auf die Beantwortung der primären W-Fragen: Wo sind wir? Wer spricht? Was passiert? Die große Sprache, in der der Roman erzählt ist, ein urtümlicher, poetischer, kraftvoller Strom, eine Energiequelle, die allen Romanen Antunes’ zueigen ist, wird dabei verschenkt. Sie kann nur im Vorbeigehen wahrgenommen werden.
Ein weiteres Erzählprinzip des Films sind die ständig wechselnden Perspektiven, aus denen das Geschehene berichtet wird. Es handelt sich in der Filmsprache in etwa um den bekannten over-the-shoulder shot. Die Wahrnehmung einer Szene also aus dem Blickwinkel einer bestimmten Figur, die in der nächsten Einstellung jedoch bereits wieder auf eine andere Figur wechseln kann. Es gibt in dem vorliegenden Roman eine handvoll Figuren. Die beiden Hauptfiguren sind ein Richter und ein Mann namens Antunes. Der Roman spielt im prä-revolutionären Portugal, die beiden Männer kennen sich aus ihrer Kindheit. Antunes entstammt einer reichen Familie und der Richter war Sohn des Hausmeisters der Familie. Später wird Antunes Mitglied einer terroristischen Vereinigung, der noch vier weitere Personen angehören und der Richter soll gegen Antunes ermitteln. Es wird ein Anschlag gegen den Richter geplant, vereitelt, am Ende sind sowohl Antunes als auch der Richter tot. Durch die erwähnte over-the-shoulder Schnitttechnik wird das Geschehen aus den Perspektiven all der genannten Figuren erzählt und noch ein paar mehr. Bevor der bemitleidenswerte Leser jedoch entdeckt, wo er sich befindet, wer auf die Szenerie schaut und was er sieht, ist die Einstellung bereits wieder zu Ende und er befindet sich im nächsten Bild.
Eine solcherart verdichtete und codifizierte Schreibweise, wie sie Antunes in seinen Romanen vorzugsweise goutiert, hat ihren Ursprung in der Formenexplosion der literarischen Moderne zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie hat auch hierin ihre historische Berechtigung. Der Übervater dieses Schreibens ist ohne Frage James Joyce, der über seinen Ulysses einmal sagte, er werde die Literaturwissenschaftler noch über Jahrhunderte beschäftigen. Joyce hat Recht behalten. Das soll aber nicht heißen, dass bei Joyce der wissenschaftliche Leser zugleich der ideale Leser wäre. Mitunter ist das Gegenteil der Fall. Man muss als Leser des Ulysses von aller Wissenschaft absehen können, um das Buch genießen und auch darüber lachen zu können. Dem Antunes’-Leser bleibt dieser Genuss jedoch verwehrt. Der Genuss bei Antunes, wenn es hier jenseits der Qual noch so etwas geben sollte, bleibt ein rein intellektueller. Es handelt sich um den Genuss eines Wissenschaftlers, der sich nach harter und intensiver Arbeit zurücklehnen und sagen mag: „Das habe ich jetzt verstanden“. Es ist der spröde Genuss eines Advokaten, zu dem sich die überaus sinnliche Sprache Antunes verhält wie Feuer zu Wasser.
Thomas Reuter


Späte Familie: Roman
Späte Familie: Roman
von Zeruya Shalev
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,00

55 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Ankunft im Dazwischen, 26. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Späte Familie: Roman (Gebundene Ausgabe)
„Späte Familie“, der neue Titel von Zeruya Shalev, klingt nach einer Ankunft – wenn auch einer verspäteten – und wenn man die beiden Vorläufer zu diesem Roman, „Liebesleben“ und „Mann und Frau“ mitdenkt, so könnte man den Eindruck gewinnen, als haben die notorisch zweifelnden Charaktere Shalevs nach all ihren Eskapaden, gescheiterten Beziehungen und Ehen schließlich doch noch einen Ort gefunden, der ihre Heimat werden könnte. Der Titel „Späte Familie“ hat etwas Heimeliges. Ein Hauch von Es-gerade-noch-geschafft-haben. Die Idylle einer späten Ankunft im Zu-Hause.
Nichts davon trifft zu. Das Figurenarsenal des neuen Romans von Shalev ist genauso gebrochen, skeptisch, unentschieden und unglücklich wie in den beiden Vorläufern. Ella, Archäologin von Beruf, eine nicht mehr junge Frau verlässt am Anfang der Geschichte mit dem kleinen Sohn Gili ihren Mann Amnon. Von der ungeheuren Erschütterung, die dieser Lebensumbruch mit sich bringt, sind alle Beteiligten offenkundig für immer benommen. Dann tritt Oded, ein Psychoanalytiker, der ebenfalls seine Familie verlassen hat, in Ellas Leben, und für eine gewisse Zeit macht es den Anschein, als eröffnete sich hier die Möglichkeit zu einem neuen, unverbrauchten, glücklichen Leben. Aber der Schein trügt. Die neue Beziehung gestaltet sich genauso schwierig wie die alte. Am Ende sind die Figuren nirgends angekommen. Sie etablieren sich in einem Zustand des Dazwischen, in dem beständige Unklarheit und beständiger Zweifel herrschen. Von einer Ankunft kann also keine Rede sein. Der deutsche Titel „Späte Familie“ ist daher zwar schön, aber verzerrend.
Zutreffender und aufschlussreicher ist der hebräische Titel des Originals, wo der Roman „Thera“ heißt. Dies sagt den meisten von uns zunächst zwar wenig, erfasst jedoch das Thema des Buches – wie einem bei der Lektüre schnell klar wird – umso genauer. Thera ist der Name einer vulkanischen Insel in Griechenland, die heute Santorini genannt wird. Ein gigantischer Vulkanausbruch von dieser Insel aus soll vor etwa 5000 Jahren für den Untergang der minoischen Kultur verantwortlich gewesen sein. Ein Naturereignis, das die soziale und gesellschaftliche Struktur der gesamten antiken Welt verändert haben soll.
Dies ist das Bild, dies ist die Metapher, von der aus sich der Roman erschließt. Ellas Abkehr von ihrem Mann wird kaum begründet und wenig erklärt. Die Entscheidung ihn zu verlassen wird als Ausbruch einer Naturgewalt beschrieben, ein Ereignis mit dem sich nicht verhandeln, mit dem sich nicht räsonieren lässt. Dies ist die furchtbare Realität, an der sich Shalevs Protagonisten abarbeiten und dem sie hilflos versuchen einen Sinn zu geben. Als Archäologin und als Psychiater sind Ella und Oded beide auf dem Gebiet der Sinngebung und Ursachenforschung tätig. Der Glaube an die Existenz von Antworten auf alle unsere Fragen ist hierfür essentiell. Als Ella jedoch gegen Ende des Romans gefragt wird, warum sie ihren Mann eigentlich verlassen habe, vermag sie nur zu sagen: „Du kannst mir glauben, dass ich das schon selbst nicht mehr weiß, es war unausweichlich, wie eine Naturkatastrophe.“
Die tiefe Verunsicherung, die diese Erkenntnis mit sich bringt, ist das Thema des Buches. Das Leben – und ganz besonders die Liebe – hat demzufolge keinen Sinn und kein Ziel. Sie sind willkürlich und ungerecht und obendrein noch unverständlich. Bei den zahllosen Auseinandersetzungen und Streits, die die Paare hier ausagieren, wird dem Leser aufgezeigt, wie wenig diese Liebenden doch voneinander verstehen – wobei man als Betrachter die Probleme natürlich sofort versteht und es ihnen zurufen möchte.
Dies alles wird in einer fesselnden und wuchtigen Sprache beschrieben. Shalev rückt ihren Figuren ganz nah auf die Seele. Die Sätze sprudeln in Kaskaden ohne Halt, Punkt und Komma die Seiten herunter. Jede Verletzung, jede Freude, jedes noch so kleine Gefühl der Missachtung wird minutiös seziert und in Sprache gebannt. Wie die beiden anderen Romane von Zeruya Shalev ist „Späte Familie“ ein Roman, der von jeglicher Geschichte absieht und sich konsequent auf die Gefühlswelt der Charaktere einlässt. Es ist ein Beziehungsroman in Reinform. Als solcher findet er zu fast archetypischen Bildern von großer poetischer Kraft. So endet das Buch damit, dass sich die beiden Paare, die einst wie von einer Naturkatastrophe zu einer neuen Konstellation zusammengewürfelt wurden, gemeinsam zu einem Begräbnis auf dem Friedhof treffen. Unsicher stehen sie beieinander, „denn der Wind lässt uns schwanken, als wollte er unseren Stand prüfen, wir stehen dicht beieinander, und ich überlege, ob jemand, der uns jetzt von außen betrachtete, erkennen könnte, wer zu wem gehört.“ Ein poetisches Bild, das die Ankunft der Liebe im ewigen Dazwischen beschreibt.
Thomas Reuter
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 11, 2014 12:35 PM MEST


Notbremse nicht zu früh ziehen! Mit dem Zug durch Indien
Notbremse nicht zu früh ziehen! Mit dem Zug durch Indien
von Andreas Altmann
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

55 von 58 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Notbremse im Kopf, 22. Januar 2006
Andreas Altmann hat für uns Indien bereist und davon geschrieben. Zwei Monate lang befuhr er den gigantischen Subkontinent von Mumbai aus gegen den Uhrzeigersinn mit der Eisenbahn und hielt seine Erlebnisse in einem arrangierten Tagebuch fest. Um es gleich vorweg zu sagen: „Notbremse nicht zu früh ziehen!“ ist ein lesenswertes Buch. Unter den zuhauf veröffentlichten Reisejournalen und -reportagen sticht es durch seine geschickte Themenauswahl und durch sprachliches Können hervor. Altmann kann schreiben. Es gelingt ihm skurrile und exotische Situationen zu kondensieren und für das Daheimgebliebene Bewusstsein konsumierbar zu machen. Alles Überflüssige, was andere Reisebücher so häufig prägt, wird hier weggelassen. Mit Erleichterung nimmt der Leser wahr, dass er nicht mit einer tödlichen Chronologie der Ereignisse vom Betreten des Flugzeuges bis zum Betreten der Heimaterde behelligt wird. Stattdessen ausgesuchte Ereignisse, Begegnungen mit Menschen und kulturelle Skurrilitäten. Auch keine Beschreibungen von Städten und Kulturgütern. Dazu greift man dann eh lieber zu seriöseren Büchern. Was also beschreibt Altmann? Das lässt sich am besten in einem Bild erläutern: Andreas Altmann ist das fahrende westliche Bewusstsein in der Fremde. Alle seine Aufzeichnungen geben diesen Widerspruch wieder, arbeiten sich ab an der unüberwindlichen Schnittstelle zwischen dem Eigenen und dem Anderen. Das muss an sich nichts Schlechtes heißen, nein im Gegenteil: Bei solcher Art der Erzählung handelt es sich um das älteste Brot des Reisejournalismus. Gerade dafür geht man ja in die Fremde.
In dieser Familie der Reisenden auf dem Weg zu sich selbst gehört Altmann einer besonderen Spezies an. Seit der Massentourismus die Tore in die hintersten Schlupfwinkel der Welt geöffnet hat, befallen Heimatflüchtlinge jeglicher Art die exotischen Teile der Welt. Sie finden sich hier einer besonders eigenartigen und prekären Situation ausgesetzt. Sei sind nämlich plötzlich selber das Symbol, ja die Inkarnation jener Welt, der sie eigentlich entfliehen wollen, und nichts kann sie hiervor retten. Wer als westlicher Besucher ein Land wie etwa Indien bereist, ist automatisch – ob er will oder nicht – Multimillionär. Auf der Flucht vor der kapitalistischen Kälte der Heimat und auf der Suche nach sozialer Egalität und Authentizität finden sich solche Reisende unausweichlich an der obersten Spitze der gesellschaftlichen Leiter wieder – und haben damit natürlich ihre Schwierigkeiten. Als natürlicher Kastenkritiker ist man zugleich Angehöriger der obersten Finanz-Kaste. Eine Rolle, die nur schlechtes Gewissen produziert und nie akzeptiert werden kann. Ganz besonders dann nicht, wenn man wie Andreas Altmann ein Vertreter der Alt-68er ist.
Von diesem Widerspruch berichtet das Buch über weite Strecken. Altmann lässt uns seinem schlechten Gewissen in vielen Situationen teilhaben. Er überschwemmt dabei zugleich die fremde Welt mit den eigenen westlichen Wertvorstellungen, möchte „Indien aufräumen“ oder einer ständig essenden, verfetteten Matrone der indischen Mittelschicht „eine watschen“. Solche Ausfälle und Kurzschlüsse der westlichen Moral tun jedoch dem Unterfangen und der Güte des Buches keinen Abbruch. Sie spiegeln vielmehr genau das Dilemma eines jeden Indienreisenden wider und selbst ein erfahrener Weltreisender wie Altmann scheint hiervor nicht gefeit zu sein. Eine Lösung gibt es nicht – oder, wie Altmann selber an einer Stelle schreibt: man „muss da durch“.
Ansonsten hat das Buch von vielen sehr schönen Eindrücken, Andekdoten und Erlebnissen zu berichten und als erfahrener Journalist und Literaturkenner versteht es Altmann, die treffenden Worte zu finden. In vielerlei Hinsicht also eine lohnende Lektüre.
Thomas Reuter


True West: Textbook (Diesterwegs Neusprachliche Bibliothek - Englische Abteilung, Band 301)
True West: Textbook (Diesterwegs Neusprachliche Bibliothek - Englische Abteilung, Band 301)
von Albert-Reiner Glaap
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,50

19 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Was ist schon Wahrheit, 15. Januar 2006
„True West“ heißt das Stück von Sam Shepard, das 1980 im Magic Theatre in San Francisco uraufgeführt wurde. „Der wahre Westen“ könnte man also übersetzen. Als „Goldener Westen“ fand es in Düsseldorf seine deutsche Uraufführung. Auch nicht schlecht. Sowohl die Wahrheit als auch das Gold sprechen Aspekte an, die im Stück eine Rolle spielen. Es geht um das allmähliche Schwinden des American Dream, der in der suburbanen Welt amerikanischer Vorstädte zu einem schäbigen Abbild verkommt. Beim American Dream geht es klassischerweise immer ums Gold, nämlich in Form von Geld und Erfolg. Aber auch um das authentische Leben, das wahre Leben, welches niemals in den Städten sich ereignet, sondern immer nur draußen in der wilden rauen Natur.
Zwei Brüder, Austin und Lee, die sich fast zufällig im Haus der Mutter treffen, fechten diesen Kampf zwischen Authentizität und Fälschung, zwischen Erfolg und Niederlage aus. Es ist eine Geschichte von Kain und Abel – nur umgekehrt. Der vermeintlich erfolgreiche Austin, der sich als untalentierter Scriptwriter versucht, ist am Ende so weit, das er seinen kleinkriminellen Bruder, der es im Leben zu nichts gebracht hat, beinahe umbringt, weil dieser sich bessere Geschichten ausdenken kann. Das Spiel von Neid und Anerkennung wird also im Vergleich zur biblischen Geschichte verkehrt. Der erfolgreiche – oder vermeintlich erfolgreiche – wird hier zum Täter.
Am Ende sind alle Masken gefallen, den Charakteren wächst so etwas wie Authentizität zu und sie verlieren sich in den Weiten der amerikanischen Wüste. Ob das nun die Wahrheit sein soll, bleibt offen.
Shepards Stück stellt einen sehr dichten und spartanischen Zweiakter dar. Nur vier Personen treten auf, zwei in Nebenrollen. Im zweiten Akte kehren sich die Verhältnisse um. Ein wohl konstruiertes Stück also von einem Autor, dessen Leben die Suche nach der Authentizität des Westens ist. Erst kürzlich konnte man sich davon überzeugen, als Shepard für den Film „Don’t come Knocking von Wim Wenders die Hauptrolle als alternder Cowboyfilmstar übernahm. Ein Mann wie ein Buch.
Thomas Reuter


DuMont Kunst Reiseführer Ägypten
DuMont Kunst Reiseführer Ägypten
von Hans-Günter Semsek
  Taschenbuch

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von den Pyramiden bis zum Bakshish, 15. Januar 2006
In diesem ausgezeichneten Reisebuch ist wirklich alles enthalten, was man für eine Fahrt in das Land des Nil braucht. Hans-Günter Semsek erweist sich als ausgesprochener Kenner des Landes und seiner Geschichte und versteht es, die Informationsfülle geschickt zu unterteilen und zu arrangieren. Ausgehend von einem geschichtlichen Überblick von etwa 50 Seiten geht das Buch über in eine Darstellung des sozialen Lebens im alten Ägypten. Die uns fremde Religion ist mit einem großen Kapitel bedacht sowie auch die Architektur, Kunst und Wissenschaft. Ein besonders interessantes Kapitel ist die Entdeckungsgeschichte Ägyptens durch die Europäer. Im zweiten Teil des Buches folgt der Autor dem Nil stromaufwärts und stellt alle Tempelanlagen, den Bau der Pyramiden, das Tal der Könige, Abu Simbel und so weiter aufschlussreich dar. Auch die Halbinsel Sinai wird bedacht. Zusätzlich gibt es handfeste Informationen zum Umgang mit dem Bakshish. Ein rundum guter Reiseführer also. Allerdings sollten Individualreisende noch eine weitere Informationsquelle zu Hand nehmen, denn Reiseorganisatorisches haben die Kunstreiseführer von Dumont nun einmal nicht so viel zu bieten.
Thomas Reuter


Die Welt der Tempel im alten Ägypten
Die Welt der Tempel im alten Ägypten
von Richard H Wilkinson
  Gebundene Ausgabe

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Von Opfergaben und Totenkult, 15. Januar 2006
Dies ist ein herrlicher und gut recherchierter Bildband über die sagenhafte Welt der ägyptischen Tempel, erarbeitet von Richard H. Wilkinson, einem wissenschaftlichen Kenner der Materie. Daher kann man sich nicht nur über ein hervorragendes Bildmaterial freuen, das sehr schön arrangiert ist, sondern auch über fundierte Informationen, die das Dargestellte erläutern.
Das Buch ist in 5 große Kapitel eingeteilt. Die ersten vier sind allgemeinerer Art und haben einführenden Charakter. Hier geht es um die Entwicklung der Tempelanlage, die Auswahl der Örtlichkeit, die praktizierte Religion usw. Im letzten Kapitel, was allerdings die Hälfte des Buches einnimmt, folgt der Autor dem Nil stromaufwärts und stellt unter Heranziehung zahlreicher Bilder die Tempelwelt Ägyptens stromaufwärts dar.
Der Bildband besticht durch farbgetreue Fotographie und scharfe schwarz-weiß Bildern. Wer eine Reise ins Nilland plant ist mit diesem Buch gut beraten. Bei einer komfortablen Nilkreuzfahrt stellt der Band trotz seines Formats einen idealen Begleiter dar.


Das Alte Ägypten
Das Alte Ägypten
von Hermann A. Schlögl
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

18 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das alte Ägypten in 3000 Jahren und einem Tag, 10. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Das Alte Ägypten (Taschenbuch)
Der schmale Band „Das Alte Ägypten“ von Professor Hermann A. Schlögl kann mit einem ein hervorragenden Kosten / Nutzungsverhältnis aufwarten. In Siebenmeilenstiefeln durchschreitet man die Jahrhunderte und kann sich bei aufmerksamer Lektüre am Ende eines nicht übermäßig langen Tages durchaus rühmen 3000 Jahre ägyptischer Geschichte abgearbeitet zu haben. Dabei kann von Oberflächlichkeit aber gar keine Rede sein. In 5 großen Kapiteln führt Schlögl den Leser chronologisch durch die Perioden und Dynastien des alten ägyptischen Reiches. Pharaonenfamilien kommen und vergehen. Das Land am Nil bleibt bestehen.
Schlögl teilt die historischen Perioden in die üblichen Zäsuren von Altes Reich, Mittleres Reich und Neues Reich. Die Ramseszeit wird gesondert angeschlossen und es folgt noch ein Kapitel über die sehr interessante Spätzeit, in der sich Griechen, Hethiter, Perser und Römer im Land der Pharaonen tummeln und legendäre Namen wie Alexander, der Große, Cäsar, Octavian usw. sich sozusagen die Klinke in die Hand geben. So bekommt der Leser auf 140 Seiten einen Rundumschlag über die Geschichte des alten Ägyptens. Leichte Kost ist dies allerdings nicht, denn der Autor spart nicht an Namen und Daten, die einem noch unerfahrenen Ägypteninteressenten mitunter leicht verwirren und erschlagen können. Als erster Einstieg ist diese Lektüre denn also nur bedingt zu empfehlen. Zu dicht ist die Palette der Herrscher, zu gering die unterscheidenden Merkmale. Freilich kann man über vieles hinweg lesen und bei den großen Namen aufmerksamer werden. Jedenfalls hat man dann schon mal alles gehört und kann die Dynastien in etwa einordnen. Dankenswerter Weise hat Schlögl ein Kapitel zur Einführung vorangestellt, das insgesamt etwas eingängiger und zugänglicher ist. Bei einer Nilreise ist das schmale Bändchen ein idealer Begleiter, vorausgesetzt man hat darüber hinaus noch andere Lektüre über das alte Land am Nil bei sich.
Thomas Reuter


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