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Rezensionen verfasst von
Hans-Joachim Stadermann

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Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat
Europa braucht den Euro nicht: Wie uns politisches Wunschdenken in die Krise geführt hat
von Thilo Sarrazin
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 22,99

3 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Ein Tagebuch der Fehlentscheidungen, 28. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Bücher zu aktuellen Ereignissen haben es schwer. Nicht nur, dass die Dinge im Fluss sind und Geschriebenes durch sich überstürzende Ereignisse schnell so reizvoll ist wie eine Zeitung von gestern. Der Zeitdruck verführt auch stets dazu, unveröffentlichtes Material, aus den ,Schubfächern` zusammenzusuchen, um den Umfang etwas aufzupusten. Thilo Sarrazins zweites Euro-Buch erweckt diesen Eindruck an seinem Anfang und dem Ende. Dass der Autor auf eine bewundernswerte Karriere zurückblicken kann und auf diese Weise über eine ungewöhnlich umfangreiche Praxiserfahrung in der Finanzpolitik und der Geldpolitik verfügt, ist den meisten Lesern bekannt. Die 60 Seiten Autobiografie, die sozusagen das Leben Sarrazins mit dem Gang der Finanzgeschichte synchronisiert, hätte besser bis zu den ,Erinnerungen`, die ja sicher dereinst erscheinen werden, weiter auf der Festplatte von T. S. ruhen können, ohne dass sie vermisst worden wäre.
Eine geld- und finanzpolitische Chronologie führt dann die Leser in einer Art Brückenkurs auf das für notwendig gehaltene Niveau der Vorkenntnisse. Dabei wird der ,Goldstandard` als Beispiel guten Geldes verankert, aber falsch beschrieben. Die Bank von England und die Zentralbanken, die ihr mit einem festen Wechselkurs zum £ folgten, hatten nicht allein Gold zur Währungsgrundlage, sondern Gold und sognannte gute Handelswechsel. Die Geldpolitik im Goldstandardsystem bestand darin, durch ein schwankendes Volumen von (Handels-)Wechselbeständen, den in Noten der Bank von England ausgedrückten Preis einer Feinunze Gold zwischen ihrem Ankaufspreis von 3 £, 17 s und 3 p. dem um 3 p. höheren Abgabepreis zu stabilisieren. Das verhinderte, dass Gold tatsächlich eingelöst wurde. Von einem ,Zahlungsbilanzdefizit` sollte ein ehemaliger Zentralbanker nicht reden, weil die doppelte Buchführung nur Defizite und Überschüsse in ihren Teilbilanzen (Leistungsbilanz, Kapitalbilanz und Devisenbestandsbilanz), nicht in der Zahlungsbilanz insgesamt zulässt.
Vor allem aber flossen, wo der Goldpreis erfolgreich stabilisiert war, kaum die Edelmetallvorräte wegen eines Leistungsbilanzdefizits in das Ausland ab, wie T. S. glaubt. Das Gleichgewicht auf dem Devisenmarkt ergab sich aus dem Angebot von und der Nachfrage nach Handelswechseln. War auf dem Bankplatz London das Angebot der Exporteure von in Berlin zahlbaren Mark-Wechseln geringer als die Nachfrage der Importeure danach, so ergänzte es eine mit einer deutschen Bank korrespondierende Londoner Bank durch von ihr auf ihre Korrespondenzbank am Berliner Bankplatz gezogene Finanzwechsel. Umgekehrtes geschah in Berlin im umgekehrten Fall. Der Goldversand über derartige Entfernungen wäre teuer und gefährlich gewesen und gehört in den Fabelschatz der Geldliteratur. Zum Ausgleich der Wechselkurse fand er kaum statt.
Das Nichtverstehen des Goldstandards wäre heute belanglos, wenn es nicht Ausdruck des allgemein fehlenden Verständnisses von Banknotengeld und dessen jeweiliger Währungsgrundlage wäre. Das heutige Geldsystem ist aber nichts anderes als ein Wertpapierstandard in dem gleiche Zwänge ungeachtet anderer Mittel wirken. Auf internationalen Märkten funktionstüchtiges Geld wird auf der Grundlage von in ihrem Kurs stabilisierten Geldmarktpapieren und Forderungen gegen Geschäftsbanken gerade so emittiert, wie früher auf der Grundlage des im Preis stabilisierten Edelmetalls. T. S. hält es dagegen für eine Frage der Konvention, ob eine Zentralbank knapp zu haltende Wertpapiere oder beliebig durch ,Drucken` vermehrbare Schuldtitel öffentlicher Haushalte zur Grundlage wählt. Er sieht eine Problematik nur darin, dass der Grundsatz des No Bail-Out im Maastrichtvertrag nicht mit dem vom ihm ebenfalls nicht richtig interpretierten Konzept des ,Lender of last Resort` vereinbar ist. Der Geldverleiher letzter Instanz ist der Finanzminister als Eigentümer der Zentralbank. Aber das bedeutet nicht, dass er die Noten der Zentralbank drucken lassen kann. Es bedeutet mit Geld und nicht mit Schulddokumenten das verlorene Eigenkapital der Zentralbank ersetzen zu müssen, falls es untergeht. Wo der ,Staat` Geld drucken kann bleibt ein Geheimnis von T. S.. Das was in Griechenland z. Z. und überall immer wieder vorkommt, wird zwar umgangssprachlich ,Gelddrucken` genannt, ist aber tatsächlich ein Verkauf von beliebig vermehrbaren und dadurch wertlosen Zahlungsversprechen eines Schuldners, anstelle von marktbewerteten Geldmarktpapieren an die Zentralbank. Diese nimmt sie im Gegenzug der Emission des dem öffentlichen Haushalt zuströmenden Geldes zu ihrem Nominalwert unter ihre Aktiva, obwohl sie diese niemals wie die dort sonst ausgewiesenen Wertpapiere wieder verkaufen kann, um z. B. die Geldmenge zu reduzieren.
Alle Zentralbanken haben einen Anteil solcher Nullwerte im Depot. Sie können diese aber nicht wie T. S. glaubt, beliebig anstelle der Vermögenswerte unter ihre Aktiva nehmen. Ihre Notenemission und die von ihr ihren Geschäftspartnern eingeräumten Guthaben haben (unter Vernachlässigung der im Verhältnis geringen restlichen Passivposten) nicht nur rein buchhalterisch, sondern in der Marktbewertung genau den Wert ihrer Aktiva. Preise auf Gütermärkten, Kurse auf Vermögensmärkten und Wechselkurse auf dem Devisenmarkt messen die Veränderungen. Entsprechend wird das Geld einer Zentralbank zum Staatszahlungsmittel und hat den Marktwert Null, wenn alle Aktiva der dadurch zur Staatsbank gewordenen Zentralbank aus wertlosen Zahlungsversprechen, statt aus Vermögenswerten bestehen. Das bedeutet, dass die Güter in diesem Staatszahlungsmittel bewertet den Preis ,unendlich` haben, also niemand mehr bereit ist, sie als Zahlungsmittel zur Auflösung von Vertragspflichten anzunehmen.
Der Zurückweisung begegnet der Staat mit Devisenzwangswirtschaft. Er verbietet anders als mit den Staatszahlungsmitteln zu zahlen und teilt Devisen mit einem das Staatszahlungsmittel überbewertenden Zwangskurs nach bürokratischen Erwägungen auf Antrag zu, statt seine Druckerzeugnisse auf dem Markt mit null bewerten zu lassen.
Ein derartiges Zahlungsmittel ist instabil und für die Marktsteuerung der Güterproduktion ungeeignet. Im Regelfall wird es nur als money proper zum Zahlen genutzt, während eine fremde, dazu taugliche Währung als Rechengeld (money of account) dient. Man kann z. B. in dem Staatszahlungsmittel Kredit bekommen. Es geschieht, indem bei der Ausleihe sein Wert in der als Rechengeld genutzten Währung bestimmt wird. Zurückzuzahlen ist dann die Menge des Staatszahlungsmittels, die bei Fälligkeit der Menge des Rechengeldes einschließlich der Zinsen entspricht.
Ein solches Zahlungsmittelsystem benachteiligt alle, die wie Lohnarbeiter, sich der unkorrigierten Bezahlung in dem wertlosen Gelde nicht entziehen können. Es begünstigt jene, die sich zum Zwangskurs bei der Staatsbank Devisen zuteilen lassen können.
Seine Auflösung findet dieser Endpunkt schlechter Finanzpolitik in einem Währungsreform genannten Staatsbankrott. Anders als T. S. es glaubt, kann also eine Zentralbank selbstverständlich zahlungsunfähig werden. Keineswegs kann Finanzpolitik mit der Vermehrung von Zahlungsversprechen oder wie es dort heißt: mit ,monetärer Staatsfinanzierung` den Bankrott abwenden.
Im Eurosystem ist das ganz genauso. Griechenlands Situation wäre nicht anders, wenn das Prinzip des No Bail-Out von Anbeginn nicht existiert hätte. Es ist völlig unglaubwürdig, dass wie T. S. unterstellt, die Geschäftsbanken sich über die Wirkung dieser korrekt befolgten Regel im Zweifel befunden hätten. Sie haben mit Kapitalexporten hoch verzinste griechische Risikoaktiva erworben und von Anfang an darauf gewettet, dass die Regel im Ernstfall keine Anwendung finden werde. Die Gegner der Einführung des Euro hatten das in Publikationen diskutiert. Wer wollte, konnte es lesen.
Für den Ernstfall, das ist die Unfähigkeit Griechenlands Kapitaldienst zu leisten, konnten die Kapitalexporteure ziemlich sicher sein, ihre wertlos werdenden Aktiva gegen werthaltige als Ergebnis von Beistandstransaktionen zu verwandeln. Der in zweistelligen Milliarden bezifferte Verzicht auf einen Teil ihrer Forderungen wird in der relativen Bedeutung erst richtig beurteilt, wenn bei dem unvermeidlichen Staatsbankrott Griechenlands die bald nach Billionen gerechnete Haftung der Beistandsleistenden wirksam wird. Anzunehmen, große Finanzinstitute wären sich im Unklaren darüber gewesen, dass sie das Eintreten des Ernstfalls durch den Risikoaufschlag für Griechenlandkredite erhöhende Termingeschäfte mit Kreditausfallversicherungen ,nach Bedarf` beschleunigen konnten, ist ebenso naiv.
Bleibt die Frage, wozu dient ein Buch, das das ignoriert? Es ist ein präzises Tagebuch der geld- und finanzpolitischen Fehlentscheidungen der letzten 20 Jahre und deswegen schon eine lesenswerte Anregung für eigene Gedanken über die Unmöglichkeit einer Währungsunion finanzpolitisch selbständiger Nationalstaaten.


Sämtliche Werke, 18 Bde. u. 4 Supplement-Bde., Bd.8: Der Arbeiter (Zweite Abteilung - Essays II)
Sämtliche Werke, 18 Bde. u. 4 Supplement-Bde., Bd.8: Der Arbeiter (Zweite Abteilung - Essays II)
von Ernst Jünger
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 45,00

1 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Freiheit als Arbeitsanspruch durch Verpflichtung zu Gehorsam, 23. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Das Buch wurde so heftig kritisiert, wie es ungelesen blieb. Der Hauptvorwurf ist, dass es angeblich die großen Akteure des Dritten Reiches als Anleitung bei ihrer Machtergreifung benutzt hätten. Jünger weist das zurück. Von einer Anweisung zu bestimmten Handlungen kann auch nicht die Rede sein. Vielmehr wird eine von Jünger gesehene Entwicklung aus dem Geschehen auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise herausgelesen und versucht, in der ,Gestalt des Arbeiters` ihr Wesen zu erfassen.
Der ,Arbeiter` ist keine, dem Individuum des liberalen Bürgertums vergleichbare Denkfigur. Er ist auch nicht der Vertreter einer von anderen Klassen unterscheidbaren Arbeiterklasse. Der Arbeiter gewinnt Gestalt durch eine aus der Technikkonkurrenz der liberalen Wirtschaft abschließend sich einstellenden Perfektion der Technik und einer damit hervorgebrachten endgültigen Zusammensetzung der Güterproduktion. Real wird die planetarische Gestalt des Arbeiters durch Kampf und nicht durch die Instrumente Diskussion und Vertrag, die vom zur ,Herrschaft unfähigen liberalen Bürgertum` genutzt werden.
Führerschaft und Gefolgschaft, also Befehl und Gehorsam bewirken die Gestalt planetarischer Arbeitsteilung, durch die jedem eine eindeutige Aufgabe und mit dieser die ,Freiheit durch Verpflichtung` dauerhaft zugewiesen werde. Man erfährt in dem Essay keine konkreten Einzelheiten über zukünftige Gestalt des Arbeiters, da sie sich noch im Werden befindet und daher nicht schon gekannt werden kann.
Jüngers Essay bringt seine starke Abneigung gegen das liberale Wirtschaftssystem der nur um Sicherheit ihrer Verträge besorgten Bürger zum Ausdruck. Er versteht den Parlamentarismus als eine Gesellschaft von ,Robinsons`, die die Bedeutung von Volk und Staat in jeder Hinsicht ignoriere und mit dem Aufkommen der Gestalt des Arbeiters in sich zusammenbrechen werde.
Der Zusammenhang von Führung und Gefolgschaft auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam wird von bürgerlich liberal denkenden Menschen - besonders nach der Erfahrung des Dritten Reichs und seines Weltkriegs - gewöhnlich als Bedrohung wahrgenommen. Sie verstößt in ihren Augen gegen das Menschenrecht auf individuelle Selbstbestimmung und wäre somit in der Bundesrepublik Deutschland als verfassungswidrig zu bewerten. Ob es sich tatsächlich so verhält, ist aber nicht sicher. Ist es nicht vielmehr so, dass die Befehl-Gehorsam-Struktur vielen, vielleicht sogar allen uns vertrauten Gesellschaftsbeziehungen zugrunde liegt und dies in Religion und in romantisierende Theorien von Wirtschaft und Gesellschaft verklärt wird?
Nach dem Untergang Dritten Reichs wurde aus seinen Ausführungen oft geschlossen, Jünger hätte mit dem NS-Staat sympathisiert. Es gibt aber, anders als bei der ganz überwiegenden Mehrheit der zu der Zeit im Lande gebliebenen Wissenschaftler keine Kooperation, mit der man diesen Verdacht begründen könnte. Allein die Beschreibung einer aus den persönlichen theoretischen Einsichten abgeleiteten Entwicklung genügt nicht für eine derartige Anschuldigung. Wer einen Sonnenuntergang prognostiziert, muss ja nicht ein Sympathisant des Mondes sein. Tatsächlich aber kann man das, was unter Hitlers Herrschaft geschah, mit diesem Essay entschieden besser verstehen.
Jünger war überzeugt, dass sich in der Konkurrenz der Eigentümer zugleich das rivalisierende Gegeneinander von liberaler Demokratie und liberaler Geldwirtschaft in der ,Technik als Mobilisierung der Welt durch die Gestalt des Arbeiters` auflösen werde. ,Das Wort Arbeiter wird ...` von ihm ,als organischer Begriff verwandt. D. h. es macht im Laufe der Betrachtung Veränderungen durch, die [erst] rückblickend zu übersehen sind.` Der Arbeiter ist für ihn die totale Mobilisierung eines seine Freiheit als Arbeitsanspruch durch Verpflichtung in einen Zusammenhang von Führung und Gefolgschaft zu Befehl und Gehorsam findenden 'Typus'. Die liberale Fiktion einer Gesellschaft von ,Robinsons` löst sich für Jünger in der ,Gestalt des Arbeiters` auf, in der jeder einen der Gesamtaufgabe und seinen persönlichen Fähigkeiten entsprechenden Freiheitsanspruch als Arbeitsanspruch ausübt.
Auch Keynes hielt die liberale Geldwirtschaft für eine Episode, die (1936) schon bald endgültig überwunden werde, wenn sie ihre historische Aufgabe, durch technischen Fortschritt die Knappheit der Güter zu überwinden, erfüllt habe. Diese Vorstellung setzt allerdings endliche Bedürfnisse voraus. Keynes diskutiert seine Abweichung von der für die Neoklassik fundamentalen Unendlichkeit der Bedürfnisse nicht.
Diese Diskussion wäre sicher sehr aufschlussreich gewesen, wie am Beispiel Ernst Jüngers zu sehen ist. Jünger nähert sich dem Problem von der entgegengesetzten Seite. Er nimmt an, eine Perfektion der Technik in der Gütererzeugung und deren zwangsläufig monopolistische Organisation werde sich als das simultane Ergebnis der Gestaltung der Wirtschaft einstellen.
Erst aus dem Zusammenspiel von Jünger und Keynes wird deutlich, wie kongenial beide die Zeitströmung erfasst und die Überwindung der liberalen Geldwirtschaft mit einer den Faschismus analysierenden Theorie anstrebten. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: So wie Jünger, war auch Keynes kein Anhänger Adolf Hitlers. Er hielt den NS-Staat aber für geeignet, seine Theorie in Politik umzusetzen, und zwar besser als sein Heimatland. Anders als die Faschismuskritik haben beide nicht den Fehler gemacht, in den faschistischen Bewegungen eine letzte Entwicklungsstufe des sogenannten staatsmonopolistischen Kapitalismus zu sehen. Sie entdecken stattdessen in den tatsächlichen Bewegungen im Europa der Zwischenkriegszeit das Gegenteil, nämlich das Scheitern des als Tausch von Äquivalenten romantisierten, über Geld vermittelten Zusammenhangs von Befehl und Gehorsam und haben dessen Überwindung durch ein anderes Herrschaftssystem zu ihrem Thema gemacht.
Keynes zeigt, wie die von der Knappheit des Geldes abgeleitete Befehlsgewalt des liberalen Rentiers über die, die kein refinanzierbares Vermögen haben, durch die Emission von Staatszahlungsmitteln gebrochen wird. Allerdings unterläuft ihm dabei der Fehler, den Unterschied zwischen dem Geld der Vermögenseigentümer und den Staatszahlungsmitteln, die er ,Repräsentivgeld` nennt, zu übersehen. Jünger entwickelt die zum Staatszahlungsmittel passende Idee einer durch die Perfektionierung der Technik determinierten, auf Kampf statt auf Vertrag fußenden Herrschaft. Seine Analyse legt die durch Verklärung der Gewalt als Wettbewerb auf den Märkten für Ressourcen und Güter verschleierten Strukturen des Liberalismus frei und demonstriert, wie es zu einer durch Anschluss und Gehorsam entstehenden neuen, ihm offenbar angemessener erschienenen Befehlsstruktur kommt.


Schulden: Die ersten 5000 Jahre
Schulden: Die ersten 5000 Jahre
von David Graeber
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 26,95

21 von 30 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Frankfurt zittert, 22. Mai 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Kaum ein Thema in der volkswirtschaftlichen Literatur hat über die Jahrhunderte mehr Aufmerksamkeit gefunden als das Geld. Genutzt hat es der Wissenschaft vom Gelde offenbar nicht viel. Jedenfalls, wenn man nicht die Vielfalt der sich allesamt widersprechenden Erklärungsversuche schon als einen Wert an sich ansehen will, sondern die absonderlichen Lehrbücher studiert und damit den geldpolitischen Alltag zu begreifen sucht. Die Vielfalt der Geldkonzepte reicht in unzähligen Variationen über das volle Spektrum vom klassischen: ,Geld spielt keine Rolle` bis zum immer populär gewesenen: ,Geld regiert die Welt`. Für die meisten Menschen, die Geld tagein, tagaus benutzen, ist es dennoch das ,Rätsel Geld' geblieben. Sie benutzen es wie einen Fernseher, ohne Neugier darauf, wie und warum es funktioniert. In dieser Situation sollte es an ein Wunder grenzen, wenn dem Thema immer noch etwas Interessantes abzugewinnen wäre. Genau das aber ist David Graeber gelungen.
Graeber zeigt, dass die vorherrschende Auffassung vom Gelde eine Konsequenz aus der - den Tatsachen nicht gerecht werdenden - Fiktion ist, das Geld sei als ein Mittel zur Senkung der durch Arbeitsteilung gestiegenen Transaktionskosten in eine bereits zuvor bestehende Tauschwirtschaft eingeführt worden. Die Vorstellung von der Tauschwirtschaft in früheren Gesellschaften ist nicht nur unzutreffend; sie suggeriert auch, es würden auf Märkten Äquivalente getauscht. Daraus muss man schließen: Hat jemand Schulden, so nur deswegen, weil er etwas erhalten hat, wofür er das Äquivalent zu liefern versprach, aber noch nicht geliefert hat. Das führt zum plausiblen Schluss, dass Schulden zurückgezahlt werden müssen. Alles andere erscheint als ungerecht.
In der 5000jährigen Geschichte der Menschheit gibt es keine Nachweise für arbeitsteilige Tauschwirtschaften. Effizienz erhöhende Arbeitsteilung setzt in Wirklichkeit schon ein ,Rechengeld` (money of account) in den Köpfen der Wirtschafter voraus, statt ex post deren Probleme zu lösen. Rechengeld ist die Bedingung der durchgängigen, sozusagen buchhalterischen Bewertung der zu ,tauschenden' Produkte der Spezialisierung. Geld muss es also gegeben haben, ehe Arbeitsteilung stattfinden konnte.
Graeber berichtet, wie bei afrikanischen und asiatischen Völkern viele Dinge als Geld im sozialen Zusammenhang aber nicht im Tausch genutzt wurden. Münzgeld (money proper) entstand dagegen simultan als Spiegelbild der Steuern mit den Kriegszügen der sich in der Achsenzeit bildenden Großreiche. Bei Graeber ist der Markt direkt die Schöpfung des Staates. Der Staat entlohnt seine Soldaten mit Münzen und verlangt, dass Steuern ausschließlich in dem Münzgeld zu zahlen sind. Die der Steuer Unterworfenen müssen also, das, was die Soldaten benötigen, auf Märkten feilbieten, um Steuern zur Finanzierung der Kriege zahlen zu können. Der erfolgreiche Krieg zwingt die Besiegten, Tribut in Edelmetall zu leisten, um der Plünderung Einhalt zu gebieten. Er brachte auch Gefangene, die als Sklaven in den heimischen Minen dem Staat neues Metall für neue Münzprägungen fördern konnten.
Um den Realitätsgehalt dieser ,Geschichte` sollte man nicht streiten. Man kann auch andere Szenarien für plausibler halten. Sicher ist der damit im Buch verbrauchte Text mit rund 250 Seiten für Ethnologen viel bedeutender als für Ökonomen. Graeber hat eine Anmerkung von Heinsohn/Steiger zum Mangel einer ethnologischen Theorie des Geldes aus dem Jahre 1989 offenbar sehr ernst genommen. Geld und Geldwirtschaft müssen zwar nicht von orthodoxen Ökonomen, aber doch ökonomisch erklärt werden können, wenn eine Ökonomik überhaupt Sinn haben soll.
Wirklich Unzutreffendes enthält das Werk auch. Nicht in dem von Graeber gemeinten Sinne zu halten ist die These, die Bank von England wäre für ihre Notenemission auf die 12 Million £ betragende Schuld des Königs von England angewiesen gewesen. Die ,ewige Rente` war die Bedingung für die Lizenz, eine monopolistische Notenbank betreiben zu dürfen, die gesetzliche Zahlungsmittel emittieren durfte. Das zur Notenemission führende Hauptgeschäft der Bank war aber die Refinanzierung der Londoner Kaufleute, indem sie deren Handelswechsel dann ankaufte, wenn sie kurzfristig fällig waren und genügend Unterschriften von als zahlungsfähig bekannten Wirtschaftern trugen. Auch konnte jedermann gegen Edelmetall Noten der Bank von England bekommen. Beschränkend wirkte nur, dass die Noten anfangs auf höhere Beträge ausgegeben wurden, als es für ihre Verwendung im Verkehr der ,kleinen Leute' nötig gewesen wäre. Dieser Wirtschaftsverkehr blieb weiter von der Versorgung mit königlichem Münzgeld abhängig.
Schade auch, dass Graeber sich in der Nachfolge von John Maynard Keynes und Abba P. Lerner zu dem Irrtum der ,staatlichen Theorie des Geldes` von Georg Friedrich Knapp bekennt. Wenn der Staat die Macht hätte, alles zu Geld zu erklären, was er als Tilgung von Steuerschulden anzunehmen bereit ist, hätten viele Länder der sogenannten 3. Welt entschieden weniger Probleme als man es heute feststellen muss. Wieso aber der Geldbedarf einer Wirtschaft, die nicht eine Staatsplanwirtschaft ist, dem Volumen nach gerade durch die öffentlichen Ausgaben gedeckt werden sollte, gehört ebenso zu den ungelösten Rätseln dieser Theorie wie die Frage, wer Investor in einer Wirtschaft werden sollte, deren Währung beliebig nach den ,Bedürfnissen` des Staates in ihrem Wert gemindert werden kann.
Definitiv falsch ist auch die Behauptung, alles Geld sei heute Fiat Money. Dass das US-Zentralbanksystem ab 1936 direkt Staatsschuldpapiere ankaufen durfte, hat deutlich genug die Währung der Vereinigten Staaten ruiniert. Waren 4,20 DM nach der Währungsreform der westlichen Besatzungszonen Deutschlands erforderlich, um einen Dollar zu kaufen, so nahmen Berliner Taxifahrer den Dollar auf dem Höhepunkt seiner Schwäche nur noch zum Kurs 1:1 an. Auf dem Devisenmarkt kostete er zu dieser Zeit weniger als 1,40 DM. Greenspan beendete diese Praxis, indem er den Direktankauf von Bonds in Swapgeschäfte transformierte und führte damit den Dollar wieder fast an den alten Wechselkurs heran. Die Änderung war schlicht, dass statt Zahlungsversprechen eines Schuldners, dessen Rückzahlungsbereitschaft tatsächlich nicht besteht, nun wieder Forderungen von zahlungsfähigen Gläubigern gegen diesen Staat die Grundlage des Refinanzierungsgeschäftes bildeten.
Ob der Dollar funktionsfähiges Geld oder auf das Inland beschränkte Staatszahlungsmittel ist, hängt auch nicht von der durch Nixon 1971 beendeten Einlösung in Gold ab, die ohnehin nur noch für Zentralbanken bestand, sondern davon, welchen Marktwert die Aktiva des Zentralbanksystems haben. Eine graduelle Verwässerung der Währung durch Emission von Noten gegen zumindest aktuell wertloses Material als Sicherung oder in Geschäften auf eigene Rechnung des Zentralbanksystems führt nach wie vor zu einer Entwertung des Dollars. Dies auch, wenn es durch gleichschrittliches Verhalten anderer Zentralbanken nicht im Wechselkurs zu erkennen ist. Wenn der Wert der US-Zentralbankaktiva eines Tages auf Null fiele, hörte der Dollar auf, Geld zu sein und würde auf fremden Märkten nicht mehr für Zahlungen akzeptiert. Im Inland könnte er dann nur durch Devisenzwangswirtschaft und Strafandrohungen jenen aufgezwungen werden, die sich wie Lohnarbeiter dem nicht entziehen können. Eine Situation, in der dies eintritt, ist möglich, aber noch immer nicht sehr wahrscheinlich. Im Fall des Euro wäre dieser Punkt noch entschieden weniger reale Möglichkeit als für den Dollar heute, wenn der Euroraum nicht ein System in 17 unterschiedlichen finanzpolitisch autonomen Umfeldern wäre. Wetten auf das Ende des Beistands an zahlungsunfähige Mitgliedsländer sind derart keinesfalls durch den ,inneren Wert` der Eurowährung auszuschließen. Eurobonds würden dies ausschließen, aber sie würden wohl den Teufel mit dem Beelzebub austreiben und die Eurozone zur Inflationsgemeinschaft machen.
Das alles kann als Nebensache an dem Buch abgehakt werden. Sein Wert besteht in dem mit Graebers Sicht möglichen völlig neuen Verständnis von Leistungsbilanzsalden, von Entwicklungshilfe und internationalen wie nationalen Schulden und dies für öffentliche und private Haushalte. Die Zwangsläufigkeit, dass Schulden zurückgezahlt werden müssten, ist damit kaum noch zu begründen. Seine Forderung nach einem ,Jubeljahr`, in dem sie fast allesamt zu streichen wären, hat ihren Charme und immerhin ein Gewicht, das Frankfurt in Angst und Schrecken versetzt.


Imperium: Roman
Imperium: Roman
von Christian Kracht
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,99

5 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Kokosnüsse für alle, 25. Februar 2012
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Imperium: Roman (Gebundene Ausgabe)
Krachts locker geschriebener und vom Verleger noch lockerer auf 232 Textseiten gedruckter Abenteuerroman ist immerhin so unterhaltsam, dass man ihn nicht nur an zwei Abenden lesen kann, sondern es auch tun wird, wer die Zeit dafür hat.
Niemand sollte sich erhoffen, hier einen Skandal rechtfertigenden Roman zu erhalten. Bei dem Spiegelvorwurf und der Replik der Schriftstellerkollegen, handelt sich am ehesten um eine geschmacklose PR-Aktion, um das Buch in die Stapel vor der Kasse im Buchhandel zu bringen. Die inkriminierten Stellen betreffen in der Zeit der Erzählung nicht seltene antisemitische Äußerungen von Romanfiguren und eine in den Text hineinlesbare Billigung des vielleicht durch Zufall, aber wohl doch eher durch Handlung im Affekt verursachten Todes des Vergewaltigers eines Knaben. Auch hier aber billigt nicht der Erzähler, sondern die Romanfiguren tun es, und zwar in völliger Übereinstimmung zu dem, was am Ort des Geschehens zu jener Zeit zu erwarten war. Möglicherweise trifft Kracht auch mit der Vermutung, überfutterte und vom englischen Porterbier berauschte Pflanzer träumten in den Liegestühlen auf dem Oberdeck der zur Südsee dampfenden Prinz Waldemar von "barbusigen Negermädchen" nicht das heute politisch Korrekte. So zensiert, kämen aber wenige Texte, die in der rauen Zeit vor der neuen amerikanischen Empfindlichkeit geschrieben wurden oder aus ihr berichten, mit dem Aufkleber "pc" in die Regale des Buchhandels. Selbst Martin Luther King dürfte man dann nicht mehr ohne Gewissensbisse lesen.
Das Handlungsgerüst des Romans ist schlicht. Der junge, sich nur von Früchten ernährende Vegetarier und Sonnenanbeter August Engelhardt aus Nürnberg, Verfasser des Buches "Eine sorgenfreie Zukunft", hat an der Wende zum 20. Jahrhundert die Einsicht gewonnen, die Kokosnuss sei die göttlichste aller Früchte und mit ihrer Milch, ihrem Fett und ihrem Fruchtfleisch geeignet, alleiniges Nahrungsmittel der Menschheit zu werden. Dies insbesondere weil auch ihre sonstigen Bestandteile vielfältige Nutzungsmöglichkeiten böten. Engelhardt beschließt deswegen, mit einer Erbschaft eine Kokosnussplantage auf der Insel Neupommern im Schutzgebiet Kaiser-Wilhelm-Land zu erwerben und dort einen Orden für Gleichgesinnte zu begründen. Unbesehen erwirbt er das Eiland Kobakon, auf dem die Einwohner bereitwillig dem nackt auftretenden weißen Mann Kobra und vor allem Nüsse ernten, aus denen er Kokosöl presst, dessen Verkauf ihm die beim Kauf eingegangen Schulden tilgen soll. Alles scheint gut zu werden. Nur die Gleichgesinnten bleiben erst einmal aus und als sie dann kommen, beginnt Engelhardts Katastrophe, die noch durch den Beginn des Ersten Weltkrieges und eine Infektion mit Lepra gesteigert wird. Anders als seine Landsleute überlebt er aber selbst das Ende des Zweiten Weltkrieges in der Südsee.
Ob es eine sehr gute Idee von Kracht war, Engelhardt mit einem zeitgleich lebenden, weit bekannter gewordenen Vegetarier in eine erzählerische Verbindung zu bringen, kann bezweifelt werden. Unbestreitbar aber lebt der Roman durch die große Zahl der buntschillernden Personen, die in die Handlung eingewebt werden. Die eigentlich traurige Reise in die Südsee wird so dann doch zu einem ganz überwiegend vergnüglichen Abenteuer im Lesesessel.


Instabilität und Kapitalismus
Instabilität und Kapitalismus
von Joseph Vogl
  Broschiert
Preis: EUR 14,95

7 von 21 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Langfristig sind alle Keynesianer tot, 2. Dezember 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Instabilität und Kapitalismus (Broschiert)
Der kleine Band enthält auf knapp 140 Seiten die von Joseph Vogl herausgegebene Übersetzung zweier Minsky-Aufsätze. Vogl versucht mit einem Vorwort, die Wichtigkeit dieser Texte für das gegenwärtige Geschehen auf den Finanzmärkten nachzuweisen. Damit bestätigt Vogl leider den Eindruck, den er mit Auftritten in Talkshows auch schon hinterlassen hat: Es gelingt ihm nicht, seine im gleichen Verlag erschienene brillante Kritik der Wirtschaftstheorieentwicklung (Das Gespenst des Kapitals) aus dem Jahre 2010 zu einem positiven Verstehen der erlebbaren Wirtschaftswirklichkeit zu wenden.
Minskys Thesen eignen sich dazu genauso wenig, wie die von ihm angeregte Neubelebung der Marx-Diskussion. Mit Minsky kann das schon allein deswegen nicht gelingen, weil er davon ausgeht, dass die dem Kapitalismus inhärente Instabilität von der Wirtschaft der Privaten ausgeht und durch die Aktivität der Zentralbank und der Finanzpolitik kompensiert werden könne. Die Krise der Gegenwart aber ist eine Staatsschuldenkrise angesichts einer - trotz nicht enden wollender Unkenrufe der "Sachverständigen" und "Weisen" - offensichtlich noch florierenden privaten Wirtschaft.
Lesenswert bleiben die beiden Aufsätze für an der Theorie der Wirtschaft Interessierte allemal, auch wenn sie eher das Scheitern der Politökonomik von Keynes deutlich machen, als dass sie Wege aus einer wie auch immer verursachten Krise in der Gegenwart zeigen. Minsky scheitert mit Keynes, weil dieser die Finanzpolitik als Aktivität des außerhalb der Wirtschaft stehenden "Staates" versteht, obwohl in der erlebbaren Wirtschaftswirklichkeit private Unternehmen und öffentliche Haushalte mit ihren spezifischen Produktionen privater und öffentlicher Güter gleichermaßen an der Wirtschaft teilhaben. Dass die Finanzpolitiker als weiße Ritter von außen die Instabilitäten der Wirtschaft kompensieren könnten, ist eine spätromantische Vorstellung von Verherrlichern des Staates. Keynes ist der Marx des 20. Jahrhunderts. Beide zeigen nur die Unzulänglichkeit der Schulökonomik, also der Klassik bei Marx und der Neoklassik bei Keynes. Während der eine das Eigentum an Natur und Produktionsmitteln an seinen Widersprüchen selbst scheitern sieht, glaubt der andere die "Verstaatlichung der Investition" (Keynes) und damit eine "Euthanasie des Rentners" (Keynes) erreichen zu können, indem er die Beschäftigung beschränkende Knappheit des Geldes, in der sich das bürgerliche Eigentum ausdrückt, bricht: Fiskalpolitik ist Gelddrucken, schreibt Keynes in der Allgemeinen Theorie. Minsky folgt ihm darin, indem er die Vorstellung übernimmt, die Zentralbank, aus der das Geld kommt, sei gar keine am Profitmotiv orientierte Bank, sondern eine monetäre Behörde, mit der der Staat für den guten Zweck nach den jeweiligen Erfordernissen Geld in die Wirtschaft pumpen kann. Geld wird aber von Zentralbanken gegen marktbewertete Vermögenswerte emittiert. Der Wert des Geldes bestimmt sich gerade aus dem Wert der Aktiva, die die Zentralbank mit ihm ankauft und so lange hält, wie das Geld in der Form von Banknoten und Zentralbankguthaben der Geschäftsbanken zirkuliert. Kauft sie mit ihm endlos vermehrbare und damit wertlose Zahlungsversprechen, entwertet sie ihre Emission entsprechend. Das, was zum Beispiel gegenwärtig im Eurosystem noch Geld ist, ist schon durch überbewerte Staatspapiere in den Zentralbankforderungen verwässert. Das wird in der Form sinkender Kaufkraft über kurz oder lang jedem spürbar werden. Findet das "Retten" kein Ende, werden schließlich alle werthaltigen Aktiva der Zentralbank an gerettete "systemische" Finanzinstitute übergegangen und durch wertlose Staatsschuldtitel peripherer Euroländer ersetzt worden sein. Der Euro ist dann kein Geld mehr, sondern ein Staatszahlungsmittel, die EZB und die nationalen Zentralbanken im Eurosystem sind dann keine Zentralbanken mehr, sondern Staatsbanken. Die Noten der Staatsbanken sind ohne Kaufkraft und werden überall zurückgewiesen, wo nicht dann zu erlassene Gesetze mit Strafandrohung die Wirtschafter zwingen, Kaufverträge nur in diesen Staatszahlungsmitteln abzuschließen.
Wie so etwas funktioniert, wissen alle, die die DDR erlebt haben. In der DDR war es wie im Kapitalismus: Für DM bekam man alles! DM aber gab es nicht zum offiziellen Wechselkurs (1:1), sondern auf dem Schwarzmarkt zum Tageskurs. Ältere Semester können Vergleichbares noch aus dem Dritten Reich erinnern. Dessen Finanzpolitik war Keynesianismus pur und Keynes wusste das. Ein Blick in sein Vorwort der deutschen Übersetzung der Allgemeinen Theorie kann in diesem Punkt hilfreich sein. Alle, die weder das NS-Regime noch die DDR erlebt haben, müssen die Folgen des "Gelddruckens" bislang noch in den Ländern Afrikas studieren.
So löblich auch die Herausgabe der beiden Aufsätze trotzdem sein mag, so ärgerlich ist die Übersetzung an manchen Stellen. Das fängt mit dem Begriff Bargeld an, der statt Liquidität, im Sinne von Verfügung über Kasse und Guthaben bei Banken gewählt wird. Es endet in Sätzen wie: "Die Fähigkeit des Bankwesens, die Wirtschaft durch Geldschöpfung zu stimulieren, hängt von dem Glauben ab, dass die Banken und die Währungsbehörden fähig sind, ihren Verpflichtungen einen solchen Schutz zu gewähren." (S. 98) und "Gemäß der traditionellen Sichtweise operiert Geldknappheit, indem sie die Nachfrage durch steigende Zinssätze rationiert." (S. 107 f.) Hoffentlich wird nicht auch die Verständlichkeit des deutschen Sprachwesens durch solche Schöpfungen rationiert.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 20, 2014 4:47 PM CET


Dürer - Cranach - Holbein: Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500
Dürer - Cranach - Holbein: Die Entdeckung des Menschen: Das deutsche Porträt um 1500
von B. Brinkmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 39,90

8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Lust am Porträt, 2. Oktober 2011
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Der Bildband ist Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die (nach Wien) bis zum 15. Januar 2012 in München besucht werden kann. Sie sollte im Zusammenhang mit den in Berlin und Hamburg nahezu gleichzeitigen Ausstellungen "Gesichter der Renaissance" und "Die Erfindung des Bildes" gesehen werden. Nachdem über Jahrzehnte die großen Ausstellungen den Eindruck erwecken wollten, ausstellungswerte wahre Kunst beginne erst am Ende des 19. Jahrhunderts, scheint eine Rückbesinnung auf lange vernachlässigte Kriterien der Kunstwerke - wie etwa auf handwerkliches Können - mit einer Häufung von Ausstellungen über die Malerei und Bildhauerei der Renaissance stattzufinden. Viele Besucher wird es freuen und die Lust am Porträt steigern, dass es sich wieder lohnt, auch eine geeignete Brille im Museum zu tragen.
"Das deutsche Porträt um 1500" zeigt hauptsächlich an der Malerei, der Zeichenkunst, der Drucke und der Medaillen von Dürer, Cranach und Holbein eine durch die früher einsetzende niederländische und die italienische Porträtkunst ausgelöste, aber sonst ganz eigenständige und mit ihrem handwerklichen Können einzigartige Entwicklung zum autonomen Porträt. Die Vereinigung dieser außerordentlichen Kunstwerke auf den 350 Seiten des Bandes ist ein erfreuliches Ereignis.
Der Band ist in 12 Abschnitte untergliedert. Die ersten beiden verstehen sich als Einleitung und informieren gut über das Anliegen der Porträtkunst jener Epoche. Die dieser Einleitung folgenden gruppieren die Porträts nach den Katalognummern in der Ausstellung. Die kurzen Einzelbeschreibungen zu den Bilder im Katalog sind gut gelungen und dem Anlass angemessen. Von den der Einleitung dann folgenden vier Abschnitten widmet sich jeweils einer einem der drei Künstler und einer ihren Vorläufern. Drei weitere Abschnitte befassen sich übergreifend mit den Bildniszeichnungen, dem Porträt in der Skulptur und den Medaillen und Drucken. Die verbleibenden drei Abschnitte behandeln das Porträt der Renaissance mit Bezug auf ihre Form und Funktion, die Kostüme und Accessoires in den Bildwerken und den Enttäuschungen bei der Entdeckung des Menschen in der Porträtkunst. Alle den Katalog bildenden Abschnitte werden nochmals durch kurze, gut lesbare und interessante kunstgeschichtliche Artikel eingeleitet. Die zwei vorab einleitenden Abschnitte werden auch mit die Ausstellung ergänzenden Werken illustriert. Angenehm ist dabei, dass die Abbildung an dieser Stelle nicht dazu führt, dass die Darstellung der Bilder im Katalog ausgelassen wird. Der Bilderstrom im Katalog wird also nicht unterbrochen, was den Betrachter zwänge, häufig hin- und herzublättern.

Kunstkataloge zwingen stets zu Kompromissen. Die meisten ergeben sich aus den Kosten hochwertiger Druckwerke und dem Wunsch, den Preis des Werks so zu begrenzen, dass es auch möglichst vielen Kunstfreunden erschwinglich bleibt. Formate und Qualität der Abbildungen im hier besprochenen Katalog sind insofern wohl als durchweg angemessen zu beurteilen. Einige Abbildungen lassen aber Zweifel daran aufkommen. Noch besseres Papier hätte hier sicher gut getan. Für einzelne Abbildungen ist mangelnde Farbtreue und geringe Konturenschärfe unübersehbar. Hier mag Dürers Bildnis der Elsbeth Tucher auf S. 84 als Beispiel dienen. Dürers zarten Farbtöne scheinen für den Drucker eine schwer zu bewältigende Aufgabe gewesen zu sein. Das Bild hat vor allem im Himmel viel zu viel Grauwerte, obwohl es insgesamt bereits rotstichig wirkt.


Gesichter der Renaissance: Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst
Gesichter der Renaissance: Meisterwerke italienischer Portrait-Kunst
von Keith Christiansen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 20,95

23 von 23 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Die Geburt des Gesichts, 9. September 2011
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Wenn man die 12 Seiten, offenbar für derartige Werke unvermeidlichen Grußworte, Danksagungen und Verzeichnisse der Leihgeber und Autoren überblättert hat, stößt man auf 5 Essays (84 Seiten), die zu lesen sich durchaus empfiehlt. Dies nicht nur, weil einige Ausstellungsobjekte, darunter Leonardos Dame mit dem Hermelin, in diesem Abschnitt abgebildet werden. Vor allem machen diese Beiträge verständlich, dass und warum im 15. Jahrhundert in Italien keine Rückbesinnung auf die antike Kunstauffassung stattfand, sondern eine so nie da gewesene, auf das Individuum zentrierte Kunst entstanden ist. (Um das Ausmaß der Veränderung dieser Kunstrevolution zu erfassen, leistet übrigens der Roman "Rot ist mein Name" von Orhan Pamuk, Hanser Verlag, München/Wien 2001, unterhaltsame Dienste. Er beschreibt die Wirkung dieser Malerei auf die traditionelle osmanische Kunst.)
Die Themen der Essays sind durch die Gliederung der Ausstellung bestimmt. Sie sind nicht nur vom kunsthistorischen Standpunkt interessant und erfreulich frei von dem in dieser Art von Publikation vorherrschenden Wortgeklingel. Zum Beispiel wird deutlich, dass der einfach erscheinende Begriff "Ähnlichkeit" in der Porträtkunst sehr unterschiedlich zu deuten ist und die anzustrebende Ähnlichkeit für den Maler eine Herausforderung war, der nur schwer zu genügen war. Porträts befriedigten vorrangig die Absicht, etwas Vorteilhaftes über die dargestellte Person mitzuteilen. Hierbei war der Überzeugung zu genügen, dass in einem gesunden Körper auch ein gesunder Geist wohne. Der Erfolg des Künstlers hing deswegen wesentlich davon ab, wie weit es ihm gelang, äußere Merkmale, die auf einen nicht ganz und gar gesunden Geist verweisen könnten, im Kunstwerk mit einer geeigneten Abbildungsstrategie zu unterdrücken. Patrizier und Bürger, Adel und Geistlichkeit konkurrierten mit ihren in Öl und Bronze dokumentierten guten persönlichen Charaktereigenschaften. Man wird nie mehr die so überraschend gut aussehenden, interessant erscheinenden Köpfe auf Wahlplakaten ansehen können, ohne sich der ersten vier Essays aus diesem Band zu erinnern! Anders, aber keinesfalls weniger interessant, steht es mit dem fünften Essay. Dieser ist eine Deutung der Dame mit dem Hermelin. Er arbeitet das Besondere an dem Bild heraus und schließt aus der Körperstellung der abgebildeten Cecilia Gallerani und des Keuschheit symbolisierenden Tieres, das von der aus dem Bild schier herausragenden Hand kaum berührt, geschweige denn festgehalten wird, dass Leonardo auf eine besonders subtile Art, eine Beziehung zwischen dem Herzog von Mailand, der der Auftraggeber war und der Porträtierten zum Ausdruck brachte, die den Erwartungen des Herzog gerecht werden konnte.
Den Essays folgt der eigentliche Katalog, der auf 376 Seiten die Ausstellungsbilder beschreibt und die nicht bereits zuvor im Text abgebildeten, zeigt. Leider ist nur ein Teil ganzseitig eingefügt worden. Das zumindest subjektiv vorherrschende kleine Format erinnert weniger an eine sogenannte Jahrhundertausstellung als an Papas Fotoalbum vom Italienurlaub. Allerdings gelingt es durch eine hohe Qualität der Abbildungen, immerhin einen noch angemessenen Eindruck von den Kunstwerken zu vermitteln.
Natürlich ersetzt dieses Werk nicht den Besuch der Ausstellung, aber anders als diese selbst, hätte man die prächtige Schau im Buch auch ohne den immer fragwürdiger werdenden Kunstwerketourismus haben können. Hohe Papierqualität und ein fester Einband sichern immerhin, dass die Idee der "Jahrhundertausstellung" über Jahrhunderte dokumentiert bleibt.
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In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
In Zeiten des abnehmenden Lichts: Roman einer Familie
von Eugen Ruge
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

253 von 285 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nicht nur von Ochs und Esel aufgehalten, 6. September 2011
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Dieses Buch werden nur wenige Leser hierzulande emotionslos lesen. Zu oft hat sich durch den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland das wiederholt, was Eugen Ruge hier spannend und brillant als Familienchronik regelrecht inszeniert.
Die Handlung selbst ist schnell erzählt. Wilhelm gerät von der USPD in die KPD und betreibt eine Geheimdiensttätigkeit für die Sowjetunion in einer Hamburger Scheinfirma. Die "Machtergreifung" Hitlers zwingt ihn mit seiner Frau Charlotte ins russische Exil, wo ihre Söhne Werner und Kurt geboren werden. Die Söhne bleiben in der UdSSR, während die Eltern vom Geheimdienst mit schweizerischen Pässen versehen in Mexico neuen Aufgaben nachgehen. Dort warten sie auf den Untergang des Reiches und das neue Deutschland, das dann aber infolge der Teilung Deutschlands nur aus der sowjetischen Zone als DDR entsteht.
Ihre Söhne sind während des Krieges wegen ihrer Kritik am Hitler-Stalin-Pakt in Straflagern verschwunden. Nur Kurt taucht wieder auf und findet am Ural seine Frau Irina, mit der er den Sohn Alexander bekommt. Die drei ziehen in den 50ern nach (Ost-) Deutschland, wo sie in "Neuendorf" auf Wilhelm und Charlotte stoßen. (Neuendorf greift den slavischen Namen auf, den der Ort wegen der dort in Preußen angesiedelten Hussiten führte: Nova Ves, den meisten Lesern heute als ein Stadtteil Potsdams unter dem Namen Babelsberg bekannt. Der S-Bahnhof Großkrienitz ist entsprechend Griebnitzsee.) Bei der Rückkehr aus Mexico ist Charlotte für ihre Dienste zu einer Direktorin einer eigens gegründeten Akademie für die Literatur Lateinamerikas ernannt worden. Der zu nichts zu gebrauchende Wilhelm bringt es immerhin zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold für seine Dienste in der Partei. Kurt avanciert zum führenden Geschichtsforscher an der (richtigen) Akademie. Alles bestens also?
Leider nicht. Irina leidet an der Unfähigkeit der Protagonisten, eine Familie zu bilden, besonders. Sie sucht periodisch Befreiung in der Betäubung durch Alkohol, der nach dem Scheitern der Ehe Alexanders mit Melitta, aus der inzwischen Wilhelms Urenkel Markus hervorgegangen war, ihrem Leben ein frühes Ende setzt.
Wilhelm, ohnehin ohne intellektuellen Tiefgang, verfängt sich im Altersschwachsinn, sodass sein kritikloses Parteigeplapper vollends zu Infantilismus verkommt. Charlotte möchte ihre letzten Jahre noch einmal leben und betreibt seine Einweisung in die Psychiatrie zwar ohne Erfolg, verwechselt dann aber versehentlich die als Beimischung zu Wilhelms Tee gedachten 2 Löffel Baldrian mit ihrer nur tröpfchenweise verträglichen eigenen Medizin. Vom Tod des 90jährigen hört man später nur beiläufig, wenn Kurts Welt zusammenbricht. Auf Alexanders Flucht in den Westen und Irinas Tod folgt mit der deutschen Einheit die "Abwicklung" seiner Wissenschaft und ein Abrutschen des Enkels in die Szene. Alles entschwindet, zuletzt er selbst in Alzheimers Nebel.
Das alles ist vielen vertraut und ein Roman, der es einfach erzählte, vielleicht kaum der Rede wert. Nicht, was Ruge erzählt, sondern wie er es erzählt, ist sensationell. Die Geschichte eines Jeden wird scheinbar ohne Rücksicht auf den Kalender durch Wilhelms Geburtstagsfeier geordnet und dies alles durch Alexanders Abschlusshandlungen geklammert. Entstanden ist damit wahrscheinlich der definitive Roman zur deutschen Einheit aus der ostdeutschen Perspektive. Dies, natürlich nur bisher und obwohl die Mauer darin kaum vorkommt. Sie ist dem Kurt nur ein Ärgernis, weil sie die S-Bahnlinie von Potsdam nach Berlin unterbricht und ihn zur stundenlangen Umfahrung der geteilten Stadt auf dem Weg zur Akademie zwingt. Ruge verherrlicht nichts, sucht für das Handeln der Personen des Romans keine Schuldigen, allerdings pustet er den - manchem lieb gewordenen - Puderzucker fort, der einige hässliche Stellen in den Geschichten über die Geschichte überlagert. Er wird damit in den "Lagern" links und rechts ein Ärgernis sein. Bei aller Achtung vor dem Turm: Dieses Buch ist wahrscheinlich die vorläufig endgültige literarische Behandlung des großen Themas. Eine komplementäre westdeutsche Erzählung steht freilich noch aus.
Kommentar Kommentare (11) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 24, 2014 8:55 PM CET


Die Dirigentin: Roman
Die Dirigentin: Roman
von Wolfgang Herles
  Gebundene Ausgabe

6 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Der dirigierte Mann, 2. August 2011
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Rezension bezieht sich auf: Die Dirigentin: Roman (Gebundene Ausgabe)
Die Dirigentin ist ein Roman. Die vorkommenden Personen sind, wie es heißt, frei erfunden. Der Autor betont aber abschließend: "Ähnlichkeiten mit wahren Personen und Begebenheiten sind unvermeidlich." Tatsächlich hat man beim Lesen stets den Eindruck, die Personen und die Handlungshintergründe ziemlich genau aus der Tagespolitik zu kennen. Es sind ja auch zwei, in den Medien breit erörterte Berliner Ereignisse aus der jüngeren Vergangenheit, zu denen - bezogen auf die im Roman als Intrigen durchgespielten Ereignisse - die "unvermeidlichen Ähnlichkeiten" bestehen. Zum einen handelt es sich um die Auswechslung des Pressesprechers im Bundeskanzleramt, zum anderen um einen Konflikt in der Intendanz der Staatsoper Unter den Linden.
In der Erzählung stellt Jakob Stein, geschieden und Vater einer Tochter, als ein von der Bundeskanzlerin Christina Böckler aus dem Amt gedrängter Staatsminister die Verbindung zwischen den beiden Intrigen her. Er tut es dadurch, dass er, um sich aus seiner nicht auf Gegenliebe stoßenden Abhängigkeit von Christina Böckler zu befreien, der erfolgreichen Dirigentin Maria P. Bensson nachstellt, die an der Staatsoper Wagners Ring des Nibelungen an Stelle des Generalmusikdirektors dirigieren und sich mit diesem Debüt nach dessen Absicht so positionieren soll, dass sie nach seinem geplanten überraschenden Abgang faktisch zwangsläufig die Nachfolge antreten können werde. Im Gegenzug soll sie den Plan unterstützen, den künstlerischen Leiter Penk durch den Einfall des Regisseurs, statt Wotan Mohammed zum Oberhaupt der Götterschar und Walhall zum Petroleumimperium zu machen, in eine so ausweglose Situation zu bringen, dass er seinen Posten räumen muss, um dem Generalmusikdirektor für den Rest seiner Amtszeit wieder die Alleinherrschaft über die künstlerische Gestaltung zu verschaffen.
Stein versteigt sich immer mehr in Selbstüberschätzungen und es gelingt ihm, weder sich von Christina Böckler zu befreien, noch der Dirigentin nahezukommen. Dies erst recht nicht, nachdem er die beiden Frauen zusammengeführt hat. Zwischen zwei starken "Dirigentinnen" kommt er schließlich unter die Räder.
Herles bedient nicht nur gekonnt das Klischee von den Superfrauen und den ihnen nicht gewachsenen Männern. Der Roman befriedigt auch ein sicher weitverbreitetes Bedürfnis, einmal richtig hinter die Kulissen schauen zu können. Seine Bundeskanzlerin und nicht weniger auch die anderen Akteure, sind den echten Personen in Äußerlichkeiten so ähnlich gezeichnet, dass viele Leser sich der offenbar gewollten Illusion hingeben werden, am Ende doch die Wahrheit über zwei Intrigen aus erster Hand zu erfahren. Aber auch der Leser, der den angemessen Abstand zu derartigen Konstruktionen hält, wird sich überwiegend gut unterhalten. Insbesondere die Freunde des Rings des Nibelungen werden hoch erfreut über die zahlreichen kleinen Einblicke in Einzelheiten des Rheingolds sein, dessen Proben sie naturgemäß nur in kurzen Ausschnitten miterleben.


Walküre in Detmold: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz
Walküre in Detmold: Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz
von Ralph Bollmann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,95

22 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Oper für alle!, 1. August 2011
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Die "Walküre in Detmold" ist, was der Untertitel verspricht: eine "Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz", und zwar eine unterhaltsame. Bollmann besuchte in den Jahren 1997 bis 2010 alle 84 noch mit eigenem Ensemble bespielten deutschen Opernhäuser. Der mit der leichten Feder geschriebene Bericht führt, da sich Berlin drei und München zwei Opernhäuser leisten, in 81 Städte. Diese Operndichte ist weltweit einmalig. Deutschland verfügt über fast so viele Opernhäuser wie alle anderen Länder zusammen. Oper ist aber teuer. Ältere Menschen haben dafür meist eher als jüngere das nötige freie Einkommen. Das führt stets neu zur Legende, das Publikum in der Oper vergreise und Oper müsse über kurz oder lang mit den Alten sterben. Bollmann zeigt, wie falsch dieser Eindruck ist. Wahrscheinlich nimmt nur das ältere Publikum - in der Furcht selbst bald zu sterben - an, die Oper müsse es mit ihm. Die hohe Spielortsdichte und damit Oper für potenziell alle, ist aber in der Tat nur durch erhebliche Subventionen aus öffentlichen Mitteln und natürlich nicht mit überall gleicher Qualität möglich. Provinz muss aber nicht belanglos heißen, vielfach entdeckt der Autor Erstaunliches auf abgelegenen Plätzen. Allgemein kann man sagen: Ohne öffentliche Mittel würde die Oper nicht aussterben, aber sich vom Kulturgut für breite Bevölkerungsschichten zum extravaganten Vergnügen einer nur dünnen Oberschicht an wenigen Standorten wandeln.
Wer einen detaillierten Bericht von den Inszenierungen der 84 Häuser erwartet, der wird sicher enttäuscht. Nur besonders originelle Regieeinfälle, ungewöhnlich erfreuliche Stimmen im Ensemble oder umgekehrt zur Sicherung genügender Sitzauslastung rein gar nichts riskierender Umgang mit der Regie werden hervorgehoben. In der Regel aber gibt es zu den gesehenen Opern nur wenige, nicht systematisierte Anmerkungen, die selten mehr als einen kurzen Absatz, manchmal nur drei oder vier Zeilen ausmachen. Das ist für eine derartige Opernreise vernünftiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Was nutzt schon eine umfangreiche Schilderung davon, dass Schumanns Genoveva am 3. 11. 2010 in Zwickau mehr oder weniger genial gespielt wurde? Niemand wird sie genauso wieder sehen können, denn was Heraklit für den Fluss sagt, gilt erst recht für die Oper: Man geht niemals in dieselbe. Das Buch handelt daher vorrangig von der deutschen Opernlandschaft und nicht nur von der Oper.
Da Oper anfangs ein Vergnügen des Hochadels war, sind die meisten Opernhäuser in den Residenzstädten heute längst vergessener Fürstentümer gebaut worden und stehen dort heute noch. Erst im späten 19. Jahrhundert begann auch das zuvor sich selbst eher der Sparsamkeit zur Akkumulation des Kapitals frönend als dem Luxus der Oper zugeneigt darstellende Großbürgertum mit städtischen Bühnen gegen die Aristokraten aufzutrumpfen. Den Römer- und Königsdramen erwuchs damit auch auf der deutschen Opernbühne die in der Opernliteratur längst entstandene Konkurrenz des bürgerlichen Trauerspiels. Schillers Räuber waren immerhin bei Verdi schon 1847 zu Il Masnadieri vertont worden. Aus der Konkurrenz entstand die bis heute in Deutschland andauernde Besonderheit, dass einige Bühnen die finanzielle Unterstützung ihres Bundeslandes haben, während andere einzig von den weniger leistungsstarken Standort-Gemeinden getragen werden müssen, obwohl sie Kultur auch für das Umland produzieren. Nur Sachsen versucht diesem Problem durch ein, die Nassauer belastendes "Kulturraumgesetz" zu begegnen.
Oper war im Grunde immer politisch und Partei ergreifend. Bollmanns Reisebericht ist es - vielleicht unnötigerweise - auch. Neben den Finanzen und der Architektur der Häuser widmet er der lokalen Geschichte der Opernstandorte eine besondere Aufmerksamkeit. Er reist sozusagen mit sozialdemokratischer Weltsicht. Das führt dazu, dass die "braune" Vergangenheit eines Bürgermeisters des besuchten Ortes nicht unregistriert bleibt und Hitler im Buch öfter erwähnt wird als so mancher Komponist. Vom Opernbesuch in Passau liest man wenig, umsomehr aber vom Geburtshaus Hitlers im jenseits der Donaugrenze liegenden Braunau. Wenn ein Heterosexueller mehrfach anmerken würde, dass ihn eine Frau auf der Reise begleitet, empfänden die Leser dies sicher als seltsam. Wieso glaubt Bollmann eigentlich immer noch, dass es interessanter sei, wenn er bei jeder Gelegenheit auf seinen männlichen Begleiter hinweist?
Kommentar Kommentare (3) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Mar 13, 2012 5:21 PM CET


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