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Unser (Düsseldorf)

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Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
Der Ego-Tunnel: Eine neue Philosophie des Selbst: Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik
von Thomas Metzinger
  Taschenbuch

2 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen weg isser, 3. Juli 2011
Aus dem Ego-Tunnel, als der er wie wir alle sein Dasein fristet, hallt die Stimme von Thomas Metzinger und ruft uns zu, dass alles nur Simulation sei und nicht die wahre Welt. Und die größte Simulation seien wir selbst, unser autonomes Selbst nichts als ein Trick, mit dem die Evolution uns Beine macht im Überlebenskampf.
Und so reiben wir uns dann die Augen und stellen fest, es gibt nicht eine Welt, sondern deren zwei oder vielleicht sogar viele. Die Welt, von der wir meinen sie sei die wahre, echte ist nichts als eine Simulation einer echten physikalischen Welt, die uns umgibt. Echter zwar, als die, die wir in Träumen erleben, aber halt auch nicht das real thing. Und was ist nun das real thing? Na klar, die physikalisch beschreibbare Welt.
Sie ist insofern realer, als sie die Schnittmenge aller vom subjektiven Bezug gereinigten Welterfahrung ist, also letztlich eine Schnittmenge aus ganz vielen Simulationen. Und da er diese gereinigte Welt auch wieder Welt nennt, stiftet der Autor heillose Verwirrung im Leser. Hier wäre vielleicht die von Heidegger propagierte Unterscheidung von Welt, als subjektivem Erfahrungsraum, und Universum als objektiviertem Substrat hilfreich. Damit ist dann auch klar, dass wir uns immer in einer Welt befinden, da wir das Universum immer nur als Subjekte anschauen können. Wenn Metzinger also versucht, die subjektive Perspektive vollständig auf eine objektivierbare Theorie zu reduzieren, so scheitert er noch am letzten cogito, dass diese Reduktion vornimmt, oder aber an der erhabenen Stille, die sich nach ihm im Universum breit macht.
Seis drum und erfreuen wir uns, dass die Autorensimulation tapfer ihrer wissenschaftlichen Ziel-Halluzination folgte, währen ihre Finger dieses spannende, gut lesbare und hefigst zum (natürlich nur imaginiert) eigenständigen Denken anregende Buch tippten. Ein echter Genuss.


All Things Shining: Reading the Western Classics to Find Meaning in a Secular Age
All Things Shining: Reading the Western Classics to Find Meaning in a Secular Age
von Hubert Dreyfus
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 18,40

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Anti-Esoterik, 30. April 2011
Nicht alle Dinge erstrahlen in der Welt, aber es gibt Dinge oder Situationen, die es tun. Wir selber können daran eher wenig tun, außer offen zu sein und uns ihnen hinzugeben. Dreyfus und Kelly bemühen sich nach Kräften, den cartesischen Münchhausen-Trick mit dem autonomen Subjekt zu entlarven und der Leser weiß nicht so recht, ob er den Schritt vom befreiten Subjekt zum 'empty head turned to the world' mitmachen möchte oder nicht. Irgendwie scheint es uns doch heroischer und reizvoller, wie Nietzsche am Abgrund zu tanzen. Brauchen wir einen Sinn in unserer Welt? Ist der Nihilismus wirklich so unerträglich, dass er selbst so leuchtende Geister wie David Foster-Wallace in den Abgrund reißt - um von Nietzsche selbst mal zu schweigen.
Die beiden Autoren, wären nicht, wer sie sind, wenn sie diese Widerstände nicht sehen und in ihrem Modell auch zu erklären versuchen würden. Wenn wir uns in unserer Kultur gar nicht anders denn als autonome Subjekte denken können, wie sollen wir gerade davon absehen können, ohne dass sich das wie eine Selbstauslöschung anfühlt. Der Weg, den die Autoren vorschlagen, führt dann auch weniger uber das bewusste Räsonnieren, als über Erfahrungen und Praktiken, die am Rande unserer Kultur noch existieren. Die hingebunsvolle Entwicklung handwerklicher, künstlerischer oder sozialer Fähigkeiten, das Einfühlen in Gruppenstimmungen führen uns über uns selbst hinaus in eine Welt, in der die Unterscheidung von Subjekt und Objekt überschritten wird. Dann ist nicht alles erleuchtet, aber einige Dinge fangen wieder an zu strahlen.
Im Vergleich mit Dreyfus' Vorlesungen, auf denen das Buch beruht ist dieser Durchgang durch die europäische Geistesgeschichte insgesamt etwas rasend, einige Argumente werden verkürzt und Hintergründe nicht erläutert. Wenn man es aber, wie ja wohl von den Autoren beabsichtigt als Denkanstoß betrachtet, so sind diese unterhaltsamen 224 Seiten sicherlich hilfreicher als ein dickes Buch, das dann keiner liest. Faszinierende Anti-Esoterik.


Irre - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen - Eine heitere Seelenkunde
Irre - Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen - Eine heitere Seelenkunde
von Manfred Lütz
  Gebundene Ausgabe

54 von 63 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die psychiatrische Hintertreppe, 17. Januar 2010
Man soll die Hoffnung nicht aufgeben. Diese Weisheit gibt Manfred Lütz seinen Lesern mit auf dem Weg und sie sollten sie auch beim Lesen seines Buches beherzigen. Wer ausgehend vom Titel eine sozialpsychologische Gesellschaftsanalyse in der Tradition eines Erich Fromm erwartet wird zunächst einmal enttäuscht. Man sollte aber im Sinne von Lützs Ratschlag trotzdem weiterlesen, auch wenn es zunächst schwer fällt. Vermutlich war dem Verlag im Dienste der Auflage an dieser Stelle ein griffiger Titel wichtiger als ein zutreffender. Der Psychiater Lütz kümmert sich nicht um die gesellschaftlichen Verhältnisse, aus denen heraus die Normalen wie der Titel suggeriert eigentlich behandlungsbedürftig seien. Dass dies so sei, widerlegt er im Gegenteil bereits auf den ersten Seiten. Die Normalen sind zwar manchmal schwerer erträglich als die vorgeblich Verrückten, und sie sind auch nicht ganz unschuldig an deren Leiden, aber sie sind nicht krank oder behandlungsbedürftig. An Stelle einer kritischen Gesellschaftsanalyse statuiert Lütz dann quasi ein Exempel, indem er bekannte Figuren wie Dieter Bohlen und Paris Hilton - sagen wir mal - beschreibt. Das ist nicht sehr originell und bringt dem Leser wenig Erkenntnisfortschritt, auch deshalb, weil Lütz die Einordnung dieser medialen Sonderfälle in ein allgemeineres Bild nicht so recht gelingen will.
An dieser Stelle möchte man das Buch beiseite legen und dem Verlag wegen des irreführenden Titels einen bösen Brief schreiben. Wenn man aber doch weiter liest, wird man belohnt, denn jetzt kommt der Psychiater zum Hauptteil seines Buches und damit auf ein Terrain, in dem er aus dreißig Jahren Erfahrung schöpfen kann. Er liefert einen kompakten, spannenden und sehr gut lesbaren Überblick über psychiatrische Methoden und Krankheitsbilder. Lütz schreibt aus einem tiefen Verständnis und Sympathie für seine Patienten, zu denen wir schließlich alle mal gehören könnten. Sein Zugang ist dezidiert unideologisch und leistet eine erhellende bis befreiende Entmystifizierung und Entdämonisierung der Psychiatrie und des Begriffes der geistigen Gesundheit. Lütz geht aus von der Schilderung des einzelnen Menschen und seines Lebenszusammenhangs, aus denen er die psychiatrischen Kategorisierungen als Wege zur Heilung von Leiden ableitet. Dies und die allgemeinverständliche Sprache haben mich an Wilhelm Weischedels 'Philosophische Hintertreppe' erinnert. Als ich diese psychiatrische Hintertreppe schließlich aus der Hand legte, war ich vom Buch recht angetan und hatte die anfänglichen Kritikpunkte längst verziehen.


Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
Du mußt dein Leben ändern: Über Anthropotechnik
von Peter Sloterdijk
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 24,80

14 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Nachrichten vom Zeugen, 14. Juli 2009
Wer hoffnungsvoll die Lektüre beginnt in Erwartung eines neuen Lebensratgebers aus philosophischem Munde, der klappt das Buch nach 700 Seiten und vielen Stellen, wo man das, was der Autor schreibt, auch immer schon gedacht zu haben meint, etwas enttäuscht zu. Wie sollen wir denn nun ändern, oder sollen wir vielleicht gar nicht?
Doch doch, wir sollen, aber eben nicht für irgend etwas Bestimmtes. Die Verheerungen der Ideologien, unter die Sloterdijk auch die Religionen rechnet, werden im Buch ausführlich besprochen. Sie sind eigentlich Übungssysteme, die sich irgendwann zu Ideologien verselbstständigt haben. Dadurch wurde der Wert der Übung an sich, für den Übenden und die Gesellschaft, überdeckt vom Dienste an Gott oder einer (anderen) Idee. Sloterdijk wählt bei der Erklärung einen systemtheoretischen Ansatz, indem er von der Immunisierung (also erfolgreichen Abgrenzung) von Teilsystemen spricht. Die ursprünglich dem Selbsterhalt von Individuum und Gesellschaft dienenden Immunisierungs- also auch die Übungsverfahren, oder genauer gesagt deren Erfolg ist wie der Geist, den der Zauberlehrling Mensch nicht mehr los wird und dem er dann dienen muss.
Die Verheißung der Aufklärung, diesen Geist wieder in die Flasche zu schicken war wenig erfolgreich, wenn man sich als Resultat den aktuellen planetarischen Problemlevel ansieht. Er war es aus der Sicht von Sloterdijk deswegen nicht, weil er mit der Diskreditierung der Geister auch die der Übungssysteme vornahm. Der von uns zur Zeit angesteuerte kulturelle und ökologische Kollaps hängen so letztlich zusammen. Die Aufklärung hat also auf eine gewisse Art nur negativ stattgefunden, jetzt wo die Geister verscheucht sind, wird es notwendig unsere planetarischen Ziele zu sehen und die Übung wieder aufzunehmen.

Es ist immer wieder eine Freude, diesen Mann zu lesen, egal, ob man ihm in jeder Hinsicht recht gibt oder nicht. Es ist weniger die intellektuelle Brillanz oder die sachliche Tiefenschärfe, die seine Bücher so unerhört lesbar machen, sondern sein Standpunkt. Da blickt einer vom leicht erhöhten Ufer auf den Strom des Seins und sagt uns was er sieht und was aus der Flussmitte kaum erkennbar ist. Auch dieser Standpunkt ist wohl das Ergebnis von Übung, einer Übung, die man die gründlichen Inventarisierung der Wahrnehmungskategorien nennen könnte. Philosophie im besten Sinne.


Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne
Das unsterbliche Gerücht: Die Frage nach Gott und der Aberglaube der Moderne
von Robert Spaemann
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 17,95

29 von 52 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
3.0 von 5 Sternen Noch'n Beweis, 2. November 2008
In seinem Buch "Das unsterbliche Gerücht" versucht der hoch angesehene konservative Philosoph Robert Spaemann die "Täuschungen der Moderne" zu entlarven und liefert en passant noch einen neuen Gottesbeweis. Vor lauter Respekt vor dem renommierten Denker werfen sich selbst eher liberale Medien wie die "Zeit" in den Staub und loben wie alle anderen sein profundes Wissen und seine abwechslungsreiche Sprache. In diesem Buch gibt es sicherlich etliche Passagen, denen man nur bewundernd zustimmen kann; z.B. die These, dass ein reduktiver Naturalismus die wichtigsten Aspekte der menschlichen Existenz ausblendet. Nur warum man im Umkehrschluss an einen personalisierten Gott glauben soll, diese Argumentation von Spaemann ist nicht immer logisch schlüssig und bezieht sich nicht überall auf den aktuellen Stand der Naturwissenschaften. Dass man ihm bei seinen sprachlich so schönen Ausführungen dennoch gern folgen möchte, ist einerseits ein Ausweis großer schriftstellerischer Fähigkeiten und hängt andererseits mit der, wie es einmal Thomas Metzinger in Bezug auf die Philosophie des Geistes ausgedrückt hat "unübersichtlichen Problemlage" zusammen, "die reichlich Hinterhalt für metaphysische Heckenschützen" bietet.
Hier einige Beispiele:
Bereits im ersten Kapitel reproduziert Spaemann die bekannte These, dass ein Nicht-Glaube (an einen personalen Gott) eine Überzeugung sei, die sich qualitativ nicht vom Glauben an einen solchen unterscheide. Diese sei wie jene eine letzthin unbeweisbare Überzeugung. Das mag für fundamentalistische Atheisten gelten, aber für die Mehrzahl der praktizierenden Agnostiker gilt es sicherlich nicht. Es gibt unendlich viele empirisch nicht überprüfbare Sachverhalte (z.B. Dawkins' um die Sonne kreisende Teekanne) und im allgemeinen fahren wir besser damit, solche Fragen zu ignorieren. Spaemann zitiert dazu dann auch an einigen Stellen Ockham, dem er aber nur dann recht gibt, wenn es nicht gerade um Gott geht.

Spaemanns Angriffe auf den Naturalismus beziehen sich auf einen reduktiven Naturalismus und sind in sofern oft durchaus treffend. Nur ist ein reduktiver Naturalismus angesichts der Erkenntnisse z.B. aus der Nichtgleichgewichts-Thermodynamik und der Evolutionsbiologie selbst in den Naturwissenschaften nicht mehr die vorherrschende Meinung. Spaemann meint, dass Begriffe wie Emergenz ja nur Namen liefern würden für nichtreduktive Phänomene, aber diese eben nicht erklären könnten - sonst wären sie eben auch reduktiv. Dennoch sind diese Phänomene aber naturalistisch, wir können sie studieren, simulieren und beschreiben - mit oder ohne Gott.

Für besonders kritisch, ja zum Teil irreführend halte ich die Anmerkungen des Autors zu Evolution und Intelligent Design. Warum bei Lebewesen ein qualitativ neues Phänomen in der Form auftritt, dass diese "Ziele" haben, erklärt schon ein einfaches Verständnis von Evolution. Wesen, die solche Ziele (Überleben zwecks Reproduktion) nicht haben werden schwerlich 3 Milliarden Jahre Evolution überstehen. Regelrecht irreführend ist Spaemanns Vergleich mit einer Rakete, die ihr Ziel sucht, 'da habe dann nicht die Rakete ein Ziel, sondern der Erbauer'. Das ist kein Wunder, denn die Rakete ist natürlich von intelligenten(?) Zeitgenossen entworfen worden und gerade nicht Produkt einer natürlichen Evolution. Genauso ist es bei den Bach'schen Kompositionen. Natürlich kann hinter allem ein geheimer Plan liegen, trotzdem sollten wir das Nachdenken über andere Erklärungswege nicht einstellen.

Bei seinem Gottesbeweis schließlich zitiert Spaemann ausführlich Friedrich Nietzsche (was würde der wohl dazu sagen?) und konstatiert, dass wir, wenn wir auf eine Gottesvorstellung verzichten ganz generell unseren absoluten Wahrheitsanspruch aufgeben müssten. Da wir nun aber bekanntermaßen alle zunächst einmal naive Realisten sind (um die Argumentation von Spaemann etwas abzukürzen), mithin an eine wahre Welt glauben, müssten wir eigentlich auch an Gott glauben. Nun stellen Nietzsche und seine Nachfolger tatsächlich den absoluten Wahrheitsbegriff in Frage, dass heißt aber nicht, dass wir damit den Begriff der Wahrheit komplett über Bord werfen. Es wird alles etwas komplizierter in der (Post-)Moderne. Angebote zur (Wieder-)Vereinfachung der Welt sollten wir kritisch lesen.

Dafür ist das Buch mit seiner stilistischen Eleganz prima geeignet.


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