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Rezensionen verfasst von
Liz Lemon

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Die Reise zum Mond & Die außergewöhnliche Reise  (OmU) [Blu-ray]
Die Reise zum Mond & Die außergewöhnliche Reise (OmU) [Blu-ray]
DVD ~ Georges Melies
Preis: EUR 9,97

5.0 von 5 Sternen Die Urform des Kinos, 21. Oktober 2013
Eine Viertelstunde, das ist eigentlich eine verdammt kurze Zeit für eine umwerfend charmant inszenierte Reise zum Mond, und dennoch kann man in diesem allerersten Science Fiction-Abenteuer der Filmgeschichte einige Urtypen jener bizarren Zukunftsvisionen, grotesken Verlaufsmuster, optischen Tricks, Kniffe und Elemente entdecken, die für die nächsten über 100 Jahre in immer moderneren Spielarten die Genrekonventionen definieren werden. So begeben wir uns zurück in eine Zeit (gedreht 1902), als das Kino noch kein profitträchtiges Massenmedium war, und steigen an der Seite des phantasiebegabten Georges Melies in eine raumschiffähnliche Kapsel, dringen in fremde Welten vor, begegnen einer unbekannten Spezies und lassen uns verzaubern von einer einfallsreichen Parodie auf die Romane von Jules Verne und H.G. Wells, in der künstliche Wesen verschwinden und andere sich verdoppeln, putzige Mädchen in knappen Höschen durchs Bild trippeln und der Mond mit seinem anthropomorphen Gesicht in Gestalt einer frühen kinematographischen Ikone im Kosmos seine Bahnen zieht. Ausgangspunkt ist eine außerordentliche Versammlung am "Inkohärenten Institut für Astronomie". Wissenschaftler aus allen Ecken der Erde treffen dort auf einem Kongress zusammen und warten gespannt auf den Vortrag von Professor Barbenfouillis (gespielt von Melies höchstpersönlich), der seine Zuhörer sogleich mit einer revolutionären Idee verschreckt: Unter Zuhilfenahme eines Geschosses, das von einer gigantischen Kanone abgefeuert wird, will der Gelehrte zum Mond fliegen. Im Auditorium bricht zunächst Chaos aus; schließlich werden fünf Astronomen auserkoren, die Barbenfouillis auf seiner gefährlichen Expedition begleiten sollen. Arbeiter in einer Fabrik bauen Kapsel und Kanone zusammen. Als alles fertig ist, folgt der feierliche Moment des Abflugs: Grenadiere marschieren auf, eine Gruppe leicht bekleideter Mädchen tritt zum Fahnenappell an, ein letzter Tusch und dann ab ins All! Das Geschoss rast direkt auf den Trabanten zu, ehe es mitten in seinem rechten Auge landet. Dem Mond kullern die Tränen, denn das tut bitterlich weh! Nach dem harten Aufschlag ruhen sich die Forscher erst einmal aus und träumen von surrealen Sternenformationen. Dann wird die Oberfläche untersucht. In einer Grotte voller Riesenpilze stoßen die Wissenschaftler auf feindliche Bewohner, die Seleniten, von denen sie trotz tapferen Widerstandes gefangen genommen werden. Der Mondkönig gewährt ihnen eine Audienz, doch nachdem die Eindringlinge bemerken, dass sich ihre steinzeitlich anmutenden Gegenspieler bei Berührung durch einen Regenschirm auf wundersame Weise in Rauch auflösen, gelingt ihnen schließlich die Flucht zur Kapsel. Von einer Klippe stürzen sie auf die Erde und sinken mit dem Raumschiff auf den Grund eines Ozeans. Ein Schaufelraddampfer rettet sie aus dem Wasser und bringt sie ans Ufer, wo die Helden von einer euphorisch jubelnden Menge empfangen werden.

Zugegebenermaßen verfügt diese herrlich naiv porträtierte Kurzgeschichte nicht gerade über den philosophischen Charakter späterer Klassiker wie vielleicht Kubricks "2001", sondern erinnert eher an den knalligen Budenzauber einer kapriziösen Jahrmarktsattraktion (was dieser Streifen in Wahrheit ja auch war), die dem Publikum einzig und allein zur unterhaltsamen Ablenkung vom Alltagsrealismus dient, zumal der Plot von den handgemachten Effekten eindeutig in den Schatten gestellt wird. Dennoch schafft es diese archaische Mischung aus Film, Malerei und Theaterkunst die Augen des Betrachters zu begeistern, weil die einzelnen Tableaus so liebevoll und possierlich von Georges Melies illustriert wurden. Drehbuch, Bauten, Darstellung und Montage hat er alles selbst konzipiert, wobei er mehr Orchesterdirigent als Regisseur ist. Denn obwohl die Kamera stets aus einer starren Position heraus auf das Geschehen blickt, weiß man manchmal nicht so genau, wo man eigentlich zuerst hinsehen soll, da die Schauspieler ständig in Bewegung sind und dabei auch noch wild mit den Händen gestikulieren. In die monströsen Kostüme der Seleniten steckte Melies professionelle Akrobaten, was man an den stilvollen Purzelbäumen unschwer erkennen kann. Von der Bühne seines Robert-Houdin Theaters übernahm er die Pyrotechnik sowie die Mechanisierung der Hintergrundkulissen. Dass dieser Filmpionier auch ein großartiger Satiriker gewesen sein muss, der als Karikaturist bei der Zeitschrift "La Griffe" arbeitete, verraten die virtuos eingewobenen Gags. So verwandeln sich die Fernrohre der Astronomen auf dem Kongress in Barhocker, weil die Sitzgelegenheiten in den Hörsälen wahrscheinlich damals schon stark limitiert waren. Doch auch die Kunst der Fotografie beherrschte Melies meisterhaft. Oft kommen Techniken wie Überblendung und Doppelbelichtung zum Einsatz. Viele seiner Filme kolorierte er nachträglich mit einem Pinsel. Sowohl die Schwarzweiß- als auch die restaurierte Farbfassung (passend unterlegt mit Musik von der französischen Popgruppe Air) sind neben einer ausführlichen Dokumentation auf dieser Blu-Ray vorhanden.


Das Fenster zum Hof [Blu-ray]
Das Fenster zum Hof [Blu-ray]
DVD ~ James Stewart
Wird angeboten von Celynox
Preis: EUR 14,99

5.0 von 5 Sternen Der Reiz des Voyeurismus, 21. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Das Fenster zum Hof [Blu-ray] (Blu-ray)
Hitchcocks Ästhetik ist bis heute unerreicht. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil seine Epigonen nie wirklich verstanden haben, dass die oftmals ironisch verbrämten Crime-Plots mit dem etwas verwinkelten Handlungsgeflecht und dem viel gerühmten Suspense in der Regel nur einen dankbaren Aufhänger für den britischen Regisseur lieferten, um dem von Angst durchpulsten Publikum auf unterhaltsame Weise seine tragischen, teils sehr komischen, teils obsessiven Beziehungsdramen zu präsentieren, die natürlich gleichzeitig dazu dienten, die hohe Affinität des Meisters für das Makabere zu befriedigen. Am deutlichsten offenbart sich dieses raffiniert konstruierte Schlüsselprinzip in "Rear Window", einer voyeuristischen Hinterhofgeschichte, in der sich alles um das Sehen und die Interpretation des Beobachteten dreht, die Neugier und die Scham, die man dabei empfindet, aber auch das Ausfüllen des Nichtgesehenen durch die Wucherungen der Phantasie spielt eine ganz entscheidende Rolle.

Dazu ließ Hitchcock auf dem Gelände der Paramount Studios einen Häuserblock mit 31 Wohnungen errichten, den er unter Zuhilfenahme reduzierter erzählerischer Mittel in eine Bühne des Welttheaters umfunktioniert, hinter deren fein herausgeputzter Oberfläche sich episodische Miniaturen des alltäglichen Lebens zu einem szenischen Kaleidoskop mit universellem Tiefgang zusammenfügen. Dort gegenüber befindet sich ein Appartement, in das der notorische Perfektionist seine beiden charismatischen Hauptdarsteller platziert, die in einigen wunderschönen Einstellungen vor den kargen, abgedunkelten Kulissen wie ornamental aufgesteckte Ikonen wirken. Der schlaksige, baumlange James Stewart schlüpft hier in die Haut von L. B. Jefferies, einem abenteuerlustigen Fotografen, der seit einem Unfall während der Aufnahmen bei einem Autorennen an den Rollstuhl gefesselt ist. Eine Situation, die unmittelbar der Perspektive des Publikums gleicht, da der Zuschauer fortan Jefferies' eingeschränkten Blickwinkel einnehmen wird. Sein linkes Bein ist bis zur Hüfte eingegipst, doch das soll nicht sein einziges Problem bleiben: Lisa Carol Fremont will ihn unbedingt heiraten, ein Gedanke, an den sich der unstete Jefferies nur widerwillig gewöhnen kann, weil der Kostverächter der erfolgreichen Modedesignerin das gefährliche Leben an seiner Seite einfach nicht zutraut. Diese Aversion mag man James Stewart kaum abkaufen angesichts der zauberhaften Grace Kelly samt dem gleißenden Schimmer ihrer blond gefärbten Haare, den ebenmäßigen Gesichtszügen, der graziösen Eleganz ihrer Bewegungen, der subtilen Sinnlichkeit ihrer Ausstrahlung und jener geheimnisvollen Melange aus warmem Herzen und kühlem Blut. Aber das ist eben eine dieser typischen Hitchcock-Absurditäten, die eher der maskulinen Paranoia eines stark untersetzten Cockney-Jungen vor weiblicher Dominanz entsprungen zu sein scheint. Lisa jedenfalls rückt ihrem Verlobten erst einmal mächtig auf die Bude, doch der will nur schauen, was in den anderen Wohnungen passiert. Denn hinter jedem Fenster verbirgt sich ein besonderes Schicksal, das jedes für sich wiederum dem heiratsunwilligen Spanner eine der vielen verschiedenen Facetten im Zusammenleben der Geschlechter vor Augen führt oder sogar ein Spiegelbild seines eigenen Seelenzustandes reflektiert. Da gibt es den ledigen Pianisten, der sich ständig betrinkt; die alleinstehende Frau, Miss Lonely Heart, die sich in eine Phantasiewelt zurückgezogen hat und den Tisch für ihren imaginären Liebhaber deckt; Miss Torso, eine Balletttänzerin und Bikini-Bombe, hinter der in Scharen die Verehrer her sind; das frischvermählte Paar, bei dem der Mann das sexuelle Verlangen seiner Angetrauten nur noch seufzend erträgt; die kinderlosen Ehegatten, die all ihre Zuneigung einem kleinen Hündchen widmen; und da sind die Thorwalds, deren Streitereien immer heftiger werden, weil der enervierte Handelsvertreter nie in Ruhe mit seiner Geliebten telefonieren kann. Ebenso wie Jefferies ist er an eine Frau gebunden, die ihn nicht so lässt, wie er gern möchte. Als die bettlägerige Misses Thorwald eines Tages nicht mehr in der Wohnung zu sehen ist und ihr Mann mitten in der Nacht mit einem Schrankkoffer in der Dunkelheit verschwindet, meint Jefferies Zeuge eines Mordes geworden zu sein. Aber man schenkt ihm zunächst keinen Glauben, weder seine Krankenpflegerin Stella noch Lisa und auch nicht sein Freund, der Detektiv. Erst als Lisa im Stile einer Helena von Troja in die Wohnung des Verdächtigen steigt und damit Jefferies unter Beweis stellt, zu welch waghalsigen Aktionen die mondäne Jetset-Lady doch imstande ist, zeigt sich, dass er mit seiner Intuition tatsächlich richtig lag. Dass ausgerechnet ein Ehering das Verbrechen entlarvt, ist sicher kein Zufall. Mit einer triumphalen Geste in Richtung Jefferies streift sich Lisa das Corpus Delicti über den Finger und spätestens dann weiß man, dass in diesem Hinterhof alles mit allem zu tun hat: das Geschehen und dessen Wahrnehmung, das Beobachten und der Voyeur, das Teleobjektiv und das Schlachtermesser (beides sind phallische Symbole), die Liebesromanze und der Mord, die Komik und der Nervenkitzel, und L. B. Jefferies ist letztlich auch nur Alter Ego des Regisseurs. Die virtuose Art der Inszenierung und wie Hitchcock in den doppeldeutigen, anzüglichen Dialogen mit den moralischen Werten seiner Zeit Schlitten fährt, machen "Rear Window" zu einem der ganz großen Klassiker des Kinos.

Diese Blu-Ray macht richtig Spaß. Sie besitzt ein gestochen scharfes Bild, was in diesem Fall auch wirklich wichtig ist, denn mit solch einer auratischen Ausstrahlung hat ein Regisseur kein zweites Mal eine Frau auf der Leinwand abgelichtet: Grace Kelly zelebriert hier den vielleicht schönsten Moment ihrer kurzen Film-Karriere. In ihrer ersten Szene überrascht sie den am Fenster eingeschlafenen James Stewart mit einem Kuss, sodass dieser benommen fragt, wer sie denn sei. Daraufhin illuminiert sie nahezu tänzerisch das Zimmer, indem sie drei Lampen anknipst und dabei mit betonter Artikulation noch einmal ihren Namen in Erinnerung bringt: "Vom Scheitel bis zur Sohle: Lisa...Carol...Fremont". Traumhaft, im wahrsten Sinne des Wortes! Auch das Bonusmaterial fällt ziemlich üppig aus (u.a. Ethik in Rear Window: Die Originaldokumentation zum Film, Barrieren durchbrechen: Hitchcock Sound, Interview mit Drehbuchautor John Michael Hayes).


Das verflixte 7. Jahr mit Marilyn Monroe - SZ Cinemathek Traumfrauen 9
Das verflixte 7. Jahr mit Marilyn Monroe - SZ Cinemathek Traumfrauen 9
DVD ~ Billy Wilder
Wird angeboten von cd-lp-buch-film
Preis: EUR 11,00

4.0 von 5 Sternen Die Last mit der Lust, 21. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Du liebe Güte, der arme Kerl! Gibt es denn wirklich keinen couragierten Retter in seiner Nähe, der bereit wäre, ihm einen Teelöffel vom Kraut des Odysseus als heilendes Gegengift für den schwindelerregenden Kitzel der Wollust in seinen Adern zu verabreichen? Als wäre die Hitze nicht schon drückend schwül genug, hetzt Billy Wilder seinem gemarterten Protagonisten in "Das verflixte 7. Jahr" ausgerechnet auch noch die Monroe auf den Hals, sodass man als Zuschauer am Ende gar nicht mehr recht weiß, ob der Schweiß auf der Stirn des Strohwitwers Sherman nur aufgrund der New Yorker Hundstage oder doch wegen der blonden Versuchung mit den wohlgeformten Rundungen so sintflutartig aus den Poren schießt. Nachdem er seine Familie kurzerhand für einen Sommerurlaub aufs Land geschickt hat, bleibt besagtem Sherman nun genügend Zeit, seine volle Aufmerksamkeit dem eigentlichen Objekt der Begierde zu widmen, der jungen Nachbarin, die eine Etage über ihm wohnt und den biederen Verlagslektor mit einer unwiderstehlichen erotischen Anziehungskraft in ihren Bann zieht. Sobald die Schönheit im flotten Stöckelschuhgang (dessen komische Wirkung noch dadurch verstärkt wird, dass die hautengen Kleider dem scharf konturierten Gesäß ein prägnantes Eigenleben verleihen) kokett an ihm vorbeiflaniert, beginnen die Phantasmen in Shermans Kopf wild zu zirkulieren. Im Treppenhaus lernen sich beide zufällig kennen und je vertrauter sie miteinander werden, desto fiebriger schwankt der neurotische Bürohengst zwischen der Loyalität zu seiner Frau Helen und der Sehnsucht nach einer Affäre mit der drallen Zirze. Bei einer Flasche Sekt, aufwühlender Musik von Rachmaninow oder einem gemeinsamen Abend im Kino beschnuppert er sie mit dem lüsternen Appetit, mit dem ein Hungernder auch den betörenden Duft eines opulenten Mahls empfängt, traut sich aber dennoch nicht, sich an den Tisch zu setzen und herzhaft zuzubeißen. Ein Verhalten, das an das unterdrückte Begehren eines geläuterten Alkoholikers erinnert, der mit einer bedauernden Geste ein ihm trocken serviertes Glas Martini ablehnt. Ein einziges Mal lässt sich Sherman dann doch hinreißen und fällt nach einem Flohwalzer am Klavier animalisch über sein Opfer her, um anschließend zu seiner Ernüchterung festzustellen, dass die so innig Angebetete ihn lediglich nett findet.

Somit bleibt der Koitus ein Wunschgedanke, was die Monroe zu einem Inbegriff des Widerspruchs von Sex und Moral im prüden Amerika der 50er Jahre werden ließ, dessen puritanische Sitten Billy Wilder hier mit subtilsten Andeutungen durch den Kakao zieht. Marilyn Monroe darf man in diesem Film keinesfalls unterschätzen, da sie zwar mit ihrer stilisierten Weiblichkeit das Klischee der naiven Blonden bedient, es aber zugleich in einen Triumph wendet, indem sie das triviale Frauenbild jener Zeit mit ihrem meisterhaften komödiantischen Talent und viel Verve ironisiert beziehungsweise ins Absurde überdehnt, sodass es auf jene zurückfällt, die es kreierten. Die Raffinesse ihres Spiels liegt in der offenherzigen Art einer exhibitionistisch wirkenden Unschuld verborgen, die etwas tapsig über ihren überbordenden Sex-Appeal stolpert und dem Publikum damit suggeriert, dass sie sich der Wirkung ihrer verführerischen Ausstrahlung scheinbar überhaupt nicht bewusst ist. Dies entfaltet beim Betrachter ein Gefühl der Allmacht, da er wie Sherman glaubt, etwas zu merken, was sie selbst nicht ahnt. Dahinter steckt jedoch pure Absicht, weil sich jeder Augenaufschlag, jedes Lächeln und jeder sinnliche Blick natürlich auch an den Zuschauer richtet. Die Tragik der Monroe besteht darin, dass sich diese auf der Leinwand kolportierte Selbstsicherheit bei weitem nicht mit der Privatperson deckte. Die legendäre Szene, in der sie in Pin-up-Pose über dem Gitter eines U-Bahn-Schachts steht und ein Luftzug von unten ihr strahlend weißes Plisseekleid zur Freude von Sherman dermaßen hoch in die Luft wirbelt, dass fast auch noch ihr Slip zum Vorschein kommt, brachte ihr nicht nur Weltruhm ein, sondern obendrein einen handfesten Krach mit ihrem zweiten Ehemann Joe DiMaggio. Noch während der Dreharbeiten reichte sie die Scheidung ein und stürzte in eine tiefe Depression, die sie mit einem Medikamenten-Cocktail zu bekämpfen versuchte, weshalb einige Takes aufgrund ihrer Unkonzentriertheit bis zu über 40 Mal wiederholt werden mussten, ehe die Szene schließlich im Kasten war. In der Suche einer verletzlichen Kindfrau nach öffentlicher Bestätigung als Korrektiv für ihren biografisch bedingten Minderwertigkeitskomplex ist bereits die Selbstzerstörung des Kunstprodukts "Marilyn Monroe" angelegt, dessen emblematische Erscheinung nicht nur, wie hier im Film zu sehen, von der Konsumindustrie, sondern auch von Regisseuren, Produzenten oder gar dem gehobenen Kulturmilieu (von Dali bis Warhol) gnadenlos für eigene Zwecke ausgeschlachtet wurde.

Für den Part des Richard Sherman favorisierte Billy Wilder zunächst den damals (1955) noch unbekannten Walter Matthau, die Studiobosse wollten allerdings kein Risiko eingehen und engagierten stattdessen Tom Ewell, der die Rolle bereits im gleichnamigen Theaterstück von George Axelrod am Broadway spielte. Das ursprüngliche Ende, das durch eine verräterische Haarspange im Bett von Sherman den vollzogenen Ehebruch andeutet, wurde leider von McCarthys konservativen Tugendbrigaden zensiert, weshalb der Film in der Nachwirkung etwas von seinem Biss verliert. Was letztlich bleibt, ist eine Kette von verfänglichen Situationen, die auf ganz witzige Weise bebildern, dass bei Männern vom Schlage eines Richard Sherman unter der dünnen Decke der Zivilisation eben doch noch das triebhafte Begehren von hungrigen Jägern lauert, so wie bei den Indianern in der Eröffnungssequenz. Und Marilyn Monroe hat sie alle noch ein bisschen verrückter und wilder gemacht!


Rote Laterne - Raise The Red Lantern (KSM Klassiker inkl. Booklet) [Blu-ray] [Limited Edition]
Rote Laterne - Raise The Red Lantern (KSM Klassiker inkl. Booklet) [Blu-ray] [Limited Edition]
DVD ~ Cuifen Cao
Preis: EUR 19,99

5.0 von 5 Sternen Theater der Grausamkeiten, 21. Oktober 2013
In Zeiten dynastischer Zeugungspflichten durfte Liebe bei der Eheschließung der Mächtigen nur selten eine exponierte Rolle spielen. In China war das kaum anders als in Europa. Nach taoistischer Lehre brauchte ein Herrscher möglichst viele Frauen, um die Kräfte des Yin und Yang im Gleichgewicht zu halten. Die weibliche Yin-Essenz galt als unerschöpflich, das männliche Yang hingegen als begrenzt, weshalb eine hohe Zahl an attraktivem Gefolge die Potenz stimulieren sollte. Konkubinen und Nebenfrauen wurden so zu einem festen Bestandteil elitärer Kreise. Nur wenige von ihnen (wie die spätere Kaiserin-Witwe Cixi) gewannen an Einfluss und Status, viele gingen daran emotional zugrunde. Auch die schöne Gong Li kann sich im Schein der roten Laternen diesem Schicksal nicht entziehen.

China in den 1920er Jahren: Nach dem Tod ihres Vaters bricht die nun mittellose Songlian (Gong Li) ihr Studium ab, um notgedrungen in eine Heirat mit dem despotischen Herrn Chen einzuwilligen. In dessen Serail muss sich das einst so erwartungsvolle Mädchen einem strengen Reglement aus Sitten und Gebräuchen unterwerfen und fristet fortan ein fremdbestimmtes Dasein als entrechtete Nebenfrau. Chen ist reich, er kann es sich leisten jeder seiner nunmehr vier Gattinnen in seinem Palast ein eigenes Haus zur Verfügung zu stellen. Zur Untätigkeit verdammt gleicht das neue Leben von Songlian einer spukhaften Vorhölle, in der hinter jedweder Ecke Agonie und Verfall lauern. Sexualität ist hier pure Machtausübung. Schnell antizipiert die 19-jährige, dass nur diejenige der vier Damen die Gunst des Herrn sowie alle damit verbundenen Privilegien genießen darf, in deren Innenhof Chens altehrwürdiger Diener eine rote Laterne anzündet. Denn der Potentat entscheidet jeweils von Fall zu Fall, wo er die Nacht verbringen möchte, sodass das Ansehen der Frauen davon abhängt, wie oft sie auserkoren werden. Wird eine Kandidatin längere Zeit übergangen, verliert sie alle Begünstigungen und erntet stattdessen den Spott der Bediensteten. Anstatt sich gemeinsam gegen dieses unmenschliche System aus Belohnung und Bestrafung aufzulehnen, erstickt das daraus resultierende Ränkespiel der Frauen jegliche Solidarität im Keim, was in ein unheilvolles Geflecht aus Intrigen, Neid und Schikanen mündet, in dem sich auch die mit der Situation zunehmend überforderte Songlian immer tiefer verstrickt. Während sie sich anfangs noch trotzig den starren Ritualen dieser abgeschotteten Parallelwelt widersetzt, wendet sie diese nun in einer selbstzerstörerischen Rivalität gegen ihre Konkurrentinnen. So täuscht sie eine Schwangerschaft vor, um sich einen entscheidenden Vorteil zu verschaffen. Doch ihre missliebige Haushälterin Yan'er verrät sie bei Zhuoyan, der zweiten Ehefrau, die sich schon bald als raffinierte Strippenzieherin entpuppt und die Lüge schließlich entlarvt. Songlian fällt bei Chen in Ungnade, wofür sie sich so bitterlich an der ambitionierten Dienerin rächt, dass diese an den Folgen der verhängten Strafe stirbt. Und noch ein weiteres Todesopfer verursacht Songlian durch ihr unbedachtes Verhalten: Nach einer Völlerei verrät sie im Rausch, dass die dritte Ehefrau Meishan eine Affäre mit ihrem Arzt hat, woraufhin Chen die Delinquentin brutal hinrichten lässt. Songlian, die den Mord heimlich beobachtet, verliert daraufhin den Verstand und flüchtet sich in die innere Emigration des Wahnsinns. Als Siegerin dieses Theaters der Grausamkeiten geht deshalb zunächst Zhuoyan hervor. Doch auch ihre Hoffnung, durch Opportunismus eine höhere Stufe in der sozialen Hierarchie dieser modellhaften Feudalgesellschaft zu erreichen, erweist sich als fatale Illusion: Bereits im nächsten Sommer betritt die fünfte Braut als Ersatz für Songlian das Anwesen.

Das Licht der roten Laternen, das scheinbar immer stärker auf Songlian abfärbt, ist als Symbol höchst ambivalent, versinnbildlicht es doch sowohl die erwachende Freude über die zugestandenen Vorzüge als auch das erlittene Leid der Repression. Dementsprechend schmal ist auch der Grat zwischen Opfersein und Mittäterschaft. Mit dieser kammerspielartig inszenierten Tragödie ist Zhang Yimou 1991 aber nicht nur eine eindringliche psychologische Studie über die Unterdrückung der Frau im von Traditionen geprägten China gelungen, sondern auch eine gesellschaftspolitische Parabel auf die Missachtung der Menschenrechte durch die kommunistischen Machthaber der Gegenwart und die schrecklichen Ereignisse auf dem Platz des himmlischen Friedens im Jahr 1989, weshalb der Film auch prompt verboten wurde. Am deutlichsten artikuliert sich Zhangs verschlüsselt vorgetragene Kritik in der äußerst suggestiven Wirkung der verwendeten filmischen Mittel. So ist der neugierige Blick der Kamera stets auf Dienerschaft und Nebenbuhlerinnen gerichtet, während der autoritär agierende Chen immer nur aus großer Entfernung oder von hinten gezeigt wird, was ihm eine Aura des Unantastbaren verleiht. Zudem wird der triste Alltag der Frauen durch einen extrem stereotypen Ablauf der Handlung verstärkt, die strikt dem Zyklus der vier Jahreszeiten (ohne Frühling) folgt. Die symmetrisch angeordnete Architektur von Chens Festung vermittelt einen Eindruck der Unentrinnbarkeit, und die elefantengrauen Dächer wirken in den oft wiederkehrenden statischen Raumtotalen wie ein gepanzertes Machtsystem. Nicht nur Songlian verschwindet auf Nimmerwiedersehen hinter den dicken Mauern, auch der Zuschauer ist hier für den Rest des Films eingesperrt, da der Fokus des Geschehens nicht ein einziges Mal das Areal verlässt. Auf diese Weise dominiert am Ende die beklemmende Ästhetik eines entrückten, unfreien Mikrokosmos, dem jegliche menschliche Wärme abhanden gekommen ist und der deshalb nur noch eine Vorwegnahme des unausweichlichen Todes darstellt.

Die Blu-Ray befindet sich in einem Pappschuber. Der TV-Spielfilm-Sticker ist leider (ebenso wie das FSK-Etikett) auf der Hülle aufgedruckt, lässt sich also nicht entfernen. Die Jewel-Case im Inneren besitzt allerdings ein Wendecover. Als Bonusmaterial sind lediglich ein paar Trailer abrufbar.


Marokko - SZ-Cinemathek 19
Marokko - SZ-Cinemathek 19
DVD ~ Gary Cooper

4.0 von 5 Sternen Die Transformation zur Legende, 16. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Marokko - SZ-Cinemathek 19 (DVD)
Mit dem so aussichtsreichen Wörtchen "Sexappeal" bezeichnet man allgemein jenen Zauber, der von Wesen ausgeht, die sich nicht ganz so einfach unter der geläufigeren Rubrik "Schönheit" einordnen lassen. Die fesche Lola aus "Der blaue Engel", die in lasziver Pose auf einem Fass sitzt und ihr linkes Bein verführerisch an sich heranzieht, während sie provozierend gleichmütig über ihre nackte Schulter blickt, um mit dunklem Timbre ihr körperbetontes Liebesbekenntnis in Form eines verruchten Gassenhauers abzulegen, erfüllt sicherlich alle Kriterien, die der Aura des erotischen Vamps am nächsten kommen. Um aus einer solchen Sex-Göttin eine dauerhafte Legende zu stricken, die über Generationen hinweg nichts von ihrer Anziehungskraft verliert, bedarf es jedoch noch einmal einer weitaus radikaleren Transformation, dessen muss sich auch Josef von Sternberg bewusst gewesen sein, als er sich mit manischer Besessenheit anschickte, sein Geschöpf, die Dietrich, in einen unsterblichen Leinwand-Mythos zu verwandeln. Den Startschuss dazu gaben die Paramount Studios in Hollywood, die Marlene als Konkurrenz zu Greta Garbo engagierten und der Diva ein modern erscheinendes Frauenbild auf den Leib schneiderten, das mit seinem subversiven Potenzial nicht nur als bloße Projektion männlicher Angstlust diente, sondern darüber hinaus die Rolle der selbstbewussten sexuellen Freibeuterin in einen glanzvollen Triumph umdeutete. Nur einen einzigen Film sollte es dauern, bis die Metamorphose abgeschlossen war. Für "Marokko" ließ sich die Dietrich die Augenbrauen abrasieren und durch zwei höher liegende Halbmondsicheln ersetzen. Außerdem wurden die Haare blondiert sowie die oberen Wimpern verlängert und dunkel eingefärbt. Der Blick ist nun verhangen, die Stirn trägt sie offen. Ihre Stupsnase, die sie selber häufig etwas abfällig als Sprungschanze betitelte, verkleinert sich optisch mit der kosmetischen Hilfe eines feinen Silberstrichs, der das Licht besser reflektiert. Pedantisch achtet sie darauf, dass sie von Kameramann Lee Garmes stets von oben ausgeleuchtet wird, um die hohen Wangenknochen zu betonen und die durch Make-up vergrößerten Augen mit ihren schweren Lidern zu verschatten. Das Gesicht erscheint durch dieses sogenannte Nordlicht (eine Technik, die Rembrandt-Gemälden entlehnt ist) insgesamt schmaler, was allerdings auch an den speziellen Bittersalz-Diäten lag, die Sternberg der Schauspielerin regelmäßig vor Drehbeginn verordnete. Dass man der Dietrich extra ein paar Backenzähne gezogen hat, damit die Wangen hohler wirken, stellt nicht mehr als ein Gerücht dar, das eher den visuellen Effekten jenes Umgestaltungsprozesses zuzuschreiben ist, an dessen Ende eine stilisierte Ikone steht, die durch das erotisch aufgeladene Zusammenspiel mit Gary Cooper dieser handlungsarmen Romanze erst eine strukturierte Ordnung gibt.

Charakteristisch für Sternberg ist es, dass der Plot im virtuosen Arrangement von Licht und Dekor gänzlich seine Kontur zu verlieren droht. "Marokko" kolportiert lediglich ein ätherisches Gemisch aus glühenden Emotionen, kontemplativen Stimmungen und prägnanten Gesten, aufgetischt im exotischen Ambiente des Orients, wo im heißen Wüstensand die Geschlechter aufeinander prallen und dabei ihre Grenzen verwischen. Die Dietrich scheint hier in Gestalt der Barsängerin Amy Jolly wirklich zu allem fähig zu sein: In der berühmtesten Szene des Films beansprucht sie für einen denkwürdigen Auftritt vor buhenden Zuschauern urtypische maskuline Insignien wie Frack, Anzug und Zylinder kurzerhand für sich, zieht einer Dame im Publikum frech eine Rose aus dem Haar und küsst sie beiläufig auf den Mund. Mit diesem damals leicht provokanten Outfit der knabenhaften Garçonne dokumentiert die Dietrich äußerlich die emanzipatorische Gleichstellung von Frau und Mann. Allerdings könnte man diese Sequenz auch als homosexuelle Andeutung werten. Denn als sich etwas später der sonst so kernige Gary Cooper in Amys Garderobe den ominösen Hut der Chanteuse auf den Kopf setzt und in den Spiegel schaut, erschrickt er sofort und läuft davon, vielleicht weil er in diesem Moment registriert hat, dass er sich vom Mann in der Dietrich angezogen fühlt. Oder flüchtet er nur vor Amys dominanter Aura? Cooper mimt in diesem Streifen den Fremdenlegionär Tom Brown, der als Soldat der Liebe um die Gunst der Venus buhlt. Doch die Angst vor festen Bindungen und dem Verlust von Freiheit dominiert jeden Zug in diesem erbittert geführten Gefecht. Mit dem reichen Geschäftsmann Le Bessier (Adolphe Menjou), einem untadeligen Gentleman, steht noch ein weiterer Verehrer zur Auswahl. Amy scheint sich nicht entscheiden zu können, bis sie nach einigen Runden auf dem Karussell der Wirrungen schließlich auf das Geld und den Ehering von Le Bessier verzichtet, wie vom Wahn gepackt ihre hochhackigen Pumps beiseite wirft und dem Ruf ihres Herzens folgt, der sie mitten in die Wüste führt, wohl wissend, dass Tom ihr niemals treu sein wird. Wieder einmal muss sie sich aufopfern, die kühle Unnahbare, womit Sternberg in sentimentaler Manier jene moralische Integrität der Dietrich herausstellt, die dieses verletzliche Berliner Original auch in der Realität zu einer wahren Persönlichkeit machte.


Marie Antoinette
Marie Antoinette
DVD ~ Kirsten Dunst
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Bonbonfarbenes Zeugnis einer letzten großen Ausschweifung, 16. Oktober 2013
Rezension bezieht sich auf: Marie Antoinette (DVD)
Letztlich ist es insbesondere dieser eine Satz, der sich auf ewig ins Gedächtnis der Nachwelt brannte: "Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen!" Eine ebenso zynische wie unsensible Botschaft, gerichtet an ein Volk, in dem es vor allem Hunger und Hass im Übermaß gibt. Marie Antoinette wird dieser Ausspruch zugeschrieben, wenngleich sie jene Worte wohl so nie gesagt hat. Zumindest kommen Historiker wie die Biografin Antonia Fraser (deren Buch der Film in Teilen adaptiert) mittlerweile zu diesem Schluss. Vielmehr handele es sich um ein mit Wonne lanciertes Gerücht, das wahrscheinlich auch deswegen in der Erinnerung verhaften blieb, weil es wunderbar passte: zu der blinden Arroganz der Macht, der Unbeweglichkeit der Ständegesellschaft, der Ignoranz der Monarchie gegenüber dem aufkommenden Elend und dem eklatanten Missverhältnis zwischen den dekadenten Eliten in Versailles und einer in Armut versinkenden Bevölkerung. Bezeichnend für das Leben der letzten Königin des Ancien Regime ist dieser Satz allemal, denn die jüngste Tochter der Habsburger Herrscherin Maria Theresia blieb am französischen Hof immer eine Fremde, eine Wienerin, der man stets misstraute und vieles unterschob, ein pompös herausgeputzter Sündenbock in einem schon seit langem heruntergewirtschafteten Land. Bereits die allererste Szene nutzt Sofia Coppola zu einem provokanten Spiel mit jener ominösen Kuchen-gegen-Brot-Formel: Wir sehen Marie Antoinette, wie sie in lasziver Pose auf einer Chaiselongue liegt, mit dem Finger durch eine pinkfarbene Zuckercreme-Torte fährt und einen verstohlenen Blick in Richtung Kamera wirft. Exquisites Hefegebäck anstelle des gewöhnlichen Brots - als ließe sich eine Staatskrise so einfach lösen! Dass dieses von der Geschichtsschreibung inzwischen leicht korrigierte Bild direkt an den Beginn des Films gesetzt wird, kommt nicht von ungefähr, denn auch Coppola versucht im weiteren Verlauf, das berüchtigte Image der Stilikone des Rokoko ein bisschen aufzubrechen, indem sie ein intimes psychologisches Porträt zeichnet, das zugleich in einer bonbonfarbenen Phantasie eine moderne Version von Marie Antoinette herbeifabuliert. Dabei tritt die auf wissenschaftlichen Quellen basierende Rekonstruktion dieser Epoche weit hinter die tiefere Ausleuchtung der nur lückenhaft überlieferten Ängste und Sehnsüchte einer jungen Frau zurück, die nie um jene Rolle, die sie so dürftig ausfüllte, gebeten hat. Bereits im Alter von 14 Jahren wird die unbeschwerte Nymphe mit dem Bourbonen Louis-August verheiratet, um den Frieden zwischen Frankreich und Österreich zu sichern. Die Übergabe des unerfahrenen Mädchens erfolgt auf neutralem Gebiet in einem Pavillon im Wald, wo man die verschüchterte Maria Antonia unter der Aufsicht der sittenstrengen Comtess de Noailles vollständig entkleidet und anschließend in französische Gewänder steckt - ein Akt, mit dem die Initiation zur Dauphine endgültig besiegelt wird. Doch dies ist nur der Anfang einer ganzen Kette von höfischen Ritualen des Ankleidens, Speisens und Gebärens, die von Coppola zwar in einer etwas burlesken Überdehnung dargestellt werden, aber nicht die Grausamkeit verbergen, die mit der gewaltsamen Enteignung des Körpers einhergeht.

Als besonders schwierig gestaltet sich fortan die Zeugung eines Thronfolgers, da der seltsam apathische Ludwig XVI. keinerlei Interesse an seiner Frau zeigt, wobei man nicht genau weiß, ob nun seine religiöse Erziehung, mangelnde Aufklärung oder doch eine Phimose die Ursache seines Versagens bildet. Die in staatspolitischer Sorge erstarrende Öffentlichkeit gibt wiederum seiner Gemahlin die Schuld am Nichtvollzug der so leidenschaftslosen Ehe, die daraufhin ihre Frustration in nahtlos ineinanderfließende Konsumorgien, Maskenbälle, Opernbesuche, pfauenbunte Modeexzesse und Vergnügungen am Spieltisch ertränkt. Zum Symbol der monströsen Verschwendungssucht wird der kolossale Haarturm, der dermaßen übertrieben mit kitschigen Accessoires dekoriert ist, dass man denken könnte, die Königin sei kopfüber in ein Kinderzimmer gefallen. Mit diesem Verhalten bereitet Marie Antoinette den Nährboden für die wildesten Gerüchte der Klatschpresse. Selbst die lang ersehnte Erfüllung ihrer dynastischen Zeugungspflichten kann ihren Ruf nicht mehr retten. Zum Vorboten des Niedergangs wird der Tod des dritten Sprösslings, der zeitlich fast genau mit dem Sturm auf die Bastille zusammenfällt. Der legendäre Marsch der Marktweiber nach Versailles (im Oktober 1789) führt die Handlung auf ihrer elliptischen Bahn an den Ausgangspunkt zurück. Das aufgebrachte Volk dringt bis in die Gemächer des Königspaares vor, um dem Potentaten persönlich zu sagen, was es will: Brot. Damit schließt sich auch die Klammer des Films. Die verwüsteten Räume werden zum Sinnbild eines entweihten Mikrokosmos, in dem die Lust an der Zerstreuung ab jetzt dem Blutrausch der Revolution weichen muss; die illusorische Scheinwelt der Genüsse zerplatzt an der wirklichen Wucht der physischen Zerstörung. Noch in der Morgendämmerung wird die Monarchenfamilie nach Paris in die Tuilerien überführt. Die Kutschfahrt endet mit einem abrupten Schnitt, der dem einer sausenden Guillotine gleicht.

Das mag auf den ersten Blick alles ein wenig relativierend, wenn nicht gar revisionistisch erscheinen, doch man darf dieses Sittengemälde nicht als historisch akkurates Biopic sehen (was die vielen Modifikationen in Ausstattung und Drehbuch auch gar nicht zulassen), sondern eher als Teil einer Reihe melancholischer Gesellschaftsstudien, in denen die Regisseurin Coppola eine adoleszente Generation porträtiert, der Jugend und Wohlstand nicht zum Glück gereichen. Langeweile, Einsamkeit und innere Leere werden deshalb mit Hedonismus als Ersatzbefriedigung ausgefüllt, wobei sich im wahllosen Schwelgen in Dekorativität und Äußerlichkeit das redundante Moment manifestiert. Der Brückenschlag in die Gegenwart erfolgt über den Soundtrack. So schreitet die von Kirsten Dunst als sehr hilflos und unbedarft interpretierte Marie Antoinette nach ihrer Krönung zu "Plainsong" von The Cure die Schlosstreppe herab, zelebriert ihren Geburtstag zu "Ceremony" von New Order und verführt den schwedischen Grafen Axel von Fersen zu "King Of The Wild Frontier" von Adam Ant, alles ideale Songs, um die anachronistische Flucht in ein realitätsfremdes Traumgebilde zu untermalen, in das sich eine einst so lebhafte Kindfrau zurückzieht, die (ebenso wie ihr heillos überforderter Mann) nicht die Weitsicht besaß, die Zeichen der Zeit richtig zu deuten.


Sunset Boulevard [Blu-ray]
Sunset Boulevard [Blu-ray]
DVD ~ William Holden
Preis: EUR 9,99

5.0 von 5 Sternen Billy Wilders zynische Abrechnung mit Hollywood, 6. Oktober 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Sunset Boulevard [Blu-ray] (Blu-ray)
Gelegentlich entschließt sich Hollywood doch tatsächlich, mit sich selbst ein bisschen böse zu sein, mit dieser unsäglichen Maschinerie der illusionären Glückseligkeit schonungslos ins Gericht zu gehen und einen ungeschminkten Blick hinter die Kulissen eines Business zu werfen, in dem sich fast alles nur um Geld, Macht, Ego, Eitelkeit und narzisstische Selbstbespiegelung dreht. Und welcher Ort wäre dazu schon besser geeignet als der sagenumwobene Sunset Boulevard, an dessen schicksalhaften Knotenpunkten die Gescheiterten auf die Verblichenen treffen, Stars produziert, aber auch wieder vernichtet werden und die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit allmählich zu verwischen drohen? Wer einmal als Ikone im Lichtkegel des Projektors gefangen ist, kann nur noch in der Inszenierung existieren, lebendig als Kinomythos begraben, so wie die alternde Stummfilm-Legende Norma Desmond in diesem rabenschwarzen Sittengemälde, das Billy Wilder zu einer äußerst zynischen Abrechnung mit den Mechanismen der Traumfabrik gereicht. Wenn es nach dem Studiomogul Louis B. Mayer gegangen wäre, hätte man den Regisseur nach diesem Film geteert, gefedert und mit der Knute aus der Stadt gejagt. Nicht nur, dass Wilder das Ende des Streifens direkt an den Anfang verlegt, er wartet gleich zu Beginn auch noch mit einem ziemlich nekrophilen Scherz auf: Ein Toter erzählt seine Geschichte. Die sonderbare Liaison mit einer dem Wahn verfallenen Diva hat dem erfolglosen Drehbuchautor Joe Gillis das Leben gekostet. Mit dem Gesicht nach unten treibt er nun im Swimmingpool einer verwahrlosten Villa, die eher einem morbiden Horrorhaus ähnelt, das sich wie ein Kokon um seine Bewohnerin legt: die ausgemusterte Schauspielerin Norma Desmond, einst ein gefeierter Star, heute vom Publikum vergessen. Die poröse Fassade des Anwesens am Sunset Boulevard ist ihre zweite Haut, auf der maroden Oberfläche sind Risse und Falten zu sehen als symbolisch aufgeladenes Hyperzeichen ihres eigenen Zerfallsprozesses. In den expressionistisch dekorierten Räumen im Inneren scheint dagegen die Zeit stehen geblieben zu sein, denn hier ist die Desmond noch immer ein Idol, das von einem grandiosen Comeback träumt. Als Gipfel des Selbstbetrugs schreibt sie hingebungsvoll an einem Skript, in dem sie sich die Rolle der verführerischen Salome maßgerecht auf den Leib schneidert. Der verschuldete Gillis, der sich auf der Flucht vor seinen Gläubigern zufällig in diese Villa verirrt, soll ihr helfen, das Machwerk halbwegs präsentabel aufzuhübschen. In seiner Not stürzt er sich auf dieses Placebo wie ein Drogensüchtiger auf eine Theke mit Hustensaft und steigt zu der Entrückten ins Bett, ohne zu merken, wie sehr Norma, von deren Aura er ebenso fasziniert wie abgestoßen ist, ihren zugelaufenen Gigolo für sich vereinnahmt. Auch eine Affäre mit der Paramount-Angestellten Betty kann ihn nicht vor dem Schicksal bewahren, ein Teil jener geisterhaften Umgebung zu werden, in der die Desmond frühere Leinwand-Helden wie Buster Keaton zu einer Runde Bridge bittet, während Butler Max von Mayerling (ihr Ex-Mann, Regisseur und treuer Fackelträger ihrer Berühmtheit) seiner in der Bedeutungslosigkeit versunkenen Gebieterin fingierte Briefe von frei erfundenen Verehrern zuschickt. Nachdem der mitunter skrupellos agierende Gillis sich aus der Abhängigkeit seiner bizarren Auftraggeberin lösen will und sie in einem Streit endlich mit den desillusionierenden Realitäten konfrontiert, schießt sie ihn aus Eifersucht nieder. Polizei und Reporter rücken an, sodass die Desmond tatsächlich noch einen letzten großen Auftritt bekommt. Zumindest glaubt sie dies in ihrer Verwirrtheit, als Butler Max ihr Anweisungen erteilt, sich in Positur zu werfen und hoheitsvoll die Treppe herunterzuschreiten, ehe schließlich die Handschellen klicken.

Solche hämischen Sottisen reibt Wilder dem Zuschauer in dieser düsteren Moritat über die Angst vor der Veränderung auch an einigen anderen Stellen unter die Nase. Nicht von schlechten Eltern ist die Szene, in der die Desmond in einer nächtlichen Prozession ihren geliebten Affen beerdigt, was als makabrer Fingerzeig für den weiteren Werdegang des Joe Gillis dient, der sich eben zum selbigen machen muss, um im knallharten Film-Business überleben zu können - ansonsten lauert der Tod als nächster Karriereschritt. Da passt es sehr schön ins Bild, dass mit Gloria Swanson (Norma) und Erich von Stroheim (Max) eine Ausgestoßene und ein unverstandener Regisseur gewissermaßen ein Porträt von sich selbst entwerfen, das noch mit einem dichten Geflecht aus Zitaten, Anspielungen und Querverweisen unterlegt wird. In einigen Cameo-Auftritten tauchen damalige Branchengrößen wie Cecil B. DeMille auf, die dem dokumentarischen Stil dieser Tragikomödie einen Hauch von Authentizität verleihen. Im Prinzip ist "Sunset Boulevard" eine alptraumhafte Hommage an die suggestive Kraft der Phantasie. Von ihr lebt das Kino. Von ihr zehren die Leidenschaften. Sie stiftet zur Liebe an und zum Verbrechen. Dabei wird deutlich, wie dünn die Lackschicht ist, die nach außen den Glamour der Filmmetropole reflektiert. Hollywood rächte sich bei Wilder für den überbordenden Spott. Elf Mal für den Oscar nominiert, gewann dieser zeitlos schöne Klassiker nur in den eher nebensächlichen Kategorien Drehbuch, Ausstattung und Musik.


Alles über Eva - SZ-Cinemathek Nr. 15
Alles über Eva - SZ-Cinemathek Nr. 15
DVD ~ Bette Davis
Wird angeboten von filmspass
Preis: EUR 9,95

5.0 von 5 Sternen Alles über Schauspielerinnen und die Männer, die sie zu Stars werden lassen!, 29. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Alles über Eva - SZ-Cinemathek Nr. 15 (DVD)
Schauspieler sind Künstler voller Hingabe und Leidenschaft, immer auf der Spur des Großen und Ewigen, nie mit dem Hübschen und Kleinen zufrieden. Oft versichern sie dem Publikum, sie seien ganz normale Leute, und ignorieren dabei, dass sie in Gestalt glamouröser Stars gewöhnlichen Menschen in keinster Weise ähneln. Denn Schauspieler dienen auch als Projektionsfläche für die Sehnsüchte des Publikums, ein Umstand, der sie zu Getriebenen ihres eigenen Narzissmus macht, gefangen in jenem branchentypischen Austausch von Gefälligkeiten, von dem Frauen in besonderem Maße abhängig sind. Wer es bis nach oben an die Spitze schaffen möchte, muss all seinen Ehrgeiz genau auf dieses eine Ziel konzentrieren, was eine hohe Opferbereitschaft erfordert, weil man unter Umstanden viel gibt und wenig erhält. Für manche genügt schon der Applaus, der sich auf der Bühne so anfühlt, als würde man von Wogen der Liebe geschmeidig umhüllt. Diese Regeln zu akzeptieren, setzt außergewöhnliche Fähigkeiten voraus, die lediglich von mannigfaltigen Talenten erbracht werden können, zu denen auch Eve Harrington zählt, eine ebenso unerfahrene wie skrupellose Theaternärrin, die nun tatsächlich anstelle der etablierten Broadway-Ikone Margo Channing auf einem feierlichen Bankett mit dem Preis für die beste Darstellerin der abgelaufenen Spielzeit ausgezeichnet wird. Wie es zu einer solchen Sensation kommen konnte, das zeigen die folgenden zwei Stunden in multiperspektivischen Rückblenden: Eines Tages taucht besagte Eve nach einer Aufführung in der Garderobe ihres berühmten Idols Margo Channing auf, einer alternden Bühnen-Legende, die sich zwar gerade auf dem Höhepunkt ihrer Karriere befindet, aber dennoch unter starken Komplexen leidet, da sie spürt, dass sie die Rolle der jungen Geliebten kaum noch glaubhaft verkörpern kann. Mit einer rührseligen Geschichte über ihr mittelloses Dasein schmeichelt sich Eve bei der launischen Margo ein, wird sogar als Assistentin in deren Entourage aufgenommen und macht sich fortan durch ihre Tüchtigkeit unentbehrlich. Doch schon bald bekommt die glatte Oberfläche des scheinbar so selbstlosen Mädchens erste Risse und hinter dem makellosen Bild der naiven Träumerin tritt eine rücksichtslos agierende Intrigantin hervor, die genau das werden will, was Margo bereits ist: ein umjubelter Star. Die märchenhafte Cinderella-Story verwandelt sich nun in eine differenzierte Milieustudie über Moral, Liebe und das Showgeschäft, was Hollywoods Vorzeige-Intellektueller Joseph Mankiewicz geschickt nutzt, um ein Panoptikum schillernder Theaterfiguren in ihrer ganzen Ambivalenz zu zeichnen. Neben der neurotischen Margo existieren da noch der Regisseur Bill Simpson (ihr loyaler Liebhaber), der angepasste Drehbuchautor Lloyd Richards, dessen Frau Karen, der larmoyante Produzent Max Fabian und eben jene Eve, die es mit ihrer zeremoniösen Freundlichkeit so nixenartig versteht, die Menschen in ihrem Umfeld gegeneinander auszuspielen. Sie verschafft sich eine Chance als Zweitbesetzung von Margo und bootet ihre Gönnerin kaltblütig aus. Nur der scharfzüngige, überaus geltungssüchtige Kritiker Addison DeWitt durchschaut sie. Er kennt ihre wahre Herkunft, ist aber zugleich von Eves Talent fasziniert, weshalb er sich auf unheilvolle Art mit ihr verbündet. Schließlich ist es seine Kritik, die sie berühmt macht.

Der Plot fällt für die Länge des Films relativ schlicht aus. Dass "All About Eve" dennoch so wunderbar funktioniert, hat etwas mit den ausgeklügelten Dialogen zu tun, die nicht nur durch ironische Seitenhiebe auf Hollywood glänzen, sondern auch virtuos zwischen bösartigen Bonmots und philosophischen Reflexionen variieren. Anne Baxters Darstellung der hinterhältigen Newcomerin mag heute ein wenig stereotyp wirken, doch das kann kaum die Freude trüben, denn das Zentrum der Handlung befindet sich eindeutig bei Margo, die Bette Davis kolossal in zynischem Selbstmitleid und geifernder Eifersucht zerfließen lässt. Höhepunkt von Margos verbalem Stepptanz auf dem Minenfeld ist die Geburtstagsparty ihres Verlobten Bill, auf der die Diva ihren Altersfrust zügellos in alkoholisierter Lasterhaftigkeit ertränkt. Bei Bette Davis hat man stets das Gefühl, dass sie sich hier größtenteils selbst spielt, zumal die Schauspielerin Ende der 40er Jahre tatsächlich aufs Abstellgleis zu geraten drohte. Diese Margo realisiert allmählich, auf Gedeih und Verderb einer Industrie ausgeliefert zu sein, die das künstlerische Potenzial mit Haut und Haaren frisst und sich dabei nicht im Geringsten um persönliche Schicksale schert, eine Thematik, die im selben Jahr (1950) auch von Billy Wilder in "Sunset Boulevard" aufgegriffen wurde. Im Gegensatz zu seinem Kollegen geht Mankiewicz jedoch wesentlich subtiler vor. Die Grandiosität seiner Inszenierung liegt in der Interaktion der Charaktere und der sinnlichen Kraft der Bildgestaltung verborgen. Sie offenbart sich beispielsweise im Lichtrand, der Eve wie eine Aureole umgibt, als sie ihre Dankesrede spricht, die sich in Margos Ohren wie ein Spottgesang anhört. Was am Ende bleibt, ist ein Pyrrhussieg, da auch Eve letztlich den Mechanismen eines Business gehorchen muss, in dem Frauen nur Stars werden können, weil Männer die Fäden in den Händen halten.


Frühstück bei Tiffany [Blu-ray]
Frühstück bei Tiffany [Blu-ray]
DVD ~ Audrey Hepburn
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Das Playgirl und der Gigolo, 24. September 2013
Rezension bezieht sich auf: Frühstück bei Tiffany [Blu-ray] (Blu-ray)
New York im Morgengrauen: In der menschenleeren 5th Avenue spiegelt sich im Schaufenster des Edel-Juweliers Tiffany das Bild einer zierlichen, fast zerbrechlich, aber durchaus feenhaft erscheinenden Kindfrau, die nach einer durchzechten Nacht auf dem Weg nach Hause glänzende Augen bekommt angesichts der funkelnden Pracht, die ihr aus den Auslagen des Geschäfts entgegenschimmert. Ihre magere Figur ist von schicker Eleganz, passend dazu trägt sie ein schulterfreies schwarzes Abendkleid, die Haare sind zu einer tiaragekrönten Hochsteckfrisur toupiert, die Wangen blassrot geschminkt und auf der Nase thront eine übergroße Sonnenbrille. Aber erst das glitzernde Perlencollier, das ihren zarten Hals umgarnt, scheint sie selbst zu einem drapierten Ausstellungsstück werden zu lassen, wäre da nicht noch der alles ernüchternde Umstand, dass diese exzentrische Gestalt doch tatsächlich in der linken Hand einen Kaffeebecher hält, während sie sich mit der rechten herzhaft einen Donut in den Mund schiebt. Spätestens dann ahnt der Zuschauer: Diese Lady kann gar nicht echt sein!

Mit dieser stimmigen Ouvertüre ist Blake Edwards nicht nur eines der schönsten Intros der Kinogeschichte gelungen, sondern auch der ideale Auftakt zu einer ganzen Reihe von unvergesslichen Szenen, die "Frühstück bei Tiffany" bis heute den Charakter einer traumversunkenen Champagner-Laune verleihen. Dass die Kamera die Protagonistin dieser leichtfüßigen und zugleich schwermütigen Tragikomödie über reine Äußerlichkeiten in die Handlung einführt, kommt nicht von ungefähr, denn hinter jener ebenso sonderbaren wie reizvollen Holly Golightly verbirgt sich eine ausgebuffte Mieze, die in den nächsten knapp zwei Stunden mit ihrem bestrickenden Charme eine wahrhaft exaltierte Maskerade aufführen wird. Denn normalerweise hört diese abgedrehte Nymphe auf den klangvollen Namen Lula Mae, und vor nicht allzu langer Zeit fristete sie noch ein ziemlich bodenständiges Dasein in der texanischen Provinz, wo der graumelierte Tierarzt Doc Golightly sie und ihren Bruder Fred einst als Waisenkinder adoptierte und das Mädchen später heiratete. Nachdem Lula Mae allerdings der ländlichen Idylle in Richtung New York entflohen ist, versucht sie sich nun als Playgirl und tingelt mit einer 40 Zentimeter langen Zigarettenspitze durch die Schickeria von Manhattan, um sich mit aller Macht einen Millionär zu angeln. Denn diese Holly Golightly glaubt zu wissen, welcher Herr es wert ist, gründlich in Augenschein genommen zu werden. Sie ist ein bisschen verrückt und besitzt jene Portion von dem gewissen Etwas, die sie unwiderstehlich machen soll für das andere Geschlecht, das für ihre Begleitung schon gern mal ein paar Dollar springen lässt. Sobald sich Holly jedoch der Snobs überdrüssig wird, steht sie wieder vor dem Laden des Juweliers und delektiert sich träumerisch an ihrem eigenen Spiegelbild. Dabei sehnt sie sich nach einer festen Beziehung, doch statt eines Millionärs, begegnet sie dem mittellosen Schriftsteller Paul, der das Appartement über ihr bezieht und etwas mit Holly gemeinsam hat: Auch er lässt sich aushalten, und zwar von einer geheimnisvollen älteren Dame aus elitären Kreisen, die sich den smarten Beau gegen Geld als Gigolo hält und seine Schränke mit teuren Anzügen ausstaffiert. Weil Paul noch keinen Schlüssel hat, klingelt er bei Holly, in deren Wohnung die beiden Seelenverwandten schließlich ins Gespräch kommen. Paul verliebt sich in seine ortlose Nachbarin, die sich verzweifelt in die Scheinwelt der East Side rettet wie eine Ertrinkende an die Oberfläche des Wassers. Sie müht sich eifrig, wird aber dennoch von diversen Schicksalsschlägen immer wieder in die Tiefe gezogen. Nach einer ersten gemeinsamen Nacht bricht Paul mit seiner reichen Gönnerin, doch Holly lehnt seine schützende Zuneigung ab, da sie ihren eigenen Traum vom Glück verfolgen will, der sich allerdings rasch verflüchtigt, als nach einem öffentlichen Skandal die geplante Hochzeit mit einem distinguierten Brasilianer platzt. In den Straßen des Big Apple kommt sie endlich zur Besinnung, sodass nun das melancholische Happyend folgen kann, das von Blake Edwards mit einer unglaublich poetischen Bildsprache eingefangen wird. Damit die beiden Getriebenen endgültig zusammenfinden können, müssen sie sich jedoch erst noch demaskieren, die zweite Haut abstreifen, sich ihrer Verstellung entwöhnen und in die Normalität zurückfinden. Da kommt es sehr gelegen, dass der von Audrey Hepburn zuvor mit dunklem Timbre besungene "Moon River" rechtzeitig seine Schleusen öffnet und das schwarze Kleid unter einem langen Mantel verschwindet. Der Regen zerstört Hollys Frisur, spült ihr Make-up vom Gesicht und auch die Sonnenbrille braucht sie nicht mehr. Sie ist jetzt wieder ganz bei sich und darf sich ihren wahren Gefühlen hingeben.

Heute assoziiert man mit dieser frivolen Holly Golightly automatisch Audrey Hepburn, dabei war diese Rolle eigentlich zunächst für Marilyn Monroe vorgesehen, zumindest wenn es nach den Wünschen von Truman Capote gegangen wäre, aus dessen Feder die Romanvorlage stammt. Nicht der schlichte Chic des kleinen Schwarzen hätte dann Hollys grazilen Körper eingebettet, sondern wohl eher die sanfte Sinnlichkeit von weißem Plissee, der sich hervorragend dazu eignete, Marilyns Rundungen eine verharmlosende Kontur zu verpassen. Paramount bootete jedoch die blonde Sexbombe beizeiten aus, sodass aus Holly Golightly diese androgyne Goldgräberin wird, die den lieblichen Lockruf einer zur Domestizierung bereiten Weiblichkeit kolportiert und dabei zu der Erkenntnis gelangt, dass es rein gar nichts nützt, auf der Suche nach dem urbanen Glück mehr zu scheinen, als man wirklich ist.


Rotes Kornfeld
Rotes Kornfeld
DVD ~ Gong Li
Preis: EUR 17,99

4.0 von 5 Sternen "Es lebe der Hirseschnaps! Wer ihn trinkt, ist vereint mit Himmel und Erde!", 17. September 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Rotes Kornfeld (DVD)
Macht und Tradition sind hässlich und krank, die Revolte hingegen ist wunderschön, insbesondere wenn sie von Gong Li verkörpert wird. Nicht einmal 20 Jahre alt kann die Schauspielerin gewesen sein, als Zhang Yimou seine Muse und langjährige Lebensgefährtin das erste Mal gesehen hat. Dennoch muss der Regisseur sofort gewusst haben, dass sie die Leading Lady seiner bildgewaltigen Tragödien werden würde, verfügt doch die Schlichtheit ihrer Anmut über jene irritierende Ambivalenz, die geradezu prädestiniert schien für den Typus der starken und zugleich von Unterdrückung geprägten Frau, in deren widersprüchlichem Charakter sich nicht nur Unschuld, sondern auch ein wenig Raffinesse oder gar Verderbtheit spiegeln. Dieser zentralen Leitfigur aus Zhangs Frühphase verleiht Gong Li ein perfektes Gesicht, weil sich ihr ebenmäßiges Antlitz durch einen kühlen, majestätischen Zug auszeichnet, der selbst Leid und Repression zu formvollendeter Pracht erstarren lässt. Die stets so temperamentvoll zusammengepressten Lippen verraten allerdings, wie kräftig es brodelt unter der von asiatischer Selbstbeherrschung dominierten Oberfläche, weshalb ein Mann, der sich in diese Grazie verliebt, bereits ahnt, dass sie ihn durch die Hölle schicken wird, zumal ein einziger Blick genügt, um gestandene Kerle zu willfährigen Sklaven ihrer tief im Herzen lodernden Leidenschaft zu machen. So wie die tränenverhangenen Augen, mit denen Gong Li als blutjunge Nymphe Jiuer zwischen den roten Vorhängen einer Hochzeitssänfte, nach einer Chance auf Freiheit spähend, sehnsüchtig auf jenes malerische Hirsefeld schaut, wo sich ihr Schicksal noch erfüllen soll. Die höhere Tochter der Stadt ist von ihrem Vater gegen einen Maulesel aufs Land verkauft worden, sodass nun in einem abgelegenen Dorf ausgerechnet der betagte, leprakranke Besitzer einer Schnapsbrennerei das Mädchen erwartet. Auf dem Weg dorthin kürt Jiuer den muskulösen Sänftenträger Yu, einen grobschlächtigen Burschen, zu ihrem Liebhaber, Beschützer und schließlich auch Befreier. Er muss Räuber besiegen, die Braut entführen und den Alten beseitigen, bevor er die Vorzüge des roten Hirseschnaps kopfüber im riesigen Tonkrug besingen kann und liebestrunken zu Jiuer, der neuen Herrin der Destillerie, ins Bett schlüpfen darf. Die Beziehung der beiden Rebellen geht zunächst in der Glückseligkeit einer eigenen Familie auf, bis neun Jahre später die Invasion der japanischen Armee der archaischen Idylle ein brutales Ende bereitet.

Mit dieser in den 1920er und 30er Jahren angesiedelten Gaunerballade ist Zhang Yimou 1987 ein beeindruckendes Debüt gelungen, das (wie auch viele seiner folgenden Filme) durch eine auffällig stilisierte Symbolsprache besticht, die nahezu ein unendliches Spektrum an Assoziationen kolportiert und dadurch der episodenhaften Struktur der Handlung einen mythischen Touch gibt. Die Beständigkeit der menschlichen Existenz wird metaphorisch umklammert durch das Hirsefeld, das Zhang in einer äußerst kräftig kolorierten und expressiven Bildästhetik auf die Leinwand wirft, in der die Farbe Rot in ihren fein nuancierten Abstufungen die Vielschichtigkeit und Gegensätzlichkeit der chinesischen Geschichte darstellt. Die Tatsache, dass hier jeglicher individueller Impuls unter die Räder eines kollektiven Konformismus gerät, die Emotionen an den unzeitgemäßen Dogmen der konfuzianischen Lehre zu scheitern drohen, Bestimmung und Wille gegeneinander stehen, unverhohlen die Destruktion der humanen Werte betrieben wird und die feudale Ordnung unter wechselnden Vorzeichen einfach weiterexistiert, lässt diese gleichnishaften Tableaus auch zu Allegorien auf die Gegenwart im Reich der Mitte werden. Bloße Sozialkritik herauszulesen, greift allerdings zu kurz. Vordergründig geht es Zhang um den sinnlichen Genuss der Wahrnehmung, das Sehen, Hören und Fühlen, den Unterschied zwischen Schein und Sein, das Zeigen und Verbergen sowie die Wünsche, die der Zuschauer aus seiner subjektiven Sicht in diese traumhaft-traumatischen Landschaften hineininterpretiert, in denen Belustigung und Grausamkeit so nahtlos ineinander übergehen. Seltsame Schnapsrituale sorgen für schallendes Gelächter, während die entsetzliche Gewalt es zuweilen vermag, einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Und wenn sich die sehr präsente, ebenso stolze wie traurige Gong Li (ihrem grandiosen Auftritt entsprechend) mit einem lauten Knall ins Jenseits verabschiedet, darf man ruhig auch mal ein paar Tränchen verdrücken.


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