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Rezensionen verfasst von
David Thorn (Berlin)

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Interstellar [Blu-ray]
Interstellar [Blu-ray]
DVD ~ Jessica Chastain
Preis: EUR 12,99

46 von 77 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen Kubrick ja, Nolan nein ' Warum 'Interstellar' im Schwarzen Drehbuchloch versackt, 11. Februar 2015
Rezension bezieht sich auf: Interstellar [Blu-ray] (Blu-ray)
"Welchen Nutzen hat die gefahrvolle und kostspielige Seefahrt, wissen wir doch alle, dass die Erde eine Scheibe ist?", dürften sich viele Menschen noch vor wenigen Jahrhunderten gefragt haben.

"Welchen Nutzen hat die gefahrvolle und kostspielige Raumfahrt, wissen wir doch alle, dass auf der Erde genug Probleme zu lösen sind?", fragen sich heute viele Menschen.

Die Raumfahrt steht seit jeher unter Rechtfertigungsdruck. Auch das Science Fiction-Genre hat mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Die Themen liegen schlicht zu weit entfernt von der Alltagswelt der Mehrzahl der Menschen. Deshalb sind anspruchsvollere Science Fiction-Filme rar gesät. Viele literarische Vorlagen dürften mangels Interesses eines breiteren Filmpublikums auf ewig als unverfilmbar gelten oder sie werden von Drehbuchautoren so lange malträtiert, bis sie in die Box Office-Zwangsjacke des Massengeschmacks passen. Das Filmgeschäft ist eben mehr Geschäft, weniger Kunst.

Wer nach dem Stanley Kubricks Genre-Monolithen "2001: A Space Odyssey" (1968) sowie nach Ridley Scotts "Alien" (1979) und "Blade Runner" (1982) zuletzt von "Prometheus" (2012) enttäuscht war, fasste Mut, als sich mit 'Interstellar' von Christopher Nolan ein neuer Hoffnungsschimmer abzeichnete. Immerhin war Nolans "Inception" (2010) durchaus gelungen, wenn auch keine brandneue Idee, siehe Edgar Allen Poe (1849): "Is all that we see or seem but a dream within a dream?". Sollte Nolan mit "Interstellar" jetzt also einen neuen Meilenstein des Science Fiction-Films gesetzt haben?

Die ohnehin schon großen Erwartungen wurden durch den geschickt inszenierten Marketing-Hype um angeblich "nie zuvor gesehene Bilder" und "besondere wissenschaftliche Beratung" ins fast Epochale überhöht.

Tatsächlich war zunächst auf Potential zu hoffen. Der offizielle "Interstellar"-Trailer 3 ist gefällig geschnitten und nicht ohne Grund mit dem nach Aufbruch klingenden Musikstück "Final Frontier" von Thomas Bergersen unterlegt, das nicht nur seines Titels wegen prädestiniert gewesen wäre für den Film.

Unglücklicherweise offenbart der Trailer zugleich die besten Szenen des Films. Wie leider häufig festzustellen, wird für die Werbung zu viel weggegeben. Die Substanzarmut vieler Filme verleitet dazu, die Highlights für den Trailer zusammenzukratzen, um das durch die heute üblichen Spezialeffektorgien überreizte Publikum in die Kinos zu locken (vgl. nur "Top 10 Trailers better than the Movie").

"Interstellar" versucht, sich am großen Vorbild "2001: A Space Odyssey" zu orientieren, bleibt aber durchweg hinter dessen Qualität zurück. Auch als eigenständiges Werk funktioniert der Film nur mäßig.

++++ SPOILER ANFANG ++++

Der Beginn des Films verheißt Authentizität. In Interviewform berichten Senioren aus der erzählerischen Zukunftsperspektive des Films über ihr Leben im ökologischen Niedergang der Erde. Dieses Stilmittel ist bekannt und bewährt, denken wir nur an die Fernsehserie "Band of Brothers" (2001), in der jeweils zu Episodenbeginn Weltkriegsveteranen eindrucksvoll ihre Erlebnisse schildern.

Bei "Interstellar" folgt dann aber eine langatmige und zum Teil schwülstig geratene Einführung einer im Mittleren Westen der USA beheimateten Farmerfamilie. Protagonist Cooper sitzt mit Flaschenbier vor seinem Haus, lässt den Blick melancholisch über die endlosen Weiten der Maisfelder schweifen, und gibt dabei Allgemeinplätze zum Besten, die im Grunde keiner hören mag. Das wirkt alles sehr betulich und ist sterbenslangweilig.

Hollywoodtypisch wird die Figur des Cooper dabei als eher desillusionierter Normalbürger eingeführt, um in der weiteren Filmhandlung zum Archetypen des amerikanischen Helden aufgebaut zu werden, der zwar mit kleineren Blessuren, aber doch sämtliche Gefahrensituationen meistert. Damit kann sich das Publikum identifizieren, verheißt es doch, dass jeder Normalsterbliche in der Stunde der Bewährung über sich hinauswachsen und Großartiges vollbringen kann. Einmal mehr wird uns hier die Versinnbildlichung des amerikanischen Traums vorgesetzt. Jeder kann es schaffen, am Ende sogar durchs Schwarze Loch.

Solche Manöver hat Kubricks "2001" nicht nötig und zeigt sich damit angenehm britisch. Dort agieren Wissenschaftsastronauten schlicht in den Funktionen, für die sie ausgebildet wurden. Sie tun dies innerhalb ihrer individuellen physischen und psychischen Grenzen, aber auch um diese letztlich zu überschreiten - in den Tod oder in die Transzendenz.

Der gesamte erste Teil von "Interstellar", der der Exposition der Familie dient, ist zu langatmig und zu kitschig-banal geraten. Auf Drehbuch-Petitessen wie einen geplatzten Reifen am Familien-Pickup, der nie erkennbar gewechselt wird, der Wagen stattdessen munter weiter durch die Maisfelder pflügt, soll hier erst gar nicht weiter eingegangen werden.

Seltsame Hast zeigt das Drehbuch, als Cooper die Koordinaten für den geheimen Rest-NASA-Stützpunkt erhält (woher und wie genau erfährt man gegen Ende des Films) und dort quasi mit offenen Armen empfangen wird. Kurz danach schwingt er easy sein Handgepäck auf den Pickup und ab geht`s ins All. Selbst im Fall eines früheren NASA-Piloten ist diese Form der Personalbeschaffung unrealistisch. Das Drehbuch wickelt alles zügig ab, wohl ahnend, im ersten Teil des Films zu viel Zeit für die Exposition vergeudet zu haben. Dem Zuschauer bleibt hier nur der Gedanke "Gute Leute werden halt immer gebraucht".

Eine mehrstufige Rakete bringt die Raumfahrer vergleichsweise realistisch in den Erdorbit, wo das Raumfahrzeug für die weitere Mission wartet. Das zumindest wirkt schlüssig. Die Enttäuschung folgt aber in der späteren Filmhandlung: Die Crew steigt zur Erkundung auf einem Exoplaneten aus und erwähnt ausdrücklich, wie schwer ihr das Gehen wegen der hohen Schwerkraft falle. Das Landungsshuttle verfügt aber kaum über Triebwerke, um für den Rückflug in den Orbit die im Vergleich zur Erde deutlich höhere (!) Schwerkraft überwinden zu können; von einer mehrstufigen Rakete ganz zu schweigen.

Zur Ehrenrettung von Professor Kip Thorne und Kollegen sollte man vermuten, dass diese sich bei ihrer wissenschaftlichen Beratung auf Wurmlöcher und Schwarze Löcher konzentrierten und im Übrigen wohl gefesselt und geknebelt waren. Jedenfalls zeigt Kubricks "2001" solche Logiklöcher nicht und ist schon deswegen um Welten besser.

Um die Rezension nicht ausufern zu lassen, seien im Folgenden nur einige wenige weitere unglückliche Szenen ausgewählt. Man mag entgegenhalten, es handele sich doch immer nur um Details, doch bei einem Film mit derart hohem Anspruch und dem fast hysterischen Hype, der übrigens auch in den Rezensionen bei amazon erkennbar wird, liegt die Messlatte hoch.

- Bei Inbetriebnahme des im Erdorbit für die weitere Mission bereitgestellten Raumfahrzeuges erklären sich Wissenschaftsastronauten allen Ernstes gegenseitig, warum sie das Schiff in konstante Eigenrotation versetzen. Kubrick erklärt solche Dinge nicht, er zeigt sie. Mehr nicht. So gut kann Kino sein. Es ist kaum anzunehmen, dass das Publikum im Jahr 1968 deutlich gebildeter war als heute ' oder etwa doch?

- Dem reaktivierten NASA-Piloten und Ingenieur Cooper muss anhand eines von einem Schreibstift durchstoßenen, gebogenen Blatt Papiers das Prinzip der Raumzeitkrümmung erklärt werden.

- Eine ausgebildete und trainierte Wissenschaftsastronautin entscheidet das Schicksal der ultimativen Menschheitsmission dadurch, dass sie ihren Liebesgefühlen für einen Mann folgt. Große Güte!

- Ein im Orbit um einen Exoplaneten zurückgebliebener Astronaut erscheint nach immerhin gut 23 Jahren kaum gealtert. Auch Leidensdruck angesichts der jahrzehntelangen Isolation, selbst bei Kryoschlaf, ist bei ihm kaum erkennbar. Seltsamerweise zeigte sich selbiger Astronaut aber zuvor schon allein deswegen psychisch labil, weil er an die Wanddünne seines Schiffs und die Unendlichkeit des Alls dahinter denkt.

- Das Schwarze Loch "Gargantua", ein Riese aus dem Romanzyklus von Francois Rabelais (1530), soll uns Respekt einflößen. Der wird aber sogleich relativiert, wenn kurz vor dem Ereignishorizont des Giganten allerhand Seltsames zu sehen ist, wie beispielsweise Fluchtgeschwindigkeit dank kümmerlicher Bordtriebwerke von Station/Shuttle. Mag das noch als gewagtes Swing-by-Manöver auf Messers Schneide durchgehen, wirken aber sportliche Überbrückungen von Distanzen zwischen Exoplaneten schon etwas befremdlich. Die Zeitdilatation - auch die durch Gravitation induzierte - ist ein Phänomen der Relativität von Zeit, nicht von Entfernungen. Für letzteres braucht es ja noch das Konstrukt der Raumzeitkrümmung, wie der Zuschauer per Papier und Schreibstift zuvor gelernt hat.

- Völlig indiskutabel hingegen für einen Film, der sich einen ernsthaften Anstrich geben möchte, ist Gehabe in Cowboy-Manier bei Surf-Einlagen mit dem Shuttle auf einer gigantischen Welle auf einem der Exoplaneten, inklusive jauchzendem Schrei des Piloten Cooper. Das mag in einem Teenie-Film beim spaßigen Gerumpel im Autoscooter auf dem Jahrmarkt in Ordnung sein, hier aber, wo es ums nackte Überleben geht, ist es deplatziert.

- Schwach wirken die als Comic relief fungierenden Roboter. Bei allem Verständnis für mögliche Zukunftstechnik, Roboter von der zarten Anmut eines Kühlschranks mit Klappmesserfunktion haben so gar nichts mit universellen - auch zukünftig geltenden (!) - Erkenntnissen über Praktikabilität und/oder Bionik zu tun. Hier will sich "Interstellar" zu zwanghaft von bisher Gezeigtem absetzen.

- Was mit dem Shuttleflug durchs Eis des zweiten Exoplaneten vielversprechend anfängt, endet in einer hollywoodtypisch-banalen Schlägerei zwischen Cooper und dem von Matt Damon (was macht der eigentlich in diesem Film?) dargestellten Wissenschaftler. Es ist extrem uninspiriert, dass selbst in einem Film mit solchem Anspruch, die übliche Klopperei als angebliches Action- und Spannungsmoment nicht fehlen darf. Statt eines solchen Unsinns hätte man als Zuschauer viel lieber mehr von der fremdartigen Welt gesehen. Aber das ist offenbar schon zu viel verlangt.

- Ganz schlimm ist schließlich das zwanghaft aufgesetzte Ende des Films. Auch zu einem beeindruckenden Filmende, das gerade nicht alles zu erklären versucht, und über das man noch Jahre später nachdenken kann, sei abermals auf Kubricks "2001" verwiesen.

++++ SPOILER ENDE ++++

"Interstellar" handelt vom Streben der Menschheit nach Entdeckung und Fortschritt. Es geht um die Erforschung des Unbekannten, wie schon zu Zeiten der alten Seefahrer und wie in hoffentlich absehbarer Zukunft bei einer bemannten NASA-Mission zum Mars.

Gerade mit Blick auf die Eingangsfrage "wozu überhaupt Raumfahrt?" hätte die Suche nach einem neuen Heimatplaneten mittels interstellarer Raumfahrt via Wurmloch reichlich Stoff für ein bisher nie gesehenes Entdeckerabenteuer abgegeben. Herausgekommen ist leider nur ein erschreckend konventioneller, klischeebeladener Streifen, der im ersten Teil schlicht langweilt und sich insgesamt am großen Vorbild von Kubricks "2001" zu orientieren versucht, dabei aber kläglich scheitert.

Statt einer die Sinne raubenden Reise an die Grenze des menschlichen Verstandes, statt bizarrer Fremdartigkeit neuer Welten, bekommt der Zuschauer reichlich Banales und mehr oder weniger vordergründig situationsbedingte Action, bis hin zu der wichtigen Erkenntnis, dass der gute alte Faustkampf Mann gegen Mann selbst auf einem eisigen Exoplaneten nicht fehlen darf. Gekrönt wird all dies von einem schmalzigen Ende, das unnötigerweise alles zu erklären versucht, statt Mut für mehr Gedankenfreiheit und Offenheit zu beweisen. Damit versackt "Interstellar" im Schwarzen Drehbuchloch der Belanglosigkeit und ehernen Hollywoodgesetzmäßigkeiten, aus dem es kein Entrinnen gibt.

Einen Stern gibt es für das Konzept, interstellaren Raumflug via Wurmloch als Kinofilm umzusetzen und einen zweiten für die Spezialeffekte, wobei dieser Stern eigentlich nur ein halber sein dürfte, angesichts heutiger Computerleistung und gigantischer Budgets. Auch dies war zu Kubricks Zeiten anders, als deutlich weniger Geld zur Verfügung stand und alles mühevolle Handarbeit war, womit die Kreativität der Effektdesigner höher zu bewerten ist.

Schauen Sie sich "2001: A Space Odyssey" an und erleben Sie, wie zeitlos gut ein ernsthafter Science Fiction-Film sein kann, und das auch noch nach 47 Jahren!
Kommentar Kommentare (17) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 13, 2015 1:20 PM MEST


Bad Gastein
Bad Gastein
Preis: EUR 9,99

6 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Kugelfisch trifft Falco - ist das gaga oder Dada?, 17. August 2014
Verifizierter Kauf(Was ist das?)
Rezension bezieht sich auf: Bad Gastein (MP3-Download)
In Berlin kann man alles tun oder es auch sein lassen. Die Stadt wird überrannt von abenteuerlustigen Menschen aus aller Welt. Sie ist Tummelplatz für Lebenskünstler und Kreative - oder für solche, die sich dafür halten.

"ZURÜCK IN DEN BRANDENBURGISCHEN WÄLDERN GING ES MIR NICHT GUT."

Friedrich Liechtenstein passt sich harmonisch ein in dieses Bild. Er ist binnen kürzester Zeit zum Protagonisten der Rolle des Großstadt-Bohèmians avanciert, vom Feuilleton mit dem Prädikat "Berliner Schmuck-Eremit" geadelt (Süddeutsche, ZEIT u.a.).

Den Hype um seine Person lösten geschickte PR-Strategen mit ihrem Supergeil-Coup aus, als sie Liechtenstein mit seinem sonoren Märchenonkel-Organ als viralen Werbeträger für Pommes, Dorsch und Klopapier einsetzten. Soweit so gut und bekannt.

"UND JEDER HÄLT SEIN GELBES JOJO FEST - WIR SIND MADE FOR THE FUTURE."

Was war nach dem supergeilen Supermarkt-Superhit für die Zukunft des Herrn Liechtenstein zu erwarten? Ein eigenes Musikalbum mit einem "Supergeil-Berlin-Backyard-Remix featuring Mitsängerin xy", einer "Supergeil-Club-Version" und "Supergeil-Dub-Version"? Grauselige Vorstellung. Das Projekt hätte mächtig in die Hose gehen können, ist es glücklicherweise aber nicht.

Das düster-pastellige Cover lässt Unorthodoxes vermuten. Und tatsächlich bieten die Stücke 1 bis 7 - die das eigentliche Album ausmachen - grandios haarsträubenden Wortwitz, gepaart mit gefälligen Arrangements irgendwo zwischen Chanson und Disco. Auch an den polyglotten Hörer ist dabei gedacht. Spielfreude und Spaß am gepflegten Schwachsinn, ist das gaga oder etwa Dada?

"AN EINEM ABEND WIE DIESEM MACHTE ICH EINE MERKWÜRDIGE BEWEGUNG - UND STARB."

"Der Dadaismus stellte die gesamte bisherige Kunst in Frage, indem er ihre Abstraktion und Schönheit durch z. B. satirische Überspitzung zu reinen Unsinnsansammlungen machte, z. B. in sinnfreien Lautgedichten." (wikipedia)

Selbstverständlich ist Liechtenstein hier noch weit entfernt von Unsinnsansammlungen in sinnfreien Lautgedichten, doch gewisse Anklänge sind offensichtlich. Hört sich so oder vielleicht so ähnlich ein Magritte-Gemälde an?

"ICH GING NACH BIARRITZ UND TÄUSCHTE DORT EINEN BADEUNFALL VOR."

Ähnlich wie der südfranzösische Badeort Biarritz schon weit bessere Tage gesehen hat, liegen auch Bad Gasteins Glanzzeiten als mondäner österreichischer Berg-Kurort lange zurück in k.u.k.-Zeiten und im frühen 20. Jahrhundert. Heute ist man dort auf der Suche nach einem zeitgemäßen Konzept. Eine Herkulesaufgabe, wenn Flatrate-Saufen auf der Skihütte der Gradmesser des Massenpublikums für die Qualität eines Skiurlaubes ist.

Der konzeptionelle Rahmen Bad Gasteins für das Album (mehr zu den Bezügen im Booklet auf der Website des Labels) ist jedoch austauschbar. Alles lässt sich auf ein Plädoyer für die Freiheit des Wortes und des Geistes zurückführen. Das tut gut in Zeiten bundesdeutscher Text-Tristesse im Stil der Helene-Fischer-Hirnerweichung.

Ich möchte hier nicht jedes der Stücke dieses Albums besprechen, die Nr. 6 "Belgique, Belgique" doch aber hervorheben, weil dieser Titel mit schauderlich-elegischer Poesie unser von der EU, Dutroux und Pralinen geprägtes Bild eines Landes aufgreift, das nicht ganz so weit oben auf unserer Liste der Wunschreiseziele steht.

Dieses wie auch die anderen Stücke wirken unglamourös und irgendwie befremdlich. Textzeilen von geringer Vorhersehbarkeit, aber mit um so größerem Interpretationsspielraum.

Um den Kontrast der Melancholie vergangenen Glanzes zur heutigen Realität des abgeblätterten Leerstands zu krönen, verteilen die Titel Nr. 8 und Nr. 9 obendrein noch ein wenig Zuckerguss von Burt Bacharach und John Barry auf den schneebedeckten Höhen Bad Gasteins.

Dieses Album ist nicht nur "DIE AUFFINDUNG DES WILDBADES GASTEIN" in verwunschener Bergvergessenheit. Es ist der gelungene Versuch, Fetzen von Bildern, Emotionen und Gedanken in Worten und Musik festzuhalten.

"ALLES KLAR HERR KOMMISSAR?" - Falco, wo immer er auch sein mag, würde hier vermutlich Respekt zollen. Dank an den Berliner Schmuck-Eremiten und die Produzenten dieses Werks, die Ideenreichtum und Mut bewiesen haben. Wirklich großes Tennis, Chapeau!

"NUN KENNT IHR DIE GANZE GESCHICHTE. ICH SAGE EUCH, DAS LEBEN KANN SEHR KURZ SEIN, WENN MAN SICH AUF ZU WENIGE DINGE KONZENTRIERT."

Also, Album runterladen, sich auf mehr Dinge zu konzentrieren, und das Leben verlängern.

"ICH BEKAM DEN JOB ALS KUGELFISCH."

Oder ist doch alles nur ein großer Witz und man hat mich geschickt an der Nase herumgeführt? Haben die Tourismusverantwortlichen Bad Gasteins einfach nur denjenigen PR-Leuten, die zuvor für EDEKA tätig waren, den Job gegeben jetzt etwas für Bad Gastein zu tun?

Wer weiß. Sicher ist jedenfalls:

"WIR SIND NICHT AUF DIESER WELT, UM PERFEKT ZU SEIN. DER SCHNEE IST PERFEKT, DER MOND, WIR NICHT. WIR SIND AUF DIESER WELT, UM DIE FALSCHEN FRAUEN ZU LIEBEN."
Kommentar Kommentare (2) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 3, 2015 8:48 PM CET


Soldier Of Love
Soldier Of Love
Preis: EUR 6,66

40 von 48 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Was kümmert es den Mond, wenn ihn ein Hund anbellt?, 19. Februar 2010
Rezension bezieht sich auf: Soldier Of Love (Audio CD)
CD einlegen - Augen schließen - glücklich sein. Volle Punktzahl von mir für dieses Album. Wer Sade bisher nicht mochte, wird sie auch jetzt nicht mögen; darüber braucht nicht diskutiert zu werden. Allen anderen sei das Album ans Herz gelegt.

Mehr bräuchte man eigentlich nicht zu sagen, wären da nicht diese Kritiker, die sich hier über "fehlende Fortentwicklung" und "Stillstand" ihrer Musik beschweren.

Man sollte doch einmal einen Gedanken daran verschwenden, dass es ein eigenständiger Wert im Leben eines Menschen sein kann, seinen Weg gefunden zu haben und sich (und anderen) treu zu bleiben. Angesichts der heute üblichen Verramschung von "Super- und Popstars", deren Namen noch schneller vergessen sind, als sie zuvor von interessierter Seite zur eigenen Einkommenssteigerung geklont wurden, ist es Balsam für die Seele, dieser gestandenen Könnerin ihres Fachs (mit Band) zu lauschen. Ja selbstverständlich ist sie sich treu geblieben, fehlendes 80er-Jahre-Saxophon hin oder her. Gutes ist und bleibt gut, so einfach ist das. Wer um alles in der Welt braucht Musiker, die krampfhaft-peinlich auf einem Selbstfindungstrip sind und meinen, sich ständig neu erfinden zu müssen?

Es ist geradezu aufreizend lässig, sich in unserer medial hektischen Zeit voller Oberflächlichkeit und musikalischer Belanglosigkeiten zehn Jahre Zeit zu lassen, um ein neues Werk abzuliefern. Sade kann es sich leisten, solchermaßen Zeit verstreichen zu lassen, statt jeder Modeströmung hinterher zu hecheln.

Ihre musikalische Beständigkeit geht einher mit ihrem Auftreten als einer nichtöffentlichen öffentlichen Person. Von ihr kennt man keine nervig-anbiedernden Interviews, die nur der Befriedigung des Egos dienen. Sie ist keine dieser Aktricen, die ihr vermeintliches "Anderssein als ach so begabter Künstler" durch Drogen- und Sex-Exzesse medienwirksam meinen belegen zu müssen. Sade glänzt durch lupenreine mediale Zurückhaltung und wenn sie (die Band) es so empfindet, dann kommt das nächste Album eben erst eine Dekade später - na und?

Sade gleicht einem Fels in der Brandung des täglichen Unterhaltungsmülls. Ihre kühle und ausgesprochen zeitlose Eleganz trägt jedes Stück auf diesem Album und findet schließlich ein optisches Pendant in dem eindringlichen Booklet-Foto dieser auch mit fünfzig Jahren noch betörend schönen Frau.

So fügt sich alles zu einem ästhetischen Gesamteindruck zusammen, der dem Begriff 'Stil' gerecht wird, ein nicht nur im Showgeschäft vielfach missbrauchtes und bis zu Unkenntlichkeit verwurstetes Wort. Sade hat etwas, was sehr viele andere nicht haben: Stil.

Freuen wir uns auf das nächste Album in fünfzehn oder zwanzig Jahren; viel Zeit für all die Hunde, weiter den Mond anzubellen.
Kommentar Kommentare (9) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Jan 2, 2012 9:02 PM CET


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