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Rezensionen verfasst von
Jiri Rakoushan "rakoushan" (Timbuktu)

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Rimbaud der Sohn
Rimbaud der Sohn
von Pierre Michon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 11,80

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen rimbaud, der sohnemann, 25. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Rimbaud der Sohn (Gebundene Ausgabe)
Pierre Michon
Rimbaud der Sohn
Aus dem Französischen von Anne Weber

2008
Suhrkamp Verlag
ISBN: 978-3-518-22437-3
116 Seiten
11,80.-

Den Widerspruch zwischen Poesie und Leben hat wohl kein anderer Dichter so sehr verinnerlicht wie Arthur Rimbaud. Er sah sich gezwungen, sich mit 21 für das eine oder das andere zu entscheiden und wählte letzteres, wofür er einen großen Preis zu zahlen hatte: mit 37 Jahren wurde er aus Afrika in sein verhasstes Charlesville, von dem er Zeit seines Lebens fliehen wollte, zurückgeschickt und starb einbeinig im Bett seiner bäuerlich unzulänglichen Mutter.

Der Autor des vorliegenden Buches will sich Rimbaud unter einem ganz bestimmten Aspekt annähern und benutzt dazu eine ebenso poetische Sprache, wie sie wohl der Dichter selbst benutzt hätte, würde er noch leben und eine Abhandlung über sich selbst schreiben. Rimbaud, der Sohn, ist die Geschichte eines vaterlosen Provinzlers, dem die Einfachheit seiner Mutter und seiner ländlichen Umgebung so zuwider ist, dass er sich vorerst nur in die Poesie flüchten kann. Doch die Poesie, die ihn in Zeiten der Not vor dem Schlimmsten bewahrte, wird später auch von ihm selbst verraten, wohl weil sie Teil der Welt ist, die er stets verlassen wollte. Vitalie Rimbaud, geborene Cuif, die Mutter mit dem Dezembergesicht mitten im Juli"(Michon) hätte ihrem Sohn gerne Trost geschenkt, schreibt Michon, doch die Poesie will den Trost nicht, er macht sie verstummen" und deswegen lehnte Rimbaud diesen Trost ab. Pierre Michon setzt fort mit den Lehrern und Epigonen Rimbauds, Izambard, Banville u. a. werden gestreift, auch die Biographen Rimbauds (die Vulgata") , etwa des Gilles, der mehr über Rimbauds Leben wusste, als Rimbaud selbst", erwähnt Michon, um schlussendlich in dem Satz zu gipfeln: ein Junge, der sich den Kopf einschlägt, um die Clownnase loszuwerden". Die Flügel mit etwas Blei beschwert, frönt Rimbaud jedoch in Paris, London oder Brüssel der bloßen Sauferei, die dem Sehertum nicht unähnlich sei, wie Michon behauptet, um schließlich im Exzess aller Exzesse von seinem besten Freund Paul Verlaine, der die Sprache in Person erschießen wollte" (Michon), angeschossen zu werden.

Pierre Michon urteilt gütig, wenn er schreibt, dass Rimbaud seine Sache in den Sand setzte, weil er aus Hedonismus oder Verzweiflung, was Sohneseigenschaften sein können, oder aus Klugheit und Zurückhaltung, was keine Sohneseigenschaften sein sind, nicht die Anmaßung besaß, sein eigenes Schaffen zum Universum zu erklären." Arthur Rimbaud gehörte zu den Zerzausten", die für die Wut und das Nichts" (Michon) stehen und nicht zu den Gekämmten, die für das Heil und die Mildtätigkeit" (Michon) stehen wollen. Als solcher, als überzeugter Zerzauster", konnte er sich nicht abkühlen und friedlich im Jardin du Luxembourg ergrauen, für ihn blieb nur das Wagnis, das Abenteuer als letzten Ausweg aus dem Labyrinth der eigenen Seele.

Pierre Michon wurde 1945 geboren und 1984 mit seinem Werk Leben der kleinen Toten" bekannt. Er gilt als einer der bedeutendsten französischen Gegenwartsschriftsteller und war wohl nicht nur deswegen gezwungen, sich mit Arthur Rimbaud auseinanderzusetzen. An Rimbaud kommt nämlich kein Franzose vorbei, das zumindest ist dem Charlesviller gelungen!


Elvis: Die illustrierte Biografie
Elvis: Die illustrierte Biografie
von Reinhard Kleist
  Taschenbuch
Preis: EUR 19,00

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Der King lebt - in den Herzen, 25. November 2008
Reinhard Kleist und Titus Ackermann
Elvis
Die illustrierte Biografie

2007
Ehapa Comic Collection Egmont
[...]
ISBN: 978-3-7704-3128-1
126 Seiten
19,60.-

Kein Geringerer als Bela B. von der deutschen Popband Die Ärzte" hat das Vorwort zu vorliegender bunt illustrierter Elvis-Biographie geschrieben, die zum traurigen 30-jährigen Todesjubiläum des Stars, 2007, erschienen ist. Neben den Illustrationen und Geschichten der Herausgeber findet man aber noch viele andere Künstler, die sich in diesem Elvis-Kompendium erzählerisch und zeichnend dem berühmtesten Zwillingskind der Welt widmen.
Das whoiswho" der deutschen Comiczeichner ist hier versammelt und steuert etwas zur Legende des Kings bei.

Folgerichtig beginnt die erste Geschichte auch in Tupelo, wo Elvis 1935 geboren wurde und bis 1949 auch lebte. Der Tod seines seiner Geburt nachfolgenden Bruders Jesse stattet ihn mit der Kraft von zweien aus, und die braucht er auch, da er ob seiner Tolle schon früh von anderen Kindern verprügelt wird. Das könnte es wohl gewesen sein, was ihn in die Kirchen der Schwarzen trieb, wo Elvis so zu singen lernte wie sie, vermutet zumindest Soren Mosdal in seinen bunt schillernden Naiv-Style-Zeichnungen. Viel erwachsener und auch dementsprechend düsterer kommen die Bilder von Nic Klein daher, die einen Sänger zeichnen, der ganz anders als die andern" ist. Sie zeigen Elvis bei seiner ersten Plattenaufnahme für seine Mutter, der er - wie könnte es anders sein - den ersten Hit seiner Karriere widmet, Titel: That`s allright, Ma!" Ob er damit seine Tolle meinte?

Thomas von Kummant legt die wohl tatsächlich düstere Begegnung zwischen dem King und dem Colonel allerdings weniger düster an, als sie es verdient haette. Der Colonel hatte Elvis gemolken wie eine Kuh und davor rettete ihn wohl nur noch die Idee, zur Army zu gehen. Oder war auch das nur ein geschickter Schachzug des Colonel, um Elvis als patriotischen Helden zu darzustellen, der so wie jeder andere Soldat seine Pflicht tut? Bei Reinhard Kleists kurzer Geschichte muss der G.I." Haare lassen und der größte Verlust seines Lebens, seine Mutter, wird ihm sein Leben lang Gewissensbisse verursachen. Denn er war nicht bei ihr, als sie starb. Isabel Kreitz zeichnet die Begegnung mit der zweitwichtigsten Frau in Elvis` Leben, Priscilla, die ihm bald eine Tochter schenken wird. Weitere Zeichnungen von Tim Dinter nehmen sich der Las Vegas Phase von Elvis, der Memphis-Mafia, oder Hawaii (Uli Oesterle) an. Elvis ist immer sehr großzügig, verschenkt Cadillacs an seine Mitarbeiter und hat von finanziellen Dingen keinen Tau. Er, der immer nur singen wollte, will sich nicht um das Geld kümmern, bis ihm sein Colonel fragt, wen er eigentlich mit seiner Verschwendungssucht imponieren will. Der King antwortet in lakonischer Manier: Ich muss niemanden imponieren. Ich bin Elvis Presley."

Weniger ruhmhafte Episoden von Elvis` Leben werden eher ausgespart. Etwa seine unsäglich schrecklichen Filme oder seine unglückliche Ehe mit Priscilla, sein Tablettenkonsum und sein Fresssucht werden nur angedeutet. Dass er sich etwa dem FBI anvertraute und für ihn arbeiten wollte, um die Hippiepest im Lande auszurotten, wäre doch auch ein gutes Thema für einen Comic gewesen, oder nicht? Eine Legende wie ihn, könnte man schließlich selbst durch üble Nachrede nicht zum Einstürzen bringen, also mehr Mut, liebe Texter! Am 16. August 1977 starb Elvis Presley und die Welt wird ihn wohl immer als den weißen Sänger mit der schwarzen Stimme" in Erinnerung behalten. Und das ist wohl auch gut so. Eine Kurzbiographie der Zeichner am Ende des Bandes führt wichtige andere Werke an und wer noch mehr zu und von Elvis wissen will, wird auch hier fündig.


Die Stammheim-Bänder: Baader-Meinhof vor Gericht. Tondokument
Die Stammheim-Bänder: Baader-Meinhof vor Gericht. Tondokument
von Thomas Nachtigall
  Audio CD
Preis: EUR 15,99

14 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Stammheim im O-Ton, 25. November 2008
Maximilian Schönherr
Die Stammheim-Bänder
Baader-Meinhof vor Gericht

2008
[...] und WDR
ISBN: 978-3-89813-786-7
80 Minuten und Booklet
14,90.-

Dieses Tondokument beginnt wie ein Krimi. Tatsächlich hatte eine Beamte die Bänder in einem Keller des Oberlandesgerichtes Stuttgart gefunden und es kommt wohl einem Wunder gleich, dass sie nicht weggeworfen wurden, sondern hier in einer gekürzten Fassung erstmals vorliegen. Eigentlich hätten die Bänder nämlich schon vor 30 Jahren gelöscht werden müssen, aber durch die vorschriftswidrige Verweigerung der Löschung sind sie uns heute zugänglich. So bekommt man nicht nur die Angeklagten im O-Ton zu hören, sondern auch einen aufgebrachten und herumschreienden Rechtsanwalt Otto Schily (der spätere deutsche Innenminister), sowie den Zeugen Klaus Jünschke (der die Richter als faschistische Schweine" beschimpft) oder die Staatsanwälte und die drei Richter.

Mit den Prozessen in Stammheim begann eigentlich der deutsche Herbst", gegen den sich die erste Generation der RAF zwar distanziert hatte, von dem sie aber wohl oder übel versuchte zu profitieren. Die Verhandlungen führten zu einem Urteil (lebenslänglich"), das vor leerer Anklagebank verlesen wurde. Die Angeklagten waren zuvor bereits vom Prozess ausgeschlossen worden und wenn man die Bänder hört, versteht man wohl auch warum. Man hört auf vorliegender CD einen lispelnden, nuschelnden und mit schrecklichem süddeutschen Akzent dozierenden Baader, dem das Wort mehrmals wegen Ausschweifung" entzogen wird, eine den Ausstieg anbietende Ulrike Meinhof, die sich später in ihrer Zelle selbst erhängen wird und einen kämpferischen Jan Carl Raspe. Gudrun Ennslin schlägt sich gesundheitlich noch am besten, sie wird vor allem durch ihre vulgäre Wortwahl bekannt und auch später noch gerne zitiert. Sie droht dem Richter mit Du wirst nicht vergessen!" und später so wie die anderen Angeklagten aus dem Saal geführt. Zuvor verliest sie jedoch noch ein durchaus interessantes Manifest zur Politik der RAF zwischen DKP, Sowjetunion und Mao`s China. Natürlich muss man sich vor Augen führen, dass die Angeklagten nicht voll vernehmensfähig waren, denn sie befanden sich teilweise im Hungerstreik, fühlten sich gefoltert, waren stark abgemagert und deswegen wohl nicht nur körperlich ausgemergelt.

Die Strategie der Verteidigung ist einerseits die Anerkennung der vom Gericht anscheinend beabsichtigten Verletzung der körperlichen Unversehrtheit" der Angeklagten als Unrecht, andererseits der Versuch die Anerkennung der Berechtigung der Verbrechen der RAF, da man sich im Kriegszustand befinden würde und Mord in einem Krieg (zwischen Kapital und Peripherie) nicht strafbar sei, durchzusetzen. Aber selbst im Krieg gibt es keinen rechtsfreien Raum und Mord bleibt einfach ein Mord, wie die Staatsanwälte betonen. Dass amerikanische Flugzeuge, die die Bomben fuer Vietnam geladen in Deutschland zwischenlandeten und die BRD dadurch auch zum Kriegsbeteiligten wurde (so die Strategie der Verteidigung), konnte vom Gericht als Milderungsgrund nicht anerkannt werden.

Schily ist es, der das warnende Wort gegen die Richter schleudert: Wir Anwälte führen gegenüber der Macht das Argument des Rechts ins Feld" und vor allem das wird einem wohl in Erinnerung bleiben. Es gibt aber auch ein paar humoristische Einlagen, etwa wenn ein Staatsanwalt den Großen Vorsitzenden" (Mao Tse-tung) zitiert und Schily damit provozieren will: das Chinesische tschifin, tschifai", soll auf Deutsch Wer schreit, hat nie recht" heißen. Und damit meint er Schily und beweist Humor, auch wenn der selbstverständlich völlig unangebracht ist. Das Verhör mit dem Vater einer anderen Terroristin wächst sich zu einem absurden Dialog aus, da der Vater absolut von der Unschuld seiner Tochter überzeugt ist und die Richter damit in Verlegenheit bringt. Hat ihre Tochter viele Studienfahrten gemacht?" lautet etwa eine Frage eines Vorsitzenden. Man beginnt zu glauben, dass einen das schon verdächtig machen könnte, zumindest im Klima der damaligen BRD. Gegen das, was nach der ersten RAF-Generation kam, waren Baader & Co noch harmlos. Aber auch durch eine andere Prozessführung hätte sich das wohl nicht verhindern lassen.

Die Tonqualität der Bänder ist übrigens überraschenderweise sehr gut. Der Prozessraum war mit Mikrofonen ausgestattet und so eine perfekte Aufzeichnung garantiert. Akustisch unverständliche Stellen, die von hinten aus dem Saal zugerufen werden, werden vom Sprecher, Schönherr, deutlich gemacht oder wiederholt oder manchmal wird auch erklärend eingegriffen. Insbesondere beim lebhaften und turbulenten Durcheinanderschreien, wiederholt


Max Ernst: Traum und Revolution
Max Ernst: Traum und Revolution
von Ludger Derenthal
  Gebundene Ausgabe

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine wuerdige Widmung an den Meister, 25. November 2008
Werner Spies/Iris Müller-Westermann/Kirsten Degel (Hrsg.)
Max Ernst
Traum und Revolution

2008
Hatje und Cantz Verlag
[...]
256 Seiten mit 288 Abbildungen, davon 218 farbig
ISBN 978-3-7757-2234-6
39,80.-

La vierge corrigeant l`enfant Jesus devant toris temoins: Andre Breton, Paul Eluard et le peintre" ist der etwas lange geratene Titel eines der berühmtesten Werke von Max Ernst und zeigt eine Pieta, aus einer einmal etwas ganz anderen Perspektive. Wie kein anderes surrealistisches Gemälde beinhaltet dieses 1926 entstandene alle Ingredienzien, die den Surrealismus ausmachen: Andre Breton, Tabubruch und Perspektivenwechsel. Der leicht gerötete Hintern des Jesuskindes ist dabei nur die allzu sichtbarste, zentralste Seite des Skandals, der viel subtilere ist der dem Jesuskind auf den Boden fallende Heiligenschein, nach dem es noch versucht zu greifen, während Maria auf seinen Allerwertesten eindrischt und ihr Heiligenschein unbewegt in perfekt an ihre Körperneigung angepasster Position auf ihrem Kopf bleibt und eben nicht verrutscht. Dahinter stehen hinter einer Art Paravent die drei Künstler, die durch ein in den Wandschrank geschnittenes Küchenfenster die Szenerie (wohl heimlich) beobachten. Der Blick durch das Schlüsselloch ist ja seither ein beliebtes Sujet, das nicht erst von den Surrealisten entdeckt wurde, gebiert er doch so wie der Schlaf Monster ebensolche Ungeheuer: Das Kind etwa, das durch das Schlüsselloch in das Elternschlafzimmer blickt und dabei Unfassbares sieht und durch des älteren Bruder behutsam auf die Schulter gelegte Hand ertappt wird.

Traum und Revolution, Dream and Revolution, Reve et Revolution" der Titel des vorliegenden Werkes wurde einem Bild Max Ernsts entliehen, das aus einer späteren Schaffensphase stammt, es ist mit 1945/46 datiert und zeigt eine phrygische Mütze als Grundlage der Malerstaffelei, der Palette, vielleicht auch, um darin die Farbe für das Werk zu mischen. Eine graue Ampel, Stäbe und zwei Leinwände machen das restliche Dekor dieses schwer verständlichen Bildes aus, auf einer der Leinwände ist ein Walt angedeutete, auf der anderen eine Art Alien. Malerei spiele sich laut Ernst vor allem auf zwei Ebenen ab: Aggressivität und Erhebung" und beides ist natürlich auch in Buch- resp Filmtitel enthalten. Man kann es auch so wie Werner Spies in seinem Geleitwort deuten und Dada und Surrealismus als entsprechendes Begriffspaar setzen, das quasi die Antipoden des Lebens von Max Ernst markieren. Für die Dadabewegung war er der große Star, bei den Surrealisten, einer zuerst eher literarischen Bewegung, war er der Ausnahmemaler, auch wenn sich bald andere der Bewegung anschließen sollten. Das Tolle bei Max Ernst war sicherlich, das er seine Techniken immer wieder weiterentwickelte und sich nie auf einen bestimmten Stil festschrieben ließ, und man trotzdem jedes seiner Werke unweigerlich als einen echten Max Ernst erkennt.

Das revolutionäre Lebenswerk Max Ernsts wird in dieser Publikation genauso aus neuen Blickwinkeln betrachtet, wie der Surrealist selbst versuchte, die Welt neu zu betrachten und perspetkivenreich zu porträtieren. Seine Dada"-Jahre in Köln, sein Aufenthalt in Frankreich 1921-1941 und seine Bedeutung im Kreise der Surrealisten in Paris, das Jahrzehnt in amerikanischem Exil und die Zeit nach seiner Rückkehr nach Europa bis zu seinem Tod werden in vorliegender Publikation von verschiedenen Autoren dargestellt. Vertiefende Beiträge von Ernst-Spezialisten widmen sich zentralen Aspekten seines Schaffens, etwa den experimentellen Techniken, den geheimnisvollen Collageromanen oder dem fantastischen bildhauerischen Werk. Darunter finden Sie Artikel von Ludger Derenthal, Julia Drost, Benajmin Meyer-Krahmer, Iris Müller-Westermann, Jürgen Pech, Werner Spies und Tanja Wessolowski.

Ein Beitrag widmet sich etwa Max Ernsts Spiel mit der Dekalkomanie, einer Malmethode, der er sich vor allem in seinem amerikanischen Exil widmete. Zu einem der bekanntesten Werke aus dieser Periode zählt etwa die Heimsuchung des Hl. Antonius", die den Heiligen als von kleinen grünen Monstern umgebenen und okkupierten fast zerrissenen Leichnam zeigt. Sie (die Monster, JW) haben sich in seinem Schoß festgesetzt, als seien sie seine eigene Leibesfrucht", schreibt Ludger Derenthal in seiner Interpretation des Bildes. Man merkt dem Bild an, dass es von den amerikanischen Landschaften des Grand Canyon oder Tropfsteinhöhlen beeinflusst wurde. Dekalkomanie bedeutet eigentlich Abziehbild", vom Französischen décalcomanie". Es ist ein Abklatschverfahren, bei dem ein Papierbogen auf ein mit wässeriger Farbe bestrichenes Zeichenblatt gelegt und dann wieder abgezogen wird. Später sollte sich der Maler in die Wüsten Arizonas verabschieden und sich dort noch andere Inspirationen holen, die sein Werk maßgeblich beeinflussten.

Max Ernst (1891-1976) war einer der bedeutendsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Er wurde nicht nur durch die beiden Weltkriege, sondern auch durch persönliche Schicksalsschläge geprägt. Ernst hat sein Ausdrucksrepertoire während seiner gesamten künstlerischen Karriere immer wieder hinterfragt, verändert und ungeheuer erfindungsreich über die Möglichkeiten der Kunst im 20. Jahrhundert reflektiert. Seine vielschichtigen Bildwelten erscheinen heute relevanter als jemals zuvor: Ein junges Publikum wird Verbindungen entdecken können von Ernsts Fantasiewelten zu eigenen Reisen in die Cyberwelten moderner Computerspiele", schreibt der Verlag in seinem Katalogtext.

Dieses Werk liegt auch in einer englischen Ausgabe beim selben Verlag vor (ISBN 978-3-7757-2235-3). Es ist in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forum für Kunstgeschichte in Paris und dem Lousiana Museum of Modern Art entstanden. Die Ausstellung ist zu sehen in: Moderna Museet, Stockholm 20.9.2008-11.1.2009 * Louisiana Museum für Moderne Kunst, Humlebæk 7.2.-1.6.2009. Vorliegender Ausstellungskatalog ist im Format 22,70 x 28,70 cm, farbig illustriert und mit vielen Details zu Ernsts Lebenswerk angereichert und stellt ein absolutes Muss für jeden kunstinteressierten Menschen des 21. Jahrhunderts dar. Es ist dies aber nicht nur ein einfacher und qualitativ hochwertiger Ausstellungskatalog, sondern auch eine Einführung in die surrealistische Kunstgeschichte am Beispiel eines ihrer berühmtesten deutschen Vertreter. Wie aus seiner im Anhang befindlichen Biografie ersichtlich, wurde der Maler tatsächlich in Brühl geboren und studierte vorerst in Bonn (!). Erst mit 30 Jahren fand der den Anschluss an die Pariser Surrealisten, die nicht nur ihn, sondern auch die Welt verändern sollten...


Rom: Reisehandbuch mit vielen praktischen Tipps
Rom: Reisehandbuch mit vielen praktischen Tipps
von Michael Müller
  Broschiert

15 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Rom - die ewige Stadt macht jung, 25. November 2008
Sabine Becht/Hagen Hemmie
Rom

2008
Michael Müller Verlag
[...]
ISBN: 978-3-89953-378-1
264 Seiten 133 Farbfotos und 20 Übersichtskarten und Pläne.
10 Touren und 6 Ausflüge, inkl. herausnehmbarer Karte
14,90.-

Wer abends von der Innenstadt kommend über den Ponte Sisto, einer Fußgängerbrücke, nach Trastevere schreitet, wird sich wie in einer Frischzellenkur, der wohl gesamten römischen Jugend ausgesetzt finden, die sich hier, am Tiber versammelt hat. Trastevere (trans Tiberim", jenseits des Tibers) ist definitiv das jugendlichste und authentischste Viertel Roms und in Rundgang Nr. 9 des vorliegenden Städteführers kann man alles das in sich aufnehmen, was diesen Bezirk der Ewigen Stadt heute so lebenswert macht. Die pittoresken, kleinen alten Gassen, die Via della Lungara mit ihren Palazzi, darunter eine des Papstes Urban VIII, oder die Villa Chigi (Farnesina) mit der berühmten Inschrift an ihren Wänden, die deutsche Landsknechte beim Sacco di Roma (1527) dort angebracht hatten. Auch hatten einst Garibaldis Truppen in Trastevere gezeltet, um den Papst von der Eingliederung Roms im nun vereinigten Italien mit etwas militärischem Nachdruck zu überzeugen. Auf dem Janushügel (Gianicolo) befindet sich die Piazzale Garibaldi, von der aus man bei klarem Wetter fast die ganze Stadt überblicken kann. 1849 hatte der Papst sich mit Hilfe französischer Truppen noch widersetzen können, doch 21 Jahre später, 1870, konnte endlich die Vereinigung ganz Italiens an die Geschichte gemeldet werden und Rom wurde zur Hauptstadt. Der Rundgang 9 schließt übrigens - so wie alle anderen Rundgänge - mit ein paar Tipps zum Shopping, Trinken & Essen ab. Zusätzlich findet man einen Plan des Viertels, in dem sich der Rundgang abspielt, was die Orientierung unglaublich erleichtert

Am schönsten ist es sicherlich, Rom auch einen Nachtspaziergang abzustatten, dann, wenn der Verkehr etwas nachgelassen hat und man auch die einzelnen Straßen überqueren kann, ohne angehupt zu werden. Unvergesslich bleibt die Piazza Navona und das Pantheon (Rundgang 4) bei Nacht. Hier gibt es - theoretisch - sogar eine Fußgängerzone und fast malerische Ansichten einiger der schönsten Caffès von Rom, etwa die Espressobar St. Eustachio", die hier im Zeichen des Hirsches seit 1938 ihre eigenen Kaffeebohnen röstet und natürlich auch ausschenkt. Von hier ist es auch nicht weit zur Piazza Venezia, mit ihrem Altar der Nation" oder, in die andere Richtung, zur Engelsburg, über dem Tiber. Wer die Stadt erst einmal durch eine Nachtwanderung erkundigt hat, wird merken, dass sie gar nicht so groß ist und braucht sich dann auch am Tag nicht mehr davor zu fürchten. Die Orientierung verliert man ja vor allem dann, wenn zu viele Leute unterwegs sind, und das ist nachts, nach Mitternacht zumindest, nicht mehr der Fall.

Rom, ein Lebensgefühl", wie die Autoren schreiben, führt den Leser außerdem in insgesamt 10 Rundgängen zum Forum Romanum, dem Kapitol, dem Circus Maximus zum Largo Argentino, dem Kolloseum oder der Piazza della Repubblica und der Villa Borghese und natürlich zum exterritorialen" Gebiet Roms, dem Vatikan. In einem Überblick werden 3000 Jahre Geschichte auf 25 Seiten zusammengefasst und natürlich erhält man auch praktische Infos zu Übernachtung, Anreise und Kulturveranstaltungen. Als besonders praktisch erweisen sich die einzelnen Übersichtskarten zum jeweiligen Rundgang, in denen auch die jeweiligen Tipps eingezeichnet und in einer Legende leicht zu finden sind. Wer nur kurz nach Rom reist, wird hier ebenso bedient, wie jemand der mehrere Tage zur Verfügung hat, denn es werden auch noch ein paar Ausflüge in die nähere Umgebung Roms - etwa Ostia oder Tivoli - vorgeschlagen.


Venedig: Reisehabndbuch mit vielen praktischen Tipps
Venedig: Reisehabndbuch mit vielen praktischen Tipps
von Michael Machatschek
  Broschiert

19 von 31 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Venedig ist kein Fisch, 25. November 2008
Michael Machatschek
Venedig

2008
Michael Müller Verlag
[...]
ISBN: 978-3-89953-389-7
256 Seiten 145 Farbfotos und Pläne inkl. herausnehmbarer Karte
14,90.-

Wer glaubt Venedig sei eine Insel, wird gleich auf der ersten Seite eines Besseren belehrt: Venedig wurde auf insgesamt 118 Inseln errichtet. Und wenn Tiziano Scarpa glaubt, Venedig sei ein Fisch, so hat auch er unrecht: denn eigentlich sind es zwei Fische, die ihre Mäuler ineinander verzahnt haben. Der untere Fisch", das sind die Stadteile Dorsoduro, San Polo und Santa Croce, der obere, größere Fisch, das sind die anderen drei Sestiere (Sechstel") Castello, San Marco und Cannareggio. Und die Giudecca? Sie gleicht mehr einem Aal, als einem Fisch, aber vielleicht wäre es romantischer, sie als Delphin zu bezeichnen, die sind nämlich auch länglich und quietschen vor Freude, ganz so wie Giudecca, wenn sie bei der Festa del Redentore" jedes Jahr im Juli, durch eine Brücke an die Punta della Dogana, die Chiesa della Salute, angehängt" wird.

In diesen Tagen (November) findet übrigens auch noch eine andere Verbindung oder Vermählung statt: über den Canal Grande wird für drei Tage eine fünfte Brücke gespannt, die die Chiesa della Salute mit der Chiesa del Giglio verbindet. Die Festa della Madonna della Salute" ist ein fester Bestandteil des venezianischen Festekalenders und wird so wie die Festa del Redentore seit 500 Jahren begangen. Die beiden Kirchen wurden nämlich errichtet, um Gott oder dem Erlöser dafür zu danken, dass die Pest endlich ihr Ende hatte. Andere Feste, die man für einen Venedigbesuch empfehlen könnte, wäre etwa die Festa della Sensa (Vermählung des Dogen mit dem Meer) Anfang Mai oder natürlich die Regata Storica Anfang September. Wer unbedingt den Carnevale sehen will, der sei hier zwar gewarnt, aber auch ermuntert: wer das absolute Chaos sucht, wird keine bessere Stadt finden, als Venedig in diesen Tagen im Februar...

Vorliegender Stadtreiseführer aus der Reihe MM-City stattet den Leser mit allen wissenswerten Informationen aus, die der aufgeklärte Tourist in Erfahrung bringen will. Er ist sogar mit einem herausnehmbaren Stadtplan ausgestattet, der einem allerdings das Vergnügen raubt, sich in dieser Stadt zu verlaufen. Denn eines der wohltuendsten Genüsse in Venedig ist der Verlust der Orientierung, das disorientamento, sowohl des Körpers als auch der Sinne. Wozu sonst hat gerade diese Stadt den Karneval erfunden? Weitere Informationen erhält man nicht nur zu den oben bereits angesprochenen Sestieri, sondern auch zu den Laguneninseln Lido und Pellestrina, San Lazzaro degli Armeni oder einer Landpartie" zu den Villen an der Brenta. Diese exklusiven Tagesausflüge sind zwar sehr teuer, aber gerade dann, wenn Venedig besonders voll oder zu heiß ist, kann man es ja so machen, wie die einstigen reichen Venezianer: eine erfrischende Flussfahrt auf der Brenta und der Besuch einer der dort angesiedelten Villen mag für jeden Besucher ein abwechslungsreiches Erlebnis darstellen.

Über die am Anfang dieser Rezension angesprochene Giudecca, weiß vorliegender Reiseführer etwa zu berichten, dass sich bei einem Spaziergang am Ufer ein Besuch der Kirche der Zitelle lohne. Auch wenn Zitelle hier fälschlich als Kirche der Jungfrauen" übersetzt wird (una zitella è piu una donna non sposata, vulgo anche vergine, però l`idea é di nondirlo, per cortesia!) kann man einem solchen Vorschlag tatsächlich nur beipflichten. Von hier aus sieht man nämlich das gesamte Panorama Venedigs, nicht nur den Campanile, den Dogenpalast und die Piazzetta San Marco (die Piazza selbst liegt weiter dahinter), sondern auch unzählige andere Kirchtürme ragen aus dem Häusermeer hervor und bilden einen Anblick, den man so schnell nicht vergisst. Außerdem befindet man sich auf der Giudecca in guter Gesellschaft: am einen Ende, bei besagter Zitelle, befindet sich das Hotel Cipriani und am anderen Ende der Giudecca das Hilton. Ein Delphin mit mehr als fünf Sternen also...
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 27, 2009 8:43 AM MEST


Paris: MM-City
Paris: MM-City
von Ralf Nestmeyer
  Taschenbuch

5 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Paris - ein Fest fuer's Leben, 25. November 2008
Rezension bezieht sich auf: Paris: MM-City (Taschenbuch)
Ralf Nestmeyer
Paris
MM-City Stadtreiseführer mit 133 Fotos
21 Übersichtskarten und Plänen
13 Rundgänge und 7 Ausflüge in die Umgebung

2007 5. Auflage
Michael Müller Verlag
[...]
ISBN: 978-3-89953-299-9
224 Seiten
12,90.-

Der Autor des vorliegenden Reiseführers hat in seinen Literaturtipps zu Paris u.a. auch Das Parfum" von Patrick Süßkind eingereiht. Wie man spätestens seit Tom Twykers genialer Verfilmung (2006) weiß, ist das Paris Süßkinds wahrscheinlich das letzte, was man besuchen wollte. Aber es gibt Millionen anderer Gründe, warum man es gerne jederzeit machen würde. Einige davon sind in vorliegendem praktischen Stadtreisführer aus der Reihe MM-City in 13 Rundgängen durch die Stadt beschrieben, viele andere kann man aber noch selbst entdecken, denn Paris hat für jeden etwas.

Die Metropole des 19. Jahrhunderts schlechthin, war nämlich nicht nur lange Zeit der Nabel der Welt, sondern auch das Zentrum mehrerer Revolutionen, die sich später in ganz Europa und der Welt wiederholen sollten. Paris war Europa immer eine Nasenlänge voraus, das was New York für das 20. Jahrhundert war, war Paris für alle Jahrhunderte davor, nicht nur das 19.. Nicht zuletzt deswegen ist Paris heute so multikulturell, beherbergt Exilanten aus aller Herren Länder und zum Vorteil der Bewohner Paris` auch deren Kochkünste. Die meisten Immigranten wohnen im Nordosten, in Belleville, Ménilmontant, wo Anfang des 20. Jahrhunderts auch eine gewisse Édith Giovanna Gassion geboren wurde. Wer einmal die Zeilen Sous le ciel du Paris" von Edith Piaf gesungen gehört hat, wird es nie mehr vergessen können und die Sehnsucht nach der Stadt wie einen unstillbaren Durst empfinden: Sous le ciel du Paris/Marchent des amoureux/Leur bonheur se construit/Sur un air fait pour eux/..."

Eine Möglichkeit diesen Durst zumindest vorübergehend zu stillen, ist dieser Reiseführer über Paris, der nicht nur in vielen bunten Fotos, sondern auch mit vielen Geheimtipps und wichtigen Informationen zur schönsten Stadt der Welt aufwartet. So wurde etwa das erste Café der Welt - natürlich - in Paris eröffnet. Das Procope" wurde von einem Sizilianer namens Francesco Procopio dei Coltelli" (Procope von den Messern") 1686 eröffnet und zählte u.a. Montesquieu, Voltaire, Rousseau oder Victor Hugo zu seinen Stammgästen. Die Überreste aller dieser Herren befinden sich heute übrigens im Pantheon", der heilige Tempel der französischen Grande Nation", in dem nur zwei Frauen bestattet sind. Eine davon heißt Marie Curie, die Physik-Nobelpreisträgerin polnischer Herkunft (geborene Maria Sk³odowska), aber sie musste sich ihren Platz" mit ihrem Mann teilen, wie der Autor konsterniert hinzufügt. Insgesamt 66 große Männer" befinden sich in der ursprünglich als Kirche konzipierten Ruhmeshalle der Nation, natürlich kein einziger Adeliger, obwohl die Kirche unter der Herrschaft Ludwig XV. errichtet worden war und der Hl. Genoveva gewidmet worden war. In der Gesellschaft all dieser berühmter Männer würde sie sich aber sicherlich wohl fühlen...

Das Quartier Latin, in dem sich das Pantheon befindet, ist nur eines der bekanntesten Viertel von Paris, auch vom Marais wird viel gesprochen, ganz zu schweigen von Montparnasse oder Monmartre. Paris ist ein einziges ununterbrochenes Fest der Sinne, in dem sich nicht nur Verliebte (Piafs les amoureux") wohl fühlen, sondern sichtlich auch der Autor selbst, wenn er, Walter Benjamin zitierend, schreibt, dass nicht umsonst der Flaneur in Paris erfunden wurde: Das Gehen gewinnt mit jedem Schritt wachsende Gewalt; immer geringer werden die Verführungen der Bistros, der Läden, der lächelnden Frauen, immer unwiderstehlicher der Magnetismus der nächsten Straßenecke, eines fernen Platzes im Nebel, des Rückens einer vor ihm schreitenden Frau. Dann kommt der Hunger. Er aber will nichts wissen von den hundert Möglichkeiten ihn zu stillen; sondern wie ein Tier streicht er durch unbekannte Viertel auf der Suche nach Nahrung, nach einer Frau, bis er in tiefster Erschöpfung auf seinem Zimmer, das ihn befremdet, zusammensinkt. Diesen Typus erschuf Paris." Und diese Frau heißt Paris, möchte man hinzugefügt wissen.

Die sieben Ausflüge führen einen u.a. nach Versailles (incl. des berüchtigten Parc au Cerfs) und zur Ile de France, Vaux-le-Vicomte, Fontainebleau und Giverny, Villes Nouvelles. Wer aber nur ein paar Tage Zeit hat, sollte sich unbedingt an Benjamins Rat halten und ganz einfach flanieren". Keine Stadt der Welt eignet sich dazu besser. Und damit man sich nicht verirrt und auf den rechten Weg zurückfindet, schadet es nicht, diesen MM-City eingesteckt zu haben, denn man könnte sonst ja vor lauter Flanieren etwas versäumen...


Kein Titel verfügbar

21 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fast der ganze Qualtinger, 18. November 2008
Helmut Qualtinger
Film.Werk.Schau

2008
[...]
Nr.: 05500-8
10 DVD
mehr als 1000 Minuten
79,90.-

Was passiert eigentlich, wenn man einen Inspektor Trottel nennt, Herr Wachtmeister?", soll der Qualtinger einmal zu fortgeschrittener Stunde in seinem Lieblingslokal Gutruf" in der Wiener Innenstadt einen Inspektor gefragt haben. Dieser soll darauf etwas entsetzt geantwortet haben, dass dies ganz ganz schlimm sei und die Gäste ob der Sperrstunde weiter aus dem Lokal getrieben haben. Worauf der Qualtinger ihm eine weitere Frage stellte: Und wenn man einen Trottel Inspektor nennt?" Der Inspektor fuhr wenig beeindruckt mit seiner Arbeit und schaffte schließlich auch Qualtinger vor die Tür. Dieser hebt zum Abschluß die Hand an die Stirn und sagt: Na denn, Gute Nacht, Herr Inspektor!"

Solche kleine Episoden und Anekdoten wie diese gibt es wohl tausende über den" Qualtinger, er war wohl das, was man ein Wiener Original" nennt und machte diesem seinen Ruf große Ehre. Zum 80.-igsten Geburtstag von Helmut Qualtinger ist bei [...] eine würdige Film.Werk.Schau" erschienen, die 10 DVDs umfasst und nein, der Herr Karl" ist nicht dabei, denn den kennt man eh schon. Auf den nationalen Charakter Herr Karl" auf den der Qualtinger Zeit seines Lebens festgeschrieben wurde und den er so meisterhaft beherrschte, wollte man hier wohl explizit verzichten, denn es bleibt das Wort von Nestroy: die edelste Nation ist immer noch die Resignation und Qualtingers Talent soll eben nicht auf diese eine Figur reduziert werden. Wie es ein Journalist ausdrückte: Qualtinger hat doch kein Gesicht. Der hat zwanzig, dreißig, zweitausendvierhunderteinundfünfzig. Manchmal sieht er nahezu drei Minuten aus wie der Qualtinger, aber dann..." Auch er selbst sah sich, wenn er sagte, dass auf seiner Visitenkarte Menschenimitator" stehen sollte. Allein, er brauchte keine, denn es kennt ihn eh jeder, nur eben wohl immer unter einem anderen Gesicht...

In seinem letzten Lebensjahr, 1986, wurde der Name der Rose" veröffentlicht und Qualtinger konnte diesen Jugendtraum von Hollywood gerade noch erfüllt sehen. Starb er am Zenit seines Schaffens? Mit 58 Jahren hätte er wohl noch eine lange Karriere vor sich gehabt, gerade nach dem sein Größenwahn" überwunden war. Er wollte mit Fellini und Polanski drehen, aber diese Projekte wurden nie verwirklicht. O-Ton Qualtinger: Mit zwanzig war ich größenwahnsinnig. Man muss größenwahnsinnig sein in dem Alter, sonst wird nichts daraus. Heute sehe ich, dass nur ein Teil von dem herausgekommen ist, was ich wirklich sagen wollte." Aber das ist ja schon sehr viel!

Diese Qualtinger-Film.Werk.Schau" umfasst Mit Himbeergeist geht alles besser" (Ö 1960), Geschichten aus dem Wienerwald" (Ö/BRD 1963) nach dem gleichnamigen Volksstück des österreichischen Autors Ödon von Horvath, Mann im Schatten" (Ö 1961), Biedermann und die Brandstifter (Ö 1963) ebenfalls nach einem Lehrstück ohne Lehre" des Schweizers Max Frisch, Lumpazivagabundus" (Ö 1965) von Nestroy, Der Himbeerpflücker" (Ö/BRD 1965) nach Fritz Hochwälders Theaterstück, Die Hinrichtung" (Ö/BRD 1966), Kurzer Prozess" (BRD 1967), Der Kulterer" (Ö/BRD 1974) nach einer Erzählung von Thomas Bernhard, und Der Richter und sein Henker" (BRD/Italien 1975) nach einem Roman von Friedrich Dürrenmatt.
Zusätzlich beinhaltet diese üppig-prächtige Qualtinger-Collection ein mehrseitiges Booklet mit Filmkurzbeschreibungen und einem kurzen Vorwort von Günter Krenn/Claus Philipp und einigen Fotos von Österreichs Schauspieler enfant terrible, etwa eines mit seinem Sohn Christian (Heimito) und einer wohl absichtlich schiefgeknöpften Weste oder ein anderes mit den Hawelkas oder mit Maximilan Schell und Cowboyhut. Die DVD-Sammlung ist übrigens ästhetisch appetitlich gestaltet und außerdem zu einer fast zwei Meter langen Tischdekoration ausklappbar und vermag es so vielleicht auch so manchen Besucher in Ihrem bescheidenen Heim schmackhaft neugierig zu machen, denn nicht umsonst steht auf jeder DVD ein riesiger goldener Buchstabe des Namens von QUALTINGER. Happy Birthday also!


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