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Rezensionen verfasst von
Mag Dagmar Jenner "dagmarjenner" (Wien)
(REAL NAME)   

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Mona Lisas dunkles Lächeln: Historischer Thriller
Mona Lisas dunkles Lächeln: Historischer Thriller
von Gerhard J. Rekel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Wer braucht George Clooney?, 3. Juli 2014
Dieser historische Thriller aus der Feder von Gerhard Rekel und Dodo Kresse behandelt den wohl interessantesten Teil der wahren Geschichte rund um die Rettung europäischer Kunstschätze vor den Nazis am Ende des Zweiten Weltkriegs – es droht die Sprengung eines Bergwerks in Altaussee, in dem die Kunstschätze gelagert sind. Nach dieser spannenden Lektüre sehe ich keinen Grund mehr, mir „Monuments Men“ im Kino anzusehen. Und so attraktiv ist George Clooney dann auch wieder nicht.

Wie ich bei einer Lesung in Wien erfahren konnte, ist dieser Roman in gerade mal zwei Monaten entstanden – was frau ihm beim Lesen überhaupt nicht anmerkt. Er ist mit knapp 200 Seiten natürlich kein Monsterschmöker und damit optimale Lektüre für einen gemütlichen Tag zu Hause, sei es vor dem Kamin oder im Liegestuhl. Der Roman ist im durchaus positiven Sinne des Wortes routiniert und überzeugend geschrieben. Es bewährt sich außerdem, dass ein Teil des Duos vom Film kommt, womit sich das Ganze fast schon wie ein Film liest. Von der einen oder anderen grausamen Metapher mal abgesehen („die Einsamkeit […] legte ihre kalten Arme um Anna“) hat mir dieses Buch sehr gut gefallen. Es hat Tempo, ist atmosphärisch dicht und besonders die Dialoge fand ich gut gelungen. Das Elend des Krieges und die Grausamkeit der daran Beteiligten sind greifbar. Der Titel hat mit der Geschichte bestenfalls peripher zu tun, aber gut.

Besonders nett finde ich es als Feministin natürlich, dass mit der Kunsthistorikerin Anna Ahlrich eine Frau die Hauptfigur gibt, die aber vielleicht ein bisschen mehr Konturen vertragen hätte. Sie ist nach Altaussee entsendet worden, um die im Bergwerk vorhandenen Bestände zu erfassen. Letztlich ereilt sie aber kurz vor Kriegsende der Befehl, die unschätzbar wertvollen Kunstwerke zu zerstören – ein Gedanke, der einen Kunstliebhaberin natürlich ein Grauen ist. Sie kämpft gegen die Zeit, gegen einen durchgeknallten Gauleiter und mit dem einen oder anderen Verbündeten, um den Kunst-Super-GAU noch abzuwenden. Mehr sei an dieser Stelle natürlich nicht verraten. Selbst lesen!


Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Nutzen von Web 2.0-Tools im Projektmanagement
Einsatzmöglichkeiten, Chancen und Nutzen von Web 2.0-Tools im Projektmanagement
von Thomas Gruber
  Taschenbuch
Preis: EUR 44,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Fehler in der Beschreibung, 27. November 2009
"Diplomarbeit aus dem Jahr 2005.." stimmt nicht. Es ist eine Diplomarbeit aus dem Jahr 2009.


Gut gegen Nordwind: Roman
Gut gegen Nordwind: Roman
von Daniel Glattauer
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,90

17 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weibliche Trickkiste und männliche Unverbindlichkeit, 11. Dezember 2006
Rezension bezieht sich auf: Gut gegen Nordwind: Roman (Gebundene Ausgabe)
Was ist in der heutigen EDV-dominierten Welt nahe liegender als ein Roman, der ausschließlich aus E-Mails besteht? Kurioserweise ist Daniel Glattauer meines Erachtens der Erste, der sich dieses Genres bedient ' oder zumindest ist 'Gut gegen Nordwind' der erste Roman dieser Art, der ein breites Publikum erreicht. Durch Zufall begegnen sich Emmi Rothner und Leo Leike, die nicht, wie deren Namen vermuten lassen würden, jenseits der 50 sind, im virtuellen Raum. Mitnichten in einem Chatroom oder gar auf einer Single-Website, sondern durch eine falsch eingetippte E-Mail-Adresse. Dass dieser Leo Leike sich als Sprachpsychologe auch beruflich mit 'Emotionen in E-Mails' befasst, wirkt zwar sehr aufgesetzt, tut dem Lesevergnügen aber nur geringfügigen Abbruch. Binnen kürzester Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine intensive virtuelle 'Beziehung', bei der klar wird, dass beide dadurch Bedürftigkeiten befriedigen, die in ihrem realen Leben fehlen. Da kann Emmi noch so oft ihr Mantra wiederholen, dass sie glücklich verheiratet ist. Leo wiederum macht aus seinem gebrochenen Herzen nur wenig Hehl.

Hervorragend getroffen hat Daniel Glattauer die geschlechtsspezifischen Kommunikationswelten, die in jeder Zeile mitschwingen. Während beispielsweise Leo in einer schwachen Minute arglos tippt, 'Wollen Sie zu mir kommen? Ich zahle Ihnen das Taxi', ist der weiblichen Leserin klar, dass Emmi diesen Kommentar alles andere als goutieren wird. Mann findet nichts dabei, während sich Frau denkt: Wie kann der nur so blöd sein? Möchte er Emmi damit in die Nähe einer Prostituierten rücken? Ihr unterstellen, dass sie sich selbst kein Taxi leisten kann? Antwort: nichts von alledem ' er hat sich 'einfach' nichts dabei gedacht. War gar nicht bös gemeint! Warum müssen Frauen nur jedes Wort auf die Goldwaage legen?

Letztlich fand ich, dass Leo in der Regel am längeren kommunikativen Ast saß, weil er seine Sehnsucht sehr viel besser verbergen konnte als Emmi, die sich eher schlecht als recht mit Zynismus und markigen Sprüchen tarnt und damit die Durchschaubarere bleibt. So richtig zugänglich und offen wird dieser Leo nur nach einer halben Flasche Rotwein: 'Ich bin schon ein bisschen betrunken. ['] Schreiben Sie mir, Emmi. Schreiben ist wie küssen, nur ohne Lippen. Schreiben ist küssen mit dem Kopf. Emmi, Emmi, Emmi.'

Bei Emmi stellt sich emotionale Tiefe auch beim Genuss von Mineralwasser ein. Auch wenn sie dadurch die emotional authentischere Person von beiden ist, gerät sie damit summa summarum ins Hintertreffen. Stolzer Schein sticht unverfälschtes Sein. Schade, aber nicht unrealistisch. Andererseits: Wenn Emmi die Unverbindlichkeit des Leo entlarvt, ihn provoziert und auf die Schippe nimmt, ist sie kurzfristig oben auf: 'Das waren heute 28 E-Mails zwischen uns beiden, Leo. Was ist dabei herausgekommen? Nichts. Was ist Ihr Motto? ' Die Unverbindlichkeit. Was ist Ihr Schlusswort? ' Sie wünschen mir einen 'angenehmen' Abend. ['] Leo. Leo. Leo. Schade. Schade. Schade.'

Er tut ihr natürlich nicht den Gefallen, ihr das zu schreiben, was sie gerne lesen möchte: Sie sind die Frau meines virtuellen Lebens! Was täte ich ohne Sie? Fehlanzeige. Leo durchschaut die weibliche Trickkiste erstaunlich gut. Das lässt vermuten, dass der Autor Glattauer bereits den einen oder anderen Kampf in Sachen männlicher und weiblicher Kommunikationsschemata ausgetragen hat. Ob er dabei erfolgreich war oder nicht: Auf jeden Fall hat er es zu einem erstaunlichen Einfühlungsvermögen gebracht, weshalb es ihm gelingt, sowohl die weibliche als auch die männliche Perspektive sehr überzeugend zu beschreiben.

Störend fand ich die sprachlichen Zugeständnisse an die deutsche Leserschaft und das damit an den Tag gelegte mangelnde sprachliche Selbstbewusstsein des Österreichers Glattauer. Man kann mir bestimmt keinen Nationalismus nachsagen, aber dennoch meine ich, dass es auch Nicht-ÖsterreicherInnen durchaus zumutbar wäre, DAS österreichische E-Mail als das Pendant zu DER bundesdeutschen E-Mail zu identifizieren. Wenig plausibel erschien es mir, dass Leo bei einer einwöchigen Abwesenheit ' und damit E-Mail-Abstinenz, die Emmi enorm auf die Palme bringt ' keine automatische Abwesenheitsnotiz einstellt. Auch halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass zwei derart sprachgewandete Individuen unterschiedlichen Geschlechts zufällig per E-Mail aufeinander treffen, für verschwindend gering. Ansonsten gibt's an diesem rundum gelungenen Buch in meinen Augen nichts zu bemäkeln.

Ein guter Kunstgriff ist, dass bei den E-Mail nicht die Sendezeit vermerkt ist, sondern der Zeitraum, der seit dem Erhalt des vorhergegangenen Mails vergangen ist. Während das am Anfang gut und gerne ein paar Wochen sind, nimmt die Frequenz rapide zu, bis es irgendwann nur noch Sekunden sind. Als Leserin sieht man die beiden geradezu fieberhaft vor dem PC hocken in Erwartung des erlösenden Posteingangs.

Natürlich nimmt die Chose eine überraschende Wende, die ich logischerweise an dieser Stelle mitnichten verraten werde. Den Schluss fand ich sehr enttäuschend (allerdings nicht aus schriftstellerischer Sicht) ' so enttäuschend wie das reale Leben es eben auch oft ist. Ein schönes, teilweise trauriges, bedrückendes, ehrliches Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen kann.


Die Arbeit der Nacht: Roman
Die Arbeit der Nacht: Roman
von Thomas Glavinic
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 21,50

22 von 29 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen ...so klug als wie zuvor, 11. November 2006
Gleich vorweg: Ich hatte mir von diesem Roman sehr viel mehr erwartet. Dass der Stoff – Mann erwacht in einer menschenleeren Welt – nicht neu ist, stört mich nicht (gibt es denn einen Stoff, der noch nicht literarisch behandelt wurde? Ich denke nicht). Letztlich geht es um die sprachliche Umsetzung der Idee – und gerade darin liegt für mich eine Schwäche des Romans (die nicht wenigen Logikfehler machen es natürlich nicht gerade besser). Die Handlung ist angesichts des beachtlichen Erfolgs des Romans und den vielen positiven Rezensionen hinlänglich bekannt: Jonas erwacht im menschenleeren Wien und ist, soweit er das in späteren Ausflügen feststellen wird, tatsächlich allein auf der Welt.

Der erste Teil des Romans entwickelt einen wahren Sog der Beklemmung und Angst. Auf der überfüllen Einkaufsstraße drängte sich mir der Gedanke auf: Was wäre, wenn die auf einmal alle weg wären? Was für uns nicht direkt Betroffene ad hoc wie eine Befreiung klingen mag, entwickelt sich für die Hauptfigur zum Fluch. Jonas irrt umher auf der Suche nach anderen Menschen und entwickelt gleichzeitig paranoide Züge, fühlt sich ständig verfolgt. Es ereignen sich rätselhafte Dinge, bei denen nicht mal ansatzweise klar wird, was es damit auf sich hat.

Eng verbunden mit der plötzlichen Einsamkeit sind einige existentielle Fragen, zum Beispiel: Was bedeutet es, „Mensch“ zu sein? Angesichts des zunehmenden Verlusts der zivilisatorischen Fähigkeiten seiner Hauptperson – der ganz harmlos damit anfängt, dass Jonas sich die Finger am Tischtusch abwischt – und dessen langsamen Verfall in den Wahnsinn scheint die Antwort des Autors klar zu sein: Nur die Gesellschaft macht den Menschen zum Menschen. Mensch und Gesellschaft brauchen sich gegenseitig – und sei es allein auf der Ebene der Arbeitsteilung. Seine quälenden Zahnschmerzen wird Jonas mangels ärztlicher Hilfe nicht los.

Die philosophischen Reflexionen, die oft über stakkatoartige Satzfetzen nicht hinausgehen, mögen, wenn sie dem jungen Jonas in den Mund gelegt werden, zwar fortschrittlich sein (Existieren Dinge auch dann, wenn sie niemand sieht?), für einen Erwachsenen wirken sie besonders ob der gebetsmühlartigen Wiederholung und der mangelnden Vertiefung der Gedanken reichlich hanebüchen.

Nach dem fulminanten Start verliert sich der Roman in endlosen Schilderungen von Filmaufnahmen und Tagesabläufen, die sich immer wieder gleichen. Videokameras werden auf- und wieder abgebaut, eine Wohnung wird aus- und wieder eingeräumt, es geschehen zunehmend bizarre Dinge etc. Auch bei der Leserin machen sich Ermüdung und Erschöpfung breit.

Das aufschlussreiche Finale, auf das ich insgeheim gehofft hatte, findet nicht statt. Nicht mal ansatzweise. Am Schluss fährt Jonas noch in abenteuerlicher Manier mit dem Moped durch den Eurotunnel nach England auf der Suche nach seiner Freundin. Apropos:

Als ein wenig störend empfand ich die wüst romantischen und ein wenig postpubertären Reminiszenzen an ebendiese Freundin, die, wie alle anderen Menschen auch, verschwunden ist. Es liest sich so, als ob der Autor frisch verliebt wäre und seiner Freundin ein kleines literarisches Denkmal setzen wollte.

Es war beim Lesen offensichtlich, dass am Schluss keine Aliens vom Himmel schweben würden, um den ganzen Spuk aufzuklären. Und ein Paukenschlagfinale wie in einem Kitschroman wäre natürlich auch unangebracht gewesen – aber dass der Autor seine LeserInnen dermaßen in der Luft hängen lässt, fand ich sehr enttäuschend. Ich bezweifle, dass sich darin eine größere Botschaft verbirgt. Viel mehr beschlich mich der Eindruck, dass sich der Autor hier wenig elegant aus der Affäre ziehen wollte. Es bleibt das unbefriedigende Gefühl, 395 Seiten gelesen zu haben und beinahe so klug wie zuvor zu sein.
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Nov 15, 2012 5:17 PM CET


Die Schnecke: Überwiegend neurotische Geschichten
Die Schnecke: Überwiegend neurotische Geschichten
von Wolfgang Schömel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,00

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Existentielle Nöte in heiterem Gewand, 10. November 2006
13 „überwiegend neurotische Geschichten“ sind in diesem Erzählband vereint. Wobei sich erst mal die Frage aufdrängt, was genau neurotisch ist. Jemand, der seine Hosen gemäß der Hegelschen Ästhetik ordnet oder diebische Freude daran empfindet, von weitem per Funk die Autotüren auf- und wieder abzusperren? Oder einer, der im Wald seine Marihuana-Pflänzchen mit chilenischem Pinguinkot düngt? Wie dem auch sei:

Diese Geschichten kreisen um Sinn oder Sinnlosigkeit des Lebens und um existentielle Nöte, verpackt in sehr heiterem Gewand. Die Helden der Geschichten – es sind alle Männer – empfinden sich als in dieser Welt völlig deplatziert, auch wenn der eine oder andere von ihnen äußerlich angepasst ist. Zu ihren „Glanzpunkten des Daseins“ gehört zum Beispiel das Nickerchen nach dem Joggen. Sie empfinden sich selbst als „in jeder Hinsicht unzumutbar“, sie gehen in „Mission Null“ durchs Leben und es langweilt sie alles, abgesehen von sexuellen Dingen. Dem Streben nach Sex und Nähe gilt dann auch die gesamte Aufmerksamkeit, wobei die Erfolgschancen meist eher gering sind – und wenn, dann kann Mann es kaum fassen: „Unbegreiflicherweise sind wir noch immer zusammen.“

Da ist es nur konsequent, wenn die bedingungslose Begierde nach Frauen auch manchmal ins Gegenteil umschlägt. Die angesichts des ewigen Scheiterns an den Pforten der weiblichen Welt entstandenen Ressentiments äußern sich mitunter in frauenfeindlichen Anflügen: Da tummeln sich beispielsweise „Kampflesben mit Chemotherapiefrisur“ neben „schauderhaften Inkorporationen des weiblichen Prinzips“. Wobei sich der beißende Zynismus des Icherzählers durchaus auch auf den Rest der Menschheit erstreckt und nicht zuletzt gegen sich selbst richtet. Diese Selbstironie, mit der sich der Icherzähler selbst durch den Kakao zieht, ist einer der Höhepunkte der Lektüre.

Was habe ich gelacht über „Die Putzhilfe“, in der die Bemühungen um die sexuelle Zuwendung ebendieser Dame beschrieben werden. Oder über „Planet Eden“, der die Ausflüge der Hauptperson zu den Anonymen Sexsüchtigen und darüber hinaus beschreibt. Und bei „Killing me softly“ über das sexuelle Erwachen eines Aushilfs-Briefträgers, den sie „Erdbeerdingi“ nannten. Letztlich handeln alle Geschichten von mehr oder weniger auf die leichte Schulter genommenen existentiellen Nöten – weshalb sich oft ein Gefühl von Unangemessenheit einschleicht, wenn man (und natürlich frau) sich beim Lesen munter auf die Schenkel haut.

Wenn es denn mal klappt mit den Frauen und dem Sex, so kippt Letzterer oft ins Grotesk-Lächerliche und eignet sich somit nur bedingt zur längerfristigen Überwindung des Gefühls der „Existenzverschwendung“.

Während die ersten 12 Geschichten in „Die Schnecke“ oft grenzenlos witzig und gleichzeitig nachdenklich sind, ist die 13. Geschichte, „Das Wiedersehen“, von der erdrückenden Last einer Schuld geprägt und greift vor auf den danach erschienen Roman „Ohne Maria“ - übrigens einer jener Romane, die mich in den letzten Jahren am meisten berührt haben.

Übrigens: Erst einen intensiven Annäherungsversuch an die nette Zugbekanntschaft zu starten und im nächsten Moment zu vergessen, sie um ihre Telefonnummer zu bitten - das passiert in meinen Augen sowohl im echten Leben als auch in Büchern ausschließlich Männern. Ein weiterer Beweis der völlig konträren kommunikativen Welten?


Ohne Maria: Roman
Ohne Maria: Roman
von Wolfgang Schömel
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,00

6 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Schlicht und ergreifend: grandios, 9. Oktober 2006
Rezension bezieht sich auf: Ohne Maria: Roman (Gebundene Ausgabe)
Zwei Menschen, die sich beide nicht gerade bester psychischer Gesundheit erfreuen, finden mehr oder weniger zufällig – wie das Leben eben so spielt – zusammen: Christoph Madlé, der laut eigenem Bekunden auch in guten Zeiten an einer „Existenzschwäche“ leidet, und Maria Jungmann. Bei jeder außen stehenden Person würden spätestens hier die Alarmglocken schrillen: „…denn Marias Traurigkeit war auch der Spiegel meiner eigenen.“ Zwei Depressive, die nur bedingt alltagstauglich sind, unter einem Dach, vereint durch eine nicht näher definierbare Liebe? Das kann nicht gut gehen. Tut es natürlich auch nicht. Dass die Beziehung, die vorerst gar nicht so richtig in Gang kommen will, zum Scheitern verurteilt ist, ist klar – dass dieses Scheitern auf eine so folgenschwere Art und Weise erfolgt, war letztlich überraschend. Für mich persönlich wäre auch ein weniger tragischeres Ende rundum schlüssig gewesen.

Was war das Wesen dieser Beziehung? „Nein, der dramatische Verlauf meiner Zeit ohne Maria ist kein Beweis dafür, dass ich Maria ständig liebte, als sie noch bei mir war. Das Wort ‚Liebe’, ich habe es ja nicht von ungefähr bislang selten benutzt.“ Warum, fragt sich die Leserin, trauert er dieser Maria nun so endlos hinterher? Ob die Frage der Schuld – mehr sei hier nicht verraten – Grund genug dafür ist? Es hat wohl jeder am eigenen Leibe oft erlebt: die Trauer um jemanden, von dem man ad hoc nicht mal ein paar Vorzüge aufzählen könnte. Und trotzdem ist die Trauer da, unleugbar, unverwüstlich. Christoph kann sich selbst seine Abwendung von der schönen, lebensfrohen und sympathischen Ingrid und seine Zuwendung zur ungepflegten, wenig charmanten und äußerst launischen Maria nur mit der „Abwesenheit von Leid“ bei Ersterer erklären. Klingt absurd? Ist es letztlich nicht. Wie oft hat man sich im realen Leben zu den eher schwierigen, mysteriösen Charakteren hingezogen gefühlt?

Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden durch einen gebrochenen Christoph, der nunmehr „ohne Maria“ auskommen muss. Eingehend schildert er die Sitzungen bei seiner Psychoanalytikerin Dr. Morgan. Dieser Christoph Madlé ist gleichzeitig bei messerscharfem Verstand und grenzenlos naiv. Diese Dialektik auch sprachlich rüberzubringen ist eine Meisterleistung. Folgendes Zitat zum messerscharfen Verstand: „Wir fühlen, wir erinnern uns, wir klagen uns an, so, als ob wir tatsächlich die Möglichkeit gehabt hätten, uns nach damaliger Lage der Dinge richtig zu entscheiden, als ob wir im Leben nicht an metaphorischen, sondern an tatsächlichen Scheidewegen gestanden hätten, die Wegweiser getragen haben: ‚Hier geht’s zum Glück, und dort geht’s zum Verhängnis. Nun entscheide dich!“

Auch die Macht der Wörter nehmen in den Reflexionen der Hauptperson viel Raum ein: „[…] mit Wörtern kann man wohl kein Glück herstellen, das nicht vorher schon präsent war, aber man kann sehr wohl Unglück herbeireden. Die Wörter haben größere zerstörerische als aufbauende Macht.“

Ist das nicht wunderbar auf den Punkt gebracht?

Über das Glück schreibt er: „Ich empfand ‚Glück’ tatsächlich nicht präzise, oder sagen wir: stofflich, wenn es da war. Existierten solche Stunden, die sich mir, während sie verrannen, als ‚Glück’ offenbarten? Ich vermute: Nein. ‚Glück’ scheint mir eine Konstruktion zu sein, die von der Erinnerung vorgenommen wird.“

Tröstlich oder ernüchternd? In meinen Augen vor allem eins: zutreffend.

Man kann die Rahmenhandlung, in die der Autor diese völlig aussichtslose Liebesgeschichte einbettet, für etwas zu bemüht und konstruiert halten. Aber schließlich ist das Nebensache. Die erste Geige spielt die Beschreibung der Gefühlswelt, sowohl retrospektiv als auch in der Gegenwart, des Christoph Madlé.

Dieser Madlé ist eine Hauptperson, die an Introspektionsfähigkeit kaum zu überbieten ist, die jede noch so kleine Gemütsregung dreht und wendet – und das in einer wunderbar klaren, präzisen Sprache, die dennoch viel Raum für Interpretation lässt. Wer solche Bücher liebt, wird hingerissen sein. Wer eingehende Seelenschau nicht leiden kann, dem wird mit diesem Buch nicht gedient sein. Für mich ist dieses Buch genau das, was ich in der Literatur suche: eine Darstellung menschlicher Abgründe und deren möglicher Ursachen, realitätsnah erzählt und mit zahlreichen Anregungen zum Nachdenken über sich selbst im Besonderen und die Welt im Allgemeinen.

Es ist anzunehmen, dass sich zumindest Teile dieser Geschichte an reale Erlebnisse anlehnen, die dem Autor nahe genug gegangen sind, um derart einprägsam darüber zu schreiben. Dennoch – und das ist angesichts der vielen ausschließlich selbsttherapeutischen Bücher rund um gescheiterte Lieben ein enormes Plus – hatte ich beim Lesen nicht den Eindruck, in eine Intimität vorzudringen, die nicht für mich bestimmt war und die für mich nicht relevant ist oder sein kann. Ganz im Gegenteil: Das Eintauchen in eine fremde Lebens- und Leidenswelt, die tröstlich und deprimierend zugleich ist, habe ich als sehr bereichernd empfunden. Ein Anwärter auf das Buch des Jahres!


Duden Korrektor Die Rechtschreibprüfung für Microsoft Office und Works Version 3.51
Duden Korrektor Die Rechtschreibprüfung für Microsoft Office und Works Version 3.51

17 von 18 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Neue Rechtschreibung besonders schwer gemacht, 7. Oktober 2006
Seit 1. August ist sie ein für allemal amtlich: die neue deutsche Rechtschreibung. Ungeachtet dessen, was man persönlich davon hält, ist es für SprachexpertInnen wichtig, bei sprachlichen Entwicklungen aller Art auf der Höhe der Zeit zu sein – was in diesem Fall bedeutet, die neue deutsche Rechtschreibung konsequent umzusetzen. Auch wenn bisher viele Jahre Zeit waren, sich an die Änderungen zu gewöhnen, so hat die Reform der Reform nun weitere Änderungen, zum Glück in bescheidenem Umfang, mit sich gebracht. Einige Regelungen, vor allem bei der Zusammen- und Getrenntschreibung und der Groß- und Kleinschreibung, wurden gelockert und die „Wahlfreiheit“ eingeführt.

Um die erwähnte konsequente Umsetzung der neuen Rechtschreibung ohne permanentes Nachblättern in der neuesten 24. Ausgabe des Duden - sei es in Papierform oder in elektronischer Form - zu bewältigen, bietet der Duden-Verlag den „Duden Korrektor“ an. Es handelt sich dabei um eine Software, die im Gegensatz zur bestenfalls ansatzweise brauchbaren Word-Rechtschreibprüfung laut Beschreibung des Herstellers ein hochleistungsfähiges Tool darstellt. So weit die Theorie. Denn: Sobald der Duden Korrektor installiert ist – er findet sich nach erfolgreicher Installation in der Symbolleiste am oberen Rand des Bildschirms wieder – streiken ausnahmslos alle Systeme. Leider konnte ich die Software kein einziges Mal einsetzen, da sie meine gesamte IT-Infrastruktur lahm legt (wobei ich mit 1 GB einen nicht unbeträchtlichen Arbeitsspeicher habe). Bereits nach kurzer Recherche im Internet konnte ich in Erfahrung bringen, dass diese Probleme mitnichten von der Anwenderin verursacht wurden, sondern in der Software selbst liegen. Anscheinend ist hier ein technisch unausgereiftes Produkt auf den Markt geworfen worden. Der praktische Nutzen des Duden Korrektors ist folglich null. Nach mehrmaligem „Aufhängen“ meines PCs musste ich die Software wieder deinstallieren. Dem nicht genug: Die Installation und Deinstallation dieser Software hat zu Problemen mit anderen, bisher reibungslos laufenden Programmen geführt, was nochmals viele Stunden Ärgernis mit sich brachte.

Trotz aller Sympathien für den Duden im Allgemeinen und die Leistungen der Duden-Redaktion im Besonderen rate ich dringend von der Anschaffung dieser Software ab. Meine schriftliche Beanstandung und Forderung nach Retournierung des bezahlten Betrags blieben übrigens seitens des Verlags unbeantwortet.


Pink Moon: Roman
Pink Moon: Roman
von Frank Goosen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Weltschmerz, Melancholie und feiner Witz, 17. August 2006
Rezension bezieht sich auf: Pink Moon: Roman (Gebundene Ausgabe)
Dieser Roman von Frank Goosen ist eine durchaus „runde“ Sache: Hauptperson Felix, dessen Name alles andere als Programm ist, lässt sich ziel- und planlos durchs Leben treiben. Ursache dafür sind, zumindest vordergründig, die vaterlose Kindheit und der von der Mutter vorgeschützte Tod des Vaters. Jahre später glaubt Felix, seinen Vater zufällig auf der Straße zu erkennen – hier setzt der Roman ein. Dass diese Begegnung nicht die gewünschten Früchte trägt, ist unschwer zu erraten. Vielleicht haben Felix’ Deplatziertheit in der Welt, seine träge Melancholie, seine stumme Trauer auch ganz andere Gründe und der fehlende Vater bietet dafür nur ein willkommenes Erklärungsmuster. In diesem Sinne könnte man Felix als Repräsentanten der heutigen Überdrussgeneration sehen, die, zwischen LebensabschnittpartnerIn und Teilzeitjob keine Ahnung hat, wohin der Weg gehen soll, weil nichts greifbar, alles prekär und vage ist. Felix jedenfalls scheint es egal zu sein, wohin sein Weg führt. In jüngeren Jahren in Berlin begegnete ihm eine Frau, die alles nur noch schlimmer machte, von der er aber nie so richtig loskommen konnte. Generell passieren ihm die Dinge zumeist ohne Zutun – wobei er sich als Eigentümer eines Restaurants im Gegensatz zur „Generation Praktikum“ zumindest in einer gesicherten finanziellen Situation befindet. Sein Leben wird bevölkert von eigenartigen Personen – Mutter, Nachbar, Ex-Freundin, Tennispartner – die zwar alle knapp an der Glaubwürdigkeitsgrenze schrammen, das Gesamtbild aber in sich schlüssig bleibt. Felix scheint sich selbst nicht zu verstehen – ist er nun hetero, schwul, bi? Jedenfalls hat er mal mit Männern, mal mit Frauen zusammengelebt und sein sexuelles Erwachen mit Männern erlebt. Je nachdem, was gerade opportun erscheint, ist er wahlweise hetero oder schwul. Sowohl Männer als auch Frauen scheinen ihn in ihren Verhaltensweisen vor große Rätsel zu stellen. Besonders gut gelungen sind Goosen jene Passagen, in denen Felix der weiblichen Koketterie und Schulmeisterei völlig hilf- und sprachlos gegenübersteht: „Darauf sagte ich erstmal nichts, und ich hatte den Eindruck, sie erwartete, dass ich etwas sagte, ich wusste nur nicht, was. Ich dachte nach. Es gab mehrere Möglichkeiten. Ich kam nicht drauf, welche die richtige war.“

Was antwortet man einer Frau, die sagt: „Offen gesagt, verspüre ich eine gewisse Neigung, den Abend mit dir zu verbringen“?

Ganz klar, man ignoriert die dämliche Formulierung, hält die Klappe und kommt mit. Auch wenn der Abend letztlich ganz anders verläuft als geplant.

Evelyn, die toughe Fotografin und Felix, der Zauderer, tasten sich aneinander heran. Das vorläufige Ende des Ganzen, in zugegebenerweise nicht untypischer weiblicher Abgehobenheit und Selbstverliebtheit: „Zieh mal ein paar Dinge klar in deinem Leben, und dann ruf mich an. Du wirst nicht jünger, also kannst du genauso gut endlich erwachsen werden. Du kannst sagen, das geht mich alles nichts an, aber so ist das.“

„Irgendwann legten wir auf“, heißt es da, völlig schlüssig, ein paar Zeilen weiter unten.

Ein wenig altklug sind im Gegensatz dazu die Dialoge aus Felix’ Kindheit geraten, in denen der junge Icherzähler seiner Mutter emotional und gelegentlich auch intellektuell überlegen dargestellt wird.

Das sprachliche Highlight des Buches ist für mich die Beschreibung eines Abendessens bei Evelyns Schwester und deren Familie, wo sich hinter der Familienidylle mit großem Haus, teurem Geschirr und edlen Möbeln wahre Abgründe auftun, die Goosen geschickt nur andeutet und nie ausspricht. Schaurig schön zu lesen. Länger darüber nachdenken – lieber nicht!

Gelegentlich ergeht sich Goosen in zu detaillierten Beschreibungen von Orten und Räumen, während sich seine bekleidungstechnischen Beschreibungen oft darauf beschränken, zu erwähnen, dass er oder sie einen „Jeansanzug“ trägt. Keine Ahnung, was das genau ist – aber in „Pink Moon“ scheint es das angesagteste Kleidungsstück zu sein.

Insgesamt ein formal ambitioniertes und gleichzeitig sehr flüssig zu lesendes Buch, das mich durch die Mischung aus feinem Witz, Melancholie, Weltschmerz und scharfen Beobachtungen auf der ganzen Linie überzeugt hat.


Solange es schön ist: Roman
Solange es schön ist: Roman
von Magdalena Sadlon
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 14,90

3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ansprechende Prosaminiatur, 27. Juli 2006
Gerade mal 110 Seiten hat dieses Buch, vielleicht zu kurz, um als 'Roman' bezeichnet zu werden. Ungeachtet der Etikettierung ist Magdalena Sadlon hier eine schöne Prosaminiatur gelungen. Wo andere sich über hunderte Seiten ausbreiten würden, versteht Sadlon die Kunst der Verknappung. Ihre Hauptperson Johanna lebt ein nur beruflich halbwegs stabiles Leben, ansonsten trifft sie den Zeitgeist haargenau: hin- und hergerissen zwischen Lebensabschnittspartnern, schwierigen familiären Verhältnissen und einer großen Portion Zynismus, hinter der sie ihre Orientierungslosigkeit und ihr Bedürfnis nach echter Nähe und Geborgenheit notdürftig verbirgt. '"Sie bemitleidete sich ein wenig, denn wenn es eine Begabung zum Glück gab, eine Veranlagung zum Glücklichsein, dann gehörte sie zu den Unbegabten, konstatierte sie'", heißt es da eingangs.

Johanna wohnt in einem vielleicht typisch österreichischen Mietshaus, in dem weder der Hausmeister noch die neugierige Nachbarin fehlen. Es ist völlig OK, dass diese beiden alle Klischees treffen '- wer ist solchen 'Originalen' nicht schon mal persönlich begegnet? Johanna tröstet sich mit ihrem Nachbarn Gregor über ihren Exfreund Richard hinweg. Pikanterweise hat auch die Schwester von Richard eine Affäre mit dem (nur oberflächlich?) abgebrühten Lebemann, der auf Johannas Frage, was sie denn verbinde, sagt: "Leidenschaft. Ist das nicht genug? Leidenschaft ist ansteckend, Liebe ist vergänglich."' Und weiter: '"Es dreht sich nur um die Illusionsbildung der Liebe, die sich über das Reale hinwegsetzt. Und ich, mein Schatz, brauche für diesen kurzen Selbstbetrug nicht noch jemanden zweiten. Das wäre mir zu anstrengend."' So spricht der abgeklärte einsame Wolf vom '"Zusammengehörigkeitswahn'" und hat vielleicht gar nicht so Unrecht.

Johanna kommt nicht recht klar mit ihrem Leben, ihren Gefühlen und ihren Grübeleien über Gott und die Welt. Schließlich sucht sie einen Psychologen auf. Die kurzen Gespräche mit ihm kommen allerdings allzu stereotypisch daher und haben in meinen Augen wenig Bezug zu einer echten Therapiesitzung. Sehr gut beobachtet und seziert Sadlon wiederum das ewig schwierige, ja vielleicht letztlich unmögliche Verständnis zwischen Mann und Frau.

Gemein ist allen Figuren in Sadlons Buch eine sehr schlagfertige Ader, die sich oft in etwas überzogenen pointierten Wortgefechten äußert, worunter die Glaubwürdigkeit der Figuren ein wenig leidet. Abgesehen von minimalen sprachlichen Missgeschicken wie z.B. "'Sie warf die Tür lustvoll zu"' hat mich dieser Text stilistisch ob seiner Knappheit und Pointiertheit überzeugt. Der drastische Schluss ist überraschend angesichts des eher gemächlichen Tempos.

Ein großer Minuspunkt ist, wie bei so vielen anderen Romanen auch, die konsequente Ignorierung der neuen deutschen Rechtschreibung, die 1998 erstmals eingeführt wurde. Da mir niemand weismachen kann, dass die Rechtschreibreform den eigenen Stil bis zur Unkenntlichkeit deformieren würde und deshalb missachtet werden muss, kann ich über die Gründe dieser Schreibweise nur rätseln.


Paul Beers Beweis: Roman
Paul Beers Beweis: Roman
von Clemens Berger
  Gebundene Ausgabe

4.0 von 5 Sternen Überzeugendes Romandebüt, 12. Juli 2006
Rezension bezieht sich auf: Paul Beers Beweis: Roman (Gebundene Ausgabe)
Erstaunlich, dass hier ein Schriftsteller am Werk ist, der seinen 30. Geburtstag noch vor sich hat. Clemens Berger erzählt überzeugend die Geschichte eines Mannes, der älter ist als er selbst, dessen Identitätskrise und dessen Versuch der Neufindung. Der Roman beinhaltet allerlei literarische Kunstgriffe wie zahlreiche Rückblenden und erzählt die Geschichte des Burgenländers Josef Kelemen, der nach dem, wie die Leserin erst im letzten Teil des Buches erfährt, tragisch-skurrilen Tod seiner Frau nach Wien zieht und sich neu erfindet. Aus dem Setzer Josef Kelemen wird der arbeitslose Fußballfan Josef Schwarz, der seine Tage in einem nicht unbedingt angesagten Beisl verbringt. Wie es der Zufall so will, begegnet er dem Intellektuellen Paul Beer, der von der für ihn völlig fremden Welt aus Fußball und Umschulungskursen fasziniert scheint und sich irgendwo eine Hoffnung, seinem eigenen Leben Sinn abzugewinnen, verspricht. Daher wohl auch der Titel, 'Paul Beers Beweis'. Für mich blieben letztlich ein paar Fäden unverknüpft und nicht ganz klar, worin konkret dieser Beweis besteht. Das vermag aber nur am Rande zu stören. Und da ist dann noch die Antiquarin Ursula Steiner, mit der sich Paul Beer intellektuelle und manchmal etwas überzeichnete geistige Wortgefechte liefert. Paul Beer trägt die Geschichte Josef Kelemens in die heimelige Atmosphäre des Antiquariats. Mit dessen zweifelsohne sehr aparten Inhaberin bahnt sich, ganz leise, die Möglichkeit einer Liebesgeschichte an: '"Sie mochte den gutgelaunten Paul Beer, der sie immer mehr an jemanden erinnerte, den sie mehr als gemocht hatte. Der auch Geschichten erzählt hatte, um gemocht zu werden.'" Dass ein junger Autor die Tollpatschigkeit, die ein älterer Herr in Liebessachen an den Tag legt, glaubhaft erzählen kann, bezeugt die Alterunabhängigkeit dieser Problematik.

Persönlich hoffe ich, dass Clemens Berger bei seinem nächsten Werk die merkwürdige Mischung aus alter und neuer Rechtschreibung ad acta legt. Es ist nicht anzunehmen, dass ebendiese Mischung untrennbar mit seinem Erzählstil verbunden ist. Insgesamt ein gelungener Debütroman eines viel versprechenden Erzählers, der hoffentlich auch in Zukunft von sich reden oder besser gesagt: lesen machen wird.


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