Profil für Andy Dufresne > Rezensionen

Persönliches Profil

Beiträge von Andy Dufresne
Top-Rezensenten Rang: 3.731.984
Hilfreiche Bewertungen: 59

Richtlinien: Erfahren Sie mehr über die Regeln für "Meine Seite@Amazon.de".

Rezensionen verfasst von
Andy Dufresne (aus dem Arbeitszimmer)

Anzeigen:  
Seite: 1
pixel
Excrucior
Excrucior
von Cornelius Hartz
  Gebundene Ausgabe

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Auf Catvlls Spuren, 13. Oktober 2008
Rezension bezieht sich auf: Excrucior (Gebundene Ausgabe)
Die Qual der Liebe schlägt oftmals in Hass um. "Excrvcior" erzählt eine ähnliche Geschichte, in der, soviel darf schon im Voraus verraten werden, zwar die Liebe über den Hass siegt, jedoch nicht über die politischen Machenschaften des korrupten Roms 70 v. Chr.
Der Autor konstruiert ein Geschichtengewebe in dem sich überlieferte Biografien begegnen und Figuren, über die geschichtlich kaum etwas bekannt ist, von solcher Farbe und Authentizität präsentiert werden, sodass sie Berühmtheiten wie Caesar oder Cicero vorerst uninteressant erscheinen lassen.
Die Geburt des Protagonisten wird wie folgt beschrieben: "Alles, was zu hören war, war das Schreien des jungen Catullus, und keiner der Anwesenden wagte, sich zu rühren." Das Schicksal des Dichters Catvllvs zeigt sich hier bereits unter dem Schleier der Worte. Auf Lebenszeit findet er nur wenige Vertraute, denen er sich mitteilen kann. Doch hören wird man ihn später noch. Als berühmtesten Dichter dieser Zeit, der nur eines im Sinn hat: das perfekte Gedicht.

Jedes Kapitel beginnt mit einem von Hartz neuübersetzten Gedichten Catvlls. So wird dem Leser die Gedichtwelt Catvlls vorgeführt und jeweils in die Prosa Hartz' thematisch eingeführt. Hier zeigt sich die noch nicht so schulisch erschlossene Welt der Antike. Spottreden, Glücksspiel, Obszönitäten, Umgang mit Haussklaven und Mord aber auch Freundschaft, Leidenschaft und Liebe. Alles findet sich in "Excrvcior" wieder. Die Oberschicht hinter den schützenden Mauern entblößt sich dem Leser in ihrer Doppelmoral.

Hartz zeigt mit diesem Buch wie plastisch Geschichte und ihre Personen werden können. Es wäre schade, wenn "Excrvcior" das einzige poetische Buch aus seinen langzeitigen Forschungen zu Catvllvs bliebe. Doch der Catullexperte weiß sicher noch mehr historisch zu rekonstruieren. Zum Beispiel gäbe es da noch den griechischen Dichter Kallimachos. ;)

"[...] mit einem Mal, war es wieder still im Raum. So still wie unterhalb der Villa am Ufer des Sees, wenn in einer dunklen windstillen Sommernacht nicht einmal ein leises Plätschern des Wassers die Stille zu stören vermag - bis einen ein Kauz mit seinem Schrei aus den Gedanken reißt und man meint, dieses Tier sei geradewegs aus der Unterwelt gekommen, allein dazu, einen mit seinem Ruf zu erschrecken."


Die 6 Brenner-Romane
Die 6 Brenner-Romane
von Wolf Haas
  Broschiert

6 von 76 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
2.0 von 5 Sternen 6 mal 1, 12. Mai 2007
Rezension bezieht sich auf: Die 6 Brenner-Romane (Broschiert)
Um was es in einem Brennertext, oft als Roman bezeichnet, geht? Eh wissen. Simon Brenner, im letzten Band Das ewige Leben 53 Jahre alt geworden, ist das erzählende Ich der verschiedenen Krimis. Die bruchhafte Sprache welche der Erzähler benutzt, ist noch das spannendste an den Geschichten, die sich im Plot im wesentlichen nicht voneinander unterscheiden, weil dasselbe. Die dahererzählten Leichen unterscheiden sich nur in ihren Sterbedaten und gehen in der verblassten Sprache unter. Haas versteckt die Geschichten in seinen verhunzten Beschreibungen der vermeintlich spannenden Kriminalgeschichten und heimst damit das Lob der Kritik und Literaturpreise ein.
Dass es sich dabei jedoch nur um banale Phrasendrescherei und Sprachreduktion handelt, wird nicht so wahrgenommen, weil interessant und innovativ. Ich halte die Sprache für ' Während man diese fragmenthaftigen Krimis in ihrer spärlich vorhandenen Konzeption als neuen Stil feiert, mühen sich andere Schriftsteller ab um Literatur zu schreiben. Mittlerweile haben sich aber bereits sechs Brenner-Bücher unter die Bezeichnung Literatur geschmuggelt und finden reißenden Absatz. Ob jedoch die Verkaufszahl eines Textes über den literarischen Wert etwas aussagen soll, vermag ich nicht zu beurteilen, aber dahingestellt.
Kommentar Kommentare (7) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Dec 24, 2012 9:16 AM CET


Der Zögling Tjaz.
Der Zögling Tjaz.
von Florjan Lipus
  Broschiert

5 von 5 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Über die engherzige Gesellschaft, 3. März 2007
Rezension bezieht sich auf: Der Zögling Tjaz. (Broschiert)
3. eine Gegennorm

Lipuš, der selbst ein Zögling im Tanzenberger Gymnasium war, zeichnet mit 'Zmote dijaka Tjaža' eine Figur des ständigen Rebells, aufgrund von äußerlichen Einflüssen. Der Schriftsteller, geboren in Lobnik, im zweisprachigen Gebiet Kärntens, ist selbst von klein auf in einem Dorf aufgewachsen, in dem die Verhältnisse ähnlich dessen von Tjaž gewesen sein müssen. Hinzu kommt noch, dass das Heranwachsen mit zwei im Umfeld natürlich verwendeten Sprachen eine Doppel- bzw. Biidentität mit sich bringt. So werden Muster oder Elemente aus verschiedenen Kulturen übernommen, wobei hier die wechselhafte Beziehung zwischen Abgrenzung und Dazugehörigkeit eine große Rolle spielt. Jedoch ist die Identität nicht gespalten oder geteilt, da sie von sich aus schon mal künstlich ist und von anderen zugeschrieben wird, sodass man von Identität als Begriff ' ganz egal wo und in welchen Umständen man geboren wurde ' nur als Teil des Selbst sprechen kann und sich daher auch immer in den bestimmten Situationen zu erkennen gibt. Die Doppel- oder Biidentität ist demnach nur für eine Abgrenzung oder Zugehörigkeit in der Gesellschaft zu nütze. Für Lipuš ist diese Opposition eine treibende Kraft für das Schreiben. In 'Zmote dijaka Tjaža' schreibt er:

'['] in Karantanien ist im Sprachvolk schon die Sucht nach gegnerischen, dabei ununterscheidbar bleibenden Gruppierungen entstanden, obwohl doch allen die einheitliche Vernichtung drohte, aber das hat nichts getan, man hat die Haarspalterei unaufhörlich fortgesetzt, der Kleingeist breitete sich immer weiter aus, das Gefeilsche um jene Geltung und Macht, die dann die Vernichtung überleben und nach der Ausrottung erst richtig aufblühen würde, die Zeit der Haarspalter also, die mit Phrasen und Traditionsgerede den Volksleib auffasern und ihn mästen, um ihn leichter zu zerfasern ['].'

Ein großes Problem sind die unerkannten repressiven Normen, die zum Teil aus der nicht hinterfragten Gewohnheit entstanden oder bewusst von jemanden in die Welt gebracht worden sind. So kann auch ein Volk, hier ein gezielter Verweis auf Kärnten und deren zum Teil engstirnigen Einwohner, das sich im Kern eben nicht unterscheidet zur einer entgegengesetzten Hetze geführt werden. Wie stupide solche Argumentation sein können, zeigt Lipuš hier:

'['] Verbrecher sind aus der menschlichen Gesellschaft zu entfernen, und diese ist vor ihnen zu schützen, Verräter sind auszumerzen, aus diesen Gründen haben wir ihn ins Heim aufgenommen. Der Selbstmord aber hat mit dem Internat überhaupt nichts zu schaffen, von Selbstmord hat er nie gesprochen, Selbstmordgedanken hat er nie offenbart, auch sein Verhalten ließ einen derartigen Schluss nicht zu, obwohl es einigermaßen wunderlich war, zu weit würde gehen, wer seinen Selbstmord irgendwie mit dem Internat in Verbindung brächte, ein Mensch seiner Sorte konnte halt nicht anders enden als so ['].'

Dieses bornierte Ende des Zitats macht deutlich, in welchen gesellschaftlichen Umfeld der Zögling seine Ausbildung erlangen hätte sollen. Lipuš greift hier nicht nur die teils allgegenwärtigen und höchst zu hinterfragenden 'Erziehungsmethoden' an, sondern demaskiert im Gebilde und Format des Internats ebenso die farcenhafte und geistlose Gesellschaft. Sein Roman ist offenkundig eine Ablehnung und Aburteilung an fahrigen Konventionen und an der ebenso flatterigen Phrasensprache. Durch den verstandenen Einwand an dieser Kultur vermag Lipuš dem Leser jene Verfremdung vor den Augen führen, welche die Basis universeller Kultur darstellt. In der grotesken Beschreibung der Geschichte findet die Kritik ihren wahren Höhepunkt, da die Verfremdung dadurch so plastisch dargestellt wird, sodass man unmittelbar selbst fürchten muss, in einem solchen Umfeld zu bestehen. Dass Tjaž in einem solchen gelebt hat ist unübersehbar, jedoch hat er die ernüchternde Verfremdung vor Augen, sodass er alles daran setzt die erkannten Performativitäten einzureißen und einzustampfen. Die obskure und groteske Beschreibung einiger Situationen mag dies nur unterstützen, denn obwohl man in ihnen eher an die Darstellung als an das Dargestellte zu glauben vermag, bleibt der Kern der Problematik mehr als deutlich, wird durch die phantastische Hyperbel so mancher Beschreibung eigentlich erst richtig erkannt und enthüllt die gewöhnliche Wahrnehmung als ein durch das Umfeld reproduziertes Produkt, welches dazu führt, dass das Verhalten der Menschen der vermeintlichen Erwartung des Wahrgenommenwerdens, wie im Zitat an den Trauernden ersichtlich, untergeordnet wird:

'Es ist ihm anzusehen, mit diesem Schrei im Mund musste er sterben, und damit liegt er jetzt hier, man merkt ihm den Sprung in die Tiefe an, und obwohl er selber schuld ist, beschuldigt er uns böser Handlungen, was nicht statthaft ist, er hat sich selber getötet, das ist bewiesen und wird noch bewiesen werden, wir waren's nicht, unser Gewissen ist rein, trotzdem hört er nicht auf, sein Finger zielt auf uns, jetzt, da er tot ist, noch besonders, er versteckt ihn unter dem schwarzen Schleier, aber er zielt auf uns, davon könnt ihr euch dieser Tage noch selber überzeugen, er zielt auf mich, auf dich, auf ihn, auf sie, der Tote liegt im Café und immer findet er noch Zeit und Art und Weise, auf einen Menschen zu zielen, die Leute sind bei ihm, eine Menge Volk drängt sich um seinen Sarg, der Reihe nach bieten sie mir die Hand an, im Zimmer, im Treppenhaus, im Saal, an der Haltestelle, vor der Haustür, im Hof, sie drücken sie mir überall, es gibt einen Überfluß an Trauer, einen Überfluß an Beileid, einen Überfluß an Mitleid, trotzdem entgeht es mir nicht, daß ihre Gesten auf einen äußerlichen Effekt hinauslaufen, auf eine ordentliche Trauerhaltung und ein schluchzig hervorgebrachtes Wort, zu Hause haben sie sich geübt, und jetzt funktioniert's, trefflich kommt ihre Trauer zur Wirkung, im Herzen aber frohlocken sie, daß sie wieder einen Menschen auf den Schragen gelegt haben. ['] Die Sonne wirft Profile an die Mauer, es erscheinen längliche Köpfe, schmale Schultern, hohle Brustkörbe, tierartige Rücken, Gebisse tollwütiger Hunde, Schreckbilder, Fratzen, Mißgestalten, Narrenköpfe.'

Der Schlusssatz unterstreicht die gesellschaftliche Sichtweise, welche an Platons Höhlengleichnis erinnert; die Profile an der Mauer sind die sich unterhaltenden Schatten, wobei sie ihre Form vom Tier bis zum menschlichen Skelett und von Missbildungen bis zu Narren wechseln. Die Schuldfrage wird ebenso nur 'im Profil' diskutiert: Tjaž selbst ist schuld! In irgendeiner Art und Weise das Internat als möglichen potenziellen Auslöser zu verdächtigen ist nicht statthaft, was so viel bedeutet wie nicht erlaubt. Gesellschaftliche Instanzen genießen demnach einen gewissen diplomatischen Status, welcher sie befugt nicht verdächtigt werden zu können, ja mehr sogar nicht mal dürfen! Dass die Schuld Tjaž noch nicht bewiesen worden ist, bedeutet nur, dass sie noch bewiesen wird. Lipuš prangert jedoch nicht nur diese Immunität der Gesellschaft an, sondern verfährt auch in der Form des Romans gegen die traditionelle Erwartungshaltung. Der Höhepunkt wird ungefähr in der Mitte des Textes erreicht, wobei der Ausgang der Geschichte schon bereits zuvor angesprochen wurde. Das Werk entspricht demnach der ästhetischen Revolution der mladje-Generation, da sich Lipuš nicht nur thematisch mit der slowenischen Literatur vor den sechziger Jahren auseinandersetzt, sondern auch mit der Form und Erwartung einem Roman gegenüber spielt, sodass er es formell schafft Konventionen zu sprengen und somit den Inhalt in einer davon gelösten Ebene in seiner unkonventionellen Art und Weise noch verstärkt. Durch die pluriperspektivische Erzählweise zu Beginn, hat man das Gefühl in eine auktoriale Erzählung einzutauchen, zumindest bis sich der Ich-Erzähler zu Wort meldet und sich vorstellt, sich danach jedoch wieder dem Geschehen ohne Bezug zur eigenen Person widmet, bis sich die Ereignisse wieder mit dem Leben des Erzählers überschneiden. So durchbricht er das gewöhnliche Erzählschema und bricht ebenfalls mit der Norm der älteren Poetik. Der Protagonist Tjaž entspricht dem Typus der jungen Triebe in der mladje-Generation und streift in gewissen Zügen auch das Alter Ego des Autors. Dass Lipuš nun aber zur slowenischen Literatur gezählt wird, verdankt er seinem Schreiben in der slowenischen Sprache, jedoch scheint mir die Kategorisierung über die Schreibsprache zur Landesliteratur im gleichen Maßen eine Norm zu sein, wogegen der in Lobnik geborene Autor schreibt und ankämpft. Insofern widerstrebt es mir auch ihn zur slowenischen Literatur zu zählen, nicht weil ich es verneinen möchte, sondern, weil es mir eine zu enge Eingrenzung der Literatur im Allgemeinen ist. Gute Literatur kann' soll' darf' nie eine Landessache sein! Gute Literatur erfährt durch die Antwort auf die Frage, welche philosophische oder ideelle Weltsicht in einem Text verborgen liegt Berechtigung. So schreibt Lipuš in 'Zmote dijaka Tjaža':

'Die Erde fordert ihren Teil, und die Leute bemessen ihn, die einen geizig, die anderen in Fülle, aber alle bemessen ihn, so oder so, was sollten sie sich auch wehren, jeder beugt sich dem täglichen Brot zuliebe dem Druck und trägt sein Teil bei, die Erde ist die Erde und gibt immer nur, wenn sie auch bekommt.'

Die Kategorisierung, dass Florijan Lipuš ein slowenischer Autor sei, widerstrebt also deswegen, da diese Eingrenzung gleichzeitig eine Ausgrenzung bedeutet, so wie jeder Versuch einer Einteilung oder Einordnung nun mal beides in sich trägt.

Lipuš' Roman ist eine Abrechnung mit dem Konventionellen und eine Auflösung der Autorität, welche nur aus der einfachen Gewohnheit entstand oder mit der Zeit von ihrer Instanz gelöst worden ist, sodass sie mutterseelenallein noch besteht und der Mensch ihr folgt, weil er in der Gesellschaft den längst nicht mehr vorhandenen Leithammel kaum jemals erspähen konnte, und jetzt wo er nicht mehr da ist, sich nur nach und mit der Masse richtet oder dem Einzelnen vor ihm, wie das Schaf in der Herde, nacheifert. 'Zmote dijaka Tjaža' beschreibt eine Geschichte über den Tod eines Rebellen, wobei sein Sterben nicht Ende, sondern Anfang bedeutet. Ein Beginn einer genugtuenden und gedankenlosen, engstirnigen und engherzigen Gesellschaft. Wollen wir hoffen, dass die 'Kratzer' unserer Zeit ein nicht solch tragisches Ende finden.
Kommentar Kommentar (1) | Kommentar als Link | Neuester Kommentar: Apr 26, 2010 9:43 PM MEST


Monsieur Teste
Monsieur Teste
von Paul Valery
  Gebundene Ausgabe

9 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Erkenntnisse a priori, 10. März 2006
Rezension bezieht sich auf: Monsieur Teste (Gebundene Ausgabe)
„Von allem Geschriebenen liebe ich nur das, was einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.“ Dies schreibt Friedrich Nietzsche in den Reden Zarathustras. Er fährt fort: „Es ist nicht leicht möglich, fremdes Blut zu verstehen.“ Wenn man Paul Valéry liest kann man es zuerst ebenso schwer haben den Inhalt des Textes zu verstehen.
Dabei ist gerade das Verstehen ein zentrales Thema, schon zu Beginn schreibt Valéry über das Schreiben und die Erkenntnis: „Der Akt des Schreibens erfordert immer ein gewisses >Opfer des Intellekts<. Man weiß zum Beispiel wohl, dass die Bedingungen der literarischen Lektüre unvereinbar sind mit einer äußersten Präzision der Sprache.“
Das der sogenannte Intellekt wirklich im Text geopfert wird, ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil, die Erkenntnis ist im gesamten Buch vordergründig und verweist eher die literarische Konzeption an die zweite Stelle. Trotzdem handelt es sich bei „Herr Teste“ um einen literarischen Text. Die Frage stellt sich dennoch um welche Gattung es sich handelt.
Als bekannter Lyriker ist Valéry immer versucht die vollendendste Form eines Gedanken in Worten zu fassen. In einem Prosatext führt dies zu einem sehr hermetischen Schreiben, das dem Leser das Schmökern nicht erleichtert. Diese reine Poesie, die sich dadurch aber auszeichnet gelingt dem Autor auf unnachahmliche Weise.
Der sich im 29. Lebensjahr auf die Schriftstellerei fokussierende Valéry zeichnet mit „Herr Teste“ eine gleichnamige Figur, die dem Leser nicht so greifbar erscheint, wie die Sitznachbarin bei einer Veranstaltung oder der Kellner in einem Restaurant. Jedoch ist Herr Teste auch nicht weniger, denn gerade weil er mehr durch seine Verschwiegenheit ein größeres Eigenleben zu führen scheint, als durch Geständnisse, ist er lebhafter und interessanter als so manche andere Wesen.
Die Figur Teste erinnert an die Gestalt des Malte Laurids Brigge, dessen Aufzeichnungen ein ebenso schemenhaftes Bild des Protagonisten hinterlassen wie der Text von Valéry. Jedoch verbindet ihn nicht nur dies mit Rainer Maria Rilkes Prosawerk, sondern wohl auch die Liebe zur gedanklichen Vollendung in Worten. Dies führt dazu, dass ihre Prosawerke nicht gerade die leichtesten Texte sind, wenn es um die Zuordnung in literarische Kategorien geht. Denn während man bei „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ sich einigen muss, ob es sich um ein Tagebuch handle, beziehungsweise sich auf einen Roman in Tagebuchform einigt, treten im Buch „Herr Teste“ verschiedene Formen von literarischen Gattungen auf: Beschreibungen aus der Sicht einer dritten Person, Briefe von verschiedenen Leuten und schließlich auch eine Art Tagebuch von Herrn Teste persönlich.
Der Autor zeichnet in diesen unterschiedlichen Stilen eine Figur, die die umgebende Welt nicht mit gewöhnlichen fünf Sinnen erfasst, sondern, diese mit Blicken abstreift, die auf dem menschlichen Körper jedoch nicht haften bleiben, sondern diesen durchdringen, in das innere Wesen gelangen und dieses durchschauen.
Rilke schreibt in „Malte Laurids Brigge“: Ich sehe seit einer Weile ein, daß ich Menschen, die in der Entwicklung ihres Wesens zart und suchend sind, streng davor warnen muß, in den Aufzeichnungen Analogien für das zu finden, was sie durchmachen; wer der Verlockung nachgibt und diesem Buch parallel geht, muß notwendig abwärts kommen; erfreulich wird es wesentlich nur denen werden, die es gewissermaßen gegen den Strom zu lesen unternehmen.“
Ähnlich ergeht es dem Leser des Textes „Herr Teste“, denn wer ist den Mitmenschen so fern, dass er sie Wesen oder Ding bezeichnet? Und wer kann von sich selbst behauptet, innerliche völlig rein zu sein?, keine Unruhe oder Zweifel jemals zu verspüren?
Im Buddhismus würde Teste aus dem Nirwana kommen, aus dem Nichts, dem Unendlichen. Jedoch hat man ihn aufgespürt und in diese Welt gebracht, in diese Welt der dunklen Gedanken. Wenigstens ist er ein Bodhisattva, ein Buddha im Werden, der transzendent wirkt.
Der in der französischen Hafenstadt Sète zur Welt gekommene Paul Ambroise Valéry schreibt mit „Herr Teste“ einen philosophischen Roman, wobei im Zentrum der Intellekt steht. Die Geisteskraft und die Erkenntnis des Protagonisten schafft eine Differenz zwischen Denken und Sein.
Den Namen Teste kann man vom lateinischen Testis ableiten, was Zeuge bedeutet. Doch was hat Herr Teste zu bezeugen?
Er ist ein Beobachter und Erfasser der Welt. Und zwar in einer Art und Weise, die ihn scheinbar völlig fremd zu anderen macht. Mit „Herr Teste“ wird die Welt in all ihrer Trivialität auf den Kopf gestellt und hinterfragt. Leicht ist dies nicht, jedoch gibt es schon mal eine kleine Anleitung für das Spiel mit dem Sein:
„Die Partie ist gewonnen, wenn man sich der eigenen Anerkennung würdig findet.
Wurde die Partie durch Berechnung mit Wille, Folgerichtigkeit und Klarheit gewonnen, - so ist der Gewinn der größtmögliche.“
Hoffen wir, dass wir einen solch größtmöglichen Gewinn erzielen werden.


Die Nacht aus Blei: Roman
Die Nacht aus Blei: Roman
von Hans H. Jahnn
  Gebundene Ausgabe

5 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Ganz ohne Beistand, 5. Januar 2006
Rezension bezieht sich auf: Die Nacht aus Blei: Roman (Gebundene Ausgabe)
Der Protagonist der Geschichte findet sich in einer ihm nicht vertrauten Stadt wieder. Weder weiß man wie er dahin gekommen ist, noch aus welchen Verhältnissen er stammt. Nur sein Name Matthieu ist uns bekannt.
Sein Umfeld beschreibt einen leeren und mysteriösen Ort den Matthieu erforschen möchte. „Du sollst diese Stadt, die du nicht kennst, erforschen“, heißt es eingangs der Erzählung. Und in dieser Art und Weise geht der Hauptdarsteller durch die dunkle verschneite Nacht. Alle Häuser, so scheint es ihm, sind verlassen. Oder man schläft was natürlich in Anbetracht des Zeitpunktes nicht verwundern sollte, jedoch ist Matthieu nach Gesellschaft.
Er erblickt auch ein von künstlichen Licht erleuchtetes Fenster, jedoch wird dieses kaum nachdem er es entdeckt hat ausgelöscht. Noch im Gedanken am Bettrand des Schlafenden sitzend, taucht kurz vor ihm eine Gestalt auf, sodass er schrickt. Durch eine Karte, aufgedruckt ist der Name einer gewissen Frau Elvira, ist Matthieu in ein Freudenhaus eingeladen. Zuerst widerstrebt es ihm dort einzutreten, doch es scheint, dass vom Haus eine ungeahnte anziehende Kraft ausgeht.
Doch nicht nur das Haus scheint eine solche unsichtbare Kraft inne zu haben, sondern die ganze Stadt zieht in an. Jahnn schreibt zu Beginn des Textes des öfteren: „Sie werden belehrt werden.“ Und nicht nur der Leser wird belehrt, dass er sich nicht in einer ihm vertrauten Stadt befindet, sondern auch Matthieu, der von Elvira erfährt, dass die ihm geläufige Wirklichkeit in dieser Stadt kaum antreffen wird. Irgendetwas scheint Matthieu aber doch nicht verstanden zu haben, denn er wird bald sanft aus dem Haus geleitet. Da trifft er auf einen Jungen, der ihm nach und nach immer ähnlicher wird.
Als der Junge sich über seinen Hunger beschwert gehen sie gemeinsam in ein Wirtshaus, wo sie etwas zu Essen bekommen möchten. Dort sind aber alle Vorräte leer, man habe nur noch geöffnet, da dies Vorschrift sei. Enttäuscht führt sie ihr Weg in die angebliche Wohnung des Jungen; weniger ein Keller, sondern schon vielmehr eine Gruft. Hier verweilt Matthieu neben dem Jungen, während dieser vor ihm stirbt.
Mit „Ich verlasse dich jetzt“ beginnt der Roman und lässt einen Exodus vermuten, jedoch mündet dieses Verlassen in den Strom der Ankunft. Die ganze Welt dreht sich nur mehr um Matthieu der in der Stadt schon längst erwartet wurde. Der Schnee kündigt eine ruhige, harmonische und verträumte Nacht an, jedoch nimmt der weiße Schleier um die Stadt der gewohnten Realität die Zügel aus der Hand und kutschiert den Protagonisten Matthieu in einen wehmütigen tristen surrealistischen Traum. Sie werden die Ihnen geläufige Wirklichkeit in dieser Stadt kaum antreffen, meint Elvira im Text und stellt dadurch auch sich auf die Stufe der Unwirklichkeit.
Im Vordergrund steht eine unvergängliche Auflösung des Selbst, dem einfach nichts entgegenzusetzen ist. Die Ausweglosigkeit lässt Jahnn seinen Hauptdarsteller nur allzu deutlich spüren, denn wenn es ein sogenanntes Schicksal gibt, dann ist es der Untergang in dieser verschneiten Welt, der Tod, der nicht immer vorangekündigt an die wohl gewärmte Haustür pocht und anzukündigen, dass er vor dem Haus steht und auf einen wartet.
Es heißt, dass wenn man stirbt, das ganze gelebte Leben auf einem inneren Bildschirm abläuft. Das heißt man lernt sich noch einmal kennen, indem man sein eigenes Ebenbild wie jemand anders betrachten kann.
Matthieu lernt sogar sein eigenes Ego in persona kennen. Zwar ein paar Jahre jünger, doch dies entspricht doch genau dem Rückblick der einem vor dem Tod ereilen soll. Sein eigenes jüngeres Ich stirbt in seiner Hand, sodass sein Tod nur noch eine Frage von Momenten ist und er selbst, in diesem Keller, welcher nur eine Attrappe für Matthieus Grab darstellt, dem Tod seine Hand gibt.
Sie werden belehrt werden, schreibt Jahnn zu Beginn des Textes des öfteren und die Lehre die man aus der Geschichte ziehen kann ist nicht gerade die erfreulichste. Selbst in der Spelunke wo sich Jahnn und seine jüngerer Begleiter für kurze Zeit niederlassen sind die Nahrungsmittel ausgegangen. Ein letztes Glas Wasser kann man noch aus dem Zapfhahn pressen, dass schweigt auch dieser. In der ganzen Stadt kann man nicht einmal mehr mit armseligen Mitteln den Hunger stillen. Es ist eben dürftig das Dasein. Es ist dürftig, aber es ist Besitz, solange es währt.
Doch das Leben währt nun Mal nicht ewig. Schließlich sind wir „für einander doch nur Schatten, Auslegungen, die nicht richtig sind, irgendein Halm, der in der Zeit schwimmt.“
Hans Henny Jahnn schreibt mit „Die Nacht aus Blei“ einen geheimnisvollen Text, der dem Leser einen Spiegel der unausweichlichen Vergänglichkeit vorhält. Er schreibt sich in die Reihe von magischen Realisten, die die Leser schon immer in ihren Bann gezogen haben. Jahnn schreibt eine Kafkaeske und hinterlässt den Leser armer, noch entblößter und noch viel mehr verlassener als er es ohnehin schon war. „Wir sind so arm und so entblößt wie bei der Geburt und noch verlassender – Ganz ohne Beistand."


Lenz: Eine Reliquie
Lenz: Eine Reliquie
von Joseph Kiermeier-Debre
  Taschenbuch

9 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Entgrenzung und Weltwerdung, 18. Dezember 2005
Rezension bezieht sich auf: Lenz: Eine Reliquie (Taschenbuch)
Die Titelfigur Lenz, die auf Jakob Michael Reinhold Lenz verweist, befindet sich zum Beginn der Geschichte auf Wanderschaft. Er ist auf dem Weg zu einem Pfarrer, der laut Hörensagen in der Lage sein soll dem Protagonisten zu helfen, da dieser psychische Probleme hat. Für kurze Zeit scheint er auch gefestigt zu sein, er hält sogar eine bewegende Messe, jedoch scheint ihm etwas zu fehlen. Als Kaufmann, ein Freund, ihn besuchen kommt und von seinen Vater ausrichtet, dass er zurückkommen möge, wehrt Lenz heftig ab. Der Pfarrer begleitet anschließend Kaufmann in die Schweiz, während Lenz alleine zurückbleibt. Er versucht zwar durch Spaziergänge sich abzulenken, erfährt aber wieder neue Unruhe, als er ein krankes Mädchen in einer Hütte findet. Seine Unruhe verstärkt sich wieder. Bei einem erneuten Besuch liegt das Mädchen tot auf dem Bett und er irrt anschließend darauf durch die Nacht und badet in einem kalten Brunnen.
Den Tag darauf klagt er über Langeweile und möchte zuerst nicht vom Bett aufstehen, später stürzt er sich aus dem Fenster, wobei sein Arm verrenkt wird. Der Pfarrer lässt ihn nun bewachen. Lenz lässt sich jedoch nicht beruhigen und stürzt sich abermals aus dem Fenster, sodass der Pfarrer keine andere Möglichkeit sieht, als ihn abzutransportieren.
Büchner zeichnet die Natur als ein Spiegelbild des Protagonisten: „Den 20. Jänner ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen.“ Bereits bei diesen einführenden Sätzen kann man erahnen, dass der Geisteszustand von Lenz ebenso offen und ersichtlich daliegen, wie die Täler; die grünen Flächen, Felsen und Tannen. Man verharrt nicht an der Oberfläche, sondern dringt sofort in die Psyche der Figur ein. So wie alles unbedeckte sich von Lenz betrachten lässt, ist er der mikroskopischen Betrachtung des Lesers ausgeliefert. Die Natur ist dem Innenleben des Protagonisten ist ein Spiegel, jeder Gemütsveränderung schlägt sich auf natürliche Phänomene nieder.
„Am Himmel zogen graue Wolken, aber alles so dicht - und dann dampfte der Nebel herauf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump.“ Lenz fühlte sich ebenso. Und der Verlauf der Geschichte zeigt den kontinuierlichen Verlust von Realitätswahrnehmung. Der Protagonist verliert sich immer mehr und steuert auf völligen Fatalismus zu.
Dies scheint auch das Ende der Geschichte zu bestätigen: „Er schien ganz vernünftig, sprach mit den Leuten; er that Alles wie es die Andern thaten, es war aber eine entsetzliche Leere in ihm, er fühlte keine Angst mehr, kein Verlangen; sein Dasein war ihm eine nothwendige Last. - - So lebte er hin."
Eine Geschichte die von unveränderlichen Begebenheiten, wie die Natur beginnt und auch wieder darin mündet: in das Unveränderliche. Fatum, das Schicksal ist nun mal vorherbestimmt und es gibt keine Möglichkeit, dem zu entrinnen.
Die Figuren scheinen im Text blass im Gegensatz zu den ausführlichen Beschreibungen der Psyche und der Natur. Der Autor hätte zwar zum Kontrast der Lenzschen Psyche andere Figuren noch farbenreicher erscheinen lassen können, da diese im Text nicht den Stellenwert erreichen können, den sie eigentlich haben müssten.
Die Hauptfigur scheint alle angesteckt zu haben und Büchner schreibt somit dem Schicksal tatsächliche Unabänderlichkeit zu. Das Schicksal kann man nicht ändern, man kann nur damit Leben. Es bleibt zu hoffen, dass wir nicht alle nur mehr so hin Leben.


Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung.
Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung.
von Max Frisch
  Taschenbuch
Preis: EUR 7,99

15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben in den letzten Tagen, 18. Dezember 2005
„Wissen beruhigt“ ist die Meinung von Herr Geiser, der alleine in nahezu völliger Abgeschiedenheit auf einem Berg im Tessin wohnt. Ein Unwetter schneidet den alten Mann von seiner Umwelt ab und lässt ihn in völliger Ohnmächtigkeit in Büchern und Lexika lesen, um für sich und seine Nachwelt das herauszuschreiben, dass nicht vergessen werden soll. Da er aber nicht die ganze Zeit mit Lesen verbringen kann, geht er ein paar Mal vor die Tür um seine Beine zu vertreten. Auf diesen kleinen Ausflügen merkt er, dass er sehr schnell schwach und müde wird.
In seinen schützenden vier Wänden klebt er seine Aufzeichnungen aus den verschiedenen Büchern, wie Lexikon, Geschichtsbuch oder Bibel an die Wand. Manchmal reist er die Originalseiten aus den Büchern und heftet diese zu den anderen. Dabei wird er sich bewusst, dass die Rückseiten ebenso wichtig sein können, als die auf der Wand befestigten, doch die Blätter sind schon zerstört und eine Seite unleserlich gemacht worden.
Auf den Wanderungen stößt Herr Geiser an seine Grenzen; in seinem Haus ebenso. „Man verblödet“, obwohl er immer mehr Wissen auf den Wänden tapeziert. Doch genau das ist einer der Punkte, die seine Tochter, als sie ihn besuchen kommt, nicht verstehen kann. Was sollen nur diese vielen Zettel. Sie fallen herunter und verbreiten ein loses Chaos am Boden. Das ist nicht der Sinn der Sache. Geisers Tocher kann ihn nicht verstehen.
„Schlimm wäre der Verlust des Gedächtnisses“, heißt es in der Erzählung. Frisch schreibt diesen Satz im Laufe der Seiten weiter, denn es heißt auch: „Ohne Gedächtnis gibt es kein Wissen“. An einer anderen Stelle schreibt er: „Wissen beruhigt.“
Frisch beschreibt hier eine Problematik des Lebens. Denn was heißt schon Leben, wenn man sich nicht erinnern kann, was man erlebt hat? Er scheint ohnehin seine Gegenwart sehr stark als vergangen zu betrachten: „das Haus gehört kaum zur Gegenwart, wenn Herr Geiser daran denkt, dass er vierzehn Jahre dort gelebt hat.“
Normalerweise setzt man Erlebtes Erinnerungen voraus. Dies kann jedoch nur dann möglich sein, wenn man über ein intaktes Gedächtnis verfügen kann. Erinnerungen sind der Beweis, dass man gelebt hat. Wer über keine Erinnerungen verfügen kann, ist in gewissen Sinne tot. Und gegen diesen Tod kämpft der Protagonist in der Geschichte an. Er möchte nicht dumm sterben. Im Gegenteil er versucht alles, um sein Leben gedanklich in Griff zu bekommen, denn Wissen trägt in sich eine gewisse Ruhe und er versucht alles, um seine Ruhe zu erhalten.
Der Autor zeichnet eine Figur, die dem Gefühl des Sterbens sehr nahe ist: „Offenbar fallen Gehirnzellen aus.“ Die Erzählung beschreibt eine Konfrontation mit den letzten Tagen eines Menschen, an denen alles sehr langsam verläuft.
Dies unterstützt auch Frischs hervorragender Satzbau, der durch die vielen Trennungen mit Absätzen das ganze Geschehen verlangsamt, als ob man gar nicht anders könne, als Wort und Inhalt in dieser langsam verstreichenden Zeit der Erzählung zu lesen. Überdies hinaus verbindet Frisch seine eigene Erzählstruktur mit Ausschnitten aus den gelesenen Texten des Herrn Geiser, die dem Leser einen tiefen Einblick in die Welt des einsamen alten Herrn ermöglichen.
Man erfährt den Zeitraum eines alten Mannes, der sich langsam klar darüber wird, dass er dem Kreislauf des Lebens ausgeliefert ist. Der Mensch ist nicht in der Lage den Lauf der Natur zu ändern, dies zeigen Millionen von Jahren in der Geschichte, die er wissbegierig liest und das jüngste Geschehen um ihn. Außerhalb seines Hauses lässt ihn der Sturm seine Grenzen wahrnehmen und wenn er innerhalb seiner vier Wände Ruhe und Schutz sucht merkt er, dass er nicht alles lesen kann. Es können nicht alle Informationen aufgelistet werden, alles geht kaputt, „der Mensch bleibt ein Laie“.
Max Frisch schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine andächtige Erzählung, in der nicht vordergründig ein negativ empfundener Fatalismus des Menschen zum Ausdruck kommt, sondern ein positiv bejahendes Lebensgefühl. Geisers Geschichte ist unsere Geschichte, sie beschreibt das Leben in seiner Antonymie, sie beschreibt eine Reflexion des Lebens und gleichzeitig die Erkennung des Todes.
Max Frisch macht deutlich, dass er sich nicht auf erarbeitete Lorbeeren ausruht, sondern, dass sein Name noch lange nicht aus der Gegenwartsliteratur hinweggedacht werden kann und schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine Erzählung, die in der Literaturgeschichte ihresgleichen sucht.


Versuch über die Jukebox
Versuch über die Jukebox
von Peter Handke
  Taschenbuch

5 von 6 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
4.0 von 5 Sternen Das Ziel ist der Weg, 17. Dezember 2004
Rezension bezieht sich auf: Versuch über die Jukebox (Taschenbuch)
Handke versucht mit einem trivialen Gegenstand, nämlich einer Jukebox, einen Zugang zum Schreiben zu finden. Mittelpunkt des Erzählens ist demnach nicht die Jukebox, sondern der Gegenstand des Schreiben selbst. Die Jukebox ist vielmehr Hilfe, die Angel der Tür, die die Verbindung zu dem Raum ist, den er gerne betreten möchte; eine Landkarte auf der Handke zum Ziel, das Schreiben an sich, findet.
Hierbei befasst Handke sich nicht mit der unterschiedlichen kulturellen Bedeutung der Jukebox, sondern es steht vielmehr die Wahrnehmung derselben im Vordergrund. Das bedeutet, dass die Jukebox zwar als zentrales Thema des Textes genannt wird, jedoch - obwohl sie zumeist im Vordergrund steht - im Text selbst, in den Hintergrund gerückt wird.
Allen Voran steht eine Entfremdung, eine Lösung von einer vermeintlichen Umgebung, um das erwünschte Produkt, das entstehen soll zu verwirklichen. Der leere Bahnhof zu Beginn zeigt symbolisch, dass der Protagonist etwas hinter sich lassen muss beziehungsweise etwas hinter sich lässt.
So fährt er nach Soria, in eine abgelegene Stadt im kastilischen Hochland, um von der Verlassenheit in eine noch größere Einsamkeit zu kommen. An dieser Stelle glaubt der Protagonist eine Einsamkeit aufsuchen zu müssen, da andernfalls sein Vorhaben nicht funktionieren würde. Jedoch ist es gerade in Wirklichkeit die Einsamkeit, woraus er fliehen möchte und die Jukebox aufsucht, um nicht mehr einsam zu sein.
Denn die Jukebox ist keine Maschine oder eine wahrhaftige Box, sondern zu einem Menschen geworden. Eine Person, die Erinnerungen weckt und einen an Ereignisse erinnert, die der Beweis dafür sind, dass man gelebt hat. So kommt er auch in der Nähe einer Jukebox zur Ruhe und beginnt nicht, wie andere, zu tanzen.
Die Personifizierung scheint in diesem Text nicht von Unbedeutung zu sein, da es gerade die Musik ist, die die Gedanken eines Menschen von der Zeit unabhängig machen und einen in die Lage versetzen Vergangenes gegenwärtig zu machen. So erinnert er sich an seine Vergangenheit und es ist ihm auch möglich, sich von seinem Schreibobjekt zu trennen, um nicht nur einen Bericht oder ähnliches über die Jukebox zu verfassen, sondern wirklich in die Verfassung zu kommen über sich selbst und das Leben zu schreiben oder über das Schreiben, was ihn schlussendlich ausmacht, zu schreiben.
Handkes Text „Versuch über die Jukebox", liest sich nicht erstrangig als eine Erzählung, sondern vielmehr als ein Versuch über die Möglichkeiten des Erzählens. Dieser Versuch ist auch ein Selbstporträt des Schriftstellers Handke, der sein Selbst beim Schreiben genau beobachtet und diese Beobachtungen in der Form des Textes „Versuch über die Jukebox" an den Leser weitergibt.
Das Thema, welche Bedeutung die schon längst aus der Mode gekommene Jukebox hat, scheint Handke gar nicht behandeln zu wollen. Vielmehr steht er das eigene schreibende Ich und dessen Umwelt in Bearbeitung.
Das Leitmotiv war, ist und bleibt die Bewegung. Denn nur wer sich bewegt, kann frei atmen und somit zu neuen und frischen Gedanken kommen. Selbst wenn man sich verliert und kaum bewusst darüber Bescheid weiß, was man hier tut oder warum man hier ist, man wird einmal an dem Punkt angelangt sein, wo der Mensch versteht, dass eine Veränderung passiert ist und realisiert, dass er aufgebrochen ist.
Nicht das Ziel ist vordergründig, sondern der Weg avanciert zum Ziel. Die Bewegung, eine Auffahrt, Entgrenzung und Weltwerdung stehen im Vordergrund und machen das Ziel aus. Mit diesen Hintergedanken wandern schließlich auch Tausende von Menschen in Handkes Land der Jukebox - Spanien - auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Nicht, weil ihr Ziel ist in Santiago anzukommen, sondern: Dorthin zu wandern!


Seite: 1