Profil für H. Hetznecker > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von H. Hetznecker
Top-Rezensenten Rang: 990.113
Hilfreiche Bewertungen: 25

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
H. Hetznecker

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Globale Erwärmung. UTB Profile
Globale Erwärmung. UTB Profile
von Mojib Latif
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

25 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Ein wichtiger und gelungener Beitrag zur leidigen Klimadiskussion, 24. März 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Globale Erwärmung. UTB Profile (Broschiert)
Winterurlaub. Sie stehen mit Ihren Kindern vor einem gefrorenen See. Sie wollen auf die andere Seite des Ufers und zögern. Ein anderer Urlauber kommt vorbei und sagt: jetzt seien Sie mal nicht hysterisch, das Eis ist doch dick genug. Ein anderer kommt vorbei, ein Einheimischer, und warnt Sie: er kenne den See, um diese Jahreszeit würde er sich nicht auf das Eis wagen. Sie sollten lieber den Umweg um den See herum im Kauf nehmen.

Was tun? Zwei Meinungen, die eine verspricht den kurzen bequemen Weg, birgt aber Lebensgefahr. Ihre Bedenken nennt man "Hysterie". Die Alternative: um den See wandern. Das ist anstrengender, garantiert aber Ihr Überleben und das Ihrer Kinder. Keine Option ist letztendlich belegbar. Aber im Zweifel wählen Sie natürlich den sicheren Weg.

Bei der Klima"frage" ist das nicht anders. Vielleicht können die Forscher nicht mit letzter Konsequenz belegen, dass uns heiße Zeiten ins Haus stehen. Klar ist aber, dass die "Klimaskeptiker" noch weniger Beweise auffahren können.

Und überhaupt: Wann ist ein Klimaexperte ein Klimaexperte? Vielleicht, wenn er die vorgekauten Phrasen der Öl und Kohlelobbyisten wiederholt? Vielleicht, wenn er das neue Buch eines RWE-Managers gelesen hat, der genau Null wissenschaftliche Publikationen zur Klimatologie auf dem Konto hat? Oder ist vielleicht doch jener Experte, der er sich seit Jahrzehnten beruflich mit der Materie befasst, ohne an den Dollars von Exxon Mobile & Co zu hängen? - das scheint mir doch am ehesten plausibel. Wer an den wissenschaftlichen Grundlagen der globalen Erwärmung interessiert ist findet in Mojib Latifs Buch eine glänzende Einführung und Übersicht in kompakter Form.

Zu den Standardphrasen der so Klimaskeptiker gehört es, jedem "Unwissenschaftlichkeit" vorzuhalten, der im menschlichen Handeln eine Ursache der globalen Erwärmung seit den 1970er-Jahren erkennt. "Wissenschaftlichkeit" bedeutet aber nicht zwingend, "ein Für und Wider der aktuellen Thesen" (Rezension von Matze99) zu diskutieren - denn sonst müsste etwa jeder seriöse Evolutionsforscher zwingend auf die Thesen der Zeugen Jehovas und der Evangelikalen eingehen, um als "wissenschaftlich" zu gelten. Ich glaube nicht, dass der Rezensent eine wissenschaftliche Ausbildung jenseits der Sekundarstufe genossen hat, sonst wäre sein Begriff von "Wissenschaftlichkeit" sicher etwas weniger banal. Wissenschaftlichkeit bedeutet zunächst einmal Unabhängigkeit. Wer den möglichen Klimawandel als Hysterie abtut und sich zur selben Zeit von Exxon, RWE oder anderen bezahlen lässt, ist per se nicht geeignet, zur Meinungsbildung beizutragen. Wissenschaftlichkeit bedeutet weiter: sich in nachvollziehbarer Weise auf die Naturgesetze zu beziehen. Hier sehe ich bei praktisch allen Klimaskeptikern tiefschwarz. In Buch von Mojib Latif dagegen könnte ein physikalisch wenig bewanderter Leser eher überfordert sein. Das ist mein einziger dezenter Kritikpunkt an Latifs Buch.

Ich glaube nicht, dass Matze99 das Buch vor seinem stereotypischen Pauschalverriss gelesen hat. Mojib Latif geht z.B. sehr wohl faktenreich darauf ein, weshalb die überwiegende Mehrheit - ach so, das stimmt ja auch wieder nicht, also gut: jedenfalls die überragende Mehrheit der publizierenden Wissenschaftler - weshalb diese also die Sonne nicht als relevanten Faktor für die aktuelle globale Erwärmung sieht - und damit dem RWE-Manager Vahrenholt widerspricht (der übrigens keine wiss. Publikation in der Klimatologie vorweisen kann, aber das sagte ich schon). Wäre die Sonnenaktivität ein Treiber des Klimawandels, würden sich Troposphäre und Stratosphäre in vergleichbarer Weise erwärmen - was nicht der Fall ist. Im Buch ist das klar besprochen. Dazu kommt, dass der zeitlichen Verläufe von Sonnenaktivität und globaler Jahresdurchschnittstemperatur seit 30-40 Jahren deutlich entkoppelt sind. Einfache Rechnungen zeigen auch, dass der so genannte Strahlungsantrieb durch die schwankende Sonnenstrahlung lediglich bei etwa 0,1 Watt/m² liegt - bei weitem unter dem Wert der klimaaktiven Gase. Die an sich interessante Theorie, dass die kosmische Strahlung (besonders aktiv während aktiver Sonnenphasen) eine verstärkte Wolkenbildung und somit eine Kühlung auslösen könnte, diese Theorie hat es immerhin in die Tunnel des CERN geschafft - um dort kurzerhand widerlegt zu werden.

Mojib Latif geht auf all dies ein, ebenso auf das große Thema der natürlichen Klimaschwankungen. Über zwei Kapiteln (38 Seiten) erläutert Latif, in welchem Ausmaß und auf welche Arten das Klima kurz- und langfristigen Schwankungen unterliegt. Die Herausforderung der Forscher besteht nun gerade darin, diese natürlichen Schwankungen von jenen zu unterscheiden, die auf den Einfluss des Menschen zurück gehen.

Auch Fehler gab es in der Klimaforschung der vergangenen Jahre, und sie wird es immer geben; aber genau das unterscheidet die Wissenschaft von der Religion: dass man über Theorie und Falsifizierung voran kommt. Mit geradezu erotischer Hingabe laben sich die Skeptiker an der berühmten Hockeyschläger-Kurve, die den mittleren globalen Termperaturverlauf der letzten Tausend Jahre beschreibt. Dass es hier in wissenschaftlicher Normalität zu Fehlern gekommen ist verkaufen/verstehen die Skeptiker als Beleg all Ihrer Gegenthesen. Dass die Kurve in der Zwischenzeit nehrmals mit neuen Daten und Methoden korrigiert wurde wird ebenso gerne verschwiegen. Denn: die Kernaussage bleibt auch in den neuen Kurven dieselbe: Die Temperatur auf der Erde explodiert seit den 1970er Jahren unaufhaltsam, die zehn Jahre von 2000-2010 waren die heißesten seit Menschengedenken.

Die viel bemühte "Dissens" unter den Klimaforschern besteht im Übrigen nicht darin, ob der Mensch das Klima beeinflussen kann, sondern nur in der Frage, in welchem Ausmaß das geschieht. In den Projektionen der Klimamodelle findet das seinen Ausdruck in der großen Varianz möglicher Temperaturen, die uns Ende des Jahrhunderts bevorstehen könnten. Größter Unsicherheitsfaktor dabei: die künftigen weltweiten CO2-Emissionen. Niemand kann vorhersagen, ob und wann die Regierungen der Industriestaaten ihr Denken verändern. Aber leider steht zu befürchten, dass wir doch über das dünne Eis gezwungen werden.
Wer wie Mojib Latif zusammen mit den anderen Wissenschaftlern in der Öffentlichkeit vor einer schwierigen Zukunft warnt, dürfte sich an die abgedroschenen Phrasen der Kritiker außerhalb des Wissenschaftsbetriebs gewöhnt haben. Es ginge den Forschern um Fördergelder heißt es immer wieder, den Skeptiker und deren Unterstützern (Exxon Mobile, Koch Industries, General Motors, u.v.a.) dagegen um die Wahrheit, ja was den sonst. Dann die ewige Leier um die vermeintlich "politisch initiiert Aussagen des IPCC". Wobei - stimmt! In der Tat ist ja bekannt, dass die Bush-Administration ebenso wie die chinesische Regierung erfolgreich auf eine Abschwächung der Zusammenfassungen des 4. IPCC-Reports eingewirkt hat. Und natürlich darf in der Rezension von Matze99 - die exemplarisch für die Standardrhetorik der Klimaskeptiker stehen könnte - der Hinweis nicht fehlen, dass das betreffende Werk ja "mit sehr zweifelhaften oder bereits wiederlegten Fakten allein (!) der Mensch und CO2 für den Klimawandel verantwortlich" macht. Welche "zweifelhaften" und "widerlegten" Fakten gemeint sein könnten, darüber schweigt sich der Rezensent selbstverständlich aus. Wahrscheinlich meint er halt einfach alles.

Meines Erachtens ist Mojib Latifs Buch ein gelungener und wichtiger Beitrag zu einem essentiellen Menschheitsthema. Wer sich einen soliden Überblick über das Thema Klimawandel aneignen möchte, um sich gegen die verbreiteten Scharlatanerie zu immunisieren, dem sei das Buch wärmstens empfohlen. Fünf Sterne deluxe.


Seite: 1