Haben Sie auch immer so ein mulmiges Gefühl, wenn Sie jemanden treffen, der sagt, er sei Psychotherapeut oder Psychologe? Was wird der wohl über mich analysieren? Keine Angst, sagt Andrea Jolander, Psychologen haben auch gerne Feierabend und sind froh, wenn sie dort entspannen können. Ärzte sind ja auch nicht begierig darauf, am Abend weitere Diagnosen stellen zu müssen.
Das ist nicht das einzige Vorurteil, das uns Andrea Jolander widerlegt. Sie plaudert aus dem jahrzehntelangen Erfahrungsschatz einer Psychotherapeutin und sie tut das so geschickt, dass wir eine Menge lernen, fast ohne es zu merken und vor allem ohne Langeweile.
Was sie als Therapeutin besonders ärgert, ist die Vorstellung, dass jeder doch mit seinen seelischen Problemen alleine fertig werden müsse und dass die Patienten oft voller schlechten Gewissens die Praxis betreten. Dabei fühlt sich niemand beschämt, der ins Krankenhaus geht, um sich den Blinddarm herausnehmen zu lassen und auch Mitmenschen, die sagen: Warum brauchst du dafür einen Doktor, das geht schon vorbei, sind heutzutage eher selten.
Dabei ist es bei seelischen Krankheiten nicht anders als bei körperlichen. Je eher behandelt wird, desto größer sind die Heilungschancen.
Jolander erzählt viel aus dem Alltag der Therapeuten. Warum sich keineswegs alle Patienten in den Therapeuten verlieben, warum auch die feuchtesten Sexträume nicht unbedingt was mit Sex zu tun haben müssen, wie die Praxis organisiert ist, wie der Beginn einer Behandlung abläuft (sehr unterschiedlich, je nach Patient), wie das Ende und warum die Krankenkassen heutzutage bereit sind, Psychotherapien zu bezahlen (weil es sich rechnet). Dass Träume zwar wichtig sind, aber selten das große Aha-Erlebniss bringen, sondern Therapien sich in kleinen Schritten vollziehen. Und dass ihre Patienten in der Regel völlig normale Menschen sind.
Dazu kommt eine kleine Hausapotheke mit ein paar weniger bekannten Mitteln, um mit alltägliche psychische Problem umzugehen, inklusive einer kleinen Anleitung, wie man selbst aus Träumen etwas über sich lernen kann.
Was auffällt: Wie oft die Autorin offenbar mit Patienten konfrontiert ist, die sich selbst gar nichts gestatten. Und deren Umwelt ebenfalls sorgfältig darauf achtet, dass alles "normal" verlaufen möge. Finden Sie heraus, was ihnen wirklich guttut, sagt sie, wenn Sie nur hohe Literatur lesen, weil ihre Bekannten über alles andere die Nase rümpfen, sollten sie besser zu sich stehen und das lesen, was sie wirklich mögen. Denn wenn Sie nur das tun, was andere von Ihnen erwarten, könnten Sie bald wirklich einen Psychotherapeuten benötigen. Erstaunlich, wieviel Macht selbst in unserer freien Gesellschaft die gesellschaftlichen Normen haben. Und die Autorin lässt sich auch gar nicht auf die früher so beliebten Grabenkämpfe zwischen Psychoanalyse, Verhaltenstherapie und Psychopharmaka ein.
Das alles wird so spannend und witzig erzählt, mit einem großen Schuss Weisheit, dass man das Buch gar nicht mehr weglegen mag.
Hans Peter Roentgen