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Rezensionen verfasst von
silbertanne4 "silbertanne" (Offenbach)
(HALL OF FAME REZENSENT)   

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III (Ltd. Paper Sleeve/Digital
III (Ltd. Paper Sleeve/Digital
Wird angeboten von thebookcommunity
Preis: EUR 92,26

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen traurige Songs - ein Lou Reed Balladen-Album, 8. November 2009
Rezension bezieht sich auf: III (Ltd. Paper Sleeve/Digital (Audio CD)
EINLEITUNG

-Das Leben in Andy Warhols schwindsüchtiger Aura war in den Jahren 1965 - 68 sehr aufreibend gewesen. Ehemalige weibliche Stars des Kreises um Warhol wie Edie Sedwick oder Nico waren entweder gestorben, vegetierten in runtergekommenen Appartments einsam vor sich hin oder waren spurlos verschwunden ...
Es war höchste Zeit für eine Neuorientierung, falls man sein Leben behalten wollte. Das Ergebnis der LP war überraschend: Lyrische und traurige Gedanken über das Leben zu soft-sinnlichen Klängen, die man durchaus im Hintergrund zu Kerzenschein auflegen kann.

.... Der Teint ist immer noch blass, doch nicht mehr dem Tode nah. Durch die düsteren und einsamen Straßenschluchten und Wohnblocks der Lower East Side von Manhattan scheint erstmals ein kleines Licht hinein. Des Nachts hört man immer noch ein Wimmern und Weinen aus den Treppenhäusern ... Doch Nadeln im Badezimmer gab es nicht mehr. Die Musik ist zugänglich in den allermeisten Tracks. Mit der Ausnahme von "The Murders Mystery", einem ultra-experimentellen Titel, der eher auf "White Light White Heat" gepasst hätte.

EINZELE LIEDER:

Candy Says
Ein federleichtes Stück zu schwebenden Gitarren. Da Doug Youle eine ähnliche Stimme wie Lou Reed hat, weiß man kaum,, wer da singt. Der Text ist poetisch und fragil: "I have come to hate my body and all it requires in this world" bezieht sich auf die geschlechtlichen Identifikationsprobleme von Candy Darling (gestorben 1975) , die damals in New York ein Underground Filmstar war. Die umoperierte und sehr feminine Candy ist in Warhols Film "Flesh" mit Joe Dallessandro zu sehen.
Candy als Person spielte eine Rolle in dem Film "I shot Andy Warhol" um den Kreis von der radikalen mörderischen Feministin Valerie Solanas. Candy tauchte 5 Jahre später noch einmal in "Walk on the Wild side" von Lou Reed auf.

What Goes On
Besticht durch sein langes und narkotisches Orgel-Fade out (Doug Youle). Obwohl der Beginn etwas lauter und E-Gitarrenlastig ist, fügt sich der lange meditative Orgel-Ton gut in das getragene Konzept der Platte. Auch hier ist eigentlich nur der gute Mix des Velvet Underground Boxed Sets und seiner CD Version der dritten LP zu empfehlen.

Some Kinda Love
Gute Gitarren von Reed und Morrison. Der schleppende sparsam instrumentierte Song könnte auch von Donovan sein. Wäre da nicht wieder der monotone Trommelton von Maureen Tucker und der leicht tuntige Sprechgesang. Einer der wenigen Songs von Velvet Underground, die einen leicht homoerotischen Unterton haben. Lou Reed trägt in seinem nasalen unbeteiligten Erzählen die Geschichte vor. Some Kinda Love ist auf einem Dialog aufgebaut und klingt am Schluss des letzten Verses wie ein musikalischer Höhepunkt.

Pale Blue Eyes
Blasse blaue Augen schauen immer noch traurig und fast bewegungslos. Neben Candy says ist das der ruhigste Song den Reed jemals geschrieben hat. Eine Ode mit ruhigen Gitarren und meditativer Stimme.
Es geht um das Thema Liebe. Man merkt kaum, daß textlich auch eine Portion Ironie und Weltschmerz versteckt ist. D.h. Reed erkennt zwar diesmal die positive Kraft von Liebe an, doch in der gesellschaftlichen Realität sieht er eher eine Abwesenheit und Unmöglichkeit dieser. Ähnlich wie Rainer Werner Fassbinder hatte er den morbiden Ehrgeiz dieses Denken auf so viel wie möglich Menschen zu übertragen.
Aber ein sehr schöner Candle-Light Song:
"Linger on, you pale blue eyes" versucht einer emotionalen Leere mit ausdruckslos-blassen traurigen Augen ein wenig Würde und Poesie zu geben.

Jesus
Ein akustischer Sad Song. Die monotonen schubartigen Gitarrenfiiguren (ähnlich wie I'll be your mirror) sind typisch für diese Gruppe.
"Help me in my weakness, cause I am falling out of grace" klingt ehrlich und ohne Ironie, obwohl doch Reed eigentlich offiziell jüdischen Glaubens ist und damals bekanntlich sicher nicht zum Jesus-Freak mutierte. Schöner Chorgesang, wenn auch etwas repetitiv.

Beginning To See The Light
Gefällt mir nicht ganz so, ein wenig zu laut und stört die Atmosphäre der anderen Lieder Der Text "How does it feel to be in love ..." ist nicht gerade ansprechend. Geschmackssache.

I'm Set Free
Sehr traurige und bedeutungsschwangere Atmosphäre. Ein feiner akustischer Song zu mehreren akustischen und leisen elektrischen Gitarren. "I am set free to find a new illusion" ist wieder ... diese niemals endende Suche nach etwas Neuem. Diesmal außerhalb der schwindsüchtigen Factory von Andy Warhol (die Gruppe hatte sich mit Warhol zerstritten) , wo seit den 1966 eine Vielzahl der Mitgliedern gestorben war.

That's The Story Of My Life
Hält die Stimmung des vorherigen Tracks. Ein sich mehrmals wiederholendes Gespräch von Lou Reed und Billy Linich, dem einsiedlerischen Hausfotografen der Factory. Seltsame Lyrik: es gibt keinerlei Unterschied zwischen Richtig und Falsch und daß beide diese Welten tot sind?

The Murder Mystery
Und jetzt kommt diese hyper-experimentelle Avantgarde-Collage, ein Schock und eiskalte Dusche für den unvorbereiteten Hörer. Nie mehr wurde etwas ähnliches auf Tonträger aufgenommen. Unfaßbar, die Lyrik des Geheimnisses jenes Mörders bleibt nach Lou Reed ein unkommentiertes und unentschlüsseltes Rätsel für alle Zeiten. IIm Anhang der Text. "The Murderx Mystery" paßt gar nicht zu den anderen Liedern. Man sollte sie als 10-Minuten Eigenwerk bertrachten und separat (falls man den Mut hat) anhören.
Scheinbar zusammenhanglose und frei assoziative Sätze werden von mehreren Sprechern auf beiden Stereokanälen gleichzeitig vorgelesen. Das ganze war mal ein Gedicht, daß in irgendeiner Literaturzeitschrift abgedruckt war (ich glaube, die auf dem Cover).
Dennoch hat der Track irgend was sinistres, nostalgisches und magisches. Die seltsam monotone fiebrige Orgel jeweils am Ende der 6 Strophen .... Am Ende ein abrupter Stimmungsumschwung: das hypnotische repetitive Piano im langen Fade Out suggeriert einen unheilvollen Vorhang, der nach einem Drama fällt.
"The Murders Mystery klingt wirklich wie aus einer anderen Parallelwelt. Mit eigenen unentschlüsselbaren Gesetzen, ich glaube dies hier ist nach 35 Jahren die erste längere Rezension zu diesem unentschluesselbaren Track.

After Hours
versöhnt wieder, letzter Track. 1 akustische Gitarre spielt zum weiblichen Gesang von Moe Tucker. "After Hours" handelt um eine Cabaret Bar, wo "the night could last forever". Eine freundliche , melancholische nachtrunkene Atmosphäre gegen Sonnenaufgang.

"The Velvet Underground" ist das einzige Album der Gruppe, das man weiteren Hörerkreisen weiterempfehlen kann. Es ist ruhig, hat keine effekthascherigen Schock- Texte und ist musikalisch und lyrisch von guter Qualität.

Ich hatte "The Velvet Underground" (die LP hatte die guten Versionen der Tracks) in den Achtziger Jahren im Pariser Centre Pompidou kennengerlernt. Seitdem sehr oft gehört, obwohl ich die anderen Platten von Velvet Undergrond eher kaum höre.

ZWEI MIXE
Es gibt zwei sich stark unterscheidende Studioaufnahmen von "The Velvet Underground". Eine weniger gute, in der leider die meisten Exemplare auf dem Markt sind.
Und einen guten Mix: Diesen kann man nur dem Boxed-Set (5 CDs) entnehmen, er klingt nicht nur besser, es wurden andere Aufnahmen der Songs verwendet.
Aufgenommen wurde die dritte "graue" LP Ende 1968 unter der Regie von Val Valentine.


Der Baader-Meinhof-Komplex
Der Baader-Meinhof-Komplex
DVD ~ Moritz Bleibtreu
Preis: EUR 4,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Unterhaltsames Action-Kino - 10 Jahre im Schnelldurchgang, 22. Oktober 2009
Rezension bezieht sich auf: Der Baader-Meinhof-Komplex (DVD)
Der Film ist recht unterhaltsam, doch irgendwie haben Edel und Eichinger zu viel reingepackt. Er zeigt eine ungewohnte Sichtweise aus Perspektive der Baader-Meinhof-Gruppe selbst und macht überraschend Action-Kino daraus.

Aus der Kindheit habe ich jene Zeit anders in Erinnerung: damals zeichnete das Fernsehen und die Springer-Presse das Bild von gewöhnlichen Kriminellen. Die andere Presse und Linke sah die RAF ab 1972 eher als Trauerspiel mit ultra-dramatischem Finale, ähnlich einer griechischen Tragödie. D
agegen begegnen einem im "Baader Meinhof Komplex" coole Typen wie Baader und Boock und verführerische Amazonen zwischen 20 (Schelm) und 40 (sexy Martina Gedeck als Meinhof). Die so gar keine Ähnlichkeit mit den Halloween-Fahndungsfotos von einst haben.

Die geschilderten Ereignisse mögen faktisch und chronologisch stimmen. Doch was einst Fassbinder in Retro-Filmen gelang kommt hier für mich nicht rüber: Das man sich wirklich in den Jahren 1968, 72 und 77 glaubt. Irgendwie wirken Ambiente, Farben und die Schauspieler auf mich, wie wenn es moderne Gegenwart ist. Auch wenn die Automarken oder Tagesschau-Einblendungen korrekt Seventies sind, das Gefühl 1970 - 77 stellt sich (ähnlich wie bei The Doors) bei mir einfach nicht ein. Ich vermute, daß ist bewusst so gestaltet worden, denn Ulrich Edel und Eichinger wissen recht gut, daß mit nem jungen Action-Publikum ein weit groesseres Kapital zu machen ist, als nur mit Leuten mittleren Alters die in kleine alternative Kinos gehen. In denen früher Dokumentationen wie "Black-Box BRD" oder "Die Dritte Generation" liefen.

Der Film ist weniger eine Aufarbeitung, eher eine Aneinanderreihung von RAF Geschehnissen 1967 - 77, die aus der Ich-Perspektive der Täter geschildert werden. Vieles im Film vermittelt ein bewusst subjektives Bild. Ich werde das Gefühl nicht los, daß es Edels Intention war, die Täter so positiv wie möglich darzustellen. Der Gesamteindruck des Films will nicht nicht so recht mit meinen Buchrecherchen über die RAF harmonieren:

Zu einzelnen Szenen:

- Der Schahbesuch und die Demo sind sehr lange geraten. Die ungewöhnliche Gewalt der Polizei an jenem Tag fügen sich in das landläufige Bild, daß der 2. Juni 1967 der eigentliche Ur-Grund für die Aktivitäten von RAF und anderen Gruppen in der Folgezeit waren.
Meinetwegen bei Ulrike Meinhof, doch Andreas Baader war zu jener Zeit noch völlig unpolitsch. Das Ereignis beeindruckte ihn 1967 kaum, erst posthum ein Jahr später als Gudrun Ensslin und die K I. davon erzählten. Der Film verschweigt, daß Baader seit Anfang der Sechziger Jahren wegen Gewalt und Randale schon häufig mit der Justiz Kontakt hatte.

- Der Vietnamkrieg war angeblich das Schlüsselerlebnis für Gudrun Ensslin. Dieser zweifellos schreckliche Krieg dürfte als ihr ausschliessliches Motiv überbewertet sein, auch wenn der Streifen es so darstellt.
Ensslin war bereits Stammgast auf vielen Demos in der Vorzeit, wo es um interne Stadtprobleme ging. Ihr entging natürlich auch der "Burn Warehouse Burn" Rummel der Kommune I nicht. Jene K I. die just durch den Teufel / Langhans-Prozess über Nacht zur publicityträchtigsten Sache der neuen Linken geworden war. Inwieweit Ensslin die europäische Bevölkerung allen Ernstes verantwortlich für den Krieg der Amerikaner in Vietnam machen konnte ist schwer nachvollziehbar. Als Baader den Medienrummel um K I. bemerkte, wurde er plötzlich Stammgast bei ihnen. Die ersehnte Anerkennung in einer Hauptrolle erhielt er durch seine radikalen Pläne, die weit über das hinausgingen, was damals in jener Szene üblich war.

- Der Brandanschlag in Frankfurt:
Zur Zeit der Tat (April 1968) hatte Baader sich erstmals in seinem Leben überhaupt mit politischen Dingen beschäftigt. Das Gewalt intellektuell zu einem politischen Zweck formuliert werden kann (dank Gudrun Ensslin), war Baader damals neu.
Eichinger hätte die Fragwürdigkeit aufzeigen können, wie man sich in wenigen Monaten vom politisch desinteressierten schon zum überzeugten Stadtguerilla verwandeln konnte. Weiterhin das seltsame Paradoxon in Frage stellen, wie ein Kaufhausbrand in Brüssel (300 Tote) allen Ernstes in Assoziation mit Vietnam gebracht werden kann. Oder inwieweit die deutsche Bevölkerung "schuld" am Vietnam-Krieg sein konnte. Der Film schildert Brandanschlag ähnlich wie den Schahbesuch. Wie wenn das ein natürlicher Reifungsprozess gewesen wäre und die Tat die logische Folge.

- Das Ausbildungslager der Al Fatah in Jordanien:
Aust schreibt in seinem Buch, daß dort alle Mitglieder irgendwie miteinander zerstritten gewesen waren und den Palästinensern ein ziemlich negatives Bild abgaben. Letztendlich wurde die gesamte Gruppe vom Ausbildungsleiter nach Hause geschickt, als sie sich wieder einmal über das Essen beschwerten. Was im Film nicht erwähnt wird. Auch hatte Baader sich besonders mies gegenüber Ulrike Meinhof (die ungeschickte Intellektuelle) verhalten, obwohl sie kurz vorher die treibende Kraft gewesen war, die ihn aus der Haft befreite.
Gut kommt rüber wie man den fehlenden ideologischen Background der RAF spürt. Im Gegensatz zu den Palästinensern zanken sich die RAF-Leute ständig.

- Ensslin / Baaders Arbeit im Sozialprojekt nach dem Kaufhausbrand-Prozess:
Hier fällt den Filmemachern nur eine einzige Episode ein, die bewusst unwahr widergegeben ist: Die Badewannen-Szene hat es so nicht gegeben. Untypisch, daß Baader das so gelassen hingenommen haben konnte, er war für seinen Macho-Besitzanspruch und seine Wutausbrüche berüchtigt. Unkorrekt ist auch der Kosename "Katze" für Gudrun E. Baader nannte sie regelmäßig "Fo...e" vor den anderen.

In vielen Zeitzeugen-Aussagen wird Baader als ein Typ beschrieben, der sich von vielen Leuten aushalten lies, sich überall Geld und Dinge borgte, die man in der Regel niemals widersah.
Doch im Film schenkt Baader grossmütig sogar noch seine Lederjacke dem jugendlichen Neuankömmling Boock.
Für mich ist diese Szene jene, die am meisten die Kluft zu den gravierenderen Problemen der Neuzeit aufzeigt: Obwohl Baader und Ensslin gerade aus der Haft entlassen sind und keinen Berufs-Abschluss haben, bekommen sie eine leitende Stelle in einem sozialen Projekt, d.h. interessante Arbeit. Heute bekommt man solche Stellen nicht mal als Diplomierter Psychologe mit hunderten von Bewerbungen. Arbeitslosigkeit und Rezession erzeugt keine moderne RAF, sie war paradoxerweise ein Produkt aus der Zeit des Wirtschaftswunders, wo es für jeden Arbeit en masse gab.

- Die Jahre 1970-72 sind vergleichsweise kurz geraten.
In dieser Zeit fanden die allermeisten Aktivitäten und Anschläge der Gruppe statt, insbesondere im Mai 1972.

- Realistisch wird die Festnahme Baaders gezeigt.
Wenn man im auberginefarbenen Porsche, völlig anders gekleidet als die Leute der Wohngegend, ohne Führerschein auch noch in eine Einbahnstraße fährt und sich dann wundert, daß die Sprengstoff-Garage nicht unbemerkt bleibt... da fällt mir nur das Wort "dilettantisch" ein.

- Die Entführung von H. M. Schleyer könnte einen eigenen Film abgeben. Wird nur kurz angerissen, obwohl der Herbst 1977 das markanteste Ereignis der RAF gewesen war. Im Falle Schleyers gibt der Film ergänzenden Einblick in die spontane und unprofessionelle Planung der Tat, Schleyer selbst überlebte die paranoide Schiess-Atacke (laut Boock war es nur eine Person, die das MG-Magazin leerballerte) zu Beginn der Entführung nur durch ein Wunder.

- Mogadischou:
Der Film verschweigt, daß die Flugzeugaktion bereits im Vorfeld von Wadi Haddad für eine ganz andere - intern-palästinensische - Operation geplant gewesen war. Um der Palästina-Sache wieder einmal in Europa Schlagzeilen zu bescheren. Der Publicity-Effekt für die Palästinenser stellte sich trotz des Scheiterns ein, man sprach über die Ungerechtigkeiten von Israel-Palästina.
Der Bezug zur RAF ist schwer nachvollziehbar. Der Film zeigt zwar eine hyperselbstbewusste neue RAF-Chefin (Mohnhaupt. Aber nicht die Blauäugigkeit, mit der sie und ihr ergebener Peter Boock dem Haddad-Plan bedingungslos zustimmten. Auch nicht den Widerspruch zur sonstigen RAF-Richtlinie (keine Flugzeugentführungen). Oder wie Leute aus der antiautoritären Bewegung eine derart autoritäre Weisungsstruktur akzetieren konnten.

- Das Erschiessen von Schleyer wird als das "Ende der RAF" dargestellt, das typisch deutsche Nibelungen-Finale. Stimmt nicht, danach ging es nach einer kurzen Pause weiter. Brigitte Mohnhaupt plante bereits 1 Jahr später weitere Attentate und rekrutierte neue Mitglieder. Die spektakulärsten Attentate passierten eigentlich erst in den Achtziger Jahren, professioneller geplant, kaltblütiger ausgeführt, fast immer tödlich. Allerdings war die Presse das Thema RAF offenbar leid nach 1977. Sie widmete den Attentaten nach 1978 bis 1992 weniger Aufmerksamkeit.

- Die Musikauswahl ist chronologisch falsch: Im Juni 1967 hört man "Cild in Time" von Deep Purple (eigentlich 71), nach der Schleyer-Erschiessung 77 erklingt "Blown in the Wind" von 1965. Und als 1969 Baader und Boock aus dem Auto ziellos rumballern hört man "My Generation", ein Song von 1964. Eine seltsam platte Musikauswahl, da Eichinger und Edel jene Zeit selbst miterlebt hatten. Und weil damals die einzelnen Jahre viel langsamer und bewusster empfunden wurden als heute. Ich hätte Ton Steine Scherben für die Autofahrt verwendet, einen zynischen Song von Grace Slick (Diana, über eine amerikanische Terrorgruppe) für 1972, für die Mitsiebziger die Hommage an Patrica Hearst von Patti Smith und für 1977 etwas kalt-technisch resignatives, z.B. Ultravox oder Stranglers.

Fazit: Insgesamt finde ich den Film sehenswert, ihm ist es wie kein anderes Medien-Produkt gelungen, das Thema RAF wieder ins Gespräch zu bringen. Es ist halt ein Action-Film mit vielen Ereignissen im Zeitraffer-Tempo. Ergänzend (oder als Alternative) möchte ich das sehr detaillierte gleichnamige Buch von Stefan Aust empfehlen.
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 26, 2009 12:16 AM CET


The Desert Shore
The Desert Shore
Preis: EUR 12,73

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Tieftraurige Musik, 21. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: The Desert Shore (Audio CD)
Desertshore ist keine Pop- oder Rockmusik. Diese Klänge von 1970 erinnern instrumental an sakrale Musik des frühen Mittelalters. Die Lyrik dagegen ist in Nicos persönlichem Wahrnehmungsvermögen gefangen und könnte von einem spirituellen Erlösungsgedanken kaum ferner sein. Desertshore ist in den Liedern ansprechender und weniger schräg als beim Vorgänger "Marble Index".
Das Album wurde wieder von John Cale produziert. Nico spielt Harmonium und Spinett, alle weiteren Instrumente kommen von John Cale.

SONGS

JANITOR OF LUNACY (4:01)
Eine Pianoeinlage führt in einen schweren Klangteppich von John Cales Orgel und Nicos Harmonium über. Dieser kathedralen-artige monotone Schwellton scheint den Hörer hypnotisieren zu wollen. Anschließend setzt Nicos verkündender Gesang ein. Das ist ein eindrucksvolles Beispiel für gotische Musik, zwei Jahrzehnte, bevor diese Musikrichtung Mode wurde.
Nicos seltbstkomponierte Lyrik kann als freie Assoziation interpretiert werden, obwohl hier Anspielungen auf Sterilisation und Abtreibung herauslesbar sind. Eine versteinerte Wiege und eine "tödlich-paralysierte ewige Erinnerung" sollen Hoffnung bringen ?
"Janitor of Lunacy" ist ein majestätischer Opener, den man nicht unbedingt als runterziehend empfinden muss, falls man den Text ignoriert.

THE FALCONER (5:39)
Ein Eric Satie-artige Klavier wird nach ca. einer Minute von Nicos sonor-schwellenden Harmonium abgelöst, der Track ist Kammermusik in reiner Form. Ab dem Satz "Angel of the Night" tritt Nicos Harmonium in den Hintergrund und der Song wandelt sich zu einem hübschen Piano-Track", der Falcone(e)r klingt für Nico jener Jahre durchaus freundlich und gar nicht schräg. Auch hier sollte man den Text nicht allzu ernst nehmen, Nicos Gesang ist eh schwer zu verstehen. Ich schließe nicht aus, daß Nico es phantsiemäßig gut gemeint hat: der ägyptische Sand, der Falke und Engel der Nacht.
Der plötzliche Stimmungs-Umbruch in "hoffnungslose innere Leere" mit "Silver traces erase my empty pages / candlelight" könnte eine selbstkritische Anspielung auf ihre bekannte Heroinsucht bedeuten, obwohl dieses Trauerspiel erst 5 Jahre später begonnen haben soll.
Es könnte aber auch silberner Mondschein bedeuten.

MY ONLY CHILD (3:27)
Die undurchdringliche Schwere der beiden ersten Songs weicht jetzt in lichtere und menschliche Sphären. "My only Child" ist ihrem Sohn (Vater Alain Delon) "Ari" Christian Aaron Boulogne gewidmet. "My only Child" ist ein instrumental freundlicher a capella-Song mit Kinderchor im Hintergrund. Spätestens hier zeigt sich, daß Nico zwar ihren avantgardistischen Stil von "Marble Index" beibehalten hatte, aber irgend etwas sagte ihr , daß die Songs auf Desertshore doch etwas weniger schräg sein sollten als auf "Marble Index". Immerhin arbeitete sie bereits für ihre vierte Plattenfirma, die drei vorherigen hatten die Verträge wegen Unverkäuflichkeit gekündigt.
Der Text ist selbstmitleidig, er zeigt Nicos unreflektierte Reaktion, warum sie ihr Kind weggenommen bekam. Ungeachtet der Tatsache, daß sie auch nach ihrem Wegzug aus New York ihren ungesunden Lebensstil nicht aufgeben wollte und alsbald eine bekannte Erscheinung der Pariser Drogenszene wurde.

LE PETIT CHEVALIER (1:12)
Wie Nico es 1970 geschafft hatte, die Stimme ihres Sohnes Ari aufzunehmen ? Er lebte damals nicht bei ihr und die Mutter war in der Familie Delon nur für kurze Besuche erwünscht. Wahrscheinlich stammt die Stimme Aris aus Tonbändern früherer Jahre, er war 1970 schon acht Jahre alt.
Der "Petit Chevalier" hier klingt im Song wie ein Kleinkind. Gockenspielartige leise Klänge, Cembalo und John Cales Viola im Hintergrund begleiten diesen kurzen Song.

ABSCHIED (3:02)
Bereits die ersten Töne von Harmonium, Viola und Cembalo klingen so dramatisch, daß man schon ein Martyrium durchlebt, bevor ihr Gesang einsetzt. Die ideale Begleitmusik für Karfreitag. Das in altertümlichen Deutsch gesungene Lied ist das allertraurigste auf "Desertshore". Obwohl Nico aus Deutschland stammt, intoniert sie Deutsch in einer so gedehnt-monotonen Aussprache, daß man eine unbekannte Fremdsprache vermutet.

AFRAID (3:27)
Der melödiöseste Titel auf Desertshore, der von einem minimalistischen Piano begleitet wird. Einen ähnlich hübsch klingenden Song hat Nico erst wieder 15 Jahre später mit "My funny Valentine" auf "Camera Obscura" gebracht. Beide erinnern mich an eine Piano-Bar. Im Text fehlen die melancholisch bis resignativen Untertöne auch hier nicht. Ursprünglich war das Lied "You are beautiful and you are alone" betitelt, typisch Nico.

MÜTTERLEIN (4:38)
Der einzige Track, der mir auf der CD nicht so gefällt, auch wenn er vom Klang nicht aus dem Rahmen fällt. Nicos Stimme sowie ihr Harmonium klingt so was von monoton, und dieser Text noch ... Nico gefällt mir weniger, wenn die Stimme zu penetrant und absichtlich monoton klingt.

ALL THAT IS MY OWN (3:54)
Hier klingt John Cales Viola orientalisch, die Tasteninstrumente verhalten sich im Hintergrund. Irgendwie erinnert mich das Lied an das fernöstlich flirrende "All Tomorrows Parties. "Desershore" mag das Zusammentreffen von Wüste und Meer bedeuten.

FAZIT:
Desertshore ist ein tieftraurige moderne Klassik. Wem diese Musik zusagt sollte sich noch "The Marble Index" und "The End" zulegen. Jene drei CDs sind meiner Ansicht das ultimative Werk von Nico, "Desertshore" ist instrumental das zugänglichste von den dreien. Leider sind keine Boni auf der CD.

"Deshertshore" war übrigens auch der Soundtrack für Philippe Garrell's Experimentalfilm "La Cicatrice interieure", mit dem Nico zu jener Zeit in Paris zusammen wohnte.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 23, 2009 3:27 PM MEST


Modern Times
Modern Times
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Modern Times: wuchtig-harter Rock im modernen Sound der Achtziger, 20. Juli 2009
Rezension bezieht sich auf: Modern Times (MP3-Download)
ich kenne keine andere (Jefferson)-Starship CD, die lauter und härter rockt als diese. Obwohl ich den Starship / Airplane-Katalog gut kenne, war ich erstaunt über die vielen mir unbekannten guten Tracks.

Kurz zusammengefasst:
Im Frühling 1981 präsentierte sich Jefferson Starship mit neuem Sound, der sich deutlich von ihren Siebziger Erfolgen wie "Red Octopus" und "Dragonfly" unterschied. "Modern Times" bietet ansprechende polyphone Melodien, den typischen Gruppengesang, einige Chart-Hits, tanzbare Rhytmen, schwere Drums, kräftige Basslinien.
Selbst für heutige Ansprüche moderne Studiotechnik: flirrende artizielle Keyboard- und Synthesizer-Teppiche. Wegen Differenzen um die Song Credits war das Werk lange Zeit nicht im Handel. In ihrer Heimat San Francisco würde man sagen "Modern Times is a hidden gem" ...

Ausführlicher:
Titel und Gestaltung harmonieren: das artifiziell-computerartige Cover, diese geschlechtslose Weltraum-Erscheinung mit den Zügen einer infantilisierten Grace Slick ? vor dem Hintergrund von Computer-Graphiken. Noch etliche Jahre vor der Commodore-Welle, damals kannte man Computer nur aus dem Fernsehen und Kino.

Grace Slick war das erste Mal seit 1978 wieder dabei, sie tauchte am Ende der Studio-Sessions in Los Angelas auf. Offenbar waren frühere Zwiste vergessen, die Band hatte sie einst nach einem Deutschland-Gig (Loreley, Hamburg) wegen damaliger Unzuverlässigkeit gefeuert. Auf Modern Times integriert sie ihre Stimme perfekt zu den weichen Lead-Vocals von Mickey Thomas und verzichtet auf Solo-Attitüden. Die Stimmen der beiden klingen klingen im Mix so ähnlich, daß man manchmal raten muss, wer gerade singt.

"Find Your Way Back" - war die erfolgreichste Single-Auskopplung und errechte # 3 der US-Charts. Einer der besten Starship-Titel überhaupt. Der feminine Gesang von Mickey Thomas (Background Grace Slick) wechselt sich mit 2 überlagernden Melodien und einem schweren Heavy-Riff ab. Der Titel wurde erstmals auch in MTV als Video eingesetzt, damals neu.

"Stranger" war eine weitere erfolgreiche Radio-Auskopplung, hier bestreitet Grace die Lead-Vocals.

"Wild Eyes" - einer der stärksten Tracks auf dem Album. Der Gesang erinnert an Jefferson Airplane und die Sechziger. Das Talent der Gruppe mehrere polyphone Melodien in einem einzigen Song unterzubringen ist eh superb.

"Save your love" besticht mit einer catchy melody-line, leadvocal Mickey Thomas.

"Modern Times": typisch Paul Kantner Komposition, wie "Blow against the empire" im modernen Soundgewand. Angeblich soll im Hintergrund ein Hund gebellt haben.

"Mary" ist eine Überarbeitung eines Titels aus ihrem vorherigen Album "Jane". Nicht gerade der beste Track, Mary hat witzige Wortspiele (to marry Mary ...) und galaktische Synthesizer-Parts.

"Free" rockt mit einem Gitarrenriff und donnerndem Schlagzeug fast wie eine Heavy-Metal Band.

"Alien" hier merkt man schon im Titel, daß man in der Zukunft angekommen ist. Die Basslinie ist so fett-pulsierend und mit dem Synthesizer gekoppelt ... das würde selbst zu einer heutigen Techno-Disco passen ... Alien hat 3 polyphon sich überlagernde Melodien: Gitarren, Lead-Gesang (Grace Slick)und (besonders schön ist wieder) der vielstimmige Gruppen-Gesang in der Song-Mitte.

"Stairway to Cleveland" ist ein rasender, verrückter und ungewöhnlicher Track. Selten wurde so ein schneller Song aufgenommen, mir fällt nur "Sheer Heart Attack" von Queen ein.
Stairway klingt wie ne von der Kette losgelassener Les Humphries Singers auf dem Hard-Rock Trip mit provokanter Outlaw-Lyrik.

Besetzung:
Craig Chaquico Synthesizer, Guitar, Guitar (Rhythm)
Aynsley Dunbar Percussion, Drums, Marimba
David Freiberg Organ, Bass, Guitar, Keyboards, Vocals
Paul Kantner Guitar, Guitar (Rythm), Vocals, Oberheim 8
Pete Sears Synthesizer, Bass, Piano, Keyboards, Vocals
Grace Slick Vocals
Mickey Thomas Vocals

>> Wer auf die Achtziger steht, sollte sich Modern Times anschaffen, evtl. noch das ähnlich klingende "Nuclear Furniture". Schade daß keine Bonus-Tracks drauf waren. Daher ein Stern weniger (39 Minuten). Für die Komplettierung des Jefferson-Ouevres ist "Modern Times" eh Pflicht.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 25, 2013 1:40 AM MEST


Feuchtgebiete
Feuchtgebiete
von Charlotte Roche
  Broschiert
Preis: EUR 14,90

36 von 44 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Ekelerregend - unerotisch - pervers - unsexy - keiner Aufmerksamkeit würdig, 29. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Feuchtgebiete (Broschiert)
Ich glaube immer noch nicht, daß das sein kann, evtl. träume ich das nur. Wie kann so ein Buch derart viel Aufmerksamkeit bekommen ? Gute Erotikromane und Sexratgeber (die wenigen die es gibt), bekommen nicht einen Bruchteil an Rezensionen. Anbei zwei Leseproben:

" Mein drittes Hobby. Bakterien verbreiten. Wenn ich also mit der Grillzange keinen Erfolg bei der Suche hatte und Angst habe, dass mein blutiger Klopapierklumpen in mir verschimmeln ... "

"Daher schmeiße ich nicht bei jedem Toilettengang den alten, aufwendig gefalteten Tampon ins Klo. Ich fingere ihn raus, nachdem ich mich hingesetzt habe. Und lege ihn auf den Boden. Je dreckiger der Boden, desto besser."

Ich weiss nicht, ob ich über so was lachen soll? Den Kopf schütteln fällt mir bereits schwer, jede Art von Aufmerksamkeit wäre vergeudete Zeit. Die einzige Sensation, die sich zwangsläufig einstellt ist Ekel, doch zum Glück dauert dieser billige Effekt der Autorin nicht lange, man vergisst das Gelesene schnell. Denn "Feuchtgebiete" ist so belanglos und ordinär geschrieben, daß es eigentlich in die schmale Perversitäten-Ecke der Sexshops gehört. Ich kann nicht glauben, daß Feuchtgkeitsgebiete die Ausdrucksweise einer 18-jährigen ist, mir erscheint das aus anderer Feder.

Es hätte - falls überhaupt - in die Zeit vor 1980 gepasst, als Sexfilme im Kino manchmal bewusst Schockwirkung verursachen sollten, die Leute ins Kino gingen wegen dem Schockeffekt, nicht wegen Sex: z.B. "Das Grosse Fressen", "Caligula" oder "die 120 Tage von Sodom". Letzterer Film hatte wenigstens noch etwas Tiefgang und zeigt die Parallele auf: Daß die Vorliebe für Kot oder sexueller Demütigungen zum Ausdruck des absolut Bösen darstellt plus und eine völlige Geringschätzung der Menschen allgemein und sich selber.

Doch heute: die meisten Menschen kaufen Sexmedien, wo hübsche Menschen und erregende (normale) Praktiken wie Fellatio oder Stellungstips vorkommen.

Dieses Buch ist unrepräsentativ für das Sexualverhalten der Menschen. Falschverstanden könnte "Feuchtgebiete" dazu beitragen, daß immer mehr Leute Vorurteile gegen Sex bekommen und nach Lektüre sagen "Sex, nein das ist nichts (mehr) für mich, wenn das die normalen Praktiken werden sollten heute.

Kurz: ein Sexvergraulbuch
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Oct 22, 2012 3:38 PM MEST


Phallus Dei
Phallus Dei
Preis: EUR 21,45

6 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Seltsame Katakombenmusik, 27. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Phallus Dei (Audio CD)
Kommet zu Hauf in die Katakomben von Kanaan. Wer hat sie in jener violetten Stunde durch das Schlüsselloch gesehen? Die Priester auf Stelzen, eingeflogen zum intergalaktischen Fest.
Das sprach der Kindermörder, der erlauchte Erfinder der Trompetenmesse (dem Guten, Schönen, Wahren), als er den Karawanenwagen bestieg. Geier von Golgatha, jeder ist ein Komponist, wenn er den Schnittpunkt zweier Parallelen im Unendlichen findet.
Unerwartet betrat Luzifer Ghilom den magischen Kreis und die Versammelten verneigten sich gen Morgen. Er kam aus dem Tal der einbalsamierten Engel,wo im Wahrsage-Fluss gregorianische Chöre die Vision von Henriette Krötenschwanz beklagen.
Abgehoben von der Rollbahn mit hypnotischen Messern in den Händen: Phallus Dei.
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Ceremony
Ceremony
Wird angeboten von HURRICANE RECORDS BERLIN
Preis: EUR 8,99

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Albtraum-Klänge zu christlichen Rand-Themen, 24. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Ceremony (Audio CD)
Pierre Henry hatte Mitte der Sechziger Jahre einige erfolgreiche Platten wie "Messe pour le temps présent" gemacht hatte, sich aber 1968 mit der albtraumhaften Synthesizer-Vertonung der "Apokalypse des Johannes" in ein künstlerisches Ausseits manövriert.

Solcherlei Infos über Pierre Henry war offenbar der Aufmerksamkeit der aufstrebenden Band "Spooky Tooth" entgangen. "Spooky Tooth" hatte wenige Monate vorher ihr bestes und bis heute erfolgreichstes Album "Spooky Two" aufgenommen, das die besten Elemente von ELP und Uriah Heep in einem stark keyboardlastigen Sound zwischen Heavy, Choral und Melancholie vereinigte.

Doch wer mit dieser "Two"-Erwartung "Ceremony" erwarb, erlebte eine böse Überraschung und wurde nachhaltig von den schrägen Klängen um ausschliesslich christliche Rand-Themen verwirrt. Die Band hatte scheinbar nicht in "Apocalypse de Jean" reingehört. Ein Mammutwerk, wo Henry in vielen Stunden Vinyl das letzte Kapitel der Bibel mit ungeniessbaren hyper-experimentellen Synthesizerklängen in Französisch vorlas, selbst Stockhausen hört sich dagegen wie Hitparade an. Und Henry kannte dieses (selten gelesene) neutestamentarische Randthema des Johannes auch sehr genau, im Gegensatz zu Spooky Tooth, welche sich vorher offenbar etwas zugängliches wie "My sweet Lord" (Jesus-Rock war gerade in) vorstellten.

Offenbar ist die Klassik, der Jazz und moderne Avantgarde doch um einiges experimentierfreudiger und mutiger als selbst progressive Bands des Rock wie Spooky Tooth. Und Pierre Henry hatte diesen Mut, in Auftrag von Radiosendern, Kirchen oder Fernsehen ganz unkommerzielle Dinge zu liefern, die sich als LPs nicht verkaufen liesen. Er wollte nur seine momentanen Vorstellungen durchsetzen, Kommerzialität war ihm offenbar völlig egal.
Doch nicht die Rockmusik, deren Plattenfirmen auch im Falle Frank Zappa oder Pink Floyd sehr nach Verkäuflichkeit orientiert sind, Anspruch hin - Anspruch her.

Mit "Ceremony" zerstörten "Spooky Tooth" sich eine weitere Karriere, da die Platte fast überall negativ aufgenommen wurde. Sie wurde lediglich Kult in oberflächlichen Drogenkreisen, wo sie als Höllen-Trip galt.

In Frankreich war man besonders in kirchlichen Kreisen gespannt auf das Resultat von "Ceremony". Pierre Henry verkehrte oft in geistlichen Kreisen. Es herrschte in der katholischen Kirche der Sechziger durchaus eine Aufgeschlossenheit gegenüber neuer Musik und neuer Kunst:

Aber als Papst Paul VI. "Ceremony" anhörte, war er entsetzt. Ebenfalls geistliche Orden von Mönchen und Nonnen, denen Pierre Henry je ein Exemplar zukommen lies. Die ganze Platte hindurch herrscht eine beängstigende Atmosphäre, die ich bisher erst einmal in der Gesamtheit durchgestanden hatte.
Besonders erschreckend hört sich "Jubilation" an. Obwohl sowohl Pierre Henry wie Spooky Tooth eigentlich niemandem übel gesinnt waren und die Texte streng katholische Gebete wie das "Vater Unser" etc. rezitierten. Die unterschiedlichen Elemente der Avantgarde-Elektronik von Pierre Henry und die orgellastige Musik von Spooky Tooth passten irgendwie nicht zusammen, auch Pierre Henry war von dem Resultat mit dem abstossenden Nagel-Cover alles andere als angetan. Selbst wenn "Ceremony" einsam alllein ein (unbeachtetetes) sehr schönes Juwel mit "Prayer" aufwies, das in die "Best Of" von Spooky Tooth integriert werden sollte. Der Rest ist schlicht ungeniessbar mit elektronischen Schreien, Wimmern und den Hammer-Nägelgeräuschen der Kreuzigung. Heute dürfte die Platte das Interesse der Gothik-Welle haben, die solch ein mutiges Werk meines Wissens noch nicht annähernd abgeliefert hat ...

Aber drei Sterne dennoch wegen des schönen langen Songs "Prayer" und den (in Rock-Kreisen seltenen) Mut, ein christliches Thema experimentell anzugehen. Spooky Tooth und Pierre Henry waren leider zwei Elemente, die gut für sich alleine sind, aber nicht zusammenpassten. Anmerkung: wer ein totales Schockerlebnis möchte, der höre mal in "Apokalypse de Jean" von Pierre Henry rein, dagegen klingt sogar "Ceremony" noch zugänglich.

Wem das religiöse Thema allgemein zusagt: Weitaus zugänglicher ist "Mass in F-Minor" von den Electric Prunes, ein christlicher Psychedelic Klassiker, der auch in "Easy Rider" als Soundtrack verwendet wurde.


Kaen-Guru
Kaen-Guru
Wird angeboten von music_fun
Preis: EUR 55,99

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Guru Guru finden allmählich zu ihrem typischen Stil, 24. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Kaen-Guru (Audio CD)
Die beiden Vorgänger-LPs "Hinten" und "Ufo" waren derart schräg improvisatorisch, daß man sie nur wenigen Leuten vorspielen konnte. Es wird auch auf Känguru noch improvisiert, doch das ganze klingt zugänglicher, harmonischer und technisch versierter abgemischt. Erstmals tauchen auf der Platte jene Elemente auf, die typisch für Guru Guru wurden:

- der Humor: etwa die militärische Rede in einer erfundenen Sprache à la Chaplins "der grosse Diktator". Oder der seltsame Sprechgesang auf anderen Tracks und das LP-Cover.

- die exotische Atmosphäre: Manche Tracks hören sich an, wie im Dschungel oder einem Treibhaus aufgenommen. Besonders Mani Neumaiers Trommeln erzeugen diesen Effekt.

- die facettenhaften Gitarren-Licks von Ax Genrich, die manchmal in ansprechende und ausufernde Heavy-Riffs münden.

Besonders ansprechend finde ich "Immer Lustig", das von einem militärischen Blödel-Song sich zum Psychedelic-Track entwickelt. Die schwüle und ruhige Atmosphäre könnte als Filmmusik für eine Handlung im Dschungel Afrikas dienen. Ähnlich aufgebaut ist "Oxymoron". Die beiden weiteren Titel haben einige gute Passagen, die Improvisationen sind hier ungestümer und erinnern an "Ufo".

"Känguru" ist ein Bindeglied zwischen ihrer Zeit der völlig freien Improvisation und den zugänglichen Werken wie "Guru Guru". Welche als LP dem Känguru nachfolgte und recht ansprechende Kompositionen wie den "Elektrolurch" und "The Story of Life" hatte.

Seit "Känguru" manifestierten "Guru Guru" ihren Ruf als Humoristen und Exoten in der ansonsten bier-ernsten Krautrock-Szene und ihr Live-Act wurde seitdem auf Festivals gerne gebucht. Die drei hervorragenden Instrumentalisten wurden von einigen Kritiker sogar mit Cream verglichen.


Head on
Head on
Preis: EUR 12,66

9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Solides melodisches Hard-Rock Album der Siebziger, 23. März 2008
Rezension bezieht sich auf: Head on (Audio CD)
1974 war das definitive Jahr für BTO, mit ihren Erfolgsalben "Not Fragile" und "Four Wheel Drive" und 3 erfolgreichen Radio-Singles.

Das fünfte Album "Head On" war ihr erstes Wagnis in Richtung eines vielschichtigeren Sounds. Die Rhytmus-Sektion wurde durch Congas und Maracas erweitert, Little Richard spielte auf einigen Tracks Piano. Obwohl die meisten Tracks nach wie vor heavy sind, klingt der abgemischte Sound weicher und besser produziert als auf früheren LPs.

Eine gute Wahl war es, daß Fred Turner auf etlichen Tracks die Lead-Vocals mit seiner rauhen unverwechselbaren Stimme bestreitet: Take it like a Man (mit dem hämmernden Piano von Little Richard), It`s over, Woncha take me for a while gefallen mir davon am besten. Away from home fällt etwas ab.

Randy Bachman singt auf Find about love, Avarage Man, Stay alive, Titel die weniger heavy sind. Und Looking out for Number 1.
Letztere Titel ist die grosse Überraschung auf "Head On": Looking out ... ist softer und origineller Smooth-Jazz, was damals etliche Radio-Hörer verunsicherte ("wie, das soll BTO sein?" - dennoch ein Radio-Erfolg). BTO-Fans wussten damals nicht, daß Randy Bachman bereits in den End-Sechzigern mehrere Hits der "Guess Who" wie "Undun" mit einer ähnlichen Jazz-Gitarre spielte.

Anspieltips: Mir gefällt der harte Titel "Take it like a Man" am besten, typisch BTO. Wäre auch ein perfekter Opener gewesen. Anschliessend "It`s Over" und "Looking out for # 1".

BTO bot für eine Hard-Rock-Band eine ganze Menge:
die rauhe Stimme von Fred Turner, markante Riffs und gute Melodien im gleichen Song, die Gitarrenduelle von Blair Thornton und Randy Bachman, die treibenden Drums von Rob Bachman zu Turners wuchtigem Bass, ätherische Gitarrensoli in der Songmitte, der harte Sound wird oft durch akustische Folk- und Jazzgitarren aufgelockert.

"Head On" 1975 war der letzte Charterfolg für BTO. Das Album kletterte auf Platz 23 der Charts. Was aber nicht heissen soll, daß spätere Alben wie "Freeways", "Trial by Fire" oder "Rock and Roll Nights" schlecht waren.
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Crescent - Remastered
Crescent - Remastered

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Lyrisch, besinnlich und wehmütig ..., 27. Januar 2008
Rezension bezieht sich auf: Crescent - Remastered (Audio CD)
Dieses Album erschien Ende 1964 und markiert einen Wendepunkt im Schaffen des John Coltrane Quartett. Die Tracks wurden während des Jahres 1964 in Konzerten erprobt und schliesslich im Studio in zwei ausgefeilten Aufnahmeterminen eingespielt. "Crescent" unterscheidet sich von Coltrane's Alben der vorherigen Zeit deutlich:

- Die entfesselte kraftvolle Atmosphäre von "Giant Steps" und "Favourite Things" weicht einer ruhigen und melancholischen Grundstimmung. Die Ur-Notizen des Materials waren übrigens Gedichte, die John Coltrane um jene Zeit gerne schrieb, z.B. an seine Frau Alice. Und das Album hat mehr als die vorherigen eine geschlossenen Aussage und spirituelle Anklänge.

- Die ebenfalls ruhige LP Ballads war 1962 ein Auftragswerk, das auf Initiative der Plattenfirma gemacht wurde. Mit kurzen Saxophon-Versionen bekannter Fremdkompositionen aus Musical, Jazz und Schlager. Im Gegensatz zu Ballads bietet "Crescent" ausschliesslich Eigenkompositionen, die meist ca. 10 Minuten lang sind, die auf Drängen der Musiker selbst aufgenommen wurden.

- Daß John Coltrane sich mit spirituellen und religiösen Themen beschäftigte merkt der Hörer erstmals auf Crescent. Wenn diese Aussage auch noch nicht so forciert wurde wie auf der (extrem erfolgreichen) Nachfolge-LP "A Love Supreme". Einige Hörer halten Crescent gar für den Schaffens-Höhepunkt von John Coltrane, obwohl dieser Preis meist an "A Love Supreme" geht.

- "Crescent" kann man auch Leuten vorspielen, die keine Jazz-Fans sind. Die ideale Musik für eine elegante stilvolle Bar um 2 Uhr nachts. Musik, die niemanden vergraulen kann.
Anm.: Das krasse Gegenteil ist Coltrane's Free-Jazz Phase ab "Ascension", was als Raus-Schmeisser-Musik so ideal wirkt wie der Barde Troubardix (little joke - forgive the pun, hihihi).

Die Songs in der Reihenfolge des Gefallens:

-- "Wise One" wird von einem sehr schönen Klaviermotiv eingeleitet, dem eine ruhige und ansprechende Tenorsaxophon-Melodie folgt. In einer Weise, die "In a Sentimental Mood" mit Duke Ellington das Wasser reichen kann. Die breiten Piano-Ebenen, die McCoy Tyner ausbreitet, erinnern zeitweise an südliche Folklore. Trane's Spiel selbst hier ist eher bluesig.

-- "Lonnie's Lament": In eine wehmütige Saxophon-Melodie von Trane setzt der Pianist auch hier sogleich Akzente, die den Hörer augenblicklich für das Stück einnehmen. Anschliessend folgt ein etwas "freieres" langes Pianosolo, daß aber die Atmosphäre aufrechterhält. Jimmy Garrison liefert von der Minute 6 bis 10 ein gitarrenähnliches Bass-Solo. In der Minute 11 und 12 wird auf schöne Weise das Motiv vom Anfang noch mal aufgenommen.

"The Drum Thing" - Auch der donnernde Schlagzeuger Elvin Jones hält sich hier mal an den verhaltenen und ruhigen Gesamteindruck. Coltrane spielt meditative Phrasen auf dem Sopran-Saxophon und Elvin Jones trommelt dazu leise Bassdrum-artige Polyrhytmen. Lediglich im Mittelteil spielt er ein etwas temperamentvolleres Drum-Solo, wo auch seine typische Becken-Technik zu hören ist. Am Ende wiederholt sich noch mal das ruhige Motiv des Beginns.

"Crescent" - der zeitlich erste Track. Crescent beginnt mit einem langen hymnischen Saxophon-Motiv, ähnlich wie "A Love Supreme" 1 Jahr später. Allerdings passt der flottere Mittelteil nicht so recht in die Gesamt-Atmosphäre. Erst in den letzten beiden Minuten wird das Stück wieder etwas ruhiger. Ich hätte eher "Wise One" oder "Lonnie's Lament" als Opener der Scheibe ausgewählt. Keine gute Wahl, obwohl der Track seine Stärken hat.

"Bessie's Blues" passt nicht so recht zu den anderen Songs. Ein ziemlich flotter "Rhytm and Blues", auf dem ebenso schnelle Piano- und Saxophon-Soli aufbauen. Nicht schlecht, aber "Bessie's Blues" hätte besser auf eine andere Platte gepasst. Mit dreieinhalb Minuten recht kurz.

Leider ist der Track "Song of Praise" während den Aufnahmesessions verlorengegangen, leider kein Bonus auf dieser CD.

Doch ich gebe 5 Sterne für dieses Werk ! Ich kann "Crescent" wirklich jedermann empfehlen, der auf melancholische Musik steht, man muss nicht mal Jazz-Liebhaber sein. Die CD bietet auf mehr als 80 % ihrer Zeit diesen ruhigen Charakter. Persönlich stelle ich "Crescent" noch über "A Love Supreme". Geschmackssache.

Wem der ruhige John Coltrane gefällt ... der sollte sich auch
"Ballads", "The John Coltrane Quartett Plays", "John Coltrane and Johnny Hartmann", "Duke Ellington & Coltrane", "Bags and Trane", "Coltrane plays the Blues" und "Lush Life" anschaffen.
Sowie "Kind of Blue", "Cookin'" und "Relaxin'" in seiner Zusammenarbeit mit Miles Davis.


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