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Bücherstadt Kurier

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Zwölf Leben: Roman
Zwölf Leben: Roman
von Ayana Mathis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

4.0 von 5 Sternen Zwölf Leben – Zwölf Schicksale, 9. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Zwölf Leben: Roman (Gebundene Ausgabe)
Hattie hat zwölf Kinder, von denen zwei – Zwillinge – bald nach der Geburt verstorben sind. Hattie hat einen Ehemann, der sich in den Bars und mit anderen Frauen vergnügt. Hattie hat einen Liebhaber – nach einer Weile nicht mehr. Hattie hat eine Enkeltochter, die mit staunenden Augen zu ihr aufsieht.

Beeindruckend zeichnet Ayana Mathis in „Zwölf Leben“ das Portrait einer Frau, die hauptberuflich Mutter ist, und jede Bürde mit stolz erhobenem Kopf trägt, die ihr auferlegt wird. Durch die Augen von zwölf Kindern – und einer Enkeltochter – wird Hattie gezeigt, wie sie mit eiserner Hand den Haushalt führt, und dabei beinahe vergisst, dass es nicht nur die Strenge eines Generals braucht, um eine Rasselbande anzuleiten. Die Autorin schildert die einzelnen Schicksale der Kinder, ihren Umgang mit der Mutter und die Situation als Menschen dunkler Hautfarbe Anfang des 20. Jahrhunderts.

© Bücherstadt Kurier


Die Dame mit dem Hündchen
Die Dame mit dem Hündchen
Wird angeboten von Audible GmbH
Preis: EUR 3,70

5.0 von 5 Sternen Eine gefühlvolle Liebesgeschichte, 9. September 2014
„Die Dame mit dem Hündchen“ (russ. Дама с собачкой) wurde 1899 veröffentlicht und gehört damit zu Anton Tschechows letzten Werken. 1960 wurde die Erzählung unter der Regie von Iossif Jefimowitsch Cheifiz in schwarzweiß verfilmt, mit Ija Sergejewna Sawwina und Alexei Wladimirowitsch Batalow in den Hauptrollen. Etwa fünf Jahre später wurde der Film in Deutschland ausgestrahlt.

„Man erzählte, dass auf der Strandpromenade ein neues Gesicht aufgetaucht sei: eine Dame mit einem Hündchen.“ Doch wer ist diese Dame? Dmitrij Gurow folgt seiner Neugier und trifft sich mit ihr. Er erfährt, dass ihr Name Anna Sergejewna ist. Ihre geheimnisvolle, naive und verunsicherte Art fasziniert Dmitrij sogleich und er küsst sie. Ein Kuss, der das Leben beider Menschen auf den Kopf stellt.
Es scheint, als sei ihre Liebe dem Untergang geweiht, denn beide wohnen nicht nur in verschiedenen Städten, sondern sind auch verheiratet. Schweren Herzens nehmen sie Abschied voneinander und reisen nach Hause. Doch vergessen können sie den jeweils anderen nicht. Dimitrij, der sich zunehmend lebloser und verlorener fühlt, glaubt, ohne Anna nicht mehr leben zu können. Seine Stadt, so schön sie auch sei, erscheint ihm plötzlich fremd. Seine Familie, das Leben, das er führt, kommt ihm falsch vor. Er beginnt die Gesellschaft zu kritisieren, hinterfragt deren Lebensweise und kommt dann doch immer wieder zu dem Entschluss, dass das Leben schön ist, mit all seinen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Man muss nur richtig hinsehen. Angetrieben von seiner Sehnsucht und der Erkenntnis, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich Liebe zu empfinden, reist er Anna nach. Doch auch wenn sie sich freut ihn wiederzusehen, die beiden sich heimlich zu treffen beginnen und ein Doppelleben zu führen – wie lange würde das so weitergehen können? Wie würde ihre Geschichte ausgehen? Besteht denn überhaupt eine Chance, jemals glücklich zusammen leben zu können, ohne sich verstecken zu müssen?

Tschechow schafft in seiner Erzählung eine Atmosphäre voller Sehnsucht und Gefühl, vermischt mit philosophischen Gedanken und wundervoller Poesie. Matthias Haase liest die Geschichte um die Verliebten so gefühlvoll, dass die Atmosphäre, die durch den Text entsteht, noch verdeutlicht wird. Beim Hören entsteht der Eindruck, dass diese Geschichte eine ganz besondere ist, authentisch, echt und aufrichtig. Eine große Bereicherung für die Welt der Literatur.

© Bücherstadt Kurier


Zwei Herren am Strand
Zwei Herren am Strand
von Michael Köhlmeier
  Audio CD
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Wenn Kunst und Politik sich treffen, 9. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Zwei Herren am Strand (Audio CD)
„Zwei Herren am Strand“ von Michael Köhlmeier ist im August dieses Jahres im Carl Hanser Verlag und als Hörbuch im Hörverlag erschienen. Dieser Titel wurde für den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert.

Zwei Herren begegnen sich am Strand

Michael Köhlmeier verbindet in seiner Geschichte „Zwei Herren am Strand“ zwei große Persönlichkeiten: Winston Churchill und Charlie Chaplin. Als sich diese nach einer Feier am Strand begegnen, erkennen sie den jeweils anderen nicht. Beide sind erleichtert, wollen sie doch nur ihrem eigenen Schicksal entfliehen, dem Trubel der Feier, der Blicke des Publikums entgehen. Chaplin, der bis zu diesem Augenblick viel Leid erfahren hat, wirkt depressiv. Man sehe ihm an, dass er über Selbstmord nachdenke, meint Churchill. Und Chaplin, der sich diesem Fremden sogleich verbunden fühlt, beginnt ihm von seinen Misserfolgen und dem Druck der Öffentlichkeit zu erzählen. Mit viel Geduld und Ruhe lauscht Churchill seinen Worten und als sie den Weg zurücklaufen, öffnet auch er sein Herz. Selbstmord ist ein zentrales Thema in ihrem Gespräch. Doch am Ende ihrer Unterhaltung fühlen beide sich freier, ein Stück mehr zum Leben gewandt als zum Tod, was aufzeigt, dass Gespräche mit fremden, nicht unmittelbar im eigenen Lebensumfeld stehenden Menschen sehr hilfreich sein können.

Gleiches Ziel: Gegen den Nationalsozialismus

Auch wenn sich die Wege der beiden Freunde trennen, so vereint sie das gleiche Ziel: Der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Während Churchill in der Politik gegen Hitler kämpft, dreht Chaplin den Film „Der große Diktator“, in dem er den Führer persönlich spielt. Auf die Idee, diese Rolle selbst zu spielen, kam er durch andere, die oftmals betonten, er sähe mit seinem Bärtchen und dem Gesichtsausdruck dem Führer ähnlich. Chaplin, der bis dato großen Erfolg mit seinen Filmen hat, erntet plötzlich große Kritik. Noch bevor der Film erscheint, äußert sich die Presse, es sei ein Skandal, das hätte nichts mehr mit Kunst zu tun, sondern mit Politik. Drohungen, auch seitens von Hitler, schrecken Chaplin jedoch nicht ab. Auch die Tatsache, dass der Film in bestimmten Ländern verboten wird, lässt ihn nicht an seinem Projekt zweifeln. „Widerliche Kriegshetze“, heißt es in den Zeitungen, als der Film in die Kinos kommt. „Schlechte Musik, kein Stil, zu kitschig, geschmacklos“ sind Formulierungen, die er zu lesen bekommt, genauso wie die Behauptung, der Film würde seine Karriere ruinieren. Und doch fühlt sich Chaplin wohl dabei, weiß er doch, dass er auf diese Weise etwas gegen den Krieg getan hat. Auf seine Weise.

Literarischer Stil

Köhlmeier verbindet in seinem Werk Kunst und Politik. Er spricht Themen an, die von großer Bedeutung sind und an die Öffentlichkeit gelangen sollten: Krieg, Depressionen, Selbstmord. Dabei zeigt er auf, wie zwei Menschen mit diesen Problemen umgehen und gibt somit einen Lösungsansatz. Jeder kann etwas bewirken, jeder auf seine Art. Es wirkt, als würde er gerne mit Gegensätzen spielen: Ernst und Humor, Krieg und Frieden, Erfolg und Misserfolg. Ein Auf und Ab – wie im richtigen Leben. Seine Protagonisten treten sehr überzeugend auf, wirken authentisch. Nicht zuletzt wegen dem, was sie denken und fühlen und wie sie handeln. Sätze wie „Sprich, als wäre es das letzte Mal“ und „Was einer werden kann, das ist er schon“ wirken poetisch und weise und klingen einem noch lange im Kopf nach.

Der Autor bedient sich außerdem bildlicher Umschreibungen und Vergleiche. So ist von einem „schwarzen Hund“ die Rede, der Churchill irgendwann einholen soll. In diesem Zusammenhang wird mit Shakespeares Macbeth verglichen, dem der Tod von den Hexen vorhergesagt wird. Die Erzählperspektive wechselt dabei immer wieder. Zum einen gibt es den Ich-Erzähler, der die Geschichte der beiden Protagonisten anhand von Aufzeichnungen und Briefen erzählt. Manchmal äußert er seine eigenen Gedanken, die meiste Zeit aber wird aus der Sicht Churchills oder Chaplins berichtet, sodass man zwischendurch vergisst, dass hinter den Geschichten ein Ich-Erzähler steckt.

Hörbuch-Version

Der Autor liest seine Geschichte selbst vor. Man findet schnell einen Zugang zur Geschichte, kann dem Verlauf gut folgen. Seine ruhige Art vorzulesen führt allerdings dazu, dass der Spannungsbogen verloren geht. Während ich mir an einigen Stellen ein bisschen Tempo gewünscht hätte, wären an anderen längere Pausen sinnvoll gewesen. Der Geschichte zu folgen bedarf demnach viel Ruhe und Konzentration. Es ist kein Hörbuch, das man an einem Stück durchhört, vielmehr sollte man sich dafür Zeit nehmen, Pausen einlegen, über das Gesprochene nachdenken und einiges auch verinnerlichen. Denn hinter diesem Werk verbergen sich nicht nur die Geschichten zweier Persönlichkeiten, sondern unzählige Gedanken und Ideen, die es weiter zu verfolgen lohnt. Kein Wunder, dass „Zwei Herren am Strand“ für den Deutschen Buchpreis nominiert ist.

© Bücherstadt Kurier


Teufelsmord
Teufelsmord
von Tanja Noy
  Broschiert
Preis: EUR 9,99

0 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen 379 Seiten Langeweile, 5. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Teufelsmord (Broschiert)
„Schreib den ersten Satz so, dass der Leser unbedingt auch den zweiten lesen will“, sagte der amerikanische Schriftsteller William Cuthbert Faulkner einst. Als ich in der Buchhandlung nach dem Buch „Teufelsmord“ von Tanja Noy griff, habe ich nicht nur den ersten und zweiten Satz gelesen, sondern die komplette erste Seite. Das hörte sich vielversprechend an, dachte ich und kaufte mir das Buch. Ein Reinfall, wie sich später herausstellte.

Worum es geht

Die Handlung beginnt in der Vergangenheit. Es ist August 1987, an einem Samstag, kurz nach Mitternacht. Der Leser wird mitten ins Geschehen geworfen. Eine Frau, deren Namen wir nicht kennen, wird gerade von irgendjemandem verfolgt. Die Situation wird spannend geschildert, macht neugierig auf den weiteren Verlauf. Einen Tag später wird die Frau tot aufgefunden, in ihren Bauch ist ein Pentagramm geritzt. Es fallen Begriffe wie Serienmörder und Teufelsmord, aber so richtig scheint keiner eine Ahnung zu haben. Wittenrode aber ist eine kleine Stadt und es spricht sich schnell etwas herum. Die Schlagzeilen sorgen für Unruhe und Aufregung und der Tourismus, auf den die Bewohner angewiesen sind, bleibt aus. Also muss so schnell wie möglich der Schuldige gefunden werden. Und tatsächlich – nur wenige Tage später hat die Polizei ihn gefasst: Bruno Kalis. Etwa ein halbes Jahr später nimmt er sich das Leben, bis zum Ende abstreitend, die Tat begangen zu haben.

20 Jahre später taucht in Wittenrode eine nach gleichem Muster zugerichtete Leiche auf. Eine Frau namens Kerstin gesteht die Tat und bringt sich anschließend um. Da es sich hierbei um eine Jugendfreundin handelt, nimmt Julia Wagner an der Beerdigung teil und trifft sich mit zwei weiteren Freunden aus Kindertagen. An dieser Stelle verspricht der Klappentext: „Von der Unschuld ihrer Freundin überzeugt, beginnt Julia eigene Nachforschungen in einer verschworenen Dorfgemeinschaft, derer sie nie ein Teil war und die alle und alles von “draußen” als Bedrohung betrachtet. Während ihrer lebensgefährlichen Suche nach Antworten macht sie sich mächtige Feinde und erfährt dabei unfassbare Dinge über ihre eigene Vergangenheit.“ Diese Beschreibung jedoch ist irreführend. Denn tatsächlich ist Julia eine sehr lange Zeit, bis zur Hälfte des Buches etwa, nicht überzeugt von der Unschuld ihrer Freundin. Mit der Distanz einer Polizeikommissarin legt sie die Fakten auf den Tisch und beharrt immer wieder darauf, Kerstin hätte die Tat doch gestanden.

Schein-Spannung

Auch wenn der Leser viel über Julia erfährt – ihre Erinnerungen, Gedanken, Taten – bleibt sie einem doch bis zum Ende fremd, an manchen Stellen sogar unsympathisch. Ihre Sturheit bringt weder den Beteiligten etwas noch treibt sie die Handlung voran. Oft muss man ganze Kapitel mit langatmigen, sich wiederholenden Diskussionen lesen, sodass man als Leser die Protagonistin am liebsten an den Schultern gepackt und geschüttelt hätte. Mit Satzlangen Kapitelüberschriften wird versucht Spannung aufzubauen, nur sind sie nicht immer passend gewählt. An einigen Stellen wird auf die Überschrift gleich im ersten Satz des Kapitels eingegangen, einige Kapitelüberschriften klingen albern („Keine Ahnung, was das soll“), bei anderen weiß ich selbst nicht, was das eigentlich soll („Längst ins Dach gefahren.“).
Trotz allem habe ich mich durch das Buch gekämpft, allein aus der Neugier heraus, warum im Klappentext steht: „Während ihrer lebensgefährlichen Suche nach Antworten macht sie sich mächtige Feinde und erfährt dabei unfassbare Dinge über ihre eigene Vergangenheit.“ Nur leider erfährt es der Leser nicht. Oder zumindest nichts, was wirklich von Bedeutung, atemraubend, spannend gewesen wäre. Während Julia Nachforschungen anstellt, stößt sie auf Hinweise, die man als Leser direkt verbindet. Schon bald ahnt man, wer der Teufelsmörder ist. Der weitere Verlauf der Geschichte dient nur dazu, den Leser mit falschen Hinweisen in die Irre zu führen. Der Ausgang des Buches erklärt sich allerdings durch die Tatsache, dass im Dezember der zweite Teil („Todesruhe“) erscheint.

Sprache

Die Sprache der Autorin ist sehr umgangssprachlich. Einen individuellen Sprachgebrauch haben die Protagonisten nicht. Alle fluchen, alle nutzen Sprichwörter und Redewendungen. Die Dialoge wirken nicht ausgebaut, sondern „wie man halt spricht und so“. Auffallend ist außerdem, dass die Autorin stets im Präteritum schreibt, auch an Stellen, an denen das Plusquamperfekt angebracht wäre: „Nachdem Jürgen Jakob sie auf die Idee brachte.“ (S. 369) Gesprochen wird hier über eine längst vollendete, abgeschlossene Vergangenheit. Über solche Stellen stolpert man immer wieder im Buch. Auch wenn hier scheinbar versucht wurde, die Protagonisten durch ihre Sprache authentisch wirken zu lassen, verliert das Buch dadurch an literarischer Qualität.

Fazit

Wie oft haben wir es schon gelesen oder gesehen: verschworene Dorfgemeinschaften, Serienmörder, blutige Morde mit ekelerregenden Beschreibungen… 380 Seiten voller Dialoge, angedeuteter Gefühle, Gewalt, Verschwörungen und flacher Action. Neu ist die Idee nicht, schlimm ist das aber auch nicht. Es scheitert lediglich an der Umsetzung.

© Bücherstadt Kurier


Das Sandkorn
Das Sandkorn
von Christoph Poschenrieder
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu Recht nominiert: „Das Sandkorn“, 4. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Sandkorn (Gebundene Ausgabe)
Zwischen all den Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg, die die Tische der Buchhandlungen bedecken, darf man nicht diejenigen vernachlässigen, die fernab der Schützengräben spielen, sondern in einer Welt voller Ästhetik und gefährlicher Gefühle. So wie Christoph Poschenrieders „Das Sandkorn“.

„Denn verdächtig ist er durch das, was er tut; selbst wenn es nicht verboten sein sollte.“

Berlin, 1915: Es ist Krieg, und der junge Kunsthistoriker Jacob Tolmeyn wandert durch die Hauptstadt, um italienischen Sand auszustreuen. Keine Straftat, aber verdächtig, und so wird er von Kommissar Treptow vernommen. Tolmeyn beginnt, die Vorgeschichte zu seinem rätselhaften Verhalten auszubreiten, und immer mehr verschwimmen die Zeiten und was Wahrheit und Lüge ist. Denn eigentlich sollte Tolmeyn im vorigen Jahr eine ausgedehnte Forschungsreise in Süditalien unternehmen, bei der er nicht nur begonnen hat, Sand als Erinnerung einzustecken, sondern sich auch in seinen Kollegen Beat verliebt. In Deutschland ist Homosexualität zu dieser Zeit ein Verbrechen, das nicht ans Licht kommen darf, und so ist Tolmeyn froh, den Spuren Friedrich II. in Apulien nachzugehen. Noch komplizierter wird es für ihn, als eine junge Frau, Letizia, zu den Forschern stößt und damit eine spannungsgeladene Dreiecksbeziehung entsteht.

„Der Fehler ist zu glauben, dass Menschen, die viel erzählen, alles erzählen: Das ist genauso wenig wahr wie die Annahme, dass Menschen, die wenig sagen, viel verschweigen.“

Die Handlung wird über drei Erzählstränge getragen – durch den Reisebericht Tolmeyns, das Verhör in Berlin und Treptows Memoiren – und es wird schnell klar, dass beide Männer einander verschweigen, wie viel sie wissen: Ein Spiel mit der Wahrheit, die fast an ein Kammerspiel denken lässt. Der Leser weiß immer mehr als die beiden Hauptfiguren und fiebert dennoch mit, was geschehen wird. Das liegt vor allem an dem besonderen Aufbau der Geschichte. Über drei Zeiten hinweg liest sie sich homogen, nie kommt das Gefühl auf, unterbrochen zu werden, wenn der Erzählstrang wechselt; vielmehr werden Fragen beantwortet und neue Spannungsfelder geöffnet. Gleichzeitig wird, fast nebenbei, ein nicht ermüdendes Bild von der Zeit gemalt, die zwischen politischen Umbrüchen und dem brisanten Thema des Paragraphen 175 changiert – man fällt nahtlos in die skizzierte Welt.
Besonders interessant ist das Motiv des Sandes, das sich von vorn bis hinten durch das Buch zieht. In allen Ausprägungen tritt der Sand als Metapher für das Leben und die Menschen ein. Während sich Tolmeyn seinen Untersuchungen zu den kleinen Körnern widmet, beginnt auch der Leser über den Zusammenhang von Groß und Klein nachzudenken.

„Wissen Sie“, sagt er, „dass jedes Sandkorn ein Gesicht hat?“

Die Sprache ist sinnlich und fließend und arbeitet mit wunderschönen synästhetischen Bildern, die den Leser gefangen nehmen und wechselnd ins paradiesische Italien und ins graue Berlin entführen. Sie ist wie Treibsand; lässt man sich auf die glatten, künstlerischen Sätze ein, wird man mitgerissen – sträubt man sich und will es grob, findet man keinen Zugang.
Poschenrieder kreiert darüber hinaus eine unglaubliche Nähe zu Tolmeyn, sodass man fast gezwungen ist, sich mit seiner leicht weltfremden, leicht exzentrischen Art anzufreunden und mit ihm zu zweifeln, ob seine Liebe zu seinem Kollegen erwidert wird. Vor allem, da Letizia erst nach gut zwei Dritteln des Buches eingeführt wird und Tolmeyn, und damit auch dem Leser, zunächst ein Korn im Auge ist – durch ihre Darstellung als Frauenrechtlerin und Sand im Getriebe wird dieser Eindruck aber schnell abgemildert.

Fazit: „Das Sandkorn“ von Christoph Poschenrieder schafft es, aus den Büchern über den Ersten Weltkrieg durch seine Sprache und den einfühlsamen Inhalt hervorzustechen. Die politischen Ereignisse werden aus einer anderen Perspektive geschildert und nehmen, durch die Augen Tolmeyns, eine bittersüße Färbung an. Wie bei der Mischung vom Sand verschiedener Orte gelingt eine Verschmelzung von Reisebericht, Liebesgeschichte, Krimi und (Anti-)Kriegsroman, die lange nachklingt. Nicht umsonst wurde „Das Sandkorn“ für den Deutschen Buchpreis 2014 nominiert. Ich würde dem Titel den Sprung auf die Shortlist wünschen.

© Bücherstadt Kurier


Der Überfall
Der Überfall
von Leo N Tolstoi
  Audio CD

5.0 von 5 Sternen Über wahre Tapferkeit und (Über-)Mut, 2. September 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Überfall (Audio CD)
„Ist denn nicht genug Platz auf dieser Welt für alle?“

„Der Überfall“ gehört zu Leo N. Tolstojs ersten Werken. Es ist eine Erzählung über falschen Mut und wahre Tapferkeit in Kriegszeiten. Erschienen ist das Werk erstmals im Jahre 1853.

Es ist der 12. Juli, als der Kapitän den Ich-Erzähler aufsucht. „Ich komme soeben vom Ob.Ost.* Morgen rückt unser Bataillon aus.“ „Wohin?“, fragt der Erzähler. „Nach Enden. Dort sollen sich die Truppen sammeln. […] Der Befehl lautet: Abmarschieren.“ Der Erzähler möchte mitkommen, worauf ihm der Kapitän rät, lieber nicht mitzugehen. Diesen Rat nimmt sich der Erzähler jedoch nicht zu Herzen, denn er wartet schon lange darauf, ein Gefecht mitzuerleben. Das wirft die Frage auf: Was ist Tapferkeit? Die beiden beginnen zu diskutieren. „Tapfer ist, wer sich so benimmt, wie es sich gehört“, sagt der Kapitän. Der Ich-Erzähler denkt darüber nach, erinnert sich an die Worte des Philosophen Platon und kommt schließlich zu dem Schluss: „Tapfer ist, wer nur das fürchtet, was man fürchten muss und nicht das, was man nicht zu fürchten braucht.“

Am nächsten Tag ziehen sie los und der Erzähler beginnt von seinen Eindrücken zu berichten. Er beobachtet die Menschen, die sich auf den Kampf vorbereiten und sich sehr darüber freuen. Von Trauer und Angst keine Spur, als sei das, was sie vor haben zu tun, nur ein Spiel. Sie lachen und feiern und scheinen über das, was kommen mag, nicht weiter nachzudenken. Diese Sorglosigkeit bringt den Ich-Erzähler zum Nachdenken. Er fragt sich, wie sich jemand darüber freuen kann, anderen Menschen Leid zuzufügen. Morgen schon könnte jeder von ihnen tot sein. Aber wahrhaben will es scheinbar niemand. Der falsche Mut, der zu Übermut führt, treibt schließlich so manchen in den Tod. Und der Ich-Erzähler fragt sich: Ist denn nicht genug Platz auf dieser Welt für alle? Muss dieser Krieg denn wirklich sein?

„Der Überfall“ ist eine philosophische Erzählung, die einem zeigt, dass Tapferkeit und Mut nicht immer richtig sind und mit welchem Preis diese bezahlt werden müssen. Markus Hoffmann liest diese Geschichte so überzeugend und angenehm, dass man sich trotz des schwierigen Themas auf den Inhalt einlassen kann. Seine ruhige Art zu lesen ermöglicht eine intensivere Auseinandersetzung mit den Gedanken und Gefühlen des Protagonisten, da man nicht durch übertriebene Artikulation unterbrochen wird. „Der Überfall“ ist ein empfehlenswertes Werk, für alle, die gerne philosophieren.

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Der Fürst des Parnass: Eine Erzählung
Der Fürst des Parnass: Eine Erzählung
von Carlos Ruiz Zafón
  Taschenbuch
Preis: EUR 5,00

3.0 von 5 Sternen Erzählung über den Friedhof der Vergessenen Bücher, 28. August 2014
„Die Liebe ist der einzige Stein, der immer über denselben Menschen stolpert.“

Carlos Ruiz Zafón ist bekannt für seine Barcelona-Romane, u.a. für „Der Schatten des Windes“ und „Das Spiel des Engels“. Dieses Jahr veröffentlichte er seine Erzählung „Der Fürst des Parnass“, mit der er sich bei seinen deutschen Lesern und Buchhändlern bedanken möchte. Auf das Honorar verzichtet er und spendet es, aufgerundet vom Verlag, dem Sozialwerk des Deutschen Buchhandels.

In „Der Fürst des Parnass“ erzählt der Autor die Vorgeschichte der Barcelona-Romane. Der junge Dichter Cervantes trifft auf einen geheimnisvollen Verleger, welcher ihm ein verlockendes Angebot unterbreitet: „Mein Angebot ist folgendes. Sie werden ein Meisterwerk schreiben, doch um das zu tun, werden sie verlieren müssen, was Sie am meisten lieben.“ Cervantes nimmt an und verkauft damit seine Seele und seine Gefühle. Die Liebe seines Lebens scheint er unwiederbringlich verloren zu haben.

Die Erzählung ist wie eine Legende um den Friedhof der Vergessenen Bücher, mit einem Hauch Fantasie und Mystik. Die 85 Seiten sind in Großschrift und damit schnell gelesen. Gewährt wird einem nur ein kleiner Einblick in diese mystische Welt. „Der Fürst des Parnass“ ist als Ergänzung zu den vorhandenen Romanen gedacht und deshalb vor allem denen zu empfehlen, die die Barcelona-Romane bereits kennen. Auch wenn es eine schöne Erzählung für zwischendurch ist – ein Muss ist es nicht, weder für Fans noch für Leser, die Zafóns Werke noch nicht kennen. Es wäre aber eine gute Gelegenheit mit dem Kauf dieses Buches den Deutschen Buchmarkt zu unterstützen.

© Bücherstadt Kurier


Marcus Gladiator - Kampf für Freiheit
Marcus Gladiator - Kampf für Freiheit
von Simon Scarrow
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

5.0 von 5 Sternen Der Kampf für Freiheit, 28. August 2014
Nach einem erbitterten Kampf gegen Spartakus geht Zenturio Titus in den Ruhestand. Er kauft sich einen kleinen Bauernhof und lebt dort mit seiner Frau Livia und seinem Sohn Marcus. Dann gibt es eine schlechte Ernte und er muss sich von seinem alten Weggefährten Dezimus Geld leihen. Doch irgendwann will Dezimus das ausgeliehene Geld zurück. Titus kann seine Schulden aber nicht begleichen. Deswegen schickt Dezimus seine Leute, die die Schulden eintreiben sollen. Da Titus seine Schulden nicht begleichen kann, wird er umgebracht.

Seine Frau und sein Sohn Marcus werden von Dezimus entführt. Marcus’ Mutter gelingt die Flucht, er selbst muss bleiben und kommt schließlich in eine Gladiatorenschule. Dort wird er unter schwierigen Bedingungen zum Gladiator ausgebildet. Er freundet sich mit dem Koch Brixus, der auch ein Gladiator ist, an. Plötzlich verschwindet Brixus. Als er wieder auftaucht und Marcus seine wahre Herkunft verrät, bricht für Marcus eine Welt zusammen. Von nun an hat er eine große Bürde zu tragen…

Ich fand das Buch sehr spannend. Leider wusste ich nichts über den Sklavenaufstand und den Spartakus, also den historischen Hintergrund. Am Anfang der Geschichte haben mich die schwierigen Namen gestört. Einerseits erzählt diese Geschichte von einer brutalen Zeit. Andererseits beschreibt sie auch, egal wo du bist, es gibt überall gute Menschen. „Marcus Gladiator – Kampf für Freiheit“ gehört zu den besten Büchern, die ich bis jetzt gelesen habe.

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Das Ei
Das Ei
von Michel Van Zeveren
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 11,95

5.0 von 5 Sternen Eine kleine, witzige Geschichte über „Das Ei“, 28. August 2014
Rezension bezieht sich auf: Das Ei (Gebundene Ausgabe)
„Im tiefen, tiefen Dschungel findet ein Froschkind ein Ei.“ Der Frosch möchte das Ei behalten, aber dann kommt die Schlange und behauptet, es sei ihr Ei. Auch der Adler und der Waran meinen, es gehöre ihnen. „Nein, das ist meins“, sagt der Waran. Sie beginnen sich um das Ei zu streiten. Dabei entgleitet ihnen das Ei und trifft den Elefanten auf dem Kopf. Nun ist der Elefant sauer und möchte wissen, wem das Ei gehöre. Plötzlich will es keiner mehr haben. Jedes der Tiere meint nun, es gehöre dem jeweils anderen. Der Frosch jedoch hat keine Zeit, sich zu wehren und so bleibt der Finger der anderen auf ihn gerichtet. Zur Überraschung aller gibt ihm der Elefant jedoch einfach nur das Ei zurück. Kein Wunder, dass die anderen Tiere sich nun ärgern, dachten sie doch, dass der Elefant mit dem Besitzer des Eis schimpfen will. Der Frosch ist darüber aber sehr glücklich, bis die Eierschale zerbricht und er feststellen muss, dass ein Krokodil geschlüpft ist…

„Das Ei“ ist eine witzige, kleine Geschichte mit wenig Text und einfachen Illustrationen. Ein wenig Leben kommt dadurch rüber, dass die Bewegungen der Tiere sprachlich veranschaulicht werden, z.B. das „sss…“ bei der Schlange und „flapp…“ als Flügelschlag des Adlers. Michael Van Zeveren schafft es, auf eine einfache, lockere Art zu zeigen, wie schnell sich das Blatt wenden kann und dass nicht immer alles so ist, wie man es sich vorstellt. Mit diesem Bilderbuch beweist er: weniger ist mehr. Denn auf diese Weise kommen die Moral und der Witz der Geschichte besonders gut rüber.

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Istanbul, mit scharfe Soße?: Ein Buch für alle, die auch keine Ahnung haben
Istanbul, mit scharfe Soße?: Ein Buch für alle, die auch keine Ahnung haben
von Alexandra Klobouk
  Gebundene Ausgabe

5.0 von 5 Sternen Eine Brücke zwischen zwei Ländern, 28. August 2014
„Es gibt viele Wege, ein fremdes Land kennenzulernen“, schreibt Autorin und Illustratorin Alexandra Klobouk in „Istanbul, mit scharfe Soße?“. Sie hat die Türkei im Rahmen ihres Studiums kennengelernt und die Erfahrungen, die sie innerhalb von sechs Monaten gesammelt hat, in diesem Werk veranschaulicht.

Klobouk beginnt das Buch mit einem Kapitel über Vorurteile: Die Türkei ist ein Urlaubsparadies. Frauen werden unterdrückt und müssen die Einkaufstüten alleine schleppen, während der Mann ganz entspannt nebenher läuft. Auf den Straßen herrscht hohe Kriminalität. Mit diesen und anderen Vorurteilen bzw. Bildern im Kopf macht sich die Illustratorin auf in ein fremdes Land und muss feststellen, dass es dort ganz anders zugeht, als man es erwartet. Sie widmet sich in diesem Werk den Besonderheiten des Landes und beschreibt mit wenigen Worten und aussagekräftigen Bildern die Kultur und Mentalität. Man erfährt von der Wichtigkeit des schwarzen Tees, wie man türkischen Kaffee zubereitet, von dem sogenannten „Brotkuss“ und der türkischen Küche. Außerdem werden einem Fragen beantwortet, die man sich selbst schon einmal gestellt hat: Warum sind Türken oft so laut? Warum tragen die einen türkischen Frauen ein Kopftuch und andere nicht? Ist der Verkehr in der Türkei wirklich so chaotisch wie man sagt?

Das Buch zeigt sowohl positive als auch negative Seiten des Landes auf, stets im Kontrast der Farben rot und schwarz, ganz schlicht illustriert und knapp erzählt, sodass Text und Bild sich in ihrer Aussage unterstützen. Das Besondere an diesem Buch ist neben der Gestaltung auch die Sprache – durchgängig folgt einem deutschen Text der türkische, sodass man einen Eindruck von der türkischen Sprache bekommt – oder als Türke einen Eindruck von der deutschen Sprache. „Istanbul, mit scharfe Soße?“ baut somit eine Brücke zwischen zwei Ländern und hilft einem eine fremde Kultur zu begreifen. Sehr empfehlenswert!

© Bücherstadt Kurier


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