Eltern erzählen mir oft, die eigenen Kinder seien über Missbrauch gottseidank aufgeklärt. Dann stelle ich aber fest: Sie wissen überhaupt nicht, wie die Leute denken und vorgehen, die hinter ihren Kindern her sind. Woher auch? Jedenfalls nicht aus der Presse. Diese Lücke füllt Manfred Karremann. Auch wenn sein Buch fast nur von den Tätern handelt, die in der Szene verkehren, den sogenannten 'Pädos': Andere Täter machen das im Prinzip genauso.
Zu erfahren, wie diese Leute denken und die vielen, vielen Beispiele, wie sie praktisch und konkret vorgehen, zu lesen, wird die meisten Leser schockieren. Ich halte das aber für notwendige Allgemeinbildung. Als Undercover-Journalist hat Karremann wirklich eindringliche Beispiele zu erzählen. (Vieles davon kannte ich schon von seinen Reportagen im Stern und im Fernsehen). Zum Beispiel ist da das klare Geständnis eines Täters und die Reaktion der Mutter auf den Hinweis, dass dieser Mann ihr Kind missbrauchte: Sie glaubte es nicht, weil sie dachte, den Täter doch so gut zu kennen'. Die wörtlichen Zitate von Täter und Mutter gegenübergestellt sind eine glatte Ohrfeige, für alle, die glauben, sie würden etwas merken, 'wenn es so wäre'.
Karremann verbindet seine realen Fallbeobachtungen mit vielen praktischen Hinweisen für Eltern. Zur Frage 'Wie man seine Kinder erziehen soll, um sie zu schützen', fasst er zusammen, was in den gängigen Broschüren von Polizei und Beratungsstellen zu lesen ist, geht aber (leider) nicht darüber hinaus.
Was mich an dem Buch aber stört und verwirrt: Es wird immer wieder betont, dass Pädophilie eine 'Neigung' sei, deren Ursprung unbekannt sei. Da zitiert Karremann auch zwei Fachleute, die man schon aus dem Fernsehen kennt. Wissenschaftliche Studien, wie sie z.B. in dem Buch 'Rotkäppchens Schweigen' zitiert werden, belegen aber doch zweifelsfrei, dass die meisten Täter nachweislich als Kinder selbst missbraucht wurden. Ich selbst kenne auch Opfer, die zum Täter wurden. Am Rande bringt Karremann auch ein paar solche Beispiele, aber im entsprechenden Kapitel weiß es dann plötzlich niemand mehr.
Auch bei Karremanns Empfehlungen für akute Fälle ist Vorsicht angesagt: Was alles schief gehen kann, wenn man versucht, einem missbrauchten Kind zu helfen, fehlt. Doch gerade das muss man wissen bevor man irgendetwas unternimmt. Hinterher ist es oft zu spät. Zu empfehlen sind hier die Bücher von Ursula Enders und Martha Schalleck.
Karremanns dankenswerte Leistung ist es, normalen Menschen einen authentischen Einblick in das Paralleluniversum der 'Pädophilen' zu verschaffen. Trotz aller Kritik: Für Eltern, die die Gefahr für ihre Kinder durch Pädophile & co kennenlernen und verstehen wollen (ganz wichtige Voraussetzung, um Kinder schützen zu können!), ein wertvolles, empfehlenswertes Buch, besonders als Einstieg ins Thema geeignet.
3 oder 4 Sterne? Die erste Hälfte: 4, die zweite Hälfte 2-3, aber die erste Hälfte des Buches ist neu und wichtig. Darum: 4.