Profil für Dr. Reinhart Gruhn > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Dr. Reinhart Gruhn
Top-Rezensenten Rang: 265.265
Hilfreiche Bewertungen: 213

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Dr. Reinhart Gruhn (Kempten)
(REAL NAME)   

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Die Kultur der Ambiguität
Die Kultur der Ambiguität
von Thomas Bauer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 32,90

13 von 15 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Kunst der Ambiguität, 15. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Wenn wir heute dank Wachstum und Industrieproduktion zwar einerseits 'Wohlstand' schaffen, andererseits die Ressourcen der Erde restlos und unwiederbringlich ausplündern, das Angesicht der Erde nachhaltig verändern und all diejenigen Kulturen durch Verdrängung oder Assimilierung beseitigen, die ein anderes Wissen und einen anderen Umgang mit Mensch, Tier und Natur insgesamt pflegen, dann hat man eher den Eindruck, die westliche Kultur sei das Krebsgeschwür geworden, an dem die Welt als Ganze leidet. Ob eine Heilung dieses selbstzerstörerischen Prozesses überhaupt noch möglich ist, selbst wenn es gewollt wäre, ist nicht einmal sicher. Was aber hat zu dieser Entwicklung geführt, die in ihren Ergebnissen auf den ersten Blick so zweischneidig, so ambivalent ist?

Auch hierzu gibt es natürlich schon lange vielfältige Überlegungen. Ich bin nun auf ein Buch gestoßen, das mir doch sehr viel ergiebiger zu sein scheint als vieles, das ich bisher zu diesem Thema an Kritischem und Erhellendem gelesen habe. Das Buch und sein Autor sind auch deswegen so interessant, weil sie gar nicht eine "kritische Theorie" des Westens intendieren, sondern eine recht aufschlussreiche Darstellung der islamischen Kultur bieten. Es geht ausdrücklich um die Erzählung einer "anderen Geschichte des Islams": Thomas Bauer, Die Kultur der Ambiguität. Eine andere Geschichte des Islams, Berlin 2011. Der Münsteraner Islamwissenschaftler und Professor der Arabistik unternimmt hier eine von großer Sachkenntnis der arabischen Literatur geprägte Gedankenreise in die Welt der unentschiedenen Wahrheiten, in die Kultur der Ambiguität. Er greift auf Überlegungen unter anderem von Zygmund Bauman, dem polnisch-britischen Philosophen der Post-Moderne, zurück ("Modernity and Ambivalence", 1991) und definiert seinen erkenntnisleitenden Begriff Ambiguität so:

"Ein Phänomen kultureller Ambiguität liegt vor, wenn über einen längeren Zeitraum hinweg einem Begriff, einer Handlungsweise oder einem Objekt gleichzeitig zwei gegensätzliche oder mindestens zwei konkurrierende, deutlich voneinander abweichende Bedeutungen zugeordnet sind, wenn eine soziale Gruppe Normen und Sinnzuweisungen für einzelne Lebensbereiche gleichzeitig aus gegensätzlichen oder stark voneinander abweichenden Diskursen bezieht oder wenn gleichzeitig innerhalb einer Gruppe unterschiedliche Deutungen eines Phänomens akzeptiert werden, wobei keine dieser Deutungen ausschließliche Geltung beanspruchen kann." (a.a.O. S. 27)

Es geht also nicht um Toleranz und auch nicht um Ambivalenz, denn beides setzt voraus, dass das Entgegengesetzte oder Widersprüchliche bekannt und definiert ist. Ambiguität verweigert sich gerade einer genauen Definition; sie hält zwei perspektivische Wahrheiten in der Schwebe. Nicht zufällig zitiert Bauer eingangs des zweiten Kapitels und später erneut Max Born, den Physiker der Quantentheorie, hat doch auch diese zur Anerkennung der Gleich-Gültigkeit zweier scheinbar widersprüchlicher Theoriemodelle im Bereich der Physik geführt. Was im Bereich der Quantenphysik die "Superposition" ist bzw. die quantenmechanische Verschränkung, das kommt in ähnlicher Weise im Bereich der Literatur- und insgesamt der Kulturwissenschaften als Ambiguität heraus. Bauer legt in dem zitierten zweiten Kapitel seines Buches über den Begriff der "Kulturellen Ambiguität" ausführlich Rechenschaft ab.

Spannend ist, wie Bauers Blick auf die nachformative Phase des Islam und der arabischen Kultur ("sunni revival", 10. - 13. Jahrhundert) zum analytisch-kritischen Rück-Blick auf die eigene westliche Kultur wird, die sich nun unter dem Stichwort der Ambiguitätsintoleranz kennzeichnen lässt. Seit Descartes' berühmter methodischen Forderung des "clare et distincte" in Definition und Argumentation gehört es zum Grundbestand westlichen Denkens, Unsicherheit und Unschärfe auszumerzen; sie scheint das große Übel zu sein, das sich dem zugreifend - objektivierenden analytischen Verstand widersetzt. Also besteht nun alle geistige wie technisch-wissenschaftliche Anstrengung darin, Eindeutigkeiten in Natur und Kultur herzustellen, denn nur sie ermöglichen Beherrschung, Ausbeutung und Dienstbarmachung: Zivilisation und Kultivierung im westlichen Sinne. Bestenfalls - und das ist nach einigen weltzerstörerischen Kriegen schon eine positive Leistung - kann die Duldung, also die Toleranz von widerstreitenden Ideen gefordert werden in der Hoffnung, dass sich im demokratischen Diskurs schon das "Wahre" herausstellen, also Eindeutigkeit wieder hergestellt werde. Ambiguitätstolerantes Denken aber setzt anders an; es geht von dem Schwebezustand unterschiedlicher "perspektivischer Wahrheiten" aus, die eben nicht eindeutig entschieden werden können. Bauers Kapitel über die Geschichte westlicher und orientalischer Sexualität gehört zu den großartigen Beispielen, die die Fruchtbarkeit seines ambiguitätsorientierten Ansatzes aufzeigt. Ein umfangreiches Literaturverzeichnis verweist auf die thematisch breit gestreuten und profunden Kenntnisse Thomas Bauers. Hier findet man manches, was es erst noch zu entdecken gilt, will man diesem Denken, wie Bauer es vorschlägt, näher nachgehen.

Das Buch ist unbedingt lesenswert, stellt aber an den Leser einige Anstrengungen des Selber-Mitdenkens.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 21, 2013 8:59 PM MEST


Islamismus in Deutschland: Zwischen Panikmache und Naivität
Islamismus in Deutschland: Zwischen Panikmache und Naivität
von Johannes Kandel
  Taschenbuch

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sachkundig, präzise, kenntnisreich, 26. Juni 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
'Islamismus' ist ein schillernder Begriff, der in unterschiedlichen Bedeutungen verwandt und oft mit Fundamentalismus und Terrorismus gleichgesetzt wird. Kandel klärt zu Beginn, was unter 'Islamismus' zu verstehen sei, und nennt vier Merkmale: 1. eine politisch-extremistische Herrschaftsideologie; 2. eine politische Protest- und Revolutionsbewegung; 3. eine soziale Bewegung; 4. eine global-transnationale (virtuelle) Diskursgemeinschaft; letzteres kennzeichnet er als 'Islamismus 2.0'. Im ersten Kapitel seines knapp gehaltenen Buches geht er auf die unterschiedlichen Definitionen und den verschiedenen Gebrauch von Islamismus in Wissenschaft und Politik ein und nennt auch innerislamische Definitionen. Es erstaunt schon an dieser Stelle, dass Kandel den Islamismus kaum als eine ernst zu nehmende religiöse Bewegung darstellt, und auch die Abgrenzung zu dem, was unter 'Islam' im Unterschied zum 'Islamismus' verstanden werden kann, fehlt.

Im zweiten Kapitel streift Kandel kurz die Ursachen und Ausbreitung des Islamismus, wobei zu den Ursachen kaum etwas gesagt wird außer dem Hinweis auf die 'Identitätskrise der islamischen Welt ' seit dem westlichen Kolonialismus und Imperialismus im 19. Jahrhundert sowie dem Kollaps des Osmanischen Reiches'. Zur Verbreitung islamistischen Gedankengutes schildert er die Iranische Revolution 1979, die Wahabiten und die Muslimbruderschaft in Ägypten. Insbesondere verdeutlicht er den dem Islamismus von Anfang an inhärenten Antisemitismus ' ein wichtiger Hinweis, der in der Islamismus-Diskussion viel zu wenig beachtet wird.

Im dritten Kapitel befasst sich Kandel näher mit der 'Ideologie und Politik des Islamismus' anhand der Gegenüberstellungen von 'Islamismus und Moderne', 'Staat und Demokratie', 'Binnenstrukturen, Dienstleistungen und Moral', Islamismus und Antisemitismus', 'Islamismus, Dschihadismus und Terrorismus ' die Gewaltfrage' und 'Der Islamismus als global-transnationale virtuelle 'Diskursgemeinschaft'. Besonders der Abschnitt über die Verquickung des Islamismus mit Antisemitismus bringt eine Vielzahl von Belegen und Begründungen, die zeigen, dass der Antisemitismus für den Islamisten mehr ist als bloßes anti-israelisches Beiwerk. Dies sollte in der öffentlichen Diskussion weit mehr ins Bewusstsein rücken.

Im vierten Kapitel fragt Kandel: 'Sind die Muslime in Deutschland islamistisch?' - eine wirklich provokante Frage. Er stellt hier ganz nüchtern die Zahlen der muslimischen Vereinigungen und ihre teilweise Nähe zum Islamismus dar. Insbesondere referiert Kandel eine Studie von Katrin Brettfeld und Peter Wetzel vom Institut für Kriminalwissenschaften der Universität Hamburg im Auftrag des Bundesministeriums des Inneren von 2007, die mit genauer Methodik und vorsichtigen Urteilen zu einigen bemerkenswerten und beunruhigenden Ergebnissen kommt. Es muss nämlich mit einem 'Radikalisierungspotential in einer Größenordnung von 10 ' 12 % der muslimischen Gesamtbevölkerung' gerechnet werden, das beträfe bei ca, 4 Millionen Muslimen in Deutschland zwischen 400 000 und 500 000 Menschen. Noch erschreckender, dass davon etwa die Hälfte als in hohem Grade 'islamismusaffin' bezeichnet wird, also als zwar noch nicht offen islamistisch, aber doch in allergrößter Nähe gemäß den Kriterien 'hohe Demokratiedistanz', 'starke Aufwertung der islamischen Eigengruppe' und 'deutliche Abwertung westlicher Gesellschaften'. Noch einmal mehr als der Hälfte hiervon, immerhin einer Gruppe von 153 000 Muslimen ('bei Berücksichtigung der statistischen Unschärfen') kann zur Durchsetzung ihrer Ziele ein hohes Maß an Gewaltbereitschaft attestiert werden, besonders auffällig in der Gruppe von jungen Muslimen. 'Sie bilden das unmittelbare Mobilisierungspotential für die Islamisten.'

Das nächste, fünfte Kapitel umfasst zwei Drittel des Buches; es enthält eine ausführliche Darstellung der Ideologie und Arbeitsweise verschiedener islamistischer Gruppen in Deutschland und Europa. Hier setzt sich Kandel vor allem mit der vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation 'Milli Görüs' auseinander, ferner unter anderen mit der Kaplan-Gruppe, der Muslimbruderschaft, der Hisbollah und Hamas (!) sowie dem 'Muslim Markt' im Internet und der 'Islamischen Zeitung'. Man bekommt hier einen sehr gründlichen Einblick in die Ideologie und Arbeitsweise dieser Organisationen und kann danach ihren Einfluss auf die innermuslimische Meinungsbildung in Deutschland besser abschätzen; er ist jedenfalls sehr viel höher und verbreiteter als bisher vermutet. Der Leser findet in diesem breit angelegten Kapitel eine Menge von Material, Literaturverweisen, Weblinks und Hinweisen zum Nachvollziehen der dargelegten Fakten und zur eigenen Weiterarbeit. Vor allem setzt sich Kandel immer wieder mit kritischen Gegenpositionen (Werner Schiffbauer) und Stellungnahmen und Selbstdarstellungen einiger islamischer Verbände und ihrer Funktionäre auseinander. Dabei kann man Kandel kaum den Vorwurf der Voreingenommenheit und Parteilichkeit machen, versucht er doch durchgängig, sachlich genau und fair die Positionen darzustellen und an seinem eigenen Maßstab der Demokratie- und Gesellschaftsverträglichkeit zu messen. Leider fehlt diesem großen Kapitel etwas die Systematik und Übersichtlichkeit; so benutzt Kandel den Buchteil über Milli Görüs zu einer sehr fundierten Auseinandersetzung mit islamischem Selbstverständnis und ihrer Außendarstellung. Über weite Teile ist dies Kapitel eine einzige Problemanzeige, ein intellektueller Aufschrei angesichts der verbreiteten Verharmlosung islamistischer Ideologien am Beispiel der einzelnen Organisationen, die Kandel durchgeht.

'Wie gefährlich ist der Islamismus?' fragt Kandel am Ende seines Buches und fasst zusammen: 'Gegen den Islamismus kann der Staat alleine nicht erfolgreich kämpfen: Wir brauchen eine intelligente Mischung aus energischer Sicherheitspolitik, Integrationspolitik und einem breiten zivilgesellschaftlichen Diskurs im Sinne kritischer Streitkultur.' Kandel sieht den Islamismus in Deutschland recht erfolgreich am Werk, offenbar den Sicherheitsorganen immer eine Nasenlänge voraus: 'Sie nutzen fünftens mit großem Erfolg die virtuelle Welt des Internet, das sich bislang umfassender Beobachtung und schärferer Kontrolle entzieht.' Am Schluss seiner gründlichen Untersuchung formuliert Kandel einen Anspruch, der eigentlich mehr eine Hoffnung ist, die sich aus seinen Analysen nicht unbedingt ergibt: 'Die große Mehrheit der Muslime in Deutschland ist dazu bereit und wendet sich gegen den Extremismus der Islamisten. Der Kampf gegen den Islamismus kann nur mit ihnen, nicht gegen sie gewonnen werden.' Ist die große Mehrheit der Muslime das wirklich? Ihre Verbände jedenfalls sind dazu nicht entschlossen genug bereit.

Das Buch ist flüssig geschrieben, reich belegt, von profunder Sachkenntnis geprägt und darum bemüht, eine 'ausgewogene' Darstellung zu bieten. Dies gelingt Kandel nicht immer, denn allzu sehr sprechen die Fakten, die er präsentiert, die Sprache der Intoleranz und Taktik, der Verstellung und Undeutlichkeit. Dass 'die Muslime die fundamentalen Verfassungsprinzipien des säkularen, demokratischen und pluralistischen Rechtsstaates anerkennen', ist aus dem Dargestellten gerade nicht offenkundig. Umso mehr fehlt eine gründliche Analyse des Zusammenhangs von Grundstrukturen des heutigen Islam und des Islamismus. Kandel will keine religionswissenschaftliche Analyse geben, aber sie müsste sich anschließen. Wenn er als Glaubensprinzipien, also als ideologischen Kern einer islamistischen Gruppierung, folgende Punkte nennt (S. 166): Bekenntnis zu Allah als den Einen und Einzigen und an Mohammed als den Gesandten Gottes; fünfmaliges Gebet; Lesen des Korans und der Schriften (Hadithe); Achtung anderer Muslime; Unterwerfung des eigenen Lebens unter den Willen Allahs; Einsatz für missionarischen 'dschihad' ' dann ist zu fragen, welcher Muslim dem nicht zustimmen könnte. Die Frage nach dem Verhältnis von allgemein gelebtem Islam zum Islamismus ist spannend und bedarf der Klärung.

Ich kann das Buch zur Lektüre und zur Weiterarbeit besonders im Bildungswesen nachdrücklich empfehlen!
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jul 6, 2013 4:47 AM MEST


Kirchendämmerung: Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen
Kirchendämmerung: Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen
von Friedrich Wilhelm Graf
  Taschenbuch
Preis: EUR 10,95

6 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sprachlich pointiert und sachlich herausfordernd, 24. April 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Ich kann mich den Rezensionen von Winfried Stanzick und HealingCross (wer immer sich dahinter verbirgt) überwiegend zustimmend anschließen, möchte aber einige Aspekte ergänzen und das Buch darum auch ' im Unterschied zu HealingCross ' theologisch sehr positiv beurteilen: Friedrich Wilhelm Graf schreibt sprachlich sehr pointiert und theologisch substanziell herausfordernd.

Zunächst eine eher formale Beobachtung. Man merkt während der Lektüre sehr bald, dass Graf hier ursprünglich sehr unterschiedliche, zum Teil disparate Texte unter dem gemeinsamen Thema der 'sieben Untugenden der Kirchen' zusammen bindet. Das wird manchmal schwierig, wenn die Texte mehr und anderes intendieren. So entwickelt er im sechsten Kapitel auf den Seiten 122 ' 146 die Grundlinien einer eigenen Ekklesiologie, die sich kritisch gegenüber den herkömmlichen Entwürfen einer harmonistischen Theologie der 'Gemeinschaftskirche' in Stellung bringt ' das vermutet man kaum unter der Überschrift 'Zukunftsverweigerung'. Graf streitet für ein Konzept der 'Volkskirche', die sich konfliktfähig mitten in der pluralistisch-liberalen Gesellschaftswirklichkeit verortet: 'Wer individuelle Freiheit, eine letzte Unverfügbarkeit, Gottunmittelbarkeit des Einzelnen für theologisch legitim hält, muss auch Konflikte, eine Konkurrenz theologischer Weltdeutungen und einen Pluralismus von Frömmigkeitsstilen als konstitutive Elemente der Kirche anerkennen.' Gegen den 'Gemeinschaftsdruck' einer erträumten homogenen Gesinnungs-Kirche setzt Graf entschieden auf den streitbaren Einzelnen, der gut protestantisch gegenüber Gott nur seinem Gewissen verantwortlich ist. Kirche ist dann der Ereignisraum, in dem unterschiedliche Glaubens- und Lebensentwürfe ermöglicht werden, begrenzt und bestimmt nur durch Wortverkündigung und Sakramentsangebot ('recte docetur et recte administrantur sacramenta' CA VII).

Ein solcher theologischer Entwurf würde sich nach Graf auf eine Tradition protestantischer Theologie stützen, die in den vergangenen Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts in Vergessenheit geraten ist. Er nennt insbesondere die Namen von Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Georg Wilhelm Friedrich Hegel, deren Bedeutung für die Theologie der Gegenwart erst neu zu entdecken wäre. Hier liegt aus meiner Sicht eine Menge Potential für eine aktualisierte liberale Theologie der Gegenwart. Besonders Schleiermacher, von der 'Dialektischen Theologie' als Urvater des modernen Sündenfalls verteufelt, fristet in der Theologie der vergangenen 50 Jahre ein vernachlässigtes Schattendasein, dabei hätte dieser große Theologe des beginnenden 19. Jahrhunderts mit seinem Theologieentwurf jenseits von Rationalismus und Moralismus einiges Hilfreiche zu sagen: Sein Begriff des 'Gefühls schlechthinniger Abhängigkeit' wäre gewinnbringend in die Probleme einer globalisierten Welt der totalen Vernetzungen zu übersetzen und fruchtbar zu machen.

Schließlich gebührt Graf das Verdienst, sehr zu Recht und gerne auch polemisch auf die Bildungsvergessenheit, ich würde sogar hinzufügen: auf die Attüde der Bildungsfeindschaft weiter Kreise der kirchlichen Funktionäre (Pfarrerschaft und Leitungsorgane) in den protestantischen Kirchentümern hinzuweisen. Hier droht ein ganz eigenen 'Traditionsabbruch', der auf Bauch und Wohlgefühl setzt, aber mit der eigentümlichen Strenge einer 'Kirche des Wortes und der Schrift' wenig zu tun hat. 'Kulturprotestantismus' ist hier in Deutschland (ganz anders als in den USA) zur Negativfolie einer Christlichkeit geworden, die selber ganz gefühlsmäßig 'authentisch' und natürlich 'nachhaltig' sein möchte und nicht merkt, wie sie dabei dem Zeitgeist nur umso rascher und unkritischer in die Arme fällt. Dass Protestantismus und Kultur ein enges Beziehungsgeflecht darstellen können, das fruchtbar wird für freiheitsweisende Deutungmodelle der Gegenwart, hat 'Kirche' zum eigenen Schaden vergessen. Dieses aber nachdrücklich einzufordern ist das gute 'Amt' eines akademischen Theologen!

Die Lektüre dieses Buches ist erfrischend und äußerst anregend, wie gesagt: Friedrich Wilhelm Graf schreibt sprachlich sehr pointiert und theologisch substanziell herausfordernd. Ein sehr gutes Büchlein!


Die Vermessung des Glaubens: Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
Die Vermessung des Glaubens: Forscher ergründen, wie der Glaube entsteht und warum er Berge versetzt
von Ulrich Schnabel
  Gebundene Ausgabe

62 von 90 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Vermessener Glaube, 5. Januar 2009
Mit viel Neugier habe ich den "Schnabel" (Vermessung des Glaubens) gelesen. Aber schon die Einführung verspricht nicht viel Gutes. Mich wundert, wie sich ein Ex-Physiker und gelernter Journalist an ein solches Projekt wagt. Von dem, was Religion nach eigenem Verständnis ist und tut, hat er offenbar wenig Ahnung. Er bezeichnet sich selber auch als Agnostiker, wenngleich in christlicher Tradition aufgewachsen. Nun schreibt Schnabel als geübter Journalist recht munter-flockig und unbekümmert (schade, sich ernsthaft kümmern hätte er lieber sollen) über die Bedeutung der religiösen Erfahrungen von Menschen. Dazu sammelt er fleißig (Google?) alles, was so in den letzten Jahren an Merkwürdigkeiten und Absonderlichkeiten in Zeitschriften zu lesen und in den Medien zu sehen und zu hören war: von der wissenschaftlichen Überprüfung von 'Wunderheilungen' bis zur Messung von Hirnströmen bei Meditierenden und der (erfolgreichen?) Suche nach dem 'Gottes-Gen'. Wer selber diese Diskussionen in den Medien mit verfolgt hat, wird hier bei Schnabel nicht viel Neues entdecken. Dabei will er religiöse Phänomene wie den 'Glauben' nicht von vornherein negativ sehen, aber eben doch sehr von oben herab. Sein Ziel: Wer dies Buch gelesen hat, wird vielleicht ein bisschen besser über den religiösen Glauben und seine Auswirkungen Bescheid wissen. Das 'glaube' ich allerdings kaum. Die Fachleute dazu, nämlich die Theologen und Religionswissenschaftler, hat er kaum "befragt" geschweige denn ernsthaft zur Kenntnis genommen. So ist ein Buch entstanden, das sich flüssig lesen lässt und das eingängig geschrieben ist, in journalistisch geübtem Stil. Wer allerdings bei vielen der glatten Formulierungen Schnabels weiter fragt und nachdenkt, wird leer ausgehen. Allein sein 'Glaubenstest' ist von schon wieder witziger Naivität: Man könnte seine Zuordnungen der Auswahlaussagen zu den verschiedenen Religionen fast beliebig vertauschen, es bliebe immer richtig! Seine Vorliebe für die Mystik sei ihm geschenkt. Also purer Dilettantismus, eingängig formuliert, der sich gut verkauft. Aber ein hintergründiges Buch über 'den Glauben' wird man hier nicht finden. Seine Beschreibung der persönlichen Begegnungen mit Glaubenden und Nichtglaubenden sind noch das Beste, was das Buch zu bieten hat.

Ärgerlich bei der Lektüre Schnabels ist, dass er seine Zeitgenossen und sich selber bei einem so wichtigen und aktuellen Thema wie 'der Vermessung des Glaubens der Religionen' intellektuell unterfordert und mit Plattheiten abspeist. Schnabels Anspruch ist vermessen. Das hätte nicht sein müssen. Da kann man zum Beispiel bei Eugen Drewermann oder Hans Küng sehr viel Erhellenderes und Tiefsinnigeres über den 'Glauben der Religionen' erfahren, auch wenn man deren christliche Position nicht teilen möchte.
Kommentar Kommentare (6) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Sep 23, 2013 11:36 PM MEST


Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land
Auf der Suche nach Amerika. Begegnungen mit einem fremden Land
von Bettina Gaus
  Gebundene Ausgabe

23 von 33 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Sich selbst im Wege, 7. September 2008
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Mit ihrem Titel weckt Bettina Gaus Erwartungen. Auf den Spuren von John Steinbeck will sie die USA in 3 Monaten umrunden, die Städte dabei auslassen und das 'einfache Volk' auf dem Lande kennenlernen. Auf diese Weise will die deutsche Journalistin der "taz" ein besseres Bild von Amerika gewinnen, das schon so viele andere vor ihr und neben ihr eloquent beschrieben haben. Ein hoher Anspruch, und Angst vor der Schuhgröße "Steinbeck" hat sie auch nicht. Überrascht bin ich schon, als das Büchlein vor mir liegt: So dünn, bei der langen Reiseroute und riesigen Stoffmenge? Nun, die Anzahl der Buchseiten ist noch kein Qualitätsmerkmal, weder plus noch minus. Aber nach der Lektüre weiß ich: Das Ergebnis ist dünn und dürftig Es lohnt sich kaum zu lesen. Es gibt sehr viel Besseres über 'Amerika'.

Bettina Gaus steht sich bei dieser Reise andauernd selbst im Wege. Sie möchte zwar, so betont sie immer wieder, möglichst vorurteilsfrei ihre Erfahrungen machen und darüber berichten, aber meist schon im nächsten Absatz misslingt ihr das völlig. Man hat den Eindruck, sie jage ihrem eigenen Amerika-Bild nach, und das ist geprägt vom Gespenst "Präsident George W. Bush" als lebendigem Gott-sei-bei-uns, von der waffenstarrenden, kriegslüsternen Weltmacht in Washington, die aber im eigenen Lande dumm und anachronistisch der eigenen unbewältigten Geschichte von Rassenkämpfen, Indianerkriegen und Selbstbeweihräucherung (siehe Nationalsymbole) nachhängt. Dementsprechend präsentiert sie ihre Gesprächspartner. Erstes Kriterium ist jeweils, ob sie für oder gegen Bush und den Irakkrieg sind (sie findet natürlich nur Gegner), zweites Kriterium: ob sie zu den von der Regierung Vergessenen und Unterdrückten gehören. Letztere sind besonders geschätzte Interviewpartner. Die Latino-Amerikanerin, die wieder zurück nach Puerto Rico möchte, hat die besondere Sympathie von Bettina Gaus; sie wenigstens habe erkannt, dass es völlig falsch sei, die USA als Vorstufe des Paradieses zu glorifizieren. So ähnlich mögen die Westberichte eines Parteikaders der SED geklungen haben. Wenn Gaus in wenigen Seiten die gesamte Westküste "abhakt", um sich mit viel mehr Aufmerksamkeit dem Grenzregime der USA gegenüber Mexiko zu widmen, dann geht der Eifer mit ihr so richtig durch, wenn sie auf die unbewältigten Folgen des Hurrikan "Katrina" zu sprechen kommt. Dies scheint für sie so erhellend und symptomatisch für ihr USA-Bild zu sein, dass sie mehrere ihrer knappen Seiten allein "Katrina" und den Folgen widmet. Stets findet sie Gesprächspartner, für deren Leiden an unzureichender Krankenversorgung, hartherzigen Arbeitgebern oder rassistischen Vorurteilen sie grenzenloses Mitgefühl hat. Nur das Klagen und Jammern der Katrina-Opfer kann Gaus nicht recht verstehen: Opfer von Naturkatastrophen gebe es schließlich überall in der Welt, da sollten sich die Amis nicht so anstellen. Mit der religiösen Seite Amerikas kommt Gaus schon überhaupt nicht zurecht. Es ist doch allzu weit von ihrem norddeutsch geprägten Luthertum entfernt.

Die 'Kettenraucherin' (so Gaus über sich selbst) mäkelt zwar an den Restriktionen für Raucher in der amerikanischen Öffentlichkeit herum, beklagt, dass es kein Motel gebe, in dem sie im Computerraum rauchen dürfe, zugleich aber freut sie sich fast kindlich darüber, dass es auch in Amerika immer mehr Anhänger von gesunder Naturkost und Bioprodukten gebe. "Kindlich" sage ich, weil ihr offenbar die eigene Widersprüchlichkeit gar nicht bewusst wird. Ihr Buch ist das Selbstzeugnis der Erfahrungen einer sich linksdemokratisch definierenden Journalistin, deren Selbstgerechtigkeit und Arroganz erschreckend ist. Das Ergebnis ihres Buches ist denn auch nicht verwunderlich: Es gibt in den USA nichts zu lernen, außer dass man selber recht hat. Aber das wusste Bettina Gaus ja schon vorher. Nichts Neues. Zum Glück ist sie dann wieder froh zu Hause...


Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
Eine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends
von Josef Reichholf
  Gebundene Ausgabe

73 von 84 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Immer wieder überraschend: die Natur, 28. März 2007
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Reichholf gelingt es, in einer sehr gut verständlichen Sprache und Gedankenführung einen Streifzug durch die Naturgeschichte des letzen Jahrtausends vorzulegen. Sein Schwerpunkt liegt auf Europa, aber er wendet den Blick auch immer wieder auf die gesamte "globalisierte" Welt. Die Fakten und Entwicklungen, die er aufzeigt und ausführlich darlegt und begründet, sind immer wieder überraschend: das mediterrane Mittelalter, der von Lachsen überquellende Rhein, die schmelzenden und sich wieder aufbauenden Gletscher der Alpen - alles zeigt deutlich, wie sehr die Natur, das Klima, die Erde insgesamt in einer andauernden Veränderung begriffen sind. Es gibt keinen festen Normal-Status, keinen Stillstand, sondern nur eine ständige Änderung, Anpassung der Lebenswelten, Zunehmen, Abnehmen, Weichen und Wachsen.

Reichholfs Blick zurück lehrt die Gegenwart besser zu verstehen und auch die Zukunft gelassener einzuschätzen. Statt der verbreiteten Katastrophen-Hysterie ("Klimakatastrophe") ist der Blick zurück in die Vergangenheit der letzten Jahrhunderte und Jahrtausende sehr lehrreich. Er zeigt, welche Veränderungen unsere Erde und der Lebensraum in Mitteleuropa durchgemacht haben, welchen Herausforderungen Pflanzen, Tiere und Menschen immer wieder gegenüberstanden und wie die Kulturgeschichte nicht ohne die Naturgeschichte verständlich ist.

Das Buch ist sehr lesenswert, wirklich bedenkenswert und äußerst empfehlenswert!


Gehirn, Seele und Computer. Der Mensch im Quantenzeitalter.
Gehirn, Seele und Computer. Der Mensch im Quantenzeitalter.
von Günter Ewald
  Gebundene Ausgabe

19 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Fragwürdiger Entwurf einer christlichen Naturphilosophie, 10. Januar 2007
Günter Ewald versucht, in einem grossen Bogen von der Kybernetik über die Quantenphysik, Hirnphysiologie, Evolutionsbiologie und Naturphilosophie die Kurve zum tradierten christlichen "Jenseits-Glauben" zu schlagen. Ewald ist von Haus aus Mathematiker und verspricht am Anfang auch, auf genaue Begriffe und Definitionen zu achten, doch genau das hält er meines Erachtens überhaupt nicht durch. Sehr belesen und kundig liefert er eine gute und knappe Übersicht über den Forschungsstand der oben skizzierten Wissensbereiche, verlässt sie aber stets mit der Kritik ihrer "materialistischen Engführung", um dann die Grenzbereiche zu nennen und ausführlich darzustellen, die seiner Meinung nach auch naturwissenschaftlich die Begrenztheit und das Ungenügen der bisherigen Forschungsansätze kennzeichnen: paranormale, akausale 'Vorgänge' (Parapsychologie und Psychokinese) und Nahtoderfahrungen. Daraus leitet er ab 1.) einen erwiesenen Bruch in der wissenschaftlichen Forschung, die nur auf der Suche nach Kausalitäten sei, "Konvergenzen", "Singularitäten" (mathematisch gesehen) und "Synchronizitäten" aber ausser Acht lasse; 2.) eine naturwissenschaftliche Begründung für ein im Kosmos nachweislich wirkendes finales Prinzip eines übergeordneten Geistes. Er ist ein Verfechter des "starken anthropischen Prinzips" (alle Evolution läuft auf den Menschen hinaus) und liefert im Grunde eine ausführliche Beweisführung für die These vom "intelligent design": Die bisherigen Erkenntnisse der Naturwissenschaft erzwingen demnach die Annahme eines weisen Schöpfers, da die evolutionäre Entwicklung biologisch lückenhaft und nachweislich voller Sprünge sei.

Mir stösst dabei unangenehm auf, dass er seine Argumentation auf doch recht zweifelhafte Randerscheinungen (wenn es denn solche überhaupt sind) unserer Erfahrungswelt stützt und extraordinäre psychische Grenzerfahrungen naturphilosophisch (Teilhard de Chardin) und religiös auflädt. Ferner stösst mir noch unangenehmer auf, dass er zum einen nur das Christentum als Zielpunkt sieht und die grossen anderen Religionen weitgehend ignoriert, zum anderen ganz selbstverständlich den Menschen als evolutionäre "Krone der Schöpfung" behauptet, was meines Erachtens nun wirklich nicht 'erwiesen' ist. Was ist mit der lebendigen Tierwelt? Haben denn Tiere keine Seele, und also kein "geistiges Prinzip" in sich? Ist nicht LEBEN insgesamt das Wunder der Evolution, das Wunder in unserer Welt schlechthin, dem wir bisher nur sehr anfänglich und fragmentarisch nachzuspüren wissenschaftlich in der Lage sind? Den Menschen und seine Wirkungen auf diesen Planeten kann ich nach aller bisherigen Erfahrung nun wirklich nicht so ohne weiteres als Zielpunkt des Kosmos ausmachen. Da ist mir Ewald also entschieden zu "christlich voreingenommen". Im Grunde liefert er eine recht interessant dargestellte und gut lesbare christliche Naturphilosophie, die er mit guten Kenntnissen des gegenwärtigen Standes der naturwissenschaftlichen Forschungsbereiche rahmt. Als Lösungsangebot auf die wesentlichen, ja auch von ihm selber aufgeworfenen Grundfragen ist das aber für mich zu dürftig und fragwürdig.

Trotzdem nicht schlecht, aber auch nicht richtig gut, - interessant und anregend auf jeden Fall.


Seite: 1