Auch wenn Meister Gernhardt als Erzähler nicht dieselbe Klasse hat wie als Lyriker, so ist er immer noch wortgewaltig und hinterfotzig genug, um auch hier in der ersten Liga mitzuspielen. Mit seinen "Humoresken aus unseren Kreisen" nimmt er die linksalternativen Spießer der 80er aufs Korn und legt lauter Blattschüsse hin.
Mal geht es um die leidige Differenz zwischen Befindlichkeits-Soll und -Haben in "Der Krüppel Henry" (Was tun, wenn der -- weil der Behinderten-Minderheit zugehörig -- definitionsgemäß gut zu seiende Henry ein Ekelbatzen sonder Gleichen ist und das Liberalen-Dilemma weidlich ausnützt?); mal geht es um umweltbewusste Alternative mit Großinquisitor-Mentalität; es geht um das klammheimlich gepflogene No-No-Hobby Sportschau-Gucken und um die Weltläufigkeit signalisierende korrekte Aussprache von Fremdwörtern, wo es am Ende garnicht mehr wichtig ist, wer eigentlich den "Revisor" geschrieben hat, solange man "Puschkin" richtig ausspricht; oder es geht um das im Jetzt und Hier befreite weibliche Körperbewusstsein der wildgewordenen Bauchtanz-Praktizierenden... Letzteres will man(n) auskontern durch körperbewusstes Schuhplattlern, unter sachkundiger Anleitung von Sepp Birblöser: "D'Krprwuildheit hobts scho schö spontan einibroacht", aber ob das reicht? ... Einmal, in "Mein Buch, dein Buch" erfährt man sogar, wie man ein Buch lobhudelt, das man niemals aufgeschlagen hat, und die dabei zu umkurvenden Fettnäpfchen werden natürlich nicht umkurvt. Frei nach dem Motto "Auge um Auge, Buch um Buch"...
Dabei zieht Gernhardt alle Register, spießt sämtliche politisch und sonstwie korrekten Gepflogenheiten und Wortblähungen auf. Der Kontrolle der umweltbewussten Nachbarn beispielsweise versucht man zu entgehen, indem man nur noch dann die Waschmaschine anschmeißt, wenn die militante Grüne von nebenan in die Stillgruppe geht, nachdem sie im leidgeprüften Berichterstatter wieder mal "unheimlich wichtige Lernprozesse auslöste". Aber wie wird man "getrenntsammlungsmäßig initiativ", ohne beim Grübeln durchzudrehen, ob die Schnur vom Teebeutel nun "bio" ist oder nicht, oder ob sie gar die Anschaffung einer Altschnurtonne erfordert?
Klar, Gernhardt ist nicht der Erste, der Wortblähungen durch deren forcierte Verwendung entlarvt, aber er macht das nach allen Regeln der Kunst -- auf die Idee, z.B. breitesten oberbairischen Dialekts mit Befindlichkeitsfloskeln zu durchsetzen, muss man erstmal kommen. Aber Gernhardts Wortkunst steht auf vielen stabilen Beinen: Nur scheinbare Druckfehler sind ebenso zu bestaunen wie scheinbar absurde Situationen wie z.B. den zeitlichen Zusammenprall von Sportübertragung und Nicaragua-Arbeitsgruppe, und wie sich diesfalls der inwendige Spießer durch versierten Gebrauch linksalternativen Vokabular aus der Bredouille windet, das hat einfach Klasse.
Auch wenn das Ambiente von diesen Humoresken mittlerweile nicht einmal mehr out ist, macht das Lesen trotzdem Spaß -- einfach weil's trotz aller Szenengebundenheit zeit- und szenenunabhängig fies und gemein und witzig ist.