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Rezensionen verfasst von
Richard Cremer
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Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Große Geschichten 35) [3 DVDs]
Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull (Große Geschichten 35) [3 DVDs]
DVD ~ John Moulder-Brown
Preis: EUR 28,79

9 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Bekenntnisse hinzu erfunden, 19. September 2011
Zugegeben, diese Miniserie reicht in ihrem Charme durchaus an Thomas Manns Buch heran. Auch die Darsteller sind liebevoll-passend ausgewählt.

Mein großes ABER: In eigentlich allen Episoden hat das Drehbuch umfänglichen Stoff - weit über den Roman hinaus - hinzuerfunden. Meist hat man bei Romanverfilmungen mit dem Problem mehr oder minder umfänglicher Kürzungen zu kämpfen. Hier ist genau das Gegenteil der Fall. Wer den Roman nicht verhältnismäßig gut kennt, weiß also oft nicht so recht, ob er Thomas Mann oder Bernhard Sinkel im Thomas-Mann-Stil sieht.

Diese Zutaten hat Thomas Mann schlicht nicht nötig. Deswegen zwei Punkte Abzug - vorläufig. Aber Loriots Cameo - Auftritt als Thomas Mann ist so herzerfrischend komisch, daß ich - Werktreue hin oder her - einen Punkt zurückgebe, vier also insgesamt.


Wolf unter Wölfen ( DDR TV-Archiv ) [3 DVDs]
Wolf unter Wölfen ( DDR TV-Archiv ) [3 DVDs]
DVD ~ Armin Mueller-Stahl
Preis: EUR 25,29

18 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wiedersehen nach vierzig Jahren, 13. Februar 2011
In den Sechzigern (West), ich war ein sogenannter Teenie, gehörte Hans Fallada, meine Eltern besaßen einiges von ihm, zu meinen Lieblingsautoren. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich "Bauern, Bomben und Bonzen", "Jeder stirbt für sich allein", "Der Trinker" und gerade auch "Wolf unter Wölfen" gelesen habe. Der auch sprachlich "leicht faßliche" (Diener Hubert Räder in "Wolf unter Wölfen") Fallada hat meine lebenslange Liebe zum realistischen Roman begründet.
Irgendwann einmal in den Siebzigern sah ich in einer Programmzeitschrift ein Filmfoto,eine elegante Dame, anscheinend Verkäuferin in einem Modesalon, im Hintergrund hatte sich ein besserer älterer Herr gewissermaßen aufgebaut. "Das ist doch...", dachte ich - ja wirklich, es zeigte eine der Schlußszenen aus "Wolf unter Wölfen". Das mag beispielhaft verdeutlichen, wie anschaulich (und damit einprägsam) F. schrieb und wie werkgetreu der hier zu besprechende Vierteiler das Buch umsetzt. Vom Film war ich ohne Wenn und Aber" begeistert und habe ihn immer wieder einmal als DVD gesucht.
Werkgetreu: Bei einer Romanverfilmung kann das natürlich nur mit den gattungsspezifischen Einschränkungen gelten. Selbst die erfreulich lange Verfilmung mußte kürzen. In der Originalausgabe von 1937 hat das Werk über 1.100 Seiten. Gleichwohl stammen manche Off-Texte, auch sozialkritisches Gedankengut, und viele Dialoge des Films von Fallada, er hat geradezu drehbuchreif geschrieben.
Der eine oder andere Off-Text ist allerdings O-Ton Marke "SED" (Für die Jüngeren: Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, herrschte "drüben" diktatorisch, nach der Wende umbenannt in PDS, heute in der Partei "Die Linke" aufgegangen). So schildert der Sprecher beispielsweise (mit Fallada) die Not von Landarbeitern und führt dies dann (O-Ton SED, nicht mehr Fallada) auf ihre mangelnde Organisiertheit zurück. Den redlichen und pflichtbewußten, aber weitgehend lebensuntauglichen Ex-Oberleutnant v. Studmann schickt das Drehbuch als Angehörigen der verhaßten Offiziers"kaste" mit viel harscheren Worten aus dem Film als der viel mildere Fallada aus dem Roman. Völlig überflüssig bekommt auch der von Fallada ohnehin äußerst negativ gezeichnete Putschist "Leutnant Fritz" aus dem dem Off einmal die pädagogische Parteipeitsche. Hatte man Angst, "Junge Pioniere" legten ohne solche Belehrung demnächst schwarze Waffenlager an? Insgesamt stört das aber nicht sonderlich und fällt ohnehin nur dem auf, der ein geschärftes Organ für "SED-Sprech" hat und sich in etwa im klaren darüber ist, was Fallada 1937, also mitten in der Nazizeit, publizieren konnte.
Übrigens, zum Stichwort "mangelnde Organisiertheit" noch ein Fallada-Kuriosum: Die Nazis hatten Fallada gezwungen, seinem Roman "Der Eiserne Gustav" (1938) ein nationalsozialisches Ende anzupappen: Ein eigentlich völlig unpolitisch gezeichneter, letztlich wohlgeratener Sohn des Eisernen Gustav landete also überraschend zuschlechterletzt bei der SA, auch der Eiserne Gustav begann mit dieser Verbrecherbande zu sympathisieren... (In den Nachkriegsdrucken ist das alles natürlich wieder getilgt). Aber irgendwie ist es schon (tragik)komisch, daß NSDAP und SED Falladas fehlendes Parteiengagement korrigieren zu müssen glaubten.
Mit den Stadtansichten zu Beginn einzelner Teile hat der Film den "Roaring Twenties" im Berlin des Jahres 1923 eine beeindruckende visuelle Referenz erwiesen, übrigens auch Fallada selbst: Gezeigt wird einmal kurz eine Zwangsversteigerung von Vieh, wie sie in "Bauern, Bonzen und Bomben" beschrieben wird.
Also: Buch und Film unvergeßlich. Fünf Sterne für den Film, auch nach vierzig Jahren, aber nur, weil mehr Sterne nicht geht.
Zum Abschluß die ganz dringende Empfehlung: Sehen Sie erst den Film und lesen Sie danach das noch inhaltsreichere Buch.
Ein wenig historische Lektüre, sei es auch nur in Wikipedia zu "Deutsche Inflation 1914 bis 1923", "Ostelbien (historisches Gebiet)" und "Junker" ist ratsam, aber nicht unerläßlich.


The Shadow of the Eagle [2 DVDs]
The Shadow of the Eagle [2 DVDs]
DVD ~ John Wayne
Wird angeboten von the-dvd-house
Preis: EUR 4,72

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Der Adler - wäre er doch nur sofort abgestürzt, 8. Dezember 2010
Rezension bezieht sich auf: The Shadow of the Eagle [2 DVDs] (DVD)
Auch für langjährige John Wayne Fans wie mich unerträglich. In meinen 60 Lebensjahren habe ich etliche Tausend Filme gesehen. Darunter war aber dieser der mit weitem, weitem Abstand schlechteste. Ich habe vier oder fünf Anläufe gebraucht, um ihn zu Ende zusehen.

Auch für Liebhaber von Fliegerfilmen eine einzige Enttäuschung. Technisch ist der Streifen eine Katastrophe. Aber das nur am Rande.

Also: Wer den Film aus Gründen der Vollständigkeit der Sammlung braucht: Kaufen, aber nicht (!) ansehen - das ist man dem Andenken von John Wayne und den eigenen Nerven schuldig.

Ein Stern, weil kein Stern nicht geht.


Lanz Leo - Ein Bulldog Road Movie auf Niederbayerisch
Lanz Leo - Ein Bulldog Road Movie auf Niederbayerisch
DVD ~ Christoph Schuster
Preis: EUR 11,86

11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen LANGSAME LIEBE - LANZ LEO, 8. Dezember 2010
Auf den Film bin ich zufällig beim Zappen gestossen (ich bin kein Traktorfan), BR3 natürlich. Sofort nach der Sendung, um fünf Uhr morgens meine E-mail an den BR:

"Sehr geehrte Damen und Herren, nach fast drei Stunden LANZ LEO: Müde, aber glücklich. Das schönste road movie, das ich je gesehen habe. Gleichzeitig in seiner Kargheit ein wunderbar anrührender Liebesfilm. Und welche Liebeserklärung auch an Italia! Vielen Dank für diesen Film."

Und das, obwohl ich neben Literaturverfilmungen eigentlich eher Totschießfilme präferiere!

In einem Punkt teile ich die Meinung einiger Vorrezensenten nicht: Über Lanz Leo und seine Frau kann man nicht lachen - allenfalls mit zunehmendem Respekt und wachsender Zuneigung das eine oder andere Mal liebevoll lächeln.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 7, 2012 4:52 PM CET


American Mafia: A History of Its Rise to Power
American Mafia: A History of Its Rise to Power
von Thomas A. Reppetto
  Taschenbuch
Preis: EUR 12,21

5.0 von 5 Sternen Mafia - echt amerikanisch, 13. November 2010
Repettos Sachkunde gründet sich auch darauf,daß er in Chikago "Commander of detectives" und über 20 Jahre Präsident der "New York City's Citizen Crime Commission" war.

Das Buch deckt den Zeitraum vom späten 19. Jahrhundert bis zu den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ab. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts behandelt sein weiteres Buch "Bringing Down The Mob" (2006).

Vorab: Sein Amerikanisch stellt keine hohen Ansprüche, von dem einen oder anderen umgangssprachlichen Ausdruck einmal abgesehen. Erfreulich sein gelegentlich aufblitzender bissiger Humor.

Hilfreich das ausführlich Namens-, Orts- und Sachregister.

Er schildert die Karrieren zahlreicher Gangster und crime families, verliert sich bei aller Farbe aber nicht in Totschießgeschichten. Sein Anliegen ist es, systematisch die damalige heute kaum noch vorstellbare Vernetzung zwischen dem organisierten Verbrechen, Politik, Gerichten und Behörden aufzuzeigen und auch immer wieder konkret mit Beispielen zu belegen. So erwähnt er etwa, daß das FBI lange Jahre grundsätzlich nicht mit lokalen oder regionalen Behörden oder Gerichten zusammengearbeitet habe, da es diese als korrupt und zum Teil sogar von organisierter Kriminalität beherrscht angesehen habe. (Glaubhaft: Anders als in Deutschland sind in den USA lokale oder regionale Richter und Staatsanwälte oft Wahlbeamte mit entsprechendem Bedarf an Stimmen und Geld für ihre Kampagnen. Geld oder Stimmen en bloc gegen Duldung oder noch besser: Protektion.) Auch eher "honorige" Bürgermeister oder andre hohe Beamte mußten angesichts korrupter aber einflußreicher Parteifreunde immer wieder einmal "durch die Finger sehen". In diesen Verflechtungen sieht er den eigentlichen Nährboden der amerikanischen "Mafia" und weniger in ethnischen Bindungen.

Weiter betont er ihre eher dezentralisierte Struktur und leugnet die Existenz eines amerikanischen "Mr. Big", auf gut deutsch also eines capo dei capi in den USA.

Keine bedeutende Rolle bei der Bekämpfung der OK soll das 1908 als "Bureau of Investigation" gegründete spätere FBI (ab 1935) bis in die Fünfziger Jahre des 20. Jahrhunderts gespielt haben (der berühmte Eliot Ness war Steuerfahnder und Prohibitionsagent). Noch in den Fünfzigern jagte das FBI eher Commies als Criminals. Das muß nicht nur an Desinteresse des FBI gelegen haben. Kluge Gangster betätigten sich jedenfalls nach der Prohibition nicht in Bereichen, für die Bundesstrafverfolgungsbehörden zuständig waren. So war etwa Glücksspiel nicht etwa nach Bundesrecht verboten, sondern gegebenenfalls nach einzelstaatlichem oder lokalem Recht.

Hochinteressant auch seine Darstellung der Arbeit des Kefauver-Komitees.Lautstark, TV-orientiert, aber oberflächlich. Wahlkampf,eben.

Weiter arbeitet Repetto heraus, daß die US-amerikanischen"Mafia"-Familien keineswegs aus Sizilien oder Neapel ferngesteuert waren, wie dies früher immer wieder behauptet wurde. Das schließt natürlich wirtschaftliche Zusammenarbeit nicht aus.

Insgesamt eine sehr lohnende Lektüre. Das gilt auch für die Fortsetzung "Bringing Down The Mob".


HOMER ILIAS
HOMER ILIAS
von ROLF BOYSEN
  Audio CD

1.0 von 5 Sternen Homer verstümmelt, 23. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: HOMER ILIAS (Audio CD)
Dramatische Livelesung des Schauspielers Rolf Boysen. Live: Das erklärt sinnentstellende Lesefehler ("Dardaner" statt "Danaer" in Il. 1,40) oder die nicht seltenen, durchaus störenden künstlichen Silbenlängungen (vermutlich, um wieder in den Text zu finden). Weite Passagen sind allerdings hervorragend vorgetragen. Die Lesung als solche: 4 Sterne.

Katastrophal und mit "brutalstmöglicher" Schlechtbenotung die entsetzlichen Textkürzungen. Nach Coverangabe dauert die Lesung 462 Minuten = 7:42 Stunden. Zum Vergleich: die vollständige Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt dauert nach Coverangabe 22:30 Stunden!
Immerhin weist der Verlag auf die Kürzung als solche hin, verschweigt aber deren Ausmaß.

So fehlen beispielweise 2, 204 ff. die lebendige Thersites-Episode, im 2. Gesang die Schiffs- und Troerkataloge, insgesamt der 10. und 13. Gesang, im 23. Gesang Verse 245-897, die Leichenspiele zu Ehren des Patroklos.

Eine Kulturschande und auch durch Zeitnot nicht zu entschuldigen ist die Auslassung der grandiosen und zu Recht berühmten Beschreibung des Schildes des Achill im 18. Gesang. Welcher Banause auch immer für diese Verstümmelung verantwortlich ist, sein Andenken sei verflucht. Die Schildbeschreibung gehört zu schönsten und eindrucksvollsten Passagen der Ilias. Sie eröffnet einen Blick auf den gesamten homerischen Kosmos, geographisch wie gesellschaftlich. Auch im Aufbau des Epos kommt der Schildbeschreibung eine wichtige Funktion als ausgedehnte, aber gleichzeitig spannungserhöhende Ruhepause "vor dem Sturm", nämlich dem Zweikampf zwischen Achill und Hektor, zu.

Wolfgang Schadewaldt, dessen eindrucksvolle Übersetzung Boysen verstümmelt, hat dem Schild des Achill einen lesenswerten Aufsatz von über zwanzig Seiten in seinem Buch "Von Homers Welt und Werk" (2. Auflage Stuttgart 1951) gewidmet. Karl Reinhart, Die Ilias und ihr Dichter, Göttingen 1961, handelt auf über zehn engbedruckten Seiten von Homers Schildbeschreibung und zitiert Lessing: "Mit wenig Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was in der Welt vorgeht" (Lessing, Laokoon, Kap. 18, Anm.e). Auch der Historiker greift auf die Schildbeschreibung mit ihrem Realienreichtum zurück, so etwa Christoph Ulf, Die homerische Gesellschaft, München 1990, S. 171 ff.

Also: Wer die Ilias ein wenig kennt, verzweifelt ob der zahllosen Auslassungen. Wer sie noch nicht kennt, wird erst recht um viele schöne Stunden vom Verlag getäuscht.

Die oben angesprochene Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt ist immer vorzuziehen, auch wenn Schmidts ruhiger Vortragsstil der Boysenschen Dramatik ermangelt (aber auch deren Mängel vermeidet).


Ilias
Ilias

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Kastrierter Homer, 23. Januar 2010
Rezension bezieht sich auf: Ilias (Audio CD)
Dramatische Livelesung des Schauspielers Rolf Boysen. Live: Das erklärt sinnentstellende Lesefehler ("Dardaner" statt "Danaer" in Il. 1,40) oder die nicht seltenen, durchaus störenden künstlichen Silbenlängungen (vermutlich, um wieder in den Text zu finden). Weite Passagen sind allerdings hervorragend vorgetragen. Die Lesung als solche: 4 Sterne.

Katastrophal und mit "brutalstmöglicher" Schlechtbenotung die entsetzlichen Textkürzungen. Nach Coverangabe dauert die Lesung 462 Minuten = 7:42 Stunden. Zum Vergleich: die vollständige Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt dauert nach Coverangabe 22:30 Stunden!
Immerhin weist der Verlag auf die Kürzung als solche hin, verschweigt aber deren Ausmaß.

So fehlen beispielweise 2, 204 ff. die lebendige Thersites-Episode, im 2. Gesang die Schiffs- und Troerkataloge, insgesamt der 10. und 13. Gesang, im 23. Gesang Verse 245-897, die Leichenspiele zu Ehren des Patroklos.

Eine Kulturschande und auch durch Zeitnot nicht zu entschuldigen ist die Auslassung der grandiosen und zu Recht berühmten Beschreibung des Schildes des Achill im 18. Gesang. Welcher Banause auch immer für diese Verstümmelung verantwortlich ist, sein Andenken sei verflucht. Die Schildbeschreibung gehört zu schönsten und eindrucksvollsten Passagen der Ilias. Sie eröffnet einen Blick auf den gesamten homerischen Kosmos, geographisch wie gesellschaftlich. Auch im Aufbau des Epos kommt der Schildbeschreibung eine wichtige Funktion als ausgedehnte, aber gleichzeitig spannungserhöhende Ruhepause "vor dem Sturm", nämlich dem Zweikampf zwischen Achill und Hektor, zu.

Wolfgang Schadewaldt, dessen eindrucksvolle Übersetzung Boysen verstümmelt, hat dem Schild des Achill einen lesenswerten Aufsatz von über zwanzig Seiten in seinem Buch "Von Homers Welt und Werk" (2. Auflage Stuttgart 1951) gewidmet. Karl Reinhart, Die Ilias und ihr Dichter, Göttingen 1961, handelt auf über zehn engbedruckten Seiten von Homers Schildbeschreibung und zitiert Lessing: "Mit wenig Gemälden machte Homer sein Schild zu einem Inbegriffe von allem, was in der Welt vorgeht" (Lessing, Laokoon, Kap. 18, Anm.e). Auch der Historiker greift auf die Schildbeschreibung mit ihrem Realienreichtum zurück, so etwa Christoph Ulf, Die homerische Gesellschaft, München 1990, S. 171 ff.

Also: Wer die Ilias ein wenig kennt, verzweifelt ob der zahllosen Auslassungen. Wer sie noch nicht kennt, wird erst recht um viele schöne Stunden vom Verlag getäuscht.

Die oben angesprochene Iliaslesung von Hans Jochim Schmidt ist immer vorzuziehen, auch wenn Schmidts ruhiger Vortragsstil der Boysenschen Dramatik ermangelt (aber auch deren Mängel vermeidet).
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 16, 2011 1:18 PM CET


Werke in drei Bänden
Werke in drei Bänden
von Liselot Huchthausen
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Verdienstvolle Auswahlausgabe, 8. September 2009
Rezension bezieht sich auf: Werke in drei Bänden (Gebundene Ausgabe)
Für einen Einstieg und als Begleitlektüre zur Römischen Revolution sehr geeignet. Knappe, sehr lesbare Einführung. Ein klein wenig, wahrscheinlich notgedrungen aufgetragener SBZ-Sprech (Ostberlin 1989) stört nicht weiter, zumal der Verfasser der westlichen, also alleinseligmachenden Sicht auf Cicero nahesteht.
Aus den über 900 (andere Angaben: rund 780) noch vorliegenden Briefen Ciceros bringt der Herausgeber 102, in chronologischer Reihenfolge, datiert und natürlich kommentiert. Die Auswahl soll Ciceros letzte zwanzig Jahre abdecken. So kann man etwa Ciceros Briefe parallel und vertiefend zu einer Geschichte der Römischen Revolution lesen. Diese chronologische Darbietung ist nicht selbstverständlich. Gerade die chronologische Lektüre der umfänglichen Briefsammlung AD FAMILIARES in den gängigen Ausgaben (An seine Freunde - z.B. lateinisch-deutsch bei Artemis & Winkler; Sammlung Tusculum ISBN-13: 978-3760815176) erfordert viel Geduld und endloses Blättern, da in dieser Sammlung die Briefe im wesentlichen nach Empfängern geordnet überliefert sind. Die erwähnte Tusculum-Ausgabe bietet natürlich auch ein chronologisches Register. Aber das erspart das endlose Blättern eben nicht...Außerdem hat man dann noch die weiteren Sammlungen AD QUINTUM FRATREM, AD BRUTUM und AD ATTICUM (Atticus Briefe - z.B. lateinisch-deutsch bei Artemis & Winkler; Sammlung Tusculum; ISBN-13: 978-3760815183) zu konsultieren.
Aus Ciceros Reden bringt der Herausgeber neben einigen anderen die vier Reden gegen Catilina, aber leider nur die 1. und 14. Philippische Rede. Das Fehlen der übrigen Philippiken gegen Marcus Antonius wäre zur Abrundung des Bildes vom "politischen Cicero" nützlich (Schmähungen gegenüber Marcus Antonius aus der zweiten Philippischen Rede haben sogar Eingang in die TV-Serie "ROM" gefunden).


Wandmalerei der Frührenaissance in Italien,  Band 1: Anfänge und Entfaltung 1400 - 1470
Wandmalerei der Frührenaissance in Italien, Band 1: Anfänge und Entfaltung 1400 - 1470
von Steffi Roettgen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 79,00

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein Höhepunkt der Serie, 12. August 2009
Die Serie umfasst folgende Einzelbände, jeweils 27 x 32,5 cm, Leinen mit Schutzumschlag:
1. Joachim Poeschke, Wandmalerei der Giottozeit in Italien 1280-1400, 2003, 456 Seiten, 264 Farbtafeln und 120 Farbabbildungen, 22 Schemazeichnungen, ISBN-10: 3-7774-9800-9 - enthält 18 Freskenzyklen. Nur einfach gezählt ist hierbei San Francesco, Assisi, mit 79 Farbtafeln für fünf Einzelzyklen.
2. Steffi Roettgen, Wandmalerei der Frührenaissance in Italien, Band 1, Anfänge und Entfaltung 1400-1470, 1996, 452 Seiten, 134 meist farbige Abbildungen im Text, 258 Farbtafeln, ferner Zeichnungen und eine farbige Übersichtskarte, ISBN-10: 3777470503 - enthält 21 Freskenzyklen.
3. Steffi Roettgen, Wandmalerei der Frührenaissance in Italien, Band 2, Die Blütezeit von 1470-1510, 1997, 149 meist farbige Abbildungen im Text, 239 Farbtafeln sowie Zeichnungen und eine farbige Übersichtskarte, ISBN-10: 3777472204 - enthält 17 Freskenzyklen.
4. Julian Kliemann, Michael Rohlmann, Wandmalerei in Italien, Die Zeit der Hochrenaissance und des Manierismus 1510-1600, 2004, 496 Seiten, 220 Farbtafeln und 140 Farbabbildungen, einige Schema-zeichnungen, ISBN-10: 3-7774-2255-X - enthält 20 Freskenzyklen.
5. Steffi Roettgen, Wandmalerei in Italien, Barock und Aufklärung 1600-1800, 2007, 259 Farbtafeln und 145 Farbabbildungen, 50 Schemazeichnungen und Karte. Mit Schuber 34 cm, ISBN-10: 3-7774-3495-7 - enthält 22 Freskenzyklen.
Zur Reihe: Vorzüglicher Druck, brillante Farben. Die erfreulicherweise randlos gedruckten Tafeln können das Format ausnutzen.
So voluminös die Bände sind, können sie natürlich nur eine Auswahl bieten. Die Verfasser der fünf Bände konzentrieren sich auf insgesamt etwa 100 Hauptwerke (Freskenzyklen). Dem Vorteil, in einem Band jeweils etwa zwanzig Freskenzyklen geboten zu bekommen, steht der Nachteil notwendiger Beschränkung gegenüber. Man muß sich damit abfinden, daß die Verfasser in der Regel nur wenige Ausschnittvergrößerungen bieten können. Ich nenne deshalb einige reich bebilderte Monographien. Sehr traurig: Aber noch nicht einmal die Zyklen selbst werden in manchen Bänden immer vollständig geboten. Das ist etwa so, als ob man aus einem Roman immer einmal wieder ein Kapitel ausließe. Meist beeinträchtigt das nachhaltig die Komposition der in der Bilderfolge erzählten storia".
Konkret: Für den hier besprochenen Band konnte ich das bei einigen Stichproben erfreulicherweise aber nicht feststellen (übrigens: Anders als im Band Poeschke, Giottozeit, ist erfreulicherweise der größte Teil der In- und Beischriften übersetzt).
Positiv wirkt sich wohl aus, daß Frau Roettgen (anders als die Bearbeiter anderer Perioden) für die italienische Wandmalerei der Frührenaissance zwei Bände zugestanden bekommen hat. Die Stichproben:
- Rom, Palazzi Vaticani, Cappella Niccolina, Szenen aus dem Leben der Erzdiakone Stephanus und Laurentius: Steffi Roettgen bietet alle Fresken zu den beiden Viten nebst einigen Details auf zehn Tafeln, davon drei zweiseitig, ferner neben einer schwarzweißen sieben farbige Textabbildungen. Nicht gezeigt werden die acht, zwischen den Freskengruppen dargestellten Kirchenlehrer und verschiedene schöne Ornamente. Vatikanische Publikationen: Fra Angelico e la Cappella di Niccolò V (Fra Angelico and the Chapel of Nicholas V). Restauri Recenti dei Musei Vaticani, Vol. 3, 1999. ISBN: 9788886921893. Testi di Innocenzo Venchi, Renate Colella, Arnold Nesselrath, Carlo Giantomassi, Donatella Zari. Querformat 18,5 x 25,5 cm, 208 Seiten, 144 Farbabbildungen, 23 Schwarzweißbilder,17 Diagramme. In englischer Sprache. Broschiert. Ferner: Francesco Buranelli (ed.), Il Beato Angelico e la Cappella Niccolina. storia e restauro. ISBN: 88-415-9213-3. Musei Vaticani/Istituto Geografico De Agostini, Novara, 2001. In italienisch. IX, 242 Seiten mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen; Tafelteil 149 Farbtafeln, größtenteils ein- oder zweiseitig, ferner Skizzen. Zu jedem Einzelfresko zahlreiche Detailvergrößerungen, zum Teil über zwanzig!
- Arezzo, San Francesco, Kreuzeslegende: 19 Tafelseiten, neun farbige, zwei schwarzweiße Textabbildungen. Der 1996 erschienene Band bringt die Fresken im Zustand vor ihrer jüngsten Restaurierung. In ganz-, z.T. doppelseitigen Tafeln finden sich alle Teilfresken bis auf das teils zerstörte mit dem Sieg Konstantins über Maxentius. Auf Wandübersichten finden sich nochmals alle Fresken. Zustand nach der Restaurierung mit 166 Farbtafeln: Anna Maria Maetzke/Carlo Bertelli (ed.), Piero della Francesca. The Legend of the True Cross in the Church of San Francesco in Arezzo, Mailand 2001 (Skira, Reihe Grandi Libri), ISBN: 88-8491-023-4.
- Ferrara, Palazzo Schifanoia, Salone det Mesi: Die sieben noch erhaltenen der ehemals zwölf, in sich wiederum jeweils dreiteiligen Freskokompositionen zu den zwölf Monaten sind alle ganzseitig wiedergegeben. Hinzu kommen zwölf Tafeln mit Details. Für 7 x 3 = 21 sehr detailreiche und erzählfreudige Teilfresken ist das nicht gerade viel, aber im Rahmen eines Sammelwerks noch hinzunehmen. Weit größerer Detailreichtum: Salvatore Settis/Walter Cupperi (ed.), Il Palazzo Schifanoia a Ferrara/The Palazzo Schifanoia in Ferrara, Modena 2007. ISBN: 978-88-8290-858-4. Band 14 der unübertrefflichen Reihe MIRABILIA ITALIAE. Ein Tafelband mit 303 größtenteils ganseitigen Abbildungen, Bildlegenden in italienisch und englisch, zu jedem Bild eine Lokalisierungsskizze. Ein Textband nur italienisch, mit 189 Schwarzweißabbildungen. Bebildert den gesamten Palast, Schwerpunkt natürlich bei den Monatsfresken.
- Florenz, S. Maria del Carmine, Cappella Brancacci, Szenen aus dem Leben des hl. Petrus, Sündenfall, Vertreibung aus dem Paradies, ergänzend: Umberto Baldini/Ornella Casazza, Die Brancacci-Kapelle. Fresken von Masaccio, Masolino, Filippo Lippi, München 1994. ISBN: 3-928692-13-5. 377 Seiten, 165 Farbtafeln. Engl. Ausgabe: The Brancacci Chapel, ISBN-13: 978-0810931206.
- Florenz, Palazzo Medici Riccardi, Cappella die Magi. Zu diesem sehr detailreichen Zyklus ergänzend: Cristina Acidini Luchinat (ed.), The Chapel of the Magi, London/New York 1994. ISBN: 0-500-23691-7. 184 Farbtafeln.


Die Legenda aurea: Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine
Die Legenda aurea: Das Leben der Heiligen erzählt von Jacobus de Voragine
von Jacobus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 49,99

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kunsthistorisches zur Legenda Aurea, 11. August 2009
Die hier angebotene "klassische" Ausgabe hat Richard Benz aus dem Lateinischen übersetzt (Erstausgabe in zwei Bänden 1917-1922 bei Diederichs, Jena, spätere Ausgaben bei verschiedenen Verlagen). Ob die hiesige Ausgabe von GVH Wissenschaft & Gemeindepraxis vollständig ist, weiß ich nicht. Die website des Verlags äußert sich hierzu nicht.
Bei reclam (8464) gibt es deutsch-lateinische Auswahlausgabe, Übersetzung von Rainer Nickel. Manesse bietet ebenfalls nur eine Auswahl an, übersetzt von Jacques Laager. Ich rate von Auswahlausgaben immer ab. Was man sucht, findet man nicht.
Jacobus de Voragine, ein Dominikanermönch und späterer Erzbischof von Genua, hat umlaufenden Legendenstoff gesammelt. Darunter befand sich auch in erheblichem Umfang apokryphes ("verborgenes"), also vom Kanon der heiligen Schriften ausgeschlossenes Material. Die Malerei des Mittelalters (und nicht nur sie allein) hat sich nicht zuletzt solche bisweilen im Mittelalter populären apokryphen Texte zum Gegenstand genommen.
So kehren wesentliche Elemente des sogenannten Protevangelium des Jakobus (zwischen 150 und 200 n. Chr.) in der Legenda Aurea (um 1300) wieder ("Von der Geburt der seligen Jungfrau Maria" mit den Geschichten von Joachim, Anna, und der Verlobung Josephs mit Maria; "Von der Verkündigung des Herrn"; "Von der Geburt Sanct Johannis des Täufers"; "Von der Geburt des Herrn" mit reizenden Details wie dem an sich nichtbiblischen Tierpaar Ochs und Esel (aber schon in der spätantiken Kunst belegbar), ferner auch zwei Hebammen, welche dann die Jungfräulichkeit Marias vor und nach der Geburt "bezeugen" werden). Giotto hat gerade das Marienleben dieses Stoffs in seinen weltberühmten Fresken in der Cappella degli Scrovegni (Arenakapelle") in Padua "illustriert". Genau diese (und viele andere) Geschichten fehlen in der Auswahlausgabe von reclam, so auch die Geschichte "Von der Enthauptung Johannis des Täufers", zu welcher Jacobus de Voragine die von Matthäus 14, 1ff. nur knapp berichtete Vorgeschichte von Herodes und Herodias genealogisch weiter ausbaut.
Ferner berichtet Jacobus de Voragine beispielsweise zwei Kreuzeslegenden, welche - da kunsthistorisch wichtig - bei reclam natürlich fehlen: "Von des heiligen Kreuzes Findung" erzählt die Geschichte des Kreuzesholzes beginnend mit der Pflanzung des Baumes durch Adams Sohn Seth (und zitiert hier selbst das apokryphe Evangelium des Nikodemus) bis zur Auffindung durch Helena. "Von dem heiligen Kreuz als es erhöhet ward" erzählt von dem angeblichen Raub des heiligen Kreuzes aus Jerusalem durch den Perserkönig Chosrau II. im Jahre 614 n. Chr. und der Wiedergewinnung des Kreuzes durch den oströmischen Kaiser Herakleios im Jahr 630 n. Chr. Diese Doppellegende haben Agnolo Gaddi in der Chorkapelle von S. Croce in Florenz (um 1385-1387) und Piero della Francesca in seinem weltberühmten Freskenzyklus in der Kirche San Francesco in Arezzo (1447-1451?) dargestellt.
Jacobus de Voragine zitiert öfters ausdrücklich die von ihm herangezogenen Quellen und umgibt die Legenden mit religiösen Interpretationen und Unterweisungen. Wer sich hierauf einlassen kann, erhält - über die Legendensammlung - hinaus eine recht anschauliche Vorstellung davon, wie vielleicht im Mittelalter volkstümliche Predigten beschaffen gewesen sein können. Religionsgeschichtlich ist vieles hochinteressant, etwa wie vermeintliche Lücken in den kanonischen Schriften geschlossen werden: So scheint man mit der Abstammung Jesu "aus dem Geschlechte Davids" ( vgl Matth. 1; Luk 1, 27) Schwierigkeiten gehabt zu haben, da der aus Davids Geschlecht stammende Joseph eben nicht Jesu leiblicher Vater war. Also "konstruierte" man eben eine Abstammung Marias aus Davids Geschlecht. Für die jungfräuliche Empfängnis und Geburt werden sogar zwei Hebammen als "Zeugen" beigebracht, eine davon zunächst ungläubig wie später der Apostel Thomas.
Literatur zu den Apokryphen:
- Apokryphen zum Alten und Neuen Testament. Herausgegeben, eingeleitet und erläutert von Alfred Schindler, Manesse Verlag Zürich, 1988, 1998. Auswahlausgabe.
- Evangelia infantiae apokrypha. Apokryphe Kindheitsevangelien. Band 18 der Reihe Fontes christiani". Griechisch/lateinisch/deutsch. Übersetzt und eingeleitet von Gerhard Schneider, Freiburg im Breisgau, 1995. Einige Texte gekürzt, vgl. S. 28. Umfängliche Text- und Literaturnachweise.
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