15 von 17 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
"Schicken Sie eine neue Ladung polnischer Mädchen - die alte ist schon total verbraucht", 7. Dezember 2007
Rezension bezieht sich auf: Der gewöhnliche Faschismus (DVD)
Ich legte diesen Film ohne große Erwartungen ein. Ich wusste: Er ist aus dem Jahr 1965, stammt aus der UdsSR. Ich kannte aus meiner Jugend Propagandafilme aus der DDR und Osteuropa, und erwartete nicht viel.Was ich erlebte war der Versuch einer Analyse, wie aus einem Kulturvolk Barbaren werden konnten. Mimik und Gestik von Diktatoren wie Mussolini und Hitler werden gezeigt, Aufmärsche uniformierter Menschen, Aufmärsche von Menschen auf dem Weg in die Gaskammer, von dennen am Ende nicht einmal Asche übrig bleiben wird. Mit aller Brutalität wird hier der wahre Faschismus gezeigt. Dazu teils bissige, ironische Kommentare.Doch dieser Film dürfte für die Menschen, für die er gedreht wurde - die Zuschauer vor vierzig Jahren - mehr gewesen sein. Sie hatten gelernt, Zeitungen zu lesen und zu verstehen, Verklausulierungen zu begreifen. Und sie werden den Bezug zum Sowjetischen Diktator Stalin erkannt haben - zu ähnlich waren die Aufmärsche uniformierter Menschen, die Mimik und die Gestik ihrer Parteioberen, die sie jahrelang selber erlebt hatten.Ich habe selbten eine derart anspruchsvolle und vergleichsweise realistische Analyse der Zeit des Dritten Reiches gesehen. Besonders wichtig fand ich die Warnung vor dem neu aufkeimenden Faschismuus in Westeuropa am Ende des Films. Drei Jahre nach dessen Entstehung sollte die NPD in das erste Bundesdeutsche Landesparlament einziehen.
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5.0 von 5 Sternen
Herausragender Dokumentarklassiker, 8. Februar 2012
Rezension bezieht sich auf: Der gewöhnliche Faschismus (DVD)
Dieser Klassiker des modernen Dokumentarfilms erklärt das faschistische Herrschaftssystem abwechselnd mit humoristischen und ernsten bis bitterernsten Montagen. Dabei ist vor allem Romms Polemik bis heute grandios und kann als Vorläufer von Michael Moore betrachtet werden. Ich erinnere nur an die Szenen aus Hitlers Privatleben und die bissigen Kommentare aus dem Off.
Auch sind erfreulicherweise viele unbekannte Filmdokumente aus dem Zweiten Weltkrieg verwandt worden, so dass "Der gewöhnliche Faschismus" auf den heutigen Zuschauer weit erfrischender wirkt als der übliche Einheitsbrei auf N-TV oder N24 der am Feierabend als fein dosierte Faschismusaufarbeitung mit viel Pomp und wenig Inhalt für den Kleinbürger serviert wird.
Romm hingegen setzt sich tiefgründig mit dem Wesen des Faschismus auseinander und beweist damit wie vielschichtig und durchdacht das sowjetische Filmschaffen war - denn zu dieser Zeit hätte ein solcher Film nirgends sonst als in der Sowjetunion entstehen können.
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5.0 von 5 Sternen
Analyse eines totalitären Staates, 27. Januar 2012
Rezension bezieht sich auf: Der gewöhnliche Faschismus (DVD)
"Der gewöhnliche Faschismus" (Obyknowenny faschism, SU 1965) war in der Sowjetunion der TAUWETTERPERIODE der erste umfassende Versuch einer filmischen Reflexion über den Faschismus und indirekt aber auch über alle totalitären Regime, damit auch der eigenen stalinistischen Vergangenheit.
Dass der Film von der Parteiführung der KPdSU nicht verboten wurde, verdankte er Romms Einsatz selbst. Dieser schickte den Film 1965 ohne Absprache an das VIII. Internationale Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, wo der Film mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde.
In fünfzehn Kapiteln versucht der Spielfilmregisseur Michail Romm Antworten auf die Frage zu finden, was Menschen dazu bringt, den Faschismus zu bejahen und schließlich zu Mördern zu werden. Immer wieder stellt er Kinder in das Zentrum seiner Betrachtungen. Der Film beginnt mit Kinderzeichnungen: Ein fröhlichen Kater, einen hungrigen Kater, einen listigen Kater. Es folgen Aufnahmen von Eltern mit ihren Kindern und Studenten in Moskau, Warschau und Berlin aus der 19sechziger Jahren. Diesen Blick in eine heitere, friedliche Welt wird durch einen Schuss unterbrochen. Eine Fotografie wird gezeigt, auf der ein Wehrmachtsoldat eine Frau erschießt, die ihr Kind in den Armen hält. Die Frage, was Menschen zu Barbaren werden lässt, durchzieht den ganzen Film.
Michail Romm sucht von Beginn an den direkten Dialog mit dem Zuschauer. Romms lakonischer Kommentar verleiht dem Film zeitweise eine heitere Atmosphäre, beispielsweise wenn Hindenburg beim Abschreiten einer Militärformation den richtigen Weg nicht findet. Auf solche ironischen Einlassungen folgen jedoch oft unvermittelt Szenen großer Grausamkeit. Das gestalterische Mittel des Kontrasts hat der Spielfilmregisseur Michail Romm bei Sergej Eisenstein gelernt. In einem anderen Kapitel vergleicht er die rhetorischen Fähigkeiten Hitlers und Mussolinis, deren Verhalten und Gestik. So entlarvt er das Lächerliche an Mussolini durch lange Fokussierung auf dessen theatralische Mundbewegungen.
Das Genre des Komplikationsfilmss bringt als Film aus Filmen historischen Bildmaterials. das aus unterschiedlichen Quellen stammt am Schneidetisch in einen neuen Kontext, der dem Zuschauer eine völlig neue Sicht ermöglicht. Dazu musste das Filmteam zwei Millionen Meter Film aus NS-Wochenschauen, Dokumentarfilmen und Kulturfilmen sichten, die 1945 von der Roten Armee aus dem Reichsfilmarchivs beschlagnahmt und nach Moskau gebracht worden waren und zum großen Teil bis dahin noch nicht öffentlich gezeigt wurden. Dieses Material wird durch Fotografien des Hitler-Leibfotografen Heinrich Hoffmann oder Schnappschüsse von Soldaten der deutschen Wehrmacht, auf denen sie stolz ihre Gräueltaten (Romm: "bei der Arbeit") dokumentieren, ergänzt. Einen Gegenpol dazu bilden eigene Filmaufnahmen in den 19sechsziger Jahren aus dem Museum von Auschwitz und europäischen Metropolen. Es kamen zunächst 120 Themen zusammen. (So "Sieg Heil"-Brüllende, Hitlerreden, marschierende Massen, hysterische Massen, Leichen, Kriegsalltag, Konzentrationslager, Paraden, Aufmärsche, Hitlerjugend usw.) Aus diesen wurden schließlich die 15 Kapitel zusammengestellt.
So zeigt Kapitel 8 das Kultbild des Führers und dessen Selbstinszenierung als Zentrum der nationalsozialistischen Propaganda. Die Stimme des Romms ist in dieser Sequenz als ironisierende Gegenstimme zu Hitlers Stimme inszeniert, indem sie von Hitler nicht als ER spricht, sondern ICH sagt, was letztlich eine ironische Vereinnahmung der Figur Hitlers durch Erzähler Romm darstellt. Sowohl in der DDR als auch in der BRD- wurde die Stimme des Autors durch einen Schauspieler synchronisiert: Martin Flörchinger (DDR) und Martin Held (BRD). Im Unterschied zur DDR-Synchronisation. wurde in der BRD das Er nicht zum ICH, so dass hier die ironische Brechung fehlt. In der Sequenz des feierlichen Spatenstichs Hitlers für den Bau der Reichsautobahn erhält das Ritual durch das mehrfache Stoppen des Filmbildes lächerliche Züge. Das Motiv des Schippens steigert sich zu einer satirischen Entlarvung des Führerkults, wenn nach Hitler, Göring, Heß schließlich ein ganz unbedeutender Parteiführer diese Aufgabe lustlos ausführt. Die kritische Aufarbeitung ideologisch geprägter Bilderflut in den Medien hat Michail Romm bereits in den 1960er Jahren durch den Einsatz von Montage und Stimme realisiert und damit eine Tradition des subjektiven Einspruchs begründet. Erstaunlicherweise sind nur ganz wenige Passagen seiner esseyistischen Studie heute überholt.
Im Westdeutschland des Kalten Krieges der 19sechsiger Jahre stand man dem Film sehr skeptisch gegenüber, da man aus der Sowjetunion kaum etwas anderes als ideologische Propaganda erwartete. Trotzdem hat man den Film schon 1968 leicht gekürzt mit sehr kontroversem Echo gezeigt.
In der DDR wurde der Film nach seinem Erfolg auf dem Leipziger Festival auf Weisung der Partei abgesetzt und blieb bis zur Wende in den Archiven. Die Angst vor "Fehlinterpretationen" durch das Publikum hatte seine Gründe, denn Film zeigt hysterisch brüllender Menschenmengen, grotesken Formen des Personenkults, Massenaufmärsche und Militärparaden, ideologische Dressur von Kindern und Jugendliche, Zensur in Kunst und Kultur. Ganz von selbst bot sich damit der Vergleich mit dem Stalinismus oder mit jedem anderen totalitären System an.
"Der gewöhnliche Faschismus" ist ein Meilenstein in der Geschichte des Dokumentarfilms, der auch nach 47 Jahren in den meisten Kapiteln noch frisch, aufregend und erschütternd wirkt.
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