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Beiträge von A. Humphreys
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Rezensionen verfasst von
A. Humphreys "abeuerma"
(REAL NAME)   

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Einer von uns: Roman
Einer von uns: Roman
von Ralph Gehrke
  Broschiert
Preis: EUR 12,50

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Abrechnung mit der Familie ... und mit sich selbst, 1. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Einer von uns: Roman (Broschiert)
Im Rahmen einer Autorenlesung wurde ich auf dieses Buch aufmerksam, das der anwesende Verlagsleiter des Geest-Verlags als "äußerst bewegendes" Werk anpries, welches "unbedingt in die Hände suizidgefährdeter Jugendlicher" gehöre. Meine Eindrücke sind vor dem Hintergrund dieser Aussage gemischt. Auch literarisch hat mich dieser "Roman" nur in den Schlussabschnitten überzeugt. Ich persönlich würde die Ausführungen des ich-Erzählers eher als eine Selbstreflektion bezeichnen, in welcher er nach Gründen und Ursachen für den Freitod des eigenen Bruders, der mehr als 20 Jahre zurückliegt, sucht und diese im familiären Umfeld auch findet.
Äußerst subjektiv zeichnet der Erzähler ihm (vor dem Hintergrund des Suizids) bedeutend vorkommende Episoden aus dem Leben seines verstorbenen jüngeren Bruders nach und geht dabei mit sich selbst wie vor allem mit seiner Familie hart ins Gericht. Nachvollziehbar macht er deutlich, wie diese die Leiden ihres gesellschaftlich durch seine Krankheit ohnehin isolierten Familienmitglieds immer wieder verstärkt, sei es aus Bequemlichkeit, Egoismus, sozioideologischer Verblendung oder schlicht aus Überforderung mit dem Krankheitssymptomen, anstatt ihn sowie seine Krankeit als solche anzunehmen und ihn dabei zu unterstützen, mit dieser Krankheit leben zu können.
Die Tragik sowie die nachvollziehbar skizzierte Aussichtslosigkeit der Situation des Suizidopfers am Ende dessen Lebens lassen einen diesen Roman, der auch eine Parabel für die verheerenden Folgen der Verdrängung von Problemen ist, nicht so schnell vergessen. In die Hand suizidgefährdeter Jugendlicher sollte dieser Roman jedoch aus meiner Sicht auf gar keinen Fall gelangen, eher schon in die Hand von deren betroffenen Familienangehörigen, die es lernen müssen, mit einem manisch-depressiven Familienmitglied tabulos so umzugehen, dass sie selbst nicht von den entsprechenden Begleitumständen überfordert sind, damit sie dem Erkrankten den lebensnotwendigen Halt geben können, anstatt ihn durch unbedachten Aktionismus weiter in Richtung Abgrund zu stürzen.


Neues vom Räuber Hotzenplotz (Bd. 2 koloriert)
Neues vom Räuber Hotzenplotz (Bd. 2 koloriert)
von Otfried Preußler
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,99

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Eine Fortsetzung auf Augenhöhe, 12. Oktober 2013
"Hotzenplotz" ist, Herrn Preußler sei tausend Dank, auch in Zeiten, da Prinzessin Lillifee, Spongebob und Bob der Baumeister die kindliche Fantasie auszurotten drohen, eine Kultfigur. Die in der Tradition des Kasperletheaters stehende Geschichte um den verschrobenen Räuber ist schlichtweg genial erfunden: wer sie einmal liest, trägt sie auf ewig im Herzen.
Die Gefahr bei gelungenen Romanerstlingen liegt allzu oft darin, dass raffgierige Verleger nach Fortsetzungen schreien, die dann das Niveau der Vorgänger häufig nicht erreichen. Keine Angst: Dies ist bei Otfried Preußler nicht der Fall. Zunächst hat Preußler die Fortsetzung seiner Geschichte auf ausdrücklichen Wunsch seiner Leserschaft (..., welcher er im Vorwort von Band 3 auch dezidiert weitere Fortsetzungen versagt) hin verfasst (anstatt aus rein kommerziellen Gründen), weiterhin ist Teil 2 der Hotzenplotz-Trilogie auch in literarischer Güte dem ersten Teil nahezu ebenbürtig. Man verfolgt das Katz- und Maus-Spiel des bekannten Figureninventars genauso gespannt wie in Band 1, wobei es Preußler wieder mühelos gelingt, dass man sich über jede einzelne Figur einerseits lustig macht, sie andererseits aber auch unwiderruflich ins Herz schließt, weil sie so herrlich menschlich ist. An die Stelle des Bösewichts Zwackelmann treten in der Fortsetzung die schrullige Hellseherin Witwe Schlotterbeck und ihr "Dackel" Wasti, die als gesellschaftliche Außenseiter auf der Seite der "Guten" stehen und wesentlich dazu beitragen, dass der Räuber am Ende seine verdiente Strafe erfährt.

Die Sprache, die Preußler im Jahre 1969, als Deutschland noch eine stärker von Schrift als von Bildern geprägte Gesellschaft war, gebrauchte, mag in manch erwachsenen, hochdeutschen Vorleser, der seinem Kind ansonsten nur "Leo Lesemaus" zumutet, die Befürchtung aufkeimen lassen, sein/ihr Kind könne überfordert werden. Diese Angst ist aus meiner Sicht aber unberechtigt: Worte wie "Zwicker" und "Schwammerl" wird der Nachwuchs leicht im Kontext erschließen, Stiefelknecht, Schnurrbartwichse und Nudelbrett sind für den Geschichtsverlauf völlig unerheblich, und was den Hotzenplotzschen Schnupftabak angeht, so geht auch von diesem keinerlei Gefahr für die junge Leserschaft aus. Vielleicht stellt sich ja bei manch jungen Leserinnen und Lesern gar ein ähnlich wunderliches Phänomen ein wie bei meinem Sohn, der seit der Hotzenplotz-Lektüre plötzlich das Präteritum nahezu perfekt beherrscht ...


Chicism
Chicism
Wird angeboten von KundKNewMedia
Preis: EUR 8,79

5.0 von 5 Sternen Nichts verlernt!, 10. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Chicism (Audio CD)
Als Anfang der 1990er-Jahre die Single "Chic Mystique" veröffentlicht wurde erschien sie wie aus der Zeit gefallen, hatte der technoide Dancefloor Deutschland damals doch fest in der Hand: Maschinen- statt Handarbeit war im musikalischen Mainstream angesagt. Vielleicht fiel die Resonanz auf das Comeback der Groove-Master des 70er-Jahre-Disco-Pops auch deshalb eher bescheiden aus (in Deutschland reichte es immerhin noch zu einer TOP 100-Platzierung). Dabei hätte "Chicism" weitaus mehr Beachtung verdient gehabt, hatten Nile Rodgers und Bernard Edwards, die kreative Keimzelle Chics, doch nichts von dem eingebüßt, was sie Ende der 1970er-Jahre in Perfektion beherrschten: absolut groovende, großartig arrangierte Dancemusic, bei welcher die Beine fast automatisch loszappeln. Trotz eines zeitgemäßen Soundupdates sind es auch 1992 noch Edwards'groovy Basslines gepaart mit Rodgers' charakteristischem, furztrockenen Funky-Gitarrensound, welche den "Chic groove" nachhaltig prägen und dessen Gütesiegel sind. Hinzu kommen Sängerinnen, die völlig ohne elektronische Hilfsmittel punkt- und intonationsgenau ihren Senf zum funky stuff hinzugeben. Ach ja, STREICHER (sic!) und handgespielte Drums gibt's natürlich auch noch obendrauf, sonst wären Chic nicht Chic.
Kurz: An der musikalischen Umsetzung hat es absolut nicht gelegen, dass diese Platte kommerziell nicht an verkaufstechnische Triumphe wie "Le Freak" oder "Good Times" anknüpfen konnte. Dem unvoreingenommenen Hörer sei sie daher nachdrücklich empfohlen: Allein ob der ersten beiden Tracks (die seinerzeit auch als Singles ausgekoppelt worden sind) sollte man das Album in seinem Plattenschrank haben. Und keine Angst: Chic sind sich 1992 auch in einem weiteren Punkt treu geblieben: Die musikalische Qualität ist auf dem gesamten Album durchgehend hoch. Langeweile kommt schon deshalb nicht auf, weil Chic nicht nur musikalisch, sondern auch stilistisch versiert sind: Balladen performen sie genauso souverän wie ihre Dance-Knaller.
Abschließend noch ein Tipp für Chic-Einsteiger: Bitte nicht auf die zahlreichen "Best of"-Veröffentlichungen zurückgreifen sondern erst mal in ein beliebiges Chic-Album reinhören...und bei Gefallen gleich alle Originalalben (inklusive diesem hier) im Gesamtpaket kaufen, damit einem nichts von dieser Qualitätsmusik entgeht!


Der vierzehnte Stein: Kriminalroman (Kommissar Adamsberg ermittelt, Band 5)
Der vierzehnte Stein: Kriminalroman (Kommissar Adamsberg ermittelt, Band 5)
von Fred Vargas
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Bekehrt!, 1. Oktober 2013
Fred Vargas gilt seit mehr als einem guten Jahrzehnt als DIE Krimiautorin schlechthin...und sie ist ein Liebling des gehobenen Feuilletons. Jahrelang stieß ich als Romanist immer wieder auf diesen Namen und war ob des medialen Hypes um die französische Archäologin eher misstrauisch. Ein Vargas-Kurzgeschichtenband fiel mir eher gezwungenermaßen in die Hände, den ich anriss und - einigermaßen verwirrt, denn was ich da las entsprach so gar nicht dessen, was ich bis dahin mit Krimis verband - relativ bald darauf wieder weglegte.
13 Jahre vergingen, ohne dass ich einen erwähnenswerten Gedanken an Fred Vargas - mittlerweile mit Literaturpreisen überhäuft - verwendet hätte, und plötzlich tauchte in einem Bücherregal einer öffentlichen Bibliothek dieses Cover mit dem Dreizack vor mir auf. Das Cover allein war nichts Besonderes, es hätte jeglichen Lokalkrimi zieren können. Aber dazu der Titel "Der vierzehnte Stein"...
Meine Neugierde war geweckt, und ich tauchte kurz darauf erstmals "richtig" ins "Vargas-Universum" ein.

Drei Tage später bin ich nach stundenlanger Lektüre und wenig Schlaf elektrisiert...und bekehrt, hat dieses Buch doch weit mehr als nur die üblichen Zutaten eines gut geschriebenen Krimis zu bieten.
Das genial konstruierte, absolut fesselnde Handlungsgeflecht voller verschrobener, zutiefst menschlicher und ohne Ausnahme faszinierender Figuren allein verdient schon 5 Sterne. Aber was dieses Buch darüber hinaus literarisch besonders wertvoll macht ist die poetisch-symbolistische Veredelung dieser Handlung, die bildliche Sprache der Autorin, welche die Gedankenwelt des Protagonisten Adamsberg prägt, der in diesem Roman von einem totgeglaubten Dämon seiner Kindheit heimgesucht und von diesem bis an den äußersten Rand seiner Existenz getrieben wird.
Nachdem sich die Autorin viel Zeit lässt, bevor die Handlung so richtig Fahrt aufnimmt (Adamsbergs Rückkehr nach Québec), fiebert und leidet man mit Adamsberg mit, der durch die alles verderbende, allzeit bedrohliche Macht des unbesiegbaren Übermenschen Fulgence immer stärker in die Isolation und Verzweiflung getrieben wird. Einzig drei (zunächst scheinbar machtlose) Verbündete bleiben Adamsberg gegen Ende des Romans, um wieder in sein Leben zurückzufinden, und man kann sich als Leser bis zuletzt nicht sicher sein, ob ihm das gelingen wird...

Allen "ungläubigen" Krimilesern sei dieses Buch nachdrücklich von einem "Bekehrten" ans Herz gelegt. Mir persönlich ist es nach dieser Lektüre jedenfalls unmöglich, Fred Vargas weiterhin zu ignorieren.


Landgericht: Ein Münsterland-Krimi (Münsterland-Krimis, Band 27271)
Landgericht: Ein Münsterland-Krimi (Münsterland-Krimis, Band 27271)
von Stefan Holtkötter
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein perfekter Kriminalroman, 24. August 2013
Stefan Holtkötter gelingt mit "Landgericht" das, was beileibe nicht alle Autoren des kriminalistischen Genres schaffen: mit jedem Roman immer besser zu werden.
Dieser Roman hat alles, was einen Krimi lesenswert macht: Eine aus dem Leben gegriffene Story, einen vielschichtigen Plot, Figuren, mit denen man sich identifiziert und über die man immer mehr wissen will, je länger man den Roman liest - vor allem aber: einen über mehrere Romane perfektionierten Erzählstil, der die bisherigen Romane des Autors überragt.
Aufhänger des Romans ist ein Delikt, der einer realen Begebenheit auf einem S-Bahnhof in der Münchner Vorstadt zu ähneln scheint. Was anfangs wie ein sinnloser Mord aussieht entpuppt sich letzten Endes auch als ein solcher; vorher jedoch wird der Leser durch einen ständigen, schlüssig miteinander verknüpften Perspektivenwechsel in das Universum des Mordopfers, dessen Familie und auch in das des ermittelnden Kommissars Hambrock hineingesogen, ohne dass er sich diesem Sog entziehen könnte. Der Spannungsbogen wird durch das virtuose Spiel des Autors mit falschen Fährten, Hoffnungen, Erwartungen und, das war immer schon seine Stärke, durch die glaubwürdigen Figuren durchgängig so konstruiert, dass es fast unmöglich ist, das Buch zur Seite zu legen, ehe man nicht die letzte der gut 300 Seiten verschlungen hat.
Das besondere Etwas dieses Romans ist der Handlungsstrang des bereits im ersten Kapitel zu Tode kommenden Protagonisten Marius, dem verwöhnten, orientierungslosen Kronsohn eines tyrannischen Familienpatriarchen, welcher - entgegen jeglichen gesungen Menschenverstandes - in seinem ältesten männlichen Sprössling die Zukunft des vom Vater zu Ruhm und Ehre geführten Familienbetriebs sieht. Dieser Handlungsstrang springt von der scheinbar vollständigen Schilderung der Mordtat in die mittelbare Vergangenheit des Protagonisten und nähert sich in der Folge etappenweise dem verhängnisvollen Abend, an dem dessen Leben ein Ende haben wird. Dabei blickt man als Leser hinter die Fassade einer mittelständischen Unternehmerfamilie und entdeckt ein düsteres Universum aus Standesdünkel, Konventionen, Unterwerfung, Zwietracht, Neid, emotionaler Verwahrlosung und allzu menschlicher Schwäche. Jeder in dieser Familie ist zugleich ein Opfer wie auch ein Täter - und trotz verschiedener Ausbruchsversuche aus diesem vom Patriarchen despotisch kontrollierten Mikrokosmos entkommt keines der Familienmitglieder der Rolle, die ihm oder ihr in diesem Universum zugedacht ist. Das macht die besondere Tragik des Romans aus und ist auch das Verhängnis des Protagonisten und dessen mulattischer Freundin.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, um den geneigten Lesern nicht die Freude an dieser Lektüre zu verderben. Aber eine uneingeschränkte Leseempfehlung möchte ich abschließend noch aussprechen dürfen!


Delta Machine (Deluxe Edition)
Delta Machine (Deluxe Edition)
Preis: EUR 10,99

8 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ghost in the machine, 17. August 2013
Rezension bezieht sich auf: Delta Machine (Deluxe Edition) (Audio CD)
Braucht die Welt eine weitere Kritik zu diesem Album? - Ehrlich gesagt: NEIN. Bei nahezu 500 Rezensionen zum vorliegenden Opus von Depeche Mode ist [fast] alles gesagt. Braucht die Welt ein weiteres DM-Album? - Nachdem ich über mehrere Wochen hinweg vergeblich versucht habe, mir dieses Album schöner zu hören als es zunächst auf mich wirkte, ziehe ich zumindest mein persönliches Fazit: NEIN.

Dabei ist nicht alles an diesem Album ähnlich missraten wie auf dem Vorgänger "Sounds of the Universe": Die Idee, eines, wie es Dave Gahan wortwörtlich im Interview bezeichnete, "electronic blues record" gefällt mir - und der Name "Delta Machine" für eine solche Platte ist originell: Delta Blues meets the man machine. Dave Gahans Stimme passt perfekt zu einem solchen Konzept und wertet das mäßige Album allein dadurch enorm auf. Martin Gore beweist auf der vorliegenden Platte indessen, dass seine kompositorische Flamme noch nicht völlig erloschen ist, was insbesondere die ersten drei Tracks des Albums, "Slow", "Soothe my soul" und (mit Einschränkungen) "The Child inside" andeuten.

Trotzdem bin ich vom klanglichen Ergebnis des vorliegenden Albums insgesamt doch ziemlich enttäuscht, weil handwerkliche, und, ja, auch musikalische Defizite auf diesem Werk unüberhörbar sind.
Vielen Songs fehlt der so wichtige "Flow" und "Drive": Zäh wie Kaugummi ziehen sie sich in die Länge (z. B. My little Universe, Broken), und wenn es an einer Stelle mal richtig "groovt" wie in der Bridge von "Welcome to my world", so dauert dieser Glückszustand auf diesem Album nicht lange an, weil die fast durchgängig eine Spur zu langsamen Beats einfach jeglichen Drive vermissen lassen - siehe "Sounds of the Universe".
Am Song "Angel" lässt sich dies am besten verdeutlichen: Dessen Lyrics, kompositorische Anlage (Kontrast "bluesig - souliger A-Teil versus flächigem, entspannten B-Teil) sowie Dave Gahans Stimme überzeugen zwar, doch werden diese guten Ansätze im zweiten Teil des Songs durch eine fast irrsinnige Drumprogrammierung völlig zunichte gemacht. Der bewusst konträr gegen den Gesangsduktus gesetzte Maschinen-Beat soll da (in der Theorie) eine Spannung erzeugen, die sich im B-Teil in Wohlgefallen auflöst (siehe Lyrics). Da der fortissimo-Beat aber jeglicher Akzentuierung entbehrt, während Dave Gahan im Blues-Shuffle weiter gegen die "Machine" ansingen muss, kommt dem Song jeglicher Flow und Drive abhanden. Diese Beat-Programmierung wirkt auf mich bemüht "gewollt", ist aber schlichtweg nicht gekonnt - "Ghost in the machine"! Mit einem elektoerprobten Studiodrummer als Gastmusiker wäre ein solcher musikalischer Lapsus möglicherweise vermeidbar gewesen, doch dafür waren die drei gesetzten Herren von DM schon auf dem letzten Opus offenbar zu eitel und selbstverliebt, redeten sie seit 2001 in Interviews und Pressekonferenzen nach nahezu jeder Veröffentlichung eines neuen DM-Werks doch stets vom "bisher besten Album, das wir je gemacht haben".
Dabei kann sich jeder Hörer beim Durchhören von "Personal Jesus" (1990) gerne vergegenwärtigen, dass DM einst durchaus in der Lage waren, Blue Notes und treibende Elektrobeats stimmig, ja sogar mitreißend zusammenzubringen, ohne dass man die klanglichen Ergebnisse hätte schönreden müssen.

Martin Gores Stimmkraft hat im Laufe der Jahre offenbar ebenso gelitten wie dessen Fähigkeit zu einem realistischen musikalischen Selbsturteil: Sie ist nunmehr von einem unsäglichen Altherrenvibrato gekennzeichnet, das er in "The Child inside" noch ganz pathetisch zu betonen versucht, damit es so wirkt, als sei dieses Vibrato nicht ein untrügliches Kennzeichen des natürlichen körperlichen Alterungsprozesses, sondern bewusster künstlerischer Ausdruckswille - Udo Jürgens lässt freundlich grüßen. Bei manch eingefleischten DM-Fans mag dieses Täuschungsmanöver noch Gänsehaut-Feeling erzeugen; mir persönlich sträuben sich die Nackenhaare angesichts dieser stimmlichen Performance eher aus Gründen des Fremdschämens.

Was darf man nach dieser Platte für die Zukunft von DM noch erwarten? Weitere musikalisch durchschnittliche Ware, die von den vielen glühenden DM-Verehrern in zahlreichen Rezensionen hagiographisch schöngeredet wird? Nur noch teilweise ausverkaufte Arenen, weil sich immer mehr altgediente DM-Fans enttäuscht abwenden und lieber im stillen Kämmerlein oder bei den legendären DM-Partys die alten Songs der 80er und 90er-Jahre auflegen? Oder doch noch das Wunder der musikalischen Wiedergeburt?
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich aber ziehe nach dieser Platte meine persönliche Schlussfolgerung: Mögen die Herren Fletcher, Gore und Gahan im Anschluss an die Tour 2013/14 ihren verdienten Ruhestand antreten und sich weiter in dem Ruhm sonnen, den sie sich ZURECHT in den 1980er und insbesondere den 1990er-Jahren erworben haben. Aber mit jeder weiteren Platte die Rente aufzubessern und ihren Ruf weiter und nachhaltiger zu schädigen ist in meinen Augen keine Lösung.


Er ist wieder da: Der Roman
Er ist wieder da: Der Roman
von Timur Vermes
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,33

4 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Eine Parabel des omnipräsenten medialen Stumpfsinns, 30. Januar 2013
Was würde Der Führer wohl über das Deutschland des 21. Jahrhunderts denken...
Eine sicherlich nicht eben originelle Frage. Wenn der GFAZ durch wundersame Weise unbemerkt als einfacher Soldat, jedoch mit all der historisch angesammelten Last wiederaufersteht und am Ende des Buchs mit seinen alten Parolen zum Grimmepreisträger, Medienstar und Märtyrer mutiert, den so ziemlich sämtliche gegenwärtige Parteien (mit Ausnahme der NPD!) gern in ihren Reihen sähen, ist dem Autor die Aufmerksamkeit einer kaufinteressierten Öffentlichkeit bereits beim Lesen des Klappentexts gewiss.

Der Autor profitiert dabei von der scheinbar immer noch faszinierenden Aura des personifizierten Bösen, die heute gemeinhin den Begriff Adolf Hitler umgibt. Timur Vermes macht sich diese zunutze, um eine verkappte Gesellschaftskritik auf seine Leser loszulassen, die ohne Rückgriff auf die Figur Hitler als Protagonist keine Erträge bringt, die den meisten Lesern nicht schon hinlänglich bekannt wären: kulinarische, komödiantische Talk-TV-Massenverdummung, hirnlose Tweets, Blogs und „like“-buttons, Shitstorms, öffentliche Trinkgelage sowie eine allgemeine Gier nach Aufmerksamkeit und die damit verbundene Manipulierbarkeit der Massen werden ziemlich offensichtlich angeprangert. Dies als solches macht noch keinen guten Roman – aber ein blutleeres, effekthaschendes Pamphlet gegen den Stumpfsinn ist Timur Vermes Romanerstling auch nicht.

Raffiniert ist die Art und Weise wie Vermes das Dargestellte durch die Augen seines Protagonisten spiegelt. Mit Hitler verbindet ein durchschnittlicher Leser alles außer Humor. Dennoch ertappt man sich beim Lesen des Romans immer wieder dabei, wie man nicht nur über Hitlers skurrile Beschreibungen des gegenwärtigen Deutschlands lacht, sondern immer wieder auch mit ihm: Sehr amüsant sind insbesondere die ersten Episoden des Romans, in denen Hitler auf den Straßen des heutigen Berlin Fuß fassen muss: Die Absurdität der Situation, in der er sich selbst befindet, korreliert hier mit der Absurdität der vielen Erscheinungsaspekte des modernen Deutschlands, woraus mehrfach gelungene Situationskomik entsteht.
Dennoch ist es fast schon beängstigend, wie es der Figur Hitler trotz seiner altbekannten Kampfesrhetorik nicht nur im Roman gelingt, Millionen Follower bei Youtube für sich zu gewinnen und selbst die Bildzeitung kaltzustellen, sondern auch beim Leser trotz dessen besseren Wissens so etwas wie Empathie zu erzeugen. Genau das ist der Gänsehautfaktor beim Lesen dieses Buchs. Von einer "Banalität des Bösen" kann in diesem Falle nicht die Rede sein, münden zahlreiche Beobachtungen der Figur Hitler trotz deren ideologischer Verblendung und skurriler Rückbezüge auf das frühe 20. Jahrhundert doch mehrmals in erschreckend messerscharfen Schlussfolgerungen, die klar aufzeigen, wie bedrohlich der Mehltau des omnipräsenten medialen Stumpfsinns für eine vermeintlich demokratische Gesellschaft tatsächlich ist.

Darum kann ich mich Denis Schecks Totalverriss dieses Werks nicht anschließen. Aufgrund des teilweise ein wenig zu hohen Moralinpegels des Buchs sowie der Tatsache, dass sich dessen Autor und Verlag der Medienöffentlichkeit in einer Weise anbiedern, die sie im vorliegenden Roman selbst verurteilen, vergebe ich lediglich vier Sterne.


Bullenball: Ein Münsterland-Krimi (Münsterland-Krimis, Band 25954)
Bullenball: Ein Münsterland-Krimi (Münsterland-Krimis, Band 25954)
von Stefan Holtkötter
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein fesselnder, gut geschriebener Kriminalroman, 3. Mai 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
"Bullenball", das neueste Werk Stefan Holtkötters, halte ich neben dem Vorgängerroman "Bauernjagd" für ein Highlight in seinem bisherigen Schaffen. Stefan Holtkötter hat sich im Laufe der Jahre zu einem der erfolgreichsten Autoren im "Münsterlandkrimi"-Genre entwickelt. Dieser Erfolg hat mehrere Gründe. Zunächst hat Holtkötter in den vergangenen Jahren kontinuierlich seinen Erzählstil perfektioniert, so dass es ihm mittlerweile fast spielerisch gelingt, den Leser schon früh zu fesseln und die Spannungsbögen so überzeugend zu konstruieren, dass es einem kaum gelingt, sein neuestes Buch aus der Hand zu legen, ehe die letzte Seite verschlungen worden ist. Seine eigentliche Stärke, und vielleicht das Geheimnis seines Erfolgs, liegt aber in der Anlage sowie vor allem in der Präsentation seiner authentischen Figuren. Die Sozialisation des Autors, der im Münsterland aufwuchs, seine Zelte dort abbrach und nach Berlin zog, wo er sich zunächst mit Thekenjobs über Wasser hielt und heute als Sozialarbeiter arbeitet, trägt wohl entscheidend zu dieser Authentizität bei: Mit viel Empathie aber auch mit der nötigen Distanz weiß Holtkötter die innere Gefühlslage seiner Figuren in ihrem sozialen Umfeld nachvollziehbar zu skizzieren,ohne dabei auf Klischees oder Plattitüden zurückzugreifen. Er hat ein sehr genaues Gespür für die typisch "münsterländischen" Befindlichkeiten seiner Figuren und deren Zusammenleben, Wertvorstellungen, Sorgen und Sehnsüchte.
Diese Stärke des Autors spielt er in "Bullenball" voll aus, indem er sich dieses Mal nicht so sehr auf die in den vorherigen Werken bereits hinreichend genau ausgeleuchtete Psyche seines Inspektors Hambrock sondern auf die der Mitglieder der Brooker "Jazzband" konzentriert: Da sind die harmoniesüchtige Jule, die zu spät ihre wahren Gefühle erkennt und diese immer wieder zugunsten einer vermeintlich "heilen Welt" unterdrückt, die vordergründig angepasste "Uli", die zu spät erkennt, wie wichtig ihr die Beziehung zu ihrem Bruder Ben eigentlich ist sowie insbesondere die vielschichtige Marie, die einen permanenten inneren Kampf zwischen gesellschaftlicher Anpassung und ihren inneren Sehnsüchten austragen muss. Immer wieder verpasst Marie ob der äußeren Umstände den "richtigen" Zeitpunkt, sich offen zu ihren tatsächlichen Gefühlen zu bekennen. Erst auf dem "Bullenball" fällt Marie im Bruchteil einer Sekunde eine folgenschwere Entscheidung, die ihr gesamtes Leben (und das ihres Umfelds) unwiderruflich verändert und ihr eine lebenslange Last auferlegt, von der es bewusst unklar bleibt, ob sie diese wird (er)tragen können.
Besonders gelungen ist neben der Darstellung Maries die Darstellung der gesellschaftlichen Außenseiter Niklas, Ben, Marlon sowie insbesondere Adelheid. Hier werden die Abgründe des (nicht nur typisch "münsterländischen") (Landjugend)lebens deutlich, die jede der einzelnen Figuren zunächst in eine Art innere Emigration, schließlich aber zu für sie selbst und für ihre Umwelt folgenschweren Konsequenzen treiben.
Die Motive, welche diese Figuren im Roman jeweils auf ihre eigene Weise "eskalieren" lassen, musste der Autor wahrscheinlich weder in Internetforen noch in einschlägiger Fachliteratur recherchieren: Es ist, wie gesagt, die Sozialisation des Autors selbst, die hier eine gewisse Rolle gespielt haben dürfte, und es ist sein Verdienst, dass der Roman (im Gegensatz zu vielen anderen, auch literarischen Werken über Amokläufe) sich an keiner Stelle aus der durchweg neutralen Perspektive entfernt oder gar den moralischen Zeigefinger erhebt.

Fazit: "Bullenball" ist ein lesenswerter, weil gut geschriebener, spannender und in der Ausarbeitung seiner Figuren und deren Beziehungen zueinander besonders gelungener "münsterländischer" Kriminalroman zum Thema Amoklauf.

Es bleibt zu hoffen, dass Stefan Holtkötter weitere ähnlich gelungene Werke veröffentlichen wird, ohne sich dabei zu wiederholen. Vielleicht lanciert er zunächst einmal einen Wettbewerb unter seinen Lesern nach dem Motto: "Wer schreibt die beste Fortsetzung zu 'Bullenball'?" Das Ende des vorliegenden Romans böte hierzu Gelegenheit...


Lenin und die Hühner: Roman
Lenin und die Hühner: Roman
von Olaf Satzer
  Broschiert
Preis: EUR 11,00

4.0 von 5 Sternen Eine unterhaltsame Lektüre, 1. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Lenin und die Hühner: Roman (Broschiert)
Ich habe dieses Buch von einem Freund geschenkt bekommen, und obwohl mich der Titel eher abschreckte als zum Schmökern einlud, habe ich es innerhalb von drei Tagen interessiert durchgelesen; ein Indiz dafür, dass mir das Buch gefallen hat und es für mich eine leichte und unterhaltsame Lektüre darstellte.
Es gelingt dem Autor in dieser Erzählung, seine ganz persönlichen Wahrnehmungen der Personen und Landschaften, auf die er in diesem Buch trifft, präzise und durchaus humorvoll darzustellen: Die Portraits der Eltern des Protagonisten sowie der Figuren Natascha, Mila und "Walodja Musiker" gelingen ebenso gut wie die Schilderungen der Atmosphäre im Bremerhavener "Yesterday" (als ex-Bremerhavener teile ich diese sehr persönliche Wahrnehmung) und im russischen Dorf, das der Ich-Erzähler knapp drei Wochen lang besucht. Als Leser bin ich gern in diese Wahrnehmungswelt eingetaucht und habe dank des lockeren, aber nie lapidaren Erzählstils während der Lektüre auch nicht den Willen verspürt, aus dieser Welt wieder aufzutauchen.
Dennoch ist dieses Buch für mich kein Roman sondern ein romanesker Reisebericht einer abenteuerlichen und für durchschnittliche Abendländer sicher ungewöhnlichen Reise. Für einen Roman endet die Erzählung ziemlich abrupt, wo sie zu Beginn durchaus romanesk beginnt, indem der Autor von seinem "ex-Leben" und einiger damit verbundener Personen vor Reiseantritt erzählt und seine Ausführungen von psychologischer Tiefe zeugen.
In der Mitte des Buchs kristallisiert sich auch so etwas wie eine "Botschaft" heraus, die gleichermaßen den Grund darstellt, warum der Erzähler seine geschilderte Reise als einschneidendes persönliches Erlebnis empfindet. Man erfährt etwas über die Schicksale einiger Menschen, die im abgelegenen russischen Dorf im Ural leben, ebenso über ihre Lebensansichten und ihre Kunst, den kargen und oftmals widrigen Umständen, die sie umgeben, so etwas wie Lebensenergie abzutrotzen (immer im Spannungsfeld des Alkohols, das in der Erzählung buchstäblich vom Himmel bis zur Hölle hin reicht).
Trotzdem wirken viele Erzählstränge am Ende der Lektüre irgendwie "unfertig" auf mich, auch wenn der Autor sie möglicherweise ganz bewusst offen hält.
Insbesondere das, was der Erzähler aus der (insbesondere in der Traumpassage) ein wenig an Hermann Hesse erinnernden "(Selbst-)Entdeckungsreise zu seiner 'russischen Seele'" in sein Leben nach der Reise hinüberrettet, erfährt man allenfalls ansatzweise.
Das schmälert den positiven Gesamteindruck allerdings nicht, und man verzeiht dem Autor auch gern, wenn man als Leser die erzählte Welt durch eine mitunter stark rosarote Brille wahrzunehmen gezwungen ist.


Sounds Of The Universe
Sounds Of The Universe
Wird angeboten von media-summits
Preis: EUR 6,54

6 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Rebirth? WRONG! (Eine Polemik...), 24. April 2009
Rezension bezieht sich auf: Sounds Of The Universe (Audio CD)
Nachdem das letzte Album von Depeche Mode für mich einen musikalischen Offenbahrungseid für abhanden gekommene Kreativität darstellte, hoffte ich auf eine Wiedergeburt dieser einst großartigen Band, an deren Comeback 1996 nach den Eskapaden der Songs of Faith and Devotion-Tour nur die wenigsten geglaubt haben dürften.
Nun haben wir 2009, und ich hoffte auf eine neuerliche Wiedergeburt. WRONG!
Dave Gahan steht mittlerweile (anders als 1997) zwar wieder voll im Saft und hat noch immer dieses unverwechselbare Timbre, das der Band in Kombination mit Gores Kompositionskunst den Stempel aufdrückt, doch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das neue Werk "Sounds of the Universe" ein ebenso rohes Ei ist wie es Corbijns Cover vermuten lässt, und hieße die Band nicht "Depeche Mode", so wäre dieses Album entweder nie in der vorliegenden Form veröffentlicht worden oder es wäre als Komet am Himmel des Universums der Belanglosigkeiten verblasst.
Ein Komet immerhin, keine Sternschnuppe, denn das Album hat durchaus kreative Momente und mitunter sogar Gänsehautpotential. In Songs wie "Peace" deutet sich zumindest an, wie brilliant dieses Spätwerk hätte werden können, wenn man sich bei der Produktion mehr Zeit gelassen und Produzenten engagiert hätte, die dieses Werk ein wenig subtiler klanglich und soundtechnisch unterfüttert hätten. Denn am Songwriting selbst hat es dieses Mal nicht so sehr gelegen, dass dieses Album irgendwie "unfertig" auf mich wirkt. Ausgerechnet "Wrong" erscheint mir noch am ehesten "right". Dieser Track zeigt auf, dass zumindest die kompositorischen Ideen Gores noch nicht vollkommen erloschen sind: Hier wurde stimmig und originell arrangiert, Sounds, Text und Arrangement ergeben eine bruchlose Synthese, und obwohl der Sound sich deutlich von den letzten Alben absetzt, klingt das Ergebnis unverkennbar nach "Depeche Mode"; hier gelingt die für den Entwicklungsprozess einer Band notwendige "re-invention".
In anderen Songs klappt das hingegen nicht: "Fragile tension" und "In sympathy" sind solche Songs. Weitere Songs wie der Instrumentaltrack "Spacewalker" klingen bemüht inspiriert, doch lässt sich einfach nicht verleugnen, dass dem Komponisten hier eiskalt die Ideen ausgehen.
Zum Sound: Willkommen zurück im analogen Zeitalter! Das ist an sich in Ordnung, auch ich hätte es nicht begrüßt, wenn Depeche Mode krampfhaft versuchen würden, sich selbst zu kopieren. Portishead haben es vor einem Jahr schließlich vorgemacht, dass man auch mit rohen, analogen Sounds einen zeitlos modernen und zum Bandkonzept (sowie zu den Texten) stimmigen Sound produzieren kann. Dann jedoch sollte man die klanglichen Experimentierphasen vor den Studioaufnahmen bitte ein wenig ausdehnen und/oder mit Leuten zusammenarbeiten, welche die alten Geräte auch so intuitiv bedienen können, dass diese die Kreativität nicht einschränken (so weit wie in der Werbung für die "gelben Seiten" will ich nicht gehen...).
Stattdessen erfolgt zu Beginn des Albums eine billige und allzu offensichtliche Kopie der einstigen deutschen Vorbilder (oder sollte das gar eine Art Referenz darstellen? Auch so kann man Ideenarmut kaschieren...).
Alles andere ist soundtechnisch gesehen weder Fisch noch Fleisch: Weder bewusst minimalistisch wie bei Portishead noch klanglich ausgewogen wie zu Ultra-Zeiten. Und die Drumprogrammierung, seit langem eine Baustelle bei Depeche Mode, ist fast schon ein schlechter Witz. Natürlich wäre es idiotisch, intime Songs mit Drumgeratter vollzudröhnen, aber mit Ausnahme des ersten und dritten Tracks fehlt nahezu sämtlichen übrigen Tracks einfach der Drive. Ich möchte mich in diesem Kontext übrigens nicht in die lange Klageliste derjenigen eintragen, die schon seit langem ein Comeback Alan Wilders fordern. Ich fände es schlichtweg gut, wenn die Band Musiker mit ins Boot nähme, die "sich damit auskennen" (und nun bin ich doch bei den gelben Seiten gelandet).
Bei den Texten des Albums scheiden sich die Geister: In einigen Rezensionen werden sie gepriesen, in anderen wird sich gar die Frage gestellt, ob es sich bei den Textern tatsächlich um "native speaker" handle. In diesem Kontext von Genie und Wahnsinn zu sprechen wäre vermessen. Vielleicht ist es einfach das graue poetische Mittelmaß (auch das deutet sich in der Covergestaltung an...). Nicht richtig banal wie Juli oder Silbermond, aber eben auch nicht wirklich subtil.

Nachdem das Album nunmehr auf dem Markt ist und die Band nicht mehr "nachsitzen" kann, um das klanglich insgesamt dürftige und kompositorisch durchschnittliche Ergebnis zu verbessern, verbleibt mir lediglich die Hoffnung, dass es der Band bei den Proben für die Tournee im Sommer gelingt, den teils guten Songideen noch ein wenig Feinschliff angedeien zu lassen, damit die neuen Songs auf den Konzerten keine absoluten Stimmungstöter werden und die Konzerte damit gar Grönemeyersche Dimensionen annehmen. Schließlich soll es zum Glück keine "Greatest Hits"-Tour geben...


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