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Rezensionen verfasst von
Wolfgang Goederle (Paris)
(REAL NAME)   

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Selina oder Das andere Leben
Selina oder Das andere Leben
von Walter Kappacher
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,90

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Sehr schönes Buch., 19. Mai 2013
Rezension bezieht sich auf: Selina oder Das andere Leben (Taschenbuch)
Dieser Titel ist dezidiert nichts für Leserinnen und Leser die es mögen, wenn in einem Buch viel geschieht. Das heisst allerdings nicht, dass Walter Kappachers Buch langweilig wäre: Vielmehr ist das Gegenteil der Fall.

In der Abfolge des (eigentlich ganz und gar nicht) Alltäglichen wird man mit hineingezogen in ein Leben, in dem man es sich einrichten könnte, das viele Elemente aufweist, in denen man sich im einen oder anderen Aspekt wiedererkennen möchte: Es ist ein, wenn nicht kaputtes, so doch gebrochenes und an vielen Stellen wieder irgendwie zusammengeflicktes Leben, aber keine aussichtslose oder sonderlich schwierige Existenz. Der Protagonist verschafft sich allerdings einen Freiraum, und in diesem entfaltet sich die Geschichte.

Ein Sabbatical in der Toskana, ein Mann, weitestgehend alleine mit sich selbst. Kappachers bildgewaltige und dennoch schlichte Sprache vermögen durchaus zu fesseln und zu entführen, in eine archaische, aber keinesfalls ferne Welt.

"Selina" ist ein stilles, aber niemals ein langweiliges Buch, eher im Gegenteil: Nach einigen Seiten baut sich eine Spannung auf, die sich bis an das Ende durchzieht, man möchte erfahren wie es weitergeht, obwohl kaum etwas geschieht, aber die präzise und akkurate Beschreibung, die Auseinandersetzung des Protagonisten mit seinem Leben, der Verfahrenheit, und den Perspektiven, das alles zieht einen hinein.

Walter Kappacher, auf den ich selbst nur durch den Büchner-Preis aufmerksam geworden bin, ist zu einem meiner Lieblingsschriftsteller geworden. Er ist ein überragender Beobachter, mit enormem Sprachgefühl versehen, ein ruhiger und zurückhaltender Schreiber. Aber aus diesen Facetten heraus entwickeln seine Bücher eine eigene Dynamik. Man hat es fast mit einem Minimalisten zu tun, dessen Kunst darin besteht, den Leserinnen und Lesern nichts hinzustellen als ein paar armselige Requisiten, aber aus diesen entwickeln sich vor dem Auge der Leserinnen und Leser die detailreichsten und farbenprächtigsten Bilder. Und das liegt durchaus an den Details, die er so sorgfältig einarbeitet.

Ein grossartiges Buch und eine uneingeschränkte Empfehlung. Bietet sich sommers wie winters an.


Schachnovelle
Schachnovelle
von Stefan Zweig
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,95

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Klassiker, 14. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Schachnovelle (Taschenbuch)
Stefan Zweig gehörte zu der literarischen Blüte die das Wien des fin de siècle hervorbrachte, und wie der Grossteil dieser Generation ging er im Alptraum des NS-Regimes unter. Geflüchtet konnte er den Nazis am Ende doch nicht weit genug entrinnen. Sein einsames Sterben in Brasilien ist leider nur eines unter Hunderttausenden von tragischen Schicksalen, die alle vor einem ähnlichen Hintergrund stattfanden.

Die Schachnovelle sein letztes Buch und schon am Ende dämmert es den LeserInnen vielleicht, das dieses Ende unter Umständen nicht so klar und eindeutig und friedvoll sein könnte wie es an der äussersten Oberfläche wirkt.
Die Schachnovelle ist kurz, sie liest sich mühelos in ein oder zwei Stunden, und dabei so fesselnd, dass man sie nicht ein Mal weglegen muss. In dieser Kürze ist auch eine Flüchtigkeit, eine Ahnung von den Gewalten, die zur Zeit ihrer Entstehung von Europa ausgehend die Welt in einen Brand verwandeln, und die auf ein einziges Leben keine Rücksicht mehr nehmen.

Die Sprache ist dabei so bildhaft, dass vielleicht die evozierten Bilder mehr aussagen als der Text alleine: Das Fieber(hafte), das Schachspiel, die Schiffsreise, die Herkunft der Hauptprotagonisten und ihre wichtigsten Charaktereigenschaften: Zweig beschreibt sie nicht ausführlich, aber er legt doch ein knappes Zeugnis ab, nicht zuletzt von seinem eigenen Befinden.

Die Schachnovelle kann und muss vielleicht als Vermächtnis gelesen werden. Ein grossartiges und zutiefst trauriges Buch, ein letzter Blick auf eine im Zerbrechen inbegriffene Zivilisation, in dem Moment als die Bruchlinien schon sichtbar geworden sind.

Uneingeschränkte Empfehlung.


Versuch über den Stillen Ort
Versuch über den Stillen Ort
von Peter Handke
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Im milden Licht des Abends., 14. April 2013
Handkes jüngstes Buch mag nicht mehr so aufwühlen und erregen wie manches von dem, was er in den 90ern und frühen 2000ern geschrieben hat. Es fügt sich auch nicht bruchlos an seine sprachgewordene Unzufriedenheit, sein Suchen und Nicht-Finden in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts an.

Vielmehr gewinnt man den Eindruck (und nicht erst seit diesem vierten und bislang letzten Versuch) das Handke an einem Punkt der Reflektion angelangt ist, die erfrischend ziellos erscheint.

Was mich an diesem Mann konkret so fasziniert ist seine ungeheure und noch immer wachsende Sprachgewalt. Handke ist von einem, mit Verlaub, kapitalen Ungustl, zu einem Inhaber unübertrefflicher Schreibmacht geworden. Dieser Mann bringt Sätze aufs Papier die viel anrichten und viel wieder gutmachen können. Dazu kommt ein (unbeabsichtigter?) Witz in seinem Schreiben, eine ständig miteinfliessende Ironie, die in diesem Fall seine eigene Person zum Ziel hat. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies der wichtigste und im Augenblick sprachmächtigste Schriftsteller im Deutschen ist, und genau genommen tut er ja schon seit Jahrzehnten kaum etwas anderes, als sich an ebendieser Sprache abzuarbeiten (oder wie er es in einem Radiointerview einmal nannte: er habe "durch sich durchgeschrieben").

Zum Inhalt gibt es, wie so häufig bei Handke, dann nicht so viel zu sagen, es ist ja eine Frage der Form bei ihm. Trotzdem ist er kein Dadaist, sein Versuch über den Stillen Ort verdient diese Bezeichnung durchaus, nicht zuletzt demonstriert er eindrucksvoll die nach wie vor existierende intellektuelle Kapazität dieses Mannes. Wenige schaffen es, so ein Büchlein von einem Abort ausgehend zu verfassen.

Der Versuch über den Stillen Ort liest sich übrigens an ebendiesem ganz vorzüglich. Leider ist der Preis im Angesicht der gut 100, grossbeschriebenen Seiten eher als Wucher zu bezeichnen. Ein Warten auf die Taschenbuchausgabe zahlt sich aus, Lesen sollte man ihn auf alle Fälle.


The Human Stain
The Human Stain
von Philip Roth
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Überragend., 14. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: The Human Stain (Taschenbuch)
The Human Stain war erst das zweite Buch, das ich von Philip Roth gelesen habe, die Kunde von seinem Ruhm und seiner Sprachgewalt hat mich erst spät ereilt, und mit jedem Mal, das er als Nobelpreiskandidat gehandelt wurde und die Auszeichnung dann doch nicht erhiellt, verstärkte sich mein Bedürfnis, doch einmal etwas von ihm zu lesen.

Dieses Buch ist seinem Spätwerk zuzuordnen (er hat das Schreiben letzten Herbst offiziell eingestellt), was in diesem speziellen Fall viele Vorteile mit sich bringt: Roth spielt seine Erfahrung und sprachliche Überlegenheit souverän aus. Die Geschichte des gemobbten College-Professors der sich auf einen Rachefeldzug begibt, der von Anbeginn an zum Scheitern verurteilt ist, in der Wiedergabe des Roth-LeserInnen geläufigen Nathan Zuckerman gehört zum Besten was um die Jahrtausendwende geschrieben wurde.

Es ist einerseits die Geschichte selbst, die mit einigen unvorhersehbaren Wendungen mehrere Male überraschende Verläufe nimmt und noch einmal die grossen Themen von Roth als Person und dem 20. Jahrhundert als Zeitalter aufgreift: Familie, Rassismus, Ethnizität, sozialer Aufstieg, Trauma, das Judentum.

Es ist die Art in der Roth schreibt: Geschickt verwebt er die Perspektiven der verschiedenen ProtagonistInnen miteinander und am Ende fühlt man mit den übelsten Figuren des Romans mit, fiebert mit ihnen darum, ob sie es schaffen, Reputation und Karriere wiederherzustellen, oder nur ihren Frieden wiederzufinden. Roth bereitet es offensichtlich ein diabolisches Vergnügen, seine Leserschaft solcherart in den Abyss zu schicken, mehr als einmal verleitet er subtil zur Empathie mit den GegenspielerInnen von Zuckerman und Coleman Silk. In dieser Weigerung zu verurteilen tritt aber auch eine, man möchte respektloserweise schreiben, Altersmilde zu Tage ("Dem jungen Zuckerman wäre das nicht eingefallen!") und der humanistische Boden auf dem sich dieser Titan bewegt.

Nicht zuletzt schafft es Roth, wie kaum ein anderer Autor, seine LeserInnen in die Handlung hineinzuziehen: Gerade die Bücher der Zuckerman-Reihe werden zu Zeit- und Ostküstenreisen, dieser Chronist des 20. Jahrhunderts schleppt einen überall dahin mit, wo die tiefgreifenden Brüche passiert sind. Sei es Vietnam, die Bürgerrechtsbewegung oder der Fall Lewinsky. Dieser stille und meisterliche Beobachter lässt nichts aus, und während man den Eindruck gewinnt, hier würde jemand mit seiner eigenen durchschnittlichen Existenz kämpfen, zeichnet sich das grosse Bild, das dahinterstehende epochale Gemälde erst mittendrin ab, wenn es schon Konturen annimmt.

Roth erzählt Geschichten die weit über ihre eigentlichen, alltäglichen und ans Banale grenzenden Handlungsstränge hinausgehen. Seine Bücher sind immer fest vor dem intellektuellen Horizont ihres Autors verankert, ihre Aussagen gehen stets über das Persönliche, das sie Eingangs zu repräsentieren scheinen, hinaus.

Ein grossartiges Buch.


Out of Africa (Penguin Modern Classics)
Out of Africa (Penguin Modern Classics)
Preis: EUR 8,49

4.0 von 5 Sternen Einblick in eine untergegangene Welt., 9. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Blixens Buch wirft den Leser oder die Leserin um ein knappes Jahrhundert nach hinten, in das koloniale Kenia des frühen 20. Jahrhunderts. Für ihre bildhaft schöne Sprache (sie schrieb auf Englisch, obwohl das nicht ihre Muttersprache war) wurde sie häufig gerühmt.

Jede einzelne Zeile des Buches ist von einem wehmütigen Unterton getragen, die erfolglose Kaffeefarmerin Blixen musste das Land in den 1930ern nach über 20 Jahren letztlich bankrotterweise verlassen und litt daran offensichtlich noch länger. Ihre Schreibweise erinnert nicht nur entfernt an Hemingway, hier wird ein Diskurs sichtbar, der sich heute einerseits grosser Popularität erfreut, vor allem im angloamerikanischen Raum: Die grossen Freiheiten der Kolonialherren (und -herrinnen) die in den 1920ern kulminierten, als sich eine weisse upper class einem hemmungslosen Jagd-, Renn- und "Sport-" (darunter firmiert am Ende alles, was offenbar Spass machte und wofür das Blut von anderen vergossen wurde)exzess aussetzte, beflügelt durch die neuen Technologien des Automobils und des Flugzeugs, der erst durch den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs zu einem vorläufigen Ende kam.

Blixens Buch stellt mich vor Schwierigkeiten: Einerseits ist es ein Vergnügen, es zu lesen, die Sprache ist gefällig, es verlangt einem nicht zuviel an Aufmerksamkeit ab, und die kurzen, in sich geschlossenen aber in einem losen Gesamtzusammenhang stehenden Episoden umreissen das tägliche Leben im kolonialisierten Afrika in sehr bildhafter Form.

Andererseits ist das Buch ein Hohelied auf den Kolonialismus, den Rassismus und die "Überlegenheit des weissen Mannes" (was nicht alleine an Blixen liegt, sie präsentiert sich keinesfalls als Hohepriesterin des Kolonialismus, wohl aber als Paternalistin und als ihrer eigenen Rolle vollkommen unkritisch gegenüberstehend), aber so wird es rezipiert. Es werden Szenen darin beschrieben, dass es einem die Haare aufstellt. Eigentlich wäre das klassische Schulliteratur, so etwas müsste man kritisch erarbeiten. Stattdessen wird es als Liebesroman und als die "Geschichte einer starken Frau" gelesen (zumindest geht das aus der Mehrzahl der an dieser Stelle veröffentlichten Rezensionen so hervor).

Daher am Ende nur ein Hinweis: Das ist kein Liebesroman. Es ist auch keine schöne Geschichte. Dieses Buch bedarf, mehr als die meisten anderen Bücher, einer kritischen Lektüre.

Die vier Sterne gibt es für die Sprache. Das Setting wird in diese Bewertung nicht miteinbezogen.


Am Meer
Am Meer
Preis: EUR 0,00

2 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Harte Kost, aber gut geschrieben., 9. April 2013
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Am Meer (Kindle Edition)
Auf den ersten paar Seiten wähnt man sich im Urlaub, so idyllisch und schön fängt es an, aber dann beginnt der Horror, und er steigert sich bis zu einem rasenden Ende.

Strindberg, der Naturalist, beschreibt einen dreifachen Konflikt: Denn sein Fischmeister, der aufgeklärte und in allen Bereichen seiner beruflichen Existenz hervorragend qualifizierte Wissenschafter, hat es nicht nur mit der Natur zu tun, die er vermessen, ergründen, und einer optimalen Bewirtschaftung zugänglich machen möchte, sondern auch mit den, in seinen Augen, rückständigen, ungebildeten und primitiven Dorfbewohnern.

Das Buch lässt sich auf mehreren Ebenen lesen, einmal ist es der Staat und sein Apparat der gegen die Natur und den Pöbel antritt, dann ist es die Bourgeoisie gegen die Bauern, oder in diesem Fall die Fischer, aber es ist auch der Homo Novus, wie ihn die Aufklärung hervorgebracht hat, auf seinem Siegeszug gegen die Natur, und wie es sich dann zeigen sollte, wird dieser Siegeszug nicht stattfinden.

Strindberg hat mit "Am Meer" ein so faszinierendes wie verstörendes Buch geschrieben. Das Tempo steigert sich bis am Schluss alles in einem beispiellosen Inferno kulminiert. Ein, wie ich den Eindruck habe, wenig gelesener, aber durchaus des Lesens werter Skandinavier, in dem seine Zeitgenossen häufig einen zweiten Emile Zola zu erkennen glaubten.


Zuckerleben: Roman
Zuckerleben: Roman
von Pyotr Magnus Nedov
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Vielversprechender Anfang, 9. April 2013
Rezension bezieht sich auf: Zuckerleben: Roman (Gebundene Ausgabe)
Mit "Zuckerleben" ist Pyotr Magnus Nedov ein Debüt gelungen, das mehr als lesenswert ist.

Dazu entführt er seine LeserInnen zunächst an einen Ort, der im Wohlstandsbürgertum angesichts der verbreiteten medialen Bilder allenfalls Beklemmungen und ein leichtes Gruseln auslöst: Moldawien vor dem Fall des Eisernen Vorhangs.
Nedovs Moldawien steht allerdings im krassen Widerspruch zu verbreiteten Klischees, es ist voll mit liebenswerten und verrückten Figuren die vor dem Hintergrund eines epischen Niedergangs eine Operation starten, wie sie sich im modernen Mainstream-Kino sicher nicht finden würde, dazu ist sie zu ausgefallen: Es geht um 40 Tonnen Zucker, um die sich letztlich einige Dutzend von den buntesten Charakteren streiten, die die Gegenwartsliteratur zu bieten hat.

Nedov montiert seine Kapitel wie einzelne Filmszenen aneinander, er erzeugt einen Spannungsbogen von der ersten bis zur letzten Seite. Dazu beweist das offensichtliche Sprachgenie (im Verlauf des Buches tritt immer stärker hervor, dass Nedov in zumindest fünf Sprachen Dinge ausdrücken kann, die mir auf Deutsch schwerfallen würden) eine ausgesprochene Begabung für die Beifügungen, also attributisch gebrauchte Adjektive: Aus dem aufstrebenden jungen Mann mit dem klingenden Namen Pitirim Tutunaru wird somit der "Dondusenier Spekulant", aus Wladimier Pawlowitsch Puscas wird zugleich der "Held der sozialistischen Arbeit", fast jede Figur erhält einen Beinamen, der sie zugleich mit liebevoller Ironie karikiert. Daraus entwickelt sich eine grossartige Komik, überhaupt ist der schräge, teilweise an die Grenzen des guten Geschmacks gehende, Humor alleine schon das Lesen wert. Nachgerade bizzare Szenen zeichnet Nedov vor dem inneren Auge des Betrachters, etwa wenn ein Moldawier des Nächtens beim Verrichten einer brisanten Pflicht im Innenhof eines mailändischen Hotels Zeuge davon wird, wie die Hotelbesitzerin gemeinsam mit zwei orthodoxen Geistlichen die Leiche eines Italieners verbrennt, dessen Bestattung von der katholischen Kirche aufgrund seines vorangegangenen Kirchenaustritts verweigert wird.
Überhaupt geht er mit den diversen Kirchen hart ins Gebet, nur die eigenwilligsten Geistlichen dürfen in "Zuckerleben" auftreten, aber das hat durchaus seine Berechtigung.

Was Nedov über seinen schwarzen und knochentrockenen Humor hinaus auszeichnet ist seine Sprache: Selten hat man das Vergnügen einen so unverbrauchten Duktus zu lesen, seine, wie es bereits ein anderer Rezensent anmerkte, adjektivüberladene, fast schon verschwenderisch reiche Sprache macht das Lesen zu einem Vergnügen (und wird Übersetzer dazu bringen, den Beruf zu wechseln).

Die zentrale Stärke und grosse Bedeutung dieses Buches liegt aber darin, dass es einen (geographischen, politischen und topographischen) Raum erschliesst, der den LeserInnen hierzulande bislang vollkommen unzugänglich war: Das Moldawien der Wende wird von Nedov virtuos mit einem (wenn man das so handwerklich sagen darf) "Werkzeugkoffer" bearbeitet, und am Schluss in ein eigenwilliges Kunstwerk hineingebogen, in dem sich Anklänge an eine Popliteratur ebenso finden wie Elemente des Ciné Noir und in Kombination mit einer erzählerischen Kunstfertigkeit, die in manchen Passagen einem Victor Hugo um nichts nachsteht (unvergesslich wie er in Les Misérables den grossen Bogen des Zeitalters des frühen 19. Jahrhunderts verwendet um seine epische Geschichte einzurahmen), ist ein Buch entstanden, das einen im allerbesten Sinne mit auf eine Reise nimmt.

Eine lupenreines Fünfsternbuch, auch wenn ich am Ende gerne noch einige Facetten etwas länger ausgerollt und fertig beschrieben gehabt hätte. Aber so ist es wie im Film, der das Buch ja eigentlich ist: Am Schluss geht es ganz schnell und dann geht das Licht aus. Aber die guten Filme wirken nach. Und da gehört dieser ohne Zweifel dazu.


Die Frauen von Trachis (insel taschenbuch)
Die Frauen von Trachis (insel taschenbuch)
von Hellmut Flashar
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Die griechische Tragödie in ihrer schönsten Form., 13. Oktober 2006
Eine sehr schöne Ausgabe einer Tragödie des Sophokles in der Übersetzung von Schadewaldt, angereichert durch umfangreiches Zusatzmaterial.

Flashar hat die eigentliche Tragödie in einen Begleitrahmen von Kommentaren, Bildern antiker Vasen und Erklärungen hineingebettet, der es auch dem verhältnismässig ungebildeten Leser(wie meiner Wenigkeit) ermöglicht, das Stück zu konsumieren und zu verstehen. So wird auch die komplette Rezeptionsgeschichte des Motivs aufgearbeitet.

Das eigentliche Motiv ist das Ende des Herakles, der ja bekanntermassen von seiner Frau Deianira "versehentlich" getötet wird.

Als er nämlich von einer langen Reise nach Hause zurückkehrt, wo ihn Frau und Kinder bereits sehnsüchtig und besorgt erwarten, führt er eine Konkubine mit, Iole, die Tochter eines besiegten Königs. Dass er den nämlichen König nur um der Tochter wegen besiegt hat, das kommt erst im weiteren Verlauf des Stückes an das Tageslicht, sein Herold Lichas versucht die Motive seines Herrn vor Deianira weitestmöglich zu verschleiern, indem er angibt, Herakles habe den besagten Krieg nur seiner Ehre wegen geführt, nachdem er erkennt, welche falschen Hoffnungen Deianira in ihren Mann setzt.

Indem er sie vor vollendete Tatsachen stellt verlangt Herakles von Deianira, mit seiner neuen Konkubine unter einem Dach zu leben. Deianira kann das kaum ertragen, sie empfindet das Verhalten ihres Mannes als schlimme Demütigung, und in ihrer Not greift sie auf eine List zurück:

Auf ihrer Hochzeitsreise viele Jahre früher unternahm einst ein Kentaure namens Nessos den Versuch sie zu entführen. Herakles tötete darauf den Kentauren mit einem Pfeil der durch das todbringende Blut der lernäischen Hydra vergiftet war. Der sterbende Kentaure heuchelte Reue und brachte solcherart Deianira dazu, sein vergiftetes Blut in einem Gefäss aufzufangen, indem er vortäuschte, das Gewand ihres Gatten Herakles würde in besagtem Blut getränkt diesen für ewig in Treue an sie binden.

In ihrer Not entsinnt sich Deianira des Nessos und sie tränkt ein Gewand ihres Gatten mit dessen Blut. Der unglückliche Lichas muss dieses dem Herakles überbringen, der gerade im Begriff ist, dem Zeus zu opfern. Herakles streift sich das Gewand über und erleidet furchtbare Qualen. In seinem Todeskampf tötet er zunächst den Lichas.

Deianira geht von eigener Hand in das Messer als sie von den Folgen ihrer Tat erfährt, der tödlich verwundete Herakles kehrt nach Hause zurück und bringt seinen Sohn dazu ihm einen Scheiterhaufen zu errichten, da dies der Tod ist den ihm das Delphi'sche Orakel einst prophezeit hat.

An dieser Stelle endet die Tragödie, der Tod des Herakles wird in einem anderen Stück aufgearbeitet.

Die Tragödie unter Sophokles zählt zu den ausgereiftesten und stilistisch vollkommensten im klassischen Griechenland des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Auch in den Frauen von Trachis wird neben der formalen Perfektion besonderer Wert auf die Relevanz und Tragweite der moralischen Dimension gelegt.

Diese Kernfrage lautet natürlich, inwiefern das Verhalten das Herakles zu rechtfertigen ist, worin das Verwerfliche an der Tat seiner Frau besteht, und wer letztlich Schuld trägt.

Natürlich lassen sich aus der Tragödie auch die gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Entstehungszeit ablesen.

Eine hundertprozentige Empfehlung für alle historisch und literarisch interessierten, zumal die klassische griechische Tragödie etwas ist, das man zumindest einmal gelesen haben sollte.


Die Vermessung der Welt. Roman
Die Vermessung der Welt. Roman
von Daniel Kehlmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

22 von 34 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Hätte mir mehr erwartet..., 13. Oktober 2006
Hymnische Rezensionen, begeisterte GermanistInnen...

Dann stand ich vor der Wahl Kehlmann oder Ransmayr.

Zum Flattersatz hingezogen doch ihm letztlich doch von ihm letztlich abgeschreckt wie von einem überhohen mächtigen Hindernis das nicht bewältigbar erscheint habe ich mich der Vermessung anvertraut.

Das Resultat dieser Flucht ist in jeder Beziehung ein ernüchterndes. Das erste Wort das mir dazu einfällt ist: Trivial.

Nicht des Lesens wert.

Das "komischste Buch des Jahres" hätte es sein sollen. Dass es das sicherlich nicht ist, darüber könnte ich hinwegsehen. Aber eine gewisse Lieblosigkeit vermag ich ihm nicht nachzusehen. Es liest sich wie hastig hingeschrieben, und zwar wie wirklich hastig hingeschrieben, und nicht weil es der Autor so beabsichtigt hätte. Kehlmanns Satz ist in einem Wort belanglos. Da wird kein Gefühl vermittelt, der Satz trägt die Handlung nicht mit. Und wenn sich ein Text mit seinem Satz nicht versteht, dann ist das nicht gut.

Die Handlung ist wenig begeisternd. Man möchte manchmal den Eindruck gewinnen, dass sich da einer über seine Hauptprotagonisten lustig macht. Verwerflich ist das nicht, wenn er es denn kann.

Kehlmann kann es nicht.

Drei Sterne bekommt es trotzdem, weil es sich in einem durch liest, besser die Zeit vertreibt als ein Fernseher, und weil man irgendwo doch ergründen möchte, was das für ein Buch ist, das alle so begeistert lesen.

Mein Vertrauen in die Germanistik hat es erschüttert, nachdem es zwei Germanistinnen waren, die sich davon derart euphorisiert zeigten, dass ich es mir letztlich gekauft habe.

Ich für meinen Teil werde mich dem Flattersatz zuwenden und die Vermessung hinter mir lassen. Spuren hat sie nicht hinterlassen.


Das periodische System. SZ-Bibliothek Band 48
Das periodische System. SZ-Bibliothek Band 48
von Primo Levi
  Gebundene Ausgabe

46 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Berührendes Buch, 1. Oktober 2005
Einundzwanzig Kapitel, ein jedes benannt nach einem Element des Periodensystems-niemals habe ich eine kurzweiligere, originellere und zugleich fröhlichere Autobiogaphie eines Mannes gelesen, der als Auschwitz-Überlebender zeit seines restlichen Lebens ein Verstümmelter blieb.
Irgendwie gelingt es ihm, zu jedem der gewählten Elemente eine Assoziation zu finden, ein jedes Mal auf eine andere Art und Weise. Aber an der Art und Weise, wie dieser kleine Italiener mit dem liebenswürdigen Gesicht seine Worte zusammensetzte lässt sich erkennen, dass dieser Mann nicht alleine ein hervorragender Chemiker war, sondern auch ein Humanist reinsten Wassers, ein taktvoller, im Herzen gebildeter, einer, der sogar noch der Grauenserfahrung des Holocausts noch Aspekte und Erkenntnisse abzunötigen vermochte, die über die blosse Wiedergabe des Erlebten weit hinausgehen.
Primo Levi vermochte das Wesen der Menschen zu sehen, und trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, liebte er sie.
Seine Autobiographie, in Wahrheit ein liebevolles Denkmal schriftlicher Natur, errichtet jenen, die er liebte.
Seine liebenswerten Charaktere, unübertrefflich beschrieben, lassen einem die eigentümlichsten und interessantesten Italiener teilweise längstvergangener Tage vor dem inneren Auge wiederauferstehen.
Das periodische System ist eine Ode an die Lebensfreude, nicht an die überschäumende, aber an die stille, die einem erst beim genauesten Hinsehen gewahr wird, es sei denn, man heisst Primo Levi, und besitzt dieses seltene Auge, diese unbezahlbare Gabe, die Dinge nicht nur auf den ersten Blick zu erkennen, sondern sie auch noch prinzipiell von ihrer liebenswürdigsten, gutmütigsten und schönsten Seite her zu betrachten.

Indes steht in der Umschlagflappe der Ausgabe der SZ vermerkt, Levi habe 1987 Selbstmord begangen. Der Tod Primo Levis am 11. April des besagten Jahres ist tatsächlich bis heute nicht vollständig aufgeklärt.
Ein Selbstmord wird aber heute, über 18 Jahre später, zunehmend als unwahrscheinlich angenommen. Vielmehr erscheint es plausibel, dass Primo Levi einem tragischen Unfall zum Opfer fiel. Der geneigte Leser möge sich im Internet informieren und seine Meinung bilden. Ärgerlich allein, dass die SZ offenbar unreflektiert eine Annahme zur Tatsache erhebt.

Nachwort(15. Dezember 2006): Ich habe mich lange mit Primo Levi auseinandergesetzt und mich mit vielen Menschen über ihn unterhalten. Mehr und mehr hat sich in mir die Überzeugung durchgesetzt, dass das, was ich einst für einen Unfall hielt, letztlich kein Unfall war.
Imre Kertesz sagte über Levi, es wäre ihm gleich ergangen, hätte er so früh über das alles geschrieben. Und ich muss mich mit dem abfinden, was ich für nicht möglich halten wollte.
Damit möchte ich mit einem Satz von P.L. schliessen:
"Nicht wir, die Überlebenden, sind die wirklichen Zeugen. Das ist eine unbequeme Einsicht, die mir langsam bewusst geworden ist, während ich die Erinnerungen anderer las und meine eigenen nach einem Abstand von Jahren wiedergelesen habe. Wir Überlebenden sind nicht nur eine verschwindend kleine, sondern auch eine anomale Minderheit: wir sind die, die aufgrund von Pflichtverletzung, aufgrund ihrer Geschicklichkeit oder ihres Glücks den tiefsten Punkt des Abgrunds nicht berührt haben. Wer ihn berührt, wer das Haupt der Medusa erblickt hat, konnte nicht mehr zurückkehren, um zu berichten, oder er ist stumm geworden."
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: May 28, 2016 9:28 PM MEST


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