'"Hier sind sie, liebevoll gesammelt und kenntnisreich erläutert, die goldenen Regeln..."'' Obwohl in der Werbebranche tätig, geniessen die Klappentextschreiber noch immer Vertrauen bei mir. Darüber wundere ich mich selber, fühlte ich mich doch schon unzählige Male verraten. Aber der getrübte Blick rührt wohl meist daher, dass die Euphorie die Brillen der direkt Beteiligten auf die Nase rutschen lässt. Jedenfalls löste Bernd Harders bei mir nicht den gleichen Begeisterungssturm aus wie beim Klappentexter. Ich war eher enttäuscht. Wieso?
Der profunde Kenner der Religionsgeschichte, wie der 40jährige Journalist und Sachbuchautor beschrieben wird, beginnt seine Suche nach den Goldenen Regeln 2600 v. Chr., um dann bis 2006 n. Chr. unterwegs zu sein. Schliesslich präsentiert er über 70 Funde in chronologischer Reihenfolge. Ich hätte gerne etwas über die Suche, die Auswahlkriterien und die verschiedenen Arten der Kommentierung erfahren. Exotisches steht neben kulturellem Allgemeingut, Aufklärerisches spielt eine erstaunliche Nebenrolle und Sartres Existentialismus hat unter der Jahreszahl 2005 einen Auftritt. Im ultrakurzen Vorwort fand ich keine Hinweise, die mir Einblicke in Harders Expedition gewährt hätten. Wie man seine Leser bei der Hand nehmen kann, ohne sie in einer Richtung zu zerren, hat Peter Prange in seiner Sammlung "Werte'" so eindrucksvoll vorgeführt, dass mir Bernd Harders lockerer Journalismus an einigen Stellen ganz schlecht bekam. Zur Regelwelt der Harry Potter Autorin gibt es sehr viel Substanzielleres als die hingeworfenen Sätze in diesem Buch. Und je öfter ich auf merkwürdig ausgebreitete Puzzleteile stiess, desto mehr zweifelte ich an der Behauptung, diese Regeln seien liebevoll gesammelt worden. Harders Sammlung Goldener Regeln ist ohne Zweifel schön gemacht, enthält zahlreiche Entdeckungen und lesenwerte Kommentare. Aber wer die Regeln ganzer Kontinente ausser Acht lässt, darf seine Sammlung nicht unter dem Titel "Die goldenen Regeln der Menschheit" auf den Büchertisch legen.
Bei Büchern wie diesen frage ich mich, ob meine fehlende Begeisterung auch auf einen Kulturwandel zurückzuführen ist, der sich wohl nicht aufhalten lässt. Konrad Paul Liessmann nennt sie Irrtümer der Wissensgesellschaft oder Theorie der Unbildung. Ich unterstelle Bernd Harder aufgrund seines Alters einfach, dass er dem Wissen im Internet eine andere Rolle zuschreibt, als ich es tue. Und ich glaube, dass seine Sammlung zwar vielen gefallen wird, aber wenig zur Bildung beiträgt. Es wäre schön, wenn ich mich täuschen würde. Bei der Bewertung tat ich mich schwer, weil ich andere Zugangsweisen als meine nicht einfach abstrafen will. Aber da ich Kommentare ohnehin für wichtiger halte als Sterne, spielt es eine ungeordnete Rolle, ob ich nun zwei, drei oder vier Leuchtkörper über das Buch hänge.
Mein Fazit: Eine gute Idee, deren Umsetzung meine hochgesteckten Erwartungen jedoch nur zum Teil erfüllten. Gerade weil die Debatte um Werte und Regeln auch wieder ausserhalb ethischer Kleinzirkel geführt wird, müsste man eine solche Sammlung anders konzipieren, als es Bernd Harder tat. Hier geht es nicht einfach um Bonmots, Zitate oder geschliffene Aphorismen, deren Auswahl zufällig sein kann und nicht weiter begründet werden muss. Die Gestalter des Umschlags haben begriffen, dass Goldene Regeln eine besondere Aura haben, dass ihnen etwas Heiliges anhaftet. Das bedeutet nicht, man könne nur im Flüsterton darüber sprechen. Aber für mich heisst es, sich solchen Gegenständen in einer anderen Weise zu nähern als Bernd Harder.