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Rezensionen verfasst von
Hugo Humpelbein "das Viech" (in Sicherheit)
(TOP 500 REZENSENT)   

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Die Verwandlung
Die Verwandlung
Wird angeboten von Audible GmbH

4.0 von 5 Sternen Leicht verständlich, und doch ein hohes intellektuelles Vergnügen, 3. März 2015
Rezension bezieht sich auf: Die Verwandlung (Hörbuch-Download)
Eines Morgens erwacht Gregor in seinem Bett und stellt fest, dass er sich ab sofort im Körper eines Insekts befindet. Unfähig, zur Arbeit zu fahren, begibt sich der Prokurist seiner Dienststelle zu ihm, um nach dem Grund für Gregors Fernbleiben zu fragen, doch die Sprache der Insekten wird weder von dem Prokuristen, noch von Gregors Eltern und seiner Schwester verstanden.

Wer wie ich wissen will, was sich bedingt durch die Metamorphose an Veränderungen in Gregors Leben bis zu seinem Tod ereignet, möge sich dieses Hörbuch auf den Wunschzettel setzen. In kafka-typischen, komplexen, langen, edel formulierten Sätzen entführt uns Sven Görtz - quasi als neue Stimme eines guten alten Weltliteraten - ohne Verwunderung, stattdessen mit einer Selbstverständlichkeit, als käme es alle Tage vor, dass man sich über Nacht in ein Insekt verwandelt, zwei Stunden lang in eine absurde Alltagswelt voller unterschwelliger Psychologie. Wie bei allen Kafka-Erzählungen bleibt viel Spielraum für Interpretation, denn natürlich gibt es nicht wie in der Trivialliteratur am Ende eine Erklärung für die verwunderliche Verwandlung und ihren Zweck.
Kafka-Experte Marcel Reich-Ranicki hielt die "Verwandlung" nicht gerade für dessen stärkstes Werk, und begründete das in seiner gewohnt egozentrischen Art wie folgt: "Mich interessieren keine Insekten!" Hingegen Hellmuth Karasek protestierte energisch: "Wie bitte? Das ist seine beste Erzählung!"


Ein Hungerkünstler CD. . Und andere Erzählungen
Ein Hungerkünstler CD. . Und andere Erzählungen
von Franz Kafka
  Audio CD
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Eine Speise, die mir schmeckt, 25. Februar 2015
Es gibt merkwürdige Auslöser für CD-Einkäufe. Weil in einer Ausgabe vom Literarischen Quartett der Marcel Reich-Ranicki nebenbei erwähnte, der "Hungerkünstler" sei das große erzählerische Meisterwerk Franz Kafkas, wurde ich auf diese Geschichte neugierig. Weil ich mir Literatur lieber beim künstlerischen Entfalten nebenbei anhöre anstatt mich ihr lesend zu widmen, entschied ich mich für eine Hörbuch-Ausgabe, gelesen von Gerd Udo Feller im Oktober 2000.

Der "Hungerkünstler" (33 min), so wie auch "Erstes Leid" (8 min) und "Josefine die Sängerin" (55 min) handeln von der Beziehung zwischen Künstlern und ihrem nicht immer dankbaren Publikum. In "Die kleine Frau" (24 min) erörtert der Sprecher in einem langen inneren Monolog die Sinnlosigkeit seines Bemühens, der kleinen Frau nicht auf die Nerven zu gehen.
Ein gutes Viertelstündchen auf den zwei CDs nimmt die Klaviermusik von Janácek ein.

Hochgeistige Stimulation, an der ein kluger Kritiker kaum etwas aussetzen kann. Hellmuth Karasek hält aber Kafkas "Verwandlung" für dessen beste Geschichte. Muss ich als nächstes kennenlernen.


Clément - Viel zu jung
Clément - Viel zu jung
DVD ~ Olivier Gueritée
Preis: EUR 16,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Romantisches, erotisches und provokantes Meisterstück, 13. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Clément - Viel zu jung (DVD)
Die Mittdreißigerin Marion liebt die Selbstbestimmung. Sie lässt sich nicht von gesellschaftlichen Konventionen dirigieren und folgt dem Weg, wohin er sie auch führt. Konkret gesagt führt er sie auf die Geburtstagsparty ihres Patenkindes Benoit, wo sie von dem dreizehnjährigen Clément, einem Freund ihres Patenkindes, "entdeckt" wird. Der empfindsame Junge schmeichelt ihr zunächst nur mit Komplimenten und findet es "schade, dass du nicht in meinem Alter bist". Anderntags im Schwimmbad schmiegt er sich schon etwas näher an seinen Schwarm. Ohne Scheu, denn unter Wasser fällt nicht ins Auge, was die anderen Jungs sonst dazu veranlassen würde, über Clément hämisch zu lachen. In einem unbeobachteten Moment am Strand kommt es zur ersten Knutscherei. Und dabei soll es nicht bleiben.
"Was willst du?", fragt Marion. - "Dass wir beide zusammen wegfahren."
Obwohl Marion sich derzeit in einer legalen Beziehung befindet, arrangiert sie eine geheime Urlaubsreise mit Clément, denn so eine Chance kommt nicht wieder. Im gemeinsam besuchten Hotel hat der Unsichere zunächst noch größte Hemmungen, als Marion mit ihm den nächsten Schritt wagen will, aber nach einigen Meinungsverschiedenheiten und der anschließenden Versöhnung...

Ach, ich will nicht zuviel von der knisternden Spannung, derer man sich nicht entziehen kann, kaputt machen. Ich konnte nur die ungewöhnliche Handlung dieses vermutlich einzigartigen Films nicht unerwähnt lassen. Ich will nicht, dass es hinterher heißt, Sie hätten von nichts gewusst.

Schon kleine Buben finden erwachsene Frauen in einem erotischen Sinne anziehend. Es ist bekannt, dass pubertierende Knaben in ihren Phantasien allzu häufig mit viel älteren Partnerinnen beschäftigt sind, die sie in Wirklichkeit nicht kriegen können und dürfen. Ich frage mich immer: Warum denn eigentlich nicht? Wenn es doch beide unbedingt wollen, wo ist dann das Problem? Es muss ja nicht gleich in einer Hochzeit enden.
"Viel zu jung" tritt das moralische Tabu mit Füßen, jedoch nicht ohne es auszudiskutieren, und bleibt dabei konsequent: Sogar die Szenen, die eigentlich zensiert werden müssten, werden ohne Scham gezeigt, nicht nur vage angedeutet. Für einen Film aus diesem Jahrhundert ist dieses mutige und daher zurecht mit dem Prix de la Jeunesse in Cannes preisgekrönte Amour fou-Drama unerwartet ehrlich. Der einzige Nachteil ist seine Länge: Mit 139 Minuten Dauer zieht es sich gelegentlich etwas hin. Dass arte diesen typisch französischen Liebesfilm in den letzten 13 Jahren sogar zweimal auf Deutsch ausgestrahlt hat, und dass er jetzt endlich auch in der gelungenen Synchronisation auf DVD käuflich ist, ist ebenso erstaunlich wie erfreulich. Ich mutmaße, Regisseurin Emmanuelle Bercot übernahm deswegen selber die Hauptrolle, weil sie sonst keine geeignete Frau finden konnte, die tapfer genug wäre, sich vor einem Halbstarken zu entblößen. Um Kosten zu minimieren, drehte sie mit digitaler Handkamera. Der "viel zu junge" Olivier Guéritée stand zum ersten Mal vor der Kamera. Ihm wird sofort alles abverlangt und er meistert die Herausforderung souverän wie ein ganzer Mann.

Als Fazit bleibt festzuhalten: Unmissverständlicher Aufruf an die Freiheit zu leben und ein Loblied an die Liebe in all ihren Erscheinungsformen. Ist sein Geld wert!


Cab to Canada [DVD] [Import]
Cab to Canada [DVD] [Import]

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ab nach Kanada in einem Cab to Canada!, 4. Januar 2015
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Cab to Canada [DVD] [Import] (DVD)
Warnung vorweg: Bevor Sie ein Vermögen für diese äußerst rare US-Region 1-DVD ausgeben, fragen Sie den Verkäufer, ob er sich wirklich sicher ist, dass sein Exemplar nicht aus einer Serie von Fehlpressungen kommt. Es sind nämlich DVDs im Umlauf, deren Aufdruck "Cab to Canada" sagt, die aber in Wahrheit "Rock Hudson - A Life Shrouded in Mystery" zeigen. Man erkennt diese falschen DVDs daran, dass die Disc-Frontseite in einem hässlichen Rotton gedruckt ist. Die richtigen DVDs sind vorne sauber und bunt. Ich musste den Film dreimal ordern, denn die ersten beiden Male kamen von verschiedenen Anbietern die Fehlpressungen. Den sehr hohen Preis dann zurück zu verlangen, macht wenig Freude.

Zum Film: Ein gefühlvolles TV-Drama von 1998 (nicht 1996, wie es auf der DVD-Hülle behauptet wird) über eine Taxifahrt einer rigorosen alternden Lady (Maureen O'Hara) durch die Staaten und durch Stationen ihrer Vergangenheit, und auch über einen kleinen Jungen, der seinen Vater nicht kennt und von seiner Mutter im Stich gelassen wird. Eindrucksvolle Szene, wie Haley Joel Osment Rotz und Wasser heult, als er den Abschiedsbrief seiner Mutter am Spiegel vorfindet.

Jetzt hab ich richtig Lust gekriegt, auch in einem Taxi durch die Weltgeschichte zu reisen. Bis die Tage, adieu!


The Road to Hell
The Road to Hell
Preis: EUR 7,49

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen 25 Jahre Hölle auf Erden, 28. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: The Road to Hell (Audio CD)
"Maybe this world is another planet's hell."
(Aldous Huxley)

Daran dachte vielleicht auch der Designer des einprägsamen Plattencovers mit dem würfelförmigen Erdball.

Zu allerlei Anlässen werden Gedenktage zelebriert. Ich mache mit! Denn vor genau einem Vierteljahrhundert bekam ich zu Weihnachten meinen ersten CD-Player und meine drei ersten CDs. Darunter auch "die Straße zur Hölle", das 10. Studioalbum von Chris Rea, das in England sechsmal mit Platin ausgezeichnet wurde und bei uns immerhin auch Platz 3 der Album-Charts erreichte. Es war ein ganz neues Klangerlebnis, nachdem ich vorher jedes Pop- oder Rockalbum nur auf MusiCassette hören konnte. Als im Intro von "The Road to Hell, Part 1" das virtuose Gitarrenspiel erklang, dachte jeder Experte, da müsse Mark Knopfler spielen, denn dass auch Chris Rea sein Instrument so überwältigend beherrscht, hätte man nicht für möglich gehalten. Vorher und nachher hab ich von Chris Rea kein Album mehr gehört, das mich als Ganzes so sehr überzeugt hat wie das 89er. Es ist vielseitig, knackig und mitunter traumhaft schön, wie z.B. im Schlusslied "Tell Me There's A Heaven". Aber wenn ich in den letzten 25 Jahren irgendwas über Himmel und Hölle gelernt hab, dann dass der Weg in die Hölle über einen verregneten Highway irgendwo im Nirgendwo führt.


Trials
Trials
Wird angeboten von Blind Owl Records
Preis: EUR 9,34

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Zu oft setzt sich Qualität nicht durch, 27. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: Trials (Audio CD)
Die sehr schöne Musik der englischen Formation Shady Bard steht in keinem Verhältnis zu ihrem Bekanntheitsgrad und den spärlichen Informationen, die ich über sie im Internet finden konnte. Ihr zweites Album von 2010 enthält so viele unwiderstehliche Balladen und warme Harmonien, dass ich schon wieder gar nicht verstehen kann, warum sich nicht ganz viele Hörer und Fans um Lawrence Becko und Tom Rogers scharen. Es darf doch sonst jeder Schnickschnack auf einer großen Bühne geträllert werden, und hier haben wir es mal mit niveauvollen Leuten zu tun, deren Texte sich um ernste Umweltthemen drehen. Die Sängerstimme erinnert mich an Robert Smith von The Cure.


Ein Fall für Zwei - Collector's Box 2 [Collector's Edition] [6 DVDs]
Ein Fall für Zwei - Collector's Box 2 [Collector's Edition] [6 DVDs]
DVD ~ Claus Theo Gärtner
Wird angeboten von music-movie-more
Preis: EUR 26,46

5.0 von 5 Sternen Ein Fall von Gewissenhaftigkeit, 27. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Jetzt muss ich wirklich aufpassen, nicht der Sucht zu verfallen. Ich hatte nicht in Erinnerung, dass es in den ersten Jahren der Kultserie "Ein Fall für zwei" solche Überdosen an sorgfältig geschriebenen und gewissenhaft inszenierten Kriminalgeschichten gegeben hatte. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich damals nicht ahnen konnte, wie tief das Fernsehen einmal sinken würde. Die seriöse Art und Weise, wie sich Günter Strack als kultivierter Anwalt Dr. Renz und sein smarter Lieblingsmitarbeiter Josef Matula an ihre Arbeit machen, ist richtig Balsam für die Seele. Zweifellos gebührt ein großer Anteil der Ehre dem Autoren Karl Heinz Willschrei, der sich die meisten der 15 einstündigen Folgen hat einfallen lassen. 1983/84 hat man offenbar noch nicht jedes 08/15-Drehbuch verfilmt, das der jeweilige Beauftragte herunter gekritzelt hat, sondern man legte Wert auf Qualität. So kommt es, dass unter den Folgen #13 - 30 (der Dreiteiler "Morgengrauen", #26-28 befindet sich in Collector's Box 3) fast ausschließlich gute und sehr gute Episoden sind. Der Fall ist klar: Ich komme nicht drum herum, mir zumindest die komplette Strack-Ära und den Anfang der Hunold-Ära auf DVD zu kaufen, bis ich allmählich merken werde, dass irgendwann in den 90ern die Luft rausging.


Als die Autos rückwärts fuhren
Als die Autos rückwärts fuhren
Preis: EUR 13,89

5.0 von 5 Sternen Papa, unsere Treppe wurde geklaut, 26. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Als die Autos rückwärts fuhren (Audio CD)
Unter den vielen sehr guten Hörspielproduktionen der 70er Jahre nimmt dieses 77er einen besonderen Platz ein. Hier wurden alle Klischees, die ein herkömmliches Hörspiel so bewährt, aber auch so vorhersehbar machen, weggelassen und durch "etwas Besonderes" (vgl. den Titelsong) ersetzt. Stephan Chrzescinski als elfjähriger Laßdas Pinökel, der seine Memoiren verfasst und dabei bestimmt kein Wort frei erfunden hat, bekommt hier soviel Sprechzeit wie in keinem zweiten seiner über 200 Hörspiele; er ist quasi der Erzähler und der Protagonist in einem. Und er "singt" auch noch dreimal (und damit vielleicht einmal zu oft) den punkigen Soundtrack. Insgesamt kommt man auf drei Kapitel; drei längere Anekdoten in 50 Minuten: Humorvoll, originell, verrückt und anarchisch. So spaßig kann Kindheit sein. "Ich kann fliegen, ich kann fliegen!"


The Endless River
The Endless River
Preis: EUR 12,99

4.0 von 5 Sternen Schallwellen für die Ewigkeit, 26. Dezember 2014
Rezension bezieht sich auf: The Endless River (Audio CD)
Es gibt eine Theorie, dass Schallwellen, die sich unter Wasser ausbreiten, in alle Ewigkeit weiter schwingen. Das würde nicht nur bedeuten, dass die traurige Geigenmusik der Bordkapelle der untergegangenen Titanic vor über hundert Jahren heute immer noch irgendwo zu hören wäre, sondern das hieße auch, dass es für jede Art von Musik eine Möglichkeit gibt, sich zu verewigen, um auch in tausend Jahren noch gehört zu werden, wenn es längst keine CDs mehr gibt. Mit diesem tröstlichen Gedanken sollte man vielleicht einsteigen, wenn man das finale Album der Kultband Pink Floyd zum ersten oder zehnten Mal einlegt. Das Wunder von "The Endless River" liegt aber nicht in der Musik. Die Musik würde sich einem ahnungslosen Hörer, der den Kontext der Entstehung nicht kennt, kaum als etwas Besonderes vermitteln können. Die Geste und das Ereignis an sich sind die eigentliche Sensation. Dass eine Band, deren Lebenslauf längst für vollendet schien, nun zwanzig Jahre nach ihrem letzten Studioalbum und nach dem Tod von Richard Wright sich noch ein letztes Mal zu Wort meldet und mühelos an die Spitze der Verkaufshitparaden klettert und den treuen Herzen ihrer doch so wenig kommerziell ausgerichteten Fans unverhofft ein würdevolles Abschiedsgeschenk macht, das ist fast mehr wert als die mehrheitlich überraschungsfreie Entspannungsmusik, die man darauf zu hören oder auch zu sehen bekommt, wenn man eine bildhafte Vorstellungskraft besitzt. Die ineinander übergehenden, meistens nur kurzen Abschnitte bilden zusammen eine Art Symphonie, die gegen Ende ihren Höhepunkt in dem gesungenen "Louder Than Words" findet. "Let's go with the flow, wherever it goes." Danach ist es dann offensichtlich: Das war's. Eine fast 50-jährige Karriere geht zu Ende. Aber es lebe die Physik! Denn der Klang des "endlosen Flusses" hallt unter Wasser nach und wird (vielleicht) wirklich niemals enden.


Der Kommissar - Komplettbox (28 Discs)
Der Kommissar - Komplettbox (28 Discs)
DVD ~ Erik Ode
Preis: EUR 69,99

4.0 von 5 Sternen 100 Jahre Reinecker, 24. Dezember 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Der Kommissar - Komplettbox (28 Discs) (DVD)
Heute gedenke ich nicht nur der Geburt Jesu, sondern auch der Geburt Herbert Reineckers (1914-2007) vor 100 Jahren. Ich weiß nicht, ob das deutsche Fernsehen jemals einen kreativeren Drehbuchautoren gesehen hat. Schon mit 15 schrieb er erste Romane für die Hagener Zeitung, nach dem Zweiten Weltkrieg dann über 1000 Kurzgeschichten. Auf sein Konto gehen nicht nur alle 281 Geschichten der Kultreihe "Derrick", sondern auch alle 97 des "Kommissars", von denen allerdings nur 94 in der unkompletten Komplettbox enthalten sind. Die Folgen 27, 83 und 87 fehlen aus rechtlichen Gründen, von daher scheidet eine 5-Sterne-Wertung aus, obwohl die Aufmachung der Box grandios ist. Sie ist proppenvoll mit bunten Bildern und Informationstext, inklusive Inhaltsangabe zu jeder Folge, komplett genanntem Personal und Erstaufführungsdaten, außerdem enthält jeder der vier (auch einzeln käuflichen) Schuber eine Extra-DVD mit Bonusmaterial, wie in etwa Fernsehausschnitte, Interviews mit Herbert Reinecker oder Stellungnahmen zur Serie von Fans und Mitwirkenden.

1016 Schauspieler und 18 Regisseure wirkten zwischen 1969 und 1976 an einer oder mehreren der 97 einstündigen Folgen mit; Erik Ode selber inszenierte drei. Dass der "Kommissar" acht Jahre lang ein Stammpublikum von 22 bis 30 Millionen Zuschauern hatte, lag natürlich nicht nur an den mit guten Dialogen und interessanten Handlungsverläufen angereicherten Drehbüchern, sondern auch an den vielen bedeutenden Schauspielgrößen in den Gastrollen. Zu den unzähligen prominenten Namen gehören unter anderem:
Curd Jürgens, Lilli Palmer, Horst Frank, Peter van Eyck, Peter Fricke, Maria Schell, Vadim Glowna, Volker Lechtenbrink, Hannelore Elsner, Klaus Schwarzkopf, Marianne Koch, Josef Meinrad, Peter Pasetti, Klausjürgen Wussow, Günther Ungeheuer, Herbert Bötticher, Claus Biederstaedt, Thomas Fritsch, Götz George, Johannes Heesters, Wolfgang Völz, Harald Juhnke, Klaus Löwitsch, Thomas Piper, Erika Pluhar, Horst Sachtleben, Thomas Ohrner, Inge Birkmann, Bernhard Wicki, Eckart Dux, Ruth Maria Kubitschek, Sky du Mont, Hildegard Krekel, Uschi Glas, Judy Winter, Heinz und Anne Bennent, Georg Wondrak - und sogar Horst Tappert, der 1974 als "Derrick" die weltweit noch erfolgreichere Nachfolgeserie übernahm und nebenbei des Kommissars Mitarbeiter Harry Klein alias Fritz Wepper abwarb.

Obwohl es 1969 bereits Farbfernsehen gab, wurde der Kommissar aus dramaturgischen Gründen bis zuletzt in Schwarzweiß gedreht, was ich ziemlich gut finde. Heutzutage wird eine düstere kriminell knisternde Atmosphäre mit überlauter Musik erzeugt, aber damals fand man dafür noch subtilere Wege. Der Komponist der dennoch erschreckend wuchtigen Erkennungsmelodie - Herbert Jarczyk, der bereits 1968 mit 55 Jahren starb - erlebte die erste Ausstrahlung seiner Kultmusik leider nicht mehr.

Ich erwarte von einem so überproduktiven Autor wie Herbert Reinecker nicht, dass jede Täterüberführung durch scharfsinnige Schlussfolgerungen und verblüffende Beweisstücke besticht, die es vorher noch nirgends gegeben hat. Ihm geht es ja nach eigener Aussage hauptsächlich um die innere Spannung menschlicher Konfliktsituationen. Ich bin daher auch gerne bereit, mitunter schlichte Geständnisse zu schlucken, wenn mich die Geschichte vorher blendend unterhalten oder zum Mitfühlen und Mitdenken angeregt hat. Dass mich manche Folgen aufgrund des Milieus oder der Figuren gelangweilt haben, darüber lässt sich angesichts einer solch beispielhaften Karriere hinwegsehen. Einen TV-Lebenslauf wie den von Herbert Reinecker wird es bei der Schnelllebigkeit des unkultivierten Krimiprogramms unseres 21. Jahrhunderts bestimmt nicht noch einmal geben.


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