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Rezensionen verfasst von
Gabriele Steininger (Dresden)
(TOP 1000 REZENSENT)   

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Hoffmans Hunger
Hoffmans Hunger
von Leon de Winter
  Taschenbuch
Preis: EUR 11,90

4.0 von 5 Sternen Ein "männlicher" Roman, 16. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Hoffmans Hunger (Taschenbuch)
Dieses Buch erfordert schon ein gewisses Durchhaltevermögen. Kein Wunder also, dass es in meiner Bibliothek 20 Jahre lang auf die entsprechende Würdigung warten musste! Auch dieses Mal war ich kurz vorm Aufgeben, da mir der Zusammenhang zwischen den in den ersten drei Kapiteln vorgestellten Protagonisten nicht gleich klar wurde.

Erst nach und nach schält sich der Niederländer Felix Hoffman als Hauptfigur heraus. Seit dem Tod seiner geliebten Tochter vor 20 Jahren kann er nachts nicht mehr schlafen und schlägt sich Spinoza lesend den Bauch voll. Sein Leben ist aber auch eine wahre Tragödie: seine jüdischen Eltern wurden im zweiten Weltkrieg getötet, nachdem sie ihn bei einem Bauern versteckt hatten. Das Vater-Glück mit den Zwillingsmädchen hielt nur relativ kurz an, dann verlor er die erste Tochter nach acht, die zweite nach 24 Jahren. Beruflich im Diplomatendienst beschäftigt, kann er kaum auf Erfolge zurückblicken.

1989 ist er Botschafter in Prag. Er frisst und säuft alles, was er finden kann. Als Leser müssen wir es auch aushalten, wie anstrengend es ist, das Zuviel des Guten wieder loszuwerden. An diesen Stellen war ich kurz davor, das Buch auf die Seite zu legen. Doch im Endeffekt muss ich sagen, dass sich das Durchhalten gelohnt hat. Die Geschichte ist eindrücklich und regt sehr zum Nachdenken an. Nicht nur, weil seine Ehe mehr Schein als Sein ist und er auch noch in eine Spionageaffäre hineingezogen wird. Nein, ich habe so einiges über die männliche Psyche erfahren, was mir so noch nicht geläufig war.

Leon de Winter, dessen Niveau mit Kunderas „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ verglichen wird, wurde 1954 in den Niederlanden als Sohn niederländisch-orthodoxer Juden geboren. Nach einer Ausbildung bei der Bavaria Filmakademie in München und einem abgebrochenen Studium an der Filmakademie in Amsterdam hat er bereits mit 24 Jahren seinen ersten Roman veröffentlicht. Heute lebt und arbeitet der mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher verheiratete in Amsterdam und Los Angeles.


Modus Operandi: Kommissar Findeisens Kriminalfälle - 1. Fall
Modus Operandi: Kommissar Findeisens Kriminalfälle - 1. Fall
Preis: EUR 7,99

4.0 von 5 Sternen Eine gut gelungene Satire, 12. Februar 2014
Wie habe ich diese Lektüre genossen! Die blumige Sprache und der ironische Schreibstil haben mir ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert und mich manchmal sogar laut auflachen lassen. Das ist mir bei einem Krimi - soweit ich mich erinnern kann - so noch nicht passiert.

Dabei ist die Geschichte, die auf einer wahren Begebenheit beruht, gar nicht lustig. Da findet ein Ehepaar an einem wunderschönen Frühlingstag im Wald, hinter einem Holzstoß verborgen, eine nackte weibliche Leiche. Kommissar Findeisen, gerade mit seiner Ausbildung fertig geworden, darf seinem Vorgesetzten bei der Lösung des Falles hospitieren. Allein schon die Rivalität zwischen dem Alteingesessenen und dem Neuhinzugekommenen ist so herrlich nachvollziehbar beschrieben, dass ich das ganze 120 Seiten starke Büchlein als Persiflage einstufen würde.

Wir Leser begleiten den Frischkommissar durch seine Tage, lernen nicht nur die Angehörigen und Freunde der Ermordeten kennen, sondern auch Findeisens Alpträume und seine Großeltern...

Wer keinen Gänsehaut schaffenden Krimi sucht, sondern etwas für die gute Laune, dem kann ich Anne Krahls drittes Buch nur empfehlen. Es zeigt nach „Und was gibt’s noch?“ und den Erzählungen aus Großmutters Leben die Vielseitigkeit der Autorin, die sich auch malend gut ausdrücken kann.


Mensch Karnickel
Mensch Karnickel
von Rudolf Herfurtner
  Taschenbuch

5.0 von 5 Sternen Auch nach 20 Jahren noch lesenswert, 9. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Mensch Karnickel (Taschenbuch)
Im Rahmen einer Sichtung meiner inzwischen auf eine beachtliche Größe angewachsenen Bibliothek stoße ich immer wieder auf Bücher, die schon seit Jahrzehnten darauf warten, endlich gelesen zu werden. Dieses Taschenbuch gehört dazu. Es war einst Schullektüre meiner längst erwachsenen Kinder.

Leider schreckt schon allein das Wort Schullektüre häufig vom Lesen ab. Da hilft es auch nichts, wenn der Autor (wie in diesem Fall Rudolf Herfurtner) mehrfach Preise erhalten hat. Häufig hängt die Ablehnung ja auch nicht mit dem Inhalt des Buches zusammen, sondern mit der Tatsache „lesen zu müssen“.

Ich bin dem Alter derjeninigen, für die dieses Buch ursprünglich geschrieben wurde, schon lange entwachsen. Dafür las ich es mit umso größerem Interesse, obwohl ich zu der Zeit, in der Clemens Graber durchs Land irrte, noch nicht geboren war.

Mich erschreckt, was die Generationen vor uns durchstehen mussten und ich finde es sehr wichtig, das nicht zu vergessen. Mögen solche Schicksale uns unseren Nachkommen erspart bleiben!

Doch worum geht es in dieser Geschichte? Der zehnjährige Clemens lebte 1944 mit seiner Mutter in Berlin. Um ihm die täglichen Bombenangriffe zu ersparen, setzte sie ihn in den Zug der „Kinderlandverschickung“ nach Ostpreußen. Bevor die Russen einmarschierten, gab es nur noch die Möglichkeit der Flucht. Hier ging „Karnickel“ verloren. Sechs Jahre lang versuchte seine, inzwischen in Süddeutschland lebende Mutter, ihren Sohn zu finden. Über Umwege kam er in den kleinen Ort, beobachtete das Haus und die neue Familie der Mutter. Aber bis der verschreckte 16jährige wirklich „heim“ kam, mussten alle Beteiligten noch durch eine emotionale Hölle gehen.


40 Stunden: Thriller
40 Stunden: Thriller
von Kathrin Lange
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

4.0 von 5 Sternen Verdiente 4,5 von 5 Sternen., 8. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: 40 Stunden: Thriller (Taschenbuch)
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Faris Iskander ist ein Ermittler mit arabischem Aussehen. Als fünfjähriges Kind kam er mit seinen Eltern nach Berlin und fühlt sich nicht so fremd, wie er aussieht. Manchmal geht sein Temperament mit ihm durch, dann fährt er schon mal aus der Haut. Deshalb ist er gerade vom Dienst suspendiert, als ihn ein Anrufer zu einer Berliner U-Bahn-Station bestellt. Der Bahnhof ist voller Menschen, die zum Kirchentag gekommen sind. Hilflos muss er mit ansehen, wie in der U-Bahn eine Bombe hochgeht. Wegen seines Aussehens wird er für den Attentäter gehalten …

Es ist nicht die einzige Bombe, die auf den 413 Seiten explodiert. Menschen verlieren ihr Leben und Iskander hat Angst um seine Familie und Freunde. Dieser Thriller zeigt, was religiöser Fanatismus anrichten anrichten kann. Dabei sind es diesmal nicht die Muslime, die alles auf den Kopf stellen.

Dieses Buch hat alles, was ich mir als Leserin wünsche: interessante Protagonisten, die teilweise über ihre Grenzen hinausgehen; die nötige Portion Liebe, die das Ganze erst aushaltbar macht; ganz viel Freundschaft und einen gelungenen Spannungsbogen, der zu einer unerwarteten Auflösung des Falles führt.


Die gelbe Straße: Roman
Die gelbe Straße: Roman
von Veza Canetti
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,95

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Momentaufnahmen aus Wien, 3. Februar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die gelbe Straße: Roman (Taschenbuch)
Veza Canetti, die während ihres Lebens (1897 bis 1963) im Schatten ihres Ehemannes Elias stand, war eine gute Beobachterin. Sie erzählt von kleinen und großen Katastrophen – von Krüppeln, tyrannischen Ehemännern, Mitgiftjägern und geldgierigen Hausherren, von Intrigen und Verleumdungen. Da sie den Anschein erweckt, aus der Ferne zu beobachten, entstand ein für die heutige Zeit ungewohnter Schreibstil, der trotz der Abgeklärtheit beim Leser Gefühle entstehen lässt.

„Humor ist, wenn man trotzdem lacht“, heißt es so schön. Dieses Motto passt genau auf die traurigen, humorvoll erzählten Geschichten. Sie laufen zwar unter der Bezeichnung Roman, doch entsprechen sie eher zusammengewürfelten Momentaufnahmen. Zumindest mir fehlt die durchgehende Handlung, die ich von einem Roman erwarte.

Obwohl ich nicht sofort in das Buch fand, bin ich nach der Lektüre begeistert. Das Vorwort von Elias Canetti und das Nachwort von Helmut Göbel führen den Leser in das Leben der Schriftstellerin und die Zeit ihres Schaffens ein und ergänzen damit die Lektüre.


Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat: Roman
von Gavin Extence
  Gebundene Ausgabe
Preis: EUR 19,99

0 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Die Geschichte beginnt mit einem Knall und endet sang- und klanglos, 1. Februar 2014
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Mitte Februar 2013 berichteten die Medien von einem Meteoriteneinschlag in Russland. Dieses Buch, das im gleichen Jahr in England zum ersten Mal veröffentlicht wurde, greift eine ähnliche Erfahrung auf.

Ich-Erzähler Alex machte mit zehn Jahren im mütterlichen Haus Bekanntschaft mit einem Meteoriten. Er schildert seine Erlebnisse spannend und sehr humorvoll und lässt dabei unter anderem Erinnerungen an den Skiunfall von Michael Schumacher aufkommen: Reporter meinten, die Story gefunden zu haben und belagerten das Krankenhaus. Wie es beim Formel 1 Weltmeister ausgehen wird, wissen wir noch nicht. Bei unserem Romanhelden stellt sich heraus, dass er wegen der Kopfverletzung künftig an epileptischen Anfällen leiden wird. Ein Jahr lang kann er nicht zur Schule gehen und stillt seinen Wissensdrang allein zu Hause. So mutiert er zum Einzelgänger und wird, als er an die Schule zurückkehrt, zum idealen Mobbingopfer.

Leider hält der Autor den anfänglich gut lesbaren, an Christopher Moore erinnernden Schreibstil nicht durch. Es schleichen sich Längen ein, die meinen Lesespaß trübten. Einzig die wirklich interessante Geschichte des Jugendlichen, der so anders ist als seine Altersgenossen, hielt mich bei der Stange. Allerdings hätte es nicht geschadet, wenn der Autor weniger Themen aufgegriffen hätte. Wie der Junge frühzeitig reifte, hätte sicher auch kürzer dargestellt werden können. Jedenfalls wird er mit 15 oder 16 Jahren zu einem Menschen, der seinem besten Freund, einem Kriegsveteranen, hilft, seine Menschenwürde und Selbstbestimmung im Leben und Sterben zu bewahren. Etwa nach der Hälfte des 470 Seiten starken Buches kommt so nocheinmal richtig Schwung in den Roman.

An vielen Stellen könnte man meinen, es handele sich um ein Jugendbuch. Doch die Thematik am Ende geht weit darüber hinaus. Hier geht es um Verhaltensweisen, die vor allem alte und schwerkranke Menschen betreffen, während die Jugend doch eher von Gesundheit und vom ewigen Leben träumt.

Ich gebe dem Roman vier von fünf Sternen, da ich den Anfang und das Ende wirklich gut fand. Die Längen im Mittelteil machen den Punktabzug jedoch unumgänglich.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Feb 2, 2014 10:44 PM CET


Die Toten im Schnee: Kriminalroman
Die Toten im Schnee: Kriminalroman
von Giuliano Pasini
  Taschenbuch
Preis: EUR 9,99

2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Im verschneiten Italien, 26. Januar 2014
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Dies war nicht nur mein erster in Italien spielender Krimi, sondern auch der erste Krimi des 1975 geborenen Autors. Giuliano Pasini, Krimi-Redakteur einer italienischen Bücherplattform, gewann mit seinem Roman den größten jemals im italienischen Internet organisierten Schreibwettbewerb. Ein Jahr nach der Veröffentlichung in Italien kommen nun auch deutschsprachige Leser in den Genuss, den ungewöhnlichen Kommissar Roberto Serra kennenzulernen.

Nach einem traumatischen Unfall, bei dem er beide Eltern verlor, verfügt er über eine besondere Gabe: er taucht für Sekunden in das Leben anderer ein, sieht, was sie sehen, denkt, was sie denken. Egal, ob sie schon tot sind oder noch unter den Lebenden weilen. Er nennt das „den Tanz“, seine ehemalige Freundin meint, es sei eine Krankheit und hat sich deshalb von ihm getrennt. Grund genug für Roberto, sich von seiner Spezialeinheit beurlauben zu lassen und sich in ein kleines Bergdorf im Apennin zurückzuziehen.

Eigentlich erhoffte er sich in Italiens kleinster Polizeistation ein ruhiges Leben. Doch weit gefehlt: An einem kalten Neujahrsmorgen wird er zu einem grausamen Mord gerufen: Eine dreiköpfige Familie wurde hingemetzelt. Sein Tanz beginnt wieder – ebenso wie seine große Liebe wieder auf der Bildfläche erscheint …

Abgesehen von den vielen italienischen Namen liest sich das Buch sehr flüssig. Ganz nebenbei eingeschobene Rezepte lassen dem Leser das Wasser im Mund zusammenlaufen und machen Lust aufs Nachkochen. Außerdem habe ich vieles über die italienische Geschichte während des zweiten Weltkrieges erfahren, was mir zeigte, dass nicht nur die Deutschen unmenschlich gehandelt haben und Traumata auslösten, die bis heute nachwirken.

Gefallen hat mir an diesem Buch unter anderem, dass es mich in diesem schneearmen Winter in eine Kälte entführte, die ich im allgemeinen nicht mit Italien verbinde... Fazit: verdiente vier Sterne


Die dritte Lüge. Roman
Die dritte Lüge. Roman
von Agota Kristof
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,95

5.0 von 5 Sternen Was ist Wahrheit?, 24. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Die dritte Lüge. Roman (Taschenbuch)
„Kein Buch, auch wenn es noch so traurig ist, kann so traurig sein wie das Leben“, sagt Claus seiner Vermieterin, als sie ihn im Gefängnis besucht. Sie bringt ihm seine Aufzeichnungen, die er in seinem Zimmer liegen ließ, als er wegen seines abgelaufenen Visums in Gewahrsam genommen wurde. Claus ist alt und krank aus dem Ausland zurückgekommen, um nach seinem Zwillingsbruder Lucas zu suchen. Da er ihn nicht findet, bleibt er länger als vorgesehen in der ehemaligen Heimat.

In diesem dritten Teil der Trilogie wird Claus' Geschichte noch einmal neu und ganz anders erzählt. Mir stellte sich die Frage: Kann sich im Laufe des Lebens die Wahrnehmung so sehr verändern? Dieser dritte Band stellt die beiden vorhergehenden Romane in Frage. Gab es Lucas überhaupt? War die ganze Biografie der Jungen nur erdacht, erträumt? Wie sieht die Wahrheit aus?

Die Irritation löst sich im zweiten Teil dieses Buches auf. So ist dieser dritte Band noch eine weitere Steigerung der Geschichte, die man allerdings ohne die Kenntnis der ersten beiden Bände nicht so recht verstehen wird.

Für mich war die Lektüre spannender als jeder Krimi. Sie führte mich psychische Abgründe und zeigte, wie Menschen versuchen, ihr Leid erträglicher zu gestalten.

Eine absolute Leseempfehlung!


Der Beweis. Roman
Der Beweis. Roman
von Ágota Kristóf
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Unter die Haut gehend, 21. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Der Beweis. Roman (Taschenbuch)
Der zweite Band von Agota Kristofs Trilogie lässt mich wieder mit Gänsehaut zurück. Irgendwie weiß ich nicht mehr, was Wirklichkeit und Fiktion ist. Aber genau das scheint die 1935 in Ungarn geborene und 1956 in die Schweiz emigrierte Autorin beabsichtigt zu haben.

Um das Buch wirklich genießen zu können, ist es angeraten, zuerst „das große Heft“ zu lesen. Denn der Inhalt baut auf der Kenntnis dieses Romans auf. Zwar wird im Laufe dieses zweiten Buches einiges erklärt, aber ich befürchte, dass die Geschichte weniger nachvollziehbar ist.

Da es mir nicht gegeben ist, den Inhalt so gut zusammenzufassen, wie dies zu Beginn des Buches geschieht, kopiere ich hier: „Lucas lebt allein im Haus der Großmutter, dem letzten Haus des Städtchens direkt an der Grenze. Er ist als einziger zurückgeblieben, denn die Großmutter, die Mutter, die kleine Schwester sind tot. Der Vater starb, als er versuchte, über den Todesstreifen zu fliehen. Nur Lucas Zwillingsbruder war die Flucht gelungen – und Lucas verlor den Spiegel seiner Seele.
Wir verfolgen die Geschichte einer seelischen Auflösung. Agota Kristof gibt nur deren Symptome bekannt: ein verwahrloster Garten, kurze Ohnmachtsanfälle, Erbrechen, die sauer gewordene Ziegenmilch im Spülstein. Die Welt um Lucas, seine Tiere, das behinderte Kind und dessen Mutter, die er bei sich aufnimmt, der Pfarrer, der Buchhändler Victor, schließlich Clara, die Bibliothekarin, die er auf seine besondere, bizarre Weise liebt – nichts vermag die Mauern seines inneren Gefängnisses zu sprengen, und er begeht einen tödlichen Fehler …“

Im Unterschied zum ersten Teil dieser Trilogie haben die Personen inzwischen Namen bekommen. Lucas entpuppt sich bereits mit 15 Jahren als sehr liebevoller Ziehvater für den Säugling Mathias. Dessen Mutter Yasmine geht in die „Hauptstadt“, weil es ihr in der grenznahen Kleinstadt zu eng ist (bezüglich der Örtlichkeiten bleibt die Autorin in diesem Buch weiterhin vage).

Die Lektüre zog mich als Leserin von der ersten Seite an in ihren Bann. Lucas führt das mit seinem Zwillingsbruder Claus begonnene „große Heft“ im gleichen schnörkellosen Stil weiter. So erfährt der Leser in unvergleichlich karger Sprache haarsträubende Entwicklungen.

Auch 25 Jahre nach der ersten (aus der französischer Sprache übersetzten) Auflage hat das Buch seinen Reiz nicht verloren!


Das große Heft: Roman
Das große Heft: Roman
von Agota Kristof
  Taschenbuch
Preis: EUR 8,99

5.0 von 5 Sternen Kurze, eindrückliche Sätze brennen sich in die Seele des Lesers., 20. Januar 2014
Rezension bezieht sich auf: Das große Heft: Roman (Taschenbuch)
Neunjährige Zwillinge, deren Namen wir nicht erfahren, werden während des Krieges von ihrer Mutter aus der großen Stadt zur Großmutter aufs Land gebracht. Obwohl die beiden Frauen kein gutes Verhältnis haben, besteht die Hoffnung, dass die Kinder hier sicherer sind. Die Großmutter, von allen nur Hexe genannt, verspricht: „Ich werde euch zeigen, wie man lebt!“ Sie verkauft die Dinge, die die Tochter für ihre Kinder schickt und verbrennt deren Briefe. Doch die Jungs kommen auch ohne sie zurecht – was sie fürs Überleben brauchen, bringen sie sich selbst bei: sie hungern, stehlen, stellen sich taub, blind, bewegungslos ...

Alles, was die Jungen sehen, hören oder tun, tragen sie in ein großes Heft ein. Dabei achten sie präzise darauf, bei der Wahrheit zu bleiben. „Wenn wir schreiben: 'Der Adjutant ist nett', ist das keine Wahrheit, weil der Adjutant vielleicht zu Gemeinheiten imstande ist, die wir nicht kennen. Wir werden also einfach schreiben: 'Der Adjutant gibt uns Decken.'“

Die Beiden sind außergewöhnlich klug und hilfsbereit. Doch sie wissen sich auch zu wehren. Ihr Überlebenswille berührt tief. Gerade ihre einfachen Sätze lassen beim Lesen Emotionen und Bilder entstehen. Obwohl alles mit Abstand betrachtet wird, ist man unmittelbar dabei.

Es wirkt, als hätte die 1935 in Ungarn geborene Agota Kristof, die 1956 aus ihrer Heimat in die Schweiz emigrierte und dieses Buch 1986 auf französisch herausbrachte, in diesen kurzen, prägnanten Momentaufnahmen viel beschrieben hat, was sie selbst im Krieg erlebt oder gehört hat.

Inzwischen ist dieser großartige Roman verfilmt und läuft seit November 2013 auch in ausgewählten Kinos.


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