Soros kritisiert den Kapitalismus und seinen "Marktfundamentalismus". Er sagt sogar seinen Untergang voraus. Das erstaunt, ist doch der 'König der Spekulanten' mit seinen 5 Milliarden Dollar gerade im kapitalistischen System so reich geworden. Seine Kritiker werfen ihm deshalb vor, vom Saulus zum Paulus mutiert zu sein. Der selbsternannte Philanthrop, der u.a. 1 Milliarde Steuergelder einsackte, als er 1992 das Pfund aus dem EWS sprengte, meint dagegen, aufgrund seiner Erfahrung den Kapitalismus viel besser beurteilen zu können. Verstanden hat er den Kapitalismus garantiert. Fragt sich nur, was seine Botschaften sind und was er damit bezweckt.
Dazu zunächst mal eine Warnung: der Stil ist philosophisch-abstrakt und trocken, selbst einfache Aussagen sind verklausuliert verpackt. Hat man sich aber einmal damit abgefunden, formuliert Soros u.a. die einseitige Gewinnorientierung des Kapitalismus, die alle anderen moralischen, menschlichen und natürlichen Werte verdrängt. Werteverfall und Umweltzerstörung seien die natürliche Konsequenz dieses Systems, das ohne internationale Kontrolle "auch noch den letzten Markt und die letzte Rohstoffquelle rücksichtslos vereinnahmen wird", bevor es an seinen Schuldentürmen zusammenbreche. Bis hier ist er mit vielen anderen Autoren in Einklang.
Seine Lösungsvorschläge und politischen Ausführungen dagegen wirken vernebelt. Er plädiert für ein politisches Weltgremium als Pendant zum globalen Kapital, redet aber nicht davon, lokale Volkswirtschaften und die Menschen darin vor dem Kapital zu schützen. Markante Vorschläge wie die Tobin-Steuer auf Spekulationen oder ein Schutz durch regionale Währungen werden nicht angesprochen. Obwohl Kredite, steigende Staatsverschuldung, Zinsschraube und der dadurch erzeugte Zwang zum ewigen Wachstum eine der Krisenursachen schlechthin sind, soll "Kredit auch weiterhin eine wichtige Rolle für das Wirtschaftswachstum spielen". Statt Kredit zu hinterfragen, soll eine internationale Kreditversicherungsanstalt ähnlich dem IWF her. Soros unterschlägt, dass eine solche Institution die Risiken der Großspekulanten mit den Steuergeldern der kleinen Leute bezahlen wird, und er vernachlässigt, wie sehr ein IWF bereits heute lokale Volkswirtschaften und ihre Politiker gängelt und oft genug erst richtig in die Schuldfalle getrieben hat. Es sind Vorschläge, die letztlich ein krankes System am Leben erhalten und für eine Kontrolle der Welt über Kredit sorgen, statt Grundsätzliches zu ändern. Die Problematik von Zinsen und Kredit/Verschuldung wird übrigens sehr gut erklärt von Prof.Senf in "Der Nebel um das Geld".
Bei Soros Bemühungen um eine "offene Weltgesellschaft" und "Amerika als Führungsmacht der freien Welt" schließlich fühlt man sich stellenweise an den Orwellschen 'Neusprech' erinnert: Was heißt offen? Dass weltweit alle Menschen in einer Spaß-Konsum-Gesellschaft nach amerikanischem Vorbild gleichgeschaltet werden? Was heißt Freiheit, wenn in ihrem Namen ganze Länder erobert werden? Der verschuldete Kleine Mann in einem verschuldeten Staat wird auch in einer offenen Gesellschaft abhängig und damit unfrei sein. Soros Lösungsvorschläge sind aus der Sicht des Kapitals, nicht des Kleinen Mannes, geschrieben. Sie sind einseitig und behandeln Symptome statt Ursachen. Ihre Umsetzung ist aber - wenn man das Buch als 'Lösungsvorschlag des Großkapitals' versteht - nach einer Weltfinanzkrise wahrscheinlich, und zwar genau mit Soros Argumentation. Für diese weise Voraussicht kriegt er von mir 3 Sterne.