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Rezensionen verfasst von
M. Heider "Herakleitos"
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Der Weg zu den weißen Wolken - Geschichten aus dem Gelehrtenwald (2 Bände)
Der Weg zu den weißen Wolken - Geschichten aus dem Gelehrtenwald (2 Bände)
von Wu Jingzi
  Gebundene Ausgabe

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Satirisches Sittenbild, 5. Juli 2010
Wu Jingzi, selbst der chinesischen Gelehrtenschicht entstammend, hat diese Satire auf die chinesische Oberschicht des 18. Jh. und ihr hinter heuchlerischen Ansprüchen auf Gelehrsamkeit, Kultur und Moral verborgenes skrupelloses Gieren nach Erfolg, Reichtum und Rang um 1750 fertig gestellt. Der umfangreiche Roman hat weder eine durchgehende Handlung, noch einen zentralen Protagonisten, die Kapitel sind episodenhaft, verbunden jeweils durch in mehren Episoden figurierende Charaktere und vereint durch das Thema der satirischen Kritik. Dabei entsteht ein reiches, anschauliches und plastisches Bild des Lebens der alten chinesischen Oberschicht, was heute vielleicht der größte Nutzen für den modernen Leser ist - allerdings hat auch die Kritik an dem hinter hochfliegenden Ansprüchen getarnten Streben nach gesellschaftlichem Erfolg um jeden Preis auch heute und im Westen ihre Gültigkeit, wenn auch natürlich in weniger unmittelbarer Form.

Die Freude an dem Buch wäre ungetrübt, wenn der Verlag daran gedacht hätte, ihm ein kurzes Verzeichnis der handelnden Personen beizugeben. Der chinesische Roman hat eine Freude daran, viele Dutzend handelnde Personen zu verwenden, was in diesem Fall besonders verwirrend ist, da sich die Protagonisten ähneln (Gelehrte verschiedener Couleur) und manche von ihnen in ein oder zwei Kapiteln eingeführt werden um dann zu verschwinden und Hunderte Seiten später wieder aufzutauchen; die dem westlichen Leser meist unvertrauten und sich überdies mitunter ähnelnden chinesischen Namen machen es hier nicht leicht, sich der Personen zu entsinnen, und ein Register wäre hier ein Segen gewesen. Für diesen Mangel der Ausgabe und nicht des Romans an sich ziehe ich einen Stern vom möglichen Maximum ab.

Dennoch ist dieses Buch allen auch nur peripher am alten China oder der einer Kritik an heuchlerischen Ansprüchen auf hohe Kultur Interessierten wärmstens zu empfehlen. Wer überdies kein Problem mit chinesischen Namen hat, dürfte sein Lesevergnügen vollkommen ungetrübt finden.


Alltag auf arabisch. Nahaufnahmen von Kairo bis Bagdad
Alltag auf arabisch. Nahaufnahmen von Kairo bis Bagdad
von Karim El- Gawhary
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,90

5 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Politischer Alltag auf Arabisch, 3. Juli 2010
Vorweg sei kurz bemerkt, dass das vorliegende Buch in einem für literarisch tätige Journalisten typischen Stil geschrieben ist. Manche mögen sich bei einem Sachbuch daran nicht stören, ich kann einen solchen Stil, der selbst geringe literarische Ansprüche entweder gänzlich entbehrt oder dort, wo er sie erhebt, bestenfalls gezwungen und hölzern ist, aber für jedes Buch, das außer reinem Informations- auch zumindest eine Spur von Unterhaltungscharakter haben will, nicht akzeptieren. Dafür, dass man dem Buch die Mühe, mehr als bloße journalistische Informationsvermittlung sein zu wollen, stilistisch ständig schmerzhaft anmerkt, verliert es einen "Stern" vom möglichen Maximum.

Der Verfasser ist ohne jeden Zweifel ein exzellenter Kenner der okzidentalen wie der orientalischen Welt und damit bestens gerüstet, dem Abendländer Einblick in die Lebenswelten der arabischen Welt zu geben - und es gelingt ihm auch ganz vorzüglich. Inhaltlich wird das Buch seinem selbst gestellten Anspruch, den Alltag der einfachen Menschen im Nahen Osten plastisch vor Augen zu führen, also völlig gerecht.

Allerdings sollte der potentielle Leser informiert werden, dass dieses Buch ein eminent politisches ist - wie Herr El-Gawhary in seinem Vorwort auch ausdrücklich betont und wie beim Nahen Osten auch kaum anders vorstellbar. Positiv ist dabei auf jeden Fall zu vermerken, dass der Verfasser schlicht berichtet und für Zusammenhänge sensibilisiert, dabei aber niemals penetrant den mahnenden Zeigefinger hebt oder urteilt; sehr sympathisch. Allerdings erscheint mir der Raum, der durchaus wichtigen politischen Themen wie dem Versagen der Rechtsstaatlichkeit, der Korruption, dem Fundamentalismus, der Beziehung zum Westen und der Stellung der Frau eingeräumt wird, in einem Buch, das eigentlich den Alltag im Nahen Osten näher bringen möchte, deutlich übertrieben. Keine Beschreibung irgend eines Aspektes des arabischen Alltagslebens, nicht einmal so peripher politischer Dinge wie Sport und Auto Fahren, bei der Herr El-Gawhary nicht mindestens die Hälfte des Raumes dem Einfluss politischer Faktoren auf diesen Aspekt widmet. Er tut dies zwar mit unbestrittener Kennerschaft, doch scheint mir höchst fraglich, ob Politik für den einzelnen in selbst den unpolitischsten Bereichen seines Alltag tatsächlich den Raum einnimmt, die sie in dem Buch erhält. Hier scheint mir das Buch sein Thema, den Alltag in der arabischen Welt aufzuzeigen etwas zu verfehlen - es zeigt nicht schlicht den Alltag, sondern eben den politischen Alltag. Dass der Leser vor dem Kauf weder durch Titel noch Text auf dem Rückumschlag auf diese einseitige Gewichtung durch den Autor aufmerksam gemacht wird, kostet dem Buch einen weiteren "Stern" Abzug vom möglichen Maximum.


The City & The City
The City & The City
von China Mieville
  Taschenbuch

4 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Intelligente Kriminal-Parabel mit fantastischen (?) Elementen, 28. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: The City & The City (Taschenbuch)
Das Buch ist schwer zu rezensieren, ohne zu viel von der Handlung und auch der Genialität des Settings zu verraten.

The City & the City spielt in einer erfundenen kontemporären osteuropäischen Stadt, und zwar einer politisch geteilten Stadt, die in zwei strikt getrennten Staaten zerfällt. Die fantastische Art, wie diese Trennung praktisch existiert, ist wieder ein leuchtendes Beispiel für Miévilles fast geniale Kreativität und Intelligenz. Die Trennung lässt sich jedenfalls als Gleichnis auf die menschliche selektive Wahrnehmung lesen - mehr kann hier nicht gesagt werden, ohne dem Leser das Vergnügen zu nehmen, die Art der politischen Teilung der Stadt durch die Lektüre selbst allmählich kennenzulernen.

Protagonist und Ich-Erzähler des Romans ist Inspektor Borlú, der im Mordfall einer Frau ermittelt, welcher bald politische Dimensionen anzunehmen scheint und einerseits auf eine Gruppe verborgener Meister, die sich zwischen den Hälften der Stadt bewegen und beide kontrollieren, verweist, und andererseits auf Extremisten der Wiedervereinigung wie der strikten Trennung der beiden Staatengebilde. Seine Ermittlungen führen Borlú in die andere Hälfte der Stadt und letztlich in die verborgene Welt zwischen den Städten.

Ein hochintelligentes, teils parabelhaftes und höchst empfehlenswertes Buch, ganz besonders, aber keineswegs nur, für Freunde von Kriminalfällen und geheimen Verschwörungen durchzogen vom Verdacht des Übernatürlichen.


Chinesische Geistergeschichten
Chinesische Geistergeschichten
von Rainer Schwarz
  Taschenbuch

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Berichte mit geringem Unterhaltungswert, 28. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Chinesische Geistergeschichten (Taschenbuch)
Es handelt sich hier um eine mit ganz geringer Kommentierung versehene Übersetzung einer chinesischen Originalanthologie aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Fast alle Geschichten bewegen sich in der Länge um zwei Seiten.

Die kurzen Erzählungen erlauben einen Einblick in die alten chinesischen Jenseitsvorstellungen, in den Aberglauben und auch ein wenig in das Alltagsleben. Wollte man das Buch aber in erster Linie aus dem Grund des Erkenntnisgewinns zu diesen Themen lesen, so sind Kommentierung und Nachwort jedoch viel zu dürftig.

Allerdings will diese Ausgabe sichtlich auch keine Einführung in diese Themenkomplexe sein, da sie ja wenig begleitende Erläuterung bietet, sondern in erster Linie unterhalten. Dieser Anspruch ist jedoch problematisch. Die gesammelten Erzählungen sind viel eher Berichte von unheimlichen Vorfällen als Geschichten über sie - das heißt, sie entbehren eines für Geschichten typischen Aufbaus mit Spannungsbogen und Auflösung der Spannung. Zu Beginn sind diese Berichte allein wegen des chinesischen Kolorits interessant zu lesen, diese Novität verflacht jedoch aufgrund der Ähnlichkeit der behandelten Vorfälle und des Fehlens von Spannungsbögen sehr rasch. Das Buch hat somit einen eher geringen Unterhaltungswert.


Caligula: Eine Biographie
Caligula: Eine Biographie
von Aloys Winterling
  Gebundene Ausgabe

4 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
1.0 von 5 Sternen Irreführende Fehlinterpretation, 13. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Caligula: Eine Biographie (Gebundene Ausgabe)
Aloys Winterling ist ein hoch renommierter Gelehrter, aber seine in dieser Monographie vorgelegte Interpretation Caligulas ist nach einiger Diskussion von der Fachwelt rundheraus abgelehnt worden und hat nicht geringes Befremden ausgelöst.

Die Gründe für das mehr als exzentrische Verhalten Caligulas werden noch immer diskutiert, aber Winterlings radikale Neuinterpretation dieser Exzentrizität als konsequent verfolgte Politik der tätigen und ironischen Kritik vor allem des kaiserzeitlichen Senatorenstandes kann nicht als konstruktiver oder gar nur möglicher Lösungsvorschlag betrachtet werden. Er ist nicht nur in sich selbst teilweise unstimmig sonder stimmt in einigen Punkten, deren Winterling sich bewusst ist, die er aber vergeblich wegzudiskutieren sucht, auch nicht mit den überlieferten Fakten überein. Der Autor dürfte sich bei seiner Forschung zu Caligula in seine eigene ursprüngliche Arbeitshypothese verliebt haben - und Liebe macht bekanntlich blind; in diesem Fall für alle widersprechende Evidenz.

Das Buch ist in gefälligem Stil geschrieben, nicht zu gelehrt, um nicht auch vom Laien mit etwas Vorwissen zur römischen Geschichte gut verfolgt werden zu können, und es zeichnet den Lebensweg Caligulas faktisch fehlerfrei und mit einigen durchaus interessanten und intelligenten Interpretationen kleinerer Ereignisse im Werden dieses Prinzeps nach. Dies kann jedoch nicht aufwiegen, dass seine Hauptthese völlig verfehlt und unhaltbar ist, und hier, in ihrer vordergründig völlig überzeugenden Präsentation, liegt die Gefahr des Buches. Wer nicht über das Vorwissen des Fachmannes verfügt, wird von Winterling zwangsläufig überzeugt werden und aus der Lektüre des Werkes ein Bild von der noch immer rätselhaften Persönlichkeit Caligulas gewinnen, das sich einfach nicht mit den bekannten Fakten vereinen lässt.
Kommentar Kommentare (4) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 2, 2013 6:58 PM CET


Augustus: Prinzeps und Monarch
Augustus: Prinzeps und Monarch
von Dietmar Kienast
  Gebundene Ausgabe

8 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Standardwerk zu Augustus - für Leser mit Vorkenntnissen, 13. Mai 2010
Dietmar Kienasts Monographie zu Augustus gilt in Fachkreisen als eines der absoluten Standardwerke zu diesem Prinzeps - und völlig zu Recht. Es ist ein hochgelehrtes Buch, in dem zuerst auf etwa 300 Seiten Augustus' Biographie minutiös und detailreich nachgezeichnet wird, während die folgenden 200 Seiten übergreifend wichtigen Einzelaspekten wie z. B. der Außen- und Baupolitik gewidmet sind. Eine erschöpfende, nach Sachgebieten gegliederte wissenschaftliche Bibliographie von etwa 50 Seiten Umfang sowie ein exzellentes Glossar runden das Buch ab.

Man wird dieses Buch sicher bis zum Niveau eines Doktoranden der Alten Geschichte mit großem Erkenntnisgewinn lesen, und auch darüber hinaus bleibt es dem wissenschaftlich Tätigen ein wertvolles Referenzwerk, zu dem er immer wieder zurückkehren wird. Allerdings ist das Buch eben ein wissenschaftliches Werk, geschrieben von einem Wissenschafter für andere Wissenschafter. Als solches macht es sich nicht nur keine Mühe, die häufigen lateinischen und altgriechischen Zitate zu übersetzen, es setzt zum vollen Verständnis vom Leser auch eine solide Kenntnis politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse der ausgehenden römischen Republik voraus. Wer dieses Vorwissen mitbringt und überdies nicht glaubt, dieses Buch beiläufig lesen zu können, sondern sich ernsthaft mit der Gestalt des Augustus auseinandersetzen will, wird aus ihm eine Überfülle an Wissen gewinnen können. Weniger tiefgehend Interessierte und Vorgebildete, für die dieses Buch auch nicht geschrieben ist, werden aus simpler gehaltenen Werken wie etwa Yavetz größeren Gewinn ziehen.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 7, 2012 10:40 PM CET


Frühling im Jadehaus: Klassische chinesische Gedichte
Frühling im Jadehaus: Klassische chinesische Gedichte
von Mingxiang Chen
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 5,00

10 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Gute Gedichtauswahl gefällig übersetzt, 10. Mai 2010
Für einen Band mit klassischer chinesischer Lyrik kann die vorliegende Auswahl als gelungen bezeichnet werden, da sie den Schwerpunkt auf die Tang und Song Dynastien legt, die gemeinhin als Hochblüten der Klassik gelten.

Nur etwa knapp die Hälfte der Gedichte ist kommentiert, und dann nur in einem Umfang von wenigen Zeilen. Diese Kommentierung reicht allerdings völlig aus, um die Gedichte verstehen und wertschätzen zu können. Dies mag manchen zu wenig scheinen, ich erachte es jedoch als Vorteil, da das Buch somit voll des Wesentlichen ist - der Gedichte selbst.

Besonders lobend ist hervorzuheben, dass einige Gedichte zweifach vorliegen, nämlich zusätzlich in einer rein wörtlichen Übersetzung. Dies bringt einen doppelten Gewinn. Zum einen vermittelt es dem Anfänger auf dem Gebiet einen Eindruck vom Aufbau chinesischer Gedichte, in denen ja mangels sprachlicher Flexionsmöglichkeit Ausdrücke wie Pinselstriche geradezu malerisch nebeneinander gesetzt sind und die Verbindung zu einem Gesamtbild somit dem Leser obliegt. Zum anderen erlaubt die Gegenüberstellung der wörtlichen Übersetzung mit der eigentlichen Übertragung eine Beurteilung, wie nahe letztere am chinesischen Vorbild orientiert ist oder wie weit sie freiere Nachdichtung ist.

Hier kann man der Übersetzerin zugute halten, dass ihre Übertragungen den Vorbildern sehr getreu zu sein scheinen, es ihr aber dennoch gelungen ist, sprachlich gekonnte und teils metrische Gedichte zustande zu bringen, eben wirklich lyrische Übertragungen.

Das vorliegende Werk ist eine der am angenehmsten zu lesenden Übertragungen klassischer chinesischer Gedichte ins Deutsche, die ich kenne und ist als solche höchst empfehlenswert. Wer allerdings erschöpfende Kommentierung oder begleitende literaturwissenschaftliche Essays erwartet, wird hier nicht fündig werden.


Kein Titel verfügbar

11 von 20 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Tolstois schwächstes Werk, 9. Mai 2010
Es sei vorausgeschickt, dass ich alles von Tolstoi gelesen habe und dass er zu meinen fünf bevorzugten Autoren zählt; er war ein ganz überragender Meister.

Dennoch stehe ich diesem Werk kritisch gegenüber. Dies liegt nicht an Stil, Charakterzeichnung oder Handlung, sondern einzig und allein daran, dass Tolstoi hier sein großes Talent ganz und gar in den Dienst einer christlichen Propaganda stellt. Nun ist es an sich gewiss nicht zu verurteilen, wenn ein Autor mit Nachdruck eine Botschaft verkünden will, und auch die Tatsache, dass es eine christliche ist, ist einzig Sache der persönlichen Neigung des Lesers - ich selbst finde dieses Thema etwa durchaus interessant - und nicht der literarischen Kritik. Diese richtet sich beim gegenständlichen Buch einzig auf die Ausführung der Propaganda, nicht gegen sie selbst oder ihren Gegenstand.

Tolstoi schildert die Einkehr, Läuterung und letzten Endes moralische Auferstehung und Rückkehr zum Glauben des Protagonisten mit einem für sein sonstiges Talent geradezu frappierenden Mangel an Finesse. Das gesamte Buch ist so vordergründig auf das exemplarische Transportieren einer Aussage gerichtet, dass sich diese Botschaft eben immer ganz penetrant auffällig in den Vordergrund drängt, statt unaufdringlich aber dennoch deutlich mitzuschwingen, wie Tolstoi es sonst so meisterlich vermag. Die bewusste Intention des Autors steht dem Leser hier einfach zu jedem Zeitpunkt zu klar sichtbar und irritierend plakativ vor Augen und kann kaum je für auch nur einen Moment vergessen oder auch nur in die bloß halb bewusste Wahrnehmung verdrängt werden. Dabei muss noch einmal betont werden, dass nicht das christliche Moralisieren des Buches Gegenstand meiner Kritik ist, sondern der für Tolstoi geradezu unfassbare Mangel an Subtilität in seiner Vermittlung. Ein Leser mit ganz außerordentlich betonten christlichen Sympathien mag das reichlich unsubtile Predigen dieses Werkes möglicherweise als ansprechend empfinden, aber für mich ist es aufgrund der Plumpheit - ich kann es nicht anders nennen - der Umsetzung eindeutig Tolstois schwächstes Werk.

Allerdings erscheint die Bewertung mit nur drei Sternen in Anbetracht der hohen literarischen Qualität selbst trotz der zuvor vorgebrachten Kritik lachhaft niedrig. Ich messe mit dieser mäßigen Bewertung daher Tolstoi nicht an anderen Autoren, sondern an ihm selbst. Er bleibt hier weit hinter sich selbst zurück und das Buch sei nur jenen empfohlen, die sich explizit für die Thematik der moralischen Läuterung und Rückkehr zum Glauben interessieren oder die Tolstois gesamtes Werk kennen lernen möchten.
Kommentar Kommentare (5) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 19, 2010 8:29 AM CET


Liebesgedichte (Insel Bücherei)
Liebesgedichte (Insel Bücherei)
von Hafis
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 13,95

7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Sprachlich schöne, aber zu getreue Übersetzung, 9. Mai 2010
Die nachstehende Rezension maßt sich nicht an, die Qualität der Dichtung Hafis' zu beurteilen, sondern beschränkt sich auf die Qualität der Übersetzung, und hier mangels Kenntnisse des Persischen durch Vergleich zu anderen Übersetzungen dieser Gedichte auf die Beurteilung ihrer Effektivität als Lyrik im Deutschen.

Jeder weiß, dass die Übersetzung von Lyrik immer höchst problematisch ist, ein im Grunde genommen unmöglicher Balanceakt zwischen Meter, Reim, Wortgetreue und Lautmalerei. Die von Cyrus Atabay vorgelegte Übersetzung scheint sich eng am persischen Original zu orientieren, das heißt, dass sie großen Wert auf getreue und behutsame Übersetzung der Worte und möglicherweise - dies entzieht sich allerdings völlig meiner Kenntnis - auf lautmalerische Effekte legt. Reim und Versmaß müssen dahinter zurückstehen, das Resultat ist somit ein sehr modernes, vergleichbar mit zeitgenössischer freier Dichtung.

Wie man zu diesem Resultat steht ist letzten Endes eine Frage des persönlichen Geschmacks, erscheint mir aber insofern nicht ganz glücklich, dass in der vorliegenden Übersetzung der im Original vorhandene, in einem altmodischen Sinn lyrische Charakter von Hafis Gedichten verloren geht. Will man Hafis aber zum Genuss lesen und nicht studieren, ist eine freiere, weniger wortgetreue, dafür aber lyrischere Übersetzung meines Erachtens vorzuziehen; über Atabays Übersetzung allein dürfte sich der Zauber Hafis nicht jedem Leser erschließen.

Dieses Buch sei daher in seiner behutsamen und mit viel Sprachgefühl vorgenommenen Wortwahl jenen empfohlen, die Hafis bereits kennen und schätzen und über eine eng am Original orientierte Übersetzung tiefer in ihn eindringen wollen; ihnen wird es, speziell im Vergleichen von Übersetzungen, exzellente Dienste leisten. Wer allerdings gerade erst beginnt, Hafis zu lesen, sollte diese metrisch freie Übersetzung meines Erachtens aber eher meiden.

Lobend erwähnt sei noch die sehr schöne Ausstattung des Buches mit persischen Miniaturen.


Vorsokratiker
Vorsokratiker
von Christof Rapp
  Taschenbuch
Preis: EUR 14,90

12 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Exzellente anspruchsvolle Einführung, 9. Mai 2010
Rezension bezieht sich auf: Vorsokratiker (Taschenbuch)
Eine exzellente und in die Tiefe gehende Einführung in die Vorsokratiker, etwa von dem Niveau, das man von einer universitären philosophischen Lehrveranstaltung zu diesem Spezialthema erwarten dürfte. Dies bedeutet, dass ein wirklich detaillierter und facettenreicher Überblick geboten wird, der beim Lesen daher zwar Konzentration und Mitdenken erfordert, aber trotzdem noch ohne philosophische Vorbildung bewältigbar ist.

Die einzelnen vorsokratischen Philosophen, fast immer nur fragmentarisch und überdies indirekt überliefert, werden einzeln behandelt, und, was besonders wertvoll ist, die verschiedenen Interpretationsmöglichkeiten ihrer oft unklar scheinenden Lehrmeinungen einzeln dargelegt und in ihren Implikationen analysiert und diskutiert. Durch diese gründliche Diskussion erwächst im mitdenkenden Leser ein echtes Verständnis für die verschiedenen vorsokratischen Lehren, und er erhält zudem einen ersten groben Eindruck vom Stand der modernen Forschung zu ihnen.

Wer nur an einer reinen Vorstellung vorsokratischer Philosophie und ihrer Lehren ohne weiterführenden Diskussion ihrer Interpretationsmöglichkeiten interessiert ist, sollte allerdings besser zu einem anderen Werk greifen, etwa zu Ralf Ludwig, da ihm Christof Rapp doch etwas zu weit gehen wird. Was anspruchsvolle Einführungen für Personen, die bereit sind, sich mit dem Stoff auseinanderzusetzen, anbelangt, wüsste ich aber nicht, was man besser machen könnte als der Autor des vorliegenden Werks.

Abschließend sei zur bloßen Information erwähnt, dass die Sophisten, die gelegentlich unter die Vorsokratiker gezählt werden, hier wie in den meisten Werken zu diesem Philosophenkreis ebenfalls ausgeklammert sind.


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