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Beiträge von Matthias Wendt
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Rezensionen verfasst von
Matthias Wendt (Hamburg, Deutschland)
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Der große Beutezug: Chinas stille Armee erobert den Westen
Der große Beutezug: Chinas stille Armee erobert den Westen
von Juan Pablo Cardenal
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,90

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Die Angst des weißen Mannes vor der gelben Gefahr, 18. März 2015
Das Verhältnis des Westens zu China ist nach wie vor ambivalent. Man bestaunt seine seit zwanzig Jahren stetig enorm wachsende Wirtschaftskraft und schätzt es als verlässlichen Handelspartner und als unverzichtbaren Importeur der eigenen Waren. Andererseits ist es kein zweites Japan, denn nach wie vor regiert die Kommunistische Partei, und in westlichen Medien und bei Politikern werden immer wieder Menschenrechtsverletzungen und die Nichtbeachtung demokratischer Prinzipien beklagt. Vor allem aber fürchtet man, China könne seine ökonomische Potenz einmal politisch umsetzen und die USA als globale Führungsmacht ablösen, evtl. gar die abendländische Kultur vernichten – anders als der Islam heimlich, still und leise.

Die Autoren des vorliegenden Werkes, zwei spanische Journalisten mit einer Agentur in Peking, haben sich die Warnung davor auf die Fahnen geschrieben. Ihr Thema sind die unbestreitbar erfolgreichen Aktivitäten chinesischer Unternehmen in der Dritten Welt, die sie zum Teil durchaus sachlich schildern. Anders als die westlichen Staaten, die seit dem 16. Jh. bis heute wirtschaftliche Ausbeutung stets mit politischer und nötigenfalls militärischer Kontrolle verbinden, behandelt China die seinen zunehmenden Rohstoffbedarf befriedigenden Länder der Südhalbkugel, aber etwa auch Russland mit seinen fossilen Energieträgern, als autonome Handelspartner. Kredite werden vergeben, Investitionen getätigt, ohne dass daran Bedingungen hinsichtlich der Änderung der politischen, sozialen und ökologischen Verhältnisse geknüpft werden, wie es etwa beim IWF der Fall ist. Man setzt keine eigenen Beamten ein und schickt keine Truppen, sondern kooperiert auf Augenhöhe mit den lokalen Behörden und Wirtschaftseliten. Ein chinesischer Firmenleiter im Sudan bringt es auf den Punkt (S. 175): „Die Amerikaner kommen hierher, um Bomben abzuwerfen. Wir sind im Sudan, um Brücken, Gebäude und Krankenhäuser zu bauen.“ Der Aufbau stabiler Handelsbeziehungen wird, so das chinesische Konzept, mittelfristig unvermeidlich dazu führen, dass sich die rückständigen Länder auch administrativ und politisch in die zivilisierte Welt einfügen.

Entsprechend heißt es auf S. 221: „Es wäre sicher unfair, die positiven Auswirkungen herunterzuspielen, die die chinesische Expansion (…) für Millionen von Menschen auf der ganzen Erde hat.“ Doch leider wird ebendas im weit überwiegenden Teil des Buches versucht. In der Hauptsache lesen wir Reportagen über Exkursionen, die die Autoren in der Absicht unternommen haben, China genau die Übel nachzuweisen, die der Westen jahrhundertelang in seinen Kolonien praktiziert hat, also „Neosklaverei“, ökologischen Raubbau usw. Dabei gelingt es allerdings nicht, plausibel zu machen, dass es sich dabei um mehr als Einzelfälle handelt, und auch die Authentizität der berichteten Zustände ist durchaus zweifelhaft. Denn zum einen können sich die Autoren bei den schlimmsten Vorwürfen nicht auf eigene Beobachtung berufen, sondern zitieren Instanzen, die China ohnehin nicht wohlgesinnt sind, also „Aktivisten“, „christliche Priester“ (S. 113), NGOs, „Menschenrechtler“ usw., oder Zeugen, die „lieber anonym bleiben“ wollen. Zum anderen kommt die Gegenseite nie zu Wort, denn ungeschickterweise beginnen die Autoren ihre Interviews mit chinesischen Behörden- oder Unternehmensvertretern offenbar stets mit Fragen wie: „Warum machen Sie Geschäfte mit Diktaturen?“ oder „Warum gibt es keine Studien über die ökologischen Konsequenzen Ihres Staudamms?“ usw. Wenn die Befragungen dann eher unfruchtbar verlaufen, wird das auf die „mangelnde Transparenz“ (S. 38) bei den Asiaten zurückgeführt.

Die Autoren sind Journalisten, keine Wissenschaftler. Historische Überlegungen fehlen völlig, und auch an nüchternen Zahlen und Fakten herrscht Mangel. Dafür – und das macht das Buch leider endgültig zum Ärgernis – kennen sie sich in manipulativer und ressentimentgeladener Rhetorik bestens aus. Eine Chinesin hat „mandelförmige Augen“ (S. 36, 58), es gibt einen „genetischen Code der Chinesen“ (S. 37), das chinesische Volk wird als „der Chinese“ (S. 62) personifiziert, eine Chinesin spricht „mit ihrer heiseren Stimme in gebrochenem Englisch“ (S. 85) usw. Auch unsere ehemaligen Kolonien, die nun treuloserweise mit China zusammenarbeiten, kommen nicht gut weg: In Maputo „enthüllt sich die Essenz Afrikas: Frauen mit Babys auf dem Rücken und einem Sack Reis oder Mais auf dem Kopf“, „Menschen, denen die Armut aus allen Poren dringt“ und die „eklig aussehendes Fleisch und lauwarme Getränke verkaufen“ (S. 207). Doch „irgendwie überleben sie (…) trotz des unaufhörlichen Geschreis ihrer Babys“ (S. 208). Die „Angst des weißen Mannes“ vor den farbigen Völkern entlädt sich hier in unfreiwillig komischen rassistischen Sentenzen.

Fazit: Die wenigen aufschlussreichen Informationen werden in einem Wust von prowestlicher Propaganda, dubiosen Erlebnisberichten und unseriöser Polemik erstickt. Das Buch sagt mehr über die Ängste der Autoren als über sein Thema aus und ist unterschwellig Ausdruck des schlechten Gewissens angesichts einer jahrhundertelangen misslungenen und gewalttätigen Kolonialpolitik des Westens – auch und gerade Spaniens – im Vergleich zu den chinesischen Erfolgen auf Basis friedlicher Handelsbeziehungen.


Moral für Dumme: Das Elend der politischen Korrektheit
Moral für Dumme: Das Elend der politischen Korrektheit
von Marius Jung
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,99

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gelungene Mischung aus Satire und sachlicher Auseinandersetzung vom „linken“ Standpunkt, 17. März 2015
„Political Correctness“ ist die Bezeichnung für eine sich in den westlichen Staaten in der öffentlichen Diskussion, den Medien wie auch in staatlichen Institutionen stets weiter verbreitende Moralvorstellung, die die klassischen und nicht nur westlichen Werte der Gerechtigkeit und Gleichheit in die Tat umzusetzen strebt, indem sie biologische, ethnische, ökonomische, sexuelle, kulturelle und andere Unterschiede zwischen den Menschen nivelliert. Vordergründig geht es dabei um eine unbestreitbar begrüßenswerte Verhinderung der Diskriminierung von Benachteiligten, also die Integration von Minderheiten, Fremden oder schlicht „anderen“, aber unterschwellig auch um bessere behördliche Kontrolle und die Mobilisierung des Leistungspotenzials der bislang Ausgegrenzten.

Da die „Political Correctness“ aber häufig über das Ziel hinausschießt und als nicht praktikable Gleichmacherei, als Negation nicht wegzudekretierender Vielfalt erscheint, ist sie seit Beginn Ziel berechtigter Kritik. Dabei haben sich bisher allerdings vornehmlich Publizisten aus dem rechten Lager, etwa Thilo Sarrazin, hervorgetan, die hauptsächlich rückwärts gewandte Vorbehalte gegen das „Fremde“ oder Abweichende, das die Integrität der Nation oder der abendländischen Kultur bedrohe, vortragen.

Umso erfreulicher ist es, dass der Kabarettist Marius Jung – der über den unschätzbaren Vorteil verfügt, als „Semipigmentierter“ über jeden Verdacht fremdenfeindlicher Gesinnung erhaben zu sein – nun nach seinem ebenfalls bei Carlsen erschienenen Erstling „Singen könne die alle! Handbuch für Negerfreunde“ ein kleines Buch vorlegt, in dem, wie es im Schlusswort heißt, „eine PC-Kritik ‚von links‘“ erfolgt, die sich von „falschen Freunden“ aus dem konservativen Bereich abgrenzt. Ihm und seinem Koautor Oliver Domzalski gelingt es auf überzeugende und höchst unterhaltsame Weise, die Exzesse und Widersprüche der „Political Correctness“ nicht nur in zahlreichen, zum Teil brüllend komischen Cartoons, Satiren und Parodien aufs Korn zu nehmen, sondern sie in Sachessays auch brillant auf ihre Hintergründe und – oft ungewollten – Konsequenzen zu analysieren.

So führt die „Inklusion“ geistig behinderter – sorry, „anders begabter“ – Kinder etwa dazu, dass diese nicht mehr die unverzichtbare Einzelbetreuung erhalten und somit später erst recht keine Chance auf dem Arbeitsmarkt haben. Und wenn man um die korrekte sprachliche und gesellschaftliche Behandlung von Frauen und Farbigen – sorry, „Personen“ und „Maximalpigmentierten“ bzw. „POCs = People of Color“ – immer wieder schwer ringt, wird damit deren Opferrolle erst recht betoniert. In ähnliche Aporien verstricken sich die Anwälte von Transsexuellen, nichtokzidentalen Religionen, Kindern, Tieren, Nichtrauchern, Armen usw. – alles Themen, die in dem Buch umfassend erörtert werden.

Fazit: „Moral für Dumme“ ist ein Werk aus einem Guss, das die wesentlichen Aspekte der PC humoristisch und sachlich ohne jedes Ressentiment auf den Punkt bringt. Kaufen!


Das Gehirn
Das Gehirn
von Michael O'Shea
  Taschenbuch
Preis: EUR 6,40

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ist der Mensch nur eine bessere Meeresschnecke?, 22. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Gehirn (Taschenbuch)
Ich bin kein Naturwissenschaftler und kenne mich in der aktuellen neurowissenschaftlichen Forschung nicht aus, sondern habe zu dieser Einführung (im engl. Original erschienen im Jahr 2005) als Autodidakt in den Bereichen Geschichte und Humanwissenschaft gegriffen. Dass sie mich enttäuscht hat, liegt wohl nicht am Autor, sondern an der mechanistischen Methodik, mit der die Neurowissenschaften ihren Stoff nach wie vor ausschließlich bearbeiten. Obwohl das „Rätsel des Bewusstseins“ als Spezifikum des Menschen und Problem, das zu lösen die Neurowissenschaft angetreten ist, klar formuliert wird, ist von einem Fortschritt weit und breit nichts zu sehen, denn „das Gehirn“ wird umstandslos als „rein materielles System“ (S. 8) betrachtet, also als isoliertes „biologisches Gerät“ (S. 168), das auf diversen „Mechanismen“ (passim) beruht.

Die in diesem Sinne etwa bei der Funktion des Gedächtnisses empirisch fixierbaren elektrischen und chemischen Vorgänge werden folglich, da am unkompliziertesten, an Gehirnen niederer Organismen exemplifiziert, etwa an dem der Meeresschnecke „Aplysia californica“ als „ideales Modelltier“ (S. 146). Für etwas verwickeltere Vorgänge gibt es Belege anhand des „Mäuse- und Rattenhirns“ (S. 159). Der „reduktionistischen Vorgehensweise“ (S. 148) ist man sich dabei durchaus bewusst, das ändert aber nichts daran, dass wir über die Spezifik des menschlichen Gehirns im Grunde nichts lernen; es ist den Schnecken und Ratten bestenfalls quantitativ voraus.

Dazu passt, dass der Leser hinsichtlich der Gründe für die relativ rasche Zunahme des menschlichen Gehirnvolumens im Verlauf der Evolution (Kapitel 4, „Vom Urknall zum Großhirn“) mit albernen Scherzen belästigt wird, wie dass die für das Balzverhalten erforderliche „kreative Intelligenz“ durch „sexuelle Auslese“ (S. 100) rapide angestiegen sei. Immerhin wird im selben Abschnitt dazu aufgefordert, „ehrlich“ zu sein und zuzugeben, dass wir Fragen wie die nach der Entstehung der Kunst vor rund 40000 Jahren „nicht befriedigend klären“ können.

Meines Erachtens wird sich weder dieses noch andere Probleme im Rahmen einer Neurowissenschaft erörtern lassen, die von dem Modell „isoliertes Gehirn vs. Außenwelt“ ausgeht und völlig außer Acht lässt, dass die Natur nicht ein einzelnes, sondern eine Pluralität von Gehirnen geschaffen hat, die miteinander kommunizieren – und zwar nicht nur innerhalb einer Art, sondern speziesübergreifend. Dieser „sozialwissenschaftliche“ Aspekt hat sich der Naturwissenschaft offenbar bislang nur rudimentär erschlossen.

Deshalb ist auch die Forschung zur künstlichen Intelligenz, auf die der Autor im letzten Kapitel eingeht, so blamabel ineffektiv. Interessant ist ein Modell zur Simulierung von Mutation und Selektion unter Robotern (oder Computern, S. 170 ff.), aber solange die KI-Forschung nur nach einer Simulation des isolierten Gehirns strebt, wird sie ihren Geräten nicht mehr Intelligenz einhauchen können als die einer Kakerlake (laut Michio Kaku).

Fazit: Wenn, was ich nicht weiß, O’Sheas Buch den aktuellen Stand der Neurowissenschaft darstellt, dann wirft es mehr Fragen und Probleme auf, als dass es sie löst.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jun 20, 2015 11:02 PM MEST


Zug um Zug
Zug um Zug
von Helmut Schmidt
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,99

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen "Erst das Land, dann die Partei", 4. Februar 2013
Rezension bezieht sich auf: Zug um Zug (Taschenbuch)
Dieses gedruckte Gespräch zwischen dem Altkanzler und dem Prätendenten ist eine lohnende, bisweilen höchst vergnügliche Lektüre, die für den politisch Interessierten schon deshalb obligatorisch sein sollte, weil er hier unter anderem in die Vorstellungswelt eines Mannes eindringen kann, der demnächst vielleicht das höchste Staatsamt in einer der immerhin noch mächtigsten Nationen der Erde innehat. Stattdessen diskutiert das schreibende Volk lieber über die Ergüsse politischer Femmes fatales wie Frau Wulff (1139 Amazon-Rezensionen zu „Jenseits des Protokolls“, 22 zu „Zug um Zug“, Stand Februar 2013); ein weiteres Zeichen, wie tief die geistige Kultur im Land der Dichter und Denker leider gesunken ist.

Überraschen mögen manchen insbesondere die unkonventionellen Auffassungen Helmut Schmidts. Er kann es sich als Elder Statesman jenseits von Gut und Böse natürlich leisten, Positionen zu vertreten, die nicht gerade dem Mainstream und schon gar nicht dem Konsens der SPD willfahren. So begrüßt er es zum Beispiel, dass China immer mehr an weltpolitischem Einfluss gewinnt, und hätte nichts dagegen, wenn die USA wieder zum Isolationismus zurückkehrten, statt sich permanent völkerrechtswidrig in die Angelegenheiten anderer Staaten einzumischen. Vom Westen perhorreszierte „autoritäre“ Regierungen hält er für völlig legitim, wenn sie historisch begründet sind. Gerade an China zeige sich der Nutzen einer nationalen Einheitsregierung (diesen Terminus gebraucht er freilich nicht). Er lobt die effiziente Kabinettstruktur der chinesischen Regierungsbehörde, die er auch in Deutschland umzusetzen empfiehlt. Den Einfluss der Parteien auf die Regierungsarbeit sieht er kritisch; gerade in der Außenpolitik würden dadurch weitblickende Entscheidungen verhindert, denn die Regierung sehe sich stets genötigt, ihr Handeln von kurzfristigen Meinungsumfragen abhängig zu machen, was die Regierung Merkel auch in unverantwortlicher Weise mehrfach getan habe. Er schlägt sogar vor, den Parteien den staatlichen Geldhahn zuzudrehen und ihre Einkünfte auf die Mitgliedsbeiträge zu reduzieren. Ein Bundeskanzler müsse Staatsmann sein, nicht Parteipolitiker, denn, so die Überschrift eines Kapitels: „Erst das Land, dann die Partei“.

Dieser Satz, so selbstverständlich er klingt, erinnert an den Spruch, mit dem Kaiser Wilhelm II. zu Beginn des Ersten Weltkriegs das zerstrittene Volk hinter sich zu bringen suchte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ Dieser Satz wird auch ironisch in dem Gespräch zwischen Schmidt und Steinbrück zitiert, denn natürlich soll der Primat des Landes vor der Partei nicht den Dialog und die Auseinandersetzung der verschiedenen Interessengruppen behindern oder gar unterbinden. Mit Kritik an der parlamentarischen „Schwatzbude“ und der Etablierung einer nationalen Einheitsregierung, so könnte man ergänzen, hat gerade Deutschland ja nicht eben die besten Erfahrungen gemacht.

Steinbrück kann sich naturgemäß den meisten der genannten Positionen Schmidts nur bedingt anschließen. Dennoch versucht er, sich als überparteilichen, erfahrenen Regierungsbeamten darzustellen, was ihm durchaus gelingt; auch in Sachen historischer und kultureller Bildung kann er hin und wieder punkten. Immerhin hat er in vielen Behörden in verantwortlicher Position gewirkt, was ihn als vielseitigen Fachmann qualifiziert. Nicht umsonst trägt Schmidt ihm an einer Stelle die Kanzlerkandidatur an – und wohl deshalb hat die SPD sich schließlich für Steinbrück als ihren Prätendenten entschieden. Allerdings wird auch deutlich, dass Steinbrück – wie Schmidt einst selbst – mehr „Substance“ als „Face“ ist, um mit den Amerikanern zu sprechen. Er mag ein tauglicher, auch durchsetzungsstarker und vorausschauender Verwaltungsbeamter sein, aber die Massen zu fesseln vermag er nicht. An den aktuellen Medienkampagnen gegen Steinbrück und am „Umfragetief“ der SPD wird das deutlich. Wenn er wirklich Bundeskanzler werden und bleiben will, muss er in der Lage sein, schlechte Presse zu vermeiden, und das ist er offenbar nicht.

Darüber hinaus räumt er in dem Gespräch gerade im Hinblick auf sein Verhalten in der „Finanzkrise“ diverse Fehler und Fehlbeurteilungen ein, was an seinen überragenden Fähigkeiten als „Finanzexperte“ ein wenig zweifeln lässt. Ausgerechnet bei diesem Thema findet sich ferner die gravierendste Meinungsdifferenz zwischen den Dialogpartnern, denn während Steinbrück die staatliche „Schuldenbremse“ als seine bis dahin größte Lebensleistung apostrophiert, hält Schmidt sie für gefährlichen Unfug (meine Worte), da sie die Regierung in einer finanziellen Notlage zum Verfassungsbruch zwingen könne.

Aufgelockert werden die „theoretischen“ Diskussionen immer wieder durch zahlreiche Anekdoten und Urteile über Weggefährten, Konkurrenten und Gegner der beiden SPD-Größen. Summa summarum ein Buch, das dem politisch und historisch Versierten nicht unbedingt wesentlich neue inhaltliche Erkenntnisse bringt, aber einige wohlbegründete und nachvollziehbare, von keinem Parteienhader beeinflusste Beurteilungen des aktuellen politischen Geschehens und „staatsmännische“ Ausblicke auf die weltpolitischen Entwicklungen und Herausforderungen der Zukunft enthält. Ob es als Werbung für den Kandidaten Steinbrück erfolgreich ist, wird die Bundestagswahl 2013 zeigen.


Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte (Ratgeber / Lebenskrisen)
Warum die Menschen sesshaft wurden: Das größte Rätsel unserer Geschichte (Ratgeber / Lebenskrisen)
von Josef Reichholf
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

33 von 37 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Skurrile Theorie mit falschen Voraussetzungen, 18. Juli 2012
Wie zahlreiche Gelehrte, die sich einen Namen machen wollen, wartet Reichholf in seiner populärwissenschaftlichen Darstellung der Menschheitsentwicklung bis zur Entstehung der Landwirtschaft mit einer originellen Theorie auf. Demnach seien Ackerbau und Viehzucht durch das Bedürfnis entstanden, Ressourcen für gemeinschaftliche Feste zu produzieren, deren man ständig in größeren Mengen bedurfte, weil unter dem Einfluss der Religion Umfang und Frequenz der Zusammenkünfte der Jäger-Sammler-Gruppen wuchsen. Das Getreide sei anfänglich nicht zu Brot oder Fladen, sondern zu Bier verarbeitet worden, dessen Konsum den sozialen Zusammenhalt festigte.

Abgesehen davon, dass sich diese Theorie nur auf wenige Indizien stützen kann und daher über eine bloße Vermutung nicht hinauskommt, beruht sie auf falschen Voraussetzungen, nämlich der Annahme, Wildgetreide habe anfänglich nicht als Hauptnahrungsgrundlage gedient, da nur geringe Mengen hätten geerntet werden können, und das nur auf dem Wege des "mühevollen Sammelns kleiner Körner" (S. 185). Und selbst wenn die Ernte reichhaltig gewesen wäre, sei es unmöglich gewesen, sie dauerhaft zu lagern.

Hätte Reichholf ethnologische Erkenntnisse herangezogen, so wäre ihm nicht entgangen, dass zahlreiche Menschengruppen, etwa in Nordamerika und Nordaustralien, den Hauptteil ihrer Nahrung durchaus aus riesigen, natürlich wachsenden Wildgetreidefeldern bezogen haben, wie sie im Vorderen Orient um 10000 v. u. Z. ebenfalls bestanden haben dürften. Die Körner wurden nicht "mühevoll gesammelt", sondern mit Stöcken abgeschlagen und in Körben oder Kanus (nordamerikanischer Wasserreis) aufgefangen, und zwar in einem singulären, kollektiv organisierten Erntevorgang (Reichholf scheint merkwürdigerweise anzunehmen, die Ernte sei ein permanenter Prozess, dessen Aufwand den Ertrag übersteige). Die auf Pfählen aufgestellten oder aufgehängten, mit Harzen oder Ähnlichem abgedichteten Vorratsbehälter waren vor Tierfraß, Regen usw. bestens geschützt. Die Sesshaftigkeit war damit übrigens bereits gegeben und ist folglich nicht abhängig vom Ackerbau.

Da Reichholf diese simplen Tatbestände nicht berücksichtigt, muss er die Frage, wie aus dem beschränkten Getreideanbau zum Bierbrauen später die Nahrungsbasis der Hochkulturen mit ihren Millionen von Menschen werden konnte, vollständig ausblenden. Zum eigentlichen Problem dringt er folglich gar nicht erst vor, wie nämlich durch sukzessive, aber nicht zielgerichtete Eingriffe des Menschen in die Natur bei bestimmten Pflanzenarten sich Mutationen mit "Domestikationsmerkmalen" wie feste Ähren und gleichzeitige Reifung in großem Maßstab durchsetzen konnten, die üblicherweise nicht überlebensfähig waren. Hier wäre auf biologische Erkenntnisse zum Thema Symbiose zu rekurrieren, die auch die "Domestikation" bestimmter Tierarten erklären helfen.

Erst wenn diese Vorgänge geklärt sind, kann man sich der Frage, wie aus dem bloßen Abernten natürlicher Wildgetreidevorkommen der Ackerbau geworden ist, der die Ansiedlung kolonisierender Nahrungspflanzen auf beliebigen freien Flächen durch Aussaat bewusst veranlasst, sinnvoll zuwenden. Davon ist Reichholf weit entfernt. Auch zu den damit erforderlich gewordenen Veränderungen in der Sozialstruktur und der Ideologie der Verbände liefert die von Reichholf komplett ignorierte Ethnologie wertvolle Hinweise. Er liefert letztlich nur den Beweis, dass rein archäologische und erdgeschichtliche Betrachtungen trotz oder gerade wegen ihrer Beschränkung auf das Belegbare zu falschen und in diesem Fall sogar höchst skurrilen Ergebnissen in der Beantwortung der wichtigen Fragen hinsichtlich der Menschheitsentwicklung führen können.

Eine systematische, ethnologische und archäologische Erkenntnisse sowie biologische Einsichten in die Bedingungen erfolgreicher Selektionen von Pflanzen und Tieren berücksichtigende Darstellung der Entstehung der Landwirtschaft steht offenbar immer noch aus. Ansätze finden sich in den derzeit nur antiquarisch erhältlichen, populärwissenschaftlich angelegten Büchern von Jost Herbig: "Im Anfang war das Wort" (1984) und "Nahrung für die Götter" (1988).
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 21, 2013 3:21 PM CET


Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper
Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper
Wird angeboten von Cmal2_GmbH
Preis: EUR 13,90

10 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Hervorragendes Adventure mit plausibler Lösung des authentischen Falls, 17. Oktober 2009
= Spaßfaktor:1.0 von 5 Sternen 
"Sherlock Holmes jagt Jack the Ripper" ist ein in jeder Hinsicht zufriedenstellendes, wenn nicht herausragendes Adventure, das in einem bestimmten Punkt, auf den ich zum Schluss eingehe, überdies alle übrigen Genrevertreter toppt. Leider hat es meines Erachtens insbesondere in den Rezensionen der maßgeblichen Spielemagazine und -websites mit Wertungen zwischen 70 und 80 Prozent nicht die ihm gebührende Anerkennung erfahren. Oft haben die Redakteure schlicht ihre subjektiven Erwartungen als Maßstab genommen und sind damit dem immanenten Anspruch des Spiels nicht gerecht geworden.

So wird die grafische Darstellung als zu eintönig charakterisiert. Doch erstens liegt der Schwerpunkt des Spiels nicht auf der Untersuchung schön gestalteter Hintergründe, sondern auf der Lösung eines Kriminalfalls, zum zweiten passt es durchaus zur tristen Atmosphäre der Handlung, dass etwa Straßen und Häuser nicht allzu differenziert gezeichnet wurden. Trotzdem ist die Grafik keineswegs "steril"; im Gegenteil, es herrscht kein Mangel an schönen Licht-Schatten-Effekten, Rauch- und Wasserdarstellungen, liebevoll gestalteten Innenräumen usw. - Manche Rezensenten vermissen die Horroratmosphäre und eine explizite Darstellung der Verbrechen oder wenigstens der Leichen. Doch das Spiel ist kein Grusel-, sondern ein Detektiv- bzw. Krimiadventure, in dem die logische Klärung des Falles durch einen hochintelligenten Ermittler im Mittelpunkt steht, zumal die Bedrohung durch Jack the Ripper ja nur arme Prostituierte in Whitechapel und nicht etwa jeden Einwohner Londons traf. Die sukzessive Addition immer neuer Indizien und die allmähliche Hinführung zur Identifizierung des Täters machen den Reiz und die Spannung des Spiels aus; Schockeffekte wären dem äußerlich gewesen. Zudem gebot es der Respekt vor den realen Opfern, auf die explizite Darstellung der Getöteten und zum Teil Verstümmelten zu verzichten. Im Übrigen wird dem Grauen durch Cutscenes, in denen per Egoperspektive des Mörders die nächste Tat angedeutet wird, Genüge getan; viele Details und die Gestaltung von Whitechapel erzeugen eine, wenn nicht gruselige, so doch stets beklemmende Stimmung. Einzigartig und äußerst subtil gelöst finde ich auch die Darstellung der Auffindung des letzten Opfers (Mary Jane Kelly) und schließlich der Ergreifung des Täters, die den Spieler gewiss nicht unberührt lassen werden.

Nur absurd ist schließlich die Kritik an den vermeintlich zu zahlreichen, die Story "künstlich streckenden" Logikpuzzles und Minispielchen. Wären es weniger gewesen, hätten sich dieselben Leute vermutlich über die zu geringe Spieldauer beschwert! Nein, hier ist alles perfekt: Diese Rätsel sind originell, abwechslungsreich und höchst unterhaltsam, nicht zu schwer und nicht zu leicht (das eine Rätsel, in dem historische Kenntnisse benötigt werden, lässt sich zur Not auch per Trial and Error lösen), immer in den Fortgang des Geschehens integriert und in ihrer Quantität mit den übrigen Elementen des Spiels (Dialoge, Gegenstandssuche, Inventarrätsel usw.) sehr gut ausbalanciert. - Von den zu Recht in allen Rezensionen hervorgehobenen Meriten möchte ich nur nochmals die ausgezeichnete deutsche Sprachausgabe erwähnen: Holmes und Watson zuzuhören ist ein Genuss!

Und nun das eigentliche, in den mir bekannten Stellungnahmen wie gesagt eher unterbelichtete Highlight des Spiels: Es wird eine völlig plausible, rundum konsistente Aufklärung des historischen Kriminalfalls der Whitechapel-Morde geboten, die ferner den Vorzug besitzt, erklären zu können, warum der Täter offiziell nie identifiziert wurde! Den Storyautoren gelingt es, den Spieler eine schlüssige Aufarbeitung aller vorliegenden wichtigen Dokumente und Fakten nachvollziehen zu lassen, die in der Tat nur eine Person als Täter in Frage kommen lässt. Und es dürfte nicht zu sehr gespoilert sein, wenn ich verrate, dass es sich dabei nicht um einen der bislang meistgenannten Verdächtigen handelt ...

Fazit: Ein hochspannendes, atmosphärisch gelungenes Adventure voller einfallsreicher und nie frustrierender Rätsel, das zudem (wahrscheinlich) die Lösung eines mehr als ein Jahrhundert geheimnisumwitterten spektakulären Kriminalfalls bietet.

Case solved!


Die Kriege des Altertums: Von Ägypten bis zum Inkareich
Die Kriege des Altertums: Von Ägypten bis zum Inkareich
von Philip de Souza
  Gebundene Ausgabe

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sehr guter Überblick mit ansprechender Ausstattung, 2. Dezember 2008
"Der Krieg ist der Vater aller Dinge" (Heraklit) - jedenfalls zumindest der menschlichen Zivilisation. Spätestens seit ihrer Sesshaftwerdung führen Menschen (genauer: Männer) permanent Kriege um (vermeintlich) begrenzte Ressourcen, statt bei deren Erschließung zu kooperieren. Während diese Konflikte in Stammesgesellschaften in der Regel auf temporäre Raubüberfälle, die jedoch durchaus zur völligen Vernichtung des gegnerischen Gemeinwesens führen konnten, begrenzt waren, waren die sogenannten Hochkulturen im Orient, in Asien und Amerika durch die mit der Staatsbildung in fruchtbaren Gegenden verbundene enorme Allokation von Rohstoffen in der Lage, große Armeen zu rekrutieren und auszurüsten, um ihr Herrschaftsgebiet zu verteidigen oder zu vergrößern sowie Handels- und Transportwege zu schützen. Durch neue Technologien war es schließlich den mittelmeerischen Stadtstaaten möglich, jeden einzelnen (erwachsenen männlichen) Bewohner mit brauchbaren Waffen auszustatten und ihn zum zumindest zeitweiligen Soldaten zu machen. Die Erfindung der "Bürgerinfanterie" führte durch Rom zur Etablierung der bis dahin gewaltigsten Militärmacht des Mittelmeerraums, bis diese ihrerseits unter dem Druck der "Barbaren", die inzwischen Heeresstrukturen und Kampfesweise der Römer ausreichend kennengelernt und z. T. adaptiert hatten, zusammenbrach.

In dem vorliegenden mit zahlreichen Abbildungen, Zeittafeln, Bibliographie und umfangreichem Register ausgestatteten Band wird diese Entwicklung in kurzen Beiträgen verschiedener angelsächsischer Wissenschaftler nachvollzogen. Der detaillierten Beschreibung von Kriegsgerät, Truppenaufbau, Taktiken und Logistik geht stets ein Resümee des historisch-politischen Ablaufs voran. Karten, Schlachtbeschreibungen mit übersichtlichen dreidimensionalen Grafiken sowie Kästen, in denen spezielle Aspekte des jeweiligen Militärwesens vertieft werden, ergänzen die Texte. Neben den "Global Playern" wie den mesopotamischen Reichen, Ägypten, Persien, Griechenland/Rom und China wird auch militärgeschichtlich sonst oft vernachlässigten "Kulturen" bzw. Regionen wie Minoern/Mykenern, Kelten/Iberern, Parthern/Sassaniden, Indien oder Korea/Japan ein eigener Artikel gewidmet.

Den meisten Autoren gelingt dabei die Bewältigung der Schwierigkeit, auf engem Raum eine konzentrierte, synthetische Darstellung der übergeordneten Zusammenhänge zu liefern; nur in den Beiträgen zum Hellenismus und zu Korea/Japan überwiegt eine eher deskriptive Aneinanderreihung von Namen, Daten und Fakten. Der vom Herausgeber in der Einleitung indirekt formulierte Anspruch, den Krieg "als die treibende Kraft des gesellschaftlichen, ökonomischen und kulturellen Fortschritts" (S. 13) darzustellen, wird allerdings nicht ganz erfüllt. Es wird zwar auf beeindruckende Weise allgemein deutlich, dass die politischen und gesellschaftlichen Strukturen und Entwicklungen aller "Zivilisationen" des Altertums durchgehend von militärischen Erfordernissen determiniert waren (inklusive der früher als relativ friedlich eingeschätzten Maya und Minoer; evtl. mit der einzigen Ausnahme der Induskultur), aber über sporadische Hinweise hinausgehende systematische Analysen etwa des Zusammenhangs von Militärwesen und Agrarordnungen, Eigentumsverhältnissen oder Handelsexpansionen finden sich nicht; und leider bleibt auch der Bereich Kultur (im engeren Sinne)/Religion als ideologische Basis der Kriegführung weitgehend ausgeklammert.

Konventionell bleiben die Beiträge ferner in ihrer Fokussierung auf den Krieg als nun einmal gegebene historische Tatsache mit bestimmten technischen Aspekten und politischen Auslösern; dass Krieg in erster Linie ein Verbrechen ist, das Leid, Tod und Schmerz bedeutet, wird genauso wenig betont wie der Umstand, dass Krieg (zumindest bis zum 20. Jahrhundert) ausschließlich Sache von Männern war (hinzuzufügen wäre: eine Sache von Männern, die nicht oder nicht permanent an der Produktion beteiligt waren, weshalb die Geringschätzung von Frauen und Arbeit ein wesentlicher Bestandteil der "Kultur" im gesamten Altertum ist). - Doch das mag man für einen äußerlichen Einwand halten.

Abgesehen von diesen Kritikpunkten gibt das Buch einen ausgezeichneten Überblick mit einer Fülle spannender Details auf dem neuesten Stand der Forschung, der von aussagekräftigem Bildmaterial sinnvoll ergänzt wird. Hiermit sei also eine - nahezu - uneingeschränkte Kaufempfehlung ausgesprochen.


Ein Herz und eine Krone
Ein Herz und eine Krone
DVD ~ Gregory Peck
Preis: EUR 5,99

14 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Verkannte Tragödie ohne Hollywood-Pathos, 8. Februar 2008
Rezension bezieht sich auf: Ein Herz und eine Krone (DVD)
Zur DVD: Die Features sind in vollem Umfang zufriedenstellend: Neben Extrabeiträgen über das Making-of des Films (mit zum Teil raren Aufnahmen, etwa vom Casting der Protagonistin), das Restaurationsverfahren und das Schaffen der Kostümbildnerin Edith Head sowie drei Trailern findet sich eine von sämtlichem "Dirt" bereinigte Fassung des Wyler-Klassikers. Da man diesen "Schmutz" in den zahlreichen TV-Wiederholungen hierzulande immer noch in voller Pracht bestaunen kann, lohnt allein deshalb die Anschaffung der DVD. Der gleichfalls als Kaufmotiv taugende spannende Vergleich der deutschen mit der ursprünglichen Tonfassung ergibt wie so oft gerade bei älteren Filmen, dass die synchronisierte Version das Original noch überbietet. Natürlich sind die Synchronsprecher anders als die Schauspieler eben Sprechspezialisten und daher ihnen gegenüber hinsichtlich der vokalen Ausdrucks- und Variationsmöglichkeiten im Vorteil, aber es ist frappant, wie die deutschen Stimmen zugleich das Timbre ihrer Vorbilder fast perfekt imitieren.

Zum Film: Bei oberflächlicher Betrachtung ergibt sich zweifellos zunächst der Eindruck, es mit dem zu tun zu haben, als das der Film ursprünglich beworben wurde und als was er immer noch kategorisiert wird, nämlich einer "romantischen Komödie", kritisch gewendet, einer heiteren, letztlich belanglosen Schnulze, noch dazu mit einer ideologischen Botschaft: Schöne Prinzessin bricht einen Tag lang aus ihrem goldenen Käfig aus, genießt das Undercoverdasein als Durchschnittsmädchen, verliebt sich und kehrt zwangsweise in ihren glitzernden Kerker zurück, in dem sie nun zumindest selbstbewusster und freier in Bezug auf das starre Korsett der höfischen Konventionen agieren wird. Moral: Im Vergleich zum Elend des Hochadels ist das Leben als Hausfrau doch viel angenehmer (die Welt des Putzens, Nähens und Kochens erscheint Ann in der letzten Szene in Joes Wohnung geradezu als Paradies), also, liebe Zuschauerinnen, seid zufrieden und glücklich damit und denkt nicht daran, dagegen zu revoltieren. - Der wie fast immer dümmliche deutsche Verleihtitel entspricht übrigens völlig dieser Groschenroman-Interpretation.

Sicherlich intendierten die Macher des Films auch nicht mehr; schließlich ging es in erster Linie um einen kommerziellen Erfolg. Dennoch durchbricht der Film in mehrerlei Hinsicht die Hollywood-Usancen und ist deshalb als einer der wenigen "Blockbuster" auch für den überzeugtesten Kritiker des industriellen Films noch perzipierbar: Angeblich um die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht allzu sehr von der Story auf den Schauplatz abzulenken, wurde der Film in Schwarzweiß gedreht, was den damaligen Wahrnehmungsgewohnheiten bereits durchaus widersprach. Scheinbar im Widerspruch dazu, in Wahrheit korrespondierend, bewirkte die Entscheidung, statt im Studio überwiegend vor Ort zu drehen, dass viel unkontrolliertes, "reales" Material in den Film gelangte. Dies in die Nähe des "Neorealismus" zu rücken wäre sicher übertrieben, aber es trägt zur Milderung der Pseudorealität des Hollywoodfilms bei. Dem entspricht der insgesamt unpathetisch-natürliche Stil, den Wyler gerade durch eine äußerst penible Regiearbeit erzielte. Die komödiantischen Elemente sind hingegen oft ins Anarchisch-Slapstickhafte verzerrt (die "Motorrollerjagd" mit den offensichtlichen Doubles; die Massenprügelei im Tanzcafé; Irving, der mit Flüssigkeiten übergossen und vom Stuhl gestürzt wird). Nicht zuletzt sei die Aura der "Authentizität", die von der (belgisch-britischen) Hauptdarstellerin Audrey Hepburn ausgeht, in diesen Zusammenhang gestellt. Ich wüsste keine andere Schauspielerin zu nennen, der man so wenig ansieht, dass sie schauspielert.

Doch was den vermeintlich seichten Film endgültig zu den Sternen katapultiert, ist seine verkannte Tragik, die gerade durch die zuvor evozierte witzig-irenische Stimmung eine desto eindringlichere Wirkung erhält. Ganz bezeichnend ist, dass einer der auf der DVD enthaltenen Trailer über das "happiest picture you've seen in years" zwar das Lächeln von Ann in der Schlussszene vor den Journalisten zeigt, aber abblendet, bevor es sich in einen verzweifelten Ausdruck verwandelt. "Roman Holiday" ist die einzige mir bekannte "romantische Komödie", ja einer der wenigen industriellen Filme überhaupt, mit einem expliziten "Sad End" und ohne Aussicht auf eine Fortsetzung, die daran etwas ändern könnte. Die - kurzen - "Liebesszenen" mit Ann und Joe gehören deshalb zum Ergreifendsten, was die Filmgeschichte zu bieten hat, weil sie vollständig von der Zukunftslosigkeit dieser Liebe und von ihrer negativen Determiniertheit durch die Gefangenschaft von Ann gekennzeichnet sind. Nicht das positive Gefühl der individuellen Zuneigung, sondern die Desperatheit Anns und Joes Mitgefühl dominieren diese Liebe. Kein Lächeln, nur Tränen begleiten ihre Küsse. In keinem Low-Budget-Roadmovie, auch nicht in "Romeo und Julia" ist die Liebe als Ausdruck der Unmöglichkeit der Negation gesellschaftlicher Zwänge besser dargestellt worden als in diesem "wonderful hit movie" (laut Trailer) - eben weil ihr gefällige Nonchalance vorangeht.

Als ganz besonders anrührend - auch wenn die kitschige Musik dem ein wenig Abbruch tut - empfinde ich die Szene mit Ann und Joe im Auto, in der Ann sagt: "Just drive away and leave me as I leave you" (ich weigere mich zu glauben, dass Audrey Hepburns Tränen hier Resultat eines Wutausbruchs von Wyler waren, wie imdb berichtet), und die Sequenz kurz danach, als Joe, offenbar mit einer Rückkunft Anns rechnend, auf ein Klopfen zur Tür seines Zimmers stürzt, wo aber lediglich sein alberner Chef wartet. Auch die Schlussszene vor den Journalisten mit besagter Metamorphose von Anns gequältem Lächeln zu abgrundtiefer Traurigkeit und dazu Joes glänzenden Augen erzwingt die Empathie noch des abgebrühtesten Kritikers des Hollywoodfilms.

"Roman Holiday" erzielt mit einfachsten Mitteln, perfekten Protagonisten und - nicht zu vergessen - einer extrem pedantischen Regie eine Wirkung, die danach von keinem französischen "Amour fou"-Elaborat, keiner deutschen Filmhochschulabschlussarbeit und keinem angelsächsischen Porno je erreicht wurde.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 23, 2015 6:22 PM MEST


Zwischen den Fronten: Erlebte Weltgeschichte
Zwischen den Fronten: Erlebte Weltgeschichte
von Peter Scholl-Latour
  Gebundene Ausgabe

18 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Retrospektion eines konservativen Kritikers westlicher Politik, 20. Januar 2008
"Zwischen den Fronten" ist eine "bunte Folge von 'Essays'" (S. 342) mit dem hauptsächlich auf die USA und Westeuropa bezogenen Leitthema "Brüchigkeit imperialer Anmaßungen (S. 89)", in denen Peter Scholl-Latour in Ermangelung spektakulärer neuer Entwicklungen im wesentlichen frühere Betrachtungen wiederaufgreift und auf den aktuellen Stand bringt. Da er dabei die wichtigsten Thesen und Analysen seines Oeuvres reproduziert, ist das Buch insbesondere für Scholl-Latour-Einsteiger empfehlenswert.

Zum Stil: Er ist wie immer grandios. Scholl-Latours Duktus, den er mit zunehmendem Alter vervollkommnet, wäre als Muster einer Stilkunde für Sachbuchautoren geeignet: Füllwörter, Klischees und Phrasen werden vermieden; die Syntax ist perfekt ausbalanciert; nie stolpert man über umständliche Formulierungen; die absolute Präzision des Ausdrucks wird durch eine unglaubliche Reichhaltigkeit des Vokabulars gewährleistet, die es dem Autor überdies erlaubt, gerade vermeintlich provokative Statements durch eine erlesene Wortwahl scheinbar zu mildern und sie eben dadurch um so überzeugender vorzutragen. Allein der ästhetische Genuß, den der Stil bereitet, lohnt die Lektüre von Scholl-Latours Büchern. Der Anteil des Verlagslektorats dürfte sich dabei in Grenzen halten, wovon man sich anhand von Scholl-Latours gelegentlichen Zitaten eigener früher Zeitungsartikel überzeugen kann.

Zum Inhalt: Angesichts nur wenig geänderter Prozesse in der Weltpolitik innerhalb des letzten Jahres hat Scholl-Latour wie gesagt kaum substantiell Neues zu berichten. Nur seine Ausführungen über das ökonomisch motivierte Engagement Chinas in Afrika, dem er ein im Vergleich zum westlichen "Raubtierkapitalismus" wesentlich geschickteres Vorgehen attestiert, seien hervorgehoben (S. 244 ff.). (Übrigens zeigen seine durchweg kritischen Ausführungen zur Adaption westlicher Massenkultur im Reich der Mitte (S. 204 ff.), dass er dessen kapitalistische Neuorientierung mitsamt dem einhergehenden vermeintlichen "Wohlstand" für die Massen keineswegs positiv bewertet.)

Daher erlaube ich mir einige generelle Anmerkungen zur Bedeutung von Scholl-Latours Schaffen: Als etablierter Journalist und Autor von Bestsellern, der temporär in politischen Ämtern wie auch in Vorstandsposten von Wirtschaftsunternehmen tätig war, gehört Scholl-Latour selbst zur Funktionselite des Westens. Entsprechend wird die westliche, auf "Marktwirtschaft und Demokratie" (in Wahrheit auf selbstzweckhaftem ökonomischem Wachstum) fußende Ordnung nie als solche in Frage gestellt; ohnehin befaßt er sich nirgends abstrakt mit Gesellschaftstheorie, sondern die mosaikartig zusammengestellten "Essays" haben eher "induktiven" Charakter. Doch sein Intellekt und die jahrzehntelange permanente Konfrontation mit der gesellschaftlichen Empirie in nunmehr allen Ländern des Globus führten ihn notwendig, sozusagen aus der Immanenz des Systems heraus, zu einer zumindest indirekten Systemkritik. Seine Schriften sind stets geleitet vom Widerstand gegen Common Sense, Political Correctness und offiziellen Optimismus. Die ideologischen Rechtfertigungen zerstörerischer oder vergeblicher "imperialer" Eingriffe in fremde Kulturen werden konsequent als Camouflage ökonomischer Interessen dekuvriert. Im Bewußtsein der westlichen Massen fixierte Klischees von politischen Ereignissen und Personen werden gnadenlos widerlegt (im vorliegenden Band wird erneut mehrfach die Rolle der USA bei der Errichtung von El Kaida und Taliban skizziert und fast beiläufig auf die Verantwortung von "Publikumslieblingen" wie Kennedy und Clinton für verbrecherische Angriffskriege hingewiesen). Unmittelbare Invektiven gegen den Westen allerdings überläßt er meist geschickt seinen Gewährsleuten (z. B. dem Mudschahedinführer Hekmatyar, S. 300 f.), läßt aber keinen Zweifel, daß er mit ihren Darlegungen zumindest sympathisiert.

Manchmal scheint er kurz vor einer Entzauberung der "demokratischen" Gesellschaft zu stehen, etwa wenn er sich über die Austauschbarkeit politischer Parteiungen in westlichen Staaten und den "Stimmzettelfetischismus" beim Versuch der "Demokratisierung" von Drittweltländern äußert. Doch da er andererseits an die Unveränderlichkeit des Status quo glaubt, schlägt die implizite Kritik an der (vermeintlichen) Demokratie sogar in eine Tendenz zur Glorifizierung autoritärer Herrschaft um: So ist der letzte Abschnitt über "Fragmente des Abendlandes" weitgehend von illusionärem Räsonnement über die mutmaßlichen Absichten der momentanen Staatenlenker, der "großen Männer", geprägt, denen er wohlmeinende Empfehlungen mit auf den Weg geben zu müssen glaubt, zum Beispiel im Hinblick auf eine deutsch-französische Kooperation beim Aufbau einer militärischen "Abschreckung" mit Kernwaffen. Daß derzeit selbst die charismatischsten und fähigsten "Führungspersönlichkeiten" nur Exekutoren ökonomischer Zwänge sind und sein "Vorschlag" deshalb schon an der Nichtfinanzierbarkeit scheitern dürfte, gerät nicht in den Blick, ganz abgesehen von der affirmativen Selbstverständlichkeit, mit der er über Ausgeburten des globalen kollektiven Wahnsinns phantasiert, der in scheinbar nüchternen strategischen Erwägungen zu kommenden nuklearen Auseinandersetzungen liegt. - Unverzeihlich bleibt natürlich Scholl-Latours penetrantes Beharren auf der angeblichen Existenz von menschlichen "Rassen" (S. 37, 55, wo von "gelben Menschenmassen" die Rede ist).

Das Fehlen eines theoretischen Fundaments äußert sich schließlich im meist bloß assoziativen Charakter der zahlreichen historischen Vergleiche und in der Überschätzung der "Dominanz des Sakralen" (S. 188). (Die auf derselben Seite geschilderte türkische Eroberung des Iran um 1500 beweist kurioserweise gerade das Gegenteil, nämlich die "Dominanz des Politischen", die Instrumentalisierung der Religion für machtpolitisch-gesellschaftliche Zwecke, die gerade heutzutage klar auf der Hand liegt.)

Dennoch: Als unermüdlicher Lieferant von empirischem Material für eine radikale Kritik des "Westens" bleibt Scholl-Latour unverzichtbar.


Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform: Die liberale Moderne und die massendemokratische Postmoderne
Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform: Die liberale Moderne und die massendemokratische Postmoderne
von Panajotis Kondylis
  Gebundene Ausgabe

11 von 22 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen "Denkstil"-Ansatz scheitert an Massenkultur, 19. Dezember 2007
Um sich in der populären Diskussion um das Thema Moderne/Postmoderne zu profilieren, unternimmt Kondylis den Versuch, die Entwicklung der Kultur vom 19. bis zum 20. Jahrhundert unter dem Aspekt der polemisch motivierten Änderung von "Denkstilen" nachzuvollziehen. Hierbei knüpft er methodisch an seine Dissertation "Die Entstehung der Dialektik" an, in der er auf der Grundlage zahlreicher sorgfältiger Textanalysen die Herausbildung des "absoluten Idealismus" durch Hölderlin/Schelling im Zuge einer Kritik am traditionellen philosophischen Dualismus, die durch eine auf Einheit und Synthese gerichtete "Grundhaltung" motiviert war, beschreibt.

Was nun in einem immanent geistesgeschichtlichen Kontext zu höchst fruchtbaren Einsichten führte (etwa dass Hegel für die Entstehung der Dialektik so gut wie keine Rolle spielte), erweist sich leider als für die Erkenntnis geschichtlich-gesellschaftlicher Vorgänge untauglich und führt insbesondere bei der Interpretation der Genesis der "Massendemokratie" und der ihr entsprechenden Massenkultur zu bizarren Schlussfolgerungen. Den Kern der Darstellung bildet die These, dass um die vorige Jahrhundertwende die für das Bürgertum kennzeichnende "synthetisch-harmonisierende" Weltsicht durch eine sich aus einer Polemik gegen die bürgerliche "Denk- und Lebensform" speisende "analytisch-kombinatorische" Denkfigur abgelöst worden sei, die sich allmählich in allen gesellschaftlichen und kulturellen Bereichen durchgesetzt habe. Das Verhältnis zwischen Denk- und Lebensform (oder, in der klassischen marxschen Terminologie, von "Bewusstsein und (gesellschaftlichem) Sein") bleibt dabei unreflektiert, aber Kondylis' Ausführungen lassen keinen anderen Schluss zu, als dass er das Denken für primär hält. Dass die Polemik gegen die bürgerliche Weltsicht ihre Basis in gesellschaftlichen Veränderungen hatte, wird immer wieder vage angedeutet oder einfach vorausgesetzt (s. S. 180), aber nicht ausdrücklich thematisiert. Somit bleibt der Ursprung jener Ablösung einer "Denkfigur" durch eine andere, also das eigentlich Interessante, im Dunkeln. Die Veränderung des Denkens wird tautologisch aus der Veränderung des Denkens "abgeleitet".

Resultat ist eine ausschließlich deskriptive geistesgeschichtliche Darstellung des Übergangs vom bürgerlichen zum modernen "Denkstil" in den verschiedenen Bereichen der Kultur (Kunst, Wissenschaft und Philosophie), wobei der Anspruch, alles auf das Gegensatzpaar "synthetisch-harmonisierend" vs. "analytisch-kombinatorisch" zu reduzieren, notwendig zu drastischen Verallgemeinerungen und gravierenden Fehlurteilen führt. Signifikant ist, dass im gesamten Buch (ganz im Unterschied zu Kondylis' Dissertation und auch seiner Habilitationsschrift über "Die Aufklärung") nicht eine einzige Quelle zitiert, nicht ein Kunstwerk erwähnt, ja nicht einmal ein Name genannt wird. Argumentationslücken werden in großem Ausmaß durch sprachliche Tricks wie die Verwendung von unverbindlich-relativierenden Wörtern wie "oder", "bzw.", vor allem", "zum Teil", "oft", "usw." gestopft.

Inhaltlich zwingt Kondylis sein zweigliedriges "Prokrustesbett" nun zu einer völlig absurden Konsequenz, die seine gesamte Darstellung desavouiert, nämlich zu einer Identifikation der Form der modernen Kunst mit der Form der Massenkultur und der Motive der von ihm so apostrophierten "Kulturrevolution der 60er und 70er Jahre" mit der "Denk- und Lebensform" der "Massendemokratie". Den gemeinsamen Nenner, auf dem diese Identifikation beruht, bilden der ganz abstrakte, letztlich nur negativ fassbare Begriff der "Analyse" (Auflösung der Synthese) und der ebenso rein formale Begriff der "freien Kombinatorik" (der durch die Analyse erzeugten Elemente), worunter dann völlig heterogene Erscheinungen wie etwa serielle Musik und Schnitttechnik im (massenkulturellen) Film oder "sexuelle Freiheit" (von der "Kulturrevolution" propagiert) und "Wertpluralismus" sowie "Mobilität" (als Charakteristika der "Massendemokratie") subsumiert werden können.

An konkreten Beispielen für die Übereinstimmung von moderner Kunst und Massenkultur fallen ihm nur die frühe Werbung (das wäre im Einzelnen zu untersuchen) und die Pop Art ein, wobei an einer ganz bezeichnenden, den Aberwitz der Argumentation entlarvenden Stelle von "Pop Art bzw. (!) Popkultur" (S. 241) die Rede ist. Dass es sich bei der Pop Art gerade um eine kritische Reflexion der Popkultur handelt, gerät nicht in den Blick. Der "synthetische", autoritäre Gehalt der Massenkultur, der ihren Gegensatz zur modernen Kunst ausmacht, wird nicht erkannt; Kondylis hat von beidem nichts begriffen, was sich übrigens auch in der Rede von einigen angeblichen "qualitativ hohen und höchsten Leistungen" (S. 250) in der modernen Kunst artikuliert, die eindeutig auf Banausentum hinweist.

Auf ebenso groteske Weise wird komplett unterschlagen, dass gerade die intellektuellen Protagonisten der "Kulturrevolution" (die Vertreter der Frankfurter Schule) die schärfsten Kritiker von Massenkultur und "Massendemokratie" waren und sich die 68er-Bewegung eben gegen "hedonistischen Konsumfetischismus" richtete. Kondylis macht stattdessen die moderne Kunst und die 68er geradezu verantwortlich für den mit der Etablierung der "Massengesellschaft" verbundenen kulturellen Niedergang.

Eine Wertung des Übergangs zur Moderne vermeidet Kondylis, doch ist das ganze Buch von einer unterschwelligen Antipathie gegen die (vermeintliche) "fröhliche Beliebigkeit" durchzogen, die er gleichermaßen in moderner Kunst, postmoderner Philosophie und Massenkultur zu entdecken glaubt. Seine "Grundhaltung" als frustrierter Reaktionär, der sein Leben mit der Lektüre langweiliger Bücher vergeudet hat, statt postmodernem Hedonismus zu frönen, sein Hass aufs Unverstandene kommt wie für Intellektuelle üblich beim Thema Sex ans Licht: Auf S. 219 werden die Frauen der "massendemokratischen Epoche" unverblümt als "kleine Nutten" denunziert.

Um es "polemisch" zu formulieren: In dem Buch erfährt man nicht viel über die Wirklichkeit, aber einiges über die Probleme des Autors, sich allein auf der Basis des Lesens philosophischer Texte in der Realität zu orientieren. Dass sich der Akademie Verlag zu einer Neuauflage dieses überflüssigen Buches entschlossen hat, ist somit nur mit dem absatzverheißenden Titel und dem (einst verdientermaßen guten) Namen des Autors zu erklären.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 3, 2010 5:12 PM MEST


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